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V.  Forschung

 

 

  1. Einleitung  

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Es gibt im wesentlichen zwei Wege, den Fortschritt einer Psychotherapie zu validieren: man prüft, was der Geist sagt, und man prüft, was der Körper sagt. Prüfungen der geistigen Vorgänge werden psychologische Tests genannt — wie beispielsweise der Rorschach-Test, die Satzergänzung und der thematische Apperzept­ions­test (TAT). 

Bei der Prüfung von körperlichen Vorgängen spricht man von physiologischen Messungen — wie Herzschlag­frequenz, Pulsfrequenz und Körpertemperatur. Ich bin der Ansicht, daß es keine psychologische Validität ohne eine begleitende physiologische Validität gibt. Wenn der Körper ungeachtet dessen, was der Geist sagt, weiterhin Spannung registriert, dann ist der betreffende Mensch nicht in Ordnung. Und er ist ebenfalls nicht in Ordnung, wenn das umgekehrte Verhältnis vorliegt, das heißt, wenn der Körper ein niedriges Spannungsniveau zeigt, und der Betreffende sich dennoch schlecht fühlt. Ich wiederhole ein altes Thema, wenn ich sage, daß wir eine Einheit sind; obgleich wir diese Einheit zu Untersuchungszwecken (psychologisch-physiologisch) zerlegen können, müssen wir darauf achten, daß wir unsere Abstraktionen nicht vergegenständlichen.

Gegenwärtig glauben Tausende von Menschen, die mit Psvchotherapie im weitesten Sinne in Berührung kamen, sie fühlten sich nun besser. Nähme man an ihnen mit sehr verfeinerten Instrumenten Messungen vor, um das tatsächliche Spannungsniveau festzulegen, so würde man herausfinden, daß Geist und körperliche Verfassung keineswegs miteinander harmonieren. Geht es jemandem wirklich gut, wenn er denkt, es gehe ihm gut? Nein. Es geht einem nur dann gut, wenn der ganze Organismus dies ausdrückt.

Im Hinblick auf diesen Sachverhalt hat das Primärinstitut jetzt ein Forschungslaboratorium eingerichtet, in dem mit den vorhandenen elektronischen Meßinstrumenten viele Einzelheiten der physiologischen Arbeitsweise des Organismus gemessen werden können.

Ferner werten wir dort Hirnstromkurven mit Hilfe von Computern aus, so daß wir in der Lage sind, feine Veränderungen der Hirnströme zu messen und festzuhalten. Auf der Grundlage einer zufälligen Auswahl führen wir Interviews mit solchen Patienten, die sich mindestens fünf Monate lang der Primärtherapie unterzogen haben. Dabei handelt es sich um tiefenpsychologische Interviews von mindestens einer Stunde, die das Ziel verfolgen, die subjektiven Gefühle der Patienten zu erhellen; wir sind besonders an Symptomveränderungen interessiert, die der Patient selber beobachtet. 

Die Tatsache, daß Symptome verschwinden, ist von besonderer Bedeutung, auch wenn sie nur einen Teil der Fragestellung betrifft, da es in der Behandlung meistens möglich ist, genug Spannung abzubauen, damit Symptome weichen. Uns liegt daran herauszufinden, ob nach dem Verschwinden eines Symptoms ein hohes Niveau von Spannung übrigbleibt. Ist dies der Fall, so wird das Symptom unter Streßbedingungen wieder auftreten. Wenn das Spannungsniveau dagegen auf Dauer niedrig liegt, können wir mit größerer Sicherheit sagen. das Symptom sei mit Erfolg verschwunden, es sei geheilt.

 

Subjektive Berichte sind etwas sehr Entscheidendes; sie sollten keineswegs als »nicht-objektive Aussagen« abgetan werden. Die Tatsache, daß ein Epileptiker keine Anfälle mehr bekommt, ist ein wichtiges statistisches Faktum — ein objektives Faktum, wie man sagt. Wenn er aber auch noch sagt: »Ich weiß, was es mit meiner Epilepsie auf sich hat und weiß auch genau, wie ich meine Anfälle verhindern kann«, dann ist das ebenfalls eine bedeutsame Aussage; ganz besonders, wenn er tatsächlich Anfälle kontrollieren und verhindern kann. Eine Aussage wird doch nicht nur dadurch objektiv, daß ein Außenstehender einen anderen Menschen beurteilt und Zahlenwerte über ihn notiert. 

Ein Psychoanalytiker, der ein Buch über Primärtherapie beurteilt, ist nicht notwendigerweise objektiv, denn er hat sich in subjektiver Hinsicht nicht auf die Primärtherapie eingelassen; seine Betrachtungsweise wird durch seinen subjektiven Zustand beeinflußt, durch seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule und durch andere Umstände. Distanz und Objektivität entsprechen einander nicht. Objektivität ist die Fähigkeit, etwas klar sehen und die Realität einschätzen zu können. Ich behaupte, daß derjenige wirklich objektiv ist, dessen subjektive Schmerzen gelöst sind und der dadurch die Realität als das ansehen kann, was sie ist. Ein solcher Mensch wird objektiv sein.

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Ein Patient nach der Primärtherapie ist wahrscheinlich der objektivste Beobachter seines eigenen Fortschritts. Wie könnte ein Außenstehender beurteilen, wie tief die Depressionen dieses Patienten vor der Behandlung waren, wie grausam seine früheren Kopfschmerzen und wie massiv der Kummer über den Verlust von Frau und Kindern war?

In antithetischer Formulierungsweise heißt das, daß ein Mensch, der höchstgradig subjektiv ist — nämlich derjenige, der am meisten von sich selbst erfahren hat —, objektiv wird; dagegen wird der Mensch, der (von sich selbst) distanziert ist, zum Objekt oder Opfer seines verborgenen Selbst, d.h. er wird »subjektiv«. Diese subjektive Kraft beeinflußt ihn in der Wahl seines Forschungs­gebietes, der Daten oder Meßwerte, die er für relevant hält und auch darin, wie er die gewonnenen Informationen interpretiert. Derselbe subjektive Einfluß kann auch bewirken, daß ein Mensch (aus unbewußter Furcht heraus) keine Interpretationen gibt, weil ihn das in das Gebiet von Vorstellungen und Meinungen bringen würde. Das führt dann dazu, daß die einzelnen Untersuchungsergebnisse, wie es oft geschieht, für sich alleine stehen. Daher gibt es alljährlich Tausende von Forschungs­projekten, zwischen denen kein Zusammenhang besteht und die auch nicht mit einer festgefügten Theorie verbunden sind, die sie aufnehmen und in einen Sinnzusammenhang stellen könnte.

Solange bedeutsame unbewußte Einflüsse vor dem Bewußtsein abgeschirmt sind, gibt es keine Möglichkeit für Objektivität. Wir sind objektiv, wenn das Selbst zu gleicher Zeit Subjekt und Objekt ist - wenn nichts von uns selber ein von der subjektiven Erfahrung losgelöstes Objekt ist; die Erfahrungen, über die ein objektives Selbst berichtet, sind gültig und objektiv.

Wir bemerken diese Umwandlung von Subjektivität in Objektivität an den Eltern, die in einer Primärtherapie waren; vor der Behandlung waren sie so auf sich selbst bezogen und so abgelöst von ihren Kindern, daß sie deren Leiden nicht objektiv einschätzen konnten. Nach der Behandlung konnten sie ihre Kinder klar und objektiv sehen. Die Sozial­wissen­schaftler vergessen manchmal, daß sie sich selbst in die Daten ihrer Forschung einbringen. Besonders auf dem Gebiet ihrer Psychotherapie beeinflussen sie die Ergebnisse und wählen aus. Sie werden selbst zu einer Variablen, die man in Rechnung stellen muß. Ich möchte betonen, daß emotionales Unbeteiligtsein nicht für Objektivität spricht; im Gegenteil, es spricht für neurotisches Verhalten.

