5 Rückschau auf 2062, Version eins
Glaubrecht 2019
Das Ende der Evolution. Oder: Der Untergang
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Alles in allem war das Jahr 2062 eigentlich kein so schlechtes Jahr gewesen; zumindest kein ungewöhnliches. Dabei hatte sich zuvor Ungewöhnliches genug ereignet, wenn man auf die letzten Jahrzehnte zurückblickt. Die lange absehbare ökologische Krise hatte sich bald zu einer lebensbedrohlichen Krankheit entwickelt. Sie wäre schon Herausforderung genug gewesen, aber die Umweltprobleme trafen auf eine Menschheit, die ihre eigenen Probleme mit sich hatte. Wir waren einfach zu viele geworden. Die Ungleichheit nahm zu, ebenso der Nationalismus und die Fremdenfeindlichkeit, die Konflikte innen wie außen verschärften sich; die düstere Liste ließe sich leicht verlängern.
Doch die Politik hatte die Krise lange nicht bewusst wahrgenommen, vor allem die Größenordnung des Problems nicht erkannt; oder als nicht lösbar ad acta gelegt. Zugegeben: Viele der Prozesse waren schleichend, es gab graduelle Veränderungen; sie unterliefen wegen ihrer Langsamkeit die Wahrnehmungsschwelle. Andererseits war anfangs nicht klar, wo die Grenzen der Belastbarkeit unseres Planeten lagen. Natürlich hätten wir es besser wissen müssen; Warnungen hatte es gegeben. »Ob das Ende der Evolution, das ab der Mitte des 21. Jahrhunderts droht, aufzuhalten sein wird, darüber entscheidet unser Tun in den unmittelbar vor uns liegenden Jahrzehnten«, hatte jemand im Jahr 2019 gesagt. Aber wir haben dieses Wissen nicht rechtzeitig in Handeln umgesetzt, vor allem fehlte es am Umdenken des Einzelnen. Als die Folgen endlich evident wurden und wir alle erkannt haben, dass wir nicht mehr so zukunftsvergessen weiterleben durften wie unsere Eltern und wie wir selbst auch, war es schon zu spät, blieben nur noch eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten. Fatal war vor allem die Kombination der Probleme, aus denen wir keinen Ausweg mehr fanden.
Da war insbesondere die Überbevölkerung, bei der uns viele allzu lange belehren wollten, dass die immer schneller mehr werdenden Menschen gar keine Überbevölkerung seien und alle ernährt werden könnten. Jede neue Verlaufskurve zum demographischen Wandel, wie es verniedlichend hieß, wurde zum Anlass genommen, Entwarnung zu signalisieren und Fehlalarm, während die Hütte doch gleichsam schon lichterloh brannte. Im Rückblick ist uns, die wir überlebt haben, klar, welch unheilvolle Tendenzen hier zusammenkamen. Von der Klimaerwärmung ganz zu schweigen und dann noch dem Impakt. Bei der Sicherung unserer natürlichen Lebensgrundlagen wäre jede Herausforderung für sich schon groß genug gewesen. Da war die Notwendigkeit, immer mehr Fläche für die Nahrungserzeugung zu gewinnen, und da war unser desaströser Umgang mit der Natur; die Art und Weise, wie wir sämtliche Lebensräume verändert haben, ohne dass dort noch Tiere und Pflanzen überleben konnten. Wir haben die Ressourcen ausgeplündert und das Land und die Meere verödet, als ob wir nebenan noch einen zweiten Planeten hätten, den wir dann als Nächstes bewohnen.
Die Erde hat sich inzwischen stark verändert, die Kontinente haben eine andere Gestalt. Wenn wir sie noch wie früher aus dem All sehen könnten, würde man die Küstenlinien der Kontinente nicht wiedererkennen. Es muss aussehen wie auf den einstigen Karten zur Kontinentalverschiebung. Der vom Menschen verursachte Klimawandel verlief viel schneller als ohnehin befürchtet, die Meere haben die Küsten kilometerweit landeinwärts überflutet und ließen uns wichtigen Raum und Schelfbereiche verlieren. Das Schlimmste war dann gar nicht mehr der Einschlag eines kleinen Meteoriten im Osten Afrikas. Seine Wucht sprengte entlang des Grabenbruchsystems von Arabien südwärts regelrecht die ostafrikanische Platte ab. Doch war weder das der Untergang, noch die jahrelangen Folgen überall auf der Erde.
