Teil 4 Eine Wissenschaft vom Mensch-Sein
1 Eine Wissenschaft vom Fühlen Janov 1980
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Viele Menschen nehmen an, daß »Gefühle« sich nicht in harte Informationen umwandeln lassen, die Wissenschaftler ohne weiteres untersuchen und teilen können. Schließlich hat <I feel blue> Dutzende von Bedeutungen für ebensoviele Menschen. Doch lassen sich heute Gefühle und Emotionen messen.
Solange diese Meßmöglichkeiten nicht bestanden, hatten Wissenschaftler keine große Auswahl bei dem, was sie messen konnten: »Wenn Verhalten das einzige ist, was wir messen können, dann muß Psychologie das Studium von Verhalten sein.« Die Psychologie war in einem Kreis gefangen, sie untersuchte nur, was sie sehen konnte, und sah nur, was sie untersuchen konnte.
Doch ist Verhalten nur ein Aspekt - das Endresultat - dessen, was in der Psyche vor sich geht. Was - bei Bewußtsein - im Gehirn und im Körper stattfindet, ist die Quelle unseres Verhaltens. Es ist an der Zeit, den Mythos zu begraben, wir seien so, wie wir uns verhalten.
Der hauptsächliche Grund, warum es an Untersuchungen über Gefühle gemangelt hat, liegt darin, daß Gefühle immer verdächtig gewesen sind. Sie wurden als eine Gefahr für die Gesellschaft — und die Wissenschaft — angesehen. Emotionen, so sagt man, führen Wissenschaftler in die Irre und halten sie davon ab, »objektiv« zu sein. Emotionen »machen blind«, und Gefühle sind »irrational«. »Emotionen beeinträchtigen die Urteilskraft.«
Das trifft in bedeutsamer Weise zu. Aber die Vorsichtsmaßnahmen gegen eine Beeinträchtigung des Urteilsvermögens durch Gefühle sollten den Wissenschaftler nicht blind gegenüber Gefühlen als Forschungsgegenstand machen. Es ist das bloße Vorhandensein unbewußter Gefühle, welches die Urteilskraft beeinflußt, und bei einer Beurteilung kann man schon deshalb einem Irrtum unterliegen, weil man Emotionen unter Kontrolle hält.
Wissenschaftler neigen allzu häufig dazu, dem Innenleben zu mißtrauen, weil sie, abgetrennt von sich selbst, einen Patienten oder einen Untersuchungsgegenstand auf die gleiche Art und Weise behandeln können — wie jemanden, der sich verhält, als hätte er keine inneren Triebkräfte.
Neurose ist nicht nur eine Verhaltensweise, sondern eine Krankheitsform. Die Veränderungen, die bei der Neurose eintreten, sind die gleichen, als dränge ein Krankheitskeim oder eine Mikrobe in den Organismus ein. In beiden Fällen bekommt der Mensch Fieber, das Lymphozytengleichgewicht verändert sich ebenso wie die Menge der weißen Blutkörperchen. In der Atmosphäre gibt es Krankheitskeime, die physische Pathologie verursachen; und es gibt pathologische Situationen und pathologische Eltern, die Kinder veranlassen, psychisch und physisch abnorm zu werden.
Jedes äußere Ereignis, das natürliche Prozesse eines Menschen verzerrt oder behindert, ist eine fremde Kraft. Sie zwingt alle Subsysteme des Körpers, das Eindringen zu kompensieren. Wenn es natürlich ist, daß du deine Gefühle ausdrückst, aber Eltern sie jedesmal unterdrücken, ist dieser Übergriff eine fremde Kraft, die schließlich Krankheitsprozesse erzeugt. Wenn ein Chirurg einen tiefen Schnitt in den Körper macht und ihn über jedes Reaktionsvermögen hinaus traumatisiert, kann diese fremde Kraft zur Neurose beitragen. Wenn ein Baby noch nicht so weit ist, gehen zu können, aber es nichtsdestoweniger jeden Tag dazu gezwungen wird, ist das ein fremder Eingriff in ein natürliches Entwicklungssystem, das diesen Eingriff dann kompensieren muß.
Wenn die einzige Ausdrucksmöglichkeit eines Säuglings im Weinen besteht und es kommt niemand, ihn zu trösten, ist das eine weitere Beeinträchtigung einer natürlichen Reaktionsweise, die schließlich dazu führt, daß er lernt, unnatürlich zu reagieren — nicht zu weinen, wenn etwas weh tut oder er sich nicht wohl fühlt. Er blockiert eine notwendige und vitale Funktion, die weitreichende physiologische Folgen hat. Es ist nicht einfach so, daß er aufgehört hat zu weinen und sich erwachsen verhält. Diese einfache Handlung hat seine Biologie verändert. Erneutes Auftreten heftigen Weinens ist folglich nicht nur eine nette Sache; es bedeutet vielmehr, eine vitale, physiologische Funktion wiederherzustellen. Es treten Veränderungen auf, wenn man uns unsere Reaktionen wegnimmt und wenn man sie uns wiedergibt.
Urschmerz ist eine Unterbrechung natürlicher Prozesse. Die Veränderung des Selbst erstreckt sich bis auf das Gewebe und die Zellen.
Wir haben eine doppelte Aufgabe. Erstens, herauszufinden, ob die Verdrängung eines Geschehnisses im Alter von fünf Jahren eine Krankheit mit fünfundzwanzig nach sich ziehen kann, und wenn das der Fall ist, wie das vor sich geht.
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Eine Möglichkeit, an diese Aufgabe heranzugehen, besteht darin, Veränderungen normaler Funktionen zu untersuchen. Eine übermäßige Akkumulation von Primärschmerz überfordert normale Systeme und erzeugt permanente Funktionsänderungen. Der Organismus ist in einem konstanten Kompensationszustand, um ein Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Als Reaktion auf den Urschmerz werden die Subsysteme in ihrer Verzerrung fixiert, und die Neurose beginnt. Es existiert eine neue Form von Organismus: ein neurotischer mit charakteristischen biologischen Mustern. Um Anhaltspunkte für die Neurose zu bekommen, betrachten wir die biologischen Muster.
