4 Die Welt unserer Kinder: Die Erde im Jahr 2062
Glaubrecht 2019
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Das Gestern ist Geschichte, das Heute ein Geschenk und das Morgen ein Geheimnis - so ein Aphorismus, in dem viel Weisheit steckt. Uns alle beschäftigt die Frage, wie es morgen wohl sein wird. Nicht nur das Wetter morgen und übermorgen, sondern überhaupt das Leben; wie es weitergeht, wie es ausgeht.
Natürlich interessiere ihn die Zukunft, soll Mark Twain, dieser gescheite Spötter, einmal gesagt haben, schließlich wolle er den Rest des Lebens in ihr verbringen. Und vielleicht liegt es genau daran, dass Menschen sich oft mehr für die Zukunft als die Vergangenheit interessieren. Die Sorge um die Zukunft, unsere eigene wie die unserer Kinder, ist eine Quelle der Vorsorge wie der Fürsorge. Wobei uns die Gewissheit wenig hilft, dass sich Voraussagen später meist als falsch erwiesen. Denn wenn einst Zeitgenossen von der Zukunft träumten, irrten sie beinahe durchgängig und wurden dann von den tatsächlichen Entwicklungen meist völlig überrascht. (984)
Allerdings schickt die Zukunft keine Gegendarstellung. Und je weiter ambitionierte Visionäre der Zukunft vorgreifen, desto sicherer dürfen sie sein, für ihre Vorhersagen niemals zur Rechenschaft gezogen zu werden. Viele wissenschaftliche Arbeiten - im Bereich der Klimaforschung allemal, aber auch bei der Biodiversitätsforschung - arbeiten mittlerweile mit Computermodellen, die Extrapolationen einzelner Faktoren über Jahrzehnte hinweg erlauben. Die Mitte und das Ende des laufenden Jahrhunderts sind dabei stets wichtige Wegmarken.
Aber es geht uns dabei wie mit der Wettervorhersage, die auch weiterhin - trotz aller elaborierten Vorhersagemodelle - umso abenteuerlicher wird, je weiter sie über die kommenden Tage hinausreicht. Zu komplex sind die Wettersysteme, zu vielfältig und zu zahlreich die einzelnen Einflussfaktoren. Das gilt für Vorhersagen zum Klima und wenigstens ebenso für solche zur Entwicklung der Artenvielfalt. Zudem interessiert uns gleichsam das Klima der Zukunft, also das Wetter im langfristigen Mittel mehrerer Jahrzehnte - sprich die Summe der Veränderungen der Populationen von Tieren und Pflanzen im globalen Maßstab. Die Vorhersagen der Rechenmodelle einzelner begrenzt wirksamer Faktoren helfen uns aus diesen Gründen nur sehr bedingt dabei, uns auszumalen, wie unsere Welt beispielsweise in dreißig Jahren oder gar in fünfzig Jahren aussehen wird.
Obgleich Vorhersagen also weiterhin schwierig sind, war die Zukunft schon immer eine bestens geeignete Projektionsfläche für alles, was die Menschen umtrieb, für ihre Pläne und Projekte ebenso wie für ihre Ängste und Abgründe. Doch anders als über Jahrhunderte und Jahrtausende vor uns dominiert heute nicht mehr unangefochten der Glaube der Menschen an eine von göttlicher Hand oder vom Schicksal vorbestimmte Zukunft. Wir gestalten sie inzwischen durch unser Tun und Handeln selbst. Wenn wir es genau betrachten, hat der Mensch dies im Grunde schon immer getan. Menschheitsgeschichte passiert nicht einfach, vielmehr ist sie das Ergebnis der Tätigkeiten und Taten unserer Vorfahren wenigstens der letzten Tausende von Jahren. Das war gestern so, das bestimmt unsere Gegenwart, und das wird auch in Zukunft so sein. Wir haben es selbst in der Hand.
