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Teil 4.  Unterschiede zwischen physischen und psycho-physischen Behandlungsmethoden

 

 

  1. Einleitung  

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Ich habe dargestellt, wie Rückkoppelungsschleifen von Urerlebnissen unsere Denkvorgänge und Körper­reaktionen in Mitleidenschaft ziehen. Ich habe darauf hingewiesen, daß sich die Psychotherapie mit jenen Denkvorgängen auseinandersetzt, die als Folgeerscheinungen von Urgefühlen anzusehen sind, während die Medizin die körperlichen, von den inneren Organen herrührenden Reaktionen auf eben jene verdrängten Urgefühle behandelt. Es gibt noch eine andere Therapieform, die unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt wurde — die bioenergetische oder Orgonbehandlung. 

Im wesentlichen handelt es sich dabei um Methoden, die an Reich orientiert sind, und die sich mit dem Muskel­system ausein­andersetzen. Ihnen liegt die Überzeugung zugrunde, daß der Körper um die Gefühle eine Art Panzer bildet, und daß man einem Menschen wieder zum Empfinden verhelfen kann, indem man diesen sogenannten Muskelpanzer attackiert. Und demzufolge schlagen Patienten auf Kissen ein, werden ihre Muskeln beklopft und geknetet, werden sie zum Erbrechen gezwungen, damit sich ihre Spannung verringert, und so weiter. Die Primärtherapie ist aufgrund der mit ihr verbundenen physischen Aktion — im Gegensatz zur konventionellen Psychotherapie — gelegentlich mit diesen physischen Therapien gleichgesetzt worden. Die Unterschiede sind meines Erachtens jedoch wesentlich und sollten herausgearbeitet werden.

Den Hauptunterschied zwischen Reich'scher und primärtherapeutischer Methode sehe ich im Unterschied zwischen einer äußerlich-physischen (Reich'sche) und einer innerlich-psychophysischen (primär­thera­peutischen) Methode. Unter primär­therapeutischem Gesichtspunkt ist der Muskelpanzer, von dem wir sprachen — die Gespanntheit des Muskelsystems — ein Ergebnis dessen, was uns in unserem Leben widerfahren ist.


Und das Verfahren, mit Hilfe dessen diese Panzerung beseitigt werden kann, besteht in angestrengter Suche nach solchen wichtigen Ereignissen; und nicht, sozusagen in umgekehrtem Vorgehen, in dem Bemühen, Gefühle durch ein Erweichen des Muskelpanzers zu befreien. Wenn ein Patient in der Primärtherapie auf ein Kissen einschlägt, dann geschieht dies im Kontext einer sehr realen Wut über eine Szene, derer er sich erinnert. Wenn er das gleiche in Reich'schen Behandlungen macht, dann richtet er sich damit gegen einen Therapeuten, der ihn aufzulockern versucht. In der Primärtherapie kommt dieses Schlagen aus dem Innern, von den Gefühlen. In den physischen Behandlungsformen hat es eine Tendenz zum Ausgedachten, Geplanten. Wenn man fühlt, dann wird die muskuläre Spannung in einer dauerhaften Art gelöst, da sie einen Teil des Apparats darstellt, der die Gefühle verdrängt.

In Vorstadien der Primärtherapie kann es eintreten, daß Patienten auf einem Kissen herumschlagen und doch ihre Muskel­spannung behalten, da die Rückkoppelungsschleife der Erinnerung, die das betreffende Stück Spannung entwickelt hat, nicht wieder in einen Sinnzusammenhang gebracht und damit aufgelöst wurde. An Reich orientierte Behandlungsweisen versuchen neurotische Spannung zu lösen; die Primärtherapie wagt sich an den Ursprung dieser Spannung heran. Es gibt im Wesentlichen zwei Ursprünge für diese Spannung. Zum Ersten gibt es eine allgemeine Muskelspannung, die vom großen Sammelbecken der Urgefühle herrührt — also ein allgemeines sich Versteifen gegenüber Gefühlen. Zum Zweiten gibt es aber auch ein spezifisches Urgefühl, das eine spezifische Spannung in gewissen Muskelzügen hervorrufen kann. So hatte eine Patientin zum Beispiel jahrelang ein charakteristisches Leiden an Schultern und Armen. Während eines Urerlebnisses empfand sie, wo es herrührte — »Ich habe mich immer davor zurückgehalten, auf meine Mutter einzuschlagen«.

Ein anderer Patient schrie im Urerlebnis: »Geh runter von meinem Rücken. Geh runter von meinem Rücken!« Er hatte jahrelang Rückenschmerzen gehabt, hatte sie aber niemals damit in Verbindung gebracht, daß er schon früh im Leben die Last schwieriger Aufgaben und Verantwortung hatte tragen müssen. Das Urerlebnis überkam ihn, als er davon sprach, daß er immer auf seine zwei jüngeren Brüder hatte aufpassen müssen, und jedesmal, wenn ihnen etwas zustieß, dafür getadelt wurde.

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Vor der Therapie empfand er nie das wirkliche Gefühl — daß er sich nämlich mit elf Jahren um niemanden hätte kümmern sollen. Ein anderer Patient wiederum fühlte den Ursprung seiner Nackenschmerzen, unter denen er ständig litt. Für gewöhnlich verwandelten sich diese Schmerzen in »drückende« Kopfschmerzen. Ihr Grund lag darin, daß man während der schwierigen Geburt seinen Kopf gewaltsam gedreht hatte. Dies war seine- prototypische Reaktion auf späteren Streß.

Die an Reich orientierte Therapie würde versuchen, sich mit der sich darbietenden Spannung zu beschäftigen. Die Primärtherapie geht davon aus, daß bestimmte Erinnerungskreise am Werk sind, indem sie die Muskeln mit nervösen Impulsen versorgen und dadurch Spannung erzeugen; sie geht davon aus, daß ein Übermaß an Muskelspannung — also mehr, als wir brauchen, um unsere Lage zu verändern — neurotisch ist und daher auf dem Weg über Urerlebnisse abzuleiten ist. 

 

Es trifft zu, daß wir unsere Körper gebrauchen, um Gefühle einzuschließen. Und es stimmt auch, daß wir gelegentlich an diese frühen Gefühle herankommen, wenn wir den Muskelpanzer öffnen. Ich bin jedoch der Meinung, daß die Konzentration auf den Körper weder den Wert eines systematischen noch den eines voraussagefähigen Vorgehens hat (wie wir aus den Kapiteln ersehen werden, die von Patienten geschrieben wurden, die eine jahrelange an Reich orientierte Behandlung hinter sich hatten). Diese Arbeit am Körper bedeutet wieder den Versuch, Probleme von außen her zu lösen, obgleich sie im Innern existieren. Einer der Gründe, warum sowohl in der Psychotherapie wie in der körperlichen Behandlung versucht wird, Probleme von außen her zu lösen, ist der, daß Therapeuten denken, sie könnten die Probleme irgendeines anderen lösen, und daß die Menschen einen »Experten« brauchen, der an ihnen Magie und anderen Zauber vollbringt, obgleich alles, was diese Menschen brauchen, sie selber und die Erfahrung dieses Selbst sind. Wenn Probleme nicht von außen her gelöst werden können, bedarf es keiner Experten, und das beseitigt das Bedürfnis nach einer elitären Klasse, die besondere Kenntnisse über andere besitzt.

