V. Forschung
3. Neurophysiologische Messungen an primärtherapeutisch behandelten Patienten
Von Richard Corriere und Werner Karle 1)
Einführung in die neurophysiologische Forschung
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Die folgende Forschungsarbeit läßt erkennen, daß der primärtherapeutisch behandelte Mensch tatsächlich eine neue Art Mensch auf dieser Erde ist. Sein gesamter Organismus ist weniger verteidigt, offener und natürlicher. Das hat viele Auswirkungen. Seine Körpertemperatur ist beispielsweise konstant niedriger.
Temperaturanstiege weisen eindeutiger auf den monatlichen Zyklus der Frau hin, weil dessen Temperaturschwankungen nicht zusätzlich durch Einflüsse verändert werden, die von verschiedenen Spannungsniveaus herrühren. Dadurch haben wir die Möglichkeit für eine voll und ganz natürliche Geburtenkontrolle. Wir haben schon vorläufige Untersuchungsergebnisse, die dafür sprechen, daß primärtherapeutisch behandelte Frauen auf Grund von Thermometerablesungen genau den Zeitpunkt ihrer Ovulation vorhersagen können. Nur wenn Frauen unnatürlich, neurotisch sind, können sie sich nicht auf den natürlichen körperlichen Rhythmus im Hinblick auf innere Anzeichen verlassen.
Offensichtlich ist das körperliche System, wenn die Körpertemperatur, um primären Stress abzuwehren, ständig leicht erhöht ist, einem anhaltenden inneren Angriff ausgesetzt, und es wird Krankheit und Tod viel früher zum Opfer fallen, als es unter evolutionsgemäßen Bedingungen normal wäre. Der primärtherapeutisch behandelte Mensch sollte länger überleben, weil er seine Jugend in einer sehr wahrhaftigen Weise wiederentdeckt hat. Und seine Hirnstromkurven verändern sich nach seiner Behandlung meistens so, daß sie denen eines jungen Menschen gleichen.
1 Diese Forschung wurde zum Teil zur Erlangung des Doktorgrades für Psychologie an der kalifornischen Universität in Irvine ausgeführt. Zu einem anderen Teil wurde sie durch einen Forschungszuschuß des National Institute of Mental Health unterstützt.
Von der Forschung her ist deutlich, daß die Neurose nicht eine »Einstellung« oder eine bestimmte Zusammensetzung von Verhaltensweisen ist. Sie ist eine körperliche, neurophysiologische Tatsache. Wenn bei einem primärtherapeutischen Patienten die Körpertemperatur während eines Zeitraums von zwei Stunden (nämlich vom Beginn bis zum Ende des Urerlebnisses) bis zu 0,3 Grad absinkt, haben wir es ganz eindeutig mit einem aufsehenerregenden inneren Ereignis zu tun.
Die Absichten, mit denen diese Forschungen unternommen wurden, lassen sich am besten durch die folgenden beiden Gesichtspunkte erläutern: erstens sind wir Menschen psychophysiologische Wesen; das bedeutet, daß unser Verstand und unser Körper nicht zwei völlig voneinander getrennte Dinge sind — sie arbeiten im Sinne einer Einheit. Was im einen auftritt, spiegelt sich im anderen wider. Zweitens berichten primärtherapeutische Patienten, über niedrigere Spannungspegel nach der Behandlung. Dementsprechend würden wir erwarten, daß sich diese Veränderungen auch körperlich niederschlagen. In den Voruntersuchungen, über die hier berichtet wird, überwachten wir vier einfache Parameter dieser Veränderung: Blutdruck, Puls, rektale Temperatur und Hirnstromkurven. In Zukunft werden wir auch noch Hormonspiegel mitbewerten.
Die anfänglichen Ergebnisse dieser Voruntersuchungen sollten lediglich im Sinne einer signifikanten Tendenz verstanden werden, die uns die Richtung für die Planung neuer und detaillierterer Forschungsprojekte angibt. Wir halten diese Tendenz oder Entwicklung jedoch für spannend genug, um schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt über sie zu berichten.
Untersuchungsplan
Es liefen gleichzeitig drei Gruppen von Versuchspersonen: eine eigentliche Versuchs- oder experimentelle Gruppe mit 29 Teilnehmern, eine aktive Kontrollgruppe und eine inaktive Kontrollgruppe mit je 10 Teilnehmern. Die experimentelle Gruppe bestand aus primärtherapeutischen Patienten, die sich in den ersten drei Wochen der intensiven Behandlung befanden. Die aktive Kontrollgruppe wurde aus freiwilligen Versuchspersonen zusammengestellt, die für den Zeitraum von eineinhalb Stunden ein körperliches Übungsprogramm absolvieren mußten. Dieses Programm berücksichtigte einen sich selbststeuemden Zyklus von Entspannung und Anstrengung. Die inaktive Kontrollgruppe setzte sich ebenfalls aus freiwilligen Versuchspersonen zusammen, die zwei Stunden in körperlicher Ruhe verbrachten, lesend, sich unterhaltend oder schlafend.
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Unser Grund, mit einer aktiven Kontrollgruppe zu arbeiten, bestand darin, von vornherein auszuschließen, daß die Ergebnisse der experimentellen Gruppe lediglich der körperlichen Übung zugeschrieben werden. Andererseits diente uns die inaktive Kontrollgruppe dazu, die Möglichkeit zu eliminieren, daß Hinlegen und Entspannen dieselbe Wirkung wie eine primärtherapeutische Sitzung hervorbringen könnten.
Methode
Es wurden von allen Gruppen vor und nach jeder Sitzung folgende Messungen vorgenommen: Blutdruck, Pulsfrequenz und Rektaltemperatur. Wir achteten darauf, daß jeder dieser Parameter bei jeder einzelnen Versuchsperson zur gleichen Tageszeit und mit hochentwickelten elektronischen Geräten gemessen wurde.
Ergebnisse und Diskussion
Bevor wir die Ergebnisse diskutieren, wollen wir erklären, was die Eintragungen in den Abbildungen und Tabellen bedeuten; dazu werden wir die statistischen Verfahren erläutern, mit denen wir zu unseren Signifikanzmessungen gekommen sind. Es wurde der Wilcoxon-Test, ein nichtparametrisches Prüfverfahren benutzt, weil er der einfachste und tauglichste Test ist, den man verwenden kann, um einer allgemeinen Öffentlichkeit Ergebnisse vorzulegen. Dieser Test sagt nichts über die Größenordnung der täglichen, individuellen Veränderungen aus; er gibt lediglich an, ob die Anzahl der Veränderungen pro Untersuchungsperson während eines Zeitraums von drei Wochen signifikant ist oder nicht, und er zeigt die Richtung der Signifikanz auf, das heißt, ob es mehr negative oder mehr positive Veränderungen gab, und ob die Anzahl der positiven wie der negativen Veränderungen signifikant ist. (Tabelle l zeigt zum Beispiel, daß bei 13,8% der Patienten signifikante Werte des systolischen Blutdruckanstiegs vorlagen.)