Wir, das sind gegenwärtig mehr als sieben Milliarden Menschen; schon bald werden es acht, neun und dann zehn oder elf Milliarden Menschen sein. Allein die Mittelschicht wird weltweit auf drei Milliarden Menschen anwachsen, die von den Städten vereinnahmte Fläche wird sich verdoppeln. Sowenig das derzeit vorstellbar ist, so wenig ist es das Gegenteil. Wie es aussähe, wenn plötzlich alle Menschen von der Erde verschwunden wären, hat bisher weniger die Wissenschaft als vielmehr zahlreiche Science-Fiction-Autoren beschäftigt; aber auch andere umgetrieben, die sich über die ökologischen Konsequenzen eines entvölkerten Planeten Gedanken gemacht haben.(985)
Interessant ist dabei weniger die Frage, ob die Welt ohne uns nicht besser dran wäre. Vielmehr ist es ein durchgängiges Muster, dass bei den meisten Zukunftsszenarien dieser Art eine Betrachtung der Natur unter dem Blickwinkel der Artenvielfalt gänzlich fehlt. Da geht es in der Regel um Klimawandel und steigende Meeresspiegel, um wimmelnde Städte und Migrationsströme oder Kriege um Wasser und die Frage der Ressourcen, um die Globalisierung der Wirtschaft.(986) Fragen zur Zukunft der Vielfalt sämtlicher Arten auf der Erde, zum Schicksal der Biodiversität und dazu, was mit den Lebensräumen geschieht, werden meist ausgeklammert. Sie bleiben unterbelichtet gänzlich im Dunkel der Zukunft, die auch in dieser Hinsicht bereits allein vom Menschen dominiert wird; oder eben von seinem fiktiven Fehlen.
Überhaupt ist der Mensch bei allen diesen Zukunftsszenarien das Problem; und zwar nicht nur wegen seiner enormen Zahl und Dominanz. Der Grund, warum wir den Blick in die Zukunft so faszinierend finden, liegt sicher auch darin, dass wir Menschen Sicherheit mögen. Prognosen geben uns dieses Gefühl von Sicherheit und davon, auf die Zukunft vorbereitet zu sein. Aber ausgerechnet der Mensch, wissen die Experten, ist eine der größten Unwägbarkeiten bei den Prognosen, da sein Verhalten schwer zu berechnen ist. Er ist daher buchstäblich die Variable auch in unseren Szenarien hier, seine Bevölkerung einmal mehr jener singulare Faktor, der ausschlaggebend für die Zukunft der Biodiversität des Planeten sein wird.
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Prognose und Irrtum
»Im Grunde genommen bewegen nur zwei Fragen die Menschheit«, soll der Physiker Stephen Hawking gesagt haben: »Wie hat alles angefangen, und wie wird alles enden?«987 Wie alles angefangen hat, wie der Mensch entstanden ist und zu dem wurde, was er heute ist, haben wir gesehen. Hier nun soll es also um die Frage gehen, wie es endet und ob seine Evolution endet.
Was wir dazu noch vorausschicken müssen: Sosehr wir uns auch bemühen können, dem zu entkommen, wir sind doch alle Kinder unserer Zeit -und entsprechend dem Denken der Jetztzeit verhaftet. Henry Ford - Automobilhersteller und Erfinder des Fließbandes, beileibe kein Philosoph, aber ein begnadeter Aphoristiker - hat dieses Verhaftetbleiben im zeitgenössischen Sein und Denken einmal wunderbar auf den Punkt gebracht: »Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde.« Und es sollte uns zu denken geben, was unlängst der Umwelthistoriker Joachim Radkau herausgestrichen hat. Er berichtet von einem im Jahr 1910 erschienenen Sammelband mit dem Titel Die Welt in wo Jahren, in dem sich kein einziger Beitrag zum Automobil oder zur Mobilität fand; beides aber hat das 20. Jahrhundert wie kaum etwas anderes geprägt.988
Mit diesem Problem irriger Prognosen haben alle professionellen wie auch Gelegenheitsphilosophen zu allen Zeiten gekämpft. Wer den gewagten Versuch unternimmt, in die Zukunft sehen zu wollen, kann nur scheitern. Mit dem Gleichnis von den Eulen der Minerva haben wir im Prolog bereits ein grundlegendes Übel dabei umrissen. So wie Eulen erst in der Abenddämmerung zu fliegen beginnen, wenn der Tag vorüber ist und das Geschehene geschehen, so sind Vorhersagen nicht die Sache der Wissenschaft. Sie kann verlässlich nur Vergangenes deuten, wo sie auf Wirklichkeitserfahrung fußt. Forscher sind rückwärts blickend besser, weil sie für den Blick in den Rückspiegel der Geschichte inzwischen ein auch methodisch ausgereiftes Instrumentarium entwickelt haben. Dagegen versagen ihre Instrumente beim Blick nach vorn; weshalb sie die Prognose scheuen oder sie zumeist nicht so spannend finden.