Körperliche Behandlungen stellen eine Parallele zu konditionierenden Therapien oder Verhaltenstherapien dar. Sie kommen mir beide mechanistisch vor. Beide versuchen sie, auf mechanische Weise ein Verhalten zu verändern, obgleich die körperlichen Methoden gewiß mehr Interesse an Gefühlen bezeugen als die Verhaltenstherapie.

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Beide vernachlässigen sie Ursprünge im Sinne von vorrangigen Zielen. Nehmen wir beispielsweise ein Kind, dem ständig gesagt wird, es solle »still sein«. Ist ihm niemals eine freche Antwort gestattet, dann muß es seine Gefühle zurückhalten. Es muß sie zurückhalten, da sie existieren und nach außen drängen. Ganz gleich, was es sich selbst einredet, und wie es sich an seine Eltern anpaßt, wenn sie Bedingungen herstellen, die das Kind frustrieren und wütend machen, existieren diese Gefühle in seinem Innern dennoch. Weil diese Gefühle eine Kraft darstellen, muß es den Körper zur Hilfe heranziehen, um sie abzuwürgen; so wird sich automatisch seine Kehle zusammenziehen, um die Gefühle abzuwürgen, oder es wird sie binden, indem es seine Magenmuskeln zusammenzieht. 

Wenn man den Betreffenden zum Erbrechen zwingt, damit sich seine Kehle löst, so hat das keine anhaltende Wirkung, ebenso wie seine Bauchmuskeln zu bearbeiten auch nur vorübergehend ein paar Gefühle freisetzt. In Wirklichkeit muß der Betreffende jene frühen Szenen erforschen, in denen seine Eltern ihn zum Schweigen brachten; er muß sie wegen dieser Szenen im Behandlungszimmer anschreien dürfen. Seine Muskeln werden sich bis zu dem Maß lösen, wie er den aufsteigenden Schmerz ertragen kann. Sie werden sich wieder verschließen und anspannen, um mehr Schmerz, als verarbeitet werden kann, zurückzuhalten. Es kommt darauf an, daß Muskelspannung die Bedeutung eines Schutzes hat; sie sollte nicht auf mechanische Weise unterbrochen werden.

 

Das sogenannte Rolfing (nach seinem Erfinder Ida Rolfe benannt) stellt eine Erweiterung bioenergetischer Techniken dar. Es handelt sich dabei im wesentlichen um eine Methode der körperlichen Wiederherstellung, bei der die Körperhaltung durch energische Handgriffe an Muskelzügen verändert wird. Das Hauptziel des Rolfing besteht darin, die Muskulatur weich zu machen, damit gebundene Energie frei und eine beweglichere Verfassung des Körpers erreicht wird. Das ist normal ein sehr schmerzvoller Vorgang. Manchmal brechen während des Rolfing Urgefühle durch. Es ist normalerweise nicht das Ziel, solche Gefühle auszulösen, aber es ist offensichtlich, daß, sobald Gefühle bindende Muskeln entspannt werden, diese Gefühle frei werden. Ich setze das Rolfing der LSD-Erfahrung gleich; wir können sagen, daß das Rolfing einem LSD-Trip des Körpers gleichkommt. In diesem Sinne stellt es eine massive Verletzung des körperlichen Panzers dar, so, wie das LSD die psychischen Abwehrvorgänge sprengt. Aber beide sind, und das ist die Schwierigkeit, zuviel auf einmal.

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 Damit meine ich nicht, daß die Lockerung körperlicher Abwehr keine Hilfe bedeutet. Sie ist es durchaus — wenn sie im Kontext der Primärtherapie stattfindet, wo wir auf die frühen nervalen Kreisprozesse abzielen und nicht die Muskelentspannung als ein Ziel in sich selbst anstreben. Ich bin sicher, daß bestimmte körperliche Manipulationen bei gewissen Patienten in der Primärtherapie — zum rechten Zeitpunkt angewandt — eine Hilfe bedeuten können. Ein Patient ist vielleicht bereit, in bestimmte frühe Erfahrungen einzutauchen, aber sein Körper ist so gefesselt, daß er nicht mitarbeiten kann. Ich denke dabei zum Beispiel an Menschen mit faßförmigem Brustkorb, deren Gefühle im wahrsten Sinne des Wortes umschlossen sind. Das Bearbeiten der Muskelhülle an Brust, Schultern und Nacken kann sehr wohl den Zugang zu Gefühlen erleichtern. Für den Primärtherapeuten ist die Kenntnis von den Schlüsselmuskeln innerhalb des Muskelsystems genauso wichtig wie die Kenntnis von den Arbeitsweisen der Abwehrmechanismen. Aber mit diesen psychischen oder körperlichen Mechanismen umzugehen, ist kein Selbstzweck — sondern ein Mittel, um an die darunter liegenden Urgefühle zu gelangen.

Ein Primärtherapeut würde an gewissen Muskelbündeln arbeiten, wenn der Patient entsprechend vorbereitet ist. Es würde im Kontext und nicht aufs Geratewohl geschehen. Wenn körperliche Manipulation nicht im Kontext geschieht, dann hat sie notgedrungen etwas Zufälliges — eine Art freie Assoziation des Körpers. Bei diesen Methoden erfährt man nicht, was bucklige oder hängende Schultern bedeuten.  

Sie können beispielsweise bedeuten: »Ich habe Angst, meine Brüste zu zeigen, weil Pappi keine Mädchen mag«, oder: »Ich will meine Brust nicht zeigen und nicht sexuell sein«, oder eine Vielzahl anderer Dinge. Die hängenden Schultern sind also ein Teil des geschichtlichen oder biographischen Abwehrsystems und werden sich ändern, wenn die zahlreichen Erfahrungen, die mit diesem Hauptgefühl verknüpft sind, wiedererlebt werden. Gewiß, man kann die Muskelhülle von Schultern und Brust bearbeiten und so eine aufrechte Haltung erzeugen; aber die Frage lautet doch: wird die Haltung so bleiben, und noch wichtiger, was ist mit den Ursachen dieser schlechten Haltung geschehen? Es gibt sie immer noch. Die betreffenden Erinnerungskreise rufen weiterhin ihre Spannungslast hervor, nun zwar umgeleitet, aber immer noch irgendwo im Organismus. Kurz gesagt: Körperhaltung ist auch eine Art der Erinnerung — sie ist ein Gegenstück zum nervalen Kreisprozeß. Sie ist ein Teil des gesamten Abwehrsystems, und nicht eine in sich geschlossene Sache.