Wir werden als erste Variable den Blutdruck diskutieren. (Siehe Tabelle 1)
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Wir fanden, daß der Blutdruck in den meisten Fällen eine nichtsignifikante Variable ist. Betrachten wir zunächst den systolischen Blutdruck. Es ist zu sehen, daß es keine signifikanten Abnahmewerte gibt, nur eine kleine Zahl signifikanter Anstiegswerte, im wesentlichen stellen die Ergebnisse Werte ohne signifikante Veränderung dar.
Die Ergebnisse für den diastolischen Blutdruckwert sind jenen des systolischen Wertes sehr ähnlich. Der diastolische Blutdruckwert unterscheidet sich vom systolischen dadurch, daß er mehr die Vasokonstriktion widerspiegelt, das heißt, den Grad der Verengung der Blutgefäße. Auch bei diesem Test kommt die mögliche Signifikanz von Blutdruckänderungen nicht heraus. Der Blutdruck kann, wenn er wie bei den meisten unserer Patienten im Normalbereich liegt, eine Variable sein, die sich (wenn überhaupt) nur sehr langsam ändert; signifikante Unterschiede werden demnach erst nach etwa sechs Behandlungsmonaten beobachtet.
Tabelle 1: Blutdruckveränderungen
Diese Tabelle gibt den Prozentsatz der Versuchspersonen innerhalb der einzelnen Gruppen an, deren Anzahl täglicher, individueller Veränderungen während der ersten drei Wochen signifikant war.
A. Systolischer Blutdruck
Gruppen
primärtherapeutische Patienten
aktive Kontrollgruppe
inaktive Kontrollgruppe
signifikante Anzahl von Abnahmen
0 %
0 %
0 %
signifikante Anzahl von Anstiegen
13,8 %
0 %
11,2 %
Keine signifikanten Veränderungen
86,2 %
100 %
88,8 %
B. Diastolischer Blutdruck
signifikante Anzahl von Abnahmen
0%
0%
3,7%
signifikante Anzahl von Anstiegen
37,9%
0%
22,2%
Keine signifikanten Veränderungen
62,1%
100%
74,1%
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Diese Hypothese wird durch die Auswertung von Blutdruckwerten bei einzelnen Versuchspersonen bewiesen. Dabei entdeckten wir, daß Patienten mit chronischem Hochdruck über den Zeitraum der ersten drei Wochen und der folgenden drei Monate ein erstaunliches Absinken der Druckwerte zeigten. Bei drei Fällen von hohem Blutdruck haben wir ein anhaltendes Absinken des systolischen Drucks um 38, 28 und 36 mm Hg ermittelt. Dieses Absinken der Meßwerte trat erst nach der dritten Behandlungswoche auf (siehe dazu die untere Hälfte von Abbildung 9, die eine Stichprobenuntersuchung bei einem dieser Patienten darstellt).
Sowie der Blutdruck zum ersten Mal erheblich abgesunken war, begann er zwischen der Grundlinie und einem etwas niedrigeren Wert zu schwanken, bis die Abwehr völlig zerbrochen war. Nachdem die Abwehrstruktur dieser drei Patienten durchbrochen war, schwankte ihr Blutdruck auch weiterhin in seinen Werten - nun aber in einem viel niedrigeren Bereich; er kehrte nie mehr zu den anfänglich hohen Werten zurück.
Abbildung 9: Tägliche Blutdruckveränderungen bei zwei primärtherapeutischen Patienten
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Tabelle 2: Änderungen der Pulsfrequenz Diese Tabelle gibt Werte in der gleichen Weise wie Tabelle l wieder.
Gruppen
primärtherapeutische Patienten
aktive Kontrollgruppe
inaktive Kontrollgruppe
signifikante Anzahl von Abnahmen
58,6%
0%
44,5%
signifikante Anzahl von Anstiegen
0%
30%
0%
Keine signifikanten Veränderungen
41,4%
70%
55,5%
Zusammenfassend können wir sagen, daß die auffälligsten Veränderungen bei Menschen mit einer leichten Form der essentiellen Hypertonie auftreten. Bei Menschen mit normalem Blutdruck tritt eine Wirkung, wenn überhaupt, langsam ein. In keiner unserer Kontrollgruppen fanden wir vergleichbare Ergebnisse.
Ergebnisse der Pulsfrequenzmessungen werden in Tabelle 2 und Abbildung 10 wiedergegeben. Wie aus unserer Erörterung der Pulsveränderungen hervorgehen wird, stellt diese Variable einen viel früher auftretenden Indikator für das Nachlassen von Spannung dar als der Blutdruck.
Es fällt auf, daß die Anzahl der Pulsfrequenzverminderungen bei primärtherapeutischen Patienten diejenige bei der aktiven oder inaktiven Kontrollgruppe überschreitet. Die Bedeutung dieses Ergebnisses wird aber unterbewertet, wenn man es für sich allein nimmt. Man muß bedenken, daß die meisten Urerlebnisse sehr aktive Geschehnisse sind. Wenn wir dies angesichts der aktiven Kontrollgruppe betrachten, bei der keine Verminderungen, sondern nur Anstiege der Pulsfrequenz gemessen wurden, erkennen wir, daß es sich bei einem Urerlebnis um ein psychophysiologisches Phänomen besonderer Art handelt. Es ist nämlich ein aktives Ereignis, bei dem die Pulsfrequenz niedriger wird! Weiterhin gibt es bei primärtherapeutischen Patienten keinen signifikanten Wert für den Anstieg der Pulsfrequenz. Dies gilt ebenso für die inaktive Kontrollgruppe, was aber auch zu erwarten ist.
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Abbildung 10: Veränderungen der Pulsfrequenz
Die Werte, die bei den Messungen der Rektaltemperatur herauskamen, sind von Interesse. In der Rektaltemperatur haben wir ein sehr gleichbleibendes Maß für Spannung. Es ist nicht besonders schwer, vorübergehende Veränderungen der Pulsfrequenz und des Blutdrucks hervorzurufen, da diese Variablen sehr rasch auf eine äußere Reizung hin ansprechen; Änderungen der Rektaltemperatur treten dagegen lediglich in Übereinstimmung mit dem Tagesrhythmus (zirkadianer Rhythmus) und, zu einem geringeren Grad, mit körperlicher Aktivität auf. Wie Tabelle 3 und Abbildung 11 zeigen, reagierte die aktive Kontrollgruppe in voraussagbarer Weise. Die körperliche Anstrengung rief keine signifikanten Abnahmewerte hervor; 50% der Versuchspersonen zeigten keinerlei signifikante Änderungen. Die inaktive Kontrollgruppe reagierte ebenfalls in einer sehr gut vorhersagbaren Weise; bei 18% fiel die Rektaltemperatur um signifikante Werte (wohl wegen derjenigen Versuchspersonen, die während ihrer zweistündigen Sitzung schliefen), es gab keine signifikanten Anstiegswerte, und 81,5% wiesen überhaupt keine signifikanten Veränderungen auf.