Neurose ist das Muster dauerhafter, schwerwiegender Veränderungen sowohl psychischer als auch biologischer Funktionen in Abwesenheit aktueller Stressoren. Es ist real, Streßreaktionen bei auftretender Gefahr zu zeigen. Aber es ist neurotisch, in gleicher Weise zu reagieren, wenn wir nicht in Gefahr sind. Natürlich ist der Neurotiker in Gefahr, aber sie kommt aus seiner Vergangenheit. Er ist in Gefahr, sich seiner Urschmerzen bewußt und von ihnen überwältigt zu werden.
Alle Stressoren, die seine Systeme ursprünglich verändert haben, sind noch vorhanden, und diese Veränderungen können gemessen werden. Sie sind auf chemische Weise in seinen Zellen eingeprägt. Sein Körper reagiert ständig auf die eingeprägten Engramme (Erinnerungsspuren) der ursprünglichen Primärschmerzen aus seiner Kindheit. Darin liegt die Bedeutung neurotischen Stresses. Die Heilung der Neurose besteht im endgültigen Ausdruck der gesamten Reaktion auf jene primären Schmerzen, die Funktionsveränderungen verursacht haben.
Die Heilung der Neurose
In der Tat wird der Begriff »Heilung« in der Psychotherapie selten verwendet. Psychotherapeuten fühlen sich wohler mit Begriffen wie »Rückgang oder Verminderung von Symptomen«. Tatsächlich ist jeder Therapeut, der das Wort »Heilung« verwendet, sofort suspekt. Vielleicht liegt das an der hoffnungslosen Auffassung der Mitglieder des Berufsstandes, daß die Ursachen praktisch unmöglich ausfindig zu machen sind. Deshalb muß man sich damit zufriedengeben, »den Teufel zurückzuschlagen«.
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Doch solange wir sorgfältig mit der Bedeutung von Heilung umgehen, gibt es keinen Grund, den Begriff nicht zu verwenden. Unglücklicherweise können sich Psychotherapeuten nicht auf ein Verfahren der Messung von Heilung oder therapeutischer Besserung einigen. Um die Schwierigkeit noch zu verstärken, hat fast jedes psychotherapeutische Verfahren eine andere Auffassung, was unter Besserung zu verstehen ist. Ihre Auffassung von Besserung steht im Einklang mit der verbreiteten Theorie.
Der Behaviorist Joseph Wolpe zum Beispiel vermerkt verschiedene Standards therapeutischer Besserung: Besserung der Symptome, zunehmende Leistungsfähigkeit in bezug auf Arbeit, verbesserte zwischenmenschliche Beziehungen und eine verbesserte Fähigkeit, mit realem Streß vernünftig umzugehen.1 Albert Ellis von der Rational-Emotiven-Therapie (RET) erklärt, sein Ziel sei, im Gegensatz zu anderen Therapieformen, dem Patienten eine Methode der Selbstbeobachtung und der Selbsteinschätzung an die Hand zu geben, die ihn davor bewahrt, ängstlich oder feindselig zu sein. Er führt den Patienten durch philosophisches Verstehen und eine Art der Verhaltenskonditionierung zu einem rationaleren Akzeptieren seiner Situation zurück.2
Auf der Gegenseite glauben die Existentialisten, daß Psychotherapie ein Prozeß ist, bei dem einem Patienten die Freiheit gegeben wird, sein einzigartiges Selbst in einer einzigartigen Lebenssituation in Übereinstimmung mit der Realität zu »verwirklichen«. All dies besagt, daß, je mehr Einsicht ein Mensch hat oder je reifer er sich verhält, seine therapeutischen Fortschritte um so größer sein müßten.
Solche Kriterien bieten jedoch keine verläßliche Möglichkeit der Messung therapeutischer Besserung. Bei all diesen Theorien handelt es sich weitgehend um den Fall des »Schusters, der überall in der Welt nur Schuhe sieht«. Die Behavioristen untersuchen das Verhalten. Die Rogerianer messen Einstellungen, und die Existentialisten preisen die »Überantwortung«. Je verschwommener und selbsteinschränkender die Theorie, desto ungenauer sind die Maßstäbe therapeutischer Besserung. Doch das ist heutzutage nun einmal der Zustand der psychotherapeutischen Verfahren.
1) Alvin Mahrer, The Goals of Psychotherapy, Appleton-Century-Crofts, New York 1967, S. 131.
2) Mahrer, S. 218.
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Eine neuere Untersuchung zur Psychologie ermittelte, daß die große Mehrheit der Psychologen bei der Wahl ihrer Methode eklektisch ist, was bedeutet, daß sie den Patienten mit keiner speziellen Methode behandeln.3 Im Falle des Eklektizismus verschreibt sich der Praktiker keiner der Persönlichkeitstheorien völlig, sondern bezieht von allen »brauchbare Informationen«. Diese Situation wäre in jedem anderen Wissenschaftszweig sehr komisch. Können Sie sich bei ein und demselben Phänomen in der Kernphysik zehn verschiedene Theorien vorstellen? Und daß Physiker keiner speziellen Theorie anhängen, sondern allen?
Es ist offensichtlich, daß die Psychotherapie bis jetzt eine Kunst und keine Wissenschaft gewesen ist; aus diesem Grund war es bisher auch sozusagen eine »Geschmacksfrage«, welcher Therapie man sich unterziehen wollte, und ein rein subjektives Urteil, ob man in der Psychotherapie Fortschritte machte oder nicht. Ich bin der Ansicht, daß Eklektizismus bei Angehörigen der psychotherapeutischen Berufe an Popularität gewinnt, wenn nichts zu funktionieren scheint.
Ein ernsthaft kranker Mensch braucht keinen Methoden-Supermarkt; er braucht eine konsistente Methode, die auf einem gründlichen Verständnis dessen, was falsch ist, basiert. Auf die Kindererziehung angewendet, wird der Standpunkt klar: In den ersten zwei Jahren sind Eltern passiv, die nächsten fünf Jahre autoritär und die folgenden fünf Jahre wieder passiv und nicht-direktiv — eine zuverlässige Methode, ein Kind neurotisch zu machen.
Wir wissen jetzt, was zu tun ist, die Verfahren sind spezifisch und werden täglich verbessert. Die Methodik variiert, nicht von einer Theorie zur anderen, sondern die Techniken innerhalb einer einzigen umfassenden Theorie. Wäre die Mischmasch-Methode wirklich wirksam, warum hat nicht jemand das Beste daraus in eine Theorie gesteckt und weiterentwickelt? Ich glaube, weil nur ein eleganterer Mischmasch herauskommen würde.
