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2.  Über Epilepsie  

 

 Einleitung 

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Es gibt verschiedene Arten von Epilepsie mit unterschiedlichen Ursachen. Der folgende Abschnitt wurde von einem Mann geschrieben, der vor der Therapie unter Anfällen von Grand Mal sowie Petit Mal litt. Er hatte über Jahre Diphenylhydantoin oder Trimethadion eingenommen — Mittel, mit denen Anfälle unter Kontrolle gehalten werden. Innerhalb weniger Wochen der Primärtherapie wurde er, allen Anzeichen nach zu urteilen, von der Epilepsie tatsächlich geheilt. Was bedeutet das?

Er weiß inzwischen, daß seine epileptischen Anfälle unterdrückte Urerlebnisse sind; er kann seine Anfälle oder Urerlebnisse vorhersagen und kontrollieren, indem er jene schmerzhaften Gefühle empfindet, die ihnen zugrunde liegen. Es kann sein, daß er für Jahre Urerlebnisse haben wird, aber er wird keine Anfälle mehr haben. Dieser Mann beendete die medikamentöse Behandlung vor der Therapie und bedarf ihrer seither nur noch äußerst selten. 

Das eine Mal, daß er während der Therapie einen Anfall erlitt, fand statt, als er einen Streit mit seiner Mutter hatte und nicht in die Gruppe kommen konnte und auch sonst nirgends hingehen konnte, um seinen Schmerz zu fühlen. Das Ergebnis war ein Anfall. Warum hatte er Anfälle und nicht ein Geschwür? Es könnte sein, daß sein prototypisches Trauma von dem immensen Druck herrührt, der während der Geburt auf seinen Kopf ausgeübt wurde — wie er es so anschaulich beschreibt. 

Ein anderer, der in früher Kindheit ständig Hunger hatte, weil er nicht rechtzeitig gefüttert wurde, könnte später als Reaktion auf Spannungen Magengeschwüre bilden. Das Übermaß an Spannung sammelte sich augenscheinlich in seinem Kopf, weil dieser Druck das erste, auffälligste ungelöste Trauma seines Lebens war. Was klar wird, ist, daß wir das Gehirn überfordern können, indem wir es mit mehr belasten als es verarbeiten kann; das führt zur Bildung von Symptomen wie den epileptischen Anfällen — genauso wie Teile des Magens etwa durch eine Hypersekretion von Salzsäure beschädigt werden können, was zur Bildung von Magengeschwüren führt.

Eine der Punktionen von Medikamenten wie Diphenylhydantoin ist es, die Weiterleitung nervlicher Aktivität durch ihre Wirkung auf den Natriumgehalt der Nervenzellen zu verlangsamen. Dies bewirkt, daß eine Ausbreitung von Nervenreizen vom Ausgangspunkt des Anfalls verhindert wird. Auf diese Weise wird eine unkontrollierbare, massive Entladung von Gehirnzellen (ein Anfall) verhindert. Was sie also offensichtlich bewirken, ist, den Damm oder Widerstand gegen übermäßige Reizbarkeit, die durch außerordentliche Stimulation entsteht, zu stabilisieren. Die Nervenzellen reagieren immer weniger auf wiederholte (primäre) Stimulation. Trotzdem bewirkt dieses Medikament nicht das Verschwinden primärer Stimulationen. Es unterdrückt sie, ebenso wie andere Medikamente die Hypersekretion der Salzsäure eindämmen und damit die Bildung eines Magengeschwürs verhindern können.

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Urschmerzen sind wiederholte Reizungen des Organismus. Das gleiche spielt sich auf einfacherer Ebene ab, wenn wir etwa wegen Zahnschmerzen nicht schlafen können. Der Schmerz hält uns wach, er aktiviert uns. Er könnte ebenso eine permanente Unterversorgung des Herzens mit Blut bewirken, so daß man ständig gefäßerweiternde Mittel nehmen muß. Medikamente, egal wie wirksam sie auch sein mögen, können keine dieser Beschwerden heilen; sie unterdrücken lediglich eine Aktivierung. Der Anspruch der Primärtherapie ist es, diese Aktivierung für immer zu entfernen. Wenn das nicht geschieht, kann der Druck eines unterdrückten Anfalls in eine allergische Reaktion oder in einen Herzanfall umgelenkt werden. Wir können erkennen, wie die Medizin mehr oder weniger grundsätzlich zu einer Wissenschaft geworden ist, die Symptome unterdrückt und nicht heilt. Die Medizin war ausschließlich damit beschäftigt, Symptome auszutauschen, ein Symptom durch ein anderes zu ersetzen. Deshalb bilden Patienten, nachdem ein Symptom mit Hilfe von Medikamenten beseitigt ist, oft ein neues aus; die Spannung sucht sich andere Abfuhrwege.

Wenn man den Mann, dessen Geschichte nun folgt, während eines Urerlebnisses sehen könnte — wie er seinen Kopf angesichts des in ungeheurem Maße zunehmenden Drucks vor Schmerzen festhält —, so würde man sofort verstehen, wie dieser Druck, wenn er gebremst wird, zu einem Anfall führen kann. Urerlebnisse können wie Anfälle aussehen. Glücklicherweise sind sie es jedoch nicht; sie sind das spezifische Gegengift oder Antidot gegen Anfälle.

 

 

Simon

Ich bin 24 Jahre alt und studiere experimentelle Psychologie an der Universität von Kalifornien, in Irvine. Bevor ich den »Urschrei« las, hatte ich keinerlei Interesse an Therapie und allem, was mit klinischer Psychologie zu tun hat. Obgleich ich selbst von vielen psychosomatischen Symptomen (Heuschnupfen, Asthma, chronischen Kopfschmerzen, Hämorrhoiden und Petit-Mal-Epilepsie) betroffen war, ist mir nie der Gedanke gekommen, mich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben, weil ich die Symptome auf die Belastung durch Arbeit und Studium und auf meinen Versuch, eine Familie zu gründen, zurückführte. Nachdem ich die Einleitung gelesen hatte, war ich überzeugt, daß es sich nicht um ein gewöhnliches Psychologie-Buch handelte. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, wußte ich nicht nur, daß es mir eine Antwort geben könnte, wie man auf vernünftige Weise eine Familie gründet, sondern auch, daß es die Möglichkeit in sich barg, mein Leben von Grund auf zu verändern.

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Trotzdem hielt ich zunächst an meinen Vorbehalten gegenüber therapeutischer Behandlung fest. Das änderte sich erst, als einer meiner Freunde, der die ersten drei Wochen Primärtherapie gerade hinter sich gebracht hatte, mich Arthur Janov vorstellte; erst da begann ich, ernsthaft über die Primärtherapie nachzudenken. Als ich Dr. Janov begegnete, hatte meine Frau das Buch gerade gelesen. Die Lektüre hatte sie so stark mitgenommen, daß sich bei ihr ein Nervenzusammenbruch ankündigte und sie sich unverzüglich zur Primärtherapie anmeldete.

Kurz nachdem auch ich mich angemeldet hatte, wurde meine Frau plötzlich und unerwartet aufgefordert, in einer Woche mit der Therapie zu beginnen. Wir waren beide überrascht und sehr glücklich darüber, und ich war sicher, innerhalb kürzester Zeit selbst auch aufgefordert zu werden. Leider stellte sich bald heraus, daß für mich noch kein Termin geplant war.

In der ersten Therapiewoche meiner Frau mußte ich erfahren, daß ich keineswegs der starke und unabhängige Mensch war, für den ich mich selbst hielt. Es zeigte sich, daß ich sehr abhängig von meiner Frau war, und der Versuch, mich selbst und unsere dreijährige Tochter allein zu versorgen, machte mir bewußt, daß ich kaum ohne sie leben könnte. Höhepunkt all der Probleme, die in dieser Woche auf mich zukamen, war die Nachricht, daß ich mit dem Beginn der Therapie wahrscheinlich noch zwei weitere Monate warten müßte. Beweis für meinen miserablen Zustand in jener Woche war die Tatsache, daß gleich drei der gelegentlich bei mir auftretenden Symptome — extremer Heuschnupfen, Asthma und Zwei Petit-mal-Anfälle, die beide in der Nacht, während ich schlief, auftraten -äußerst intensiv ausbrachen.

Zu Beginn der zweiten Behandlungswoche saß ich nur noch zu Hause, fühlte mich sehr elend und weinte mehr, als ich je in meinem Leben geweint hatte. An jenem Dienstagmorgen war es so schlimm, daß ich Art Janov anrief und ihm erzählte, was mit mir los war. Er hörte sehr geduldig zu und sagte mir, ich solle in zwei Tagen zurückrufen, dann könne er mir einen Termin geben. Das allein genügte, um den Druck vorübergehend zu mindern; zum ersten Mal seit elfeinhalb Wochen fühlte ich mich erleichtert. 

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Etwa eine Stunde später klingelte das Telefon, und zu meiner großen Überraschung hörte ich meine Frau fragen, wie es mir ginge und ob ich meine Sachen packen und in einer Stunde im Primal-Institute sein könne. Als ich endlich begriff und glaubte, was sie gesagt hatte, packte ich in aller Eile ein paar Sachen zum Anziehen zusammen, nahm mir meine Tochter und fuhr unverzüglich nach Los Angeles.

Alles, was ich über die etwa 60 km Weg sagen kann, ist, daß ich verdammtes Glück hatte, mich nicht selbst umzubringen, noch ehe ich mit der Therapie begann. Kaum war ich auf der Autobahn, da begann ich zu weinen, und ich hatte das Gefühl, jegliche Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Mein Kopf zuckte krampfartig, und ich döste die meiste Zeit vor mich hin. Ich bin überzeugt, daß ich zum Institut fand, lag nur daran, daß ich schon einige Male vorher dort gewesen war. Als ich schließlich dort ankam, befürchtete ich, mein Kopf werde gleich explodieren (der Druck hatte während der Fahrt ständig zugenommen). Ich hatte alle Mühe, nicht laut zu schreien. Mein Kopf fühlte sich an, als ob Tausende von Neuronen ziellos, in rascher Folge und völlig unkontrolliert, Impulse gäben; es tobte buchstäblich ein elektrischer Sturm in meinem Kopf. Allein ihn hin- und herzubewegen, bereitete rasende Schmerzen; wenn ich ihn schüttelte, hatte ich ein Gefühl, als schlüge mein Gehirn an die Innenseite des Schädels und reibe sich dann am Knochen.