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Tabelle 3:
Änderungen der Rektaltemperatur
Diese Tabelle gibt die Werte in der gleichen Weise wie Tabelle 1 wieder.Gruppen primärtherapeutische Patienten aktive Kontrollgruppe inaktive Kontrollgruppe
signifikante Anzahl von Abnahmen 82,2% 18,5% 0%
signifikante Anzahl von Anstiegen 3,4% 50% 0%
Keine signifikanten Veränderungen 81,5% 13,8% 50%
Es ist erstaunlich, daß sich bei 82,8% der primärtherapeutischen Patienten signifikante Werte der Temperaturabnahme fanden (und wir erinnern noch einmal daran, daß die meisten Urerlebnisse aktive Geschehnisse darstellen und daher eigentlich zu einem Temperaturanstieg führen sollten, wie ihn die aktive Kontrollgruppe zeigt); nur 3,4% zeigten signifikante Werte für einen Temperaturanstieg und bei 13,8% ergaben sich keine signifikanten Veränderungen.
Abbildung 11: Temperaturveränderungen
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Der Abfall der Körpertemperatur durch ein aktives Geschehnis legt Erklärungen nahe, die nur möglich werden, wenn man Psychologie und Physiologie zusammenfügt.
Da der Wilcoxon-Test uns nichts über die Größe der von uns gefundenen Temperaturänderungen aussagt, haben wir Forscher von der Irvine Medical School an der Universität von Kalifornien zu Rate gezogen, um eine Beurteilung darüber zu erhalten, was ihrer Meinung nach eine signifikante Temperaturänderung darstellt. Die gegenwärtigen Untersuchungen wiesen darauf hin, daß eine Änderung um 0,3 Grad Celsius oder mehr innerhalb von zwei Stunden als signifikant angesehen werden könnte. Wir haben diese Auskunft unseren Untersuchungen zugrunde gelegt und für jede Versuchsperson in jeder Gruppe die signifikanten Werte der Temperaturzunahme und -abnähme berechnet. Tabelle 4 zeigt diese Ergebnisse in Prozentangaben.
Die dritte Reihe in dieser Tabelle soll eine Vorstellung von der Bedeutung der gesamten signifikanten Temperaturänderungen geben. Es wurden die Durchschnittswerte der signifikanten Zunahmen und Abnahmen bei jedem einzelnen Patienten ermittelt; wir wollten damit bezeichnen und herausfinden, ob die zusammengesetzte Temperaturänderung dieses Patienten positiv oder negativ oder keins von beidem war, und ob diese zusammengesetzte Verän-
Tabelle 4: Signifikante (Größen-) Veränderungen der Rektaltemperatur Diese Tabelle gibt den Prozentsatz der Versuchspersonen in jeder Gruppe an, die, in bezug auf die Größe der Änderung, signifikante Werte für Temperaturanstieg, -abfall und beides zusammengesetzt aufwiesen. (Die Richtung des zusammengesetzten Wertes wird durch ein Plus- oder Minuszeichen neben den Prozentzahlen angegeben.)
Richtungen signifikanter Änderungen
Gruppen signifikante Abnahmewerte signifikante Anstiegswerte signifikante zusammengesetzte Werte
primärtherapeutische Patienten 44,8% (-) 65,5% 20%
aktive Kontrollgruppe 33,3% 33,3% (+) 0%
inaktive Kontrollgruppe 20% (-) 70% 50%
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derung an sich signifikant (0,3 Grad Celsius oder mehr) oder nicht signifikant war. Die Zeichen, die neben den Prozentangaben stehen, weisen auf die Richtung der signifikanten Änderungen hin.
Ein zusammengesetzter Wert von Null würde zeigen, daß es keine mittlere Temperaturänderung gab. Der zusammengesetzte Wert von 20 Prozent Temperaturabfall bei der inaktiven Kontrollgruppe ist bedeutungslos. Und die aktive Kontrollgruppe zeigte sogar einen Anstieg des zusammengesetzten Wertes um 33 Prozent; dieser Wert steht auffallend neben den negativen 45 Prozent Temperaturänderung bei primärtherapeutischen Patienten, da die experimentelle (Primär-)Gruppe der aktiven Kontrollgruppe am nächsten vergleichbar ist. Es gab also im einen Fall eine Zunahme um 30% und bei den primärtherapeutischen Patienten ein Absinken um 45%. Diese Versuchswerte ergänzen und bestätigen nochmals die Ergebnisse, die durch den nichtparametrischen Signifikanz-Test gewonnen wurden. Das heißt, daß nicht allein die Zahl, sondern auch die Größe der negativen Änderungen in der experimentellen Gruppe mit primärtherapeutischen Patienten signifikanter als bei den Kontrollgruppen ist.
Es ist also, wie die Untersuchungsergebnisse zeigen, in den primärtherapeutischen Sitzungen etwas Besonderes eingetreten. Die Säulendarstellungen oder Histogramme der Abbildungen 9, 10 und 11 veranschaulichen dies.
Diese Ergebnisse wurden in einer drei Monate andauernden Verlaufsstudie durch die Tatsache verstärkt, daß 80 Prozent der Patienten, die überwacht wurden, die niedrigen Temperaturwerte und Pulsfrequenzen behielten, die während ihrer intensiven Behandlung hervorgerufen wurden. Auch die Werte der beiden Kontrollgruppen wurden überprüft; sie blieben am Ende der drei Monate die gleichen wie zu Beginn der Untersuchung.
Daraus ergibt sich, daß das, was man gemeinhin eine normale Pulsfrequenz, einen normalen Blutdruck und normale Temperatur nennt, eigentlich eine neurotische Norm darstellt. Und die Konsequenz davon ist, daß wir die Normwerte des menschlichen Gesamtstoffwechsels neu überdenken müssen, da die ärztliche Krankheitslehre auf neurotischen Normen errichtet worden ist. Jetzt haben wir noch unsere letzte Variable — die Hirnstromkurven — zu erörtern. Die Hirnstromkurven wurden einmal vor der Therapie, am Ende der dreiwöchigen intensiven Behandlung und drei Monate nach Beginn der Therapie aufgezeichnet.
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Die von uns gesammelten Meßwerte lassen ebenfalls einige interessante Tendenzen erkennen. Fünf primärtherapeutische Patienten wiesen eine beträchtliche Reduktion der Hirnaktivität auf, wie sie sich in Änderungen der Frequenz, der Amplitude und der Synchronisation widerspiegeln; dagegen fanden sich bei keiner der beiden Kontrollgruppen irgendwelche EEG-Veränderungen.