Psychologen können sich noch nicht einmal darüber einig werden, was Geisteskrankheit ist. Thomas Szasz glaubt, daß Geisteskrankheit ein Mythos ist, daß Menschen, die von der Norm abweichen, nur das Etikett »anormal« von den sogenannten »Normalen« angehängt bekommen. Wer indessen erkannt hat, daß »Geisteskrankheit« ein biologischer Leidenszustand ist, wie wir festgestellt haben, käme nie zu Szasz' Schlußfolgerungen.
Psychische Prozesse sind biologisch. Da alle biologischen Systeme eine normale Funktionsweise haben, muß auch das Gehirn einen normalen Operationsmodus besitzen.
3) American Psychologist, August 1978, S. 753.
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Denkprozesse können nicht normal verlaufen, wenn die unteren Gehirnmechanismen durch verdrängten Urschmerz verzerrt worden sind. Eine Verfahrensweise, diese Funktionen auszuwerten, besteht darin, sie mit »normalen« Gehirnprozessen zu vergleichen, die entweder keinen Urschmerz aufweisen oder deren Schmerz in der Primärtherapie aufgelöst wurde. Da wir Primärschmerz nicht direkt messen können, außer durch verbale Mitteilungen, ist das Beste, was wir im Augenblick tun können, ihn direkt mittels der Verarbeitungsmechanismen des Gehirns und des Körpers zu messen — zum Beispiel über die Körpertemperatur.
Die meisten psychologischen Fragebögen erfassen in Wirklichkeit nur, wie effektiv jemand verdrängt ist; das wird dann als »normal« bezeichnet. Wenn man nicht zittert, unter Angstzuständen leidet, schlecht ißt oder schläft, nicht launisch ist, dann geht es einem gut. Wenn man unter all diesen Symptomen leidet, geht es einem nicht so gut. Doch von unserer Perspektive aus könnte gerade das Gegenteil der Fall sein; dir geht es gut, wenn du deinen Gefühlen näherkommst, und nicht so gut, wenn du dich von ihnen entfernst. Es ist nicht angenehm, zu zittern, aber es ist ein Zeichen natürlicheren menschlichen Verhaltens, als hätte man Urschmerz und würde nicht zittern. Menschlich zu sein heißt fühlen, empfinden, erleben — für die großen Freuden und Leiden des Lebens offen sein. Ein Mensch, der herkömmlicherweise »gut angepaßt« ist, kann sich durch zwanghafte Überarbeitung umbringen. Der gute Neurotiker zieht nicht in Erwägung, daß er zuviel arbeiten könnte. Er entspricht nur einfach der normalen Arbeitsethik.
Wenn wir den Urschmerz offenlegen, erkennen wir die Tätigkeit des Unbewußten. Wir können direkte Beobachtungen der zugrunde liegenden Verhaltensmotivationen machen. Wir begreifen, daß Wahrnehmung, Kognition, Einstellungen und zwischenmenschliche Interaktion nicht getrennte Aspekte menschlichen Verhaltens sind, sondern vielmehr unentwirrbar verwobene Immanationen von Feelings. Das Unbewußte zu »sehen« ist ein vollkommen neuer Gedanke in der Psychologie.
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Kriterien für ein Primal
Um die Wirksamkeit der Primärtherapie beurteilen zu können, muß uns ganz klar sein, was ein Primal ist. Für das Primärerlebnis gibt es subjektive und objektive Kriterien.
Die subjektive Erfahrung eines Primals
Ein Primal beginnt mit zunehmend tieferem Atmen, während der Körper zittern und zucken kann.4 Der ganze Organismus handelt als eine Einheit, die von einer überwältigenden Erfahrung erfaßt worden ist. Der Mensch wird in seine Kindheit befördert und ist von ihr überwältigt. Er erlebt einen Schmerz, den er nie vollständig erlebt hat. Gesicht und Haltung drücken seine Agonie aus. Im allgemeinen ziehen lebhafte, alte Szenen durch seinen Geist. Er steigt auf eine Bewußtseinsebene hinab, auf der der emotionale Ton gestaltet wird und auf der die Vorstellungen schärfer umrissen sind, als er es sich je vorgestellt hätte.
Er setzt sich mit dem, was er sagen wird, nicht haarklein auseinander, hält sich damit nicht auf. Er ist vom Anblick, den Geräuschen und einer Empfindung der Vergangenheit überwältigt. Er spürt einen großen Umbruch. Tränen, Schluchzer und Agonie stellen sich ein. Häufig ist sein Körper außer Kontrolle, manchmal windet er sich und schlägt um sich. Es kann zu Schreien, Ächzen, Wimmern, Stöhnen und tiefempfundenem, tränenreichem Weinen kommen. Der emotionale Ton ist voller Pathos und Elend. Der Patient drückt seine Bedürfnisse aus: »Halt mich fest«, »Hab mich lieb«, »Sei lieb zu mir«. Er macht das nicht absichtlich, die Worte strömen aus ihm heraus. Manchmal fehlen die Worte, nur Stöhnen und Schluchzen sind zu vernehmen. Der Primal kann eine Stunde oder auch länger dauern. Das Feeling klingt langsam ab, und der Mensch kehrt in die Gegenwart zurück.
Das Feeling nach einem Primal ist unvergleichlich. Es ist ein tiefgehendes Gefühl der Ruhe, Entspanntheit und sehr scharfer Wahrnehmungen — plötzlich ist alles kristallklar. Häufig bewegt sich der Patient danach lange Zeit nicht — er ist erfüllt von neuen Empfindungen und Einsichten, die fortdauern, bis das Feeling nachgelassen hat. Er atmet tiefer und freier. Er hat sich in einem »bewußten Koma« befunden; er war nicht nur bewußt, sondern überbewußt — nicht in einer äußeren Welt, sondern in einer tiefen, inneren.
4) Nicht jeder erlebt einen Primal auf die gleiche Art, doch gibt es einige gemeinsame Charakteristika.
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Er weiß, wo er sich befindet, er weiß, wo er gewesen ist, doch im Gegensatz zu seiner normalen Erfahrung blieb sein übliches Bewußtsein im Hintergrund, schwach flackernd, während sich die tieferen Bewußtseinsebenen in den Vordergrund schoben. Der Patient könnte sagen, daß er Wissen erlangt hat, und es handelt sich dann um reales Wissen. Es ist eine andere Bedeutung des Wissens, eine andere Art der Erfahrung als die zerebrale, an die man gewöhnt ist.