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Ich glaube, daß jede Methode wie das Rolfing, die so schmerzvoll ist, unnatürlich sein muß. Für Neurotiker ist Abwehr natürlich. Die Muskeln stehen zu einer gespeicherten Geschichte von Schmerz in Beziehung. Diese Geschichte auflösen, ist das, was heilt; und nicht die Auflösung der Ergebnisse dieser Geschichte.

Es gibt keinen Zweifel darüber, daß ein Nachlassen von Spannung in körperlichen Behandlungsformen, vom Rolfing bis zur Tanztherapie, eintreten kann. Und wenn diese körperlichen Behandlungsverfahren sich so auswirken, daß Urgefühle aufsteigen, dann werden sich auch im Elektroenzephalogramm Veränderungen ergeben. Aber wir müssen uns vergegenwärtigen, daß unsere Bewegungen als Erwachsener, sagen wir in einer Tanzklasse, nicht dasselbe sind wie unsere Bewegungen als kleines Kind — als jenes kleine Kind, das daran gehindert wurde, sich frei zu bewegen. Wenn man sich bewegt und um sich schlägt, beim Wieder­erleben einer Szene, in der man als Säugling in der Wiege durch Decken eng eingezwängt war, dann handelt es sich um ein lösendes Erlebnis; wenn man seinen Körper in der Tanztherapie herumwirbelt, dann ist das ein verbesserndes oder korrigierendes Erlebnis.

Man kann das Sammelbecken der Urgefühle als eine sprudelnde Quelle ansehen, die sich immerzu neue Abflußwege sucht. Wenn man jemandem die Abwehr nimmt, die in der Körperhaltung steckt, dann werden sich vielleicht seine Magengeschwüre verschlechtern. Oder der Organismus muß das Loch irgendwo anders wieder stopfen. Das ähnelt einigen Psychotherapieformen, bei denen der Patient dazu ermutigt wird, alle verbotenen Worte zu sagen, die er nie sagen konnte — um sozusagen seine Seele »auszuschütteln«. Aber die sexuellen Hemmungen, die früh im Leben gelegt werden, bestehen fort. Dementsprechend kann ein Mensch frei reden oder sich frei bewegen und trotzdem sehr mechanisch handeln — er dokumentiert die Freiheit, ohne jedoch ihr Wesen zu erfahren.

Die körperliche Therapie ist ihrem Wesen nach eine Methode der Konfrontation; ein Experte wird mit der körperlichen Fassade konfrontiert. In der Encounter- oder Begegnungstherapie begegnet er der persönlich-sozialen Fassade und versucht sie wieder aufzurichten. Aber die eigentliche Konfrontation kann nur sich selbst gegenüber stattfinden. Unser Schicksal muß sich von innen heraus gestalten, wenn wir uns natürlich entwickeln sollen.

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Die Neurose tritt genau deshalb auf, weil unser Schicksal von außen her geformt worden ist. Neurose bedeutet, daß man von anderen, körperlich und seelisch, in einen unnatürlichen Zustand gezwängt wurde. Da hilft es nichts, wenn man auf Entscheidung eines anderen Menschen in eine andere Form umgegossen wird. Dem Menschen muß sein eigenes Schicksal wieder ausgehändigt werden. Er muß sein natürliches Selbst leben können; darüber hinaus gibt es für ihn keinen Zustand.

Die folgenden Abschnitte, die von Patienten geschrieben wurden, die in einer Primärtherapie und vorher jahrelang in einer an Reich orientierten Therapie waren, erläutern einige der Unterschiede, die ich erörtert habe.

 

  

   2. Ein persönlicher Vergleich zwischen Primärtherapie und Orgontherapien  

 

Roger  

Die Orgontherapie ist die Behandlungsform psychischer Störungen, die der Primärtherapie am ähnlichsten ist. Sie wurde von Wilhelm Reich hauptsächlich — obgleich nicht vollständig — während der dreißiger Jahre entwickelt. Die Orgontherapie ist, wie die Primärtherapie, ihrem Wesen nach radikal, und es erhebt sich natürlich die Frage, wie sie miteinander zu vergleichen sind. Da ich beide Behandlungsformen als Patient erlebt habe — ich ging sieben Jahre lang einmal wöchentlich zu einem Orgon­therapeuten, und als ich dies hier schrieb, hatte ich einige Monate Primärtherapie hinter mir —, könnten meine Erfahrungen aus beiden Behandlungen für eine Vergleichsgrundlage vielleicht von Nutzen sein.

Die Ähnlichkeiten beider Behandlungsformen lassen sich leicht feststellen. Sie befassen sich beide mit den gesamten psychobiologischen Funktionsweisen des Individuums. Das grenzt sie gegenüber den meisten anderen Therapieformen ab, da sie nicht nur durch die intellektuelle und verbale Ebene hindurch zum Emotionalen vordringen, sondern sich auf der Ebene des Organismus mit Gefühlen beschäftigen, indem sie sämtliche Funktionsweisen des Individuums einbeziehen. 

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Sie haben beide das gleiche Ziel: sie wollen das Abwehrsystem so vollständig wie möglich beseitigen und dadurch das Individuum befähigen, natürlich zu funktionieren. Dieses Ziel erfordert, daß bislang verdrängte Gefühle freigegeben werden, damit sie frei zum Ausdruck gebracht und vom Individuum uneingeschränkt empfunden werden können. Dieses beiden gemeinsame Ziel beinhaltet auch das Vertrauen in die selbst­steuernden Fähigkeiten des Individuums, sein eigenes Leben vollziehen zu können. Primärtherapie wie auch Orgontherapie setzen sich für eine radikale Befreiung des Individuums aus seinem Zustand emotionaler Unterdrückung ein.

Um die Unterschiede zwischen den beiden Behandlungsformen verstehen zu können, ist es zunächst erforderlich, die Orgontherapie kurz zu beschreiben (ich gehe davon aus, daß der Leser inzwischen mit der Primärtherapie vertraut ist), obgleich es unmöglich ist, hier mehr als einen kurzen Abriß zu geben.1 Vielleicht geschieht dies am Sinnvollsten, wenn ich berichte, in welcher zeitlichen Abfolge Reich die Behandlungsmethode entwickelte.