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Zukunft kann noch nicht erzählt werden, da alles Zukünftige erst im Nachhinein Geschichte wird. Und wo Geschichte scheinbar doch erzählt wird, ist es Science-Fiction. Deren Autoren interessiert die Zukunft, während Historiker die Vergangenheit rekonstruieren wollen; auch wenn beide damit im Grunde nur die Gegenwart zu verstehen versuchen.(989)
Hinreichend viele Utopien und Dystopien - je nach Standpunkt und Weltsicht - sind dennoch über die Jahrzehnte und Jahrhunderte entstanden; wobei neben religiösen Heilsversprechungen vor allem die düsteren Gemälde nicht funktionierender Welten von morgen zu allen Zeiten Konjunktur hatten. Noch hat jede Epoche mit ihrer Apokalypse gerechnet, obgleich es dann doch immer gut gegangen ist. Wir wollen gar nicht erst von den vielen Beispielen anfangen zu berichten; vielmehr nur eine der jüngsten Prognosen hier herausgreifen. Warum ausgerechnet die modernen Naturwissenschaften das Überleben bedrohen, hat der angesehene Astrophysiker Martin Rees - immerhin Königlicher Astronom und Präsident der Royal Society - zu Beginn des 21. Jahrhunderts beschrieben.
Im Zentrum seiner Ausführungen stehen die Gefahren, die dem Leben auf der Erde begegneten und zukünftig zu erwarten sein werden; darunter Risiken wie Meteoriteneinschläge, Krankheiten oder Naturkräfte wie Erdbeben und Wirbelstürme - der übliche Werkzeugkasten natürlicher Katastrophen. Für weit gefährlicher für den Fortbestand der Menschheit hält Rees indes wissenschaftliche Errungenschaften und Erkenntnisse, die missbräuchlich oder fehlerhaft angewandt zu einer vernichtenden Apokalypse führen können; und denkt dabei vor allem an die atomare Bedrohung oder an zukünftige und unkontrollierbare Entwicklungen in der Nano- und Biotechnologie. Jene kurze, durch die Menschheit geprägte Zeitspanne der Erdgeschichte bezeichnet er als »beispiellose Zuckung« und schätzt die Chancen, dass die Menschheit das nächste Jahrhundert erlebt, mit 50: 50 ein - keine schöne Aussicht. Und dann wagte er, im Jahr 2003, sogar die leichtfertige Vorhersage, dass »bis zum Jahr 2020 ein Fall von Bioirrtum oder Bioterror eine Million Menschen getötet haben wird«. Bisher hat unser königlicher Prophet die Wette glücklicherweise verloren; was ihn indes nicht davon abhielt, ein neues Zukunftsbuch vorzulegen. (990)
Das Irren gehört zum Geschäft der Prognostiker und Propheten dazu. Sie haben in der Tat haarsträubende Irrtümer in die Welt gesetzt, aus einem einfachen Grund: Auch sie sind Kinder ihrer Zeit und können sich trotz aller intellektueller Anstrengungen nur schwer ebenjenem Zeitkontext entziehen. Und ihre Irrtümer werden eben aus dem kulturellen Kontext der jeweiligen Zeit heraus verständlich, so argumentieren Philosophen. Sie sagen, dass erst ein radikaler Perspektivwechsel den Zeitkontext sprengen kann, man also gegen diesen Kontext denken müsse; jedenfalls um nicht zu irren.
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Wie werden wir im Jahr 2062 leben?
Jeweils zu ihrer Zeit erschien Menschen die Zukunft durchaus als bedrohlicher Zeitgenosse. Und sie haben immer wieder das Gefühl gehabt, an einem Wendepunkt zu stehen. Die unerhörte Seherin Kassandra ist dabei eine tragische Figur, eben weil sie immer Unheil vorhersah, ohne je Gehör zu finden. Kassandrarufe nach dem Muster der mythischen Trojanerin haben auch in der Moderne eine lange Geschichte, denn an frühen Warnungen hat es nie gefehlt.
