5. Die Reformwelt : Das Streben des Menschen ändern ?
Hammond-1998Man sollte nie daran zweifeln, daß eine Handvoll besorgter, engagierter Bürger die Welt verändern kann; es ist sogar niemals anders gewesen. # Margaret Mead (1)
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Gibt es eine Alternative zum unbeirrbaren Streben nach Reichtum - wie in der Marktwclt — oder zum Abstieg in Chaos und Gewalt - wie in der Festungswelt? Stellen wir uns einmal eine Gesellschaft vor, die nicht nur nach Reichtum, sondern auch nach Wohlfahrt, nicht nur nach Sicherheit, sondern auch nach Gerechtigkeit strebt. Eine Gesellschaft, die Verwalter, nicht Ausbeuter der Erde ist. Ich nenne eine solche Zukunft Reformwelt, um die Möglichkeit eines grundlegenden Wandels hin zum Besseren zu betonen - in unseren Strategien und Methoden, in unseren gesellschaftlichen Einrichtungen, in unserer Umwelt, in unserem kollektiven Verhalten und unseren kulturellen Werten. Eine solche Zukunft ist keineswegs gesichert, aber wie wir sehen werden, deuten zahlreiche bereits erkennbare Trends an, was möglich wäre.
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Erste Anzeichen eines grundlegenden Wandels waren im letzten Jahrzehnt des alten Jahrhunderts zu erkennen. Rauchen, in den Vereinigten Staaten einst eine weitverbreitete Gewohnheit, wurde nun als Unsitte gebrandmarkt und in öffentlichen Gebäuden und am Arbeitsplatz verboten, die Tabakriesen wurden als sozial unverantwortliche Unternehmen angeprangert. Wer hätte geglaubt, daß man derart mächtigen Firmen vorschreibt, was sie und wie sie es verkaufen, daß sie zu riesigen Entschädigungssummen für die Opfer des Tabakkonsums verurteilt würden? Oder der Aufschrei in Europa, mit dein Shells Beschluß beantwortet wurde, eine ausrangierte Ölplattform in der Nordsee zu versenken. Eine von der UmWeltorganisation Greenpeace orchestrierte Kampagne zwang den Ölmulti nicht nur zur Aufgabe des Plans, sondern auch zum Überdenken der gesamteu Untcrnehtnensstrategic. Gleichzeitig wandelten sich einige Regierungen zu glühenden Verfechtern des Umweltschutzes. In später als beispielgebend gewürdigten Schritten verabschiedeten die Niederlande und Neuseeland visionäre »grüne« Pläne zur Umgestaltung ihrer Gesellschaft binnen einer Generation.
Das neue Jahrhundert erlebte eine radikale Wende im Umweltdenken, als sich die Beweise für einen Klimawandel häuften: Allein in den Vereinigten Staaten verwüsteten ein halbes Dutzend »Jahrhundert «-Hochwasser die Städte am Mississippi, Hurrikans von noch nie dagewesener Stärke suchten wiederholt die Ostküste heim, Jahr auf Jahr wurden in großen Städten Rekord-Hitzewellen verzeichnet, die Hunderte von Menschenleben forderten. Die öffentliche Meinung änderte sich zugunsten energischer Maßnahmen. In einer vielzitiertcn Rede vor den Vereinten Nationen erinnerte der Präsident der Vereinigten Staaten an die Rationierungsmaßnahmen im Zweiten Weltkrieg, forderte einen gemeinsamen Opfergeist und schlug eine drastische Reduzierung der Treibhausgasemissionen vor. Was daraus schließlich hervorging, trotz erbitterten Widerstands der Kohle- und Erdölindustrie, war ein Abkommen zur Reduktion der Emissionen um die Hälfte binnen dreißigjahren durch eine fortschreitend strengere Rationierung jener Brennstoffe, die Treibhausgase produzieren -praktisch also die schrittweise aber unerbittliche Anhebung der Kraftstoffpreise.2 Ein bindendes internationales Abkommen, von den meisten Staaten unterzeichnet, verlangte die Einführung entsprechender Maßnahmen, wobei für die Entwicklungsländer aufgrund ihrer geringeren Emissionen weniger strenge Auflagen vorgesehen waren.
Die Ergebnisse waren überwältigend. Nach zehn Jahren war der Energieverbrauch der US-Industrie um ein Viertel gesunken; die Benzinschlucker unter den Autos galten nun als gesellschaftlich so inakzeptabel wie das Rauchen. Nach weiteren zehn Jahren waren die US-Emissionen nahezu auf das vertraglich vereinbarte Niveau gesunken, die Reduktionen in Europa waren noch radikaler. Das Dreiliter-Auto wurde so beliebt, daß die Hersteller die Nachfrage kaum decken konnten. Bei den hohen Preisen für fossile Brennstoffe erlebten alternative Energien einen Boom: Wind- und Sonnenenergie entwickelte sich zum großen Geschäft. Neue und effizientere Eiiergietcchnologien tauchten auf und im Jahr 2050 gab es erste Anzeichen für eine Stabilisierung des Weltklimas.