Alle Aufzeichnungen wurden mit vier Elektroden vorgenommen - je zwei im Bereich der Stirn und des Hinterhaupts; diese Verfahrensweise führte zu insgesamt 10 Informationskanälen, die wir für unsere Analyse verwendeten: (RF, LF, RO, LO, RF-RO, RF-LO, LF-LO, LF-RO, RF-LF und RO-LO*). Die beobachteten Veränderungen gingen über jeden dieser Kanäle ein; dementsprechend können die Untersuchungswerte für alle diese Bereiche verallgemeinert werden.
Der durchschnittliche Frequenzbereich für primärtherapeutische Patienten vor der Behandlung lag bei 10,3-14,8 Schwingungen pro Sekunde (Hertz). Nach drei Wochen betrug er 6,3-11 Hertz. (Eine Abnahme von 3,8—4); nach drei Monaten lag dieser Bereich bei 7,5-11,5 Hertz. (Etwas höher als bei der Ablesung nach den ersten drei Wochen, aber immer noch eine Abnahme von 2,8—3,3 gegenüber der Grundlinie.) Die Grundlinie für die durchschnittliche Frequenz bei diesen Patienten lag bei 12,5 Hertz, nach drei Wochen bei 8,9 (ein Abfall von 3,6) und nach drei Monaten bei 9,9 (ein Abfall um 2,6) Hertz. Die mittlere Abnahme der Schwingungsamplitude betrug 15 Prozent, das heißt, die mittlere Amplitudenhöhe betrug bei diesen Patienten nur noch 85 Prozent ihrer Ausgangshöhe. Wir beobachteten bei den EEG-Veränderungen eine weitere wichtige Einzelheit. Wir stellten fest, daß diejenigen Patienten, deren EEG allgemein desynchronisiert war, allmählich ein gut synchronisiertes Hirnstromwellenmuster bekamen. Aber wir hatten auch, sozusagen entgegengesetzt, einen Patienten, dessen Hirnstromwellen stark synchronisiert waren, mit einer schnellen Frequenz und von hoher Amplitude; nach der Behandlung waren sie weniger synchronisiert, die Frequenz geringer und die Amplitude niedriger. Es gibt also keine absoluten Ergebnisse und Tendenzen.
Es wird ersichtlich, daß das neue EEG-Muster von Patienten nach der Primärtherapie sehr demjenigen eines Menschen in ausgeruhtem Zustand ähnelt; das heißt, es zeigt einen entspannten physiologischen Zustand an.
* R = Rechts, L = Links, F = Frontal-Stirnregion, O = Occipital-Hinterhaupts-region [A.d.Ü.].
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Der wichtigste Unterschied liegt aber darin, daß die Patienten zugleich auch in einer sehr wachen und klar erkennenden Verfassung sind, wenn sie die primären ruhigen [Primal-] Hirnstromwellen hervorbringen.
Wir möchten betonen, daß diese Aufzeichnungen immer zur gleichen Tageszeit vorgenommen wurden, jeweils zum selben Zeitpunkt und unter den gleichen Bedingungen, wodurch der Zustand normalwacher Aktivität am besten wiedergegeben wurde. Dementsprechend versuchten wir, alle irgendwie möglichen Schwankungen zu kontrollieren, die durch Unterschiede der Aktivierung und der biologischen Rhythmen hervorgerufen wurden.
Der Grund dafür, daß die Hirnaktivität nach der Behandlung so herabgesetzt ist, liegt möglicherweise darin, daß alle Abwehrvorgänge beseitigt sind oder jedenfalls eine geringere Hirnrindenaktivität nötig ist, um die Abwehrvorgänge aufrecht zu erhalten, wodurch es dem betreffenden Menschen möglich wird, sein natürliches Selbst zu empfinden und zu leben. Die langsamere, wirksamere Hirntätigkeit stellt sich nicht allein durch die kürzlich gefundene Synchronisation der Schwingungen dar, sondern auch in einem vergleichsweise starken Abfall der Frequenz und, was vielleicht noch wichtiger ist, in einer verringerten Amplitude.
Wir halten es für wichtig festzustellen, daß die Primärtherapie anhaltende Veränderungen der Hirnstromaktivität hervorrief, während die Veränderungen in den Kontrollgruppen nur vorübergehender Art waren.
In unserer vorausgegangenen Forschung über Meditation, Selbstkontrolle der Hirnstromkurven (sogenanntes Bio-Feedback), Antrieb von Hirnstromschwingungen (Alpha-Training und Theta-Training) und über Hypnotisierbarkeit fanden wir, daß die EEG-Muster, die mit diesen Zuständen verknüpft waren, eine schnelle Frequenz, eine hohe Schwingungsamplitude und synchronisierte Alpha-Schwingungen aufwiesen. Sie stehen im Gegensatz zu den EEG-Mustern, die wir bei primärtherapeutischen Patienten feststellten. Obgleich wir aus den aufgeführten früheren Forschungen geschlossen hatten, daß die gefundenen Hirnstrommuster gesundes Funktionieren anzeigten, sind wir jetzt der Meinung, daß sie auf Verdrängung und Integrationsmangel hinweisen. Die noch kürzlich als »ruhig« bezeichneten Gefühle in Zuständen wie Meditation und bei hohen Alphaamplituden waren das Ergebnis davon, daß nichts empfunden wurde. Tatsächlich waren diese Zustände irreführend, denn das, was einer ruhigen Hirntätigkeit ähnelte, war eigentlich ein hypnotisierter Hirnzustand.
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Bei unseren früheren Untersuchungen in meditativ-hypnotischen Verfassungen konnten wir die Frequenz der Schwingungen verlangsamen, aber die Amplitude nahm zu — als ob dadurch die schnellere Frequenz ausgeglichen würde. Wir meinen, daß wir das charakteristische Abwehrmuster des Gehirns, indem wir die Frequenz herunterdrückten, derart veränderten, daß Urgefühle aufsteigen konnten. Darauf antwortet das Gehirn mit einem Schutzreflex — die Ausbreitung und Synchronisation seiner Entladungen erhöhen sich.
Hirnstromschwingungen müssen als Teil der Abwehrstruktur gesehen werden. Ihre Synchronisation, Amplitude und Frequenz sind ein integrierender Bestandteil für die Homöostase des Organismus. In diese natürlichen Hirnfunktionen auf künstliche Weise einzugreifen, bedeutet, daß man den Organismus noch weiter aus dem Gleichgewicht bringt. Es läuft auf das Gleiche heraus wie Beeinflussung der Herz- und Pulsfrequenz durch Medikamente. Dadurch wird im Sinne eines einheitlichen neurophysiologischen Vorgehens nichts geändert. Alpha-Training, Meditation und Selbsthypnose sind sich darin ähnlich, daß sie dem betreffenden Menschen eine neue Schmerzabwehr zur Verfügung stellen. Diese Menschen fühlen sich subjektiv besser, in Wirklichkeit aber ist ihre Hirntätigkeit gesteigert - und zeigt damit die Lüge auf, die in dieser subjektiven Selbsttäuschung liegt.
