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II : Drei Weltsichten    03   04

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Im November 1995 fand in den umgebauten Stadthausbüros des Tellus Institute im historischen Bezirk Boston Common eine Besprechung in kleinem Rahmen statt. Obwohl kaum ein Dutzend Teilnehmer zugegen waren, war es eine bemerkenswert heterogene Gruppe, mit Vertretern aus fünf Kontinenten — unter anderem ein Anwalt aus Afrika, der eloquente Leiter einer Entwicklungshilfeorganisation in Bangladesch, ein leidenschaftlicher Wissenschaftler aus Lateinamerika und ein nüchterner aus den Niederlanden sowie zwei Nordamerikaner. Zusammengekommen waren sie im Namen des Stockholmer Umweltinstituts und auf Wunsch des US-amerikanischen früheren Physikers und heutigen Energie-Experten und Szenarientechnikers Paul Raskin.   en.wikipe  Raskin *1942 in Chikago

Vielfalt und Erfahrungsreichtum lagen ganz im Sinn der Sache, denn Aufgabe der Gruppe war nicht weniger als die Entwicklung einer Serie von Szenarien, die zahlreiche verschiedene Sichtweisen der Welt umfassen sollten. Damit war die Global Scenario Group geboren, der anzugehören ich die Ehre habe.

Sehr intensiv waren die Diskussionen in Boston, denn es ging nicht nur darum, die unterschiedlichen Vorstellungen in der Gruppe kennenzulernen, sondern auch um die ganz verschiedenen Weltsichten der Teilnehmer. Allmählich aber kristallisierte sich aus der verwirrenden Vielzahl der vorgestellten »Zukünfte« etwas heraus, was man als Rahmen für das Nachdenken über die Zukunft bezeichnen kann.

Aus diesem Treffen und den sich anschließenden einjährigen Arbeiten entstand eine Reihe von Szenarien, die drei völlig verschiedene Sichtweisen oder Weltsichten repräsentieren. Es sind: die Marktwelt — dieses Szenario schreibt die gegenwärtigen Muster fort; die Festungswelt - dieses Szenario spiegelt einen grundlegenden, aber nicht wünschenswerten gesellschaftlichen Wandel wider; und die Reformwelt, die einen grundlegenden, aber wünschenswerten gesellschaftlichen Wandel vorstellt.(1)

Die erste dieser Welten oder Zukünfte ist dynamisch. Sie geht aus von fortgesetzter »Evolution, Expansion und Globalisierung«, doch ohne große Überraschungen oder Richtungsänderungen. Die beiden letzten aber stellen »tiefgreifende historische Veränderungen der grundlegenden Organisationsprinzipien der Gesellschaft im nächsten Jahrhundert vor« — ob zum Guten oder Schlechten.2 Meine Adaption und Vereinfachung der Szenarien der Global Scenario Group, die hier zusammengefaßt und in den folgenden Kapiteln näher behandelt werden, sind eine wesentliche Grundlage der übrigen Teile des Buches. Meine Version bezieht ferner Material aus anderen Quellen mit ein, gründet sich aber im wesentlichen auf die gemeinsamen Erfahrungen und die Vorstellungskraft der Global Scenario Group, der ich mich gern zu Dank verpflichtet fühle.

Die Marktwelt

In diesem Szenario sind Wirtschaftsreformen und technologische Innovation die Triebkräfte rapiden Wirtschaftswachstums. Entwicklungsregionen werden in die Weltwirtschaft eingebunden, so daß im Sinne zügiger Globalisierung ein mächtiger Weltmarkt geschaffen wird und moderne Techniken, Verfahren und Produkte in praktisch alle Länder gelangen. Das Ergebnis sind allgemeiner Wohlstand, Frieden und Stabilität. - Die Marktwelt ist eine bezwingende Vorstellung; implizit oder explizit wird sie von vielen Unternehmensleitern und Ökonomen vertreten und durch das Scheitern der Planwirtschaft bekräftigt. Gehör verschaffen ihr die Leitartikel im Wall Street Journal und im Economist. Was könnte eine solche Zukunft verbauen, was ihre Verheißungen verblassen lassen? Und was sind im post-komm­unistischen Zeitalter die Alternativen zu dieser Vision?

Die Festungswelt

Zur Marktwelt kristallisieren sich mindestens zwei deutliche Alternativen heraus. Die eine, die Festungswelt, ist eine grundlegend pessimistische Weltsicht. Sie gründet nicht nur auf das Scheitern der rein marktorientierten Wachstumspolitik, die so-


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zialer Ungerechtigkeit nicht abhelfen, Umweltkatastrophen nicht verhindern konnte, sondern auch auf die Überzeugung, daß unkontrollierte Marktkräfte diese Probleme nur noch verschärfen und große Teile der Menschheit von den Segnungen des Marktes ausschließen. Durch dieses Versagen werden schließlich alle Ressourcen aufgezehrt, werden die sozialen Grundlagen ausgehöhlt, auf denen Markt und Wirtschaftswachstum beruhen. Wirtschaftliche Stagnation herrscht überall dort, wo Ressourcen für die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Stabilität abgezweigt werden müssen, und ökonomische Zersplitterung, wo Konflikte vorherrschen oder die soziale Ordnung zusammenbricht. Das Szenario beschreibt die Schattenseiten des globalen Kapitalismus, eine Zukunft mit kleinen Wohlstandsinseln und riesigen Armutsregionen, eine Zukunft von Gewalt, Konflikt und Instabilität.

Die Reformwelt

Eine weitere Alternative beschreibt ein visionäres Szenario, in dem ein grundlegender gesellschaftlicher und politischer Wandel - und vielleicht sogar ein Wandel der Werte und kulturellen Normen - zu neuen vorurteilsfreien Strategien und freiwilligen Maßnahmen führt, die die Marktkräfte lenken oder ergänzen. Die Reformweh stellt eine Gesellschaft vor, in der sich mehr Menschen die Macht teilen und neue Bündnisse, von der gesellschaftlichen Basis ausgehend, die Arbeit von Institutionen und Regierungen mitgestalten. Obwohl die Märkte zum effizienten Instrument für den wirtschaftlichen Fortschritt werden, ersetzen sie nicht die bewußte politische Entscheidung. Wirtschaftlichen Wettbewerb gibt es nach wie vor, er überwiegt aber weder das allgemeine Bedürfnis nach Kooperation und Solidarität der Völker noch vereitelt er die Erfüllung der menschlichen Grundbedürfnisse. Praktisch eröffnet diese optimistische Vision die Möglichkeit eines grundlegenden Wandels zum Besseren - in der Politik, den gesellschaftlichen Einrichtungen, der Umwelt.


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Diese drei Zukunftsszenarien sind bewußt so kraß gegensätzlich konstruiert. Tatsächlich wird die Welt im Jahre 2050 wohl Elemente aller drei Szenarien enthalten, vor allem, wenn man die divergierenden Aussichten der verschiedenen Regionen berücksichtigt. Dennoch bringen sie allgemeine und gegensätzliche Sichtweisen vom Schicksal der Menschheit auf eine knappe Formel und sind ein brauchbarer Rahmen für die Analyse.

Auch liegen die Szenarien ganz klar im Bereich des Möglichen - sie gründen sich auf tatsächliche Trends. Natürlich lassen sich extremere Zukünfte nicht ausschließen, es können z. B. völlig unerwartete Ereignisse eintreten. So könnte ein Asteroid mit der Erde kollidieren und alles Leben vernichten - möglich, obwohl nicht wahrscheinlich -, oder eine Klimakatastrophe könnte ganze Regionen heimsuchen und beispielsweise Europa auf eine eiszeitliche Stufe zurückwerfen.

Andererseits könnte ein Durchbruch in der Forschung plötzlich neue Möglichkeiten eröffnen, obwohl es, wie wir noch sehen werden, selbst bei profunden Entdeckungen meist Jahrzehnte dauert, bis sie sich gesellschaftlich allgemein auswirken. Aber selbst wenn man solche extremen, fast wie Science Fiction anmutenden Zukünfte außer acht läßt, kann man aus den Szenarien schließen, daß die Menschheit immer noch mit völlig verschiedenen Perspektiven konfrontiert sein kann:

  • Eine optimistische Zukunft, in der sich wirtschaftlicher und menschlicher Fortschritt durch die befreiende Kraft des Marktes und menschlicher Initiative nahezu von selbst oder mittels moderater Wirtschaftsreformen einstellt.