Als Psychoanalytiker in den zwanziger Jahren beeindruckte es Reich, wie charakteristische Einstellungen oder Haltungen eines Menschen als Abwehr gegen verdrängte Gefühle und Empfindungen wirksam sind; er arbeitete technische Verfahrensweisen aus, mit denen diese charakterlichen Abwehrmaßnahmen analysiert werden konnten.2 Ebenfalls während dieser Zeit war Reich davon überzeugt, daß der Schlüssel für die Heilung einer Neurose in einer befriedigenden sexuellen Beziehung des Patienten liege. Er war der Meinung, die Neurose werde durch die ungelösten sexuellen Emotionen energetisch unterstützt und die Abwehrstruktur breche aufgrund der fehlenden Unterstützung zusammen, wenn die sexuellen Triebkräfte völlig befreit würden.

In den dreißiger Jahren machte Reich die Feststellung, daß die charakterlichen Abwehrvorgänge, die das Individuum verteidigen — und damit seine sexuellen Emotionen von völliger Entspannung zurückhalten — chronische muskuläre Spannungen an verschiedenen Stellen des Körpers umfassen, die auf körperliche Weise Bewußtheit und Ausdruck von Gefühlen zurücknehmen.

1  Eine kurze Einführung findet sich in Ola Raknes Buch, Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt/M., Fischer Taschenbuch Verlag, 1973 (Bd. 6225). Seine biophysische Neurosentheorie wird inüie Funktion des Orgasmus, Köln, Kiepenheuer u. Witsch, 1971, dargestellt; eine zeitgemäßere Darstellung der Behandlungsmethode gibt Elsworth F. Blakers Man in the Trap, New York, Macnüllan, 1967.

2  Sein Buch Charakteranalyse (Köln, Kiepenheuer u. Witsch, 1971), dessen erste Ausgabe noch ganz im analytischen Bezugsrahmen geschrieben war, ist in der psychoanalytischen Ausbildung umfangreich berücksichtigt worden.

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Wenn Teile dieses sogenannten Muskelpanzers aufgelöst werden, können sich die Gefühle, deren Leugnung ursprünglich die Muskelkontraktion veranlaßt haben, und die dann wiederum chronisch geworden ist, auf spontane Weise äußern. Die emotionale Störung ist im ganzen Körper verwurzelt; man kann durch biophysisches Arbeiten mit dem Organismus an sie herankommen und die gleichzeitige Lösung chronischer Muskelspannungen und der mit ihnen verknüpften, aufgestauten Gefühle erzielen. Sobald sich die Gefühle durch eine systematische Beseitigung des muskulären Panzers unbehindert innerhalb des Organismus bewegen können, ist der betreffende Mensch zu einer völligen orgastisch sexuellen Entspannung fähig. 

An diesem Punkt wird die Energie, welche die Neurose unterstützte, zurückgenommen; dieses Umleiten der emotionalen Energie, das durch die Beseitigung der muskulären und emotionalen Sperren möglich wurde, befähigt das Individuum, sich in einer »ungepanzerten«, natürlichen Weise zu verhalten. Die Menschen, die fähig sind, während des Geschlechtsverkehrs ihre bewußte Kontrolle völlig fahren zu lassen, und die ihre Gefühle unbehindert durch den Körper strömen lassen, wurden von Reich »orgastisch potent« genannt. Er sah es als das Kriterium der Heilung an, wenn dieser Zustand erreicht wurde — was in unserer kranken, das Sexuelle UnterdrÜkkenden Gesellschaft selten ist.

In denselben Jahren, in denen Reich seine biophysische Behandlungsmethode entwickelte, identifizierte er auch das Wesen der emotionalen Energie, deren Befreiung das Ziel seiner Therapie war. In den späten dreißiger Jahren fand er heraus, daß sich diese Energie von jeder anderen gegenwärtig bekannten Energieform unterscheidet und daß sie bei allen Lebensformen eine Rolle spielt; deshalb gab er ihr einen eigenen Namen: Orgonenergie. Reich entwickelte einen Orgonkasten, in den man sich hineinsetzt, um Orgonenergie zu sammeln oder zu konzentrieren (von der er annahm, daß sie den ganzen Weltraum erfüllt), wodurch die energetische Ladung erhöht wird. 

In späteren Jahren hat Reich eine Reihe von Entdeckungen in Bezug auf die Orgonenergie gemacht, von denen lediglich eine — zusätzlich zum Orgon-Akkumulator — für seine Behandlungsmethode relevant ist. Sie bestand in folgendem: wenn die Orgonenergie ruhig gestellt wird, indem sie entweder im muskulär gepanzerten Organismus eingeschlossen oder unter bestimmten Bedingungen anderen Energieformen wie Strahlung oder Elektrizität ausgesetzt wird, verliert sie ihre lebenserhaltende Qualität und schlägt in eine tödliche Qualität um.

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Diese immobilisierte Orgonenergie nannte Reich DOR — Deadly Orgone. Um diese Energie aus dem Organis­mus zu entfernen, entwickelte er einen Apparat, der aus einer Reihe von Kabeln besteht, die mit einem Orgon-Akkumulator verbunden sind, der seinerseits wiederum über ein weiteres Kabel mit einer Wasserquelle verbunden ist. Die DOR, vom Wasser angezogen, wird dem Organismus entzogen, wodurch es für die immobilisierte Orgonenergie möglich wird, freier zu strömen.

 

In meiner eigenen Orgontherapie arbeitete ich mit einem sehr erfahrenen Therapeuten, der über zwanzig Jahre die Ausbildung anderer Orgontherapeuten leitete. Bei der Beschreibung meiner Behandlung sollte betont werden, daß sie nicht typisch für die meisten Fälle dieses Behandlungsverfahrens war. Mein Therapeut diagnostizierte mich als »Neurotiker mit einem schizophrenen Kern«. Dieser »schizophrene Kern« machte mich zu einem schwierigeren Patienten — in der Tat, er vereitelte letztlich die ganze Therapie. Bevor ich mit der Orgontherapie anfing, war ich in einer eingehenden Psychoanalyse gewesen, die einige meiner neurotischen Verdrängungen beseitigt hatte, ohne die tieferen Ebenen meiner seelischen Störung wirklich zu erreichen. Beim Beginn der Orgontherapie hegte ich die Hoffnung, ihr nicht primär an das Sprachliche gebundene, biophysische Verfahren könne in Bereiche vordringen, die die Psychoanalyse nicht hatte erreichen können. Ich glaube, meine Behandlung war auch insofern atypisch, weil eine relativ geringe Lösung von Gefühlen eintrat, wenn man die dramatischen Fallgeschichten zum Vergleich heranzieht, die sich in den englischsprachigen Zeitschriften und Büchern über Orgonomie der letzten dreißig Jahre finden lassen.

