Matthias Glaubrecht

Die Rache
des Pangolin

Wild gewordene
Pandemien und der
Schutz der Artenvielfalt

 

2022 bei Ullstein

2022

640 Seiten

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Umweltbuch

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Glaubrecht-2025

 

 

 

Klappentext

Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht zeigt, wie die Vernichtung natürlicher Lebensräume und der Artenvielfalt mit Seuchen zusammenhängt und warum es sinnvoller ist, gegen die Zerstörung der Natur zu kämpfen anstatt gegen ein Virus.

Viren haben schon immer die Menschheit beeinflusst – und neuerdings schafft der Mensch selbst die Voraussetzungen für neue Infektionskrankheiten. Weil wir die Welt verändern, lösen wir Pandemien aus, die wir dann nicht mehr beherrschen. Denn weltweit schlummern in Tieren – vom Pangolin bis zur Pute, von Fledermäusen bis zu Rindern – zahllose Erreger, die auch Menschen infizieren.

Unsere globalisierte, immer dichter von Menschen besiedelte Welt macht es zunehmend wahrscheinlich, dass dadurch bald noch gefährlichere Pandemien verursacht werden, weil die Wildnis zerstört wird, riesige Flächen entwaldet werden und durch Jagd und Wilderei, weltweiten Handel und Schmuggel, aber auch unsere Nutztierhaltung neue Krankheiten zu uns gelangen.

Deshalb darf unsere Aufmerksamkeit nicht allein dem Wettlauf um immer neue Impfstoffe gelten; wir müssen uns vielmehr dringend dem Schutz von Natur und Artenvielfalt widmen. Es wird Zeit, für künftige Pandemien zu lernen und unseren Krieg gegen die Natur zu beenden.


Verlag   ullstein  rache-des-pangolin 

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Rezensent Christian Schwägerl empfiehlt Matthias Glaubrechts Darstellung zur Corona-Pandemie sehr. Äußerst detailliert und kenntnisreich gehe der Evolutionsbiologe vor, der im ersten Teil des Buches den Ursprüngen von Corona nachgeht, im zweiten Teil einen - stellenweise recht brutalen, so Schwägerl - Streifzug durch die Geschichte der Pandemien unternimmt und im dritten Teil Anleitungen gibt, wie Pandemien in der Zukunft verhindert werden könnten: hauptsächlich, indem wir uns aus Wildnisgebieten, die unzählige gefährliche Viren versammeln, raushalten, wie der Kritiker erfährt.

Neben der Faktensicherheit scheint dem Kritiker auch zu gefallen, wie entschieden der Autor bei der Ursachensuche mit manchen Wortführern ins Gericht gehe, etwa mit der führenden chinesischen Corona-Forscherin Shi Zhengli. Von Verlagsseite hätten einige "Redundanzen" ausgestrichen werden können, und den eigentlich unwichtigen Zwischenwirt Pangolin nur wegen des "wohlklingenden" Namens in den Titel mit aufzunehmen, hält er für etwas effekthascherisch.

Insgesamt trotzdem die "genaueste" Darstellung zum Thema auf dem deutschen Buchmarkt, so Schwägerl.


 

 

INHALT      Inhalt.pdf   

Prolog: Ansteckung und Übersprung  (13)


Einleitung: Göttliche Strafe oder eigene Schuld?  (19)  Zwei Paradoxien und eine Chance 20 - Globale Krise 23 - Rätselraten um den Ursprung 28 - Die Sage von der »Naturkatastrophe in Zeitlupe« 32 - Evolution in Echtzeit und das Leben infiebriger Aktion 36 - Worum es bei Zoonosen und in diesem Buch geht 40


Teil 1    Woher die Seuche kommt  ( 45 )

Der Ursprung der Corona-Pandemie  ( 47 )

Die Höhle: Übersprungshandlung 48 - »The Seeker« und warum wir überhaupt etwas wissen 52 -Neuartige Coronaviren entdeckt 55 -Fledermausviren aus Mojiang 58 - Was Viren mit Äpfeln zu tun haben 62 - Eine kleine Virenkunde 68 -Porträt eines Killers 72 -Aus der Trickkiste des neuen Coronavirus 76 - Exkurs zu den »Schwarzen Schwänen« - oder: Über den Zufall 81 - Von »narrativen Verzerrungen« und dem »Friedhofder stummen Zeugen« 86 -Die »Fledermaus-Frau« 91 - Das Viren-Labor in Wuhan 97 -»Shut your stinky mouth« 101 - Eine dubiose Volte zur Labor-Hypothese 105