Diskussion und Schlußfolgerungen
Auch wenn jedes einzelne unserer hier vorgetragenen Ergebnisse von Interesse ist, so werden sie doch noch bedeutungsvoller, wenn man sie im ganzen betrachtet. Die Abnahmen von Temperatur, Pulsfrequenz und Hirnstromschwingungen weisen darauf hin, daß es sich bei dem Phänomen der Spannung um ein umfassendes physiologisches Geschehen handelt, und daß dieses Geschehen bezüglich seiner Wirkung auf das Gehirn die Denkvorgänge unweigerlich beeinträchtigen muß. Wenn die Spannung verringert wird, ändern sich die genannten Parameter. Letztlich hat sich damit der Organismus selbst verlangsamt und beruhigt, so daß er seine Energie mit geringerer Geschwindigkeit verbrennt oder aufzehrt (durchaus vergleichbar einer gut eingestellten Maschine, die, wenn sie wirkungsvoll arbeitet, weniger Treibstoff verbraucht, weniger Verschleiß und Hitze erzeugt und länger hält).
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Ein natürlicher Mensch entwickelt sich auf natürliche Weise; er ist offen oder kann sich öffnen und ist nicht durch Schmerz verschlossen. Ein solcher offener Mensch hat eine niedrigere Wahrnehmungsschwelle für das, was sein Leben gefährdet. Beim Neurotiker liegt auf Grund seiner konstanten Streßverfassung diese Wahrnehmungsschwelle höher. Auf diesem hohen Spannungsniveau unterscheidet sein Körper nicht zwischen wirklichen und unwirklichen Bedrohungen. Er reagiert in neurophysiologischer, Weise eher auf vergangene primäre oder Urbedrohungen, als daß er sich zur alltäglichen Realität verhält.
Daher ist er seinen gegenwärtigen Umweltbedingungen gegenüber weniger anpassungsfähig. Was tritt ein, wenn weniger primärer Streß vorhanden ist? Man hat eine Gruppe von Menschen vor sich mit niedrigerem Stoffwechsel, wodurch das gesamte Maß von Forderungen an die äußere wie die innere Umwelt zur Aufrechterhaltung des Lebens geringer ist. Wollte der Neurotiker dieser Verfassung gleichkommen, dann müßte er sich im Schlafzustand befinden. Er müßte sich in einem verteidigungslosen Zustand befinden, wie ihn nur der Schlaf bietet.
Da Puls, Temperatur und Hirnströme Bestandteile der Abwehrstruktur sind, kann beispielsweise hohe Temperatur — 36,6° Celsius oder mehr — nicht als eigentlicher oder richtiger Wert für einen normalen Menschen gesehen werden, sondern als Teil einer neurotischen Entwicklung. Bestimmte Stoffwechselmuster oder -ablaufe stellen Endpunkte einer einzelnen persönlichen Entwicklung dar; sie können und sollten nicht vorübergehend mit künstlichen, äußerlichen Mitteln verändert werden.
Im Falle einer konkreten physischen Verletzung des Körpers wie bei einer Operation steigt die Körpertemperatur an. Dies führt zu einer gesteigerten Durchblutung, wodurch Nährstoffe und weiße Blutkörperchen, die zur Krankheitsbekämpfung vonnöten sind, eher und vermehrt zu allen Stellen des Organismus gelangen. Wenn der Streß gewisse Grenzen überschreitet, dann steigt die der Abwehr dienende Temperatur so hoch an, daß sie den Organismus umbringt. In diesem Sinn können Abwehrvorgänge tödlich wirken und stehen dann nicht mehr im Dienste des Organismus, noch sind sie dann gesundheitsfördernd. Das stimmt mit dem, was Laborit sagt, überein: »Abwehrvorgänge, die so weit über die Verteidigung unserer Existenz hinausgehen, stellen sehr häufig die mehr oder weniger unmittelbare Todesursache dar«.
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Bei übermäßig hoher Temperatur kann der Erwachsene zeitweise psychotisch werden und halluzinieren. Dementsprechend weisen niedrigere Temperaturen auf geringeres neurotisches Erleben und Verhalten hin. Oder in Worten der Primärtheorie: die Körpertemperatur entspricht dem Betrag notwendiger körperlicher Abwehr. Sie ist eine der Hauptveränderungen, die unter Streßbedingungen auftreten, und Temperaturmessungen werden bei Krankheitsfällen routinemäßig vorgenommen.
Ein Mensch ohne Abwehr hat eine relativ niedrige Körpertemperatur; sie ist ein Hinweis dafür, daß sein Körper nicht unter Streß steht. Er ist kein sich selbstverwirklichender Neurotiker, der (sozial) gesellschaftlich akzeptierte Verhaltensweisen herausgefunden hat, um seine neurotische Aktivierung nutzbar zu machen, sondern er ist ein sich natürlich entwickelnder Organismus.
In Wolfs Arbeit können wir die praktische Anwendung unserer Hypothesen sehen. Er behandelte ein Kind, das ständig epileptische Anfälle hatte, dadurch, daß er die Körpertemperatur des Kindes reduzierte. Solange sie unter 36,6° Celsius lag, konnte nur ein geringer Betrag an elektrischer Hirnaktivität festgestellt werden. Sobald die Temperatur aber wieder bis auf 36,6 anstieg, war das Anfallsverhalten das gleiche wie zuvor. Auch hier gewinnen wir wieder Hinweise, welche integrierte Einheit der menschliche Organismus darstellt; und weiterhin, daß Körpertemperatur und Hirntätigkeit in signifikanter Weise miteinander verbunden sind.
Allgemeine Anmerkungen und Betrachtungen von Dr. Janov
Wir haben am Primärinstitut kürzlich eine Wiederholung der Ergebnisse der Karle-Corriere-Untersuchung beendet. Die Veränderungen, die durch die ursprüngliche Forschung bezüglich der Elektroenzephalographie, des Blutdrucks, der Puls - und Herzfrequenz und der Temperatur aufgezeigt wurden, konnten erneut bestätigt werden. Eine Kontrollgruppe von Universitätsstudenten, die zu nachgeahmten Urerlebnissen angewiesen wurden (sie berichteten in eingehender Weise über bedeutsame Gefühlserlebnisse in ihrem Leben, aber sie durchlebten sie nicht noch einmal), wies keine der genannten Veränderungen auf.