Einen großen Teil meiner Zeit in der Orgontherapie verbrachte ich, indem ich in Unterhosen ausgestreckt auf einer Couch lag und tief atmete. Die spärliche Bekleidung soll es dem Therapeuten ermöglichen, die kontrahierten Muskeln über den ganzen Körper hinweg zu sehen und unmittelbar an ihnen zu arbeiten. Die tiefe Atmung soll den Organismus befähigen, zunehmend höhere Energieladungen, die den Körper durchströmen, zu tolerieren; und auf diese Weise soll sich die Notwendigkeit verringern, diese Energie durch chronische Muskelkontraktionen zurückzuhalten.

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Es ist für das Verstehen der Orgontherapie wichtig, daran zu denken, daß für Reich die Emotion im Grunde Lebensenergie ist, die den Organismus durchströmt und eine Vielfalt physiologischer Wirkungen hervorruft. Sobald Emotion und Lebensenergie als etwas funktionell Identisches angesehen werden, bedeutet eine Entspannung des einen auch eine Lösung des anderen. Die biophysische Arbeit, die einen unbehinderten Energiefluß wiederherzustellen sucht, versucht daher gleichzeitig, umfassenden emotionalen Ausdruck und Bewußtsein herzustellen. Allein das Atmen führte in meiner Behandlung zu einer gewissen Befreiung des Gefühls.

Zusätzlich zur vertieften Atmung wurde in jeder Sitzung eine. gewisse Zeit im Gespräch mit dem Therapeuten- verbracht. Sinn dieser Gespräche ist nicht, daß der Therapeut wie in der Analyse Deutungen gibt — obgleich ich es verstehe, wenn dies manchmal gemacht wird —, es soll dabei vielmehr die Situation des Patienten, einschließlich der Träume, Art der Neurose und der Behandlung und so weiter geklärt werden. Weitere Techniken, die ebenfalls zur Anwendung kamen, waren unter anderem: auf die Couch einschlagen, um aggressive Gefühle frei zu setzen, Bearbeitung der muskulären Panzerung seitens des Therapeuten oder allmorgendlich bei leerem Magen würgen, um so zu versuchen, die Muskeln der Kehle zu öffnen. Der Akkumulator wurde mir nicht verordnet.

Mit dem vertieften Atmen mußte man gleichzeitig die Augen hin- und herrollen, und sie auch entsprechend dem Ein- und Ausatmen öffnen und schließen. Das sollte die Toleranz des Gehirns dem Energiefluß gegenüber steigern, weil Gehirn und Sehnerv im wesentlichen ein und dasselbe Organ sind. Reich war zu der Überzeugung gekommen, bei Schizophrenie sei die Kontraktion des Gehirns einer der wichtigsten Wege, auf denen das Strömen emotionaler Energie behindert würde.

Demzufolge verwandte mein Therapeut viel Zeit auf den Versuch, meine Augen beweglich zu machen, um auf diese Weise auch mein Gehirn zu mobilisieren.

Auch eine andere, nach Reichs Tod entwickelte Methode, mit der man die Augen und das Gehirn mobilisiert, wurde angewandt. Sie bestand darin, daß der Lichtstrahl einer kleinen Taschenlampe in meinem Gesichtsfeld hin und her bewegt wurde. Ich hatte dem Licht mit meinen Augen zu folgen. Ich sehe ein, daß diese Methode einen starken Ausdruck von Gefühlen bewirken kann. Bei mir war das jedoch nicht der Fall. Es trat stattdessen eine leichte Blutung in der Netzhaut meines rechten Auges auf, die glücklicherweise bald von meinem Arzt festgestellt wurde.

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Obgleich ich nicht mit Sicherheit sagen kann, daß sie durch die Lichtreizung hervorgerufen wurde, kommt mir dies wahrscheinlich vor. Ich hatte zu dieser Zeit der Behandlung einen hohen Blutdruck, der wahrscheinlich durch die Ansammlung emotionaler Energie, für die es keine angemessene Entspannung gab, veranlaßt wurde. Gewarnt durch die Netzhautblutung wurde die Lichtreizung dann aufgegeben. Die Gründe meines emotionalen Zurückhaltens waren offensichtlich so hartnäckig, daß eher das Gewebe in die Brüche ging, als daß diese Gründe sich gezeigt und aufgelöst hätten.

Schließlich, nach sieben Jahren Orgontherapie, die ich mit der Überzeugung begonnen hatte, sie sei von allen mir bekannten die tiefste und wirksamste Behandlung, verlor ich die Geduld und beendete die Behandlung. Zu welchen Ergebnissen hatten diese sieben Jahre geführt? Auf der positiven Seite stand, daß sich meine Sehkraft merklich gebessert hatte, wie eine unabhängige Prüfung durch einen Augenarzt vor und nach der Therapie ergab. Meine Lungenkapazität hatte sich gesteigert, was sich durch meine größere Mühelosigkeit beim Atmen erwies, wenn ich Höhen erstieg. Meine Körpergröße hatte um zwei Zentimeter zugenommen, vermutlich durch die Entspannung gewisser Muskeln, die meinen Rücken beugten. Ich vermochte meinen Körper mehr als zuvor zu akzeptieren und mich auch mit ihm zu identifizieren. Und noch viel wichtiger als all das war, daß ich begann, zum ersten Mal in meinem Leben, mit Mädchen geschlechtlich zu verkehren.

Auf der negativen Seite stand, daß meine Angst in manchen Situationen zwar geringer war, in anderen jedoch nicht. Ich habe mich nie auch nur annähernd biophysisch oder emotional wirklich gehen lassen können. Am Ende meiner Orgontherapie konnte ich mir immer noch nicht viel von meiner Kindheit ins Gedächtnis zurückrufen. Dementsprechend blieben wichtige Gefühle aus dieser Zeit verdrängt. Und an meinem Verhalten war immer noch ein guter Teil neurotisches Ausagieren. Meine Beziehungen zu Menschen blieben schwierig; ich verbrachte zu viel Zeit mit mir selbst und nicht mit regelmäßiger Arbeit. Alle Schwierigkeiten, die mich zur Behandlung bewegt hatten - die Unfähigkeit zu empfinden, mich in befriedigender Weise auf andere zu beziehen, wirklich zu lieben, an etwas Sinnvollem zu arbeiten - blieben unaufgelöst. Der »schizophrene Kern« war noch nicht zerfallen und richtete weiterhin mein Leben zugrunde.

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In den wenigen Monaten, die ich bisher in der Primärtherapie war, ist mir folgendes widerfahren: die Beschaffenheit der zugrunde liegenden hauptsächlichen Blockierung ist geklärt, und darüberhinaus ist für ein methodisches Verfahren gesorgt worden, das wirkliche Hoffnung dafür bietet, diese Blockierung lasse sich ganz aufheben.