  • Eine düstere Zukunft, in der ungelöste soziale und ökologische Probleme den Fortschritt bedrohen und seine Verheißungen verblassen lassen, die wachsende Konflikte und Gewalt bringen und Hunderten Millionen Menschen ein Leben bescheren, daß nach Thomas Hobbes berühmtem Ausspruch »scheußlich, brutal und kurz« ist.

  • Eine Zukunft, in der sich die Lage des Menschengeschlechts wandelt — die ein besseres Leben, nicht nur größeren Wohlstand bietet, und die die ganze Menschheit an ihren Vorzügen teilhaben läßt.

Die Vorstellung der Marktwelt fasziniert viele Menschen — schön, wenn die Zukunft sozusagen für sich selbst sorgen würde. Aber ist es realistisch zu hoffen, daß weitgehend unkontrollierte Marktkräfte uns der Zukunft, wie wir sie uns wünschen, näherbringen? Oder kann uns die Zukunft wirklich in ein Schicksal stürzen, wie es das Szenario Festungswelt beschreibt? Brauchen wir tatsächlich die eher grundlegenden Veränderungen, wie sie die Reformwelt vorstellt? Und schließlich: Was bedeuten diese grundlegend verschiedenen Visionen der Zukunft für unser Leben und das unserer Nachkommen?

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    3   Die Marktwelt : Ein neues Goldenes Zeitalter ?  

In absehbarer Zukunft wird die einzige internationale Zivilisation, die den Namen verdient,
die dominierende ökonomische Kultur des Weltmarktes sein.  Richard Rosecrance (1)

Für viele Firmenbosse, High-Tech-Unternehmer und politisch Konservative ist der Weg in die Zukunft mehr als klar: Der private Sektor ist der Motor des Wirtschaftswachstums — also lassen wir ihm freie Hand. Weltweite ökonomische Integration liefert die Schubkraft der Entwicklung — also nieder mit den Schranken, die den freien Handel behindern. Persönliche Initiative und wachsender Wohlstand sind die besten Mittel, das allgemeine Wohl zu verbessern - also bieten wir geeignete Anreize und Möglichkeiten.

Lange Zeit wurden diese Glaubenssätze in der einen oder anderen Form vor allem von den Wirtschaftsführern der westlichen Welt vertreten. Doch da der Kapitalismus heute die dominierende Ideologie in der ganzen Welt ist, gewinnen solche Ansichten mehr und mehr Anhänger. Tatsächlich sind manchmal kaum Unterschiede in der Wirtschaftspolitik der Demokraten und Republikaner in den USA, der Labour Party und der Tories in Großbritannien und selbst der westlichen Staaten und der chinesischen Kommunisten festzustellen. Stellen wir uns eine optimistische Zukunft gemäß dieser Sichtweise vor, eine Zukunft, in der die Freisetzung der Marktkräfte und die Globalisierung einem zunehmend größeren Teil der Menschheit Wohlstand und sozialen Fortschritt bringt. Nennen wir diese Vision die Marktwelt. (2)

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Was sich gegen Bude des alten Jahrhunderts zaghaft regte, entwickelte sich im neuen explosionsartig. Ein Staat nach dem anderen machte sich ein und dieselbe Formel zu eigen: Privatisieren, Deregulieren, Kürzen öffentlicher Ausgaben, Entfesseln des Wettbewerbs.

Und weiter: Einbindung in den Weltmarkt durch Senken der Zölle, Förderung von Exporten und ausländischen Investitionen. Dazu Bildung von Humankapital durch Qualifizierung und Gesundheitsförderung, ferner Schaffung moderner Verkehrs- und Kommunikationsinfrastrukturen. Und schließlich: Modernisierung des Staatswesens durch Eindämmen der Korruption, Abbau unnötiger Bürokratie und Umgestalten der rechtlichen Rahmenbedingungen zum Schutz des Eigentums und zur Erleichterung wirtschaftlicher Transaktionen.

Diese Strategie, von den »Tigerstaaten« Asiens pionierhaft vorgeführt, verkaufte sich gut.} Zunächst wurde sie von China umgesetzt, dann von Chile und anderen lateinamerikanischen Staaten, schließlich von Uganda und einigen anderen afrikanischen Staaten. Auch Rußland bewies nach der Stabilisierung der politischen Lage ökonomisches Geschick und machte seine qualifizierten Beschäftigten und riesigen Bodenschätze zur Grundlage der Wirtschaftsentwicklung. Tanger dauerte der Übergang in Indien mit seiner schwerfälligen Zentralregierung und im fremdenfeindlichen Nahen Osten. Indien aber verzeichnete schließlich ein rasches Wachstum, das sich vor allem dem Vorteil einer gut ausgebildeten Mittelschicht verdankte; Iran sowie einige andere Nahost-Staaten fanden Wege, sich eine konservative islamische Kultur zu bewahren und gleichzeitig den Anschluß an den Weltmarkt zu finden.

Das Ergebnis war ein weltweiter Boom von beispiellosem Ausmaß. Im fahr 2020 waren die meisten Staaten der Welt in den globalen Markt integriert. Die Amerikanische Freihandelszone, die Südasiatische Freihandelszone, die Europäische Union — zu der nun auch Rußland und die meisten mitteleuropäischen Tänder gehörten — sowie der Afrikanische Gemeinsame Markt: Sie alle boomten. Noch weiter fortgeschritten war die finanzielle Integration, mit einem täglichen Transaktionsvolumen von Billionen Dollar, mehr als das Sozialprodukt jedes Tandes. Nun spricht man von der Einführung einer Weltwährung nach dem Modell des Euro. Allein durch Umfang und Wachstumsgeschwindigkeit wurde der globale Finanzmarkt de facto zur regulierenden Instanz der nationalen Wirtschaftsleistungen, da die Kapitalanleger bei Tändern, die als weniger wettbewerbsfähig angesehen wurden, für eine Senkung des Devisenwerts sorgten, die Zinssätze hoben und die Kapitalströme dorthin drosselten.


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Der Weltmarkt brachte weitere Veränderungen. Einst um die territoriale Vorherrschaft kämpfende Staaten konkurrieren nun um Marktanteile, mit Geld, das früher für die Streitkräfte vorgesehen war und nun in neue Häfen, Straßen, Telekommunikation und andere Infrastruktur-Einrichtungen investiert wird.

Den Motor des weltweiten Booms bildete teils die sich ausbreitende und stetig verbesserte Informationstechnologie. Im Jahr 2020 war die Welt durch Kabel, Satelliten und Mobilfunkverbindungen umfassend vernetzt; sie hielten nicht nur den Weltmarkt zusammen, sondern ermöglichten auch neue Handelsformen und Entwicklungsmuster. Wer hätte gedacht, daß Sri Lanka zum Finanzzentrum, zur Schweiz Asiens werden würde und riesige Portefeuilles verwaltete und Investmentdienstleistungen anbot; daß afrikanische Handwerker-Genossenschaften ihre Schnitzereien und Tuche weltweit selbst vermarkteten; daß Computerspiele im Netz und damit verbundene Angebote sich zum globalen Wirtschaftszweig entwickeln würden? Gleichzeitig errangen noch andere Technologien — Biotechnologie, Molekulartechnik, neue Energien — große Bedeutung und sorgten immer wieder für neue Innovations- und Wachstumsschübe.

Doch zwei weitere Faktoren spielten für diese neue Epoche der Prosperität eine bedeutende Rolle. Große transnationale Unternehmen wurden zu Transferkanälen für Technologie und Know-how und zu Quellen geduldigen Anlagekapitals, mit dessen Hilfe das Wirtschaftswachstum vieler Regionen angeregt wurde. Und immer mehr freiwillige internationale Organisationen, große wie kleine, schalteten sich in das Getriebe des globalen Marktes ein, legten Regeln und Normen fest und lösten Handelskonflikte.

