6 Rückschau auf 2062, Version zwei
Glaubrecht 2019
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Das Erbe der Evolution. Oder: Die Rettung
Alles in allem war das Jahr 2062 eigentlich kein so schlechtes Jahr gewesen; zumindest kein ungewöhnliches. Dabei hatte sich zuvor Ungewöhnliches genug ereignet, wenn man auf die letzten Jahrzehnte zurückblickt. Schneller denn je in der jüngeren Erdgeschichte waren am Anfang der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts Lebensräume und biologische Vielfalt verloren gegangen, die Leistungsfähigkeit der Ökosphäre war in Gefahr, und unsere Lebenserhaltungssysteme waren bereits arg strapaziert. Weltweit hatten daraufhin Wissenschaftler immer wieder gefordert, die Notbremse zu ziehen und eine Systemänderung einzuleiten.
Tatsächlich blieb nicht folgenlos, was ein von den Vereinten Nationen beauftragter umfassender Bericht im Jahr 2019 offengelegt hatte. Dass es noch enger werden würde für die Biodiversität der gesamten Erde, wenn die Bevölkerung weiter wie zuvor wächst, aber auch alle Menschen satt werden sollen. Zwei Dinge trugen dann zu einer neuen Einsicht bei: zum einen, dass es eine irrige Ansicht gewesen ist, die Erde könne noch vier oder gar mehr Milliarden Menschen tragen, die Nahrung für alle ausreichen -und die Natur dennoch überleben. Zum anderen die Einsicht, dass die Art und Weise unseres Wirtschaftens die Grundlage unserer Existenz zerstörte. Die Biodiversitätskrise zusammen mit dem ebenfalls menschengemachten Klimawandel stellte unser globales System in Frage, einschließlich Wachstum und Konsum. Sie machte den Menschen klar, dass wir stattdessen ein nachhaltiges System zur Nutzung der Natur entwickeln, uns zu einer ökologisch gerechteren Politik durchringen mussten. Es ging um einen »transfor-mativen Wandel«, wie es damals hieß; um neue globale Regeln zum Schutz der Natur und unserer Zukunft.
Immer mehr Menschen haben seitdem verinnerlicht, dass solch ein Systemwechsel nicht nur die Umstellung des Energiesystems mit sich bringen müsste und eine weltweite Agrarwende. Es brauchte tatsächlich mehr: eine Transformation unseres Wirtschaftens insgesamt. Endlich kam es zu einem erheblichen und tiefgehenden Bewusstseinswandel. Plötzlich ging den Menschen auf, dass die Zukunft unserer Erde und unseres Überlebens von der Art und Weise abhing, wie wir das Land und die Meere nutzten. Plötzlich wurde klar, dass der wahre Gewinn letztlich in mehr Lebensqualität für alle lag. Eine Lebensqualität mit dem »Luxus klarer Luft und sauberen Wassers, dem Genuss vielfältiger und lebendiger Natur«, wie man damals las; und die mangels bezifferbaren Wertes in keine Kalkulation einfließen konnte, weshalb man das Konzept der Bioökonomie bald wieder verwarf. Lange hatten einige geglaubt, man müsse die Leistungen bepreisen, die die Natur erbringt; weil wir sie nur wertschätzen und aufhören zu zerstören, wenn es etwas kostet. Andere dagegen, wie der seinerzeit berühmte Ökologe Edward O. Wilson, hatten schon im Jahr 2019 gesagt, dass der Vielfalt des Lebens einen Geldwert zu geben der sichere Weg sei, sie zu töten.
Tatsächlich erkannte man damals, dass bei vielen Arten und Lebensräumen eine monetäre Zuweisung nicht möglich war und ökologisch nachhaltiges Wirtschaften so nicht wirklich funktionierte. Vielfach war damals gar nicht zu erkennen, welche Arten mit welchem ökonomischen Nutzen wir zerstörten. »Wenn wir dies nicht wissen, können wir auch den Wert nicht beziffern.« Bis dahin war es in jedem Fall billiger gewesen, etwa den Regenwald abzuholzen als ihn zu schützen; es war einfacher, Ackerflächen auszubeuten und die Tiefsee oder die Meere leerzufischen. Die Natur bekam ihren intrinsischen Wert zurück, als immer mehr Menschen klar wurde, dass wir spätestens in der nächsten Generation für die Überbeanspruchung der Erde mit dem Überleben zahlen würden.
Und so begannen sie im Wortsinn zu zahlen, für den Erhalt der Natur und den Artenreichtum, dort, wo er vor allem zu finden war; etwa in den Ländern des globalen Südens, für die Einrichtung und den Erhalt großer Schutzgebiete, in die viel Geld floss, damit die dort lebenden Menschen die Natur nicht ausbeuten mussten, um zu überleben. Endlich hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass zwar die anfangs ärmeren und bevölkerungsreicheren Länder der Erde die Folgen der Zerstörung unserer Umwelt mehr zu spüren bekamen; dass wir letztlich davon aber alle betroffen sein würden und das Artensterben und die Verluste der belebten Natur langfristig auch für die Bewohner im globalen Norden nicht ohne Konsequenzen bleiben würden. Also wurde vereinbart, dass zur Rettung der Natur jede Nation nach ihren jeweiligen Möglichkeiten beitragen sollte. Und so machte der Homo sapiens seinem Namen endlich alle Ehre, spielte seine evolutive Fähigkeit zur Bewältigung komplexer Probleme und seine intellektuelle Stärke aus, dafür in diesmal weltweit kooperativer Weise Lösungen zu finden.