Da gab es ohnehin schon weltweit große Verluste unter uns. Überschwemmungen und andere Extremwetter, durch die viele ihr Leben verloren. Auch immer wieder Massenpanik und Migration ins Inland, überall politische Unruhen, Kämpfe und Kriege um die immer knapperen und bald erschöpften Ressourcen. Zur ökologischen Katastrophe kam der ökonomische Zusammenbruch. Wir wollen uns die Details hier sparen; nur so viel: Es waren Jahre voller Gewaltexzesse von Menschen gegen Menschen, wie wir sie aus der Geschichte nicht kannten. Jeder war mit sich beschäftigt, keiner konnte dem anderen helfen. Krankheiten wuchsen sich zu globalen Epidemien aus, die ein Übriges taten. Sie hebelten die letzten sozialen Gemeinschaften aus und legten das Zusammenleben vollends lahm.
Es war traumatisch für jeden, der überlebt hat von den Milliarden Menschen. Wie viele wir heute noch sind? Wer weiß es schon, niemand zählt mehr.
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Aber es sind nur wenige davongekommen, verglichen mit dem, wie viele wir einmal waren. Und von einer belebten Umwelt mit größeren Säugetieren, mit Vögeln, Fröschen und Fischen oder Insekten, wie wir sie einmal kannten, in jenen fernen Kindertagen, haben wir wenigen Überlebenden uns längst verabschiedet.
Die Bevölkerung nicht zu begrenzen war sicher unser größter Fehler. Dabei wusste man, dass genau wie der Klimawandel auch der demographische Wandel ein langfristiges Phänomen war und man schon vor einem Jahrhundert hätte reagieren müssen. So wurden es dann sogar noch viel mehr Menschen als vorhergesagt. Bereits vor einem Jahrzehnt waren es deutlich mehr als die einst für die Mitte unseres Jahrhunderts prognostizierten knapp zehn Milliarden Menschen. Weit mehr als jene vorhergesagten vier Milliarden von ihnen lebten damals allein in Afrika. Und das war noch nicht einmal der Höhepunkt, denn auch in Asien kamen noch mehr als nur eine Milliarde Menschen dazu.
So akut das Problem mit der Überbevölkerung bereits Anfang unseres Jahrhunderts war, es blieb weitgehend ohne breite Resonanz in der öffentlichen Wahrnehmung. Über was haben sich die Menschen damals alles Gedanken gemacht: haben viel zu lange über Luxusprobleme wie Autofahren und Abgase, Fliegen und Fleischkonsum debattiert; haben sich über künstliche Intelligenz den Kopf zerbrochen, statt ihre eigene zu nutzen. Haben mit Milliardenaufwand die Anfänge des Universums und die Oberfläche vom Mars erforscht. Wie absurd kommt uns das alles heute vor, wo wir am Abgrund stehen und nicht einmal wissen, wie die Menschheit auf dieser Erde überleben wird. Aber damals über Bevölkerungspolitik zu reden galt in einigen Ländern beinahe schon als faschistisch. Oder es wurde geargwöhnt, die rapide wachsende Weltbevölkerung sei nur ein Argument der damals so übermächtigen Agrarlobby zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion und um weitere Maßnahmen zu rechtfertigen, das Land komplett in monotone Äcker zu verwandeln.
Der Traum von einer autonomen Selbstregulation der Bevölkerung war angesichts unserer Verhaltensmöglichkeiten indes bald ausgeträumt; die vielfach heraufbeschworene »population bomb« zündete dann doch und brachte Chaos, Kriege und Katastrophen. Wir hatten einfach nicht verstanden, was es heißt, in einer menschenvollen Welt zu leben, in der dann zusätzlich alle lebensnotwendigen Ökosysteme wie Regenwälder, Böden und Meere an den berühmten Kipp-Punkt gerieten.
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Einer sagte einmal, wir seien damals eine »suizidale Menschheit« gewesen, in der niemand in der Lage war, weder der Papst in Rom noch eine andere Instanz, in Sachen Geburtenkontrolle die Stimme zu erheben, obgleich brisante Probleme damit verknüpft waren - Armut und Hunger, Elend und Gewalt, mangelnde Bildung, Selbstbestimmung und Rechte der Frauen und so vieles andere. Aber just die menschliche Bevölkerungsentwicklung erwies sich dann als singulärer biologischer Faktor für die Zukunft unseres Planeten.