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Wir werden, soweit unsere Forschung fortschreitet, Objektivität quantitativ ausdrücken können. Wir sind dabei, Hirnströme als einen Teil der Abwehrstruktur zu identifizieren. Wenn bei Neurotikern die Frequenz der Hirnstromwellen auf künstliche Weise, etwa durch Meditation, verringert wird, stellt sich ein ausgleichendes Ansteigen der Wellenamplitude ein. Das heißt, je weniger die Steuerungsfunktionen des Gehirns arbeiten, desto offener ist es für Erinnerungsschleifen von Urgefühlen und umso größer ist auch der Reizzuwachs durch solche Gefühle — und das treibt die Amplitude der Hirnströme in die Höhe. In unserem Begriffsrahmen sprechen wir von einem stärker unterdrückten Organismus und einem stärker verteidigten Gehirn. Die Amplitude der Hirnstromkurve ist im wesentlichen eine Funktion des Betrags impulsgebender Neuronen. Je mehr Schmerz im Zustand der Verdrängung gehalten wird, um so größer ist die Zahl der dazu erforderlichen aktivierten Neuronen. Neurotiker haben ein erheblich tätigeres Gehirn, und das heißt gleichzeitig, ein Gehirn, das leichter zu verwirren ist, weniger konzentrationsfähig ist und sich schwerer in den Schlafzustand bringen läßt. In unseren ersten repräsentativen Erhebungen finden wir, daß die Wellenamplitude ein Hauptzeichen für die Verdrängung ist — und damit für die Neurose.

Ein sich stark verteidigendes Gehirn besitzt nicht die Eigenschaft der Objektivität. Daher sollten wir annehmen, wenn sowohl Frequenz wie auch Amplitude abfallen, wie es bei Primärpatienten der Fall ist, daß dann der Betreffende objektiver wird; das jedenfalls berichten die Patienten. Sie können »ihre« Angelegenheit von der anderer unterscheiden; sie wissen, wann ein anderer seine Neurose auf sie projiziert und werden nicht mehr mit hineinverwickelt. Wenn sie mit sich eins werden, können sie die Außenwelt von ihrem Inneren trennen. Ungeachtet dessen, was jemand über sein Befinden sagt, vermag uns das elektro-enzephalographische Hirnstromwellenmuster in dieser Hinsicht eine genauere Auskunft zu geben. Wir haben die Hypothese, daß ein empfindender Mensch in seinem Hirnstromniveau »niedrig und langsam« ist.

Welche Bedeutung hat die Forschung für unsere Therapie? Wir müssen herausfinden, ob wir nicht Selbsttäuschungen unterliegen; wir müssen herausfinden, ob sich die Veränderungen, wenn Menschen sich besser fühlen und ihre Symptome verlieren, wirklich in ihrer körperlichen Verfassung widerspiegeln. Wir beobachten den Behandlungsfortschritt bei einem Epileptiker (auch bei Nichtepileptikern) und sehen, wie die Hirnstromwellen sich in voraussagbarer Richtung verändern, zusammen mit einem Absinken des Blutdrucks, der Herzschlagfrequenz und so weiter.

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Mich verwundert es sehr, daß tagtäglich an allen Orten der Welt Therapeuten Patienten behandeln und überhaupt keine Vorstellung davon haben, was mit ihren Patienten physiologisch gesehen vor sich geht. Therapeuten können für Jahrzehnte praktisch tätig sein und nicht ein einziges Mal mit Sicherheit wissen, ob sie für ihre Patienten irgendetwas Gutes tun.

Das gleiche Problem gilt auch für psychiatrische Beurteilungen. Was wird denn beurteilt, wenn sich ein Mensch für eine Untersuchung zu einem Psychiater begibt? Seine Abwehr, nicht sein körperlicher Zustand. Es kann sein, daß jemand mit einer guten, sozial erprobten, intellektuellen Abwehr eine gute Beurteilung erhält, während jemand, dessen Abwehr nicht gut arbeitet, im Bericht des Psychiaters auch nicht gut wegkommt. Aber wer ist kranker?

Wir haben unser Vertrauen mehr in Fachleute als in uns selber gesetzt; die Fachleute wiederum haben ihr Vertrauen auf Zahlen und Kategorien gesetzt. Wieviel fachliche Kenntnis ist denn überhaupt nötig, um zu wissen, daß man schreiende Säuglinge auf den Arm nehmen muß? Etwa ebenso viel, wie man braucht, um zu erkennen, daß Krieg etwas Schlechtes ist. Welche Art von Statistik erweist, daß man schreiende Säuglinge aufnehmen muß und daß Krieg eine schlechte Sache ist? Empfindungsfähige Menschen wissen die Antwort, da sie ihr Erleben empfinden und etwas daraus lernen. Neurotiker können aus ihren Erfahrungen nichts lernen, weil sie sie nicht erleben; sie sammeln Daten — um das, was sie nicht empfinden können, zu erweisen.

Warum haben uns die vielen sozialwissenschaftlichen statistischen Untersuchungen des vergangenen halben Jahrhunderts kein Heilungsverfahren für die Neurose beschert oder uns wenigstens einem solchen Verfahren näher gebracht? Schuld daran ist meiner Ansicht nach das sachliche Mißverständnis, demzufolge die Wahrheit etwas Statistisches statt etwas Biologisches ist. Wir haben auf Verallgemeinerungen gebaut. Mittlerweile sind die Hauptfortschritte, die auf diesem Gebiet stattfanden, von Denkern und Theoretikern gemacht worden, die sich nicht mit Quantitätsbestimmungen zufrieden gegeben haben. Noch immer ist es nahezu unmöglich, einen Aufsatz spekulativer Art (im Gegensatz zu statistischen Arbeiten) in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Es gibt wenig Platz für Vorstellungen und Ideen auf einem Gebiet, das schon mit statistischen Untersuchungen überfüllt ist.

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Die Wissenschaftler verlangen über die Wirksamkeit der Primärtherapie hinaus weiteres Beweismaterial; darin haben sie recht. Aber die Frage ist: wie ist Evidenz oder eine beweisende Aussage beschaffen? Besteht Evidenz nur in objektiven Zahlenangaben auf graphischen Darstellungen oder können auch Gefühle so etwas wie evident sein? Für denjenigen, der sie erlebt, sind Gefühle gewiß Tatsachen. Diese Gefühle bilden einen Teil der Validierung oder des Gültigkeitsnachweises. Einige Wissenschaftler, die eine Primärtherapie machen wollten, haben vor dem Behandlungsbeginn nach genaueren Forschungsergebnissen gefragt. Nach einem Urerlebnis waren sie an »objektiven« Angaben nicht mehr interessiert, da die intensive innere Erfahrung sie mit der einzig bedeutsamen Angabe versorgte, derer sie bedurften.

Warum ist man gerade auf diesem Gebiet so abgeneigt gewesen, Gefühle als einen angemessenen und ausreichenden Beweis anzusehen? Unter psychologischem Gesichtspunkt kann man den Grund angeben, daß wir auf die Überzeugung hin erzogen wurden, (unsere) Gefühle zählten nicht. Es reicht nicht hin, wenn wir zu unseren Eltern sagen: »Ich werde das und das machen, weil mein Gefühl danach ist«. Für gewöhnlich müssen wir uns rechtfertigen, Gründe anbieten und genaue Angaben machen, warum wir etwas tun wollen. Auf diese Weise fahren wir uns in einem Begründungsbedürfnis fest.