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Da die Regierungen die unverhofften Einnahmen aus Energie-steuern und Lizenzverkäufen zur Senkung der Lohnnebenkosten einsetzten, sanken gleichzeitig auch die Arbeitskosten, und die Bc-schäftigungszahlcn stiegen, vor allem in Europa. Das Klimaabkommen führte in den Entwicklungsländern femer zu einer Flut von energiebezogenen Investitionen, die wiederum enorme Energieeinsparungen und einen Rückgang der Luftverschmutzung in den Städten brachten.
Niedrigere Steuern erwiesen sich als so populär — und die Logik der Umweltverbesserung durch effizientere Industrieproduktion als so bestechend -, daß zahlreiche Länder auch die Einkommenssteuer senkten und neben Energiesteuern auch Abgaben auf andere Ressourcen erhoben — Metalle, Alineralien, Holzproduktc und sogar Wasser. Dies wiederum förderte die Effizienzrevolution: Die Recycling-Quote für viele Stoffe schnellte hoch. Die europäischen Rücknahmevorschriften, die die Hersteller verpflichteten, die meisten haltbaren Güter nach der Nutzungsdauer zurückzunehmen und wiederzuverwerten, wurden überall kopiert. Zur gleichen Zeit war ein deutlicher Wandel im Verbraucherverhalten der reicheren Länder zu verzeichnen, vor allem bei jungen Leuten: Umweltverträglicher Lebensstil, vegetarische Kost und eine antimaterialistische Ethik gewannen zahlreiche Anhänger. Bei gesunkenem Bedarf an Rohstoffen und Energie gingen Umweltverschmutzung und Entsorgungsprobleme in den Industrieländern stark zurück.
Parallel zu den nachhaltigen Umweltverbesserungen gab es gleichermaßen dramatische soziale Veränderungen, etwa jene in den amerikanischen Innenstädten und in den Unterschichten. Als »Renaissance der Städte» bezeichnet, setzten sie als Reform der Sozialhilfe ein und bewirkten schließlich eine umfassende Transformation. Immer mehr Städte gingen daran, die Kriminalität zu senken, den Stadtkern zu erneuern, Arbeitsplätze zu schaffen und Armut, Drogenmißbrauch und andere soziale Probleme zu beseitigen. Umfassende Anstrengungen zur Verbesserung des öffentlichen Schulwesens und zur Anlage von Parks und Grüngürteln sowie andere Wohn-iiinjeldverbesserungen wurden zur Regel.
Gleichermaßen wichtig aber war die neue Religiosität, die für volle Kirchen und sogar Sportstadien sorgte; betont wurde der Zusammenhalt der Familie und das persönliche Eintreten für besseres Verhalten.
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Dem Beispiel vieler schwarzer Gemeinden folgend, weiteten religiöse Gruppen aller Konfessionen ihre seelsorgerische Beratung und Hilfe im sozialen Bereich aus. Als die Effizienz dieser Arbeit nicht mehr von der Hand zu weisen war, bildeten viele Städte Partnerschaften mit diesen und anderen gemeindenahen Gruppen und gewährten Mittel für soziale Dienste, für besonders belastete Familien und für die Motivation von Arbeitssuchetiden und Alkoholikern im Entzug. Binnen einer Generation war die Armut zurückgegangen, praktisch alle Indikatoren wiesen deutlich nach oben. Wenn auch unter Experten strittig war, ob nun staatliche Programme, religiöse Gruppen oder einfach eine erstarkende Wirtschaft den größten Teil dazu beigetragen hatten, waren die Fortschritte unleugbar. Und mit der urbanen Erneuerung wurden die Städte auch wieder attraktive Wohnorte, so daß sich die Zersiedelung erheblich verlangsamte.
Der Anteil der religiösen und gemeindenahen Gruppen an der Neubelebung amerikanischer Städte war Ausdruck eines umfassenderen Phänomens des neuen Jahrhunderts: des enorm gewachsenen Einflusses und der gestiegenen Zahl von Bürgerinitiativen, freiwilligen Verbänden und sogenannten Nichtregierungsorganisationen in den meisten Teilen der Welt, die sich einer Vielzahl von ökologischen und sozialen Problemen annahmen. Dazu gehörten vor Ort wirkende Bürgergruppen, große Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und der Sierra Club, eher traditionelle karitative und Hilfsorganisationen wie Rotes Kreuz und GARE, humanitäre Organisationen nach dem Vorbild von Amnesty International, internationale Entwicklungslülfeorganisationen, unabhängige Denkfabriken und religiöse Gemeinden. Sie stellten Dienstleistungen bereit, leisteten Lobby-Arbeit, setzten sich mit Unternehmen auseinander und alarmierten die Medien — praktisch förderten sie den gesellschaftlichen Wandel, machmal forderten sie ihn.