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Die Welt würde eine andere werden, das war bald klar, so oder so. Aber in die Welt noch am Ende des 20. Jahrhunderts wollte längst keiner mehr zurückkehren; so wenig wie es etwa erstrebenswert wäre, dass man wie früher überall rauchen darf (einschließlich im Restaurant und auf einem Trans-atlantikflug). Doch anders als etwa das Rauchen aufzugeben hieß weniger Konsum nicht zwangsläufig, ein gutes Leben aufzugeben. Es bedeutete, davon waren bald immer mehr überzeugt, sich um die Umwelt zu kümmern und die Natur zu schützen.
Klar war aber auch, dass dafür alle Menschen auf der Welt ihren Lebensstil ändern mussten. Vor allem mussten die einen sich einschränken, um auch anderen ein Leben zu ermöglichen. Und die anderen durften nicht hoffen, sich auf diesen gleichen Entwicklungsweg zum überzogenen Konsum überhaupt erst zu begeben. Längst hatte sich abgezeichnet, dass die reichen Nationen, die damals indes kaum mehr als zehn Prozent der Weltpopulation stellten, mehr als die Hälfte des gesamten Bruttoinlandsprodukts erwirtschafteten und daran ablesbar durch ihren hohen Konsum die Ressourcen der Erde erheblich belasteten, etwa indem sie die Hälfte der Energie nutzten und die Hälfte der Treibhausgase produzierten, aber auch einen erheblichen Teil der Biota für sich ausbeuteten.
Diese Ungleichheit und das gewaltige Gefälle - etwa bei Einkommen und Wohlstand, aber umgekehrt auch bei Naturschätzen und Rohstoffvorkommen, bei Bevölkerungszahlen und Biodiversität - zwangen alle an den Verhandlungstisch. Guter Wille allein reichte da nicht; die Konferenzen waren hohe Diplomatie, und der Umbau erforderte in den einzelnen Ländern große Staatskunst. Bei den international ausgehandelten Übereinkommen fand man schließlich kooperative Lösungen, bei denen alle wichtigen Länder zusammenarbeiteten, jedes nach seinen Möglichkeiten.
Doch war hier nicht nur die Politik gefordert; auch zivilgesellschaftliches Handeln musste erst intensiv erarbeitet werden. Wir schweigen hier davon, wie viel Anstrengungen dies nicht nur in den Industrienationen, sondern gerade in den asiatischen und afrikanischen Ländern erforderte, die ja alles andere als demokratisch organisiert waren. Letztlich funktionierte es nur, weil die Industrienationen plötzlich in dieser Hinsicht zu Vorbildern wurden; sie hatten mehr Wohlstand und mussten diesen teilen. Vor allem mussten sie zahlen; denn die Rettung der Welt kostete Geld, sehr viel Geld.
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Die Bevölkerung und ihr Wachstum wurden endlich als Leitkurve angesehen, aus der sich alle anderen Symptome der globalen ökologischen Krise ableiten ließen. Erst als die Überbevölkerung endlich zum wichtigsten Thema gemacht wurde, erfolgte der Durchbruch; wurde nicht länger verschwiegen, dass die menschliche Population eine Schlüsselrolle beim Verlust der Artenvielfalt und der Degradierung natürlicher Lebensräume spielte. Noch bis in die ersten beiden Jahrzehnte unseres Jahrhunderts hatte fehlgeleitete politische Korrektheit sogar viele Wissenschaftler und Umweltschützer davon abgehalten, das Offenkundige als Hauptverantwortlichen zu benennen: dass zu viel Homo sapiens der kritische Faktor bei allem war, dass der Mensch sämtliche Umweltprobleme verursachte und seine schiere Zahl sie noch verschlimmerte. Und dass es keinen Grund zur Entwarnung gab, nur weil die ersten Vorhersagen einer Bevölkerungsexplosion (die gab es schon in den 1960er Jahren) nicht eingetreten waren.
Nach der Wende zu unserem Jahrhundert nahm zwar nicht nur in den Industrienationen und vielerorts in den Entwicklungsländern die Geburtenrate ab; doch dieser Eindruck täuschte niemanden mehr, zumal der Rückgang nur sehr leicht war und die Rate im globalen Schnitt noch immer viel zu hoch lag. Die Trägheit dieser Leitkurve, das wurde dann in den Jahren danach immer deutlicher, hätte dazu geführt, dass erst irgendwann nach dem Jahr 2100 der Zenit des Populationswachstums erreicht worden wäre; erst von da an wäre die Kopfzahl von elf oder zwölf Milliarden, vielleicht aber auch von mehr Menschen wieder gesunken. Das aber wäre eindeutig um Jahrzehnte - ja, vermutlich um ein halbes Jahrhundert - zu spät gewesen für die Vielfalt der Arten auf der Erde, für viele der irdischen Ökosysteme und damit auch für die Menschheit. Nichts davon wäre zu retten gewesen, das haben die Wissenschaftler deutlich gemacht und die Menschen endlich verstanden.