Ich glaube, es ist zutreffend, wenn ich sage, daß ich in den ersten drei Wochen intensiver Einzeltherapie mehr emotionale Befreiung erfahren habe, als in der gesamten Zeit meiner Orgontherapie. Ich schrie durchdringender als zuvor, sowohl stimmlich wie auch organismisch. Ein Film, den ich mir zu dieser Zeit auf den Wunsch des Therapeuten hin ansah, war für mich emotional bedeutungsvoller als jeder Film, den ich bis dahin gesehen hatte, weil ich emotional wesentlich offener war.

Als die Primärtherapie mich weiter öffnete, zeigte sich, daß sich, immer wenn ich anfing, intensiv zu empfinden, die Gefühle nur bis zu einem bestimmten Punkt, an dem ich dann würgen mußte, entwickelten. Die Gefühle wurden durch eine Einschnürung oder Enge meines Halses blockiert. Mein voriger Therapeut hatte gegen Ende meiner Orgontherapie bemerkt, daß sich meine biophysische Enge in meinem Hals konzentrierte, und in geringerem Ausmaß in meiner Kehle und dem oberen Brustkorb, ebenso wie in meinem Gehirn; da diese Muskelkontraktionen aber nie wirklich nachließen, kam die damit verknüpfte Emotion niemals zum Vorschein, und es blieb ein Rätsel, um welche Emotion es ging und warum sie so hartnäckig zurückgehalten wurde.

Da es sich in der Primärtherapie herausgestellt hat, daß Geburtserlebnisse meistens von großem Einfluß auf seelische Störungen sind, fragte ich meine Mutter, woran sie sich bezüglich meiner Geburt erinnern könne. Ihre Antwort hatte großen Aufklärungswert. Es scheint, daß sich mir als Foetus in der Gebärmutter die Nabelschnur um den Hals geschlungen hatte, und daß mich dies in meiner Steißlage am Geborenwerden hinderte. Der diensthabende Geburtshelfer mußte mich im Uterus herumdrehen, wozu er Instrumente benutzte. Ein Arzt, der ihm assistierte, stellte später fest, daß ich mein Leben nur der Geschicklichkeit dieses Geburtshelfers verdankte. Es war jedenfalls eine lange und schwierige Entbindung, und als ich zur Welt kam, hatte ich Schrammen im Gesicht und eine Beule am Kopf, die aber bald verschwanden.

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Doch die emotionalen Folgen dieser traumatischen Erfahrung verschwanden nicht. Dr. Arthur Janov hatte herausgefunden, daß es Strangulationsangst war, die meine starken Gefühle blockierte, indem sie meine Kehle zuschnürte; und als ich ihm von dem Strangulationstrauma in der Gebärmutter erzählte, meinte er, daß dabei die Urtrennung von meinen Gefühlen aufgetreten sei. Für mich, als noch ungeborenes Kind, war das Entsetzen dieses Erlebnisses mehr als ich ertragen konnte, und ich schaltete meine Gefühle aus, indem sieh meine Halsmuskeln zusammenzogen. Die Furcht, dieses Entsetzen noch einmal zu erleben, ließ sie seither zusammengezogen bleiben und so das normale emotionale Funktionieren wirksam verhindern. Die eigentliche Natur der wichtigsten zugrunde liegenden Blockierung, die ich viele Jahre ohne Erfolg herauszubekommen versucht hatte, war in der Primärtherapie somit ziemlich rasch erlebt und erkannt worden.

Die Primärtherapie bietet auch Möglichkeiten, die Blockierung aufzulösen: man geht zu den Gefühlen dieser kritischen Zeit zurück und empfindet sie Stück um Stück noch einmal. Das ist sehr schwer zu vollziehen, da das Entsetzen zum Zeitpunkt des auslösenden Ereignisses sehr groß ist. Als ein noch ungeborenes Kind war ich einer so überwältigenden Erfahrung gegenüber außergewöhnlich abwehrlos und verletzbar. In der Behandlung war mein Körper jedesmal schweißgebadet, sobald ich mich diesen Gefühlen näherte. Es kommt mir jedoch so vor, als ob ich die Entwicklung von Strangulationsgefühlen inzwischen leichter zulassen kann als zu Beginn der Behandlung, und daß es eine reale Hoffnung gibt, diese Blockierung für immer zu überwinden.3

 

3  Es hat nicht den Anschein, als seien sich Geburtshelfer der emotionalen Folgen einer Nabelschnurumschlingung bewußt. Sie wird von M. F. Montagu in seinem Buch Prenatal Influences, Springfield, III., Charles Thomas Co., 1.962, einem umfassenden Überblick der Folgen praenataler Entwicklung auf das spätere Leben, nicht erwähnt, obgleich er auf die Bedeutung der Sauerstoffnot für manche Fälle von Schizophrenie, verzögerter geistiger Entwicklung, Epilepsie und Gehirnlähmung hinweist. Wären sich die Ärzte der Folgen einer Nabelschnurumschlingung voll bewußt, bliebe immer noch verwunderlich, warum sie nicht routinemäßig, entweder durch Palpation oder irgendeine andere Methode, prüfen, ob sich die Nabelschnur um den Hals des Kindes gelegt hat und warum sie nicht in solchen Fällen, wie auch in den folgenden, wenn nämlich dieses Vorkommnis von einer Steißlage des Kindes begleitet wird, wodurch diese Lage der Nabelschnur zu einer ganz besonders großen Gefahr wird, eine Schnittentbindung (Kaiserschnitt) vornehmen.

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Da mein eigener Fall ziemlich extrem und untypisch ist, möchte ich einen anderen Fall erwähnen, anhand dessen ein anderer Aspekt der Verschiedenheiten zwischen Primärtherapie und Orgontherapie veranschaulicht wird. Er betrifft die Frage: wie gründlich ist die Orgontherapie, wenn ihr Ergebnis vorteilhafter aussieht, als es bei mir der Fall war? 

Dr. Theodore P. Wolfe, Reichs erster amerikanischer Mitarbeiter, war derjenige, der Reich 1939 die Auswanderung nach Amerika erleichtert hat. Nach einer Therapie mit Reich arbeitete er als Orgontherapeut, übersetzte verschiedene von Reichs Büchern aus dem Deutschen ins Englische und war in den vierziger Jahren einer der Hauptvertreter der Orgonomie. 