Der Einfluß dieser mächtigen Bürgerbewegungen verdankte sich zum Teil der riesigen Zahl dieser Gruppen: mehr als eine Million zu Beginn des Jahrhunderts, nahezu zehnmal soviel 2050. Sie überstieg damit jene der Regierungen und sogar der Unternehmen bei weitem. Eine solch grojk Zahl engagierter Menschen verwandelte das politische Leben. Mehr noch: Ihre Macht erwuchs aus ihrer Fähigkeit, trotz der verwirrenden Vielfalt der Maßnahmen, für die sie eintraten, in bestimmten Fragen spontane Koalitionen zu bilden und die Öffentlichkeit zu mobilisieren.
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Die fortschreitende Verbreitung moderner Informationstechnologien förderte die stille Revolution von der Basis aus. Praktisch bildeten sie ein einzigartiges Instrument, das die Effizienz von Bürgerinitiativen steigerte und sie vernetzte. Zunehmend gewannen diese Koalitionen nationale und globale Dimensionen, wobei Hunderte und sogar Tausende von Gruppen vermittels des Internet und seines Nachfolgers, des GlobalNet, zusammenarbeiteten. Die erfolgreiche Kampagne zum Verbot der Kinderarbeit beispielsweise entstand aus einem Netzwerk von Bürgergruppen in Indien, fand jedoch bald Verbündete unter den sozialpolitisch engagierten, gewerkschaftlichen und religiösen Gruppen in den reichen Ländern. Gemeinsam formulierten sie die Kinderrechtsgesetze und mobilisierten die Öffentlichkeit so umfassend, daß die Gesetze praktisch von allen Staaten übernommen wurden. Ein weiteres Beispiel: Daß es heute noch einige Tropenwälder gibt, verdankt sich weitgehend der inzwischen berühmten Koalition »Rettet die Wälder«, die den Holzeinschlag in allen Staaten überwacht und ihre oft niederschmetternden Videoaufzeichnungen regelmäßig über das GlobalNet verbreitet. In den letzten fünfzig Jahren waren die Bürgerinitiativen sogar ein starker Motor für den gesellschaftlichen Wandel.3
Ein weiterer gleichermaßen bemerkenswerter Wandel war die »Ökowende« in der Privatwirtschaft. Trotz ihrer übergroßen wirtschaftlichen Macht entwickeln die globalen Unternehmen — und auch zahlreiche kleinere — heute ihre Strategien und Aktivitäten auf eine Weise, die gesellschaftliche Erwartungen berücksichtigt. Zunächst waren es nur wenige Firmen, die sich ökologischen und sozialen Zielen ebenso verschrieben wie ihren Gewinnen. Doch als diese »führenden« Unternehmen aus dem Glied traten und die Energiebewirtschaftung zum Schutz des Erdklimas befürworteten und andere soziale Themen auf die Tagesordnung rückten, leisteten sie den Bürgerinitiativen Flankenschutz —ja arbeiteten oft direkt mit ihnen zusammen, um die Nachzügler in der Wirtschaft unter Druck zu setzen. Branche für Branche wurden Verhaltenskodizes mit sozialen und ökologischen Standards festgeschrieben, entwickelt von Koalitionen aus Bürgerinitiativen und Industrie. Nach dem Vorbild der Sul-hvan-Prinzipien, nach denen Jahrzehnte zuvor akzeptable Unter-
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nehmenspraktiken unter der südafrikanischen Apartheid definiert worden waren, verboten die Kodizcs ausbeuterische Betriebe in der Bekleidungsindustrie, erzwangen das Ende der Kahlschläge in den Urwäldern, legten Richtlinien für die Kennzeichnung biologisch und pestizidfrei erzeugter Produkte fest und sorgten dafür, daß die Hersteller, in den reichen Ländern durch Vorschriften gebunden, auch in den armen Ländern umweltschonend agierten.
Diese Richtlinien und Normen waren gesetzlich weitgehend nicht kodifiziert, ihre Einhaltung also freiwillig, doch war ihr Einfluß auf das Firmenverhalten nachhaltig. Daß Bürgerinitiativen unternehmerische Aktivitäten in praktisch allen Teilen der Welt überwachen und ihre Erkenntnisse über das GlobalNet und andere Medien veröffentlichen konnten, erwies sich als ebenso wirksam wie gesetzliche Vorschriften — und zudem als weitaus flexibler. Unternehmen, die einst Staatsbedienstete ungestraft bestechen konnten, war es unmöglich, ein internationales Netzwerk aus Hunderten kleiner Organisationen zu korrumpieren oder zum Schweigen zu bringen. Durch den geschädigten Ruf büßten sie mehr an Absatz ein, als jede denkbare Geldstrafe sie gekostet hätte. Zudem ließ es ihre Chancen, qualifizierte Kräfte — ihre entscheidende Ressource —für sich zu gewinnen und einzustellen, dramatisch sinken. Die Finanzmärkte, die feststellten, daß es den nach der Selbstverpflichtung operierenden Unternehmen wirtschaftlich besser ging als den der Entwicklung hinterherhinkenden Firmen, bewerteten die Unternehmen entsprechend und lieferten damit einen wirksamen ökonomischen Anreiz. Mit der Zeit bildete sich eine Unternehmenskultur heraus, in der man die Legitimität sozialer Ziele anerkannte; sie führte auch dazu, daß man an den Standorten mit den Gemeinwesen zusammenarbeitete, anstatt sie zu übergehen.