Die Integration des Weltmarkts brachte eine zunehmende Annäherung des Konsumverhaltens und der Produktionsverfahren mit sich. Treibende Kraft für ersteres war zum Teil die Werbung, für letztere der Wettbewerbsdruck und die rasche Verbreitung neuer Technologien.

Tatsache ist, daß eine Reihe von Staatschefs törichterweise versäumten, sich am Weltmarkt zu orientieren — diese Länder hatten einen hohen Preis zu zahlen. Einige sind immer noch rückständig und leben von den Rohstoffen, die sie verkaufen können, und vom Geld, das ihre Arbeitsemigranten nach Hause schicken; andere machen zwar Fortschritte, hinken aber immer noch Jahrzehnte hinterher.

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Doch bringt man allgemein wenig Mitleid oder Hilfe für diese Länder auf. Erfolg zu haben oder nicht, das bleibt ihnen überlassen. Mancher lehnt den Materialismus dieser globalen Gesellschaft ab; andere kritisieren, daß es noch krasse Ungleichheit, in geringem Maß sogar noch bitterste Armut gibt. Was dabei aber übersehen wird, ist das bisher Erreichte — eine in den letzten fünfzig Jahren um das Sechsfache ausgeweitete ökonomische Aktivität und ein beispielloser Wohlstand, mit einer großen Mittelschicht, die in den meisten Ländern die Grundlage für soziale und politische Stabilität bildet. Den Höchststand hatte die Weltbevölkerung 2040 erreicht, vor einem Jahrzehnt, ohne jemals die neun Milliarden zu überschreiten; seitdem nimmt sie stetig ab. Wissenschaft und Medizin hatten gewaltige Fortschritte zu verzeichnen — heute können sich die meisten 80- und 90jährigen einer robusten Gesundheit erfreuen. Nahezu überall konnte die Umweltverschmutzung eingedämmt werden; Müll wird als Zeichen der Ineffizienz und schlechten Managements gewertet. Nicht daß alle Umweltprobleme gelöst wären: Das Klima verändert sich, aber die moderne Gesellschaft kann sich dem Wandel leicht anpassen. Überall aber zeigt sich die Kraft menschlicher Erfindungsgabe und Unternehmungsgeistes. Zahlreiche Universitäten und Forschungseinrichtungen sind entstanden, finanziert teils von privaten Stiftern; viele Stiftungen gewähren Stipendien und fördern kulturelle Vorhaben. Kunst, Sport und praktisch alle Formen der Unterhaltung blühen — Zeugnis des Wohlstands und der Freizeil, die die Prosperität ermöglicht.

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Die Marktwelt - ein Szenario, das optimistisch klingen mag, aber eine solche Zukunft verlangt lediglich eine Beschleunigung der Globalisierung und der bereits eingeleiteten Wirtschaftsreformen. Wie plausibel ist es?

Wen die Möglichkeiten der Marktwelt begeistern, der verweist gern auf die jahrzehntelange wirtschaftliche Dynamik in Asien — heute zwar unterbrochen, aber wahrscheinlich wiederkehrend -, auf das erwachte und rasch wachsende Indien und Lateinamerika und auf eine mögliche Wende in Teilen Afrikas. In den letzten Jahren ist die Weltwirtschaft fast doppelt so schnell gewachsen wie in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten, was manche Experten die langfristigen Perspektiven sehr optimistisch einschätzen läßt.


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Wenn kein größerer Krieg oder eine Umweltkatastrophe dazwischenkommen, dann, so der Harvard-Ökonom Jeffrey Sachs gegenüber dem Wall Street Journal, »wird das Wirtschaftswachstum den Lebenstandard von mehr Menschen in mehr Teilen der Welt als jemals zuvor heben«.4

Die Globalisierung schreitet rasch voran, wobei der internationale Handel noch schneller wächst als die nationalen Ökonomien. Tatsächlich erwartet man, daß das internationale Handelsvolumen im Jahr 2005 rund 40% des Sozialprodukts in den Industrieländern und mehr als 50% in den Entwicklungsländern ausmachen wird.5 Die internationalen Finanzströme, vor fünfzehn Jahren nur 20 Milliarden Dollar täglich, übersteigen heute eine Billion Dollar täglich, bis 2015 könnten sie 30 Billionen Dollar täglich erreicht haben/' Ob zum Guten oder Schlechten, der Trend zur globalen ökonomischen Integration birgt einen gewaltigen Impuls.

Gleichzeitig könnte die Ausbreitung des Kapitalismus die Verbreitung von Demokratie und Freiheit fördern. Gerade die Natur der wirtschaftlichen Aktivitäten im freien Markt, so argumentieren viele, verlangt den allgemeinen Zugang zu Informationen, die Ausweitung von Kompetenzen und die Ausübung persönlicher Entscheidungsfreiheit bei allen Beschäftigten - Bedingungen, die eher mit freien Gesellschaften und demokratischen Regierungsformen vereinbar sind als mit autoritären Regimes. Und mit größerem Wohlstand und einem offeneren Staatswesen kann und wird eine Gesellschaft auch eher ihre ökologischen und sozialen Probleme lösen.

Aber werden Boom und globaler Markt den Menschen in allen Ländern nutzen oder nur einigen? Was das angeht, sind die Anzeichen weniger vielversprechend. Das Wohlstands- und Einkommensgefälle verschärft sich in Rußland, Osteuropa und China in dem Maße, wie in diesen Ländern die Marktgesetze greifen, und international wird die Kluft zwischen armen und reichen Nationen breiter, nicht schmaler. Die Verfechter der Marktweh müssen deshalb darauf beharren, daß der Wohlstand allgemein vermehrt werden kann. Wenn aber in mehr als einem Drittel aller Staaten kaum ein Wirtschaftswachstum zu erzielen ist, wenn in den Entwicklungsländern Schmutz und


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Elend und Korruption immer noch vorherrschen, wenn nahezu zwei Milliarden Menschen auf Grundausstattungen wie eine Toilette verzichten müssen, dann bedarf es noch großer Anstrengungen.

Trotzdem: Viele ökonomische Trends sprechen für die Plau-sibilität einer entwickelten Marktwelt. Es gibt allerdings noch andere Anzeichen wie Umfang und Geschwindigkeit technologischer Innovation, die nach dem Dafürhalten mancher Beobachter jahrzehntelang die Triebkraft für ein rasches Wachstum bilden und dazu beitragen könnten, neue Lösungen für soziale und ökologische Probleme zu finden.

Technologischer Wandel

In den Tiefen des brasilianischen Amazonaswaldes liegt die Stadt Japurä, wo 1988 Chico Mendes, der Führer der brasilianischen Kautschukzapfer, brutal umgebracht wurde. Einer meiner Kollegen hatte 1994 Gelegenheit, den Kautschukbauern einen Besuch abzustatten. Fern der Zivilisation, erreicht man Japura nach einem mehrstündigen Flug über unberührte Tropenwälder. Dann wartet man in einer Schleife über dem »Flugplatz«, bis ein paar Jungen herbeigestürmt kommen und das dort weidende Vieh verscheucht haben. Um den als »rohstoffgewinnendes Reservat« den Kautschukbauern vorbehaltenen Wald und ein angrenzendes »Eingeborenen-Reservat« für die einheimischen Waldbewohner zu erreichen, müssen weitere sechs Stunden in einem kleinen Boot zurückgelegt werden.

Etwa bis zum vergangenen Jahrzehnt führten die dortigen Waldbewohner, geschützt von der Weite des Amazonas-Regenwaldes, ein seit Jahrtausenden stets unverändert gebliebenes Leben. Was aber meinen Kollegen bei seiner Wanderung durch das Reservat in Erstaunen versetzte, war eine Gruppe von Indianern, die inmitten dieses entlegenen Gebiets elektronische High-Tech-Geräte mit sich führten - ein Globales Positionsbestimmungssystem (GPS) und ein Funktelefon. Es stellte sich heraus, daß sie mit dem GPS — das US-Militärsatelliten zur genauen Positionsbestimmung nutzt — die Grenzen ihres Reser-


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vats absteckten und das Handy nutzten, um vom Stammeshauptquartier Verstärkung anzufordern, wenn sie in ihrem Reservat auf Anzeichen für illegalen Holzeinschlag gestoßen waren. Praktisch schützten sie also ihren Wald und ihre traditionelle Lebensweise mit Hilfe der modernen Informationstechnologie.