Schließlich hat die Politik diese Erkenntnis aber auch umgesetzt, und es wurde tatsächlich in wenigen Jahrzehnten durch engagiertes und international koordiniertes Gegensteuern erreicht, dass das gefährliche Bevölkerungswachstum abflachte. Drastische Geburtenkontrolle, vor allem gezielt in den Ländern Afrikas, führte dazu, dass sich das zuvor rasante Wachstum reduzierte und bald sogar noch unterhalb der günstigsten Vorhersagen blieb. Heute sind wir wieder bei kaum mehr als acht Milliarden Menschen, von denen ein Großteil in Afrika lebt. Die Bevölkerung dort wurde systematisch aufgeklärt, bekam freien Zugang zu Verhütungsmitteln, die Frauen
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wurden nicht mehr so oft und ungewollt schwanger. Endlich war es auch gelungen, die Mütter- und Kindersterblichkeit zu senken. So paradox es klingt, weil doch dadurch erst einmal mehr Menschen überlebten, hatte es tatsächlich den gegenteiligen Effekt. Der Zugang zur Bildung für Frauen war der Schlüssel. Mit einem höheren Bildungsgrad planten diese weniger Kinder ein; die wiederum erreichten jetzt öfter das Erwachsenenalter.
Dass die Geburtenrate derart drastisch sank, war auch einer wahrhaft historischen Wende zu verdanken. Nachdem die katholische Kirche ihre Statuten grundstürzend verändert hatte, wurde im Vatikan erstmals eine Frau Papa; und mit ihr gab die Kirche ihren Widerstand gegen Verhütung auf. Nun ließen sich sehr rasch eine selbstbestimmte Familienplanung und das Gesundheitswesen in Afrika ausbauen. Der Erfolg stellte sich nicht überall von allein ein; vielmehr mussten die Limits der menschlichen Bevölkerung rund um die Erde immer wieder neu verhandelt werden; einzelnen Ländern wurden dabei konkrete Ziele gesetzt, die mit der Ausdehnung der Flächen für die Natur und die Nahrungsmittelproduktion abzustimmen waren. Alles andere als eine einfache Sache, aber es ist dann doch gelungen.
Auch in der Landwirtschaft gelangen Durchbrüche, nachdem das »große Knappheits-Narrativ« - wie es anfangs etwas spöttisch tituliert worden war - als eine reale und konkrete Gefahr für die Menschheit akzeptiert worden war. Denn es drohten nicht nur Lebensmittel knapp zu werden, sondern auch die natürlichen Ressourcen wie Wasser und Böden. Die bange Frage war lange einerseits, ob die Produktivität der Landwirtschaft dem Bevölkerungswachstum hinterherkommt (das man vor allem deshalb parallel dazu versuchte einzugrenzen). Und andererseits ging es darum, eine neue Form von Agrarökologie als die Methode des 21. Jahrhunderts zu etablieren. Dazu zählten neben technologischen Innovationen auch ausreichende Freiflächen für die Natur rund um die Felder und Äcker. In Europa versuchte man dies anfangs vor allem durch kleine Blühstreifen und Lerchenfenster; man erkannte aber bald, dass das nicht ausreichte. Überall wurden aber auch gezielt Kleinbauern statt industrieller Großbetriebe gefördert, und in Afrika versuchte man, die Fehler vor der Agrarwende in Europa und Nordamerika gar nicht erst zu begehen. Landwirtschaft wurde in vielerlei Hinsicht neu gedacht, die mineralischen Dünger etwa durch organische ersetzt und hochgiftige Substanzen weltweit verboten, um nur
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zwei Beispiele zu nennen. Vor allem wurden allgemein biologische Praktiken wo immer möglich eingesetzt und auch der Handel eingebunden.
Lange wirkte noch die Doktrin nach, dass »Öko« niedrigere Ernten brächte und eine wachsende Bevölkerung ökologisch zu ernähren nicht funktionieren würde. Doch die Landwirtschaft wurde ökologisch und hochtechnisiert zugleich. Dabei gelang es gerade in Europa durch mehr Ökolandbau (lange hatte dort das bescheidene Ziel bei nur 20 Prozent gelegen), unsere Kulturlandschaft nicht noch eintöniger werden zu lassen. Irgendwann hatten dann auch die Letzten erkannt, dass die intensiven Nutzungsweisen kontraproduktiv waren, was den Erhalt der bedrohten Tier-und Pflanzenarten anging; dass aber deren Erhalt ein hoher Wert beigemessen werden und mit in jede Rechnung von Effizienz eingehen musste.
Das Umsteuern in der Landwirtschaft und bei der Lebensmittelproduktion war keine leichte Sache gewesen; und es dauerte Jahre und Jahrzehnte, die Art der Landbewirtschaftung ökologisch umzubauen. Schweigen wir auch hier von den vielen Details dieses schwierigen Prozesses; nur so viel: Dazu zählte neben neuem klimaerprobtem Saatgut für den Getreideanbau auch eine weltweite Ernährungsumstellung. Ohne weniger Tiere zu halten, um sie zu töten und zu essen, ging es dabei nicht; auch wenn es nicht gänzlich verpönt wurde, Fleisch zu essen.