Wie vorhergesagt kam es vor allem in Afrika zur Massenmigration von Menschen, die in ihrer Heimat ihre Umwelt verloren hatten. Zu Millionen machten sie sich auf und verließen ihre verwüsteten Länder. Gewaltige Flüchtlingsströme zogen über Jahre zuerst über Europa und Asien hinweg, mit Schockwellen auch in Amerika und bis nach Australien. Niemand konnte die Massen mehr aufhalten oder gar aufnehmen, die alles regelrecht überrannten. Anfangs waren die gekommen, die ein besseres Leben suchten; am Ende kamen sie, um ihr Leben bis zum nächsten Tag zu retten.
So rächte sich die beständige Ignoranz, dass dort in Afrika ein ganzer Kontinent gärte; mit Ländern, in denen zuvor über Jahrzehnte vieles im Argen gelassen worden war. Mit korrupten Regierungen und Ländern, weit entfernt von einem Rechtsstaat mit funktionierender Verwaltung und etwa Rechnungshöfen, in denen viele Herrscher Blut an den Händen hatten, in denen wenige die Kontrolle über alles hatten, entscheidende Posten nach Ethnien, nicht nach Kompetenzen besetzt wurden, in denen es kaum eine Zivilgesellschaft gab, in der Passivität und der Glaube vorherrschten, alles Gute käme von außen. Vor allem dort rächte sich, Bildung so lange komplett vernachlässigt zu haben, vor allem die der Frauen, und weder in Schulbau noch in Lehrer- oder Handwerker-Ausbildung zu investieren.
Die Urbanisierung: Von den Milliarden Menschen, die wir bis Mitte unseres Jahrhunderts geworden waren, lebten die meisten bald in immer über-füllteren Städten; mit allen Problemen, vom Müll bis zu mafioser Kriminalität. Lange vor dem Jahr 2062 war indes bereits das endgültige Aus vieler der einstigen Megacitys gekommen, weil sie kaum zufällig in Küstennähe unserer früheren Welt lagen. Erinnern wir uns nur an das Beispiel von Indonesiens Hauptstadt Jakarta, die zuletzt über weit mehr als zehn Millionen Bewohner hinausgewachsen war. Auch sie war absehbar dem Untergang geweiht, nachdem schon um 2030 nahezu vier Fünftel ihres Stadtgebiets unterhalb des Meeresspiegelniveaus lagen und es folglich immer wieder
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zu verheerenden Überschwemmungen kam - wie übrigens auch in vielen anderen Metropolen rund um den Globus, von Tokio über New York bis Lagos. Auf Borneo, mitten im einstigen Regenwald, hatte Indonesiens Regierung noch versucht, eine Reißbrettstadt aus dem Boden zu stampfen. Doch die Weltstadt im Wald erwies sich als Wahnsinnsprojekt; und schon als Anfang der 2030er Jahre die ersten Bewohner aus Jakarta übersiedelten, waren die Auswirkungen auf den Lebensraum absehbar. Einst war die drittgrößte Insel der Erde der letzte Rückzugsort vieler ohnehin vom Aussterben bedrohter Tierarten; man kann sie gar nicht alle aufzählen, so artenreich war die Region. Doch die Politiker glaubten, und mit ihnen damals die meisten Menschen, sie hätten keine andere Wahl.
Dort wie anderswo lebten bald die meisten der Milliarden Menschen in immer größer werdenden urbanen Ballungsräumen, gänzlich ohne Natur in einer zunehmend künstlichen Umwelt, wie sie uns die ersten dieser Me-gacitys - etwa Shanghai, Chongqing, Tokio, Osaka und Mexiko-City - vorgeführt hatten. Um die Menschen in den Städten zu ernähren, mussten aber auf dem verbliebenen Land immer mehr Nahrungsmittel erzeugt werden. Man hatte anfangs - beinahe kommt es uns heute lächerlich vor -zwar noch damit experimentiert, landwirtschaftliche Produktion auch in die Städte zu verlegen, aber funktioniert hat das nie so recht.