Das einzig Besondere, an das ich mich nach Betreten des Instituts erinnere, ist, daß man mir mitteilte, jener Freund, der mich in die Primärtherapie eingeführt hatte, würde mein Therapeut sein, und bei diesem Gedanken fühlte ich mich wohl und sicher.

Das nächste, woran ich mich erinnere, ist der Beginn meiner Therapie; das heißt, daran, daß ich auf dem Boden lag und das Durcheinander entwirrte, das ich aus mir selbst gemacht hatte. Ich möchte nicht den Verlauf jedes einzelnen Tages meiner Therapie schildern; ich will mich lediglich auf die Urerlebnisse konzentrieren, die unmittelbar zur Heilung meiner Epilepsie beigetragen haben.

Gleich am ersten Tag meiner Therapie begann ich mit dem, was sich als das entscheidende Urerlebnis hinsichtlich meiner Epilepsie erwies — nämlich das Urerlebnis der Geburt. Am Anfang dieser ersten Sitzung hatte ich viele Gefühle, die sich auf meinen Vater bezogen, und während ich über ihn sprach und schimpfte, wurde der Schmerz in Nacken, Schultern und Kopf immer intensiver. Alle Gefühle, die ich hatte, vergrößerten den Druck; und schließlich begann ich zu würgen und auf dem Boden herumzurollen, dabei hielt ich Kopf und Hals umklammert, da beide unglaublich weh taten.

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Mein Therapeut forderte mich auf, »es herauszulassen«, aber ich konnte es nicht, weil es zu heftig war. Dann erinnere ich mich, daß ich mich in der fötalen Lage befand und meine Beine plötzlich zu »pumpen« anfingen. Ich wußte noch immer nicht, was los war, aber je stärker ich meine Beine bewegte, umsomehr schmerzte mein Kopf, also zog ich ihn unwillkürlich ein. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich müsse mich jetzt freimachen, und ich wußte, ich mußte stärker drücken, um das zu erreichen. Aber je mehr ich drückte, umso größer wurde der Widerstand gegen meinen Kopf. Ich hatte das Gefühl, mit aller Kraft gegen ein unbewegliches Objekt zu drücken, und mein Kopf nahm allen Widerstand in sich auf. Ich hielt einige Male erschöpft an, und als ich das erste Mal anhielt, sagte ich dem Therapeuten, ich wisse jetzt, daß ich mein ganzes Leben lang Kopfschmerzen gehabt hatte. Jedes Mal, wenn ich anhielt, bekundete ich Schmerz, und wenn mir mein Therapeut dann sagte, ich solle den Schmerz fühlen, fing ich automatisch wieder an zu drücken. Schließlich war ich zu erschöpft, um weiterzumachen.

Ich beendete die erste Sitzung mit dem Gefühl, erleichtert, erschöpft und auf eigenartige Weise unvollständig zu sein. Am zweiten Tag meiner Therapie passierten zwei wichtige Dinge: erstens wurde ich einem anderen Therapeuten zugewiesen, und zweitens setzte ich das Urerlebnis der Geburt fort, das ich am Tage vorher begonnen hatte. Das Beeindruckendste an diesem Teil meines Geburtsprimals war die verbissene Heftigkeit, mit der ich kämpfte, um herauszukommen. Ich entdeckte, daß ich meinen Kopf als »Instrument« gebrauchte, mit Hilfe dessen ich versuchte, die Muskelwand, die mich aufhielt, zu durchbrechen. Je heftiger ich meinen Kopf dagegen stieß, umso mehr schmerzte es, und um so hoffnungsloser wurde dieser Kampf. Schließlich war ich so müde und erschöpft, daß ich einfach aufhörte. Während ich noch ermattet auf dem Boden lag, stellte ich einen für mich sehr bedeutungsvollen Zusammenhang her. Wann immer ich alleine schlief (seit ich zurückdenken kann), mußte ich entweder meinen Körper hin und her wiegen oder meinen Kopf gegen das Kopfkissen schlagen, um einschlafen zu können. Jetzt ist mir klar, daß das eine einfache Wiederholung des Geburtskampfes war.

Meinen vierten Therapietag begann ich mit einem anderen Abschnitt des Geburtsprimals. Ich begann mit demselben Problem, mit dem ich an den beiden anderen Tagen aufgehört hatte — ich hatte das Gefühl, mit dem Kopf »festzuhängen«.

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Diesmal jedoch bat ich meine Mutter, mir zu helfen; ich strengte mich gewaltig an — mehr als je zuvor. Jedesmal, wenn ich ausruhte, ermutigte mich Bernie (mein Therapeut), weiterzumachen und meine Mutter um Hilfe zu bitten. Das brachte mich meistens unmittelbar in das Urerlebnis zurück. Als ich schließlich den Punkt erreicht hatte, daß ich einfach nicht mehr konnte, fragte mich Bernie, wie sich mein Kopf angefühlt habe. Die treffendste Beschreibung, die ich geben konnte, war die, daß sich mein Kopf angefühlt hatte, als habe man ein warmes Handtuch so eng um ihn herumgewickelt, daß dadurch ungeheure Druckschmerzen entstanden. Während des Urerlebnisses selbst war es mir vorgekommen, als sei dieses »Handtuch« ein Muskel, der sich um meinen Kopf zusammenzog. An diesem Tag dachte ich im übrigen zum ersten Mal, es könne sich bei diesen Erlebnissen tatsächlich um ein Geburtsprimal handeln.

Der nächste Tag erwies sich als der beste und wichtigste Tag meiner Therapie, jedenfalls soweit es die Epilepsie betrifft. Es war zugleich der Tag, an dem ich mein Geburtsprimal beendete. Ich fühlte mich miserabel, als ich im Institut ankam, und ich mußte mich anstrengen, um nicht schon im Warteraum loszulegen. Als ich schließlich in mein Zimmer geholt wurde, war ich in einem so schlechten Zustand, daß ich kaum noch meine Schuhe ausziehen konnte. Sobald ich auf dem Boden war, sagte Bernie einfach: »Verlier dieses Gefühl nicht, bleib dran.« Genau das tat ich, und schon war ich mitten im Geburtsprimal. Wie an den anderen Tagen arbeitete ich verzweifelt, um hinauszukommen, aber ich fühlte genau, daß ich hoffnungslos feststeckte. 

Ich schuftete, bis ich nicht mehr konnte, dann schrie ich nach meiner Mutter um Hilfe. Ich versuchte wieder, mich zu bewegen, aber ich konnte nicht. Ich hatte das Gefühl, aufgeben zu müssen, denn es schien, als könnte ich einfach nicht geboren werden. Mir war es wirklich gleichgültig geworden. Aber die Schmerzen in Kopf und Körper (besonders die Einschnürung meines Kopfes) waren zu groß, als daß ich sie hätte ignorieren können. Dann fühlte ich plötzlich, wie etwas meinen Körper bearbeitete. Es fühlte sich wie rhythmische Kontraktionen an, und mein Körper bewegte sich einfach mit ihnen. Später erzählte ich Bernie, es habe sich angefühlt, als sei ich ganz in ein nasses Handtuch eingewickelt, das von oben bis unten ausgewrungen wurde, so daß ich, weil ich darin eingewickelt war, langsam »herausgedrückt« wurde. 

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Dann fühlte ich, wie der Druck auf meinem Kopf nachließ, und ich begann zu weinen; dabei wurde ich aber noch immer hinausbewegt, und mein Körper war noch immer nicht fähig, irgend etwas selbständig zu tun. Ich konnte fühlen, wie meine Mutter sich anstrengte, um mich hinauszubekommen, und ich wußte, daß ich vor lauter Schmerz weinte, noch bevor ich endgültig zur Welt kam. (Diese Tatsache wurde später bestätigt.) Dann gab es plötzlich nur noch das Empfinden, nicht mehr zusammengedrückt zu werden. Ich entspannte mich voll und ganz.

Als ich wieder mit Bemie reden konnte, mußte ich zunächst einfach lachen, weil das Gefühl, draußen und frei zu sein, so überwältigend war. Er fragte mich, wie sich mein Kopf anfühle, und ich entgegnete, er schmerze. Er forderte mich auf, dem Schmerz zu folgen, doch als ich es tat, verschwand er. Ich beschrieb Bernie den ganzen Vorgang, so gut ich konnte. Mir wurde klar, daß ich meinen Kopf seit meiner Geburt als Rammbock benutzt hatte. Ich habe immer alle Schmerzen mit meinem Kopf aufgefangen; alles, was ich je getan hatte (ein fleißiger, guter Schüler, ein braver netter Junge sein, etc.), konzentrierte sich auf den Gebrauch meines Kopfes. Mein Leben war sozusagen »kopflastig« gewesen. Auf Bernies Frage, ob das in irgendeinem Zusammenhang zu meinen Anfällen stehen könnte, erwiderte ich — obgleich ich nicht sofort eine rationale Erklärung geben konnte —, ich sei sicher, daß meine Anfälle die Antwort meines Kopfes auf zu großen Druck gewesen seien. Ich hatte immer den Rest meines Körpers daran gehindert, auch nur Teile dieser Arbeit zu übernehmen; ich hatte ganz einfach alle Schmerzen und Gefühle unterbunden und in meinem Kopf verschlossen.