Auch der Raubbau an der Natur und ein drohendes Artensterben sind keineswegs neue Erkenntnisse; ganz im Gegenteil haben die ökologischen Unkenrufe mittlerweile Tradition. Da ist Rachel Carsons aufrüttelnder Tatsachenbericht vom Stummen Frühling, der der Welt 1962 vor Augen führte, dass der Fortschritt seinen Preis hat. »Wir stehen nun an einem Scheideweg. Doch es ist nicht gleich gut, wohin wir uns wenden«, schrieb Carson damals. Der eine, seit Langem eingeschlagene Weg sei »trügerisch bequem, eine glatte moderne Autobahn, auf der wir mit großer Geschwindigkeit vorankommen«; doch warte am Ende dieses Weges Unheil auf uns. Der andere Weg dagegen sei weniger befahren, »doch er bietet uns die letzte und einzige Möglichkeit, ein Ziel zu erreichen, das die Erhaltung unserer Erde sichert«. (991) Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert später, ist die von Carson beschriebene Situation nicht viel anders. Noch immer schlagen wir den bequemen Weg ein, doch das »Weiter-so«, wir ahnen es, wird Unheil bringen.
Längst haben sich die Horrorszenarien vom Untergang der Welt und der Menschheit vermehrt. Diverse Reports mahnen die Abhängigkeit unserer Zivilisation von Energieträgern und dem Wachstumsdogma an, warnen vor der Globalisierung und ökologischen Krisen. Was 1972 mit dem Bericht des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums begann und sich mit Global 2000 als Bericht an den amerikanischen Präsidenten im Jahre 1980 fortsetzte (in dem bereits vor einem »greenhouse effect« gewarnt wurde), fand
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später mit AI Gores Film Eine unbequeme Wahrheit seine Entsprechung und mit den nun regelmäßig zusammengestellten Klimaberichten des IPCC eine Fortsetzung. (992) Gerade die Sorge um die Veränderung der Klimaverhältnisse hat nach drei Jahrzehnten alle erfasst, treibt die Politik um und endlich vor sich her.
Zur Erdrettung wurde viele Male aufgerufen. Auch Prognosen zur Zukunft der Artenvielfalt tun deshalb gut daran, wohl dosiert zu werden. Nicht, weil absehbar ist, dass noch viele weitere Sachstandsberichte und Reports folgen (das werden sie), sondern weil sie aufgrund des oben Gesagten eines nicht bieten können: Gewissheit. Alles, was Wissenschaftler aussagen können, sind Wahrscheinlichkeiten und Näherungswerte. Deshalb sind die im Folgenden nur grob skizzierten Szenarien auch nicht als wirkliche Prognosen zu verstehen, im Guten wie im Schlechten nicht. Es sind vielmehr Denkwege und Darlegungen von Möglichkeiten. Keineswegs ist gesagt, dass es so kommen muss. Aber allein das zu denken, was da möglicherweise kommt, sollte uns zu denken geben.
Was wir im Teil 2 des Buches vor allem an Daten und Details zusammengetragen und aufgereiht haben, ist längst nicht alles, was dazu zu berichten oder wichtig wäre. Es ist eine letztlich willkürliche Auswahl, aber bereits ausreichend für eine Bewertung. Und es erlaubt einen ersten verstohlenen Blick in die Zukunft; mehr vielleicht nicht, aber auch nicht weniger. Wenn wir ihn wagen, bleibt kein Zweifel, dass es eine folgenschwere Entwicklung ist, deren Zeugen wir gerade werden. Immerhin dies: Wir können den Nachfolgenden erzählen: Wir waren dabei, als es geschah - als der letzte Tiger in den Wäldern verstarb, der letzte Flussdelphin in den Wellen verschwand und der letzte Walhai sich in den Weiten der Weltmeere verlor. Wahrscheinlich werden wir dann aber auch gefragt werden, warum wir nichts dagegen unternommen haben. Weil wir zu lange gebraucht haben, die Bedeutung dessen zu verstehen, was da vor sich geht?