Zoonosen als Ursache von Seuchen  ( 109 )

Rückblende: Die ersten Gerüchte um den Huanan-Wildtiermarkt 111 -Zur Zoologie von Zoonosen 117 -Anatomie einer angekündigten Pandemie 121 - Wenn Säugerfliegen: Von Fledertieren als Virenwirte 125 -Anti-Aging unter Fledermäusen: Wenn die Temperatur den Unterschied macht 130 - Ein Blick in die virale Umwelt von Fledermäusen 135 - Wassich in Laborkühltruhen in Kambodscha und Laosfindet 140 -Zwischenspiel aufdem Wildtiermarkt 144 - Ein Larvenroller ist ein Larvenroller- und keine Zibetkatze 149 - Die Sache mit dem Pangolin 156 - Freispruchfür den Pangolin 160 - Von Wuhan in die Welt 165 -Aufverschlungenen Pfaden zur Pandemie: Vom versteckten Treiben eines Virus 170 - Frühe unbemerkte Anfänge 173 - Überall Coronaviren: Vom evolutionären Übersprung 177 - Wenn Viren mit alten Tricks neue Wirte erobern 179 - Virale Weichenstellung 183 - Warum Wuhan? 186 - Eine etwas andere Corona-Chronologie 189 - Die Fischverkäuferin: Auf der Suche nach »Patient Null« 194 - Wie die Epidemie Fahrt aufnimmt 198 - Ground Zero der Zoonose 199 - Superspreading: Auf und davon 203 - Fazit: Wie das Virus wirklich in die Welt kam (205)

  Teil 2   Was wir über frühere Seuchen wissen  ( 211 )

Wie Viren und Bakterien Geschichte machen ( 213 )

Athen, Attische Halbinsel, 430 bis 426 vor Christus 213 - Rom, Hauptstadt des Römischen Reichs, 166 nach Christus 218 -Zwischenspiel: Rom, 248 nach Christus 225 - Szenenwechsel: Konstantinopel, Hauptstadt des Oströmischen Reichs, 541 bis 544 228 - Das Drama frühmittelalterlicher Entvölkerung 232 - Menschen und Mikroben: Die einstmals »neuen Seuchen« 235 -Miasmen und andere Missverständnisse 239 - Frühe Wegbegleiter: Ein Fallfür die Paläovirologie 243 - Tödliche Tuberkel: Die neue Geschichte uralter Erreger 248 - Wie alt ist alt wirklich? Vom Ursprung der Tuberkulose 255 - Von den Masern: Kam die erste Pandemie mit der Polis? 261 - Die Pest: Ein Drama von Tieren und ihren Parasiten, die Geschichte machen 266 - Steinzeitpest und Steppenpferde 273 - Karriere eines Nagers aus dem Südosten 277 - Fliegende Leichen - oder: Die Rückkehr der Pest 282 - Neue Lebenswelten und der Ursprung des Schwarzen Todes 290 - Alte Pocken: Vom Ausbruch und Ende einer Seuche 295 - 1492 - oder: Die Geschichte einer verlorenen Welt 301 - Die Aztekenseuche Cocoliztli und die Weltgeschichte der Seuchen 308 - Seuchen als Teil der Umweltgeschichte 314

Die Wiederkehr der Seuchen  ( 316 )

Vom Ganges um den Globus 318 - Von Hamburg nach Haiti und in den Jemen 323 - Das Rätsel der »Russischen Grippe«: Vorspiel einer weltweiten Corona-Epidemie? 328 - Die Spanische Grippe - oder: Von wilden Vögeln in Haskell County, Kansas 334 - Camp Funston, Kansas: Wie ein Armee-Camp zum Seuchenherd wurde 339 - Der Krieg und das Virus 343 -»... and in-flu-enza«: Die Welt im Fieber des Virus 346 - Wildgänse und die Jagd nach dem Virus H1N1: Rekonstruktion einer Seuche 351 - Das Wellenmuster tödlicher Viren: Was uns altes Archivmaterial noch erzählt 357 - Die Rückkehr der Influenza-Viren: Diefortgesetzte Gefahr von Vogelgrippen 362 - Warum beim evolutiven Dreier die nächste Pandemie um die Ecke lauert 367 - Sars, Dr. Liu und der Larvenroller 371 - Mers - oder: Das DromedarDilemma 374 -Aids: Altes Erbe vom Schimpansen 378 - Wie das Virus entstand und durch die Arten reiste 382 - Krieg und Lust: Unfall der Evolution oder menschengemacht? 387 - Ein Kinderspiel: Wie Ebola begann 394 -Affen, Antilopen und Ansteckungsketten 399 -»Reawakening«: Die Gefahr ist nicht gebannt 405