Die nächsten Tage verbrachte ich mit Urerlebnissen, die in keinem direkten Zusammenhang zur Epilepsie und den Anfällen standen. Es geschahen jedoch zwei Dinge, die wert sind, hier erwähnt zu werden. An einem dieser Tage hatte ich einige Urerlebnisse bezüglich meines Onkels, bei dem ich früher lebte. Eines dieser Urerlebnisse betraf das Problem, ihn gleichzeitig lieben und hassen zu wollen. Darüber nachdenken löste fast unerträgliche Kopfschmerzen aus, die sich dann in ein ganz eigenartiges Gefühl in meinem Magen verwandelten. Dieses körperliche Unbehagen war mit einem Gefühl identisch, das ich bei einem Urerlebnis hatte, das sich um die Scheidung meiner Eltern drehte - ich wollte beide und konnte nur einen haben. Zwei Dinge haben zu wollen, aber nur eines zu bekommen, verursachte mir in den beiden oben angegebenen Fällen unerträgliche Kopfschmerzen. 

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An einem anderen Tag war mir danach, mit meinem Onkel zu reden, ich konnte es aber nicht, weil er nie. zuhörte. Das Gefühl, das ich während dieses Urerlebnisses hatte, war, als fände in meinem Kopf ein Tauziehen statt. Dieses »Tauziehen«-Gefühl kannte ich schon seit langem; ich hatte es immer dann, wenn ich versuchte, das Unmögliche zu tun. Diese beiden Gefühle waren sehr wichtig für mich, weil sie die Struktur meines Hauptabwehrmechanismus deutlich machten — nämlich durch Denken und Intellektualisieren alles mit meinem Kopf aufzufangen.

 

Das folgende Urerlebnis wird vollständig erzählt, weil es das erste Mal überhaupt war, daß ich einen Anfall und alles, was damit zusammenhängt, (einschließlich der Gründe, die ihn auslösten) wiedererlebt habe und anschließend erinnern und rekonstruieren konnte. Als bemerkenswert sei dem Bericht vorangestellt, daß dies mein erster Grand-Mal-Anfall war (was mich zu einem »echten«, weil diagnostizierten Epileptiker machte), und ferner die Tatsache, daß ich in diesem Urerlebnis alles auf äußerst behutsame, umständliche und langwierige Art und Weise herausfand.

Am Anfang empfand ich kaum etwas. Ich lag nur da wie ein toter Fisch. Dann sagte Bemie so etwas wie: »Folge dem allgemeinen Gefühl in deinem Körper«, und ich begann in etwas hineinzusinken, ich atmete schwer, und mein ganzer Körper begann zu kribbeln. Es war ein beängstigendes Gefühl, weil das Kribbeln von einer Art Starrheit begleitet wurde und ich mich für einen Moment lang so fühlte, als würde ich sterben. Dieses Todesgefühl (oder mindestens der Verlust des Bewußtseins) war so erschreckend und überwältigend, daß ich es unwillkürlich wegschob.

Ich berichtete Bernie, was geschehen war, und er bat mich, ihm dieses Gefühl zu beschreiben; er fragte, ob ich es schon früher gelegentlich gehabt hatte. Ich sagte ihm, daß es mir neu sei, und daß ich es gestern zum ersten Mal bemerkt hätte, und auch da nur für ein paar Sekunden. Er forderte mich auf, mich in meinen Körper zu versenken und zu empfinden, was sich dort tue. Ich folgte ihm, und das gleiche Gefühl kam wieder, nur blieb es diesmal etwas länger. Das sporadische Sich-bemerkbar-machen dieses Gefühls wiederholte sich noch zwei oder drei Mal, aber jedesmal hielt es etwas länger an und war zunehmend von körperlicher Bewegung begleitet. Dann sprachen Bernie und ich kurz über die körperlichen Erscheinungen, die mit diesem Gefühl auftraten. 

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Er fragte mich ebenfalls nach dem, was sich außerhalb meiner täglichen Therapiestunde ereignete. Ich sagte, daß ich nicht viel mehr täte als denken, spazieren gehen, einkaufen, essen und mich mit Jane, meiner Frau, unterhalten. Er fragte mich, ob ich gestern abend mit ihr geredet hätte, und wenn ja, worüber. Ich sagte ihm, daß ich über meinen Onkel gesprochen und Jane erzählt hätte, wieviel Mist er mir gegenüber in meiner Schulzeit gebaut habe. Während ich mit Bernie sprach, fing ich plötzlich an, schwer zu atmen — fast als könne ich keine Luft mehr bekommen. Ich hatte das Gefühl, gewürgt zu werden. Ich sagte es Bemie, und er bat mich, dieses Gefühl genau zu beschreiben.

Ich sagte, ich hätte das Gefühl, als habe mein Onkel uns, das heißt, meine Mutter, meinen Bruder und mich, immer wie an Schnüren gehalten und sie allmählich immer enger gezogen. Dann fiel es mir erneut schwer zu atmen, und ich sagte, ich hätte das Gefühl, mir liege ein halber Zentner Gewicht auf der Brust. Bernie drückte seine Hand auf meinen Brustkorb und meine Angst wuchs; ich begann zu jammern und zu schreien. Ich glaube, ich habe sogar geschrien »geh weg, geh weg«. Das dauerte einige Minuten. Nachdem es vorüber war, sagte ich, daß uns mein Onkel ständig unter Druck gesetzt habe. Das war die Ursache für dieses Druckgefühl.

Dann kam mir die Erinnerung an eine zweiwöchige Periode während meiner Schulzeit, als mir mein Onkel noch härter als sonst mitspielte. Obgleich ich nicht wußte wieso, sagte ich zu Bernie, es seien genau zwei Wochen gewesen, dabei wußte ich nur, daß es eine mir lange erscheinende Zeit war, in der alles, was ich tat, entweder zu langsam oder falsch oder zugleich beides war.

Während ich darüber redete, begann ich Magenschmerzen zu haben, und drei oder vier Mal konnte ich vor Schmerzen und Übelkeit nicht mehr weitersprechen. Schließlich wurden die Schmerzen so schlimm, daß ich davon loskommen wollte, indem ich Bernie etwas zu erzählen versuchte, was mir tagsüber passiert war, doch er hinderte mich daran und veranlaßte mich, mit dem Gefühl weiterzumachen. Jedesmal, wenn der Schmerz nachließ, gelang es mir, weitere Einzelheiten aus dieser zweiwöchigen Phase zu erinnern, und jede neue Erinnerung oder Erinnerungskette nahm etwas mehr von dem Schmerz weg. Indem ich Bernie etwas von dem erzählte, was geschehen war, und indem ich mir selbst gestattete, meinen Körper zu empfinden und mit ihm zu gehen, geriet ich immer tiefer in die Magen- und Kopfschmerzen (es fühlte sich an wie ein zunehmender Druck von innen, der hinaus wollte) und hatte immer detailliertere Erinnerungen.

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Soweit ich weiß, endete dieses Urerlebnis mit meinem Schrei: »Laß mich gehn, hör auf«. Diese Sätze wurden mehrere Male wiederholt, und als ich schließlich aufhörte zu schreien, war ich erschöpft und blieb für eine Weile einfach liegen. Als ich wieder reden konnte, erzählte ich Bernie von meinem ersten Anfall zu Hause. Ich wußte nicht genau, warum ich gerade jetzt darüber redete, aber Bernie stellte mir ein paar Fragen und ich berichtete weiter. Ich erzählte ihm, daß ich mich erinnerte, wie ich plötzlich auf dem Badezimmerboden lag und meine Mutter, den Arzt und einige Nachbarn sah; und wie ich dann aus dem Fenster schaute, den blauen Himmel sah und überrascht war, daß er klar aussah. Ich erinnerte mich auch daran, daß ich meinen Schulbus verpaßt hatte. Bernie fragte mich, was der klare Himmel und die Fahrt mit diesen Erinnerungen zu tun hätten, und ich sagte, ich hätte das Gefühl, sie seien wichtig, ich wüßte jedoch nicht genau, weshalb.

Dann begann ich, mir in Erinnerung zu rufen, was sich abgespielt hatte, nachdem der Arzt gegangen war und meine Mutter mich ins Bett gesteckt hatte. Ich mußte vier oder fünf Stunden geschlafen haben, und als ich aufwachte, sah ich durch mein Fenster wieder den blauen Himmel. Dann fiel mir ein, daß es vorher ungefähr eine Woche lang geregnet hatte und dies der erste schöne Tag gewesen war, und deswegen hatte ich auch an meinen Schulweg gedacht, weil ich manchmal mit dem Bus fuhr, wenn es nicht regnete.

Dann erinnerte ich mich plötzlich, daß mein Onkel hereinkam, nachdem ich aufgewacht war, um sich zu erkundigen, wie es mir ginge. Er entschuldigte sich und sagte, er hoffe, der Grund für alles, was passiert war, sei nicht etwas gewesen, was er gesagt oder getan hatte.

Jetzt fügte sich plötzlich alles zusammen. Es war wie ein gigantisches Puzzle, das vom Himmel fiel, zwar sehr langsam, aber es landete doch alles am richtigen Platz. Der Anfall fiel zusammen mit dem Ende einer zweiwöchigen Periode, in der mein Onkel ständig trank und sich mir gegenüber unerträglich aufführte. Ebenso plötzlich wurde mir klar, daß es während der ganzen vergangenen Woche der Therapie geregnet hatte, und daß der heutige Tag der erste sonnige war (ich bin sicher, das half meinem Erinnerungsvermögen).

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Ich erzählte Bernie, daß ich den Punkt erreicht hatte, da ich einfach nicht mehr bereit war, auf meinen Onkel zu hören oder mich auch nur um ihn zu kümmern; mir war alles, aber auch restlos alles gleichgültig geworden. Kurz gesagt, mir war einfach danach aufzugeben und zu sterben (wie bei meiner Geburt). Der Schmerz war zu groß (im Kopf, denn dort hielt ich ihn fest), also entzog ich mich und bekam einen Anfall.