Besteht Evidenz in dem, worin eine Gruppe von »Fachleuten« übereinstimmt? Kann eine Sache durch den Konsens neurotischer Sozialwissenschaftler validiert werden? Hierfür ist die Psychoanalyse ein einschlägiger Fall. Tausende von Analytikern stimmen hinsichtlich der Validität der psychoanalytischen Therapie überein; wenn es anders wäre, würden sie sie nicht ausüben, nehme ich an. Jahrzehnte »objektiver« analytischer Forschung haben die Theorie und die therapeutische Praxis wenig verändert. Warum? Weil die gewonnenen Informationen psychoanalytisch interpretiert wurden — ein Im-Kreise-Gehen. Nach der analytischen Theorie ist es beispielsweise ein Zeichen von Reife, wenn man fähig ist, Befriedigung aufzuschieben. Wenn ein Patient also berichtet, das könne er, so wird der analytische Forscher auf der Reife-Skala einen Pluspunkt verzeichnen. Ich käme nicht auf den Gedanken, die Verzögerung eines Genusses könne Reife bedeuten; ich rechne das zur Neurose.

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In der analytischen Forschung aber stellt der Aufschub von Befriedigung, in einem Zirkelschluß, einen objektiven Wert dar und dient dazu, die Theorie zu validieren.

Die verhaltenstherapeutische Forschung bringt meistens ausgeklügelte Statistiken hervor. Aber auf welche Angaben werden die Statistiken angewandt? Auf das Verhalten. Nicht auf Angaben, die mit Gefühlen und inneren Zuständen zu tun-haben. Diese verhaltensorientierten Daten beweisen die Richtigkeit und Gültigkeit der verhaltenswissenschaftlichen Theorie. Man nennt diese Wissenschaftler »Verhaltenswissenschaftler«, was schon darauf hinweist, welcher Anteil der Daten unter dem Aspekt von Wichtigkeit und Relevanz erforscht wird.

Wie kann man veranschaulichen, daß die Daten, die von diesen verschiedenen, auseinandergehenden theoretischen Forschungs­gruppen gesucht werden, falsch sind? Wenn das Verhalten allein die conditio sine qua non darstellt, wird damit wenig gewonnen, da die Angaben, die sich nicht auf das Verhalten beziehen, als irrelevant erachtet werden. Demzufolge wird in der verhaltenstherapeutischen Forschung gemessen, wie sich jemand nach der Behandlung verhält, und die Statistiken dienen wieder dazu, die Theorie zu validieren. Verhaltenstherapeuten haben das Verhalten im Auge, und das Beste, was ihre Patienten tun können, ist, sich w verhalten. Analytiker achten vorzugsweise auf das, was ihre Patienten sagen, und diese Patienten sagen gelegentlich das, was der Analytiker (und der Patient) hören will. Im Grunde sind beide Verfahrensweisen überholt, da sie den Menschen zerlegen, um selbstbestätigende Voraussagen zu erhalten.

Wissenschaftliche Evidenz ist etwas, was man reproduzieren und wiederholen kann. Daher sollten die Ergebnisse einer Therapie — wenn sie eine wissenschaftliche Grundlage hat — immer wieder zu erzielen sein. Unglücklicherweise hängt das meiste, was heute als Therapie praktiziert wird, von der Persönlichkeit des Therapeuten ab. Die Therapie ist zu einer Kunst geworden, weil sie keine Wissenschaft gewesen ist. Die Primärtherapie reproduziert sich tagtäglich in identischer Weise. Wir erzielen unabhängig davon, welcher The-rapeut sie durchführt (er muß nur ausgebildet und fähig sein), die gleichen Ergebnisse; und diese Ergebnisse werden für jeden Patienten in Meßwerten festgehalten.

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Seit kurzem stützen wir uns für unsere Untersuchungsergebnisse sehr auf »Kontrollgruppen«.— indem wir einer Gruppe (mit Therapie) eine ähnliche (ohne Therapie) gegenüberstellen —, um unsere Befunde zu erheben. Das Problem der Kontrollgruppen liegt darin, daß es von Menschen keine Kopien gibt. Ebensowenig kann ihre Geschichte vervielfältigt werden. Die einzige reale Kontrolle, die man bei der Erlangung von Untersuchungsdaten und Befunden einsetzen kann, ist der Patient selbst, vor und nach der Behandlung. Diese Kontrolle ist individuell und spezifisch zugleich.

Es stellt sich die Frage, ob wir nicht die neurotischen Tugenden der Skepsis, Vorsicht und Objektivität zu einem wissen­schaft­lichen Prinzip erhoben haben, so daß die Sozialwissenschaft in mancher Hinsicht unsere Neurosen widerspiegelt. Weil wir auf der Suche nach objektiver Wahrheit unsere Körper weit hinter uns zurückgelassen haben, vergaßen wir, daß etwas als wahr empfinden gleichbedeutend damit ist, daß es wahr ist.

Wir haben uns auf Zahlen und Statistiken verlassen, weil wir nicht empfinden - weil wir nicht richtig subjektiv sein können -, und es wird nie genügend Statistiken geben, um einem empfindungsunfähigen Menschen zu beweisen, was es mit Gefühlen auf sich hat. Wissenschaftliche Skepsis ist meistens eine lohnende Tugend; sie schützt davor, sich unberechtigten Schlußfolgerungen zu überlassen. Unglücklicherweise ist jedoch diese Skepsis — wenn sie sich in der Art äußert: »Wir können nicht wirklich sicher sein« (in bezug auf jede Sache) - oft ein Deckmantel unserer Unfähigkeit, unserer selbst in irgendeiner Sache sicher zu sein. So gibt sich ein unsicherer Mensch damit zufrieden, ständig Informationen zum Selbstzweck zu sammeln, um dadurch jede Notwendigkeit zu verhindern, auch Schlüsse aus diesen Informationen zu ziehen.

Die gleiche Skepsis führt den übervorsichtigen Wissenschaftler auch dazu, ständig mehr Zeit zu fordern. Er möchte sehen, wie sich etwas über eine lange Zeitstrecke hinweg verhält, bevor er ein abschließendes Urteil fällt; eigentlich eine bewundernswerte Eigenschaft. Nur leider wird »Zeit« in diesem Sinne zu oft verherrlicht, als hätte sie etwas Magisches an sich. Langzeit-Unter­suchungen brauchen keineswegs etwas zu beweisen, wenn die Forschungsgrundlage falsch ist. Ein Verhaltens­therapeut kann beispielsweise jemanden, der an Freßsucht leidet, abschrecken und ihm gleichzeitig über mehrere Monate hinweg schmackhafte Leckerbissen vorsetzen. Dieser Konditionierungsvorgang läuft so lange, bis der Betroffene nicht mehr essen »mag«. Er kann abnehmen und zwei Jahre lang schlank bleiben. Und eine Langzeit-Untersuchung über die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie bei Freßsucht kann diese Methode als gültig erweisen.

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 Was aber bedeutet die Zahl »zwei« (Jahre)? Ziemlich wenig, wenn sie nicht mit biologischen Angaben verknüpft ist. Der Patient mag nun schlanker sein, aber auf längere Sicht auch empfänglicher für Herzanfälle, die mit der erhöhten Spannung zusammenhängen.

In einer autoritären Gesellschaft werden Forschungsergebnisse zum Summum bonum, weil neurotisches Verhalten bedeutet, daß man nicht seinem Körper und seinen Gefühlen vertraut, sondern geistigen Abstraktionen. In der autoritären Gesellschaft lernen wir, Experten zu vertrauen — der Elite, der politischen wie der psychologischen. Nur »qualifizierte« Personen dürfen über den Zustand unserer geistigen Gesundheit ein Urteil abgeben. Und wodurch sind diese Fachleute qualifiziert? Viel zu oft durch ein Studium von Philosophie, Theorie und Statistik. Nach einem jahrelangen Studium überholter Theorien soll der geprüfte oder gar promovierte Therapeut sich plötzlich darüber äußern, wer gesund und wer krank ist.