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Es wurden jeweils vor und nach einer körperlichen Anstrengung, die der Art körperlicher Tätigkeit bei einem Urerlebnis ähnelt, Körpermessungen vorgenommen; wiederum traten keine der Veränderungen auf, wie man sie bei wirklichen Urerlebnissen findet. Offensichtlich vermag ein Urerlebnis, das Wiedererleben von Schmerz, tatsächlich Spannung aufzulösen.
Wir haben gegenwärtig mit einer gründlichen Untersuchung einer Patientin begonnen, die uns von einer staatlichen psychiatrischen Klinik überwiesen wurde. Die vorläufige Analyse ihrer Tages- wie auch ihrer Schlafelektroenzephalogramme zeigt, daß bei diesen beiden, täglich vorgenommenen Aufzeichnungen Veränderungen auftreten, die davon abhängen, was während des Tages in der Primärtherapie geschieht. Die zur Tageszeit festgehaltenen Veränderungen sind nicht so aufregend wie die zur Schlafenszeit vorgenommenen Aufzeichnungen.
Wenn sie einen guten Behandlungstag mit einem vollständigen Urerlebnis hinter sich hatte, fielen die meisten Meßwerte ab. Darüber hinaus brauchte sie eine geringere D-Zeit oder weniger REM-Schlaf. Nach einem schlechten Behandlungstag mit einem unvollständigen Urerlebnis benötigte sie mehr REM-Schlaf. Nach einem guten Tag brauchte sie weniger als ein Viertel vom Betrag der REM-Zeit eines schlechten Tages. Natürlich bedarf es noch eingehenderer Forschung in bezug auf tägliche Messungen mit dieser Patientin und anderen. Die vollständige Analyse der oben erwähnten Zusammenhänge ist noch nicht abgeschlossen. Bis dahin müssen wir uns mit Vermutungen über die Bedeutung der vorläufigen Ergebnisse zufrieden geben.
In den Sozialwissenschaften findet man wenig Vermutungen. Fakten werden verherrlicht, während man Gedanken oder Vermutungen verunglimpft. Das mag zum Teil mit der Tatsache zusammenhängen, daß es in den Sozialwissenschaften ziemlich wenig »Wissenschaft«, jedenfalls solche, die die Qualität der Voraussage besitzt, gegeben hat. Das Ergebnis ist eine Art Überkompensation, wodurch wir uns auf die sogenannten harten Fakten konzentrieren und zwar auf Kosten von Begriffen oder Konzepten, die die Fakten miteinander verknüpfen und zu allgemeingültigen Gesetzen über die menschliche Psyche führen könnten. Dabei denke ich weniger an so etwas wie ein massives »Brainstor-ming«, sondern mehr an eine allgemeine Bereitschaft, das, was wir sehen und wissen, im Bereich des Möglichen zu extrapolieren, und das beinhaltet auch eine gewisse Bereitschaft zum Irrtum.
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Ich halte es für nötig, daß unsere Vorstellungskraft beweglich ist, da es gerade die Vorstellungskraft ist, die uns von wissenschaftlichen Automaten zu kreativen Wesen verwandeln kann. Natürlich sollten wir Vermutungen und Tatsachen sorgfältig voneinander unterscheiden, aber wir sollten auch keine Angst davor haben, das zu sein, was Abraham Maslow die »Stoßtruppen« der Wissenschaft nennt.
Forschungen an unseren einzelnen Patienten weisen darauf hin, daß Träume offenbar die Niederschläge von Schmerz und Spannung in sich aufnehmen. Je mehr Schmerz vom Tage übrig bleibt, desto mehr müssen wir träumen. Das bedeutet, daß das Ausmaß, in dem wir träumen müssen, zu der Menge restlicher Spannung in unseren Körpern in Beziehung steht. Und umgekehrt haben wir umso erholsamere Nächte, je mehr Spannungen gelöst wurden. Dementsprechend müssen wir in Träumen neurotische (Spannungs-)Ventile sehen, die der Aufrechterhaltung unseres seelischen Gleichgewichts dienlich sind.
Wir haben kürzlich mit einer Reihe von Forschungsprojekten angefangen, die ich sogleich erörtern möchte. Eine der interessantesten Neuerungen besteht in der Anwendung des Stroboskoplichts. Mit Hilfe eines impulsweise strahlenden Lichts können wir, was eine wohlerwiesene Tatsache ist. Hirnstromfrequenzen ändern. Bis jetzt wurde das Stroboskoplicht klinisch hauptsächlich für das Alpha-Training verwendet, ein Verfahren, durch das die Versuchspersonen auf eine bestimmte Wellenfrequenz konditioniert werden und diese Frequenz dann auf Befehl schließlich selber hervorbringen können, indem sie ihre Gedanken umordnen. Die Alpha-Frequenz ist ein Zeichen für Verdrängung, für ein Gehirn, das Gefühle aktiv unterdrückt. Man kann Alpha-Training verwenden, um die Schmerzerfahrung zu unterdrücken, und es wurde auch eingesetzt, um die Sekretion von Magensäure zu verringern. Für gewöhnlich zeigen Neurotiker, die am Anfang der Primärtherapie stehen, hohe und stabilisierte Alphawellen. Wir haben herausgefunden, daß dieser Zustand abnimmt, je weiter die Behandlung fortschreitet.
Wir haben noch eine andere Entdeckung gemacht; es gibt eine »Primär-Frequenz« — dabei handelt es sich um eine gewisse Hirnstromfrequenz, die wir erzeugen, wenn wir durch die Anwendung des Stroboskoplichts die Hirntätigkeit verlangsamen — und gerade bei dieser Frequenz werden die Menschen empfindungsfähig. Primärtherapeutische Versuchspersonen können den Moment, an dem wir ihre Hirnstromfrequenz herunterdrücken, spüren. Sie fangen plötzlich an zu schreien oder sich zu krümmen, zu husten oder von einer
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An der Abwehr zu einer anderen überzugehen. Die Primärfrequenz liegt nahe, aber doch einige Stellen unter der stabilisierten Alphafrequenz. Hat beispielsweise ein neuer Patient eine stabilisierte Alphafrequenz von 12 Hertz, so wird seine Primär-Frequenz etwa bei 10 Hertz liegen. Beträgt seine Alphafrequenz etwa 10, dann liegt seine Primär-Frequenz etwa bei 8. Das besagt nichts anderes, als daß seine Gefühle leicht unterhalb der kortikalen Abwehrvorgänge liegen. Zwingen wir dem Gehini eine Frequenz auf, die höher als die Primär-Frequenz ist, dann werden die Gefühle unverzüglich zurückgenommen, und der Betreffende geht in einen Zustand der Abwehr über. Bringen wir das Gehirn mit Hilfe der Stroboskopimpulse auf eine niedrigere als die Primär-Frequenz, dann erhalten wir Schläfrigkeit, Schlaf oder Entspannung.