Eine weitere Ursache für den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel der letzten fünfzig fahre war sowohl das kräftige Aufleben des Spendenwesens als auch ein neuer Aktivismus von Stiftungen und wohlhabenden Privatpersonen. Manche Experten führen diese Entwicklung auf den US-amerikanischen Medienzar Ted Turner zurück, der Ende des vergangenen Jahrhunderts den Vereinten Nationen eine Milliarde Dollar stiftete, sowie auf den Finanzmann George Soros, der Rußland und anderen Transformationsländern eine nahezu gleich hohe private Spende zukommen ließ.
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Durch solche Philanthropen war es bei den Reichen nun modern, darum zu konkurrieren, Geld zu spenden anstatt es anzuhäufen. Jedenfalls führte der beispiellose Wohlstand, den der Boom an neuen Technologien Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts geschaffen hatte, zur Gründung Tausender Stiftungen. Ihre größte, die Gates Foundation, nahm ihre Tätigkeit mit einem Vermögen von fünfzig Milliarden Dollar auf aber selbst diese schwindelerregende Summe nahm sich gegen das Gesamtaufkommen an Spenden- und Stiftungsgeldem winzig aus: im Jahr 2025 mehr als eine Billion Dollar allein in den USA. Mit diesem Geld wurde ein Großteil der sozialen Revolution unserer Zeit finanziert; mit ihm wurden Bürgergruppen und internationale Organisationen, Städte mit ihren radikalen Bildungsexperimenten, der freie Zugang zum GlobalNet für ärmere Städte und Dörfer und eine Vielzahl anderer Reformbemühungen gefördert.
Das GlobalNet selbst erwies sich als hochwirksamer Katalysator. Am nachhaltigsten wirkte es dadurch, daji es eine breite Beteiligung an gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsprozessen ermöglichte — somit praktisch zum NervengefJecht unserer globalen Zivilisation wurde — und in den Entwicklungsregionen für einen gewaltigen Schritt nach vorn durch direkte Dienstleistungen an Gemeinden und Bürger sorgte. Schwer vorstellbar, wie man dort gelebt hat, bevor jede Stadt und jedes Dorf egal wie entlegen, auf Bildungsprogramme und Lernsoftware oder medizinische Sofortberatung zugreifen konnte; bevor Bauern landwirtschaftliche Beratungsdienste in Anspruch nehmen konnten; bevor dörfliche Kooperativen und einzelne Interessenten auch Kleindarlehen über Telekredit bekommen konnten, kurz: bevor sie mit den nationalen und globalen Ereignissen und den Leistungen Tausender Kulturen in Berührung kamen. Das GlobalNet trug dazu bei, den nahezu unersättlichen Hunger nach Information zu stillen und Milliarden Menschen neue Horizonte und Möglichkeiten zu eröffnen. In nur einer Generation ergaben sich noch modernere gesellschaftliche und politische Perspektiven, die die Entwicklung weiter beschleunigten.
Demokratische Regierungsformen und Rechtsstaatlichkeit sind nun nahezu allgemein verbreitet, obwohl in manchen Ländern noch relativ neu. Die Umweltbedingungen verbessern sich allmählich, alle Industriestaaten und die meisten Entwicklungsländer haben sich in-
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zwischen ausdrücklich auf soziale und ökologische Ziele verpflichtet. Die Weltbevölkerung erreichte 2040 ihren Höchststand und nimmt seitdem langsam aber stetig ab, wenngleich die Bevölkerung Afrikas immer noch leicht wächst. Die Einkommcnsschcre ist immer noch weit geöffnet, beginnt sich aber zu schließen. Erstmals in ihrer Geschichte regelt die Menschheit ihre Angelegenheiten als globale Zivilisation.
Natürlich spielten dabei noch andere Faktoren eine Rolle, etwa die zunehmende Prosperität und ein anhaltender, wirklich enormer technischer Fortschritt. Ein halbes Jahrhundert ohne größere Kriege — zunächst weil kein Staat die USA militärisch herausfordern konnte — hat alles verändert; als der Frieden zur Norm wurde, folgten viele Länder dem Beispiel Mittelamerikas und lösten ihre Streitkräfte ganz auf, um mit der sich daraus ergebenden »Friedensdividende« den sozialen Fortschritt zu finanzieren. Förderlich war ferner, daß nahezu alle Menschen lesen und schreiben konnten und sich der Status der Frau allmählich verbesserte. Doch der wichtigste Faktor— von früheren Prognosen nahezu völlig außer acht gelassen — war die von den Bürgerinitiativen getragene gesellschaftliche und politische Revolution, die die Natur menschlicher Bestrebungen grundlegend veränderte.