Die folgenden Forschungsberichte sind weder wichtiger noch objektiver als die an anderer Stelle erwähnten Fallgeschichten. In ihnen wird lediglich anderes Beweismaterial für die Wirksamkeit der Primärtherapie vorgelegt.

Die folgenden beiden Abschnitte untersuchen den primärtherapeutisch behandelten Patienten, sowohl psychologisch wie auch physiologisch. Die Ergebnisse sollten zusammenlaufen und miteinander in Übereinstimmung stehen. Wir können nicht zu sogenannten gültigen psychologischen Befunden kommen, wenn die zugehörigen physiologischen Befunde davon abweichen. Obgleich wir den Patienten wegen unserer Untersuchungsabsichten einmal psychologisch und einmal physiologisch betrachten, müssen wir stets berücksichtigen, daß er eigentlich ein einheitliches Wesen ist. Nur kreuzvalidierte Angaben können wirklich gültig sein. In der Wirklichkeit gibt es kein psychisches Verhalten; es kann nur ein psychobiologisches Verhalten geben.

 

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2. Nachuntersuchungen an 

primärtherapeutisch behandelten Patienten

 

Unlängst haben wir ein Forschungsprogramm begonnen, das systematische Nachuntersuchungen von primärtherapeutischen Patienten betrifft. Im folgenden stellen wir die Ergebnisse vor, die in einer ausgewählten Untersuchung von fünfundzwanzig primärtherapeutischen Patienten gewonnen wurden, die fünf Monate oder länger in Primärtherapie waren. Wir untersuchten sowohl Patienten, die noch in Behandlung sind, wie auch solche, deren Behandlung bis zu drei Jahre zurückliegt. Sie hatten Fragebogen auszufüllen und sich einstündigen, mit dem Tonband festgehaltenen Interviews mit dem Untersucher zu unterziehen. Im Anhang finden sich ausgewählte Nachschriften dieser Interviews. Der Fragebogen enthielt folgende Fragen:

  1. Wie lang waren Sie in Behandlung? Wie oft nahmen Sie nach den ersten drei Wochen an Gruppensitzungen teil?

  2. 2. Betrachten Sie sich als geheilt oder teilweise geheilt? Geht es Ihnen jetzt besser, genauso oder schlechter als vor Beginn  Therapie?

  3. Welche besonderen Beschwerden sind zurückgeblieben, welche wurden geheilt?

  4. In welcher Behandlung waren Sie vorher?

  5. Würden Sie sich je einer anderen Art von Behandlung unterziehen?

  6. Was an der Primärtherapie hat Ihnen besonders geholfen?

  7. Was haben Sie an der Primärtherapie auszusetzen? Wie würden Sie sie verbessern?

  8. Würden Sie die Primärtherapie anderen empfehlen?

  9. Wie haben sich Ihr Verhalten und Ihr Lebensstil verändert?

  10. Haben Sie noch Urerlebnisse? Wie oft?

  11. Rauchen Sie? Trinken Sie? Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein? Überessen Sie sich gelegentlich?

  12. Haben Sie nach oben Genanntem das Bedürfnis?

  13. Beschreiben Sie Ihr Sexualleben.

  14. Beschreiben Sie Ihr alltägliches Leben (Beruf, Familie, Kinder etc.).

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Weil »Heilung« immer eine sehr individuelle Angelegenheit ist, war es schwierig, die Antworten auf einige unserer Fragen in einer einfachen Aufstellung zusammenzutragen. In solchen Fällen werde ich jeweils eine Auswahl der verschiedenen Antworten wiedergeben. Bei zwei Fragen gab es eine hundertprozentige Übereinstimmung. Bei Frage 5: »Würden Sie sich je einer anderen Art von Behandlung unterziehen?« war die Antwort einstimmig: »Nein«, und bei Frage 8: »Würden Sie die Primärtherapie anderen empfehlen?« war die Antwort einstimmig: »Ja«. Dabei wurde jedoch eine Einschränkung gemacht; nahezu alle der Befragten sagten, sie würden nicht kämpfen, um jemanden von der Therapie zu überzeugen; sie würden sie anderen lediglich empfehlen.

Das Alter dieser Patienten lag zwischen vierundzwanzig und vierundfünfzig Jahren. Davon waren sieben in den Zwanzigern, zwölf in den Dreißigern und die restlichen, bis auf einen Patienten, der über fünfzig war, in den Vierzigern. Sechs der Patienten waren kurz zuvor geschieden worden, dreizehn waren verheiratet und sechs alleinstehend. Dreizehn der Patienten waren Frauen und zwölf Männer.

 

Wie lang waren Sie in Behandlung? Wie oft nahmen Sie nach den ersten drei Wochen an Gruppensitzungen teil?

Bei fünfzig Prozent der Befragten lag die Dauer der Behandlung zwischen fünf und acht Monaten, bei fünfzehn Prozent zwischen acht Monaten bis zu einem Jahr; bei dreißig Prozent zwischen einem und eineinhalb Jahren und bei fünf Prozent bei zwei Jahren und länger. Viele der Befragten glaubten noch, sie wären weiterhin in Behandlung, obgleich sie nur gelegentlich kamen, wenn sie ein Urerlebnis haben mußten. Sie sagen, einer der Vorteile der Primärtherapie sei, daß man fast jederzeit kommen und in einer Gruppe ein Urerlebnis haben könne. Deshalb kann man schwer sagen, wer noch Patient ist und wer nicht mehr. Am Anfang kommen die Patienten normalerweise für die ersten vier oder fünf Monate dreimal wöchentlich zu einer Gruppensitzung; später häufig nur alle drei Monate einmal. Ich habe beobachtet, daß sich zwischen dem sechsten und dem achten Monat der Behandlung ein allgemeiner Wendepunkt zeigt. Es ist der Punkt, an dem »keine Rückkehr« mehr möglich ist, das heißt, der Punkt, da der Patient sehr offen ist und nicht mehr zurückgehen und wieder neurotisch werden kann, selbst \venn er das wollte. Von da an geht es mehr um die Frage, ob sich die Urerlebnisse entweder zu Hause oder in einer Gruppe, oder auch

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an beiden Orten abspielen. Ich würde sagen, daß die Hauptarbeit in Bezug auf das Niederbrechen der Abwehr in den ersten sechs Behandlungsmonaten stattfindet. Es gibt jedoch auch Fälle, bei denen dieser Prozeß bis zu achtzehn Monaten beanspruchen kann. Demgemäß beantworteten fast alle unserer Patienten Frage 10: »Haben Sie noch Urerlebnisse?« mit: »Ja.« Bei den Patienten, die mit der Therapie anfangen, finden Urerlebnisse mehrere Male in der Woche statt, bei Patienten, die die Achtmonatsmarke überschritten haben, etwa einmal pro Woche und bei den restlichen etwa ein bis zwei Mal pro Monat. Um den achten Monat herum pflegen die meisten Patienten zu sagen: »Ich weiß, wann ich etwas empfinde, wann ich etwas blockiere und auch, wie ich unverzüglich an diese Gefühle herankommen kann. Ich verschließe mich nicht mehr vor meinem Schmerz.«

 

Betrachten Sie sich als geheilt oder teilweise geheilt? Geht es Ihnen jetzt besser, genauso oder schlechter als vor Beginn der Therapie?

»Geheilt« bedeutet, daß man entweder keine Urerlebnisse mehr hat oder nur noch äußerst selten. Das weist auf geringen oder keinen restlichen Schmerz hin. Drei der untersuchten Patienten betrachteten sich als geheilt. Es waren zugleich auch die, die am längsten aus der Behandlung heraus waren - seit zwei oder drei Jahren.