Man kann nicht versuchen, einen Primal zu haben. Je mehr absichtliche, bewußte Anstrengungen jemand unternimmt, einen Primal zu bekommen, desto weniger Zugang hat er zu sich selbst. Das liegt daran, daß sich die oberste Bewußtseinsebene Mühe gibt, aktiver ist, wenn sie gerade weniger aktiv sein sollte.
Objektive Kriterien für ein Primal
Es gibt sowohl physiologische Veränderungen, die charakteristischerweise während eines Primals auftreten, als auch psychische Folgen, die objektive Beweise für einen Primal liefern können.
Nicht alle Primals sehen gleich aus oder hören sich gleich an. Allen gemeinsam ist jedoch Urschmerz. Die Verarbeitung aufsteigenden Urschmerzes durch den Organismus begleiten objektive Anzeichen, wie etwa eine plötzliche Zunahme des Herzschlags und des Blutdrucks, zunehmende Muskelverspannung und eine erhöhte Körpertemperatur. Hier einige der objektiven Anzeichen:
Plötzlicher und deutlicher Anstieg des Pulses, der zwischen 120 und 200 Schlägen in der Minute liegt, gelegentlich noch höher
Abrupter Anstieg des Blutdrucks in den Bereich der Hypertonie
Bei Primals auf der ersten Ebene tritt eine extreme Zunahme der Muskelverspannung auf, die Körperhaltung ist ein gestreckter Körper mit gewölbtem Rücken und nach hinten durchgedrücktem Kopf und Hals. Das Gesicht drückt Agonie aus und ist oft »zerdrückt«. Die Knie sind eng an den Bauch gezogen
Vorübergehende Erhöhung der Körpertemperatur um ein bis drei Grad (Fahrenheit)
Die Atmung wird zunehmend tiefer, wenn sich der Patient dem Feeling nähert, sie scheint sich über den ganzen Körper zu erstrecken. Wenn der Patient abreagiert oder teilweise unverbunden ist, wird ihm oft schwindlig, was bei einem wirklichen Primal, bei dem er den Sauerstoff braucht, nicht der Fall ist.
Schließlich kommt es zu einem Durchbruch zum Feeling, der häufig, jedoch nicht immer von heftigem und langgezogenem Weinen oder Schreien begleitet wird. Die verschiedenen vitalen Körperfunktionen verlangsamen sich.
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Der Zustand nach dem Primal
Die Energie eines Primals wird häufig über die Dauer von ein oder zwei Stunden freigesetzt. Dies geschieht in Form heftigen Weinens. Die Freisetzung vollzieht sich auch durch extreme Körperbewegungen, die während eines Primals häufig zu beobachten sind. Nach einem Primal:
Der Herzschlag ist gewöhnlich um zehn bis zwanzig Schläge langsamer als im Ruhezustand. Es kommt vor, daß er um dreißig bis vierzig Schläge pro Minute unter den Puls des Ruhezustands sinkt.
Der Blutdruck nimmt gleichmäßig ab. Eine typische Messung nach einer Sitzung wäre 100/50.
An die Stelle der bleichen Gesichtsfarbe tritt starkes Schwitzen mit Hautrötung.
Es kommt zu einem gründlichen Rückgang der Muskelverspannungen. Elektromyographische Messungen der Halsanspannung nach einem Primal zeigen einen deutlichen Rückgang an. Man braucht sich den Patienten nur anzusehen, um zu erkennen, daß sein ganzer Körper schlaff ist. Auch durch einen Willensakt könnte er ihn nicht wieder verspannen. Es wäre außerordentlich schwer für ihn, die Muskelverspannungen, die er ein bis zwei Stunden vorher zeigte, auch nur nachzumachen. Sein Gesicht ist entspannt - lebendig und klar.
Das Auftreten von Tränen - einige unserer Patienten haben, so weit sie sich erinnern können, jahrzehntelang nicht geweint - ist verbunden mit einer Pupillenverengung.
Die mittlere Körpertemperatur fällt unter den »Normal«-Wert des Patienten.
Der Drang zu urinieren hört auf.
Die Atmung ist unbeschwert, regelmäßig und ruhig. Nach allem, was er durchgemacht hat, erscheint der Patient bemerkenswert erfrischt.
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Ein Primal hat eine nicht zu beschreibende, doch unmißverständliche Qualität. Er ist ein bewegendes Erlebnis. Man fühlt mit dem Patienten und wird häufig selbst an den Rand der Tränen gebracht. Bei der Abreaktion ist das nie der Fall, sie bewegt niemanden, am wenigsten den Patienten. Das Weinen und Schreien ist gezwungen und oberflächlich und dauert oft zu lange, als durch das sogenannte Feeling gerechtfertigt wäre.
Schmerz ist Schmerz ist Schmerz
Bei unserer Untersuchung ließen wir Patienten ihre Primals bewerten — vollständig, unvollständig, Abreaktion, nur Schluchzen, aber kein Primal etc. Die Therapeuten hatten einen entsprechenden Fragebogen auszufüllen. Es war erstaunlich, wie selten Patient und Therapeut nicht übereinstimmten — natürlich ohne daß die beiden ihre Bewertung untereinander verglichen. Diese Angaben wurden dann mit den objektiven Kriterien eines Primals verglichen.
Bei Primals kommt es zu charakteristischen Änderungen aller vitalen Körperfunktionen, Hirnwellenmuster eingeschlossen. Sie treten nicht bei simulierten Primais, bloßem Schreien, Abreaktion, körperlicher Bewegung oder Hypnosezuständen auf. Wir haben nach objektiven Methoden gesucht, um ein Primal von einer Abreaktion unterscheiden zu können. Wir wollten auch ein Instrument zur Quantifizierung der Intensität von Primals ausfindig machen. Auf diese Art hofften wir, die Auflösung von Urschmerz und Primais zu messen. Dr. Michael Holden, der Forschungsdirektor des Primal Institute, hat einen »Auflösungs-index« entwickelt, der im wesentlichen eine mathematische Aufbereitung der Veränderungen von vitalen Körperfunktionen und Alpha-Amplituden während einer Primal-Sitzung ist. Zum erstenmal gibt es eine Möglichkeit, die Neurose und ihre Behebung zu messen.