Und Fisch kam längst aus Aquakultureinrichtungen; auch diese ökologisch umzubauen war ein Glanzstück. Doch es musste gelingen, weil viele Fischarten nach der großen Plünderung der Meere noch Jahrzehnte benötigten, um ihre Bestände wieder aufzubauen, die dann nur sehr schonend befischt werden konnten.
In den Regenwäldern hatte sich der Mensch lange als so etwas wie eine invasive Art benommen und über Jahrzehnte nicht davon abgelassen, die Biosphäre ins Anthropozän zu roden und zu brennen. Bis die Menschen endlich - buchstäblich in letzter Sekunde - erkannten, dass die Regenwälder zu erhalten sehr viel sinnvoller war als jede spätere Reparatur. Denn wer hier eingriff, der griff nicht nur in das Herz des Klimasystems, sondern auch in das der Biodiversität der Erde. Mehr als man zuvor geahnt hatte, erwiesen sich die tropischen Wälder als Waffe im Kampf gegen die Erderwärmung. Sie wurden endlich rigoros unter Schutz gestellt, weil sie sich auch als Schatztruhe der Artenvielfalt und durch ihre ökologische Funktionalität als eine Art Lebensversicherung bei Klima und Biodiversität erwiesen.
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Zusätzlich wurden auch Aufforstungen betrieben, mitunter im großen Stil; doch dies wurde vor allem auf solche Regionen konzentriert, wo zuvor die natürliche Waldbedeckung verloren gegangen war. Denn es zeigte sich bald, dass bei der echten Waldwildnis der Erde, die weltweit lange ebenso stark bedroht war wie die darin lebenden Tier- und Pflanzenarten, dasselbe Naturgesetz der Biodiversität galt: Weg ist weg, und einmal Verlorenes ist nicht wiederzubekommen. Einmal ausgestorbene Arten sind ebenso wenig wiederzubeleben, wie Wildnis wiederkommt; einmal gerodeter tropischer Regenwald lässt sich nicht einfach wieder aufforsten wie eine mitteldeutsche Kiefernschonung; intakte Ökosysteme sind nicht einfach wiederherzustellen. Die Wende kam, als die Menschen das endlich verstanden hatten und die verbliebenen Wälder rigoros schützten. Dazu zählte auch ein ökologischer Waldumbau, bei dem die früheren Holzplantagen allmählich abgeschafft wurden. Überhaupt bekamen Bäume beinahe eine mystische Bedeutung für den Erhalt der Biodiversität; sie zu fällen wurde bald zum schieren Sakrileg.
Der Schutz der Biodiversität und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt hatten sich etwa seit dem zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts endlich von einem Nischenthema zu einem Megathema von gesellschaftlicher und politischer Relevanz entwickelt. Nachdem die Signaturen einer übervölkerten Welt nicht nur durch Klimawandel, Entwaldung, Dürre und Bodenerosion, sondern auch durch das einsetzende Artensterben überall sichtbar geworden waren, begann man auch auf internationaler Ebene an jetzt wirklich geeigneten Gegenmaßnahmen zu arbeiten. Viele Ziele konkurrierten dabei miteinander, und es musste eine schwierige Balance zwischen ausreichender Nahrungsmittelproduktion, industriellem Wachstum und Konsum sowie dem Naturschutz und Erhalt der Artenvielfalt gefunden werden.