»Teilweise geheilt« ist als überwiegend spannungsfreier Zustand definiert, der periodisch, immer wenn Spannung entsteht, durch Urerlebnisse unterbrochen wird. »Besser gehen« heißt, daß der Patient zu bestimmten Gelegenheiten immer noch ausagiert, anstatt zu empfinden. Mit Ausnahme einer Patientin, die angab, es ginge ihr besser, betrachteten sich alle untersuchten Patienten als teilweise geheilt. Niemand meinte, es ginge ihm genauso oder gar schlechter als vor Beginn der Behandlung.

Eine häufig gemachte Aussage war, daß die Patienten zwar ein Ende der Behandlung, nicht aber ein Ende des Schmerzes sehen. Sie glauben, daß Urerlebnisse zum Leben gehören, eine Art Lebensstil darstellen, und daß sie nach Möglichkeit in den kommenden Jahren noch Urerlebnisse haben werden. Unsere zukünftigen Nachuntersuchungen werden das überprüfen. Alle gaben der Überzeugung Ausdruck, daß dies die Therapie schlechthin sei und daß sie die einzig richtige Behandlungsweise seelischer Störungen darstelle; aber sie fragen, wann, wenn überhaupt, eine vollkommene Heilung eintreten wird.

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Welche spezifischen Beschwerden sind zurückgeblieben, welche wurden geheilt?

In Übereinstimmung mit den Äußerungen der fünfundzwanzig Patienten werde ich genau die Beschwerden aufzählen, die beseitigt wurden: hoher Blutdruck, hohe Pulsfrequenz, Arthritis, Schilddrüsenunterfunktion, chronische Verstopfung, Kopfschmerzen, Allergien, Rückenschmerzen, Dickdarmentzündung, Magengeschwüre, Schwindel, Alkoholismus, Schmerzkrämpfe bei der Menstruation, Hautstörungen, Hämorrhoiden, Bauchschmerzen, Brechreiz und Zähneknirschen. Ich zögere bei einer solchen Aufstellung, weil sie der Primärtherapie den Anschein einer Panacea oder eines Allheilmittels gibt. Wir müssen verstehen, daß Spannung, die sich während unserer frühen Entwicklung bildet, auf unsere biologischen Systeme einen erhöhten Druck ausübt, so daß der jeweils schwächste Punkt angegriffen wird. Wenn die Spannung nachläßt, ist zu erwarten, daß die Symptome — welche auch immer infolge des vorausgegangenen inneren Druckes entstanden waren — verschwinden; allerdings gilt das selbstverständlich nur, sofern kein irreversibler Organschaden aufgetreten ist. Geschädigtes Gewebe können wir nicht erneuern. Der Blutdruck kann bis auf gelegentliche Situationen nicht unverzüglich gesenkt werden; hier ist ein längerer Zeitraum erforderlich, so daß die Senkung erst nach einigen Behandlungsmonaten eintreten wird. Das gleiche trifft für die Schilddrüsenunterfunktion zu. Die Heilung besteht hier nicht allein in einem subjektiven Befinden, nämlich darauf bezogen, daß der Patient auch nach Abbruch der medikamentösen Behandlung keines seiner gewohnten Symptome mehr zeigt, sondern ebenso in ärztlichen Laboruntersuchungen, die eine Veränderung der Schilddrüsenfunktion anzeigen.

Frauen berichten zu Beginn der Behandlung häufig über Schmerzkrämpfe bei der Menstruation; während der ersten Behand­lungsmonate geben sie an, daß sie nicht mehr, wie noch kurz zuvor, Medikamente brauchen, um ihre Menstruations­beschwerden zu lindern. Die interessanteste Veränderung zeigt sich bei Arthritis. Die Patientin, die unter Arthritis litt, sagte, so lange sie sich ihres Handelns nicht bewußt war, habe sie sich gegen den Schmerz versteift; in einem Urerlebnis habe sie dann empfunden, wie sie sich gegen den anstürmenden Schmerz versteifte und arthritische Symptome entwickelte. Sie sagte anschließend, ihre Glieder hätten sich seit Jahren zum ersten Mal wieder wie »geölt« angefühlt.

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Meine ganz allgemeine klinische Beobachtung ist, daß die Symptome umso tiefer im Körper liegen, je stärker die Verdrängung bei dem betreffenden Menschen ist. Ich habe festgestellt, daß Menschen, die mit Magenbeschwerden in die Behandlung kommen, dazu neigen, einen Hautausschlag zu entwickeln, sobald der Schmerz »an die Oberfläche kommt«. Bei Patienten mit Dickdarmentzündung ist die Verdrängung normalerweise am stärksten.

 

In welcher Behandlung waren Sie vorher?

Wieder nenne ich nur die verschiedenen Behandlungsarten, denen diese fünfundzwanzig Patienten sich zuvor unterzogen hatten: transaktionale Analyse*, Psychoanalyse, Begegnungsgruppen, verschiedene bioenergetische Verfahren, an Reich orientierte Therapie, gestaltpsychologisch orientierte Verfahren, Rolfing, Eheberatung, Synanon-Therapie und eklektische, auf Einsicht abzielende Verfahren. Viele waren analysiert worden; an zweiter Stelle stand die Gruppen-Begegnungstherapie und an dritter Stelle die eklektischen, auf Einsicht abzielenden Methoden.

Die Dauer früherer Behandlungen reichte bei diesen Patienten von drei Monaten bis zu dreizehn Jahren. Die größten Zeitspannen fielen dabei auf Psychoanalysen und bioenergetische Verfahren. Die durchschnittliche Behandlungsdauer lag bei dreieinhalb Jahren. Der Gesamtbetrag vorausgegangener Behandlungszeiten belief sich bei diesen fünfundzwanzig Patienten auf sechsundsiebzig Jahre. Nur drei dieser Patienten waren vorher noch nicht in Behandlung.

Viele Patienten, die vorher analysiert worden waren, glaubten aufrichtig, ihnen sei geholfen worden. Das gleiche gilt auch für die anderen Behandlungsformen. Sie hatten sich erst nach der Wiederkehr eines Symptoms oder einer spezifischen Lebenskrise für die Primärtherapie entschlossen; erst nach einigen Urerlebnissen konnten sie die gründlichen Unterschiede zwischen Primärtherapie und anderen Behandlungsformen sehen. Und deshalb sagen sie alle sehr nachdrücklich, daß sie nie mehr eine andere Therapieform in Erwägung ziehen würden.

 

* Siehe Roy R. Grinker, Psychiatry und Socittl Work; a Transactional Case Book, New York, Basic Books, 1961, [A.d.Ü.]

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Was an der Primärtherapie hat Ihnen besonders geholfen?

Zu dieser Frage gab es drei Gruppen von Antworten: 1. Ich bin mit meinen eigenen Gefühlen in Berührung gekommen. 2. Ich habe die Vergangenheit nachempfunden, und jetzt behindert sie die Gegenwart nicht mehr. 3. Mir half es besonders, daß alles, was ich machte, in der Therapie akzeptiert wurde. Jammern, Zornes­ausbrüche, kindlich sein, alles wurde akzeptiert und verstanden. Jeder der Befragten sagte auf die eine oder andere Weise, er habe zu seinem »eingemauerten« Selbst gefunden. Sie betonten den Wen der Tatsache, daß jemand um sie war, der ihnen dazu verhalf, sich sicher zu fühlen.

 

Was haben Sie an der Primärtherapie auszusetzen? 
Wie würden Sie sie verbessern?