Ein richtiges Primal ist ein Ereignis in zwei Phasen: eine Krise des sympathischen Nervensystems mit einem merklichen Anstieg der vitalen Körperfunktionen, der eine Erholungsphase des parasympathischen Nervensystems folgt. Die Erholungsphase wird durch ein kontinuierliches Absinken aller vitalen Körperfunktionen unter die Werte der Anfangslinie gekennzeichnet.5
5) E. Michael Holden, »A Quantitative Index of Pain Resolution in Primals with Discussion of Probable Relevant Biologie Mechanisms«, in Journal of Primal Therapy, Bd. 4, Nr. 1, Winter 1977, S. 37-52.
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Wichtig bei den Prozessen ist, daß ganz gleich welcher Art die Primals sind, die verschiedene Patienten haben, sich ihre biologischen Systeme auf einen gemeinsamen Nenner hin bewegen. Es ist die gleiche Abwärtsbewegung der vitalen Körperfunktionen, auch wenn ein Patient wiedererlebt, wie man ihn verläßt, während ein anderer erlebt, wie er gedemütigt oder getadelt wird.
Urschmerz ist Urschmerz. Es spielt keine Rolle, wie die äußeren Umstände sind, auch nicht, welchen Namen man ihm gibt, Primärschmerz wird auf die gleiche Weise von den gleichen Mechanismen mit den gleichen Folgen verarbeitet. Die Analyse der vielfältigen äußeren Umstände in der Psychotherapie ist überhaupt nicht notwendig. Sind sie einmal innen angekommen, gleichen sie sich aufs genaueste, zumindest was den Körper anbelangt. Diese inneren Prozesse sind es, denen sich jede Psychotherapie zuwenden muß.
Eine Primal-Sitzung wird durch mehrere Wellen des Feelings gekennzeichnet, oder wenigstens durch einige Durchgänge, bei denen Teile des Feelings erlebt werden. Deshalb erkennen wir in einer Sitzung verschiedene Prä-Primal-Spitzen, denen ein sehr hoher Gipfel folgt, bevor der Patient in das Feeling fällt und seine Erholungsphase anfängt. Der Beginn eines Feelings ist der biologische Anfang der Erholungsphase. Zu fühlen heißt sich zu erholen — seine Gesundheit, sein Selbst und seine Fähigkeit, sich auszuruhen, wiederzuerlangen. Wenn wir nach einer Sitzung noch eine Erhöhung der vitalen Körperfunktionen feststellen, wissen wir, daß der Patient noch abgewehrt ist und noch nicht vollständig gefühlt hat.
Untrügliches Kennzeichen des Primal-Durchbruchs ist das Weinen. Doch konstituiert Weinen keinen Primal. Hysteriker weinen die ganze Zeit und machen keinen therapeutischen Fortschritt. Das Weinen muß mit seiner ursprünglichen Quelle verbunden sein. Primals sind als »Wein-Anfälle« bezeichnet worden. Die Wiederherstellung dieser natürlichen Funktion hat viele günstige Auswirkungen. Weinen ist in der Tat ein wesentlicher Bestandteil des Gesundungsprozesses. Der therapeutische Nutzen des Weinens ist in der psychiatrischen Literatur größtenteils vernachlässigt worden, und das, obwohl alle psychiatrischen Patienten etwas gemeinsam haben: Elend. Es hätte logisch sein sollen, den Patienten zu erlauben, ihr Elend lange genug herauszuweinen. Doch ist in der konventionellen Therapie jedes Weinen, das zu lange dauert oder zu tief empfunden ist, verdächtig.
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Es wird als hysterisch oder desintegrierend angesehen; häufig werden Beruhigungsmittel verschrieben oder der Therapeut greift tröstend ein und sperrt damit das Feeling aus. Die Geschichte psychiatrischer Störungen ist nichts anderes als die Geschichte der Traurigkeit; und doch hat daraus nie jemand den Schluß gezogen, daß traurige Menschen weinen müssen.6)
Aus dem Studium der Tränen läßt sich viel lernen, denn sie bestehen in etwa aus den gleichen Bestandteilen wie das Blut, mit Ausnahme der roten Blutkörperchen. In Zusammenarbeit mit William Frey, Biochemiker an der St. Paul University of Minnesota, Fachbereich Biochemie, beschäftigen wir uns mit der Untersuchung der Biochemie der Tränen unserer Patienten. Dr. Frey hat die chemische Zusammensetzung von Tränen untersucht und in ihnen eine hohe Konzentration von Streßhormonen entdeckt. Dies kommt nicht vor, wenn Tränen eine Folge von Reizstoffen, wie zum Beispiel Zwiebeln, sind.
Soviel ist klar, wenn tatsächlich beim Vergießen von Tränen Streßhormone freigesetzt werden, dann kann die Blockierung dieser Freisetzung die Ansammlung von Streßhormonen zur Folge haben. Wir sind der Auffassung, daß Weinen eine wichtige biologische Funktion hat und daß das Vergießen von Tränen Hauptsache und nicht ein Nebenumstand der Auflösung von Neurosen ist. Es gibt keine »Heilung durch Reden«. Die Tatsache des Weinens selbst trägt dazu bei, das Leiden zu erleichtern. Tränen entfernen nicht nur giftige Substanzen aus dem Auge, sie spielen auch eine Rolle bei der Beseitigung toxischer biochemischer Substanzen aus dem gesamten Organismus.
Es ist unerheblich, wie lange sich jemand in der Therapie befindet, um eine vollständige Auflösung einer bestimmten Primal-Sequenz zu erlangen. Neue Patienten können ebensoviel Auflösung erreichen wie jene, die sich schon länger in der Therapie befinden.
6) Die Befreiung ist wichtig. Dr. E. Michael Holden und Dr. David A. Goodman beschreiben den Primal-Durchbruch als ein kortikales Freisetzungsphänomen, bei dem die kortikale Kontrolle (dritte Ebene) auf natürliche Weise aufgehoben wird und subkortikale Mechanismen, die Mechanismen, die Schluchzen und Erschütterung hervorrufen, wirksam werden läßt.
Dr. Goodman schreibt: »Weinen könnte der Schlüssel zur geistigen Gesundheit sein. Primal-Tränen sind der Schlüssel zum Verständnis der Erscheinung. Tränen der Trauer, der Einsamkeit und des Verlustes sind die Lösung, die die Wände des Unbewußten verschwinden lassen und die eingekapselten Urschmerz auflösen.« Weinen ist ein holistisches Ereignis, das alle menschlichen Organe mit einbezieht, alle Ebenen der neuroendokrinalen Achse, die im Hypothalamus anfängt, einschließt.