Die Begebenheit habe ich hier wiedergegeben, weil sie m. E. eine Allegorie dafür bildet, wie klein die heutige Welt in Wirklichkeit ist - und wie umfassend die Möglichkeiten für einen Wandel sind, vor allem, wenn neue Technologien das Leben verändern, indem sie Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen.

Weniger dramatisch aber genauso gewiß verändern PCs, Handys und das Internet auch die industrialisierte Welt. Eigentlich ist die Explosion der Informationstechnologie nur das sichtbarste Beispiel für die außergewöhnlichen technologischen Umbrüche unserer Zeit. Dieser Wandel, so Historiker, vollzieht sich auf zweierlei Weise: durch schrittweise Verbesserung einer Technologie bzw. durch eine Reihe kleinerer Verbesserungen einer Gattung von Technologien, oder aber durch radikale Innovationen, die zu völlig neuen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung oder ganz neuen Formen menschlicher Aktivität führen. Wenngleich manche Ökonomen und Oko-nomiehistoriker behaupten, es sei die radikale technologische Innovation, die zu vermehrtem Wohlstand führe, ist die allmähliche Innovation gleichfalls bedeutend.

Schrittweise Verbesserungen in der Energietechnik haben den Nutzungsgrad von Energie jährlich um rund ein Prozent gesteigert - ein jahrhundertealtes Muster — und so alle siebzig Jahre für eine Halbierung des für eine bestimmte Aufgabe erforderlichen Energieaufwands gesorgt.7 Ein noch faszinierenderes Beispiel liefern die Siliziumchips, das Herzstück jedes Computers. Gordon Moore, einer der Gründer der Intel Corporation, bemerkte, daß die Verbesserung der Halbleitertechnologie die Zahl der auf einem Chip enthaltenen Transistoren und anderer Schaltelemente alle 18 Monate bis zwei Jahre verdoppelte — ein Muster, daß seitdem oft das Mooresche Gesetz genannt wird. Seit 25 Jahren stellt das Gesetz seine Gültigkeit stets aufs neue unter Beweis, führt zu erstaunlichen Zuwächsen


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der Speicherkapazität und Rechenleistung und bleibt wohl auch noch mindestens bis 2010 gültig. Dann werden gewöhnliche PCs wahrscheinlich mit Taktraten von 10 Milliarden Hertz operieren (lOOOOOmal so schnell wie Intels erster Prozessor 1971 und rund lOOmal so schnell wie ein durchschnittlicher Computer des Jahres 1996).8 Dieses Tempo anhaltender Innovation — und ein in etwa vergleichbares auf dem Gebiet der Telekommunikation — ist so hoch, daß es einer industriellen Revolution gleichkommt, mit wahrscheinlich nachhaltigen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen.

Ein weiteres Beispiel — dieses mit tiefgreifenden Folgen für die Fähigkeit der Welt, sich selbst zu ernähren - sind die Verbesserungen in der Agrotechnik. Die weltweite Getreideernte konnte in den letzten fünfzig Jahren um jährlich zwei Prozent gesteigert werden, so daß sich die Menge der auf einer bestimmten Fläche erzeugten Nahrungsmittel alle fünfundzwanzig Jahre verdoppelte. In manchen Ländern haben die Erträge noch rascher zugenommen: Ägypten beispielsweise verdoppelte seine Weizenerträge in zwanzig Jahren. Obwohl »grüne Revolution« genannt, sind die Fortschritte in der Agrotechnik ein klassisches Beispiel für den allmählichen technologischen Fortschritt bei neuen Getreidesorten, der Schädlingsbekämpfung und verbesserten Anbaumethoden. Wie auch immer, diese, verbesserten Erträge haben die von neomalthusischen Propheten vor einer Generation vorausgesagten Hungersnöte verhindert. Sie ermöglichten Indien beispielsweise den Wandel vom Getreideimporteur zum Getreideexporteur, selbst bei verdoppelter Bevölkerung. Agrotechnologische Anwendungen der Biotechnologie, noch in den Anfängen, könnten das Innovationstempo weiter beschleunigen helfen.

Obwohl es bei der Energieausnutzung, bei der Verkleinerung elektronischer Schaltkreise und bei den Ernteerträgen theoretische Grenzen gibt, scheint grundsätzlich nichts dagegen zu sprechen, warum sich nicht wenigstens die Trends bei der Energieausnutzung und der Agrotechnik noch jahrzehntelang fortsetzen sollten. Ist dies der Fall, dann würden die Industriestaaten bis zum Jahr 2050 wohl vierzig Prozent weniger Energie verbrauchen (und vierzig Prozent weniger Schadstoffe


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ausstoßen) als sonst, also ohne bedeutende Änderungen der Energiepolitik oder bewußte Veränderung des Lebensstils. Ähnlich könnte die Welt als ganzes 2,7mal mehr Nahrungsmittel auf derselben Anbaufläche erzeugen als heute — theoretisch genug, um die nach Prognosen um fünfzig Prozent gewachsene Bevölkerung zu ernähren. Natürlich komplizieren die in anderen Szenarien dargestellten sozialen und ökologischen Faktoren das Bild.9

Schrittweise Innovation ist zwar wichtig, aber es gibt keinen Beleg dafür, daß sie zu anhaltendem und raschem Wirtschaftswachstum und ebensolcher Prosperität führt. Historisch ist ein Boom tatsächlich mit Phasen eher tiefgreifender technologischer Innovationen verbunden. Manchen Experten zufolge treten radikal neue Erfindungen in Wellen oder »Clustern« auf. Nach einer jüngeren Untersuchung sind in den Vereinigten Staaten drei solcher Perioden intensiver Kreativität in den letzten beiden Jahrhunderten zu verzeichnen gewesen.10 Das Land — und die Welt - könnte sich nun im Anfangsstadium einer vierten derartigen Periode befinden, mit den radikalsten Innovationen seit Nutzung der Dampfkraft im England des 18.Jahrhunderts. Es ist nicht nur eine Informationsrevolution voll im Gange, sondern auch eine biotechnologische Revolution, die den Eingriff in den Bauplan des Lebens umfaßt. Es lassen sich heute Materialien regelrecht Atom für Atom, Molekül für Molekül konstruieren, was zur beginnenden Revolution der High-Tech-Werkstoffe, der Molekulartechnik, der Nanotechnologie und Mikrosystemtechnik führt. Und am Horizont zeichnet sich eine neue Generation von Energietechnologien ab - Brennstoff- und Solarzellen. Damit scheint der technologische »Treibstoff« für einen anhaltenden Boom, wie er im Szenario Marktwclt beschrieben wird, zumindest plausibel.

Neben der Transformation industrieller Produktionsmuster sind radikale technologische Neuerungen häufig begleitet von wachsender sozialer und unternehmerischer Kreativität. So wäre beispielsweise das Wachstum der Automobilindustrie im «0. Jahrhundert, ausgelöst durch die Erfindung des Verbrennungsmotors und der Ölraffinierung (zur Benzinherstellung), nicht denkbar gewesen ohne die Entwicklung der Serienferti-


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gung durch Henry Ford und andere sowie die Schaffung neuer Formen der Finanzierung wie dem Verkauf von Firmenaktien.

In den Zeitraum zwischen 1880 und 1915, zuweilen ein Goldenes Zeitalter des Kapitalismus genannt, fallen nicht nur die Anfänge der Automobil- und Erdölindustrie, sondern auch die Erfindung der elektrischen Glühbirne durch Thomas Edison, des Generators und des Telefons, wodurch Industriezweige wie Energieerzeugung und Telekommunikation entstanden. Mit der Entwicklung des ersten Kunststoffs erlebte die chemische Industrie einen ungeheuren Aufschwung, und nach den Flugversuchen der Gebrüder Wright nahm die Luftfahrtindustrie einen steilen Kurs auf breiten Schwingen. Das Wirtschaftswachstum betrug in dieser Phase durchschnittlich zwei Prozent jährlich - an heutigen Verhältnissen gemessen wenig, damals aber doppelt soviel wie in den fünfzigjahren zuvor."