Schließlich einigte man sich auf einer als historisch zu bezeichnenden Biodiversitätskonferenz im Jahr 2022, ausgerechnet wieder in Rio de Janeiro - wo 1992 schon einmal die erste solcher Vereinbarungen beschlossen worden war. Nur wurden nun mit »Rio22« die Maßnahmen für alle Unterzeichnerstaaten verbindlich festgesetzt und ihre Verletzung auch international sanktioniert; ein eigener Gerichtshof wacht bis heute darüber. Um der Natur, den Tieren und Pflanzen, die uns am Leben erhalten, endlich wieder ausreichend Raum zu geben und ihnen neben Platz auch besondere Rechte einzuräumen, wurde anschließend tatsächlich auch Folgendes umgesetzt:
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Erstens: Der große Deal - Die EcoRegionen der Biodiversität
Acht Milliarden Menschen nutzten im Jahr 2022 global beinahe die Hälfte des Landes, entweder landwirtschaftlich oder für die wachsenden Städte und Infrastrukturen. Doch auch die Natur brauchte Freiräume weitestgehend ohne menschliche Nutzung. Daher wurde in Rio22 vereinbart, dass wir diese Räume zukünftig bereitstellen; und zwar in dem Maße, wie sie gebraucht werden, damit die Natur nicht weiter an den Rand gedrängt würde. Immerhin hatten beispielsweise die Bestände der Wildtiere bis dahin um mehr als drei Fünftel abgenommen, und es gab mehr Nutztiere des Menschen als Wildtiere (Rinder dominierten seinerzeit noch die Erde, ihre Lebendmasse war zwanzigmal so groß wie die aller Landwirbeltiere). Damals zeichnete sich ab, dass die bestehenden Schutzgebiete (anfangs waren es kaum mehr als 17 Prozent an Land und etwa zehn Prozent im Meer) längst nicht ausreichen würden, zumal deren Schutz oftmals nicht wirklich gut war, gar nur auf dem Papier bestand. Um den Artenschwund auf der Erde wirksam zu stoppen und die Biodiversität zu retten, wurden daher gezielt große Schutzgebiete ausgewiesen; und zwar in verschiedenen ökologisch repräsentativen Gebieten (EcoRegionen) rund um den Globus, die wichtige Ökosystemfunktionen übernehmen, von Regenwäldern bis zu Mooren und Meeresgebieten, von Savannen bis zu Seen.Dadurch gelang es in einem ersten Schritt - und allein das war in vielerlei Hinsicht, logistisch und politisch, eine wahre Kraftanstrengung -, bis zum Jahr 2030 mehr als ein Drittel der wichtigsten Land- und Meeresökosysteme wirksam unter Schutz zu stellen. Doch um die Lebensgrundlage auf der Erde dauerhaft zu erhalten, mussten wir noch weitergehen. Und so haben wir es geschafft, bis zum Jahr 2050 sogar die Hälfte der Erde mit einem ökologischen Netzwerk aus effizienten Schutzgebieten zu überspannen. Darin konnte sich dann tatsächlich ein Großteil der Artenvielfalt und damit unser Erbe der Evolution erhalten. Flankierend kamen allerdings noch drei weitere Maßnahmen dazu, ohne die es nicht gegangen wäre.
Zweitens: »Working lands« - Landschaftspflege im besten Sinne
Die entscheidende Erkenntnis am Anfang des 21. Jahrhunderts war sicherlich, dass überall auf der Erde die Umwandlung natürlicher Lebensräume in landwirtschaftliche Nutzflächen und andere Arten der Landnutzung der größte Verursacher des damals sich abzeichnenden sechsten Massensterbens war. Weil eben gerade dadurch der Lebensraum einer Vielzahl von
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Tieren verschwand, kam den landwirtschaftlichen Flächen der Erde eine enorme Bedeutung zu; immerhin nahmen allein sie damals 40 Prozent weltweit ein, in einigen tropischen Ländern aber bald schon deutlich mehr; gerade dort, wo sich zuvor weite Regenwälder erstreckt hatten. Dieses bearbeitete Land galt es nun auch im Sinne einer Sicherung natürlicher Artenvielfalt so weit wie möglich zu restaurieren, um die Tier- und Pflanzenwelt der Regionen zu retten. Es hatte sich beispielsweise herausgestellt, dass viele Vogelarten etwa in den Plantagen der Tropen als Ersatz für die einstigen Wälder erstaunlich gut zurechtkamen; solange noch irgendeine Art von Waldbedeckung übrig geblieben war und es in der Nähe noch Reste natürlichen Waldes gab.
So wurden landwirtschaftliche Flächen als »working lands« im Sinne der Biodiversität gepflegt, etwa durch gezielte Diversifizierung statt durch einseitige Monokulturen. Hierzulande etwa wurde die starke Intensivierung von einstigen Wiesen zu Äckern zurückgefahren und statt einer Industrie-Landschaft in der offenen Kulturlandschaft wieder die Strukturvielfalt gepflegt. So entstanden, gezielt gefördert durch systematische Rückumwandlung, wieder abwechslungsreichere Lebensräume. Die Verpflichtung zur Strukturvielfalt schloss übrigens die Gärten und Parks in vielen Städten mit ein; es gab verpflichtende Programme für jeden, um die Steinwüsten und Ödnisflächen wieder zu begrünen und zu beleben. So konnten vielen Tieren wieder Lebensräume geboten werden, Vögeln etwa Brutmöglichkeiten und ausreichend Nahrung. Überall bekamen der Erhalt und der Schutz strukturreicher, nahrungs- und deckungsreicher Landschaften Priorität. Und überraschenderweise erwies es sich dann als einfacher denn anfangs gedacht, die Kulturlandschaft wieder zu beleben, nachdem die Agrarexperten und Naturschützer dazu neue Methoden gemeinsam ausgehandelt hatten.
Überall wurde dadurch gezielt der Natur wieder Raum zur Entfaltung gegeben. Selbst in Ländern, wo dies anfangs schwierig war, weil es so gut wie keine ungenutzten Flächen mehr gab, gelang es durch Renaturierung von für die Landwirtschaft wenig ergiebigen Flächen, regelrechte Oasen von Menschenhand zu schaffen und diese zu einem landesweiten Biotopverbund zu vernetzen, über den die Tiere und Pflanzen auch im genetischen Austausch standen. Diese Renaturierungsmaßnahmen auf lokaler und regionaler Ebene verursachten in den meisten Ländern noch die geringsten Kosten dieses ökologischen Umbaus, auch weil sie vor allem durch private Stifter und Mäzene mitfinanziert wurden.