Ebenso erkannte ich, daß ich von all dem Mist, den mein Onkel auf mir ablud, eigentlich ständig Magenschmerzen hätte haben müssen, denn ein Zuviel an Ärger schlägt normalerweise ja auf den Magen. Aber nicht bei mir — ich gebrauchte dafür meinen Kopf! Mein Onkel brachte mich buchstäblich um, und ich kümmerte mich nicht mehr darum, ich gab einfach auf und entzog mich (flüchtete vor dem Schmerz).

Später erzählte ich Bernie, es werde immer klarer, daß ich keinen Grund mehr hatte, je wieder einen Anfall zu bekommen, weil ich jetzt einfach die Frage an mich stellen müßte, ob ich leben oder sterben wollte, das heißt, ob ich Urerlebnisse oder Anfälle haben möchte, denn Anfälle haben bedeutet Sterben. Diese Erkenntnis machte mich glücklich, und ich kam mir sehr klug vor.

Besonders interessant an diesem Urerlebnis ist die Art und Weise, wie ich mich langsam und vorsichtig den Ereignissen näherte, die meinen ersten Anfall begleitet hatten. Rückblickend ist mir klar, daß die Schmerzen so stark waren, daß meinem Körper gar kein anderer Ausweg blieb. Es begann mit einem schrittweisen Abtragen all dessen, was mit jenen zwei Wochen in Zusammenhang stand und damit, den ganzen Schmerz nicht nur im Kopf, sondern zum erstenmal im ganzen Körper zu fühlen. Selbst diesen Schmerz zu fühlen, ging langsam vor sich, weil so viel davon da war.

Dann, nachdem das alles gefühlt war und nachdem ich viele dieser Erinnerungen hervorgeholt hatte, begann ich über meinen ersten Anfall zu reden, ohne wirklich zu wissen, daß dazu ein unmittelbarer Zusammenhang bestand. Dann kam das schrittweise Schließen der Erinnerungslücke zwischen meinem ersten Anfall und jenen zwei Wochen, bis ich schließlich merkte, daß ich es eigentlich mit einer einzigen Ereignisfolge zu tun hatte — und nicht mit zwei voneinander unabhängigen Ereignissen!

Eine weitere bemerkenswerte primäre Verbindung wurde in den ersten drei Wochen meiner Therapie hergestellt. Eines Tages hatte ich mehrere Urerlebnisse, die alle von dem gleichen Gefühl beherrscht wurden — dem Gefühl, in einer Falle zu sitzen.

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Dieses Gefühl lief darauf zurück, daß mich mein Onkel zu Hause mehr oder weniger einschloß (jedenfalls war es mir so vorgekommen). Das Gefühl, gefangen zu sein, erzeugte immer einen starken Druck in meinem Kopf, und nachdem ich diese Reihe von Primärerlebnissen abgeschlossen hatte, fiel mir ein, daß ich nach dem Tod meines Onkels zwei Jahre lang keine Anfälle mehr hatte. Der Druck kehrte erst wieder, als Jane schwanger wurde, und die Anfälle begannen erneut, nachdem unsere Tochter geboren war. Die Tatsache, daß ich damals nicht Vater sein wollte, machte mir sehr »schmerzlich« klar, daß ich dem Druck, plötzlich eine Familie zu haben, nicht gewachsen war. Deshalb mußte das Ventil für Überlastung notgedrungen wieder geöffnet werden.

Die folgenden Urerlebnisse ereigneten sich, nachdem ich meine ersten drei Wochen intensiver Therapie beendet hatte.

Das erste Urerlebnis im Zusammenhang mit der Epilepsie, das ich in der Gruppe hatte, betraf nur den Einsatz meines Kopfes als »Instrument«, um Druck zu blockieren. Es ist deshalb wichtig für mich, weil es deutlich die Methoden aufdeckt, die ich unbewußt eingesetzt habe, um Anfälle herbeizuführen. Ich war zum ersten Mal, seit Beginn der Therapie, wieder an der Universität gewesen und hatte den ganzen Tag in Vorlesungen verbracht; kaum hatte ich den Campus betreten, da bekam ich Kopfschmerzen, und zwar in einem Ausmaß, wie ich es noch nie erlebt hatte. Das Urerlebnis, das ich an jenem Abend hatte, bestand fast ausschließlich darin, den Schmerz vom Kopf in meinen Körper fließen zu lassen und damit einen Anfall (den ich kommen spürte) zu verhindern. Einen kleinen Teil dieses Urerlebnisses brachte ich damit zu, meinen Onkel und meinen Vater darum zu bitten, doch so stark zu sein, daß ich mich hilfesuchend an sie anlehnen könnte. Die Einsicht, die dann folgte, machte mir bewußt, daß ich von ihnen nichts anderes wollte, als daß sie einen Teil meiner Schmerzen ableiten sollten.

Das folgende Urerlebnis war besonders wichtig, weil es das erste Mal war, daß ich ein Urerlebnis bezüglich meiner Mutter hatte, und weil es ein direktes Ergebnis meines ersten und einzigen Anfalls war, den ich seit Beginn der Therapie und damit seit Beendigung der medikamentösen Behandlung hatte.

Ich rief meine Mutter eines Morgens an, um mit ihr einige finanzielle Dinge zu besprechen, und sie begann, mir einen Vortrag über das Darlehen zu halten, das uns meine Eltern für die Therapie gegeben hatten. 

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Sie hörte sich genau an wie mein Onkel, der uns ständig vorgehalten hatte, daß man sparen und mit Geld sehr überlegt umgehen müsse; und das, zusammen mit der Tatsache, daß ich eine schlechte Nacht hinter mir hatte (viele unaufgelöste Gefühle äußerten sich in Träumen), löste eine kurze Ohnmacht und einen Anfall bei mir aus. Sobald ich das Bewußtsein wiedererlangt hatte, brachte mich Jane direkt ins Institut zu einer privaten Therapiesitzung. Das Urerlebnis, das ich sofort danach hatte, war, daß ich meine Mutter bat und bettelte, sie möge mich in Frieden lassen und solle nicht so übermäßig beschützend sein.

Es muß festgehalten werden, daß sich dieser Anfall von meinen früheren unterschied. Erstens wurde ich schon ein paar Sekunden, ehe es losging, gewahr, daß ich einen Anfall bekommen würde (leider ging es zu schnell, als daß ich ihn hätte aufhalten und in ein Urerlebnis umwandeln können); zweitens schlief ich anschließend nicht wie sonst nach einem Anfall sechs oder acht Stunden, sondern ruhte nur etwa zehn Minuten aus; drittens waren die Krämpfe wesentlich kürzer und weniger heftig als sonst; viertens gab es praktisch keinen Gedächtnisverlust, nachdem ich aufwachte — früher konnte es Wochen, manchmal Monate dauern, bis ich mir die Ereignisse, die den Anfall begleiteten, ins Gedächtnis rufen konnte; fünftens empfand ich, als ich aufwachte, unglaublich intensive Schmerzen sowohl in meinem Körper als auch besonders in meinem Kopf. 

Wann immer ich aus dem Schlaf, der einem Anfall folgte, aufwachte, hatte ich für mindestens eine Woche leichte Kopfschmerzen. Diesmal verschwanden die intensiven Schmerzen während des Primais im Institut und kamen auch später nicht wieder. All dies bedeutet, daß mein Körper, weil ich mich öffnete, es nicht mehr zuließ, daß ich die unaufgelösten Schmerzen des Anfalls in gewohnter Weise speicherte. Die Tatsache, daß ich nicht schlafen konnte und nach dem Anfall keine Erinnerungslücke hatte, bekräftigt diese Vermutung. Erst kürzlich hatte ich ein weiteres Geburts-primal; dabei empfand ich den Kampf, den ich durchzumachen hatte, um geboren zu werden, und den enormen Druck, den mein Kopf während dieses Kampfes auszuhalten hatte, viel intensiver. Dieses Geburtsprimal wurde von erheblich stärkeren körperlichen Schmerzen begleitet. Es im einzelnen zu beschreiben, würde in vielem einfach eine Wiederholung von bereits Gesagtem sein, daher werde ich nur eine grundlegend neue Phase von diesem Urerlebnis erwähnen.

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Ich war an dem Punkt angelangt, da ich aufgeben und mich nur noch entziehen wollte, weil ich das Gefühl hatte, alles in meiner Macht Stehende getan zu haben und nun nicht mehr zu können; da fühlte ich plötzlich, wie meine Mutter mich hinauspreßte. Das Außergewöhnliche war, daß ich dieses Mal, als ich mich hinausgepreßt fühlte, einen starken Drang verspürte, meine Augen zu öffnen und zu sehen, »wohin es ging«. Als ich versuchte, sie zu öffnen, stellte ich fest, daß ich sie nicht offenhalten konnte und nur noch fähig war, sie schnell wieder zu schließen. Der Grund dafür, daß ich sie (während des Geburtsprimals und wahrscheinlich auch während der Geburt) nicht offen halten konnte, war auf zwei Dinge zurückzuführen: erstens schmerzten sie unerträglich, auch wenn ich sie nur für den Bruchteil einer Sekunde öffnete, und zweitens, wann immer ich versuchte, sie zu öffnen, war alles, was ich sehen konnte, ein schmaler, aber extrem heller Lichtfleck. Die Kombination von beidem — nur einen hellen Lichtfleck zu sehen und meine Augen vor den grellen Blitzen zu schützen — kam meinem vorherigen Erlebnis sehr nahe, als ich einen Lichtblitz wahrnahm, der einen Anfall hätte einleiten können. Ich bin überzeugt, daß meine Lichtempfindlichkeit als Epileptiker ein unmittelbares Ergebnis dieses traumatischen Augenöffnens während meiner Geburt war.