Erleben wir heute eine vergleichbare Epoche, und wird sie eine anhaltende, vielleicht weltweite Phase der Prosperität einleiten? Ein historischer Vergleich könnte nützlich sein, um einen Eindruck von der Radikalität des Wandels zu vermitteln, den die Revolution in der Informationstechnologie darstellt.12 Es war die Dampfmaschine, die die industrielle Revolution möglich machte und die dem Menschen verfügbare Energiemenge dramatisch vergrößerte — über einige Jahrzehnte etwa, um den Faktor 1000. Bei der Informationsrevolution sind die vergleichbaren Technologien die Fähigkeit, Informationen mit Hilfe des Computers zu verarbeiten und über Glasfaserkabel oder andere Telekommunikationsverbindungen zu übertragen. Und die Rechenleistung und die Telekommunikationsbandbreite (die Ubertragungsrate für Informationen auf einem einzelnen Träger wie einem Glasfaserkabel) verändern sich sogar noch dramatischer - sie wachsen um den Faktor 100 000 bzw. 10 000 in nur drei Jahrzehnten. So erwächst die Informationsrevolution anscheinend aus einer noch mächtigeren technologischen Transformation als jener, die die industrielle Revolution ermöglichte.13 Die Preise für die Rechenleistung bzw. pro Bit übertragener Information fallen bereits dramatisch und werden weiter fallen. Darüber hinaus werden viel mehr normale Anwender Zugang zu diesen Technologien haben als seinerzeit zu


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den ersten Früchten der industriellen Revolution. Und sie breiten sich global mit rasanter Geschwindigkeit aus; so berichtet Intel beispielsweise, daß 1996 in Asien fast so viele Pentium-PCs wie in den Vereinigten Staaten verkauft wurden.

Ähnlich wie bei anderen großen Innovationswellen verändert auch die Informationstechnologie den Produktionsprozeß selbst (erlaubt so z.B. die Just-in-time-Fertigung) und ebenso die Unternehmensstrukturen in dem Maße, wie die Firmen von den Möglichkeiten Gebrauch machen, große Mengen von Informationen zusammenzustellen, zu organisieren, zu analysieren und zu übertragen. Ferner haben sich neue Formen von Finanzierung wie das Risikokapital zusammen mit anderen sozialen Innovationen entwickelt, von »virtuellen« Unternehmen bis zum »Online-Chat« (Kommunikation und Datenaustausch mit anderen Teilnehmern).14 Die Informationsrevolution macht wirklich globale Märkte und Unternehmen möglich und verändert die Kriegführung auf Grund von »intelligenten« Waffen, hochentwickelten Sensoren und elektronischer Kampfführung. Wichtig aber ist, sich darüber im klaren zu sein, daß sich die meisten wirtschaftlichen, sozialen und — wahrscheinlich — politischen Folgen der Informationsrevolution erst noch zeigen werden.

Fast zwanzig Jahre nach der Einführung des PCs besitzen weniger als die Hälfte der US-Haushalte einen solchen; in Europa sind es unter zwanzig Prozent, in Japan weniger als zehn Prozent. Der Großteil der US-Haushalte wird erst Anfang des 21. Jahrhunderts an schnelle digitale Kommunikationsnetze angeschlossen sein. Trotz des explosionsartigen Wachstums des Internet, dessen Nutzung sich etwa zweimal jährlich verdoppelt, sind erst weniger als 25 Prozent der US-Bürger und unter ein Prozent der Weltbevölkerung online.

So stellt sich die interessante Frage, ob uns die Informationsrevolution und die anderen radikalen Innovationen in ein neues Zeitalter rapiden Wirtschaftswachstums führen werden. Die bereits erwähnten historischen Vorläufer lassen eine solche Entwicklung plausibel erscheinen. Aber die Informationsrevolution wird wahrscheinlich auch die Verbreitung von Wissen, uie Beschaffenheit von Arbeit und möglicherweise auch die


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Regierungsformen beeinflussen, in dem Maße, wie die online angebotenen Einkaufsmöglichkeiten, Bibliotheken und öffentlichen Dienstleistungen den Kinderschuhen entwachsen und sich zu üblichen Einrichtungen entwickeln.15

Außerdem wird sich die Informationsrevolution weltweit viel schneller ausbreiten als die industrielle Revolution - und in die sich neu industrialisierenden Ökonomien wie China ebenso vordringen wie in so entlegene vorindustrielle Gesellschaften wie die der Amazonas-Waldbewohner bei Japurä. Es läßt sich absehen, daß in wenigen Jahrzehnten nahezu jedes Dorf auf dem Planeten via Satellit an den digitalen Datenverkehr angebunden sein wird.16

Ist die Vision eines global wachsenden Marktes, einer noch stärker prosperierenden Marktwelt realistisch? Ja, und zwar aus tieferen Gründen als nur dem Glauben an den freien Markt. Mächtige ökonomische und technologische Trends lassen alle eine Epoche beispielloser Prosperität erwarten. Aber solch eine Zukunft wird nicht von selbst eintreten, und selbst wenn, dann bringt sie vielleicht gar keine Prosperität.

Freier Markt und rasches Wirtschaftswachstum sorgen allein noch für keine rosige Zukunft. Zunächst einmal kann der Markt nicht alles. »Der Kapitalismus ist kurzsichtig und nicht in der Lage zu langfristigen Investitionen in Bildung, Infrastruktur sowie Forschung und Entwicklung, die für seinen Fortbestand notwendig sind«, so äußert sich der angesehene Ökonom Lester Thurow zu dieser Begrenztheit.17

Eine weitgehend vom Markt bestimmte Zukunft, ohne größere und gezielte Interventionen, um den Lauf des Schicksals zu beeinflussen, birgt einige Risiken. Vor allem birgt sie ökologische Gefahren - daß der Preis der Prosperität eine für kommende Generationen erodierte und ständig veränderte Erde sein könnte; ferner Gefahren für Gleichheit und Gerechtigkeit - daß die Früchte des Wachstums weiterhin ungleich verteilt und angehäuft werden könnten, was manchen Beobachtern zufolge zur »Diktatur der Reichen und Mächtigen oder zur ungezügelten und ungleichen Konkurrenz zwischen Reichen und Armen«ls führen könnte; weiter soziale Risiken — daß das Wachstum in den weitgehend außerhalb des Weltmarkts liegenden ärmeren Ländern zu langsam sein und zu größerer Armut und vielleicht gesellschaftlichem Verfall oder starker Migration führen könnte; und schließlich Sicherheitsrisiken -daß jene, die keinen Anteil am neuen Wohlstand und keine Möglichkeit für ein besseres Leben haben, zur Gewalt Zuflucht nehmen, wenn ihnen politische Einflußmöglichkeiten verwehrt bleiben oder diese als wirkungslos empfunden werden.

Kurz: Die Risiken des Szenarios Marktwelt liegen in ungelösten Umweltproblemen, die unser aller Zukunft verfinstern, und ungelösten sozialen Problemen, die manchen Ländern und Regionen die Zukunft insgesamt verbauen könnten.

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  4   Die Festungswelt : Instabilität und Gewalt ?  

Inseln des Wohlstands, Meere
der Armut. # Madhav Gadgil (1)

Wenn die Marktwelt scheitert - wenn der Weltmarkt und rasches Wirtschaftswachstum den überwiegenden Teil der Menschheit nicht aus der Armut befreien können, oder wenn sich verschlimmernde Umweltprobleme, vielleicht sogar der allgemeine ökologische Kollaps, und wachsende soziale Lasten die Prosperität unterhöhlen -, löst sich dann die Zivilisation auf? Könnten die Welt oder große Teile der Welt in Brutalität, Chaos und Angst, in beispielloses Elend versinken? Und die vielleicht düstersten Aussichten: Könnte eine solche Zukunft die Kluft und die Konflikte zwischen Arm und Reich vergrößern und damit jede Hoffnung auf weltweite Kooperation zunichte machen? Würden die wohlhabenden Staaten sich schützen können oder ebenfalls einer düsteren Zukunft entgegenblicken? Stellen wir uns eine solche Welt einmal vor, gespalten, waffenstarrend — eine Festimgswelt.2

Die rasche weltweite ökonomische Expansion, Merkmal der ersten beiden Jahrzehnte des neuen Jahrtausends, brachte vielleicht nur einem Drittel der Menschheit Wohlstand. Sowie die Macht des Weltmarktes wuchs und die führende Rolle der globalen Unternehmen ausgebaut wurde — wodurch sich die Konkurrenz um Investitionen und Exportmärkte verschärfte —, bauten die Regierungen vieler Entwicklungsländer ihr Engagement ab, privatisierten einst staatliche Unternehmen und lockerten die Kontrolle durch die Aufsichtsbehörden. Soziale und ökologische Fragen wurden immer mehr vernachlässigt. Doch wurden von dem Boom ganze Regionen überhaupt nicht erfaßt, und selbst in den rasch wachsenden Ländern beschränkte sich der Einkommensanstieg auf sehr kleine Gruppen.