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Drittens: Das Netzwerk des Lebens
Spätestens kurz nach der Wende zum 21. Jahrhundert war deutlich geworden, dass wir das Überleben vieler Tier- und Pflanzenarten langfristig nicht sichern würden, wenn wir sie nur in isolierten Schutzgebieten einzugrenzen versuchten. Viele der früheren Maßnahmen in dieser Richtung hatten sich als völlig unzureichend erwiesen; die überkommenen Konzepte des Naturschutzes mussten grundlegend überdacht werden. Klar war auch bald, dass die bestehenden und selbst die neu ausgewiesenen Naturschutzgebiete und Nationalparks nicht ausreichten. Vielfach lagen sie wie Inseln im Ozean unserer menschengemachten und intensiv genutzten Agarland-schaften und Siedlungen. Dadurch hatten viele Arten in weit voneinander isolierten Populationen gelebt, ohne den nötigen genetischen Austausch. Gerade viele der jungen Tiere aber müssen auf Wanderschaft gehen können, um das elterliche Revier zu verlassen; sie müssen umherziehen können, um anderswo ein neues Territorium zu erobern und zu besiedeln.
Es brauchte also zweierlei: zum einen den Erhalt der Biotope, zum anderen deren ökologische Vernetzung. Dazu musste, auch ohne expliziten höchsten Schutzstatus, eine strukturreiche Landschaft erhalten und, wenn stellenweise nötig, auch wiedererschaffen werden. Verpflichtend geregelt wurde daher neben der Ausweisung von mehr Schutzgebieten und der ökologischen Verbesserung der »working lands« deren Vernetzung über »grüne Korridore«; gleichsam biologische Brücken aus intakten Lebensräumen und aus Landschaftsteilen, die gezielt renaturiert werden mussten. So entstand nicht nur hierzulande, sondern schließlich über die Jahrzehnte weltweit ein flächendeckender Biotopverbund, der sich wie ein grünes Netz mit starken Maschen über die Erde legte. Diese grünen Korridore ermöglichten die Ausbreitung von Tieren und stellten so die Wechselbeziehungen in der Landschaft wieder her.
Viertens: Das Recht der Natur
Nachdem die jahrhundertelange Naturzerstörung endlich als real erkannt worden war, vereinbarten immer mehr Länder auch einen juristischen Schutz für die Natur, indem sie Tieren, Pflanzen und sogar Landschaftselementen per Gesetz legale Rechte einräumten. Vorreiter waren da einige Länder Lateinamerikas gewesen, aber auch etwa Neuseeland. Zum Beispiel war in Ecuador im Jahre 2008 eine Verfassung verabschiedet worden, bei der Umweltrechte aus den Menschenrechten resultierten (man durfte dies
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allerdings nicht überbewerten, da das Land damals beinahe zeitgleich den Status bestehender Regenwaldschutzgebiete aufweichte, um dort Öl zu fördern). Auch in Bolivien wurde im Jahr 2013 ein Gesetz verabschiedet, das »die Mutter Erde« schützen sollte. Und im Jahr 2017 erklärte das Parlament Neuseelands mit dem Whanganui einen Fluss erstmals sogar zur juristischen Person (»legal personhood«) und setzte zur Wahrung seiner Rechte zwei Treuhänder ein, darunter einen Maori. Ohne Frage war dies ein leitbildhaftes innovatives Stück Umweltgesetzgebung; um einer Natur, die nicht für sich sprechen kann, endlich eine Stimme zu verleihen.
In ähnlicher Weise entstand bald in vielen Ländern eine ganz neue Art, Gesetze zu erlassen und die Natur dabei mit eigenen Rechten auszustatten. So wurden Grundrechte nicht nur für Kulturvielfalt, sondern auch für Artenvielfalt juristisch festgeschrieben. Zu diesen Naturgrundrechten, die den Menschen als Teil der Natur auffassten, gehörte auch das unveräußerliche Recht etwa auf sauberes Wasser und Luft und Boden. Seitdem haben wir auch in Europa ein ökologisches Gesellschaftsrecht. Früher hatte man zum Beispiel in Deutschland im Grundgesetz noch keinen besonderen Wert auf ein ökologisches Profil gelegt. Dann wurde auch dort mit der Anerkennung der Rechte der Natur - von Bäumen und Flüssen, Tieren und Pflanzen - ein radikaler Neuansatz gewagt; plötzlich gab es neben dem Menschen auch noch andere Rechtssubjekte. Das gelang natürlich nur nach langen Diskussionen darüber, welche natürlichen Entitäten welche Rechte bekommen sollten. Aber es wurde so endlich ein entscheidendes ökologisches Gegengewicht geschaffen, um die lange Dominanz wirtschaftlicher und sozialer Interessen auszubalancieren.