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Wie wahrscheinlich ist ein derartiges Szenario? Könnte beherzte politische Führung, könnten neue Formen gesellschaftlicher Bewegungen und Kooperation eine so nachhaltige Änderung der Politik und der Verhaltensweisen mächtiger Unternehmen herbeiführen? Dieses Bild der Zukunft, das hier bewußt optimistisch getönt wurde, setzt einen ungeheuer festen Glauben voraus. Aber zahlreiche reale Ereignisse lassen die Grundannahmen dieses Szenarios plausibel erscheinen. Im folgenden nenne ich einige Gründe, warum ich finde, daß die Reformwelt als realisierbare Option für die Zukunft gelten muß. Zunächst einmal sind sämtliche in diesem Szenario genannten Beispiele aus dem 20. Jahrhundert real. Shell und eine wachsende Zahl anderer Großunternehmen gehen davon aus, daß die Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen für Rentabilität und langfristigen Erfolg zentral bleibt. Zahlreiche Firmen, ob allein oder in branchenweiten Gruppen, unternehmen freiwillige Schritte zur Senkung der Umweltbelastung.(4)
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So hat British Petroleum die Phalanx der anderen Energieunternehmen verlassen und ist öffentlich für den Klimaschutz eingetreten. Einige Firmenchefs beziehen ökologische und soziale Ziele in ihre strategische Unternehmensplanung mit ein und erneuern so ihr Unternehmen als »nachhaltige« Organisation.5 So haben sich um die 120 große globale Unternehmen aus 35 Ländern und mehr als zwanzig wichtigen Industriezweigen zur Förderung dieser Ziele zum in Genf ansässigen World Business Council for Sustainable Development zusammengeschlossen; gegründet wurde der Rat von dem erfolgreichen Unternehmer Stephan Schmidheiny.
Schmidheiny ist sich mit anderen darin einig, daß derartige Ansätze mehr bedeuten als lediglich verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln; sie halten sie sogar für entscheidend, wenn es um die Rentabilität und die Wettbewerbsfähigkeit in der globalen Ökonomie geht. So erwähnte Schmidheiny mir gegenüber seine Sorge um den Fortbestand der Wälder. Seine Reaktion aber ist vielsagend. Da seiner Einschätzung nach die Wälder die wachsende weltweite Nachfrage nach Holz und Holzprodukten in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr decken können, erwartet er einen scharfen Preisanstieg. Also kauft er Waldgrundstücke und bewirtschaftet sie »nachhaltig« — indem er den Wald kultiviert und für die Zukunft erhält und daher weniger einschlägt als das jährliche Wachstum. Er erwartet davon kräftige Wertsteigerungen.
Für solche Unternehmen sind Umweltschutzgruppen keine Gegner, sondern Verbündete. Einst undenkbare Partnerschaften zwischen Umweltschützern und einzelnen Firmen oder ganzen Branchen entwickeln sogar neue Ansätze für Umwelt- und Entsorgungsprobleme — und treten dann an die Regierungen auf lokaler oder nationaler Ebene heran, damit ihre Vorschläge in gesetzliche Vorschriften umgesetzt werden. So suchten Mc-EJonald's und der Environmental Defense Fund gemeinsam nach einer Möglichkeit, die Kunststoffschalen zu recyclen, in denen die Hamburger der Fast-Food-Kette verkauft werden, Procter & Gamble und die National Audubon Society kooperierten im 'Naturschutz, und eine Koalition aus Chemiefirmen und US-
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amerikanischen Umweltschützern arbeitete im Rahmen des »Superfund«-Programms der US-Umweltschutzbehörde EPA ein verbessertes Gesetz zur Sanierung von Giftmülldeponien aus.
Dagegen sehen sich Firmen und Branchen, die sich über gesellschaftliche Erwartungen hinwegsetzen, mit wachsenden Schwierigkeiten konfrontiert. Die derzeitige Prozeßwelle gegen die Tabakunternehmen beispielsweise rollt zwar noch, doch scheint wahrscheinlich, daß sie spürbare Folgen für das Unternehmensverhalten haben wird, und das nicht nur in der Tabakindustrie. Globale Unternehmen sind zwar außerordentlich mächtig, können aber nur mit Zustimmung der Gesellschaft operieren.
Auch einige Staaten schließen sich dieser Strömung an und übernehmen soziale und ökologische Ziele in ihre strategische Planung, im selben Geist wie die innovativsten der Unternehmen. Sie sind bestrebt, die gesellschaftlichen Bedingungen zu verbessern und ihren Bürgern langfristig eine höhere Lebensqualität zu bieten, auch wenn dies einen grundlegenden Wandel erfordert. Die Niederlande beispielsweise streben eine Umwandlung ihrer industriellen Basis binnen einer Generation an, um sauberer und effizienter zu wirtschaften und Umweltschmutz und Müllberge zu reduzieren. Neuseeland plant, seine Weiden, Wälder, Fischgründe, Flüsse und anderen Naturschätze zu erhalten und gleichzeitig für Gerechtigkeit in seiner multiethnischen Gesellschaft zu sorgen. Schweden hat bereits damit begonnen, die Energiesteuern anzuheben (und somit seine Treibhausgasemissionen zu senken) und die Lohnnebenkosten zu verringern — obwohl ein wärmeres Klima den harten schwedischen Winter mildern könnte. Die Schweden sind überzeugt, daß sich gesteigerte Wirtschaftskraft und höherer Beschäftigungsstand sowohl ökonomisch als auch sozial auszahlen.