In vielen ländlichen Gebieten sanken die Einkommen, die Lebensbedingungen verschlechterten sich im Laufe der Zeit immer weiter. Obwohl es in Lateinamerika und Indien immer noch reichlich fruchtbares Land gab, blieben große Teile davon durch Großgrundbesitz okkupiert; Afrikas wachsende Bevölkerung war mit akutem Mangel an Ackerland konfrontiert. Besitzlose Bauern und die Söhne jeuer, deren winzige Parzellen nicht weiter aufzuteilen waren, drängten zunehmend auf Grenzertragsland, bestellten Berghänge und rodeten Wälder. Die Grenzertragsböden aber erodierten rasch, und selbst rentable Böden laugten aus, wenn arme Bauern versäumten, sie zu regenerieren, oder wenn sie zuviel Vieh auf dem abnehmenden Weideland weiden ließen. Das Ergebnis war eine zunehmende ländliche Armut, eine beispiellose Landflucht — von der Scholle konnte keiner mehr leben — und riesige Elendsviertel, die jene der 90erfahre in den Schatten stellten.

Im Gegensatz dazu stiegen die Einkommen in den Industriestaaten und den Mittelschicht-Enklaven der Dritten Welt auch weiterhin, zumindest noch eine Zeit lang, die Lebensstile wurden zunehmend exklusiver. Die Werbung in den globalen Medien und die boomende Touristikindustrie vermittelten ein neues Gewahrsein dieses Reichtums und schürten den Groll der breiten Masse, wo man ebenfalls nach dem Komfort und den Konsumgütern der Reichen verlangte, aber nie auf Erfüllung hoffen konnte. Jugendliche — inzwischen mehr als zwei Milliarden weltweit, agil und mobil-waren für diese Einflüsse besonders empfänglich. In jeder aufstrebenden Stadt lieferten sie das Menschenmaterial der Schattenwirtschaft, arbeiteten als Straßenhändler und Hausangestellte, schlössen sich aber auch idealistischen und nihilistischen Gruppierungen jeder Couleur an, darunter immer mehr terroristischen Organisationen — eine wachsende Armee der zornigen Armen.

Das Wirtschaftswachstum bescherte den Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas auch eine rasch zunehmende Umweltverschmutzung, verursacht durch die sich ausbreitenden neuen Fabriken, die ihre Abgase und Abwässer in die Umwelt entließen. Immer gröjkre Lawinen von Autos und Lastwagen verstopften die Straßen der Städte und sorgten für Atemnot. Der immer schlechtere Gesundheitszustand der Bevölkerung wurde zunehmend deutlich — chronische Atemwegserkrankungen in den Städten, eine Welle von Krebserkrankungen durch verschmutzte Gewässer, Epidemien neuer Krankheiten aus verwüsteten Wäldern und Flußmündungen.


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Doch Mangel an Geld, politischem Willen und häufig technischen Möglichkeiten zur Durchsetzung von Umweltvorschriften führte dazu, daß die Regierungen der meisten neuen Schwellenländer wenig unternahmen, um der Umweltverschmutzung Herr zu werden. Auch die Hilfe von außen bei sozialen und ökologischen Problemen ging zurück, da die Entwicklungshilfe - in den reichen Ländern weitgehend unbeliebt - ausgetrocknet wurde.

Es gab noch klarere Anzeichen für die Umweltzerstörung. In einem Land nach dem anderen brach die Meeresfischerei zusammen, Opfer anhaltenden Überfischens durch große Trawler-Flotten für den internationalen Fischmarkt. Fisch, der heute nahezu ausschließlich in Aquakultur erzeugt wird, wurde zum Luxusartikel. Die Fischer verloren ihre Arbeit, aber noch verheerender war der Verlust der wichtigsten Eiweißquelle für eine dreiviertel Milliarde Menschen. Auch Holz wurde mit dem Verschwinden der Wälder selten und kostbar, und Hunderten Millionen von Menschen fehlte es an Feuerholz für ihre Kochstellen. Über die Realität des Klimawandels wurde nicht mehr diskutiert — die Dürreperioden waren zweifellos intensiver und häufiger als in der Vergangenheit, schwere Überschwemmungen verwüsteten weite Teile des Ackerlands und niedrig gelegene Küstengebiete.

Als die Lage immer verzweifelter wurde, erhoben die Unterprivilegierten ihre Stimme. Was in Indien als Protestmarsch einer Gruppe von Fischern begann, entwickelte sich zu einem Heer von mehr als zwei Millionen Armen, die sich gegen Neudelhi in Bewegung setzten und nach Nahrung und einem Ausweg aus ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten verlangten. In Mexico City forderte ein ungewöhnlich starker Killer-Smog Tausende Tote und Hunderttausende Kranke; daran entzündeten sich Proteste, bei denen Straßen und Autobahnen blockiert und schließlich die ganze Megastadt zum Stillstand gebracht wurde. Kleinere Konflikte wegen knappen Weidelands, des Zugangs zu schrumpfenden Wäldern und Forstparzellen und der Zuteilung von Wasser für die künstliche Bewässerung waren ohnehin fast üblich geworden.

Manche dieser Auseinandersetzungen wurden mit äußerster Brutalität geführt. Syrien und die Türkei führten einen kurzen aber tödlichen Krieg über das Wasser des Euphrat. Die versuchte Übernahme brachliegenden Landes in Brasilien durch grundbesitzlose

Dil- Festungswelt. Instabilität und Gewalt?

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Bauern endete in einem von den Privatarmeen der Großgrundbesitzer angerichteten blutigen Massaker. Bei einem Konjunktureinbruch in China mündeten die Proteste entlassener Bauarbeiter in mehreren froßen Städten in Unruhen und Plünderungen: lausende starben, als Truppen das Feuer eröffneten, die Regierung stand kurz vor dem Sturz.

Was zur Explosion der Gewalt beitrug - selbst in den Industrieländern spürbar —, war die in globalem Maßstab wachsende Macht des organisierten Verbrechens. Kriminelle Organisationen hatten nun die Regierungen mehrerer Entwicklungsländer in der Hand und konnten sich damit eine sichere Operationsbasis für den Handel mit Drogen und Waffen und das Schleusen illegaler Einwanderer verschaffen. Durch zunehmend raffinierte Methoden der Computerkriminalität wurden Millionen Menschen betrogen und mehr als eine bedeutende internationale Bank in den Ruin getrieben. Heimliche Bündnisse zwischen Verbrecherorganisationen und lokalen Terrorbauden wurden zum beunruhigenden Sicherheitsrisiko: Ein Deal >Heroin gegen Atomsprengköpfe< zwischen der russischen Mafia und einer pakistanischen Terrorgruppe zielte auf die Zündung der Bombe in einer US-amerikanischen Stadt - verhindert wurde sie nur durch Zufall.

In den reichen Tandem und den Wohlstandsenklaven der Dritten Welt fühlte man sich von den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden kriminellen Organisationen und sich häufenden Terroranschlägen zunehmend bedroht. Öffentliche und private Ausgaben für die Sicherheit stiegen drastisch, bewachte und befestigte Gemeinwesen wurden zur Tebensform, und zahlreiche Geschäftsleute ließen sich und ihre Familien von Leibwächtern schützen. Nur wenige Touristen in Entwicklungsländern wagten sich von den offiziell zugelassenen Sehenswürdigkeiten und Luxus-refugien fort, die allesamt sorgsam bewacht waren. Wohlhabende Bauern, Viehzüchter und andere Großgrundbesitzer leisteten sich bewaffnete Privatarmeen. Der Handel stockte, die internationalen Investitionen gingen zurück.