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Der Unterschied besteht darin, daß Patienten, die schon länger dabei sind, kürzere, »effizientere« Primals haben. Es gelingt ihnen schneller, ohne Abwehrmanöver zur Sache zu kommen. Kontrollgruppen, die sich in der Art bewegten, wie wir es von Primais kennen, hatten überhaupt keine Auflösung; alle biologischen Anzeichen zeigten tatsächlich eine zunehmende Körpertätigkeit am Ende der Sitzung. Hier handelt es sich um eine scheinbare Anomalie. Der Primär-Patient bewegt sich oft sehr heftig, und die Daten seiner vitalen Körperfunktionen fallen. Dafür gibt es nur eine Erklärung, und die besteht im Feeling; es ist der einzige sich unterscheidende Faktor. Der Körper ist nicht tätig, wenn er fühlt; er betätigt sich, wenn er nicht fühlt.
Während der Forschung dürfen auch nicht die geringsten Kleinigkeiten außer acht gelassen werden. Der große Spielraum aller Indikatoren der vitalen Körperfunktionen bei einem Patienten, der flach auf dem Rücken liegt, zeigt, daß eine Erinnerung mit ihrer ursprünglichen Energie — zum Beispiel aus seinem zweiten Lebensjahr — immer noch existiert.
Die Regression auf Ebenen vollzieht sich in der Primärtherapie in der umgekehrten Reihenfolge der Entwicklung des Gehirns. Bei Primärerlebnissen steigen wir nicht nur in die individuelle Zeit hinab, sondern auch in der anthropologischen. Nach und nach werden wir nicht nur durch unser Kleinkindhirn kontrolliert, sondern auch durch das Gehirnsystem tierischer Art, das vor Millionen von Jahren existierte. Die gleitenden, fischschwanzartigen Bewegungen, die wir bei Primals auf der ersten Ebene sehen» sind tatsächlich amphibisch. Es ist wirklich das gleiche Gehirn wie das des Salamanders.7
Die Geburtsschwimmbewegungen einiger Patienten werden vom tiefliegenden Nervengewebe des Hirnstamms organisiert, genau dort also, wo auch die Schwimmbewegungen des Salamanders organisiert werden. Diese Bewegungen können von den Patienten schwerlich vorgespielt, noch können sie vorsätzlich kopiert werden. Für diesen Augenblick weisen sie auf eine Kontrolle unseres Organismus durch ein Hirnsystem hin, das mehr als 300 Millionen Jahre alt ist. Dies ist der Ort, an dem die frühesten Kindheitstraumata — und sogar die vorgeburtlichen — gespeichert sind, und hierhin müssen wir uns begeben, wenn wir sie verknüpfen und auflösen wollen.
7) Der Hypothalamus des menschlichen Gehirns enthält viel vom Vorderhirn des Salamanders.
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Während dieser Zeit gibt es keine Worte; falls welche vorkommen sollten, beschreibt der Mensch nur seinen Zustand, er ist nicht wirklich dort; er ist in seinem Kopf — Jahrmillionen später redet er über eine Erfahrung, statt sie zu machen.
Ein Primal hat das Aussehen eines Anfalls, doch ist es physiologisch und emotional weit davon entfernt. Interessanterweise sind jedoch die Nachwirkungen eines Anfalls nicht so gänzlich anders als die eines Primais: Verlangsamung von Puls und Atmung, Erweiterung der äußeren Blutgefäße, starkes Schwitzen und ein Sinken der Körpertemperatur und des Blutdrucks. Man könnte sagen, daß der Epileptiker ein Primal-Äquivalent gehabt hat, jedoch ohne die Verknüpfung oder die Entspannung.
Streß
Beim Messen der Neurose und der Gesundung ist es wichtig, die Streßmenge im Organismus zu berücksichtigen. Streß ist leicht zu messen, weil frühere Forschung viele seiner biochemischen Aspekte erhellt hat und auch weil wir natürlich vermuten, daß Streß durch Primärschmerz verursacht wird.
Über Streß ist besonders seit dem Zweiten Weltkrieg viel geforscht worden, als Soldaten untersucht wurden, die sich lange in Fronteinsätzen befunden hatten. Fast die ganzen Jahre seit dem Krieg hat Hans Selye die Streßforschung geleitet, insbesondere wurde untersucht, auf welche Weise der menschliche Organismus Streß verarbeitet.8
Selyes wichtige Entdeckungen haben mit den hormonalen Veränderungen zu tun, die bei Streß auftreten. Die Hypophyse sondert eine Anzahl von Streßhormonen ab, darunter ACTH (adreono-corticotrophisches Hormon), und veranlaßt die Nebennierenrinde dazu, Rohstoffe in Streßhormone umzuwandeln, die dann in den Blutkreislauf übergehen. Das Nebennierenmark sondert auch die Streßhormone Adrenalin und Noradrenalin ab. Noradrenalin übermittelt Aktivierungsbotschaften. Diese zwei Neurotransmitter sind in ausgleichender Weise tätig, so daß auf den Erschöpfungszustand des unterdrückenden Serotonins eine Noradrenalin-zunahme folgt und umgekehrt. Die durch gesteigerte Noradrenalinzufuhr hervorgerufene Überaktivierung des Hirnstammes setzt die Kontrollmechanismen enorm unter Druck und kann sie unwirksam machen.
8) Hans Selye, The Stress of Life, McGraw-Hill Book Company, New York 1976.
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Gleicherweise erhöht Adrenalin Blutdruck und Herzschlag wie auch die Körpertemperatur. Es steigert auch den Energieumschlag des Körpers. Die Folgen eines erhöhten Adrenalinspiegels sind Angstzustände, Ruhe- und Schlaflosigkeit. Die langfristigen Folgen einer Adrenalinüberproduktion können eine Verringerung der Notreserven und infolgedessen eine kürzere Lebensdauer sein.
Tiere mit niedrigem Noradrenalinspiegel sind lethargischer, solche mit niedrigem Serotoninspiegel erregter. Noradrenalin regt offensichtlich an; Serotonin unterdrückt. Tiere mit niedrigem Serotoninspiegel sind schreckhafter und ängstlicher.