Einem biographischen Aufsatz seiner Frau, Gladys Meyer-Wolfe zufolge, hatte Wolfe beträchtliche Vorteile durch die Orgontherapie gewinnen können, und Reich muß recht zufrieden gewesen sein, ihm Pflichten abtreten zu können. Als Reich in den frühen fünfziger Jahren Wolfe verstieß, wurde bei diesem eine alte Praedisposition zur Tuberkulose aktiviert, und vier Jahre später starb Wolfe. Vom primärtheoretischen und -therapeutischen Gesichtspunkt aus ist die Folgerung unumgänglich, daß Reich für Wolfe ein Vaterersatz war, und daß der unaufgelöste Schmerz über Wolfes echten Vater (einen kühlen, zurückhaltenden Deutschen) wiederbelebt wurde, als der Ersatzvater ihn zurückwies. Dieser Schmerz war so groß, daß Wolfe daran starb. 

Die Orgonbehandlung hatte Wolfe in biophysischer Hinsicht beträchtlich befreit, aber sie hatte ihn nie zu einer angemessenen Lösung seiner Urschmerzen befähigt. Wenn einem beim Lesen von Fallgeschichten aus der Orgonbehandlung klar wird, daß bei diesem Behandlungsverfahren, wenn sich die Muskelblockaden auflösen, oft Urschmerzen wiedererlebt werden, dann fragt man sich, ob alle Urschmerzen eines Menschen jemals gründlich in einen Zusammenhang gebracht werden können, da doch das Hauptinteresse dieser Behandlung in etwas anderem liegt. 

Die wirklich vorhandenen Veränderungen, die sich an vielen Menschen während einer Orgontherapie vollziehen, sind wahrscheinlich das Ergebnis eines beachtlichen Wiedererlebens von Urschmerz, das meistens mit der Auflösung des biophysischen Panzers auftaucht. Da aber das Wiedererleben vergangener Ereignisse in der Orgontherapie lediglich als eine Begleiterscheinung des biophysischen Vorgangs der Befreiung und der Lösung betrachtet wird, auf den diese Behandlungsmethode hauptsächlich hinarbeitet, wird nicht der Versuch unternommen, den betreffenden Menschen alle Urschmerzen, die von Bedeutung sind, gründlich und tief erleben zu lassen. In Wolfes Fall war es wahrscheinlich so, daß einige sehr bedeutsame Schmerzen nicht tief genug erlebt wurden, um in einen Zusammenhang gebracht und daher auch entschärft werden zu können.

4  The Journal of Orgonomy, Band 4, 1970.

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Der grundlegende Unterschied zwischen Orgontherapie und Primärtherapie scheint im folgenden zu liegen: die Orgontherapie ist offenbar eine biophysische Behandlungsmethode, in der vor allem versucht wird, Muskelkontraktionen zu lösen, um auf diesem Weg ein freies Strömen der emotionalen Energie zu erreichen; dagegen ist die Primärtherapie vor allem eine erlebnisbezogene Behandlung, mit der versucht wird, den Menschen mit seinen verdrängten Gefühlen in Zusammenhang zu bringen und auf diesem Weg chronische muskuläre Kontraktionen zu lösen. 

Die beiden Behandlungsformen bearbeiten dasselbe psychobiologische Problem, sozusagen mit ähnlichen Objektiveinstellungen, aber von entgegengesetzten Seiten her. Trotz großer Übereinstimmung gibt es wichtige Unterschiede. Der erlebnisbezogene Brennpunkt der Primärtherapie liegt unmittelbarer im Bereich der Ursachen einer seelischen Störung, die ihrerseits emotionale Erfahrungen sind, die nicht akzeptiert werden können und daher verdrängt werden müssen; bei der Orgontherapie hingegen liegen die physiologischen Mechanismen dieser Verdrängung mehr im Zentrum des biophysischen Verfahrens. 

In der Orgontherapie will man die emotionale Energie an sich befreien, in der Überzeugung, daß ein biophysisch freier Organismus notwendigerweise einem emotional gesunden Organismus entspricht. In der Primärtherapie versucht man, den Menschen mit allen bedeutsamen verdrängten Gefühlen wieder zu verbinden, weil man davon überzeugt ist, daß Abwehrvorgänge nur dann völlig aufgegeben und durch ein natürliches Funktionieren ersetzt werden können, wenn alle hauptsächlichen Urschmerzen erlebt worden sind. Die Orgontherapie betont die völlige sexuelle Befreiung als Hauptproblem für biophysisches Freisein und natürliches Verhalten, während die Primärtherapie sich in gleicher Weise mit allen verdrängten Gefühlen beschäftigt.

Die Zentrierung der Primärtherapie auf den Bereich des Erlebens ermöglicht es ihr, tiefliegende Traumen in Fällen festzustellen, bei denen die Orgontherapie die biophysische Abwehr nicht lockern kann — wie durch meinen eigenen Fall deutlich wird. Und sie ermöglicht eine weitaus tiefere Lösung von Urschmerzen, wie man in negativer Weise am Fall von Dr. Wolfe sehen kann. Weil sich das Interesse der Primärtherapie auf das Erleben konzentriert und damit den eigentlichen Ursachen näherkommt, ermöglicht sie den meisten Patienten eine schnellere und gründlichere Heilung. Weiterhin ist zu ihrer praktischen Ausübung, im Gegensatz zur Orgontherapie, keine ärztliche Ausbildung erforderlich. Zusammenfassend kann man sagen, daß die Primärtherapie von den beiden besprochenen radikalen Behandlungsmethoden diejenige ist, die wirksamere Mittel anbietet, um die Menschen fürs Leben zu befreien.

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3. Meine Erfahrungen mit der Orgontherapie 

 

 

Sally

Als ich in die Orgontherapie kam, befand ich mich in einem nahezu panischen Zustand; ich war völlig verwirrt und hysterisch. Meine Gedanken und Gefühle lagen miteinander im Kampf, und das war qualvoll. Der Arzt meinte, es sei lohnender, wenn wir beide, mein Mann und ich, in Behandlung kämen. 

Die erste Zeit der Behandlung verging in dem Bemühen, mich aus der Panik, in der ich war, herauszuholen; deshalb ist auch meine Erinnerung an jene ersten Wochen oder Monate ziemlich undeutlich. Die Sitzungen spielten sich jedenfalls normalerweise so ab, daß ich, wenn ich den Raum betrat, mich zu entkleiden hatte; bis auf meine Unterhosen mußte ich alles ausziehen. Ich legte mich auf eine Couch, und der Therapeut saß auf einem Stuhl daneben. Im Liegen mußte ich meine Knie bei geschlossenen Füßen anziehen; so konnte der Therapeut jede Spannung oder Veränderung an meinen Beinen bemerken. Mir wurde untersagt, Kleidungsstücke zu tragen, die so eng saßen, daß sie am Körper Druckstellen hinterließen. Jeden Morgen sollte ich mich, indem ich mir den Finger in den Hals steckte, zum Brechen reizen; ferner mußte ich jeden Tag ein Gläschen Schnaps zu mir nehmen.