  Teil 3   Warum wir es selbst in der Hand haben  ( 411 ) 

Die Zerstörung der Natur und wild gewordene Viren: Wie der Mensch sich selbst Krankheiten schafft  ( 413 )

Schwarzer Elefant statt Schwarzer Schwan 416 - Ein neues epidemisches Narrativ 419 -Die Rache des Pangolins? Thesen zum Auftauchen von Pandemien 423 - Newly emerging: Nehmen EIDs wirklich zu? 429 - Neue Umwelten bieten evolutive Chancen 431 - Wirsind viele und werden vorerst noch mehr! 435 - Biological annihilation: Die rasante Zerstörung von Lebensräumen und Lebensformen 440 - Öko-Gewinner und -Verlierer 443 - »Es ist angerichtet« - Wenn Menschen Schwein haben 447 - Wildtiere und ihre Märkte: Pingpong mit den Pathogenen 453 -Das schmutzige Geschäft mit wilden Tieren 459 - Tödliche Kombination: Ein modernes Pangäafür pandemische Pathogene 462 - Von wo die nächste Pandemie kommt 465

Tanz mit dem Teufel - Auswege aus einer menschengemachten Krise ( 468 )

Lehren aus der Geschichte und der Krise 471 - Virales Wechselspiel 475 - Wenn Perfektion zur evolutionären Sackgasse wird 480 - Noch ein Irrtum: Vom vermeintlichen Gleichgewicht in der Natur 485 -In neuer Perspektive: Warum EIDs ein evolutionsbiologisches Phänomen sind 489 -Katalysator in einer menschengemachten new nature 493 - Was können wir wirklich tun? 496 - Koordinierte Virenjagd 499 - Pandemie-Radar: Wie wir Viren überwachen 503 - Kein Krieg gegen die Natur 508 - Wie Artenvielfalt vor Pandemien schützt 513 - Pandemie-Resilienz - oder: Die Verwundbarkeit unserer globalisierten Gesellschaft 518 -Planetary Health versus Business as usual 522

 

  • Coda und Ausblick - Natur neu denken  ( 528 )

  • Danksagung  ( 533 )

  • Glossar der wichtigsten Fachbegriffe und Abkürzungen  ( 538 )

  • Kleine Chronologie der wichtigsten Seuchen ( 544 )

  • Chronik einer angekündigten Epidemie: Die etwas andere Chronologie der Corona-Pandemie 2019-2021  ( 551 )

  • Anmerkungen 565           Literatur 603          Register 624

 

 

 

PROLOG: ANSTECKUNG UND ÜBERSPRUNG

Am Anfang ist es keine Nachricht. Denn es beginnt immer im Verborgenen und bleibt unsichtbar. Daher weiß man später auch nicht, womit alles begann. Alles begann damit, dass 2019 in der Volksrepublik China die Afrikanische Schweinepest grassierte - ausgerechnet im Jahr des Schweins, das dort eigentlich im Zeichen von Wohlstand und Lebensfreude stehen sollte.

Ausgebrochen war sie bereits im August des Vorjahres, als die ersten Tiere hohes Fieber bekamen und innerhalb von wenigen Tagen dahingerafft wurden. Doch die betroffenen bäuerlichen Betriebe vor Ort meldeten wegen der zu befürchtenden Nachteile diese Infektionen mit dem für den Menschen harmlosen Virus nicht. So konnte sich die unter den Schweinen hochansteckende Seuche im ganzen Land ausbreiten.

Die Schweinepest stürzte China - das mit mehr als 400 Millionen Tieren knapp die Hälfte des gesamten Schweinebestands der Welt hält und wo mehr Schweinefleisch konsumiert wird als in jedem anderen Land - in eine beispiellose Versorgungskrise. In der Volksrepublik, die als weltweit größter Schweinefleischproduzent gilt, ist Schweinezucht ein Markt im Wert von knapp 130 Milliarden Dollar und ernährt mehr als 30 Millionen meist kleine landwirtschaftliche Schweinezuchtbetriebe mit weniger als 50 Tieren. Da Millionen Tiere an der Schweinepest starben oder auf Anordnung der Behörden notgeschlachtet wurden, fiel ein erheblicher Teil der Schweineproduktion aus. Immerhin wurde bis Ende des Jahres mit mehr als 150 Millionen Schweinen beinahe die Hälfte der gesamten Schweineherde des Landes gekeult.