Selye führt Streßindikatoren auf, die das Verhalten und die Symptome betreffen. Sie umfassen Erregbarkeit und Übererregung, Herzklopfen, trockenen Mund, Zittern, schreckhafte Reaktionen, Zähneknirschen, Schlaflosigkeit, Schwitzen, häufiges Bedürfnis zu urinieren, Durchfall und Verdauungsstörungen. Diese Indikatoren sind größtenteils Anzeichen eines erregten Sympathikussystems und eines Lecks in den Schleusen gegen den Primärschmerz. Eine Reduzierung dieser klar erkennbaren Auswirkungen bedeutet für den konventionellen Therapeuten, daß die Person ihre Neurose überwindet. Meistens handelt es sich um Angstverminderung. Wenn man als Forschungsansatz eine Reduzierung der offensichtlichsten Streßanzeichen nimmt, könnte es den Anschein einer Veränderung der Neurose erwecken, wo es sich in Wirklichkeit um eine Verbesserung des Abwehrsystems handelt.
Neurose ist nicht mit den oben angeführten offensichtlichen Streßsymptomen gleichzusetzen. Daher haben wir Streß auf der denkbar fundamentalsten Ebene, nämlich der der Hormonproduktion, gemessen. Das wissenschaftliche Verständnis der Schmerzverarbeitung würde bedeuten, daß die Last der Primärschmerzen dem Hypothalamus zugeteilt wird, der die Schmerzbotschaft in Hormonsekretion umwandelt.
Unserer Arbeit entnehmen wir, daß mit einem frühen Trauma Stressoren in das neurophysiologische System eingegeben werden und daß diese Stressoren dann chronisch die gleichen biologischen Verheerungen anrichten, die Selye beobachtet. Der Unterschied zur akuten Streßsituation besteht darin, daß die Stressoren unerkannt bleiben; sie sind historisch und nicht so klar zu erkennen, wie es gewöhnlich in der Streßforschung der Fall ist. Jedoch sind alle Stressoren, die den Organismus ursprünglich veränderten, noch vorhanden. Urschmerz ist, bis er aufgelöst wird, ein permanenter Stressor.
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Primärstreß ist eine eigenartige Sache. Es ist nicht so, als ob dich jemand kneift; es schmerzt, man hört auf zu kneifen, und es tut nicht mehr weh. Es ist so, als ob dich jemand gekniffen hat, und dann tut es dir das ganze Leben lang weh. Menschen fragen sich später, warum du so leidest und warum du »ohne erkennbare Ursache« all die körperlichen Krankheiten bekommst.
In gewisser Weise weiß der Körper nicht, daß ihn die Geburtszangen nicht mehr traumatisieren, daß die Eltern seine Bedürfnisse nicht mehr ignorieren oder ihn terrorisieren. Er empfängt die konstant eingeprägte Botschaft der Gefahr und reagiert entsprechend. Ein Teil unseres Gehirns weiß nicht um die Gefahr; das einzige, was es weiß, ist, daß es sich mobilisieren muß, um der fremden Gefahr begegnen zu können.
Die biochemische Forschung kann das Vorhandensein von Streß nachweisen. Es gibt biologische Parameter, die Streß anzeigen, und diese bestehen unabhängig davon, wie sich ein Mensch wahrnimmt. Viele unserer Patienten berichten nie davon, daß sie das Gefühl hätten, »unter Streß« zu stehen. Häufig empfinden sie den Streß nicht als solchen. Sie fühlen sich nur tot, abgestumpft und leblos. Doch enthüllen unsere Messungen das Paradox: Der »Geist« ist sich des Stresses nicht bewußt, aber die unteren Bewußtseinsebenen sind es sehr wohl, und sie haben mit ihm auch dauernd zu tun.
Seltsamerweise kann man ein Werk über Streß nach dem anderen lesen, ohne dem Wort »Schmerz« zu begegnen. Streß wird immer als etwas Äußeres, etwas, das im Hier und Jetzt besteht, betrachtet. Es gibt zahlreiche Untersuchungen zum Arbeitsstreß, ehelichen Streß, Schulstreß, aber nicht über den Streß eingeprägter Urschmerzen. Wir leiden alle unter chronischem Streß — Urschmerz —, aber keiner redet darüber, weil jeder darunter leidet.
Der Neurotiker ist in einem konstanten Alarmzustand. Die Alarmreaktion verursacht die Ausschüttung von Streßhormonen und die Verbrennung von Energie. Solange jemand jung genug ist, um sich das Leben so zu gestalten, daß er mit dem Energiefluß Schritt halten kann, kann die Sache in Ordnung sein.
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Doch mit dem Alter und unzulänglichen Ventilen fängt die Energie an, von den Organsystemen absorbiert zu werden; das ist der Zeitpunkt, an dem das Herz und andere Organe schwächer zu werden beginnen. (Pensionierungen verlaufen häufig tödlich, weil die gleiche Menge überschüssiger Energie noch weniger Entlastungsventile hat.) Das ist ein Anzeichen für die durch Primärschmerz verursachte Mobilisierung von Energiereserven, die normalerweise für das tägliche Leben gebraucht werden.
Was heißt in der Psychotherapie »gesünder«?
Bis jetzt war es möglich, Patienten mit fast jeder Methode, die von der Poesie-Therapie bis zur Psychoanalyse reichen, zu behandeln und Erfolge in der Therapie vorweisen zu können. Ist es möglich, daß jede Methode etwas zu bieten hat? Ehe wir nicht geeignete Kriterien für psychotherapeutischen Fortschritt aufgestellt haben, werden wir es nicht wissen. Und an diesen Kriterien wird es uns so lange mangeln, wie Psychotherapeuten darauf bestehen, daß es nur Geisteskrankheit gibt und daß Neurose keine biologische Erkrankung ist.
Patienten der vielen Therapieformen glauben, daß es ihnen besser geht, und allen subjektiven Anzeichen nach geht es ihnen auch besser. Sie »fühlen sich besser«. Zumindest glauben sie, sie fühlten sich besser. Sie haben sich sowohl äußerlich als auch sozial besser angepaßt. Es ist jedoch möglich, eine bessere soziale Anpassung zu vollziehen, ohne die Neurose auch nur anzutasten.