Lebensstil: In den Ländern des globalen Nordens standen seit Anfang unseres Jahrhunderts, ausgelöst durch die Diskussion um Klimawandel und Artenschwund, immer häufiger Fragen auf der Tagesordnung wie »Wie wollen wir leben?« und »Müssen wir unser gutes Leben aufgeben?«. Dort war man, wie üblich, lange vor allem mit sich selbst beschäftigt. Über andere Fragen globaler Dimension machte man sich kaum Gedanken, schon gar nicht über Überbevölkerung, Artensterben und das Übermorgen. Oder über die Tatsache, dass hier eine privilegierte, aber verschwindend kleine Minderheit der Industrienationen gedanklich schwer aus ihrer vergleichsweise kuscheligen Komfortzone herausfand; während an die Mehrzahl deutlich weniger komfortabel lebender Menschen kaum jemand dachte.
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Irgendwann aber merkten die Menschen, dass wir auf der Erde ihre Werte und eingeübten Verhaltensweisen verändern und weiterentwickeln mussten. Vor allem erfolgte ein Umdenken beim Wirtschaften insgesamt. Im Zentrum stand plötzlich, dass Natur als endliche Ressource erkannt wurde -und nicht nur in Sonntagsreden beschworen; vor allem wurde man sich bewusst, dass das überzogene Konsumverhalten der Menschen, von den entwickelten Ländern bis in die aufstrebenden Schwellenländer, gerade in den Jahrzehnten vor und nach der Wende zum 21. Jahrhundert nicht nachhaltig und zukunftsfähig war.
Zeitzeugen verblüfft noch immer, wenn sie daran denken, dass es doch irgendwann (keiner kann recht sagen, wann genau) zur Trendwende kam und ein Umdenken einsetzte. Vor allem die neu heranwachsende Generation der Menschen in den Industrienationen hatte verstanden, dass sie ihren Lebensstil, ihr Konsumverhalten nachhaltig ändern mussten; dass sie viele Dinge, im Großen wie im Kleinen, anders machen mussten als ihre Eltern und Großeltern - überhaupt, als es bislang unsere menschliche Natur war. Doch es waren eben gerade die Jungen, die dann vormachten, dass man beim Weltretten nicht immer nur auf die anderen warten konnte, sondern selbst vorangehen musste. Endlich begannen Einzelne, dann immer mehr, erst in einzelnen Ländern, dann in immer mehr Ländern damit, in erster Linie bei sich selbst anzufangen, animierten damit immer mehr andere; bis das alte verschwenderische Leben auf Kosten anderer sozial geächtet und sogar sanktioniert wurde, als ob es sich um schlechte Gewohnheiten wie einst das Rauchen handelte. Dabei merkten sie, dass es zwar ein anderes, aber auch ein gutes und gesundes Leben war. Und lernten, dass sie Opfer bringen mussten, wenn sie nicht zu Opfern ihres eigenen ausbeuterischen Verhaltens werden wollten. So schützten sie die Natur und bewahrten viele Millionen andere Menschen in anderen Regionen der Erde vor einem erbärmlichen Leben in Elend und Armut, vor Krieg, Flucht und Vertreibung.
Dahinter standen natürlich wichtige und grundlegende Debatten, die sich im Verlauf vieler Jahre und über sämtliche Medien hinweg entwickelten. Eine dieser Debatten betraf unsere politischen Systeme und ihr Selbstverständnis. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, dass autoritäre Systeme in der Regel die Umwelt schlimmer belasten als Demokratien mit einer Marktwirtschaft. Aber viele Länder gerade auch mit autoritären Regimen hatten es dann deutlich leichter, viele der international für unverzichtbar erachteten neuen Regelungen und Verfahren einfach umzusetzen.
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In den Demokratien dagegen war es ein mitunter schwierigerer Aushand-lungsprozess. Was gäbe es da für Geschichten zu erzählen. Sagen wir hier nur so viel: Einige Demokratien haben darunter auch deutlich gelitten, andere gingen daraus gestärkt hervor.
Was diesen demokratisch betriebenen Umgestaltungsprozess anbelangt, war die zweite große Debatte durchaus hilfreich - die um Bildung und Erziehung. Einer der Gründe dafür, dass ein besseres Verständnis der Natur und der Bedeutung der Biodiversität so lange fehlte, war zweifelsohne gewesen, dass zu viele Menschen im Bereich der Umweltbildung kaum noch Kenntnisse hatten. Und sicherlich nicht nur, weil die Mehrzahl aufgrund der zunehmenden Urbanisierung bereits in Städten wohnte und keinen oder kaum noch Kontakt zur Natur hatte. Es fehlte lange auch generell ein Ökosystemares Denken; und die Gefahr einer ökologischen Rezession konnte nur deshalb so lange ignoriert werden, weil weltweit aufgrund mangelnder Kenntnisse im Bereich der Naturkunde etwa nur die wirtschaftliche Rezession im Mittelpunkt stand. »Jedes Schulkind sollte die wichtigsten Fakten kennen!«, hatte Edward O. Wilson einst gefordert, »dass der Mensch die Aussterberate tausendfach beschleunigt hat, dass wir die Treiber für den Habitatverlust, für Verschmutzung, Überbevölkerung, invasive Arten und Übernutzung sind.«
Tatsächlich setzte eine Bildungsreform in vielen Ländern genau dort an, schuf die Dominanz sogenannter schöngeistiger Fächer ab, die zuvor über Jahrzehnte zu einer einseitigen Wahrnehmung der Entscheider in Politik, Wirtschaft und den Medien geführt hatte. Sie alle waren eher geis-tes- und sozialwissenschaftlich geschult worden, meinten dagegen selbst Basiskenntnisse der Biologie lange als nichtig und nutzlos abtun zu können. In ähnlicher Weise wurden bei dieser Bildungsreform auch endlich die überkommenen Lerninhalte mit rückwärtsgewandtem Fokus auf die Geschichte einzelner Länder oder nur begrenzter Zeitabschnitte (etwa der ewige Blick auf die Weltkriege im vergangenen Jahrhundert und ihre Folgen) abgelöst von einer zukunftsorientierten und breiter aufgestellten Umwelt- und Globalgeschichte.