Bei der Landwirtschaft steckte die Menschheit schnell in der Zwickmühle, denn ihre wachsende Zahl musste der Erde drastisch mehr Nahrung abringen; heizte dadurch nicht nur das Treibhaus Erde immer mehr auf, sondern verbrauchte immer mehr Flächen. Die Landwirtschaft wurde so zum größten Feind der Artenvielfalt. Der Widerspruch zwischen Essenwollen und Erhaltenmüssen wurde zur Engstelle unseres Jahrhunderts. Denn die dringend benötigten Ertragssteigerungen und Produktionszuwächse gingen stets zu Lasten der Biodiversität, vor allem in den tropischen Entwicklungsländern in Afrika südlich der Sahara, in Südamerika und in Südostasien. Dort war die Artenzahl anfangs noch am höchsten gewesen, dort verloren wir dann schnell die meisten Arten; Millionen, so meinten die Experten (die dann aber auch bald keiner mehr brauchte).
Anfangs wollten immer mehr Menschen auf der Erde, sobald es ihnen etwas besser ging (und es ging ihnen anfangs sogar noch besser!), so wie wir einst im Norden auch immer mehr Fleisch essen. Fleischkonsum galt als erstrebenswerter Luxus, der die Landwirtschaft vor sich hertrieb und dadurch die globalen Treibhausgasemissionen befeuerte.
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Die dazu nötige großflächige Ausdehnung der Ackerländer wurde lange nicht als so gravierend angesehen, dabei waren die Folgen der Agrarexpansion für die Biodiversität um ein Vielfaches stärker als die einer bloßen Intensivierung.
Lange jedenfalls hing man dem Glauben an, unsere Erde könne zehn oder noch mehr Milliarden Menschen ernähren, und das gesund und klimagerecht, wenn wir alle nur weniger Fleisch äßen. Lange hielt sich der Irrglaube, an sich reiche die bestehende Ackerfläche und es gäbe dennoch genug für jeden, wenn man nur sorgfältig genug mit den Flächen umginge. Doch wir haben die Gier der Menschen unterschätzt, die dann für mehr Nahrung und mehr Fleisch auch immer mehr Landfläche und Ressourcen verbrauchten; gleichzeitig aber ein Drittel der produzierten Nahrung zwischen Ernte und Essen verloren und auch nicht damit aufhörten, ein weiteres Drittel an Tiere zu verfüttern oder zur Energiegewinnung zu verfeuern.
Wie sollte das alles auch zusammenpassen? Klar war bald, dass die Weltbevölkerung immer rasanter wuchs, um mehr als ein Drittel bis zum Jahr 2050; gleichzeitig verdreifachte sich die Nahrungsproduktion. Weil aber die Vielen nicht nur satt werden mussten, sondern immer mehr auch besser essen wollten, beanspruchte die Menschheit immer mehr Acker- und Wei-defläche für sich. Weltweit ging dadurch immer mehr Land für die Natur und Raum für die Tiere verloren; mit der Konsequenz, dass wir ein gigantisches Artensterben in Gang gesetzt haben - und am Ende vor allem deshalb dann doch alle hungerten.
Denn obgleich spätestens ab 2020 vielen klar wurde, dass wir immer mehr Flächen vor allem im Subsahara-Raum und in Südamerikas Wäldern für immer mehr Landwirtschaft umwandelten, konnte weltweit die jährliche Getreideernte den Bedarf immer seltener decken. Nicht zuletzt trugen aufgrund ausbleibenden Regens die zunehmenden Dürren und andere Extremwetter dazu bei, dass die Vorräte bald aufgebraucht waren. Dann begann das Nahrungsmittelangebot zu sinken. Waren am Anfang unseres Jahrhunderts noch 800 Millionen Menschen unterernährt und hungerten, wurden es schnell immer mehr; während es dennoch nicht gelang, die Nahrungsmittelverschwendung zu reduzieren. Es entstanden überall riesige Agrarsteppen mit intensiv betriebener Landwirtschaft, die indes Tieren wie den letzten Vögeln und Insekten, die wir nicht mit Agrargif-ten umgebracht haben, immer weniger Lebenschancen ließen.
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Besonders am Äquator erwies sich der Anbau von Feldfrüchten als immer schwieriger, mit der Folge, dass sich die großen Wüstengebiete dort noch weiter ausbreiteten. Als die Trockenheit weiter zugenommen hatte, wurden viele Regionen auch für den Menschen kaum noch bewohnbar; auch sie flohen daraufhin in die Städte oder in andere Länder.