Dieser Ablauf war in jeder Sitzung nahezu der gleiche; er diente dazu, meine muskuläre Panzerung und die zugehörigen Abwehrvorgänge einzureißen. Der Arzt reizte meine Augenmuskeln, indem er seinen Finger über ihnen hin und her bewegte und kreisende Bewegungen ausführte. Gewisse Muskelgruppen wurden durch Stöße überreizt. Ein anderes Mal wurde der Zwölffingerdarm übermäßig durch einen Druck mit dem Daumen oder einem anderen Finger gereizt. 

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Erklärungen, warum das alles gemacht wurde, erhielt ich erst viel später, nachdem Veränderungen eintraten. Alles zusammen trug dazu bei, daß meine Angst nachließ. Zuerst ging ich zweimal wöchentlich zur Behandlung; später wurde es auf einmal in der Woche herabgesetzt. Ich sollte über mein früheres und jetziges Leben reden und sagen, was ich dabei empfinde. Wir sprachen über Mutter, Vater, Kindererziehung, Alltagsleben und Gott.

Wenn wir auf vergangene und gegenwärtige Ereignisse kamen, die mich beunruhigten, half man mir, diese Angst zu überwinden. Da gab es zum Beispiel ein besonderes Ereignis in meinem Leben - ich muß damals sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein. Mein Onkel war der Hausmeister an der Grundschule, auf die ich ging. Er bot mir Kaugummi oder andere Süßigkeiten an und wollte mich damit in seinen Lagerraum locken. Zu dieser Zeit gelang es ihm, mich festzuhalten, zu küssen und sexuell zu streicheln. Mein Therapeut meinte, dieses Ereignis sei für meine Frigidität verantwortlich; daher wurde diese Szene wiederholt, wobei er meinen Onkel spielte. Das wurde in der Zeit, die ich zu ihm ging, oft wiederholt. Diese Behandlung muß mir geholfen haben, denn ich verlor tatsächlich einen Teil meiner Sexualangst, aber ich habe zu keinem Zeitpunkt meine ganze Angst verloren. Ich war immer noch zu ängstlich, um Zuneigung zu erbitten oder das Verlangen danach auszudrücken. Seit ich in die Primärtherapie gehe, habe ich das Gefühl, daß meine Frigidität weit vor dem Ereignis mit meinem Onkel begann.

Wenn der Therapeut spürte, daß ich vor irgendetwas, worüber ich sprach, Furcht hatte oder wütend war, versuchte er, meine Gefühle aus mir herauszuholen, indem wir die Szene wiederholten. Ging es um Furcht oder Frustration, sprachen wir darüber, und das endete normalerweise mit Weinen. Alles, was ich während der Behandlung besprochen und erlebt habe, brachte mein Therapeut heraus. Meist erschienen diese Erfahrungen verrückt, rätselhaft und auch peinlich.

Obgleich ich das Gefühl hatte, daß mir durch diese Behandlung geholfen wurde, spürte ich aber auch, daß ich von ihr abhängig wurde und ständig dabei bleiben müßte, wenn ich mich halbwegs wohlfühlen wollte. Dieses Gefühl beunruhigte mich, aber es erwies sich als richtig, denn ich war innerhalb eines Zeitraums von weniger als fünf Jahren noch immer ganz schön weit zurück bei meinen alten Gefühlen und Schwierigkeiten.

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Für mich bestand der Hauptunterschied zwischen Primärtherapie und Orgontherapie darin, daß meine Abwehrtechniken dadurch, daß ich meinen Primärtherapeuten in den ersten drei Wochen täglich sah, völlig zerstört wurden. Vielleicht ist die wichtigste Sache die, daß ich meinen eigenen Schmerz empfand, wenn und falls ich dazu fähig war. Ich glaube jetzt, daß der Wiederholung eines Ereignisses keine Bedeutung zukommt, wenn ich mich nicht wirklich in dem Gefühl, das zu diesem Ereignis gehört, befinde. Andernfalls wird es zur Schauspielerei, und jeder Patient kann auf diese Weise vermeiden, seinen Schmerz jemals wirklich zu empfinden. Als ich den Orgontherapeuten lediglich einmal in der Woche sah, hatte ich bald heraus, wie ich ihn und mich hereinlegen konnte. In der Primärtherapie bin ich mehr mir selber überlassen und empfinde meinen eigenen Schmerz nur, sofern ich dazu bereit bin. Mein Kontakt zum Therapeuten ist eng, deshalb gibt es weniger Gelegenheit für Spiele. Ich möchte zu meinem eigenen Guten Fortschritte machen, und nicht, weil es dem Therapeuten gefällt.

Die Gruppensitzungen sind äußerst wertvoll, denn ich lerne in ihnen, mich auf andere Menschen zu beziehen. Sie helfen mir, Einsicht sowohl in meine eigenen Schwierigkeiten wie auch in die der anderen zu gewinnen. Ich weiß inzwischen, daß ich in meinem Kampf nicht allein bin, obgleich ich in einem gewissen Sinne immer allein sein werde. Mein Ringen aufzugeben ist nicht leicht, zumal ich mich oft ganz wohl darin fühle; es war der einzige Weg, den ich kannte. Jetzt ermutigt es mich, andere Menschen zu hören und zu sehen.

Schon nach wenigen Wochen Primärtherapie habe ich mehr Selbstbewußtsein. Ich fühle mich mit meinen Gefühlen sicher, ich fühle, daß sie wirklich und echt sind. Zum ersten Mal weiß ich, was mit mir geschieht und warum es geschieht. Die Veränderungen, die ich wahrnehme, kommen mir nicht wie in der Orgontherapie rätselhaft und mysteriös vor. Ich verstehe viel mehr von dem, was ich auf mich zukommen spüre.

Die ständige, von außen kommende Reizung der Muskelgruppen in der Orgontherapie diente dazu, meinen Muskelpanzer oder die Spannung zu verringern, aber sie half mir nicht, eine Verknüpfung zu meinem Bedürfnis nach Abwehr oder Panzerung herzustellen. Die Spannung kehrte immer wieder, weil keine wirkliche oder echte Verknüpfung hergestellt wurde. Und deshalb traten auch keine grundlegenden Veränderungen in meinem Verhalten ein. Oder anders gesagt: die alten Ängste und Verletzungen waren immer noch vorhanden.

Die körperlichen Veränderungen, die sich in der Orgontherapie ergaben, waren erschreckend, da sie nicht von wirklichem Verständnis begleitet wurden. Mir scheint es, daß diese Behandlungsmethode auf die Dauer versagt und auf eine totale Abhängigkeit vom Therapeuten hinausläuft.

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