Die Maßnahmen dieser wenigen Länder wie auch der wenigen Unternehmen machen noch keinen deutlichen Trend aus. Aber diese Fälle zeigen, daß Weitsicht und Wandlungsfähigkeit durchaus vorkommen können — selbst bei per se profitorientierten Unternehmen und auf den Wahltag schielenden Politikern.
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In kleinerem Maßstab sind die Anfange der urbanen Renaissance bereits in einer Reihe von US-amerikanischen Städten feststellbar: Chattanooga, Seattle, Cleveland, Detroit und andere Städte bilden die Speerspitze der Reformbemühungen um Stadterneuerung und Stadtsanierung. Auf der Stadtbezirksebene sind es zahlreiche kirchliche Gruppen. So leistet beispielsweise im texanischen Arlington eine Mission — untergebracht in einem Gebäude der Baptistengemeinde und ausgestattet mit Personal aus fünfzig örtlichen Kirchen - vielfältige soziale Dienste für mehr als fünfhundert Familien täglich. Sie wird aus Spenden und durch von der Kommunalverwaltung weitergeleitete staatliche Gelder gefördert/'
Gleichermaßen überraschende Veränderungen vollziehen sich auch in kleineren Gemeinden und in ländlichen Gebieten.7 In jenem trockenen Gebiet, wo Mexiko, New Mexico und Arizona aneinandergrenzen, haben sich eine Reihe von Ranchern zur Malpai Borderlands Group zusammengeschlossen. Sie machen gemeinsame Sache mit Umweltschützern, um ihr Land unter dem Gesichtspunkt langfristiger Erhaltung wie auch unter Gewinnaspekten zu bewirtschaften, und haben ihre so lange in Ehren bewahrte Eigenständigkeit zugunsten genossenschaftlicher Ansätze aufgegeben; ein Beispiel ist die neuartige »Grassaat-Bank«, die den Genossenschaftsmitgliedern in Dürrezeiten aushelfen kann.8
Wenn aber gesellschaftliche Transformationsprozesse auf lokaler und sogar nationaler Ebene möglich sind, kann sich dann ein globaler Konsens über globale Probleme nicht doch noch als unmöglich erweisen, vor allem, wenn dies das gemeinsam abgestimmte Handeln von nahezu 200 Staaten erfordert? Die Aussichten scheinen entmutigend, doch sind bereits drei globale Umweltschutzabkommen vereinbart worden, die die Unterzeichner sogar zu einem möglicherweise notwen-di gen Umbau ihrer industriellen Basis und zur nachhaltigen Bewirtschaftung großer Teile ihrer Anbauflächen verpflichten. Nur der erste dieser drei Verträge, das Montrealer Protokoll, das den Verzicht auf Gase, die die Ozonschicht der Stratosphäre zerstören, verbindlich regelt, kann bis dato als klarer Erfolg gewertet werden; die Emission derartiger »Ozonkiller«
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wird in den Industriestaaten allmählich abgebaut, und die Ozonschicht soll sich bis zum Jahr 2050 wieder erholt haben. Dem Abkommen zum Schutz des Weltklimas fehlt es zwar noch an einer überzeugenden Umsetzung, doch die letztjährigen Klimaverhandlungen im japanischen Kyoto sind diesem Ziel einen Schritt nähergekommen. Das Besondere an diesen jüngsten Anstrengungen ist, daß sie, zwar informell aber wirksam, von Initiativgruppen und NGOs auf den Weg gebracht und zuweilen sogar geleitet wurden. Das Klimaabkommen beispielsweise wurde abgeschlossen trotz des Widerstands der Vereinigten Staaten und der früheren Sowjetunion (der weltgrößten Energieverbraucher) sowie Saudi-Arabiens (des weltgrößten Erdölproduzenten), vor allem wegen des anhaltenden Drucks von Umweltschützern aus aller Welt.4 Noch jüngeren Datums ist das Abkommen über ein Verbot der Landminen, das in weniger als zwei Jahren zustande kam, außerhalb der normalen UN-Kanäle ausgehandelt und außer von den Vereinigten Staaten, Rußland und China von praktisch allen wichtigen Staaten unterzeichnet wurde — eine Leistung, die von Anfang bis Ende einer internationalen Koalition von mehr als 700 humanitären Organisationen und Initiativen zu verdanken ist. Diese Gruppen scheinen trotz der informellen Methoden und der Interessenvielfalt effizienter und beweglicher als Regierungen und UN-Institutionen zu sein und entwickeln zusehends mehr Geschick in der internationalen Diplomatie. Das deutet auf gute Chancen für einen weltweiten Klimaschutz und andere globale Vorhaben.