Weil wir die Vielfalt auf dem Acker überall zurückgedrängt hatten, wurde unser ganzes Landwirtschaftssystem anfälliger. Fatalerweise ernährte sich die Menschheit zu 90 Prozent von nur 15 Getreidearten, bei denen man die Widerstandsfähigkeit einseitig der Effizienz unterordnete. So kam es dann nicht bei einer, sondern gleichzeitig bei mehreren der Pflanzenarten zu Problemen mit der genetischen Fitness; wenig überraschend, weil Biologen genau davor lange gewarnt hatten. Unsere Nahrungspflanzen, vom Weizen bis zum Mais und Reis, konnten bald die Infektionen von Pilzen, Bakterien und anderen Schädlingen nicht mehr abwehren. Als man diese nicht mehr rechtzeitig kontrollieren konnte, brachen immer wieder lokal Hungersnöte aus.
Dabei hatte man sich gerade von widerstandsfähigen, gentechnisch veränderten Pflanzen viel versprochen; wie die Menschen überhaupt gern darauf vertrauten, dass sich schon irgendwann eine technologische Lösung für ihre hausgemachten Probleme finden lassen würde. Hatten nicht menschliche Erfindungsgabe und technischer Fortschritt gerade in der Landwirtschaft einst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr Menschen ernährt, als zuvor erwartet worden war? Diesmal aber versagte die Technologie, und weder Züchtung noch neue gentechnische Werkzeuge konnten letztlich verhindern, dass sich bestimmte Schädlinge schnell auf die wenigen Sorten und Varianten unserer Nahrung eingeschossen hatten. Und schweigen wir von den Versuchen, künstliche Nahrung im Labor herzustellen.
Irgendwann gab es einfach nicht mehr genug Lebensmittel, sauberes Wasser eingeschlossen, für die Milliarden von Menschen, die wir geworden waren. So viele sind daran gestorben! Die anderen an den Folgen der Knappheit, von gräulichen Krankheiten bis zu den ewigen Verteilungskämpfen und -kriegen.
Die Regenwälder vor allem hätten wir nicht so rücksichtlos vernichten dürfen, das wissen wir heute besser denn je. Überhaupt war der großflächige Verlust der Wälder der Erde, vor allem der besonders artenreichen der Tropen, wohl unser größter Fehler. Um das Jahr 2020 etwa ging weltweit mehr als dreimal so viel Wald verloren, wie wieder aufgeforstet wurde; und das war noch nicht einmal auf dem Höhepunkt des Kettensägenmassakers
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und der großflächigen Brandrodungen am Amazonas, aber auch im südlichen Afrika und in Südostasien. Beinahe überall, von gebirgigen Gebieten auf Neuguinea einmal abgesehen, waren anschließend der Wald gerodet und die Natur gebrandschatzt worden. Über Jahrzehnte war es nicht gelungen, die Abholzung der auch für das Klima so wichtigen Wälder insbesondere am Amazonas und in Afrika zu stoppen, wo immer mehr Regenwälder gerodet wurden, um Nutzland zu gewinnen und Platz für landwirtschaftliche Flächen zu schaffen.
Doch die tropischen Regenwälder standen auf äußerst armen Böden; als der Wald verschwand, lagen die Flächen schnell brach. Anfang des 21. Jahrhunderts, als bereits die Hälfte allen Tropenwaldes der Erde abgeholzt war, hatten Ökologen noch vorgerechnet, dass von den gerodeten Flächen in der Größenordnung von weltweit rund sieben Millionen Quadratkilometern nur zwei Millionen als Ackerland dienten, so viel wie die halbe Fläche Europas. »Wer heute immer noch glaubt, Waldrodung würde unbedingt die Wirtschaft ankurbeln, sollte einmal diese verödeten Landstriche aufsuchen«, hatten namhafte Forscher gemahnt. »An Orten wie diesen wird unsere Erde ärmer. Arten und Lebensformen, die verschwinden, sind für immer verloren«, so einst einer der führenden Ökologen. Die Erde sei kein Jurassic Park. »Wir können ausgestorbene Tiere nicht wieder aufwecken wie im Film.«
Und wer meinte, tropische Regenwälder ließen sich nach Belieben einfach wieder aufforsten, hatte noch immer nichts verstanden. Diese Wälder sind viele Hunderte, ja Tausende Jahre alt; da reicht es nicht, ein Bäumchen zu pflanzen. Und wir haben nicht die Zeit zu warten, bis wieder Wälder wachsen. Wir hätten schützen müssen, was wir von der Evolution ererbt hatten, und treuhänderisch damit umgehen.