Das letzte Urerlebnis im Zusammenhang mit der Epilepsie trat am Ende einer der hektischsten Wochen auf, die ich seit Beginn meiner Therapie erlebte. Das schlimmste an dieser Woche war weniger, daß ich so beschäftigt war, sondern mehr die Tatsache, daß ich eine Erkältung hatte, die mich daran hinderte, an der Gruppensitzung teilzunehmen. Das wirkte auf meinen Organismus so. daß ich die Woche über immer wieder vier oder fünf Sekunden andauernde »Tagtraum«-Perioden hatte. Sie waren nicht wirklich gefährlich — nur unangenehm.

Die Gruppensitzung begann für mich damit, daß ich mir über meinen Zustand der vergangenen Woche und über die Auswirkungen meines Fernbleibens von der Gruppe Gedanken machte. Ich verfiel in Selbstmitleid und fragte mich immer wieder, warum gerade ich mit Epilepsie geschlagen war. Ich erzählte Art, was ich dachte, und er riet mir, allen Gefühlen, die ich mit den Anfällen in Verbindung brachte, nachzugehen. Unverzüglich kehrten der Druck und die Schmerzen in voller Stärke zurück. Ich meinte, einen weiteren Anfall zu erleiden, aber alles, was ich spürte, waren die Schmerzen eines Anfalls: Mir wurde plötzlich klar, daß ich die ganzen nicht gefühlten (und vergessenen) Schmerzen aller je gehabten Anfälle würde wiedererleben und fühlen müssen. Die Schmerzen waren ja gespeichert — sie hatten aufgrund meines Schlafens und der Gedächtnislücken nicht gefühlt werden können.

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Als Art zurückkam und mich fragte, wie es mir ginge, erklärte ich ihm der Reihe nach, was sich ereignet hatte, und daß ich erkannt hatte, daß in meinem Körper zwei Personen gelebt hätten — das »Körper-Ich« und das »Kopf-Ich«. Die einzige Brücke zwischen ihnen war meine Epilepsie gewesen, sie hielt meinen Kopf davon ab, meinen Körper zu unmöglichen Dingen zu zwingen; das heißt, sie war die Überlastungssicherung, die meine »Elektronik« oder meine Erinnerungskreise davor schützte, durchzu­brennen und mich umzubringen.

 

Dies waren die Urerlebnisse, die ich in direktem Zusammenhang mit der Epilepsie hatte. Ich bin sicher, daß ich ohne sie noch immer genau wie früher Anfälle bekäme. Außerdem scheint es mir wichtig zu erwähnen, daß ich mit Beginn der Behandlung meine Medikamente absetzte und sie auch seither nie mehr eingenommen habe.

Ich habe die Medikamente einfach nicht mehr nötig, weil ich keine Anfälle mehr nötig habe. Wenn sich das ungemein einfach anhört, so liegt das daran, daß die Lösung zum Problem der Anfälle so einfach ist. Seit ich weiß, daß ein Anfall lediglich ein unterdrücktes Urerlebnis ist, das zu schnell an die Oberfläche kommt, als daß es verarbeitet und integriert werden kann, seitdem weiß ich auch, was ich tun muß: nämlich ein Urerlebnis haben. Die Woche, in der ich nicht zu den Gruppensitzungen gehen konnte und deshalb Pseudoanfälle bekam, erhärtet diese Tatsache. Ein Freund, dem ich beschrieb, was ich in diesen Seiten dargestellt habe, äußerte die Kritik, ich sei »primalsüchtig«. Ich stimmte ihm voll zu; was ist schließlich besser: von Urerlebnissen abhängig oder für den Rest meines Lebens ein tobender Epileptiker zu sein? Das einzige, was ich bedaure, ist, daß ich die Millionen anderer Epileptiker in diesem Lande nicht zu »Primal-Abhängigen« machen kann!

 

Zusammenfassend gesehen hat mir meine Umwelt (von Geburt an) einen Lebensstil aufgezwungen, der es mir erlaubte, mich selbst vor den repressiven Kräften, die sich mir entgegenstellten, zu schützen. All die Symptome, die ich in den Anfangskapiteln beschrieben habe, dienten meiner täglichen Verteidigung, und wenn die Schmerzen selbst für diese Verteidigungsmechanismen zu groß wurden, griff

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mein Organismus einfach zum äußersten Verteidigungsmittel gegen Schmerzen — dem Wunsch, ohnmächtig zu werden, der bei mir zum ersten Mal bei der Geburt auftauchte. Diese Verteidigung drückte sich in epileptischen Anfällen aus. Es war mir nicht möglich gewesen, die Anfälle aufzuhalten, bevor ich das Geburtstrauma wiedererlebt hatte. Deshalb hatte ich das Urerlebnis der Geburt gleich zu Beginn der Therapie. Das bedeutet, daß die Anfälle die Achillesferse waren, die entdeckt werden mußte, damit ich mich öffnen konnte.

Diese »Achillesfersen-Theorie« wurde für mich persönlich durch die Tatsache bestätigt, daß viele meiner jetzigen Urerlebnisse (wie auch alle früheren) mit den gleichen körperlichen Empfindungen anfangen, die auch bei Beginn eines Anfalls auftraten. Der Angelpunkt aller Abwehr (in meinem Falle die Epilepsie) mußte durchlöchert werden, ehe ich mich öffnen und den Rest meiner Abwehr abbauen konnte.

Wenn ich bedenke, wie mein Körper immer auf Druck reagiert hat, erkenne ich jetzt ein Kontinuum von Abwehr, das er hervorbrachte. Zuerst begann meine Nase zu laufen, und ich bekam Heuschnupfenanfälle. Wenn das nicht ausreichte, mich von der schmerzlichen Situation fernzuhalten, setzte das Asthma ein. Die letzte Stufe vor einem wirklichen Anfall waren extreme Kopfschmerzen. Es ist fast, als hätte ich mir selbst einige Male eine Chance gegeben, mich von den Ursachen der Symptome abzulenken, ehe das schwerste Geschütz der Abwehr hinzugezogen wurde; das heißt, mein Organismus schützte sich sozusagen selbst auf die bestmögliche Art davor, von seinen eigenen äußersten (und gefährlichsten) Fluchtmitteln Gebrauch zu machen.

Es sollte noch etwas über die migräneartigen Kopfschmerzen gesagt werden. Während der Therapie tauchten sie immer dann auf, wenn in meinen Urerlebnissen ein Gefühl des »Gespaltenseins« dominierte, hervorgerufen durch folgende Konflikte: a) geboren oder nicht geboren werden (ich gab meine Bemühungen auf, als ich das Gefühl hatte, es doch nicht zu schaffen); b) beide, Mutter und Vater zu mögen, obgleich sie sich stritten und auseinandergingen (ich konnte nicht beide auf einmal haben); c) meinen Onkel gleichzeitig lieben und hassen zu wollen; und d) immer wenn die Überlastung durch Schmerz zu groß wurde, gleichzeitig leben und sterben zu wollen; diese Entscheidung wurde in einem Anfall ausagiert (folglich bedeutet leben Urerlebnisse haben und sterben Anfälle bekommen).

Natürlich ist die Epilepsie nicht das einzige, was inzwischen verschwunden ist. Alle Symptome, die ich am Anfang aufzählte, sind entweder nicht mehr da, oder sind im Begriff, sich aufzulösen. Insgesamt hat sich mein Lebensstil beträchtlich verändert, und das einzig und allein als Ergebnis der Entdeckung meines Selbst. Je mehr ich herausfinde, wer ich wirklich bin, um so geringer das Bedürfnis, irgendwer oder irgendetwas anderes zu sein. Daher sind die selbstinduzierten Zwänge, die mich früher beherrschten, zusammen mit den Symptomen, die sie begleiteten, zurückgegangen. 

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3.  Muß Entbindung schmerzhaft sein?

 

 

Einleitung

Das folgende Kapitel wurde von Patti Nicholas geschrieben, einer Eltern- und Krankenhausberaterin für natürliche Entbindungen. Sie unterweist Eltern, die ein Kind erwarten, darin, wie man von einem Kind ohne Medikation entbunden werden kann. Ihre Aussage ist ungemein wichtig, weil sie deutlich macht, daß es wenig Gründe für die ungeheuren Schmerzen bei der Geburt gibt. Obgleich durch den Druck des Foetus, während er sich seinen Weg nach außen bahnt, einfache Schmerzen auftreten mögen, hat es den Anschein, als könne der größte Teil der Schmerzen der Neurose angelastet werden; genauer gesagt, die gesamte Muskulatur (also auch die des Uterus) einer neurotischen Frau ist ständig angespannt und steif und ermangelt der Flexibilität. Die Anspannung des Uterus, die Tendenz sich zu verkrampfen anstatt sich zu öffnen, stellt die hauptsächliche Schmerzursache während der Entbindung dar.

Im Grunde besteht keine Notwendigkeit für das heute übliche Verfahren, normale Frauen, die in den Wehen liegen, unter Drogen zu setzen. Aus den Beobachtungen der Geburtsprimals können wir erkennen, daß diese Drogen den Foetus beeinträchtigen und für einen betäubten Eintritt in diese Welt sorgen. Es ist weit besser, das Leben lebendig, fühlend und vollempfindend zu beginnen.

 

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Entbindung — muß sie schmerzhaft sein?

Die Geburt steht in Übereinstimmung mit dem natürlichen Rhythmus des Lebens und des Universums. Menstruation und Schwangerschaft folgen dem 280 Tage Rhythmus des Mond-Zyklus, die Menstruation normalerweise einem 28-Tage-Rhythmus, und die Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Als ein bekannter konservativer Arzt (ein Facharzt für Gynäkologie) gefragt wurde, ob es bei Vollmond mehr Geburten gäbe, antwortete er: »Lassen Sie mich nur soviel sagen, daß ich es hasse, bei Vollmond Dienst zu haben«.