Der Versorgungsengpass ließ die Preise explodieren - zuerst für Schweinefleisch, dann für sämtliches Fleisch auch anderer Nutztiere und von Wildtieren, nicht nur in China. Dort allerdings ist Schweinefleisch, von dem pro Kopf durchschnittlich rund 30 Kilo im Jahr konsumiert werden, ein beliebtes Grundnahrungsmittel und wichtigste Proteinquelle. Schnell machte man sich auf die Suche nach Alternativen, nachdem die strategische Reserve von tonnenweise eingefrorenem Schweinefleisch weitgehend aufgebraucht und die Versorgung mit dem Fleisch dieser Tiere um mehr als elf Millionen Tonnen binnen eines Jahres zurückgegangen war.

Natürlich versuchte man dies zuerst durch vermehrte Importe beispielsweise aus Europa zu kompensieren und das fehlende Schweinefleisch durch andere Fleischprodukte - etwa von Rind und Huhn, aber auch durch Fisch - auszugleichen. Es half nichts: Der Preis für Schweinefleisch erreichte bis November 2019 Rekordhöhen, er war mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr. Daher wichen die Konsumenten auf andere Fleischarten aus - auf Nutztiere, aber auch auf Wildbret vor allem aus dem Süden Chinas, wo Wildfleisch traditionell stärker genutzt wird.

Diese vermehrte Nachfrage sowie der entsprechende Handel und Transport haben sowohl Wild- wie auch Farmtiere als potenzielle Virenüberträger verstärkt mit dem Menschen in Kontakt gebracht. Ein lebhafter, nicht nur regionaler Handel mit Fleischprodukten setzte ein. Dabei könnten lebend wie auch gefroren transportierte Tiere und deren Fleisch etwa aus dem Süden Chinas einem neuartigen Virus neue Wege der Ausbreitung selbst über Tausende von Kilometern eröffnet haben - so in die großen aufwachsenden Millionenstädte, die sich entlang des Jangtsekiang in Zentralchina wie Perlen auf einer Kette aufreihen: von Shanghai mit seinen 25 Millionen Bewohnern über Wuhan mit 11 Millionen Einwohnern bis hin zur einwohnermäßig größten Stadt der Welt, Chongqing mit 34 Millionen.(2)

Die dadurch möglich gewordenen vielfältigen Kontakte mit einem sich anfangs im Verborgenen vermehrenden und mutierenden Virus könnte schließlich den - aus Sicht des Erregers erfolgreichen - Übersprung in die menschliche Population eingeleitet haben.

Möglich, dass dieser Erreger bereits lange vor dem eigentlichen Ausbruch zirkulierte, zuerst im Süden Chinas oder in angrenzenden Staaten wie Laos und Vietnam. Möglich auch, dass er dabei immer wieder einmal Menschen infizierte. Doch haben sich die Mutationen anfangs wohl noch nicht effektiv etabliert. Erst als eine kritische Anzahl von Mutationen in immer mehr infizierten Wirten, Tier wie Mensch, stattfand, adaptierte sich das Virus. Diese genetischen Veränderungen ließen es nicht nur besser in Lungenzellen eindringen, sondern führten auch dazu, dass es von Mensch zu Mensch weitergegeben werden konnte.

Schließlich explodierte Ende 2019 in Wuhan die Virus-Population und löste die Corona-Pandemie aus. Letztlich spielte die Millionenmetropole am Jangtse dabei wohl eher zufällig eine - wenn auch zentrale - Verteilerrolle. Seinen eigentlichen Ursprung aber könnte das neuartige Virus sehr wohl anderswo gehabt haben. Durch weitere Funde von Coronaviren auch in Laos, Kambodscha und Thailand rückte Südostasien mit seinen zahlreichen natürlicherweise dort vorkommenden Wildtieren ebenso wie den vielen Farmtieren in den Fokus.

Dass dort und anderswo auf den zahllosen Märkten weiterhin Wildtierfleisch verkauft und verzehrt wird, macht weitere Fälle von contagion (Ansteckung) und von spillover (das Überspringen mutierter Viren vom Tier auf den Menschen) sehr wahrscheinlich - darunter auch solche, die noch weitaus tödlichere Varianten hervorbringen könnten.

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Prof. Matthias Glaubrecht (2022) Die Rache des Pangolin