Es hat uns gefreut, daß die Kritik an unserer Behandlungsmethode meistens Kleinigkeiten betraf. Natürlich haben wir diejenigen, die von unserer Behandlung ausgeschlossen wurden (etwa zwei Prozent) und die anderer Meinung sein mögen, nicht befragt. Die Gründe, die zum Ausschluß führten, bestanden übrigens für gewöhnlich in der Verletzung unserer Regeln, wenn nämlich Drogen eingenommen wurden, geraucht oder das Vertrauen der Gruppe mißbraucht wurde etc. Diese Patientengruppe mag für später eine eigene interessante Untersuchung abgeben. Die meisten kritischen Einwände bezogen sich auf den Raummangel bei den Gruppensitzungen und den dort herrschenden Lärm. Einige meinten, wir sollten jüngere Menschen zur Behandlung annehmen. Andere Beschwerden waren der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit nach: 1. Mehr Einrichtungen und Therapeuten seien vonnöten. 2. Man solle sich auch später mehr über die Patienten auf dem laufenden halten. 3. Wir sollten beim Aussuchen der Patienten mehr auswählen. 4. Die Behandlung sei zu teuer. 5. Man müsse eine Gemeinschaft der Primärtherapierten mit eigenem Haus gründen, so daß auch stationäre Behandlungen durchgeführt werden können und die Patienten nach einer Primärtherapie nicht isoliert in einer irrealen Welt leben müssen.

 

Wir bemühen uns sehr, die kritischen Einwände zu beseitigen. Zum Beispiel nehmen wir einmal alle sechs Monate eine Woche lang keine neuen Patienten auf und geben in dieser Zeit unseren früheren Patienten die Möglichkeit für eine einwöchige individuelle Behandlung; und das hat sich als sehr hilfreich erwiesen. Wir gründen ferner ständig zusätzlich neue Gruppen und bilden neue Therapeuten aus, aber die Ausbildung erfordert eine lange Zeit, ganz gleich wie erfahren der Therapeut vorher war, und deshalb sind wir im Rückstand. Die Einwände, die sich auf den Lärm beziehen, haben uns dazu bewogen, unsere Behandlungsräume mit allem, was sich die moderne Wissenschaft über Schalldämpfung ausgedacht hat, ausstatten zu lassen.

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Auch der Mangel an weiblichen Therapeuten wurde beklagt. Wir versuchen ihn zu beheben. Aber es gibt einfach weitaus weniger weibliche praktizierende Psychologen und Psychiater. Ich meine auch, daß wir eine Primärgemeinschaft gründen sollten, doch wir können das nicht alles auf einmal machen. Die Patienten müssen ihren Weg in einer Welt gehen, die ich nicht gescharfen habe und über die ich auch nicht gebieten kann. Wir alle müssen unter der bestehenden Ordnung leben, so gut, wie wir es können, solange es nicht genügend Menschen gibt, die sie verändern.

 

Wie haben sich Ihr Verhalten und Ihr Lebensstil verändert?

Das ist eine der Fragen, deren Antworten sich nur schwer zusammenfassen ließen. Die Veränderungen hängen jeweils vom Verhalten vor der Primärtherapie ab. Es gibt jedoch auch hier übereinstimmende oder zusammenfaßbare Antworten. Die bedeutsamste Veränderung, darin stimmten alle überein, ergab sich durch das Fehlen von Spannung. Ohne Spannung war es nicht mehr nötig, sich in Entlastungsgewohnheiten wie Rauchen, Trinken, Masturbation und so weiter auszuagieren. Ohne Spannung gab es nur selten irgendwelche psychosomatischen Symptome.

Nahezu alle Befragten wiesen darauf hin, daß sie nicht mehr in Streitereien oder Auseinandersetzungen irgendwelcher Art verwickelt sind. Das wirkt sich auf verschiedene Weise aus. Die Aktivitäten derer beispielsweise, die politisch tätig waren, sind geringer geworden. Sie stellen fest, daß sie nicht mehr »darauf brennen, die Welt zu verändern«. Diejenigen, die früher alle Mühen in Kauf genommen haben, um sich kein Fußballspiel entgehen zu lassen, haben davon Abstand genommen. Es gibt generell weniger Auseinandersetzungen mit den Eltern, weil der Kontakt zu den Eltern lockerer geworden ist. In einigen Fällen allerdings berichten die Patienten, sie seien ihren Eltern näher gekommen, weil sie nicht mehr versuchen, die Eltern entsprechend ihren eigenen Bedürfnissen zu verändern. Sie können ihre Anspannung ablegen und sind den Eltern gegenüber weniger fordernd.

Der dritte Komplex von Antworten bezieht sich auf die Einnahme von Medikamenten. Nahezu alle Patienten haben vor der Behandlung reichlich Medikamente verordnet bekommen. Einige nahmen täglich bis zu acht Tabletten eines schweren Schlafmittels ein. (Ich bin sicher, diese Dosis wäre für sie jetzt nahezu tödlich.)

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Andere nahmen täglich sechs bis zehn Aspirin oder Beruhigungsmittel oder Schlaftabletten, Muskelrelaxantien und Antidepressiva. Alle sind sie völlig von den Tabletten abgekommen und haben auch kein Bedürfnis mehr danach.

Der vierte Komplex betrifft Ehe und Kinder. Alle behaupten, in gutem ehelichem Einverständnis zu leben und gelöste, wenig nervöse Eltern zu sein. Eheliches Einverständnis oder Anpassung bedeutet dabei seltene Streitereien, wenig gegenseitige Forderungen und gute Zusammenarbeit hinsichtlich aller Dinge, die Haushalt und Kinder betreffen; und zwar weil keiner der Ehepartner sich dem anderen gegenüber als Vater oder Mutter gebärdet, sondern den anderen als gleichberechtigten Partner behandelt. Frauen finden an den einfachsten Freuden wie zum Beispiel am Kochen neues Vergnügen. Wer vorher eine zwanghafte »Mutter« war und in zwanghafter Weise kochte und putzte, wird dieses Verhalten nach der Therapie voraussichtlich aufgeben. »Geheilt« sein bedeutet weder eine tüchtige noch eine miserable Hausfrau zu sein; es bedeutet nur etwas in Bezug auf den früheren Lebensstil des Betreffenden. Folglich kann Heilung einzig und allein hinsichtlich der Spannungsbeseitigung verallgemeinert werden.

Frauen fühlen sich nicht mehr als »Mütter«. Sie sind einfach Menschen, die anderen Menschen wie zum Beispiel ihren Kindern helfen. In ihrem Leben gibt es keine andere Rolle außer der, einfach zu leben. Offensichtlich ist es entspannend, einfach ein Mensch zu sein, statt eine Abstraktion wie »Mutter«. Diese Neuorientierung befähigt sie, an ihre Kinder weitaus weniger Forderungen zu stellen. Weil das Rollenspiel wegfällt, können beide — Mann wie Frau — arbeiten gehen und den Lebensunterhalt verdienen. Es gibt keinen »Ernährer« mehr, der das Geld verdient und es seiner zum Kind gemachten Frau zuteilt.

Den Rest der Äußerungen werde ich nach der Häufigkeit der Antworten aufzählen (was man in der Psychologie als Q-Technik — innerhalb der Faktorenanalyse— bezeichnet):

1. Ich fühle mich lebendig, jedoch ruhig und zufrieden.

2. Mein Leben ist einfacher. Alles ist gemäßigter, wie ich etwas mache, wie ich gehe, was ich wünsche und rede.

3. Ich vertraue eher meinen Gefühlen als den Meinungen ande-

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4. Keiner kann mich hemmschubsen.

5. Ich bin geduldiger und toleranter und beginne mit verkorksten Menschen keinen Krach, weil ich weiß, daß sie nur Opfer und Leidtragende sind.