Einige Forscher haben auf biologische Veränderungen geachtet, das jedoch nur auf einer sehr selektiven Grundlage. Sie haben entweder den Blutdruck oder biochemische Anpassungen gemessen, weil es ihnen aber an einer holistischen Methode mangelte, sind ihre Befunde einseitig. So sind zum Beispiel Interpretationen von Befunden bestimmter Arten von Meditation und Biofeedback unrichtig. Sie behaupten, daß hohe Hirnwellenamplituden ein Anzeichen von Entspannung sind. Wir haben herausgefunden, daß hohe Alpha-Amplituden ein Zeichen hoher Verdrängung sind, die einen selbst-täuschenden Entspannungszustand hervorruft.9 Der betreffende Mensch ist einfach nur gut abgewehrt.
9) Hirnwellen mit hohen Amplituden deuten besonders auf Verdrängung hin, wenn sie im okzipital-parietalen Bereich des Gehirns gemessen werden.
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Es ist in anderen Therapien möglich, einen niedrigeren Blutdruck oder einen Rückgang weiterer bestimmter Symptome zu bewirken. Häufig ist der Fortschritt jedoch nur von kurzer Dauer. Auch wenn die Resultate dauerhaft sind, können sie irreführend sein, wenn der Therapeut nur eine Dimension, etwa den Blutdruck, untersucht und dabei die Tatsache nicht in Erwägung gezogen hat, daß der ganze Körper und das Gehirn als kompensierendes System funktionieren. Deshalb ist es möglich, daß für den gesenkten Blutdruck ein Preis gezahlt werden muß, der in der Belastung eines anderen Organs besteht.
Es handelt sich um etwas, das man nicht erkennen kann, es sei denn, man würde systematisch an den Patienten herangehen. Primärschmerz erhöht den Blutdruck — und die Körpertemperatur und den Puls. Jedes Organ übernimmt seinen Teil der Last, oder auch der Überlastung. Sogar wenn alle klassischen vitalen Körperfunktionen durch verschiedene Arten der Konditionierung gesenkt worden sind, muß man die Gehirnfunktionen im Auge behalten; denn auch sie bilden einen Teil des Kompensationssystems.
Wir müssen uns fragen, welche Rolle die Suggestion beim »Besser-Fühlen« des Patienten spielt. Ich bin der Ansicht, daß jeder, der sich zu einem Therapeuten oder sogar zu einem Ort der Anbetung (was allzu häufig der Psychiater ist) begibt, Erwartungen hegt und sich selbst etwas suggeriert, bevor auch nur das erste Wort gewechselt wurde oder Versprechungen gemacht worden sind. Ganz offensichtlich erwartet er Hilfe. Der verständige Therapeut mit seiner ganzen korrekten therapeutischen Ausstattung ist durch die Tatsache seiner Existenz, »das Versprechen«.
Je verzweifelter der Patient und je größer seine Erwartungen, desto eher wird er die Realitäten übersehen und sein ganzes Vertrauen der Therapie oder dem Arzt schenken. Der Arzt braucht kein offenes Versprechen zu machen, um in dem Patienten eine Hoffnung zu erwecken.
Langfristige Forschung bietet den Vorteil, die Suggestion und die Erwartung als Faktoren therapeutischer Fortschritte auf ein Minimum herabzusetzen. Suggestiv-Therapie, gelenktes Tagträumen und Hypnose sind alle von der Suggestion abhängig, und ihre Auswirkungen sind nur vorübergehend. Man muß fortfahren, das Ritual zu verrichten, um anhaltende Veränderungen zu gewährleisten. Wenn es um die wirklich großen Krankheiten wie etwa Epilepsie und Psychose geht, versagen diese Methoden.
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Die meisten Menschen erwarten, am Ende einer Therapie gesünder zu sein und ihre Angst und Depression überwunden zu haben.
Ist die Therapie ein Erfolg, wenn sie sich bei der Beendigung gesund fühlen?
Könnte die Therapie auch dann erfolgreich gewesen sein, wenn sie sich bei der Beendigung schlecht fühlen?
Ist es möglich, daß sich jemand gesünder fühlt, viel gesünder, und nicht gesünder ist?
Ist das von Belang, solange der Patient befriedigt ist?
Kann jemand gesund werden, gleich welcher Therapie er sich unterzogen hat?
Ist er tatsächlich gesünder?
Und was entscheidend ist, könnte man jemanden, der sich nach der Psychotherapie gesünder fühlt, davon überzeugen, daß er in Wirklichkeit nicht gesünder war?
Und wo wir gerade dabei sind: Was heißt eigentlich »gesünder«?
Subjektive Berichte von Patienten gleich welcher Therapie sind nicht immer zuverlässig. Es gibt genauso viele Menschen, die sich mit ihren Problemen der Religion zuwenden und Heilung für sich in Anspruch nehmen, wie es sie in der Psychotherapie gibt.
Doch wenn wir über etwas anderes reden als über vorübergehende Gefühle, über etwas, das grundlegende biologische Veränderungen bewirkt, betreten wir ein anderes Gebiet. Denn allen anderen Methoden gemeinsam ist ein Mangel an dauerhafter Veränderung. Man muß mit dem Jogging weitermachen, um die Spannung zu reduzieren. Man muß häufig meditieren, um sich beständig besser zu fühlen. Die Wiederverknüpfung mit dem Urschmerz heißt nicht nur, Spannung zu reduzieren, sie eliminiert sie zunehmend. Aus diesem Grund weisen ehemalige Patienten, die fünf Jahre in Behandlung waren, ähnliche und beständige Veränderungen der Hirnwellenmuster und charakteristische Veränderungen der vitalen Körperfunktionen auf.
Ich glaube, man kann mit Gewißheit sagen, daß nicht jeder weiß, wie er sich fühlt. Die Existenz von Urschmerz und Verdrängung weist darauf hin, daß ein Mensch sich seiner wirklichen Gefühle nicht bewußt ist. Könnte der Mensch es fühlen, wüßte er es. Kann er nicht fühlen, dann nimmt er nur Grade der Spannung wahr. Bei weniger Spannung fühlt man sich »besser«. Glaube allein vermindert Spannung und bringt einen Menschen dazu, sich gesünder zu fühlen, was ihn wiederum an seinen Therapeuten und seine Therapie glauben läßt. Es ist ein Perpetuum mobile von Glauben—Spannungsverringerung—Glauben.
Es gibt keine äußerlichen Hinweise, die einem sagen, ob ein Mensch gesünder ist oder nicht. Sie können uns nur die Art und Weise mitteilen, in der sich ein Mensch anders verhält. Die einzig wahren Hinweise auf »Gesundung« sind innere; und in Wahrheit wird niemand jemals wirklich »gesünder«, er wird nur er selbst.
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