Diese Zusammenhänge haben vor allem die Bedeutung, daß, genauso wie wir einen Schlaf-und-Traum-Rhythmus oder einen Menstruationsrhythmus kennen, es auch einen »natürlichen« Hirnstromrhythmus gibt.
Bei Neurotikern ist der natürliche Rhythmus verändert. In der Regel ist er beschleunigt, so daß unsere Gehirne mit einem zu schnellen Impulstempo arbeiten. Und daher verlangsamen sich unsere Hirnstromkurven auch beträchtlich, sobald wir zu natürlicheren Wesen werden. Man selbst zu sein oder sich selbst zu leben heißt dann in dieser Hinsicht, daß unser Gehirn auf eine natürliche Weise Impulse gibt. Damit zeigt sich, daß empfindende Menschen eine viel niedrigere Hirntätigkeit als nichtempfindende haben, da es eine große Menge kortikaler Abwehrmaßnahmen erfordert, Gefühle niederzuhalten. Und nicht nur das; auch die Wellenamplitude ist bei den verdrängenden Neurotikern höher, weil es so viel nervale Aktivität erfordert, Urschmerzen im Zustand der Verdrängung zu halten. Bei Neurotikern steht das Gehirn unter einem großen Druck. Die Manifestationsweise dieses Druckes ist mehr ein Untersuchungsgegenstand für Neurologen. Jedenfalls scheint die Annahme vernünftig, daß dieser Druck alles, von den Denkvorgängen bis zu gewissen Hirnfunktionsstörungen, in Mitleidenschaft zieht.
Eine unmittelbare Konsequenz aus unserer Arbeit mit dem Stroboskoplicht ist, daß wir damit eine schnelle und wirksame Verfahrensweise in der Hand haben, um Menschen zu beruhigen. Das heißt, wir können die Effekte der Elektroanalgesie (siehe Kapitel I) dadurch reproduzieren, daß wir das Gehirn mit so vielen Impulsen überfluten, daß es, um sich zu verteidigen, alle Gefühle gleichsam abschalten muß.
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Weit wichtiger jedoch ist die Konsequenz, daß wir mit dem genannten Verfahren eine Art Primär-Maschine für therapierefraktäre Fälle, also für Fälle, die der Behandlung widerstehen, zur Verfügung haben. Wenn jemand wirklich verschlossen und gleichsam verbarrikadiert ist und dadurch große Schwierigkeiten in der Primärtherapie hat, wird es mit Hilfe einer Primär-Maschine möglich, seine Hirnstromwellen auf das Niveau der Gefühle und damit auch auf das der Urerlebnisse herunterzudrücken. Macht man das mit nichtprimärtherapeutischen Patienten, gerät der betreffende Mensch buchstäblich »aus den Fugen«.
Er empfindet nicht mehr - oder er erscheint gespannt, sonderbar, verkrampft, größenwahnsinnig und so weiter. Die Amplitude seiner Hirnstromwellen steigt bis zum Punkt seines Empfindens und Fühlens an, um die Abwehr zu unterstützen, und ruft dadurch das außergewöhnliche Erleben anstelle eines Urerlebnisses hervor. Vermindert man die Hirnströme bei primärtherapeutischen Patienten, so führt das normalerweise zur Empfindungsfähigkeit, zum Zustand des Fühlens. Es entsteht jedoch keineswegs immer ein zusammenhängendes, eine Spaltung aufhebendes Gefühl. Wir haben Patienten angewiesen, sobald wir die Primär-Frequenz erreichen, einen Summton auszulösen. Wenn dies geschieht, kann der Patient sagen: »Mein Körper empfindet etwas, aber mein Kopf kann nicht herausbringen, worum es geht.« Oder er sagt vielleicht: »Meine Kehle ist plötzlich wie zugeschnürt; mir ist, als müsse ich ersticken. Ich habe ein Gefühl, als ob ein Schrei in mir hochkommen will.« Wenn wir den Patienten ermutigen, darüber zu sprechen (nur mit einigen wenigen Worten), wird der Inhalt des Gefühls deutlich, und es folgt ein Urerlebnis. Oder er wird, wenn wir ihn sehr schnell atmen lassen (Hyperventilation), anfangen zu jammern und zu schreien.
Es hängt von der Primär-Frequenz ab, ob das Urerlebnis verbal oder averbal ist, ob es sich auf ein früheres oder späteres Ereignis im Leben bezieht. Liegt die Primär-Frequenz sehr tief, etwa bei 2 Hertz, also nahe der für ein kleines Kind charakteristischen stabilisierten Frequenz, dann ist das Urerlebnis wahrscheinlich averbal und von sehr früher Art. Hat der Patient die Behandlung erst kürzlich begonnen und liegt seine Primärfrequenz etwa bei 8 Hertz, dann bezieht sich sein Urerlebnis möglicherweise auf einen späteren Abschnitt seines Lebens. Parallel zum therapeutischen Fortschritt des Patienten fällt sowohl seine Alphafrequenz wie auch die Primärfrequenz ab.
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Ebenso wie wir unsere Normwerte von Hirnströmen neu überdenken müssen, sollten wir uns auch nochmals mit den Normalwerten der Körpertemperatur befassen. Es kann sein, daß wir unseren Normalwerten das Verhalten von Neurotikem zugrunde gelegt haben, so daß also die Normwerte bei realen und natürlichen Menschen von dem, was wir uns vorstellen, sehr verschieden sind. Wir wissen, daß die Hirnstromfrequenz bei Kindern sehr niedrig ist und daß sich, wenn wir älter werden und unser Gehirn sich entwickelt und die Nervenfasern mit Markscheiden umgeben werden, die Wellenfrequenz erhöht, bis sich Alpha- und Beta-Wellenfrequenzen herausbilden. Daß dies so eintritt, muß mit dem zunehmenden Aufwand kortikaler Abwehr zu tun haben, den die Kinder aufbringen müssen, um mit ihrer Umwelt zurechtzukommen — einer Umwelt, die es nicht zuläßt, daß die Kinder empfinden und fühlen. Wie sonst ließe sich, wenn dem nicht so wäre, die Beobachtung erklären, daß die stabilisierten Hirnströme von fortgeschrittenen primärtherapeutischen Patienten denjenigen von Kindern so ähnlich sind?
Vielleicht sollten wir noch ein Wort zu den Hirnstromwellen bei Kindern sagen. Normalerweise werden die Theta-Wellen mit den Gefühlen in Zusammenhang gebracht (mit Freude wie mit Schmerz). Dieser Wellentypus ist bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren vorherrschend; dann treten zu gleichen Teilen Alpha- und Theta-Wellen auf. Nach dem sechsten Lebensjahr dominieren die Alpha-Wellen. Dies kann bedeuten, daß bis zum fünften oder sechsten Lebensjahr vor allem die Gefühle unser Erleben ausfüllen, dann aber die Abwehrvorgänge mit ihren Einwirkungen einsetzen.