Niedere Tiere haben das, was man eine instinktgesteuerte Geburt nennt. Jedes Tier hat seine eigene Art zu gebären, und diese wird Jahre hindurch in genau der gleichen Art wiederholt, unabhängig von der Umgebung. Ein Haushund in Alaska wird in genau dergleichen Weise gebären wie ein Haushund in Los Angeles.

Menschen haben das, was man eine kultur- oder zivilisationsorientierte Geburt nennen könnte. Frauen sind konditioniert worden, gegenüber Schwangerschaft, Wehen und Geburt eine Haltung einzunehmen, die sie bestimmte Erfahrungen erwarten und entsprechend den jeweiligen Traditionen ihrer Gesellschaft und Kultur reagieren läßt. Dies ist schon seit frühesten Zeiten so. Es wird allgemein angenommen, daß die Menschen nicht mehr instinktgemäß auf eine Geburt reagieren können. Es wird weiterhin angenommen, daß sie infolgedessen die »natürlichen« oder einfacheren Wehen und Geburten der niederen Tiere nicht mehr erleben können.

 

Der Geburtsvorgang 

Die Geburt ist eine Brücke zwischen zwei verschiedenen Lebensstadien. Sie ist das Ende der Schwangerschaft im Mutterleib und der Anfang von etwas, das die Fortsetzung der Schwangerschaft (das Neugeborene sollte nicht als etwas von seiner Mutter Getrenntes betrachtet werden) außerhalb des Uterus sein sollte. Das Kind wird in den Eileitern gezeugt und im Uterus genährt. Der Uterus ist ein hohler, muskulöser Sack, der sehr elastisch ist und sich mit dem Wachstum des Kindes ausdehnt. Wenn bestimmte Reize eintreten, stößt der Uterus mit einer Reihe von Kontraktionen seinen Inhalt aus.

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Der Uterus ist, wie Blase und Darm, ein inneres oder viszerales Organ. Diese Organe vollziehen natürliche Bedürfnisse. In einem natürlichen Zustand würde der Körper dem Bedürfnis nachgeben, bevor ein Unbehagen entsteht. Wenn diese natürlichen Bedürfnisse unbequem werden — wenn die Blase entleert werden sollte oder ein starker Drang zur Defäkation besteht — wird der Körper viszerale Schmerzen empfinden. Sie sind zugleich ein Hinweis darauf, daß das physiologische Gleichgewicht überfordert wird.

Wenn der Sauerstoffgehalt der Plazenta [Mutterkuchen] absinkt, fällt auch ihre Progesteronherstellung ab. Wird die Menge dieses Hormons geringer, dann reagieren die Muskeln 'im Uterus mit Kontraktionen. Der Uterus besteht aus drei Schichten von Muskeln.

Die Kontraktionen dieser Muskeln hängen von der Nervenversorgung ab. Es gibt drei Quellen nervaler Impulse, die ihre Erregung zu den Muskeln senden. Bei harmonischer Muskelaktion ziehen sich die längs angeordneten Muskelfasern zusammen, und ihre Bewegung wirkt ausstoßend. Und unter normalen Bedingungen sind die zirkulären oder Ringmuskelfasern entspannt und locker, so daß eine Erweiterung des Muttermunds und eine freie Passage für den Fötus möglich wird.

Der Geburtskanal oder die Vagina besteht aus einem ungefähr zehn Zentimeter langen elastischen Muskelschlauch, der sich ohne Schwierigkeiten um das Achtfache seiner normalen Größe ausdehnen kann. (Die durchschnittliche Beschaffenheit des fraulichen Beckens sollte mit Leichtigkeit den Durchgang eines 3500 Gramm schweren Säuglings ermöglichen).

Der Uterus setzt seine rhythmischen Kontraktionen fort, indem er ständigen Druck ausübt und die Streckung der Vagina durch Vorwärtsbewegungen und sanftere Rückenbewegungen erleichtert. Wenn das Baby anfängt »einzuschneiden«, unterbricht der Druck seines Kopfes die Blutversorgung in der vaginalen Umgebung, wodurch diese Region betäubt wird und der sichtbare Teil des Kindes geboren werden kann. Ist dieser Teil erst einmal geboren, folgt der restliche Körper rasch nach.

Es gibt keine physiologische Funktion des Körpers, die bei normalem Gesundheitszustand Schmerz, verursacht. Der Uterus ist mit »Nozizeptoren« (Schmerzrezeptoren) durchsetzt. Die inneren Organe, besonders der Uterus, werden von äußerer Kälte oder Wärme nicht beeinflußt. Die Bauchdecke muß schon einer sehr schweren Verletzung ausgesetzt werden, wenn ein Defekt entstehen soll.

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Aber sie ist, wie auch der Uterus, reichlich mit Schmerzrezeptoren versorgt, was vor übermäßiger Spannung und Gewebsrissen schützen soll. Die Gedärme und der Uterus können angesengt, geätzt, angefaßt und bewegt werden, ohne daß der Patient es empfindet oder sich unwohl fühlt; wird aber eines der Gewebe mit einer großen Anzahl von Schmerzrezeptoren überdehnt oder zerrissen, dann entstehen beträchtliche Schmerzen und ein Schockzustand. Alle Schmerzrezeptoren reagieren lediglich auf eine Art von Schmerzreizung. Daraus folgt, daß der einzige Schmerz, den der Uterus aufnehmen kann, durch übermäßige Spannung oder tatsächliches Einreißen der Gewebe verursacht wird. Wenn die Natur nicht beabsichtigt hat, daß eine Geburt von Gewebsrissen und Verletzungen begleitet wird, dann dienen die erwähnten Schmerzempfänger lediglich der Reaktion auf anormale Reize.

Wenn der geistige und seelische Zustand der gebärenden Frau die Einheit der Wehentätigkeit stört und deren Intensität zunehmen läßt, baut der Thalamus in Verbindung mit dem Kortex sofort schützende Maßnahmen auf. Jetzt erstellt das sympathische Nervensystem ein Abwehrsystem von Spannungen, das die Muskelkraft verstärkt. Die Nervenäste, die die Ringmuskeln des Uterus versorgen, werden durch diese Reaktion gereizt und rufen eine Starre am Aüsgang des Organs hervor. Das bedeutet einen Widerstand für die längs angeordneten Muskelfasern. Jetzt arbeiten die Muskelgruppen gegeneinander, die längsgerichteten Muskeln bemühen sich, den Muttermund zu erweitern, und die Ringmuskeln verschließen den Ausgang (die zirkulären Fasern müssen notwendigerweise den Ausgang bis zum Ende der Schwangerschaft verschließen).

Andauernde Spannung der Gebärmuttermuskulatur verhindert eine Entspannung zwischen den Wehen. Dadurch wird dem Uterus das venöse Blut entzogen, und es entsteht das, was man einen weißen (ischaemischen) Uterus nennt. So wird, obgleich keine anatomische Behinderung vorliegt, die Wehentätigkeit durch starke, aber unwirksame Muskelkontraktionen behindert. Der Foetus ist wegen des übermäßigen Drucks innerhalb der Gebärmutter und der eingeschränkten Sauerstoffversorgung nicht fähig, die verlängerten Wehen und die vaginale Entbindung zu überleben.

Die Kreislaufbeeinträchtigung stellt auch eine Schmerzursache dar, da die Blutströmung zu gering ist, um die Stoff­wechsel­produkte oder Metaboliten zu entfernen. Daher kann eine Wehentätigkeit lang sein, weil sie schmerzvoll ist, aber nicht schmerzvoll, weil sie lang ist. Die chemischen Veränderungen, die bei einer Störung des Geburtsverlaufs eintreten, stellen eine ernstliche Beeinträchtigung für Mutter und Kind dar, sie schädigen die Wehentätigkeit und sind verantwortlich für Blutungen, Gewebsverletzungen, Sauerstoffnot, Atmungsversagen und Erschöpfung des Neugeborenen.

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  Der Säugling  

Der Abfall der Sauerstoffzufuhr, der die Progesteronausschüttung vermindert, verursacht auch, daß die Funktion der Plazenta (des Mutterkuchens), die ja eine Art Lunge für den Fötus darstellt, nachläßt. Der kindliche Organismus wird gleichsam alarmiert, und es setzen jene Prozesse ein, die das Neugeborene biologisch unabhängig machen.

Der Blutstrom des Kindes bahnt sich seinen Weg durch die Arterien und Venen zwischen dem Herzen und den Lungen. Das Verdauungssystem, die Lungen, die Ausscheidungsorgane, das nervöse System und das der endokrinen Drüsen bereiten sich auf ihre Funktion vor.

Die Uteruskontraktionen dienen auch dazu, die Haut des Säuglings zu stimulieren. Es gibt Beweise dafür, daß dies äußerst wichtig ist. Es wird angenommen, daß ohne diese Stimulation das gastrointestinale, das urogenitale und das respiratorische System nicht voll funktionieren können.

Tiere lecken nach der Geburt die Haut des Neugeborenen, um für diese Stimulation zu sorgen. Tierärzte wissen, daß das Neugeborene, wenn es vom Muttertier nicht abgeleckt wird, sehr wahrscheinlich stirbt, weil es nicht fähig ist, seinen Darm und seine Blase zu entleeren. Die peripheren sensorischen Nerven der Haut werden angeregt. Diese Nerven leiten die Impulse zum zentralen Nervensystem; von dort werden sie weitergeleitet zu verschiedenen Organen des Körpers. Wenn die Stimulierung der Haut fehlt, können wesentliche Organe nicht arbeiten. Diese Hypothese ist bewiesen worden durch die Arbeit von Professor James A. Reyniers, dem Leiter der bakteriologischen Laboratorien an der Universität Notre Dame.

Daher erhalten Frühgeburten (die normalerweise nach kurzen Wehen geboren werden) oder Säuglinge, die durch einen Kaiserschnitt zur Welt kommen, weniger Stimulationen. Untersuchungen haben gezeigt, daß diese Kinder mehr Schwierigkeiten beim Atmen haben und später unter größeren Schwierigkeiten ihre Blase und die Schließmuskeln kontrollieren lernen.