Eine Springflut illegaler Einwanderer überschwemmte die reichen Länder und verstärkte dort den Eindruck des Belagerungszustands. T>en Einwanderern wurde die Schuld für steigende Kriminalität, Arbeitslosigkeit und die Ausbreitung neuer Krankheiten gegeben.

5.S

Drei Weltsichten

Der politische Druck, etwas — irgendetwas —gegen die illegale Einwanderung zu unternehmen, wurde immer stärker. Europa machte die Beschlüsse über die offenen Grenzen des Gemeinsamen Marktes wieder rückgängig: feder mußte nun einen fälschungssicheren Ausweis mit sich führen, auf Wegen und Straßen wurden Kontrollen durchgeführt, Ausländer ohne gültige Legitimation wurden unverzüglich ausgewiesen. Auch die USA führten Kennkarten ein, hoben die Vorschriften für ordnungsgemäße Verfahren für Nichtbürger auf und errichteten an der Südgrenze ein ausgeklügeltes System von Zäunen, Betonwällen und elektronischen Sensoren. Trotzdem eskalierten die rassischen und ethnischen Spannungen.

Der Zusammenbruch Afrikas war eigentlich keine Überraschung mehr. Bei allen Reformbemühungen erwiesen sich die rasch wachsende Bevölkerung, sinkende Einkommen und korrupte Regierungen als unüherwindbare Hindernisse. In den Städten, die immer mehr verkamen, konnte man häufig nur mit kriminellen Mitteln die eigene Familie ernähren. Ausgelöst wurde der Zusammenbruch in Westafrika, als ein Land nach dem anderen unterging; in nur wenigen fahren erfaßte er Zentral- und schließlich Ostafrika, nahezu anarchische Zustände waren die Folge. Zahllose verzweifelte Flüchtlinge überschwemmten die wenigen noch stabilen Staaten und bedrohten nun auch das südliche Afrika. Auf dem Höhepunkt der Krise wurden mehr als fünf Millionen Menschen jährlich Opfer von Gewalt, Hunger und Krankheit.

Die bürgerliche Ordnung verfiel auch in anderen Regionen, wenngleich nur in einzelnen Ländern. Die Kluft zwischen Arm und Reich in Lateinamerika war nie größer, ebenfalls der Haß; die Auseinandersetzungen auf dem Land um Grundbesitz und die Proteste gegen polizeiliche Übergriffe in den Städten entfesselten sich ausweitende Aufstände. In Indien und China schuf die Massenarbeitslosigkeit eine explosive soziale und politische Lage. In Nordafrika und dem Nahen Osten vergrößerten die wachsende Bevölkerung und soziale Probleme den Zulauf zu den islamischen Fundamentalisten und führten zu gewaltsamen Revolutionengegen autoritäre Regime, die Ursachen der Probleme aber wirkten noch fort.

Konfrontiert mit der permanenten Instabilität in den Entwicklungsregionen zogen sich die Industrieländer auf sich selbst zurück, die Weltwirtschaft stagnierte. In ihren geschützten Enklaven, ihrer

Die Festungsweh: Instabilität und Gewalt?

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festungsartigen Welt, nahmen sich die Bastionen der Reichen wie Inseln des Wohlstands in einem Meer von Armut aus. Aber auch dort herrschte nur die Ruhe vor dem Sturm. Den Armen, allem anderen beraubt, war es nur noch möglich, ihr Elend in Form von Verbrechen, Gewalt und Krankheit zu exportieren.

Dieses Szenario beschreibt in bewußt dramatisierender Form, was eintreten könnte, wenn die Marktwelt scheitert. Ist dieses Szenario aber plausibel? Die realen Trends lassen gewiß darauf schließen.3

Obwohl private Investitionen in Entwicklungsregionen zunehmen — und so beispielsweise Chinas spektakuläres Wachstum fördern —, nützt dies derzeit nur weniger als zwei Dutzend Ländern in nennenswertem Ausmaß. In mehr als siebzig Ländern sind die Einkommen heute niedriger als 1980; in 43 Ländern liegen sie sogar unter dem Stand von 1970.4 Die meisten Entwicklungsländer sind immer noch ein »Stau auf der globalen Investment-Autobahn«, um den kalten Jargon eines Wirtschaftsjournalisten zu gebrauchen;5 ein großer Teil der Staaten der Welt befindet sich in wirtschaftlichem Niedergang, mehr und mehr Staaten wachsen nur noch langsam oder nur hin und wieder. Offensichtlich ist der Weltmarkt-Boom noch weit davon entfernt, global zu sein.

Selbst bei rapidem Wirtschaftswachstum gibt es noch Probleme. Fixiert auf ökonomisches Wachstum, übergehen die meisten Schwellenländer ökologische Belange. Nach einem chinesischen Aphorismus sollte man »aus lauter Angst vor dem Ersticken das Essen nicht aufgeben« - eine Ansicht, die sogar in einem offiziellen Bericht des chinesischen Umweltschutzamtes vertreten wird. Die Folge: Viele boomende Städte in Asien und Lateinamerika japsen bereits nach Luft. Die riesige Rauchwolke, die 1997 große Teile Südostasiens monatelang verdunkelte und dort überall für Atemwegserkrankungen und die Schließung von Schulen und Flughäfen sorgte, demonstriert dies auf dramatische Weise. Heimtückischer noch sind Gesundheitsexperten zufolge die wachsenden giftigen Erblasten der ungehemmten Umweltverschmutzung, die in China, Indien und anderen sich rasch industrialisierenden Ländern zu


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enormen Gesundheitsrisiken führen, wie bereits in Osteuropa und Rußland geschehen.

Bei dieser rasch zunehmenden Prosperität in großen Teilen Südostasiens und nun auch Chinas — warum bleiben so viele Länder auf der Strecke? Einer der Gründe ist, wie es der Economic ausdrückt, daß marktorientierte Ökonomien »ein kompliziertes Netz effektiver Institutionen [erfordern], von grundlegenden Eigentumsrechten und ordentlichen Rechtssystemen bis hin zu effizienten und unbestechlichen Bürokratien. In armen Ländern sind derartige Einrichtungen oft schwach oder gar nicht vorhanden.«6 Außerdem ist die Schaffung solcher Institutionen dort, wo es sie noch nicht gibt, nicht einfach; es erfordert entschlossene und gut informierte politische Führer, breite politische Unterstützung der ganzen Bevölkerung und -was Hilfe von außen angeht - ein besonneneres Vorgehen. Allzu häufig tragen, wenn effiziente Institutionen fehlen, die großen Summen an Entwicklungshilfe, die in die Verwaltung gepumpt werden, zur Korruption und Bereicherung der Staatsbediensteten bei — ein extremes Beispiel dafür sind die üppigen Villen und Schweizer Bankkonten Mobutus, des abgesetzten Staatschefs von Zaire.

Gegensätzliche Beispiele aus Indien illustrieren die Beziehung zwischen Wirtschaftswachstum und stabilen gesellschaftlichen Einrichtungen. Die Agrarreformen der »grünen Revolution«, durch die das Land seine Getreideproduktion von 1970 bis 1990 verdoppeln konnte, griffen nur in manchen indischen Bundesstaaten, vor allem in Punjab. Dort konnten Bauern, unterstützt von einer fähigen örtlichen landwirtschaftlichen Hochschule und staatlichen Hilfen für die Kreditbeschaffung, Geld aufnehmen, um Saatgut und Dünger zu kaufen. Auf dem vorhandenen Straßennetz konnten sie ihre Erzeugnisse zu den Märkten bringen. Mit steigenden Erträgen und Einkommen der Bauern verbreiteten sich auch die neuen Methoden, die Bauern nahmen mehr Geld auf, und die Erträge stiegen weiter -schließlich war das Schreckgespenst weitverbreiteter Hungersnöte in Indien verschwunden. Doch wurden die neuen Produktionsweisen nie in der weiten Gangesebene übernommen, jener möglicherweise fruchtbarsten Region Indiens, die


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einem Agrarexperten zufolge »den größten Teil Asiens ernähren« könnte.7 Nach wie vor ist dieses Gebiet eines der ärmsten des Landes, mit hoher Analphabetenrate und schlecht funktionierendem Verwaltungsapparat. Es fehlt an Straßen, Kreditinstituten, Absatzgenossenschaften, einer leistungsfähigen landwirtschaftlichen Hochschule — praktisch also an allen gesellschaftlichen Einrichtungen und Infrastrukturen, die ein Agrarmarktwachstum erst ermöglichen.