Vor allem in Indonesien und in Brasilien war bald die kritische Marke erreicht. Die Regenwald-Ökosysteme kippten regelrecht, ganze Regionen waren plötzlich ohne Regen, das Wasser wurde allerorten knapp, das Grundwasser sank; das Land wurde schließlich selbst für Viehzucht ungeeignet. Über der waldfreien Landfläche, die ohne Schutz unter der tropischen Sonne lag, bildeten sich keine Wolken mehr. Die verbliebenen Waldreste konnten nicht mehr den vielen freigesetzten Kohlenstoff einlagern. Dagegen haben dann auch die wenigen und zu spät begonnenen Aufforstungsprojekte, mit denen man eine Art »grüne Mauer« errichten wollte, nichts geholfen. Schließlich breiteten sich Savannen und Wüsten aus; die Erde heizte sich auf.
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Die Biodiversität dagegen hatte man lange nicht als Problem erkannt, jedenfalls anders als das Klima weiterhin über Jahrzehnte vernachlässigt und bei internationalen Regierungskonferenzen auch »no deal« und »no target« verhandelt. Weil der Bedarf an weiteren Agrar- und Siedlungsflächen immer mehr stieg, hatte man der Natur keine Gebiete, den Tieren und Pflanzen keinen Platz mehr gelassen. Heute müssen wir uns fragen: Wie konnten wir damals - angesichts des unverminderten Bevölkerungswachstums als Hauptursache weltweiter ökologischer Probleme und gleichzeitig steigenden Ressourcenverbrauchs - wirklich ernsthaft gehofft haben, dass sich Regenwälder und Riffe, Forste, Flüsse und Seen, Meere und Mang-roven nachhaltig und in hinreichend großem Stil und einschließlich der darin lebenden Artenfülle schützen lassen? Und das vor allem in den damaligen Entwicklungsländern, in denen einerseits die Biodiversitätszentren lagen, mit der Mehrzahl der biologischen Artenvielfalt der Erde, in denen andererseits das unkontrollierte Bevölkerungswachstum diese Vielfalt besonders in Gefahr brachte?
Zunächst ging weltweit auch nicht die Zahl der ausgestorbenen Arten zurück, weshalb der Artenschwund für einige lange gar nicht wie ein Problem aussah. Anfangs schwand allmählich nur die Zahl der Lebewesen, der einzelnen Individuen; dann wurden es immer mehr, schließlich waren es ganze Populationen. Mit ihnen aber verschwand auch die genetische Variation, die dann als Rohstoff für die Evolution fehlte, die wiederum damit ihre schärfste Waffe im Kampf ums Überleben verlor - ihre Fähigkeit zur Anpassung an eine sich verändernde Umwelt. Dass diese Vielfalt nicht mehr zur Verfügung stand, war der Anfang vom Ende der Evolution.
Viel zum allgegenwärtigen Artenschwund beigetragen haben unkontrollierte Jagd, Wilderei und die nicht nachhaltige Fischerei. Nachdem wir längst die Meere geplündert haben, gibt es schon seit Jahrzehnten keinen fangfrischen Fisch mehr; auch unter den Süßwasserfischen hat dadurch ein großes Artensterben um sich gegriffen. Und ansonsten lebt in den durch den Klimawandel bedingt versauerten Meeren längst kaum noch ein Kalk produzierendes Tier, weder Muscheln und Schnecken noch Korallen oder Seesterne und Seeigel.
An Land haben als heilsbringende Pflanzenschutzmittel verkaufte Gifte vielen Tieren ober- und unterhalb des Bodens und in den Gewässern den Garaus gemacht. Lange hatte man geglaubt, dass sie nur gegen sogenannte Schädlinge wirken
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und auch nur dort auf den Pflanzen, wo sie direkt ausgebracht wurden. Doch die hochtoxisch wirksamen Gifte haben sich überall fein verteilt, haben Äcker und ihre Umgebung zu wahren biologischen Wüsten gemacht; sie haben mit einem weltumspannenden Vergiftungskreislauf erst die Insekten getötet und dann die gesamten ökologischen Nahrungsnetze durcheinandergebracht.