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Bei einer normalen Geburt wird der Brustkorb des Säuglings, währender den Geburtskanal passiert, zusammen­gedrückt. Das ruft einen beträchtlichen Druck im Brustraum, also auf das Herz-Kreislauf-System, die Lungen und das Zwerchfell hervor. Weiterhin wird durch die Kontraktionen des Uterus Blut aus der Plazenta durch die Nabelschnur in den Körper des Säuglings gepreßt. Beim Fehlen längerer Wehen (Kaiserschnitt) erhält der Säugling weniger Blut. Es gelingt nicht, die Amnionflüssigkeit aus den oberen Öffnungen des Säuglings herauszupressen. Eine unangemessene »Belüftung« der Atmungswege sowie eine inadäquate Reizung des Kreislauts tritt ein. Der Säugling wird durch den Geburtskanal gedrängt. Die Fruchtblase platzt, und das Kind ist der Luft ausgesetzt. Sofort treten Veränderungen von Temperatur und Druck ein. Das Zwerchfell beginnt eine blasebalgartige Tätigkeit, die die Lungen mit Luft füllt, wodurch sie von beiden Seiten auf das Herz drücken.

Ich glaube, wenn es für das Kind nicht gut wäre durch Kontraktionen des Uterus und durch den Geburtskanal hindurch geboren zu werden, so hätte die Natur für eine andere Geburtsmöglichkeit gesorgt. Es gibt Beweise, daß die Bewegungen beim Geburtsvorgang wohltuend auf den gesunden Zustand des Säuglings einwirken. Dr. Sandor Ferenczi sagte, je mehr er beobachte, desto mehr verstehe er, daß keine der Entwicklungen und Veränderungen, die das Leben mitbringt, das Individuum so gut vorbereitet treffen, wie bei der Geburt. Ich glaube, es ist für den physischen und psychischen Zustand eines Menschen wichtig, daß er eine glatte Geburt erlebt. 

Heutzutage werden Geburten als medizinisch oder »methodisch« normal definiert. Aber wir sollten eine hinausgezögerte Geburt (gegenseitige Beeinflussung oder Nichtfunktionieren der Hormone?), verlängerte, schmerzhafte, ineffektive Wehen oder vielleicht selbst eine falsche Lage (Querlage oder hintere Hinterhauptslage) keinesfalls für normal halten. Es mag den Anschein haben, als würde das Kind Schmerzen nur schwach wahrnehmen, weil sein Sauerstoffspiegel gering ist. Das Neugeborene kann jedoch traumatisiert werden, wenn die Geburt anormal ist. Und heutzutage, in unserer Gesellschaft, können die meisten Geburten innerhalb dieses Rahmens gesehen werden.

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Freud behauptet, die Geburt sei die Ursache für einen »Angstzustand«, weil eine Lebensbedrohung vorliegt. Er sagt, daß ein Gefühl von Hilflosigkeit hervorgerufen wird und die Person für ihr Leben lang ein Abhängigkeitsgefühl, ein Bedürfnis nach Liebe entwickeln wird.12)

Otto Rank, in einer Reihe von Büchern, beginnend 1924 mit »Das Trauma der Geburt«, sah die Geburt als eine gewaltsame Unterbrechung des glückbringenden intrauterinen Lebens an. Er glaubte, daß das Individuum den Rest seines Lebens braucht, um sich davon zu erholen. Es gibt Untersuchungen über Frühgeborene und Zangengeborene, die deutlich zeigen, daß diese Kinder benachteiligt sind.

Und jetzt gibt es die überwältigenden Geburtsprimals, die als Beweis dafür angesehen werden können, daß das Trauma nahezu definitiv bei der Geburt eintritt. Muß das so sein? Müssen wir die Tatsache akzeptieren, daß es in der Natur einer Geburt liegt, jene Bedingungen hervorzurufen, die zu einem Trauma führen?

Ich glaube, daß die Geburt ein physiologisch normaler und relativ schmerzloser Vorgang ist. Wenn eine durch die Gesellschaft konditionierte Frau keinen Bezug zu ihrer Wirklichkeit und zum Rhythmus ihres Körpers hat, werden ihre Wehen und das Gebären entsprechend verändert sein und damit einige Traumen oder ein großes Trauma für sie und das Neugeborene verursachen.

Man sollte Kinder nicht durch körperliche Einwirkung daran hindern, daß sie auf die Welt kommen, bevor der Arzt eintrifft (manchmal wird die Geburt bis zu 45 Minuten verzögert). Könnten Kinder normal und ohne Schmerzen geboren werden, dann wäre es gar nicht erlaubt, daß Ärzte sich bei der Geburt einmischen. Nur weil Kinder nicht auf diese Weise geboren werden können, brauchen Frauen einen Arzt, um sich von ihrem Kind entbinden zu lassen. Deshalb brauchen sie Drogen oder die gegenwärtig bekannten Methoden zur Vorbereitung (auf andere Weise schmerztötende Methoden). Bei den heutigen Geburten ist der Schmerz auf eine nicht zu leugnende Weise gegenwärtig. Anders darüber zu reden hieße, die Anstrengung der Frauen, auf die sie sich vorbereiten müssen, unrichtig darzustellen. Aber warum ist es so?

 

12  Sigmund Freud, Hemmung, Symptom und Angst, Gesammelte Werke Bd. XIV, S. 163 u. 167, Frankfurt/M., S. Fischer, Imago, 1948 [Anm. d. Übers.].

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Eine Falldarstellung

 

Brenda B., zwanzig Jahre alt; verheiratet mit einem Pfarrer; Hausgeburt.

Die Geburt begann mit einem Abgang von Fruchtwasser am 21. Oktober, 9 Uhr morgens. Unregelmäßige Wehen im Verlauf des Tages, die ein beträchtliches Unwohlsein verursachten. Die Wehen hörten während eines Besuchs (von Mutter, Schwester und Vater) für die Dauer von zwei Stunden auf. Sie setzten wieder ein, als der Besuch wegging.

Brenda empfand die Wehen als sehr stark. Sie konnte nicht anders mit ihnen fertig werden, als sich völlig auf die Anleitungen ihres Wehen-Unterweisers (zugleich der Ehemann) zu konzentrieren. Er mußte Atemübungen mit ihr machen.

Der Gebärmutterhals war acht Zentimeter lang; er blieb so für sechs oder acht Stunden (bei einer normalen ersten Geburt sollte er sich innerhalb von fünfzehn Minuten bis zu einer Stunde von sieben auf zehn Zentimeter ausdehnen). Als das Kind geboren wurde, war an seinem Kopf eine Druckstelle zu sehen, genau da, wo es im Gebärmutterhals steckengeblieben war. Im Fruchtwasser fand sich Mekonium oder Kindspech (die erste Ausscheidung des Kindes, die normalerweise nach der Geburt stattfindet), was die Ärzte als ein Anzeichen der Atemnot des Foetus interpretieren. Eine Hebamme, die man fragte, was Mekonium im Fruchtwasser bedeute, antwortete prompt: »Das Kind hat Angst«.

Das Kind, das ohne Drogen geboren wurde — was einige als »normale Geburt« bezeichnen würden —, war einen Monat übertragen (aufgrund einer Unfähigkeit des Körpers, die richtigen Hormone zu produzieren?), wog 4100 Gramm, war quängelig, weinte und hatte einen unkoordinierten Saugreflex. Auch nachdem es sich erholt hatte, blieb es quängelig und leicht reizbar. Es verlangte viele Mahlzeiten, und es schien, als könnten seine Bedürfnisse nicht angemessen befriedigt werden.

 

Nachtrag 

Nachdem Patti Nicholas ihren ersten Artikel über Geburt und Schmerzen geschrieben hatte, diskutierten wir ihre Auffassung. Einige Wochen später erhielt ich folgenden Brief:

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Lieber Art,

als wir zum ersten Mal über schmerzvermeidende Methoden bei Geburtsvorbereitungen sprachen, sagten Sie: »Warum soll man Frauen vom Schmerz ablenken? Warum sollen sie ihn nicht erleben?« Da meine ganze Arbeit als Wehen-Unterweiserin darauf hinauslief, mit Schmerzen fertigzuwerden oder sie zu vermeiden, konnte ich es mir damals einfach nicht-erlauben, diese Vorstellung auch nur in Betracht zu ziehen. Ein Kreißsaal voller schreiender Frauen ist etwas, das wir zu verhindern suchen. Ich war bemüht, Frauen von ihrem Schmerz abzulenken (auch wenn er bei gesunden Frauen vielleicht tatsächlich nicht auftritt), um zu verhindern, daß sie unter den möglicherweise schädigenden Einfluß von Drogen gestellt werden.

Aber je mehr ich mich mit der Primärtheorie befasse, umso mehr leuchtet mir ein, daß sich die mit der Geburt verbundenen Gefühle durchaus und sogar sehr schön empfinden lassen — besonders in einer Umgebung, in der Schreien nicht nur akzeptiert, sondern in der dazu vielmehr noch ermutigt wird. Wir sollten die großartige Erfahrung einer Geburt wirklich voll und ganz empfinden — den Schmerz wie auch alles andere. Vielleicht lassen sich sogar andere Schmerz erzeugende Anspannungen wie

Rückenschmerzen. Kopfschmerzen etc. aufheben, wenn man sich den Gefühlen der Geburt uneingeschränkt hingibt und sie voll und ganz ausdrückt.

