Matthias Glaubrecht
Die Rache
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2022 640 Seiten
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Klappentext
Verlag ullstein rache-des-pangolin Lesen Leseprobe Prolog Leseprobe.pdf Lesebericht SWR glaubrecht-die-rache-des-pangolin ++ Audio SWR 5 min Lesebericht perlentaucher glaubrecht die-rache-des-pangolin zu FAZ 4.3.23
INHALT Inhalt.pdf Prolog: Ansteckung und Übersprung (13) Einleitung: Göttliche Strafe oder eigene Schuld? (19) Zwei Paradoxien und eine Chance 20 - Globale Krise 23 - Rätselraten um den Ursprung 28 - Die Sage von der »Naturkatastrophe in Zeitlupe« 32 - Evolution in Echtzeit und das Leben infiebriger Aktion 36 - Worum es bei Zoonosen und in diesem Buch geht 40 Teil 1 Woher die Seuche kommt ( 45 ) Der Ursprung der Corona-Pandemie ( 47 )
Zoonosen als Ursache von Seuchen ( 109 )
Teil 2 Was wir über frühere Seuchen wissen ( 211 ) Wie Viren und Bakterien Geschichte machen ( 213 )
Die Wiederkehr der Seuchen ( 316 )
Teil 3 Warum wir es selbst in der Hand haben ( 411 ) Die Zerstörung der Natur und wild gewordene Viren: Wie der Mensch sich selbst Krankheiten schafft ( 413 )
Tanz mit dem Teufel - Auswege aus einer menschengemachten Krise ( 468 )
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PROLOG: ANSTECKUNG UND ÜBERSPRUNG
Am Anfang ist es keine Nachricht. Denn es beginnt immer im Verborgenen und bleibt unsichtbar. Daher weiß man später auch nicht, womit alles begann. Alles begann damit, dass 2019 in der Volksrepublik China die Afrikanische Schweinepest grassierte - ausgerechnet im Jahr des Schweins, das dort eigentlich im Zeichen von Wohlstand und Lebensfreude stehen sollte.
Ausgebrochen war sie bereits im August des Vorjahres, als die ersten Tiere hohes Fieber bekamen und innerhalb von wenigen Tagen dahingerafft wurden. Doch die betroffenen bäuerlichen Betriebe vor Ort meldeten wegen der zu befürchtenden Nachteile diese Infektionen mit dem für den Menschen harmlosen Virus nicht. So konnte sich die unter den Schweinen hochansteckende Seuche im ganzen Land ausbreiten.
Die Schweinepest stürzte China - das mit mehr als 400 Millionen Tieren knapp die Hälfte des gesamten Schweinebestands der Welt hält und wo mehr Schweinefleisch konsumiert wird als in jedem anderen Land - in eine beispiellose Versorgungskrise. In der Volksrepublik, die als weltweit größter Schweinefleischproduzent gilt, ist Schweinezucht ein Markt im Wert von knapp 130 Milliarden Dollar und ernährt mehr als 30 Millionen meist kleine landwirtschaftliche Schweinezuchtbetriebe mit weniger als 50 Tieren. Da Millionen Tiere an der Schweinepest starben oder auf Anordnung der Behörden notgeschlachtet wurden, fiel ein erheblicher Teil der Schweineproduktion aus. Immerhin wurde bis Ende des Jahres mit mehr als 150 Millionen Schweinen beinahe die Hälfte der gesamten Schweineherde des Landes gekeult.
Der Versorgungsengpass ließ die Preise explodieren - zuerst für Schweinefleisch, dann für sämtliches Fleisch auch anderer Nutztiere und von Wildtieren, nicht nur in China. Dort allerdings ist Schweinefleisch, von dem pro Kopf durchschnittlich rund 30 Kilo im Jahr konsumiert werden, ein beliebtes Grundnahrungsmittel und wichtigste Proteinquelle. Schnell machte man sich auf die Suche nach Alternativen, nachdem die strategische Reserve von tonnenweise eingefrorenem Schweinefleisch weitgehend aufgebraucht und die Versorgung mit dem Fleisch dieser Tiere um mehr als elf Millionen Tonnen binnen eines Jahres zurückgegangen war.
Natürlich versuchte man dies zuerst durch vermehrte Importe beispielsweise aus Europa zu kompensieren und das fehlende Schweinefleisch durch andere Fleischprodukte - etwa von Rind und Huhn, aber auch durch Fisch - auszugleichen. Es half nichts: Der Preis für Schweinefleisch erreichte bis November 2019 Rekordhöhen, er war mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr. Daher wichen die Konsumenten auf andere Fleischarten aus - auf Nutztiere, aber auch auf Wildbret vor allem aus dem Süden Chinas, wo Wildfleisch traditionell stärker genutzt wird.
Diese vermehrte Nachfrage sowie der entsprechende Handel und Transport haben sowohl Wild- wie auch Farmtiere als potenzielle Virenüberträger verstärkt mit dem Menschen in Kontakt gebracht. Ein lebhafter, nicht nur regionaler Handel mit Fleischprodukten setzte ein. Dabei könnten lebend wie auch gefroren transportierte Tiere und deren Fleisch etwa aus dem Süden Chinas einem neuartigen Virus neue Wege der Ausbreitung selbst über Tausende von Kilometern eröffnet haben - so in die großen aufwachsenden Millionenstädte, die sich entlang des Jangtsekiang in Zentralchina wie Perlen auf einer Kette aufreihen: von Shanghai mit seinen 25 Millionen Bewohnern über Wuhan mit 11 Millionen Einwohnern bis hin zur einwohnermäßig größten Stadt der Welt, Chongqing mit 34 Millionen.(2)
Die dadurch möglich gewordenen vielfältigen Kontakte mit einem sich anfangs im Verborgenen vermehrenden und mutierenden Virus könnte schließlich den - aus Sicht des Erregers erfolgreichen - Übersprung in die menschliche Population eingeleitet haben.
Möglich, dass dieser Erreger bereits lange vor dem eigentlichen Ausbruch zirkulierte, zuerst im Süden Chinas oder in angrenzenden Staaten wie Laos und Vietnam. Möglich auch, dass er dabei immer wieder einmal Menschen infizierte. Doch haben sich die Mutationen anfangs wohl noch nicht effektiv etabliert. Erst als eine kritische Anzahl von Mutationen in immer mehr infizierten Wirten, Tier wie Mensch, stattfand, adaptierte sich das Virus. Diese genetischen Veränderungen ließen es nicht nur besser in Lungenzellen eindringen, sondern führten auch dazu, dass es von Mensch zu Mensch weitergegeben werden konnte.
Schließlich explodierte Ende 2019 in Wuhan die Virus-Population und löste die Corona-Pandemie aus. Letztlich spielte die Millionenmetropole am Jangtse dabei wohl eher zufällig eine - wenn auch zentrale - Verteilerrolle. Seinen eigentlichen Ursprung aber könnte das neuartige Virus sehr wohl anderswo gehabt haben. Durch weitere Funde von Coronaviren auch in Laos, Kambodscha und Thailand rückte Südostasien mit seinen zahlreichen natürlicherweise dort vorkommenden Wildtieren ebenso wie den vielen Farmtieren in den Fokus.
Dass dort und anderswo auf den zahllosen Märkten weiterhin Wildtierfleisch verkauft und verzehrt wird, macht weitere Fälle von contagion (Ansteckung) und von spillover (das Überspringen mutierter Viren vom Tier auf den Menschen) sehr wahrscheinlich - darunter auch solche, die noch weitaus tödlichere Varianten hervorbringen könnten.
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