Natürlich kann diesen Organisationen mit ihren »Botton-up«-Prinzipien für gesellschaftliche Veränderungen - dem höchsten Ausdruck der Selbstbestimmung in freien Gesellschaften, wie manche Beobachter kommentieren - der Erfolg als Katalysator bei der Umsetzung neuer ökologischer oder sozialer Programme auch versagt bleiben. Die Kooperation unterschiedlicher Gruppen - für das effiziente Handeln einer Gesellschaft entscheidend - wird vielleicht zur Regel, vielleicht auch nicht. Aber diese neuen und immer noch zaghaften Ansätze sind ein faszinierendes und verheißungsvolles Phänomen.
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Des weiteren birgt die Informationsrevolution ein unstreitbares Potential für das »Empowerment« von Bürgerinitiativen, die leicht Informationen sammeln, analysieren und weitergeben sowie mit anderen Organisationen kommunizieren können. Mit ein paar Tastenkombinationen kann man heute Informationen per E-Mail an Hunderte verschiedener Gruppen verteilen, die an einem bestimmten Projekt mitwirken; Vertragsentwürfe und Pressemitteilungen können gemeinsam ausgearbeitet, redigiert und binnen weniger Tage gebilligt, schließlich gleichzeitig in der ganzen Welt veröffentlicht werden. Meine Kollegen und ich haben in der Tat erfahren, wie diese Technologie unsere eigene Arbeit verändert hat, da wir mit verwandten Organisationen in Afrika, Europa, Lateinamerika und Asien praktisch täglich kommunizieren und Daten austauschen. Die gesellschaftliche Kraft, die Bürgerinitiativen und gemeindenahe Organisationen darstellen, könnte mit der Fortsetzung der Informationsrevolution noch an Stärke gewinnen. Natürlich können radikale Gruppen die gleichen Instrumente nutzen, doch ist ihre Zahl weitaus kleiner als die der Umweltgruppen und sozialen Bewegungen.
Vorstellbar ist ferner, daß die Informationsrevolution sowohl die Regierungsarbeit als auch die Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen verändert. In einer kürzlich von der Rand Corporation vorgestellten Untersuchung wird festgestellt, daß Gesellschaften mit uneingeschränktem Online-Zugriff sowohl intern besser kommunizieren können als auch mit den verschiedenen Ebenen von Staat und Verwaltung. Die elektronischen Netze wiederum verbessern die Integration in die Gesellschaft sowie den Zugang zu Beschäftigungsmöglichkeiten, Gesundheitsdiensten und wichtigen Informationen bei geringen Kosten und fördern die Aufnahmebereitschaft von Staat und Verwaltung.10
Esther Dyson, eine führende Expertin auf dem Gebiet elektronischer Netze wie dem Internet beschreibt ihre möglichen gesellschaftlichen Auswirkungen so:
»Die Menschen müssen erfahren, was es heißt, eine Gesellschaft zu gestalten, also mehr zu tun als nur zu wählen und Steuern zu zahlen ... Ich hoffe sehr, daß das Internet einen zunehmend größeren Teil der Bevölkerung in irgendeiner Form in die Regierungstätigkeit mit einbezieht, und daß sich das Gefühl, mehr Einflußmöglichkeiten zu haben, auch auf andere Bereiche ihres Lebens überträgt.11
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Einblick in eine solche Zukunft gewährt Finnland, wo der nahezu universelle Zugang bereits realisiert ist — dort gibt es mehr Internetanschlüsse pro Kopf der Bevölkerung als in irgendeinem anderen Land der Erde, doppelt soviel wie in den USA; bis zum Jahr 2000 wird jede Schule online sein. Die Landeshauptstadt Helsinki installiert ein interaktives digitales Netz mit Bild- und Tonübertragung, so daß sich die Finnen in Konzerte, Hörsäle, Geschäfte, Behörden und bei Freunden »einloggen« können.12 Der elektronische Zugang ist aus dem demokratischen Geschehen in Finnland nicht mehr wegzudenken - er gilt ebenso als garantiertes Recht wie das Wahlrecht.
Wie steht es mit dem Internet-Zugang in den Entwicklungsländern, insbesondere jenen, die so arm sind, daß ihnen die finnische Situation geradezu wie ein Traum vorkommen mag? Auch hier könnte die Technologie die Chance auf mehr Informationen, bessere Dienstleistungen und effizientere Regierungsarbeit bergen - für die Länder, die sie ergreifen; dann könnte sie praktisch die gesellschaftliche Entwicklung beschleunigen. Hier ist »Vernetzung« vielleicht nicht der richtige Ausdruck - es könnte lange Zeit dauern, bis indische und afrikanische Dörfer oder selbst die Großstädte überhaupt erst mit konventionellen Telefonnetzen versorgt sind —, doch werden Mobilfunknetze in ganz Asien und Teilen Lateinamerikas bereits zur allgegenwärtigen Einrichtung. Schließlich werden sie auch preisgünstiger werden, denn der Markt ist riesig.
Der Mobilfunk wird den städtischen Mittelschichten die Telekommunikation eher als sonst möglich bescheren; kollektive Funktelefone könnten das gleiche für ärmere Gemeinden und Viertel leisten. Die digitalen Ausführungen der Funktelefone mit kleinen Videobildschirmen können bereits Fax- und E-Mail-Übermittlung bewältigen und führen damit praktisch zum satellitengestützten Internet. Ein schlagendes Beispiel für einen technologischen Quantensprung: Frühere Entwicklungsschritte werden übersprungen und Gesellschaften ins Zeitalter des Cyberspace katapultiert, bevor konventionelles Telefonieren oder selbst PCs auf breiter Basis eingeführt sind.