Die, die uns das fragen werden, sind unsere Kinder und Enkelkinder. Dabei gehört es zu den Versprechen jeder Generation an die nachfolgende, dass sie es einmal besser haben soll. Es ist das größte Versprechen, das Eltern ihren Kindern machen können. Doch wie ist es bestellt um unseren Zukunftsglauben und die Hoffnung, was den Zustand der Natur angeht, die Vielfalt der Arten auf der Erde, überhaupt die Ökosysteme dieses Planeten? Werden wir das Versprechen einer besseren Welt diesmal einlösen können?
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Fragen wir also, wie die belebte Welt aussehen wird, wenn unsere Kinder einmal so alt sind, wie wir waren, als sie geboren wurden. Das könnte, je nach persönlicher Biographie, in zwanzig oder dreißig, aber vielleicht auch erst in fünfzig Jahren sein. Wie wird es um die Biodiversität der Erde unserer Kinder und Enkelkinder in Zukunft stehen, in ein paar Jahrzehnten oder gar am Ende des Jahrhunderts? Als markante Wegmarke auf dem vor uns liegenden Zeitpfad, bei der wir kontemplativ verweilen wollen, um Rückschau zu halten, wählen wir hier das Jahr 2062 aus. Willkürlich insofern, als es im Falle des Autors die Geburt der eigenen Kinder war, die die oben erwähnte Frage ausgelöst hat - wie die Welt aussieht, wenn sie so alt sind wie er zum Zeitpunkt ihrer Geburt.
Aber nicht ganz willkürlich insofern, als es, um die Mitte unseres gegenwärtigen Jahrhunderts gelegen, zu heute jenen Abstand ebenso vieler Jahrzehnte gewährt, die wir bei unseren bisherigen Betrachtungen auch meist zurückgeblickt haben. Dies waren nicht selten Zeiträume von vier oder gar fünf Jahrzehnten, in denen viele der unheilvollen Entwicklungen begannen. Dagegen sind die Jahresmarken 2030 und 2050 bei den langfristigen Prognosen und Planungen inzwischen ohnehin eine feste Größe. Unsere Aufmerksamkeit wird dabei einerseits auf die Frage gerichtet sein, wie sich das derzeit abzeichnende Artensterben weiter entwickelt haben könnte, und andererseits, was aus dem Menschen geworden ist.
Für die Älteren unter uns mag das Jahr 2062 unerreichbar weit weg klingen; doch für die gerade erst Geborenen ist dieses Datum ganz nah. Viele von uns, die wir bewusst den gegenwärtigen Artenschwund mit verfolgen können, werden dann sehr wahrscheinlich nicht mehr leben. Aber unsere Kinder und vor allem unsere Enkelkinder werden im Jahr 2062 (bei unterstellter steigender mittlerer Lebenserwartung) gerade die Hälfte ihres Lebens erreicht haben.
Viele der heutigen Entscheidungsträger werden dann ebenfalls tot sein. Andererseits, und weitaus wichtiger, wird weit mehr als die Hälfte der heute bereits lebenden Weltbevölkerung im Jahr 2062 spätestens vor gewaltigen Aufgaben und Herausforderungen stehen. Denn eines ist auch von unserem heutigen Ausgangspunkt zu überblicken: Es ist unsere Untätigkeit in Sachen Biodiversität, die ihre Zukunft gefährdet. Die Entscheidungen für das Leben im Jahr 2062 werden heute getroffen; und kritisch werden - auch das ist absehbar - dabei die nächsten ein oder zwei Jahrzehnte sein.
Wie also sieht die Zukunft der Artenvielfalt auf der Erde aus? Noch haben wir die Wahl: entweder schwarz und düster, weil wir ein Massensterben der Arten ungeheuren Ausmaßes ausgelöst haben, das wir dann selbst nicht überleben? Oder heiterer, weil wir dank des uns eigenen Intellekts und Erfindungsgeistes der Katastrophe entgangen sind - und mit uns vielleicht sogar die Mehrzahl der Tiere und Pflanzen? Sind wir doch nicht intelligent genug gewesen, unser evolutiv so selbstsüchtiges Vorgehen rechtzeitig zu ändern; wird es dadurch zum Ende der Evolution kommen? Oder haben wir dieses Mal aus der Geschichte der Natur und der Menschheit gelernt und gestalten eine bessere Zukunft?
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