6. Ich bin nie niedergeschlagen oder launenhaft.

7. Ich stehe bei keiner Sache mehr unter einem Zwang.

8. Ich kann endlich eine Beziehung aufrecht erhalten. Die Angst treibt mich nicht mehr von einem Menschen zum anderen.

9. Ich kann in Menschen hineinsehen, kann ihre Bedürfnisse und ihren Schmerz sehen.

10. Ich bin weniger unflexibel oder rigid.

11. Ich kann mehr allein sein.

12. Ich werde nicht in die Auseinandersetzungen anderer Menschen hineingezogen.

13. Mein Gesichtsausdruck hat sich verändert. Ich gehe und stehe anders.

14. Ich bin nicht mehr heftig. .

15. Ich kann wirkliche Probleme von geringfügigen unterscheiden, und ich nehme keine unmöglichen Vorhaben in Angriff; was ich anfange, beende ich auch.

16. Ich kann mich jetzt konzentrieren.

17. Ich kann Komplimente annehmen, aber ich brauche sie nicht.

18. Ich kann besser singen und besser Schach spielen.

19. Ich erlebe keine Halluzinationen mehr.

20. Ich nehme keine Tiere auf, die herumstreunen.

21. Ich esse nur natürliche Nahrungsmittel.

 

Diese Aufstellung zeigt, wie groß der Bereich der Antworten ist. Für den einen bedeutet »weniger rigid«, daß seine Handschrift weniger verkrampft ist; für den anderen, daß er nicht mehr grundsätzlich zu einer ganz bestimmten Uhrzeit essen muß; für wieder einen anderen, daß er geistig flexibler ist.

Wir weisen hier darauf hin, daß die Antwort »weniger rigid« für jeden Menschen etwas völlig Verschiedenes bedeuten kann. Folglich sind die üblichen tabellarischen Aufstellungen über Flexibilität, Rigidität und so weiter von geringer Bedeutung, solange sie nicht durch die individuelle Betrachtungsweise ergänzt werden. Wird aber der individuelle Aspekt berücksichtigt, so zeigt sich sofort, daß »rigid« keine allgemein gültige, fest umrissene Bedeutung hat, und daß sich in der Tat jede einzelne rigide Reaktion von allen anderen rigiden Reaktionen unterscheidet; folglich kann es keine sinnvolle Kategorie »Rigidität« geben.

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Die Antwort »Ich kann mich konzentrieren« hat ebenfalls eine Unzahl von Bedeutungen (auch hier besteht die wirkliche Antwort in der Bedeutung, die ihr zukommt). Einer der Befragten sagte, er könne jetzt besser Schach spielen, da er sich mehr auf das Spiel und weniger auf das »Gewinnen« konzentriere. Ein anderer sagte, er sei nicht mehr fahrig und abgelenkt, da keine Spannung mehr bestehe, die seine Aufmerksamkeit in verschiedene Richtungen auseinandertreibe.

Eine der häufig entstehenden Veränderungen ist die .Hinwendung zu natürlichen Nahrungsmitteln. Nach der Primärtherapie können viele Patienten keine chemisch haltbar gemachten Nahrungsmittel mehr zu sich nehmen. Ihre Körper würden sie nicht annehmen. Es scheint, daß ein natürlicher Organismus alles Unnatürliche buchstäblich zurückweist. Diese Patienten entwickeln im Hinblick auf ihre diätetischen Gewohnheiten keine Erlösungsvorstellungen; sie suchen sich nur sorgfältig aus, was sie essen.

Insgesamt bekommt man von diesen Menschen den Eindruck, sie tun, wenn irgend möglich, immer genau das, was sie tun wollen. Sie sind tatsächlich gesünder und ihr Leben verläuft einfacher. Das führt dazu, daß sie auch ihren Kindern keinen Leistungszwang mehr auferlegen.

Rauchen Sie? Trinken Sie? 
Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein? 
Überessen Sie sich gelegentlich?

Drei der Befragten rauchen noch gelegentlich. Als Begründung führen sie an, sie hätten einen wirklichkeitsfremden Beruf, der ihnen das Leben unerträglich macht und Spannung erzeugt. Vom Rest unserer Auswahlgruppe raucht und trinkt keiner, obgleich 90 Prozent angaben, vor der Therapie (und nach früheren Therapien) zwischen eineinhalb bis drei Packungen geraucht zu haben. Sie haben kein Bedürfnis mehr zu rauchen. Diejenigen, die tranken, hatten bis zu einem Liter täglich zu sich genommen. Ungefähr zwanzig Prozent waren Trinker. Keiner von ihnen trinkt jetzt oder zeigt das Bedürfnis nach Alkohol.

Beim übermäßigen Essen liegen die Dinge etwas anders. Vier der Befragten sagten, sie würden immer noch zu viel essen. Sie erklären, dies sei die letzte Sache, die sie aufgeben würden. Einer rationalisierte und meinte, er äße gar nicht zu viel, doch leider habe der

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moderne Mensch nicht genug körperliche Bewegung, um alles, was er ißt, im Stoffwechsel zu verbrennen. Welche Erklärungen sie auch abgeben, Tatsache ist, daß einige Patienten weiterhin eine ganze Menge essen. Keiner von ihnen ist schrecklich übergewichtig oder korpulent, aber sie essen gem. Eine Erklärung liegt in der für fast alle zutreffenden Tatsache, daß sie als Kinder nach einem Zeitplan ernährt wurden und »hungern« mußten. Es ist auch möglich, daß bei unseren Patienten die Gefühle »unkontrolliert« aufsteigen, weil sie sich durch die Behandlung so weit öffnen; wenn sie dann versuchen, diese Gefühle mit Nahrung zu hemmen, wird das Essen fast buchstäblich zum »Aufessen ihrer Gefühle«.

Keiner der Patienten berichtet, daß er irgendwelche Medikamente braucht — Aspirintabletten eingeschlossen. Vier jedoch nehmen gelegentlich Marihuana zu sich; sie nehmen es hauptsächlich, wenn sie an ein Gefühl herankommen wollen, mit dem sie Schwierigkeiten haben. Oder sie nehmen es nach einer Woche anhaltender Urerlebnisse, wenn sie dem Schmerz eine Zeitlang entkommen wollen. Offensichtlich können diese Patienten ihre Trips recht gut steuern; sie können das Rauschgift benutzen, um sich besser oder schlechter zu fühlen.

 

Beschreiben Sie Ihr Sexualleben

Nahezu alle der Befragten sagen, ihre sexuelle Aktivität hätte im Vergleich zur Zeit vor der Therapie abgenommen. Sie fügen hinzu, daß ihre jetzige Sexualität viel tiefer und befriedigender sei. Frauen berichten von tieferem und länger anhaltendem Orgasmus, während Männer das Verschwinden vorzeitiger Ejakulation angeben. Diejenigen, die noch in Behandlung sind, sind sexuell weniger aktiv als die, die mit der Therapie fertig sind. Dies scheint so zu sein, weil sich die Patienten immer noch in ihrer frühen, vorsexuellen Kindheit befinden. Später nimmt die sexuelle Aktivität wieder zu, aber nicht viel. 

Die durchschnittliche Häufigkeit sexuellen Verkehrs liegt für diejenigen, die nicht mehr in Behandlung sind, bei einmal pro Woche; für die anderen, die noch behandelt werden, jede zweite Woche. Keiner sagte, er vermisse Sexualität. Frauen hatten den Eindruck, wirkliches sexuelles Bedürfnis trete nicht häufiger als zweimal im Monat auf; das bedeutet, das sexuelle Bedürfnis folgt in Bezug zum Menstruationszyklus dem steuernden zyklischen hormonellen Geschehen. Das größte Bedürfnis zeigte sich gerade vor dem Einsetzen der Periode. Wenn die Spannung aus dem Organismus entfernt ist und die sexuellen Bedürfnisse nicht mehr beeinflußt, so gibt es kaum Zweifel, daß die sexuellen Bedürfnisse nachlassen.