Vom Menschen eingeschleppte invasive Arten haben ein Übriges beigetragen. Sie haben zwar scheinbar die Artenzahlen in einigen Regionen kurzfristig ansteigen lassen und sogar bei einigen Experten anthropozäne Begeisterung geweckt. Doch dann haben sie die Welt nicht nur in biologischer Hinsicht gleichgeschaltet und homogenisiert, indem nur noch die wenigen kulturfolgenden Allerweltsarten überlebten. Vor allem konnten die invasiven Arten nicht die ökologische Funktion der einst heimischen Formen ersetzen, die in besonderer Weise an die lokalen Bedingungen an-gepasst waren.
Mit der schwindenden Artenvielfalt gingen die ökologischen Funktionen der Lebensräume überall an Land und zu Wasser verloren. Und noch schneller als ohnehin verschwanden die letzten Wälder und Savannen; erst wurde alles Ackerland, dann bald verwüstetes Brachland. Größere Tiere lebten da längst nicht mehr, weder die einstmals prächtigen Herden in den Savannen Afrikas noch die Heerscharen an oft eher unscheinbaren Tieren in den einstigen Regenwäldern. Von unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen wie Schimpansen und Orang-Utans, ganz zu schweigen. Unsere Erde wurde kein Planet der anderen Affen, die sich nun an unserer statt aufzuschwingen begannen. Zwar wussten wir längst, dass auch sie gemeinsam planen können und potenziell in der Lage gewesen wären, sich als hochintelligente Wesen weiterzuentwickeln, wo wir so offenkundig versagt haben. Aber wir haben sie sämtlich mit ihren natürlichen Waldlebensräumen ausradiert.
Der letzte Schimpanse starb, es ist gar nicht so lange her, in einem Zoo irgendwo in Amerika, als dort hungrige Menschenhorden über die Stadt herfielen. Was in den Siedlungen der Menschen überlebte, waren neben Kakerlaken vor allem kleine nächtliche Nagetiere, Mäuse und Ratten. Auch die haben eine erstaunlich hohe soziale Organisation und sind sehr lernfähig. Vielleicht werden sie nun tatsächlich, wie einige vorhergesagt haben, auch zu den Resteverwertern einer gänzlich nachmenschlichen Zeit.
Was bleibt als Ausblick? Hilft es uns hier im Rückblick zu fragen, was wir hätten anders machen sollen? Sicher wissen wir heute, im Jahr 2062, dass der Raubbau an der Erde und unsere Wirtschaftsweise voll auf den Menschen zurückgeschlagen sind. Aber wusste man das vor einem halben Jahrhundert nicht auch schon? Eines sehen wir jetzt vielleicht klarer: dass zuerst überzogener Konsum und hoher Ressourcenverbrauch in den reichen und wohlhabenden Industrieländern eine unheilvolle Entwicklung in Gang gesetzt haben. Dass dann aber auch das Wirtschaftswachstum in den Schwellen- und Entwicklungsländern, von dem man sich übrigens auch eine Begrenzung des Bevölkerungswachstums erhofft hatte, seinen Beitrag zur Verschärfung von Ressourcenknappheit, Klimawandel und Artensterben geleistet hat.
Wohlstand ließ sich nirgends verbieten oder Konsum so einfach unterbinden, alle wollten immer mehr, wollten auch Fleisch und Milch, wie der einstige entwickelte Westen. Lange aber haben die Menschen auch an das verbindende Narrativ geglaubt, dass Wirtschaftswachstum der Armutsbekämpfung dient und nicht etwa Konsummäßigung. So hat der angehobene Lebensstandard erst bei den Massen in Asien und dann in Afrika und Südamerika zur grenzenlosen Ausbeutung und Plünderung des Planeten geführt.
Wir haben die Welt lange beherrscht, dabei deren Natur vergewaltigt, ohne die Tiere und Pflanzen zu bewahren. Wir haben aus Egoismus und Gier gegen die Interessen der nächsten Generation gehandelt. Unsere Kinder und Enkel haben uns vielfach dafür verflucht. Uns, die wenigen Menschen, die nach dem Weltenbrand noch übrig geblieben sind. Sicher: Das Leben wird weitergehen - das Jahr 2062 ist nicht wirklich das Ende der Evolution, wie vor langer Zeit einmal jemand vorhergesagt hat. Auch wenn unsere Zeit sicher so etwas wie einen Wendepunkt in der Naturgeschichte markiert; und wir eine Welt hinterlassen mit nur mehr einer sehr stark verarmten Natur.
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