Umdenken im Wirtschaftsverständnis: Das Umdenken erst des Einzelnen und dann von immer mehr war begleitet von einem Umdenken in der Wirtschaft der entwickelten Länder, die sich neue Regeln des »grünen Wirtschaf-tens« gaben. Den Ausgang genommen hat das neue globale Denken mit der
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Erkenntnis einflussreicher Politiker auf dem internationalen Parkett, dass die beständig angewachsene Ungleichheit weltweit nicht länger hinnehmbar war, weil sie keine Zukunft hatte. Ihre Vergangenheit war problematisch genug, basierte doch historisch betrachtet unser Reichtum auf der Ausbeutung ärmerer Länder. So wie aus der Perspektive am Ende des 20. Jahrhunderts Sklaverei und Kolonialismus vergangenes Unrecht und Übel waren, das Menschen über andere gebracht hatten, so setzte sich am Beginn unseres Jahrhunderts die Gewissheit bei breiten Schichten der Bevölkerung der reichen Nationen durch, dass wir mit der Ausbeutung von Natur und Menschen gerade in den Entwicklungsländern ebenfalls für Unrecht und Übel verantwortlich waren. Immer wieder wurde daraufhingewiesen, dass es nicht länger hinnehmbar war, dass - wir hatten es bereits gehört - die reiche Welt des globalen Nordens mit ihren knapp zehn Prozent der Menschheit mehr als die Hälfte der Energie verbrauchte und mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes vereinnahmte und damit 80 Prozent der klimarelevanten Veränderungen verursachte. Diese schreiende Ungleichheit zu überbrücken wurde zur globalen Philosophie. So kam es, dass die Welt ihre Definition von Wachstum endlich überdachte und die Wirtschaftssysteme veränderte. Und das war vielleicht die erstaunlichste Volte in einer vor Überraschungen nur so strotzenden Zeit; entsprach doch das alte, überkommende Wachstumsprinzip noch der aus Urzeiten ererbten Pioniermentalität des Menschen. Just an diesem fundamental erscheinenden Grundprinzip der menschlichen Existenz, mit dem er seine Umwelt beinahe zerstört hatte, setzte die Revolution in unserem Verständnis von Nachhaltigkeit an. Diese Revolution betraf, und das ist das zweite so erstaunliche Faktum, plötzlich nicht mehr nur den industriellen Komplex der Energieerzeugung; vielmehr griff das neue Bewusstsein auch auf die Natur über mit ihren Leistungen und Gütern. Nachdem sie allzu lange als frei nutzbar eingeschätzt worden war, worüber der Mensch jederzeit verfügen konnte, wurde sie jetzt zu einem zu bezahlenden Gut, das jeweils seinen Preis hatte. Die Natur bekam nicht nur Rechte, sondern über das ökologische Wirtschaften auch einen realen Wert, bei dem die Folgekosten eingepreist wurden, für alles, was wir taten. Die Menschen und ihre Art zu wirtschaften unterlagen plötzlich ganz neuen Regeln, nachdem man erkannt hatte, dass wir uns nicht länger kostenfrei an den natürlichen Ressourcen bedienen durften. Dadurch hatte Umweltzerstörung plötzlich einen zu hohen Preis bekommen und wurde insgesamt für die Menschheit zu einem schlechten Geschäft.
Was bleibt als Ausblick?
Wir hatten endlich verstanden, dass wir ein Teil der Artenvielfalt dieser Erde sind; und dass wir es nicht hinnehmen konnten, für deren weltweites Verschwinden verantwortlich zu sein.
Unsere Generation war die letzte, die noch die Chance hatte, die Vielfalt der Arten vollständig zu entdecken - aber wir waren auch die letzte mit der Gelegenheit, die Biodiversität zu retten. Hätten wir diese Chance vertan, hätte es nichts mehr zu entdecken gegeben, wären Millionen von Arten ausgestorben - und mit ihrem Ende wäre auch unsere Evolution am Ende gewesen.
Hätten wir nicht weltweit unsere Art zu leben und unsere Wirtschaftssysteme umstrukturiert, sicher hätte die Natur es für uns getan. So aber ist es doch noch gelungen, die der Erde verbliebene Artenvielfalt zu schützen, das genetische Erbe der Evolution zu bewahren und die natürlichen Ökosysteme am Leben zu erhalten, die auch uns Menschen ernähren. So hat es uns am Ende nicht den Planeten gekostet, auf dem wir leben - den einzigen, den wir haben und auf dem wir leben können.
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