Mit anderen Worten: die entscheidende Spaltung, die meiner Meinung nach in diesem Alter eintritt, zeigt sich in einer tatsächlichen Spaltung des Hirnstromwellenmusters in Alpha- und Theta-Wellen — in einer Spaltung in Fühlen und Verdrängung. Tritt ein Kind in das zweite Lebensjahrzehnt ein, dann stabilisiert sich zusammen mit den Alpha-Wellen die Verdrängung.
Meistens kehren die Hirnströme primärtherapeutischer Patienten nach der Behandlung in den Bereich der Theta-Wellen zurück. Da Kleinkinder und jüngere Kinder keine hohe Alpha-Wellenfrequenz haben und keine große Anzahl aktiver kortikaler nervaler Elemente besitzen, die den Vorgang der Verdrängung fördern, sind sie leicht zu überlasten. Nehmen wir nur beispielsweise die Redeweise der Mutter.
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Wenn sie dem Gehirn ihres jungen Kindes eine Funktionsgeschwindigkeit abverlangt, die ihm nicht in natürlicher Weise entspricht (falls sie zu schnell redet), muß das Kind den eigenen Funktionsrhythmus seines Gehirns verleugnen und versuchen, auf dem Niveau oder der Leistungsebene der Mutter sowohl zu verstehen wie auch zu sprechen. Es muß die »schnellen Antworten«, die sie fordert, bereit haben. Ist eine Mutter einfühlsam, wird sie den Hirnfunktionsrhythmus ihres Kindes spüren und in diesem Rhythmus mit einer Lautstärke sprechen, die ebenfalls gut verarbeitet werden kann. Zu schnelles und zu lautes Sprechen können an sich schon eine primäre Überlastung hervorrufen. Ein unempfindsamer Therapeut kann mit einem Patienten »auf der falschen Wellenlänge« reden, und ein empfindsamer Patient wird dadurch unverzüglich abgestoßen. Vielleicht trifft die Redeweise nicht den Tonfall des Patienten, oder sie ist zu weich oder zu laut.
Das alles mag für viele Menschen merkwürdig klingen. Ziehen wir aber in Betracht, wie frei und offen ein Kind in seinem Verhalten ist und wie groß die Schwierigkeiten sind, die ihm die Anpassung an seine Eltern mit dem Ziel des Überlebens bereiten, dann sehen wir, daß wir in der Abstimmung auf die Eltern einen automatischen Mechanismus zum Überleben vor uns haben. Wenn auch bei Neurotikern die Erinnerung an ihre spezifische Weise der Anpassung meistens verloren gegangen ist, ist das, was wir später sehen, ungewöhnlicher Unwille oder Wut, wenn jemand zu viel oder zu schnell redet oder zu viele Befehle auf einmal gibt. Kurz gesagt: der betreffende Mensch reagiert auf diese sehr frühe Verleugnung seines Selbst, obgleich er keine bewußte Wahrnehmung davon hat.
Ich sollte unbedingt noch hinzufügen, daß die Vorstellung oder Idee einer Primärmaschine mit einer natürlichen Behandlungsweise wie der Primärtherapie eigentlich unvereinbar ist. Es sind aber schon zu viele Menschen zu Maschinen gemacht worden, so daß wir alles erkunden sollten, was wir tun können, um solchen Menschen zu helfen. Für die weitaus größte Zahl unserer Patienten bedarf es keiner Maschine. Alles, was sie brauchen, ist ein Ort, an dem sie empfinden können.
Unter dem Gesichtspunkt von Hirnvorgängen ähnelt der Patient nach abgeschlossener Primärtherapie sehr dem jungen Kind. In dem Maße, wie die Frequenz und die Amplitude der Hirnstromkurven abnehmen, erhöht sich die Möglichkeit für Überlastung. Wir stellen dies empirisch bei Patienten fest, die uns davon berichten, daß das geringste Geräusch sie belästigt. Sie können es in lauten Restaurants nicht mehr aushalten, während sie früher viele ihrer Nächte in lauten Bars und Discotheken verbracht haben mögen.
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Wenn man ein verteidigungsloses Gehirn hat, so bedeutet das, daß man im wahrsten Sinne des Wortes empfindlich ist. Oft sagen wir, wir könnten in unempfindsame Menschen nicht »eindringen«; diese Tatsache trifft in bezug auf das neurotische Gehirn tatsächlich zu. Ein aktives neurotisches Gehirn schirmt sich gegen vieles ab. Daher muß man Neurotikern eine bestimmte Sache meistens buchstäblich einhämmern, damit sie sie verstehen können. Und daher können sie auch enorme Geräuschquantitäten aushallen (etwa überlaute Musik).
Die Schlafforschung sagt uns, daß der D-Zustand oder REM-Bereich, obgleich er nicht die tiefste Phase des Schlafes darstellt, die schwierigste Zeit ist, um einen Menschen zu wecken. Ich möchte annehmen, daß das Gehirn während dieser Phase so mit der Gefühlsabwehr beschäftigt ist, daß es für ein Eindringen und Aufwecken größerer Reizmengen bedarf.
Ein Gehirn im Zustand der Abwehr erfordert, wenn es zur Ruhe gebracht werden soll, auch eine größere Menge von Medikamenten; demgegenüber nehmen Patienten nach der Primärtherapie den kleinsten Reiz — eine Tasse Kaffee etwa — seelisch unmittelbar wahr. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, daß wir bei unseren Jugendlichen hohe und schnelle Alpha-Wellen stabilisieren, also zu einer Zeit, in der viele ernste Beschwerden, die von der Epilepsie bis zur Schizophrenie reichen, ihren Anfang nehmen.
Die Primärtherapie bedarf in großem Ausmaß der Erforschung. Es ist notwendig, daß wir Patienten über einen Zeitraum von Jahren weiter verfolgen, um zu sehen, wie gut unsere Ergebnisse anhalten. Es sind biochemische Untersuchungen vor und nach der Behandlung vonnöten, damit wir genau sehen, welche Veränderungen auf der Ebene der chemischer Vorgänge stattfinden. Wir brauchen dazu die Hilfe von Wissenschaftlern aus anderen Fachrichtungen, die uns dabei helfen können, neue Parameter für unsere Untersuchungen aufzustellen.
Bis jetzt sind die Ergebnisse aufsehenerregend und haben die Tendenz, die Primärtheorie zu validieren. Aber wir müssen noch viel mehr wissen, und solche Kenntnis kann nur durch ein multidisziplinäres Vorgehen Zustandekommen. Diejenigen, die sich mit der Primärtherapie eingelassen haben und sich persönlich beteiligt fühlen, wissen, daß sie etwas leistet; jetzt stehen wir vor der Aufgabe, diese Leistungen zu beweisen.
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Ende