Als ich selbst in den Wehen lag, half es mir, während der Kontraktionen zu schreien. Der Schmerz fühlte sich dadurch gut an; allerdings meinte ich, mich zwischen den Wehen (damals hatte ich noch nie etwas von Primärtheorie gehört) dafür entschuldigen zu müssen und war sehr verlegen. Ich merkte, daß ich meine Selbstkontrolle verlor und andere gebärende Frauen, die meine Schreie hören konnten, ängstigte. Außerdem mußte ich ständig meinen Arzt beruhigen, daß es nicht so schlimm sei, wie es sich anhörte; solange ich schreien konnte, war alles gut. Nachdem das Kind geboren war, hatte ich nicht das Gefühl, große Schmerzen gehabt zu haben.

Vielleicht sollte man gebärenden Frauen wirklich erlauben, ihre Schmerzen auszudrücken und sie dazu ermuntern. Wenn sie von vornherein wüßten, daß sie ungehindert schreien können, ließen sich viele Symptome und Spannungen während der Wehenperiode verringern. Stattdessen ist es heute Brauch, daß Kranken-

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schwestern und Ärzte ihnen sagen, sie sollten tapfer sein, sich ihrem Alter entsprechend verhalten, etc.; es ist ihnen unangenehm, wenn die Frauen ihre Selbstbeherrschung verlieren. Ich glaube, der offene Ausdruck von Schmerzen würde den Frauen helfen, sich zu entspannen (sie wären frei von Scham und Schuldgefühlen) und hätten dann tatsächlich weniger Schmerzen bei der Geburt.

Frauen kommen normalerweise zu mir, weil sie aus Angst vor Schmerzen wie gelähmt sind, und sie bezahlen mich dafür, daß ich ihnen eine Methode beibringe, die ihre Schmerzen mäßigen hilft. Keiner von uns ist je auf den Gedanken gekommen, daß Schmerzen ertragen werden könnten, wenn man ihnen Ausdruck verleiht. Ein Teil der Verkrampfung rührt nicht so sehr vom Schmerz her als vielmehr von der Angst, ihm Ausdruck zu verleihen. Ich weiß, wir werden es mit den Ärzten schwer haben, weil sie auf Medikamente zurückgreifen, sobald geschrien wird. Also müssen wir alle umlernen, und zwar grundlegend.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Patti

 

 

Über gegenwärtige Forschungsergebnisse  zum Geburtstrauma  

 

1956 fand in Puerto Rico ein Kongreß über das Geburtstrauma statt. Die Ergebnisse dieses Kongresses, an dem Fachleute aus aller Welt teilnahmen, wurden unter dem Titel Neurological und Psycho-logical Deficits of Asphyxia Neonatorum veröffentlicht.13 Ausgewählte Untersuchungsergebnisse weisen darauf hin, daß eine normale Geburt eine Sache von Leben und Tod ist, sowohl unter dem Gesichtspunkt der ärztlichen Führung wie auch in bezug auf die Mittel, die die werdende Mutter so frei von Urschmerzen wie möglich halten sollen.14

 

13)  W. F. Windle, E. H. Hinman und P. Bailey (Hrsg.). Springfield, 111., Charles Thomas Co., 1958.
14)   Ich werde die Namen der einzelnen Forscher nicht angeben, aber in Klammern aufführen, auf welcher Seite der Veröffentlichung die Ergebnisse der jeweiligen Untersuchung zu finden sind. Wer an weiterer Vertiefung interessiert ist, mag das Buch selber zur Hand nehmen.

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1938 wurde von zwei Wissenschaftlern ein Bericht veröffentlicht, in dem sie darauf hinwiesen, daß »der Hauptanteil von Schädigungen des Nervensystems der Sauerstoffnot des Neugeborenen zugeschrieben werden kann, die durch betäubende und schmerzstillende Mittel, die man der Mutter während der Wehen gegeben hatte, verursacht wurden, und daß geringere Grade von Hirnschädigungen, die zu leicht sind, um die Aufmerksamkeit der Neurologen auf sich zu ziehen, auf die gleiche Weise entstehen können« (16). 

Es gibt genügend Beweise dafür, daß Betäubungsmittel durch die Plazenta gelangen und den Foetus beeinflussen. Pethidin, welches der werdenden Mutter gegeben wurde, setzte den Sauerstoffgehalt des Blutes herab. Das hat zur Folge, daß das Neugeborene an Sauerstoffmangel leidet. Wenn der Mangel schwerwiegend genug ist, können Gehirnblutungen und -schaden auftreten. 

Eine Untersuchung ergab, daß »98% der Säuglinge, deren Mütter nicht unter Betäubungsmittel standen, spontan [bei der Geburt] zu atmen anfingen, wohingegen nur 65% derjenigen, deren Mütter die bestmögliche Drogenkombination erhielten, eine derartige spontane Reaktion zeigten« (16). In einer Überprüfung von 500 Fällen zerebraler Lähmungen fand man, daß Vererbung eine unwahrscheinliche Ursache war und daß die Sauerstoffnot oder der Sauerstoffmangel des Neugeborenen die zerebrale Lähmung mit athetotischen Bewegungen [ungeordnete, schraubenförmige Bewegungen der Finger, Hände und Beine] verursachte.

Eine andere Untersuchung läßt vermuten, daß nicht nur grobe Hirnschädigungen durch einen anormalen Geburtsverlaufentstehen, sondern daß auch nicht leicht erkennbare pathologische Bilder entstehen. »Verhaltensstörungen wie Ablenkbarkeit und Überaktivität sind das Ergebnis. Es besteht eine Korrelation zwischen abnormer Geburt bzw. Wehentätigkeit und Persön­lichkeits­merkmalen wie Abgeschlossenheit, Selbstgefälligkeit, Abhängigkeit und emotionale Instabilität« (21). Andere Merkmale, die mit einer abnormen Geburt in Zusammenhang stehen, sind »Stimmungsschwankungen, Überaktivität, Impulsivität, kurze Aufmerksamkeitsspanne, schwaches Gedächtnis und Schwierigkeiten hinsichtlich Arithmetik« (22).

Einer der Begleitumstände des Sauerstoffmangels ist, daß der Herzschlag gefährlich verlangsamt wird. Wenn das Neugeborene überleben soll, müssen sofort Anpassungsmaßnahmen eingeleitet werden. Eine Unterstützung, die vorgeschlagen wurde, ist, der Mutter mehr Sauerstoff zu geben, damit der Foetus eine höhere Sättigungsgrenze erreicht, um dem Streß zu begegnen. Eine schwierige Geburt bedeutet, daß das Neugeborene buchstäblich um sein Leben kämpft.

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Einer der Faktoren in seinem Kampf ist die Veränderung im Hormongleichgewicht. »Die Ergebnisse verweisen auf die Schlußfolgerung, daß die Sauerstoffarmut eine typische Streß-Reaktion der Nebennierenrinde hervorruft« (126). »Sie vermindert auch die Jodaufnahme der Schilddrüse» (128). Gewebsuntersuchungen der Schilddrüse »zeigen Veränderungen, die auf verminderte Aktivität schließen lassen« (128). Es ist eine Behauptung der Primärtheorie, daß diese radikalen Veränderungen in der Hormonausschüttung prototypisch werden, so daß späterer Streß die gleiche Antwort hervorruft (beispielsweise eine geringere Schilddrüsenaktivität). Wenn früher Streß sich vergrößert und das Kind neurotisch wird, wird auch die veränderte hormonale Antwort chronisch. Ich gebrauche den Ausdruck »Antwort«, weil die Drüsen und Organe genauso wie jeder andere Teil von uns auf Streß antworten.

Weil sich die Hormonausschüttung in den meisten Fällen, wenn genügend Sauerstoff vorhanden ist, richtig einstellen wird, sind wir verleitet worden zu glauben, damit sei alles in Ordnung. Wir haben die Tatsache unberücksichtigt gelassen, daß wir eine Organempfindlichkeit etabliert haben — ein Zielgebiet, welches später leichter auf Streß reagieren wird.

Eine Untersuchung in Baltimore brachte folgende Ergebnisse: »Wenn man die ganzen Untersuchungsreihen, die 10.000 Mütter umfaßten, in solche unterteilt, die plazentagängige Medikamente erhielten und solche, die keine bekamen, so ergeben sich Unterschiede in der fötalen Befindlichkeit. Mit Betäubungsmitteln ... gab es Verzögerungen im Zeitpunkt des Schreiens und Atmens, die bei Patienten ohne plazentagängige Medikamente nicht auftraten« (238). Was diese Statistiken sagen, ist, daß das Kind keine Luft holen kann und sich in einem verzweifelten Kampf ums Leben befindet.

Die Empfindlichkeit der Neugeborenen ist in einer Untersuchung über Schnittentbindungen hervorgehoben worden. Wenn das Gesicht des Kindes während der Geburt, bei Maßnahmen im unteren Bereich des Gebärmutterhalses, berührt wird, verengt sich die Nabelschnur. »Diese Veränderung in der Blutversorgung macht es schwierig, Blut zu bekommen und hält die Sauerstoffwerte niedrig« (242).

Wenn wir an die überwältigenden Ergebnisse einer schwierigen Geburt denken, die vom Tod bis zu geistigen Behinderungen, Lernschwierigkeiten, Überaktivität und schweren hormonalen Störungen reichen, dann sehen wir, daß die Notwendigkeit, eine angemessene Geburt zu ermöglichen, von überragender Bedeutung ist. 

In tausendfacher Weise agieren viele von uns für den Rest ihres Lebens ihre Geburtsprimals aus. Wir leiden an unerklärlichen Spannungen. Wie ein Patient es ausdrückte: »Ich konnte in der Schule nie stillsitzen. Wenn ich mich hinsetzte, hatte ich das verzweifelte Gefühl, <ich muß hier raus>. Jetzt nach meinem Geburtsprimal weiß ich, wo ich wirklich herauskommen mußte«. 

Wenn wir uns zumindest zum richtigen Start ins Leben verhelfen könnten, dann hätten wir mehr Reserven, um mit späteren Streßsituationen, die uns zu erdrücken drohen, fertig zu werden. Wenn wir bereits »gebeugt« anfangen, gibt es wenig Hoffnung.

 

 

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