Der Gegensatz zwischen dem Punjab, einem der wohlhabenderen indischen Bundesstaaten, und der Gangesebene oder auch zwischen dem industriell rasch wachsenden China und stagnierenden Ländern wie Angola (das paradoxerweise über reiche Erdöl- und Erzvorkommen verfügt und ein derzeit höheres Pro-Kopf-Einkommen als China besitzt) und Kolumbien (bedrängt von Korruption und Drogengewalt), verdeutlicht dieses Dilemma. Ohne soziale und institutionelle Entwicklung wächst die Wirtschaft erst gar nicht oder bleibt Wachstum eine singulare Erscheinung und der Weltmarkt weitgehend unbedeutend. Und ohne Wirtschaftswachstum ist die Armut nicht zu beseitigen. In solchen »Nichtentwicklungslän-dern« kann die Gefahr sozialer Instabilität und Konflikte nur wachsen.

Beispiele solcher Konflikte gibt es bereits - in Lateinamerika, in Afrika, in Indien -, und mit den wachsenden sozialen und ökologischen Belastungen werden sie sich in den kommenden Jahrzehnten noch verschärfen. Der größte Teil Afrikas südlich der Sahara beispielsweise kann seine Bevölkerung heute bereits nicht mehr angemessen ernähren, doch wird sich die Zahl der Menschen in der Region in den nächsten fünfzigjahren wahrscheinlich verdreifachen. Auch Indien ist mit wachsender ländlicher Verarmung konfrontiert, die sich aus der Kombination von Bevölkerungswachstum, Umweltzerstörung und der Umleitung von Ressourcen für Urbanisierung und Industrialisierung ergibt.* Wasser, in Nordafrika und dem größten Teil des Nahen Ostens bereits ein seltenes Gut, wird noch knapper, wenn sich die Bevölkerung wie erwartet verdoppelt; und zudem muß das knappe Wasser größtenteils zwischen ungleichen artnern aufgeteilt werden - Türkei, Syrien und Irak; Israel und


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seinen arabischen Nachbarn —, so daß sich die Spannungen in der bereits konfliktträchtigen Region verschärfen werden. »Es wird im Nahen Osten ohne ein Abkommen über die Wassernutzung keinen dauerhaften Frieden geben«, erklärt der Wasserexperte Peter Gleick.'' Und wenn die Olproduktion und die Einnahmen daraus abnehmen — das wird in den nächsten beiden Jahrzehnten in den meisten Ländern der Region der Fall sein —, dann kann sich der soziale Druck gut bis zur Explosion steigern.

Unter diesen Umständen werden viele Arme alles versuchen, um ihre Aussichten auf mehr Lebensqualität zu verbessern. Bereits heute ist die illegale Einwanderung ein ernstes Problem, wobei die »demographischen Verwerfungslinien«, wie der Historiker Paul Kennedy es ausdrückt, zwischen den Vereinigten Staaten und Lateinamerika, zwischen Europa und Nordafrika, zwischen Bangladesch und Indien, zwischen China und Sibirien verlaufen10. Hinzu kommt die Migration innerhalb Afrikas aus armen Ländern wie Mali in reichere wie Elfenbeinküste, Gabun und Südafrika. Schleuser wittern schon lange ein lukratives Geschäft: Junge Bangladeschis zahlen 5 000 Dollar für die illegale Einreise nach Deutschland, manche Chinesen 20 000 Dollar für die Überfahrt in die Vereinigten Staaten. Doch die Einkommensschere zwischen reichen und armen Ländern wird sich noch viel weiter öffnen."

Eine noch tiefergreifende demographische Entwicklung hat schon eingesetzt. Die Städte in den Entwicklungsländern wachsen gewaltig, ihre Bevölkerung wird bis zum Jahr 2025 um 2,5 Milliarden zunehmen und vor allem aus ländlichen Gebieten kommen. Die Frage ist, ob die Städte die Flut der Migranten aufnehmen können oder schließlich dem Verbrechen, der Umweltverschmutzung und den der Arbeitslosigkeit geschuldeten Instabilitäten erliegen werden. Global operierende kriminelle Organisationen überlisten bereits die nationalen Polizeien mit ausgeklügelten Systemen, um Güter über Grenzen zu schaffen und Gelder auf dem internationalen Finanzmarkt unterzubringen. Diese Gelder haben die Macht zu korrumpieren — allein der Drogenhandel wirft jährlich geschätzte 500 Milliarden Dollar ab, mehr als das Bruttosozialprodukt auch des größten


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Entwicklungslandes. Rußland, Mexiko, Kolumbien, Nigeria, Bosnien — die Liste der gegen die neue Bedrohung kämpfenden Länder wird länger. Als Reaktion daraufstellen Unternehmen und Bürger vermehrt private Sicherheitskräfte ein, deren Zahl in den Vereinigten Staaten inzwischen dreimal so hoch wie die der Polizeibeamten ist; in instabileren Ländern wie Rußland und Südafrika liegt das Verhältnis bei zehn zu eins.12 Von noch größerer Bedeutung für die staatlichen Sicherheitsbehörden ist der boomende Markt für Waffen, für Informationen und Material zur Bombenherstellung sowie für Stoffe zur chemischen und biologischen Kriegführung. Selbst Atomwaffen und ihre Bauteile werden gehandelt; der russische Politiker und frühere General Alexander Lebed bekennt offen, daß die Bemühungen seines Landes, Atomsprengköpfe nicht auf den Schwarzmarkt gelangen zu lassen, »unzulänglich« sind.13 Wenn solche gefährlichen Technologien käuflich zu erwerben sind, wann werden sie dann von Terrorgruppen »erfolgreich« eingesetzt werden?

Von Umwelttrends sind arme wie reiche Regionen betroffen, und es bedarf globaler Anstrengungen, um die Folgen des Klimawandels zu bewältigen; die reichen Länder allein sind dazu nicht in der Lage. Genauso wenig können sie sich gegen neue Epidemien oder die mit der Klimaerwärmung einsetzende Nordmigration von bestehenden Krankheiten abschotten.

Das Szenario Festungswelt entwirft ein düsteres Bild der Zukunft. Es geht davon aus, daß die Fähigkeit zu Brutalität und Gewalt wie auch zum Gleichmut gegen das Leiden anderer dauerhafte menschliche Eigenschaften sind. Es behauptet, daß das Scheitern des Marktwachstums zur Erzielung allgemeinen Nutzens für die Wohlfahrt die Solidarität zerstören könnte, die die Gesellschaft zusammenhält. Es prognostiziert die Möglichkeit wirtschaftlicher Stagnation und die Unruhe neuer Märkte in den Entwicklungsregionen ebenso wie weitverbreitete und durch illegale Inbesitznahme von Land, Wasser, Öl und anderen Ressourcen verschärfte Ungleichheit, den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung und allgemeine Instabilität. In einer derart gespaltenen Welt, so behauptet das Szenario, sind Konflikte zwischen Arm und Reich an der Tagesordnung und Kooperationen in globalen Angelegenheiten - oder der Schutz bedrohter Arten und seltener Lebensräume in den notleidenden Entwicklungsländern - unwahrscheinlich.

Das Ergebnis, so das Szenario, wären mehr Verbrechen und Konflikte, die die Wagenburgmentalität der Reichen noch fördern würden, wie das Beispiel Moskaus mit seinen modernen Kapitalisten zeigt, die sich aus Furcht vor der gewalttätigen russischen Mafia von bewaffneten Privatarmeen schützen lassen — eine Welt, in der wohl kaum jemand gerne leben möchte.  Müssen die Aussichten so finster sein?

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