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Wir haben festgestellt, daß Frigidität eines der schwierigsten Behandlungsprobleme darstellt. Sie ist normalerweise das letzte Symptom, das bei einer Primärtherapie beseitigt wird. Der Grund dafür scheint zu sein, daß jedes restliche Sichverschließen des Körpers — hervorgerufen durch Schmerz (einerlei welcher Art) — sich vaginal niederschlägt oder widerspiegelt, indem es Frigidität hervorruft. Sind sie von diesem körperlichen Sichverschließen erst einmal befreit, dann berichten die Patienten über Orgasmen, die sie mit ihrem »ganzen Körper« erleben. Wenn restlicher Sphmerz vorhanden ist, kommen sie, wie uns eine Reihe von Patienten erzählt, unmittelbar nach dem Orgasmus in ein Urerlebnis hinein. Das findet seine Erklärung darin, daß alles, was in tiefer Weise empfunden wird, Schmerz hochkommen läßt. Die übliche Antwort, die wir auf unsere Frage nach dem Sexualleben erhalten, ist, daß die Patienten früher nie wußten, was Sexualität wirklich ist, weil Sexualität für sie nahezu in jeder Hinsicht mit Spannungsentlastung verbunden war. Und sie vermerken eine bedeutsame Veränderung, daß sie nämlich nach dem Orgasmus nicht mehr wie früher ein Gefühl der Enttäuschung hatten. Diese Veränderung läßt sich vielleicht damit erklären, daß sie der Sexualität gegenüber keine falschen Erwartungen mehr haben.
Zwei Homosexuelle aus der Untersuchungsgruppe gaben an, sie seien nicht mehr homosexuell.

 

Beschreiben Sie Ihr alltägliches Leben. (Beruf, Familie, Kinder und so weiter)

Diese Frage ist mit der nach dem veränderten Lebensstil verbunden. Im großen und ganzen sehen sich die primärtherapeutisch behandelten Patienten eine Menge Filme an, hören Musik und machen Spaziergänge.

Eine Promotionskandidatin im Fach Englische Literatur liest jetzt nur Märchen und hat Gefallen daran. Sich mit »schweren« Werken der Literatur auseinanderzusetzen, interessiert sie nicht mehr. Das gesellschaftliche Leben geht auf ein Minimum zurück — es bleiben bestenfalls gelegentliche abendliche Einladungen zum Essen oder gelegentliche Besuche in Nachtclubs und so weiter. Jüngere Leute hören viele Rockkonzerte. Sie lehnen es ab, schmerzliche Dinge zu tun; daher haben sie alle unrealen Beziehungen aufgege-

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ben. Bis auf einen Patienten, der noch in Behandlung ist, sagen alle, sie hätten kein Bedürfnis nach Religion. Der allgemeine Lebensstil gestaltet sich nicht entsprechend kulturellen Erwartungen, sondern einem »Aus-den-Gefühlen-heraus-Leben«. Was den Beruf anbetrifft, so läuft die Entscheidung normalerweise darauf hinaus, daß es ihnen gleich ist, was sie machen, solange sie es für sich selber tun und dabei mit sich im Einklang sind; daher sehen sie im Beruf keine Lebensaufgabe. In jeder anderen Therapie würde dies wohl kaum als ein Zeichen von Normalität oder Anpassung erachtet werden. Beschäftigungsdauer wird normalerweise als »Stabilität« eingestuft und gilt als Pluspunkt. Unter dem Gesichtspunkt der Primärtherapie ist sie weder ein Plus- noch ein Minuspunkt. Für die meisten der Befragten ist die Beschäftigung oder der Job lediglich ein Weg, Geld zu verdienen, der es ihnen ermöglicht, das zu tun, was sie wirklich wollen.

Die meisten unserer befragten Patienten meinten, die Veränderungen seien vor allem »innerlicher Art« und könnten von einem Außenstehenden nicht »gesehen« oder gemessen werden. In der Tat könnte die Tatsache, daß diese Patienten häufig müßig »herumlungern«, von anderen Forschem als etwas Pathologisches angesehen werden. Es scheint, daß ein natürlicher Mensch nicht ständig tätig, nicht zwang- und triebhaft ist, sondern »ehrgeizlos« im neurotischen Sinne und einfach. Diesen inneren Zustand, den man nicht in »objektiver Weise« sehen kann, bezeichnet man auch als »zufrieden«. Jedenfalls ist »ruhig« sein ein irreführender Zustand, da viele der Menschen, die wir untersuchten, vor der Behandlung ruhig erschienen; lediglich in ihrem Inneren wütete ein Tornado.

Im großen und ganzen kommt die Spannung, von der diese Menschen berichten, von ihren Arbeitssituationen oder -Verhältnissen. Für viele gibt es keine andere Möglichkeit oder Zuflucht, als unnatürlichen Beschäftigungen nachzugehen, damit sie ihre Familien unterhalten können; das ruft aktuelle Spannung hervor. Daß sie sich jedoch in ihren Gefühlen gegen die Neurosen der anderen absetzen können, befähigt sie, sich an der Unausgeglichenheit und den Schimpfkanonaden ihrer Chefs nicht aufzureiben. Die Lehrer werden von den Schulverwaltern nicht mehr eingeschüchtert, Eltern leben nicht mehr durch oder in ihren Kindern. Es gibt keine falsche Hoffnung in Bezug auf einen Job, auf die Kinder, oder auf die Schule und ihre höheren Würden oder Verdienste.

Die meisten verheirateten Paare wollen keine Kinder. Da sie früher nie in der Lage waren, für sich selber zu leben, sind sie darauf bedacht, es jetzt zu tun. Es gibt jedoch auch Ausnahmen. Die allgemeine Haltung ist: »Ich bin froh, daß ich sein kann, wer und was ich bin; das ist alles, was zählt.«

Der primärtherapeutisch behandelte Patient, wie er sich aus der Statistik ergibt, hat folgende Eigenschaften: er ist Anfang dreißig, verheiratet und hat dreieinhalb Jahre vorausgegangener Behandlung hinter sich. Zu Beginn der Therapie rauchte er täglich zwei Packungen Zigaretten, nahm Beruhigungs- und Schlaftabletten und litt, zusätzlich zu seinen seelischen Qualen, unter Magenbeschwerden und Kopfschmerzen. Seine durchschnittliche Behandlungszeit in der Primärtherapie beträgt acht Monate; danach fühlt er sich praktisch geheilt. Er würde es niemals in Erwägung ziehen, sich in eine andere Therapie zu begeben, und er glaubt, das, was Spannung und ihre Folgeerscheinungen beseitigt und heilt, besteht darin, daß man Zugang zu seinen eingemauerten Gefühlen bekommt. 

Die Primärtherapie ruft in ihm Ruhe und Zufriedenheit hervor; sie beseitigt seine Symptome und sein Bedürfnis nach Entlastungsgewohnheiten wie Trinken, Rauchen, Tabletten- oder Drogeneinnahme. Sein Sexualleben intensiviert sich qualitativ, es wird viel tiefer und erfüllender und verringert sich quantitativ. Er ist ein besserer Ehemann und Vater, ganz einfach deshalb, weil er ein besserer, weniger fordernderer Mensch ist. Er tut weniger, als er zuvor tat, produziert weniger, ist weniger gesellig und genießt mehr das Alleinsein. Er fühlt sich lebendiger, und er wird sich nicht wegen irgendeiner Sache oder mit irgend jemandem streiten. Er ist gesund und schädigt seinen Körper nicht. Er hat keine großen Ambitionen, ißt gern und macht Spaziergänge. Er ist ein einfacher Mensch.

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