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Was sich als noch revolutionärer herausstellen könnte: Im Jahr 1996 brachte Motorola den ersten einer Reihe von Satelliten in eine Umlaufbahn, die das Mobilfunknetz global erweitern sollen. Ähnliche Pläne des Konkurrenzsystems Teledisc, unterstützt von Microsoft-Eigentümer Bill Gates, dem Mobilfunk-Magnaten Craig McCraw und dem Flugzeugbauer Boeing, stehen kurz vor der Realisierung. Dann werden Hunderte von Satelliten die Erde in so engen Umlaufbahnen umkreisen, daß spezielle Funktelefone und PDAs (Handheld-Computer) direkt mit ihnen kommunizieren - also mit jedem Punkt auf der Erde Verbindung aufnehmen können. Potentiell sind dann, sofern die Preise im nächsten Jahrzehnt oder den nächsten beiden sinken, sogar entlegene Dörfer per Telefon oder E-Mail erreichbar. Die technische Infrastruktur mag es dann geben; weniger gewiß ist, ob landwirtschaftliche, Gesundheits- oder andere für die Dorfbewohner nützliche Informationen in den entsprechenden Sprachen und zu geringen Kosten zur Verfügung stehen werden, auch wenn die digitalen Speicher für derartige Informationen von Stiftungen und Entwicklungshilfeorganisationen ganz leicht angeboten werden könnten.
Technologie ist nur ein Mittel, aber ein mächtiges. Umfassendere gesellschaftliche Entwicklungen, etwa ein höherer Bildungsstand und die wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Frau, lassen die Hoffnung auf eine Reform-weit ebenfalls wachsen. Obwohl in den meisten Modellen gesellschaftliche Faktoren von der Analyse künftiger Trends ausgenommen werden, weil sie schwer zu quantifizieren sind und ihre Prognose heikel ist, sind diese Faktoren für die Zukunft entscheidend - und viele Trends weisen derzeit in die richtige Richtung. Ein UN-Bericht aus jüngerer Zeit stellt fest, daß viele Länder, wenn sie diese Trends mit entsprechend ausgerichteten Programmen beschleunigen, die bittere Armut binnen zwanzig Jahren nahezu beseitigen könnten.13 Ferner können sich bestimmte gesellschaftliche Faktoren wie die öffentliche Meinung rasch wandeln, der politische Konsens plötzlich aufgekündigt werden — viel rascher, als Bevölkerung oder Energieverbrauch wachsen. Der friedliche Übergang von der weisen zur schwarzen Herrschaft in Südafrika, von der Apartheid zur Demokratie, ist ein Beispiel aus jüngerer Zeit, ein weiteres die rasche Umwandlung der Tschechischen Republik, Polens und Ungarns zu demokratischen Staaten mit einer freien Marktwirtschaft. Selbst die turbulente, immer wieder stockende, aber wahrscheinlich unumkehrbare Transformation Rußlands von der kommunistischen Diktatur zu Demokratie und Marktwirtschaft in weniger als einem Jahrzehnt zeigt, wie rasch sich die gesellschaftliche Ordnung zum Besseren wandeln kann.
Natürlich zeichnet das Szenario Reformwelt ein optimistisches Bild einer mit mehr Macht und Mitwirkungsmöglichkeiten ausgestatteten Bürgerschaft, aufgeklärter Unternehmen und radikaler politischer Veränderungen. Es beschreibt eine Gesellschaft, die sich auf die Marktkräfte verläßt, deshalb aber nicht auf gesellschaftliche und politische Entscheidungen verzichtet, eine Gesellschaft, die den Wettbewerb unterstützt, aber Kooperation und Solidarität unter den Völkern der Welt als gleichermaßen wichtig betrachtet. Es geht davon aus, daß sich gesellschaftliche Einstellungen und Normen dramatisch wandeln, so daß die Prioritäten morgen ganz anders gesetzt werden können. Insgesamt stellt die Reformwelt eine globale Zivilisation dar, die ihre eigene Zukunft aktiv gestaltet - in den einzelnen Gemeinden wie den einzelnen Ländern -, um die Hoffnung auf ein besseres Leben für alle Menschen Wirklichkeit werden zu lassen.
Eine solche Zukunft wird es ohne eine grundlegende Richtungsänderung, ohne tiefgreifenden gesellschaftlichen und politischen Wandel gewiß nicht geben. Doch lassen das Szenario Reformwelt und seine später dargestellten regionalen Varianten auf die Chance schließen, daß es reichlich Möglichkeiten gibt, das Abdriften in eine Festungswelt aufzuhalten und eine stabilere und gerechtere Zukunft zu schaffen, eine Zukunft, an der mehr Menschen teilhaben, als die Marktwelt es ermöglichen könnte.
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