3 Über die wahre Natur des Menschen
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Die Naturgeschichte und die Weltgeschichte zeigen beide, dass sich der Mensch immer in unmittelbarer Wechselwirkung mit der Natur befunden hat, so eng, wie das Schicksal der Menschheit seit jeher mit der Umwelt und ihrem Funktionieren verbunden ist. Wir müssen uns bewusst machen, dass dies nicht nur in der Vergangenheit so war; es trifft auch auf die Gegenwart zu - und es wird über unsere Zukunft entscheiden. Andererseits ist der Mensch nicht nur Naturwesen, sondern eben auch Kulturwesen, und dies nicht nur, weil er in einzigartiger Weise Kulturen und Zivilisationen hervorgebracht hat. Just hier aber, in unserem spannungsreichen Verständnis von Natur versus Kultur des Menschen, liegt bis heute eine der Ursachen für unsere derzeitige prekäre Situation.
»Das höchste Ziel aller Naturbetrachtung kann nur erreicht werden durch klare Erkenntnis unserer eigenen Natur, und wir wenden uns daher zur Betrachtung der höchsten Stufe organischer Bildung auf unserem Planeten zu der des Menschen.«954 Als Alexander von Humboldt dies in seiner zehnten der legendären »Kosmos-Vorlesungen« im Winter 1827 auf 1828 in Berlin vortrug, wussten weder er noch seine Zeitgenossen besonders viel über die Natur des Menschen, den sie aber - entsprechend der überkommenen Vorstellung ihrer Zeit - für die »höchste Stufe organischer Bildung« hielten. Damals wusste man noch nichts über Evolution und schon gar nicht über die Evolutionsgeschichte des Menschen, weshalb alle möglichen metaphysischen Vorstellungen und philosophischen Deutungsversuche Konjunktur hatten.
Obgleich seitdem eine fundierte Evolutionsbiologie den bloßen Spekulationen und Denkmöglichkeiten immer weniger Raum ließ, finden wir bis heute Spuren der alten Ideenwelt humboldtscher Zeit, könnten den über Jahrhunderte ausgetretenen Pfaden der Geistesgeschichte folgen, was diese Beziehung von Natur und Kultur angeht. Weil wenig ergiebig und nicht sonderlich hilfreich - außer als Retrospektive samt Einsicht in überkommenes Denken des Menschen vor dem Einfluss moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse -, müssen wir das hier nicht weiter verfolgen. Wir führen heute auch keine Herzoperationen auf der Grundlage medizinischen Wissens und mit den Instrumenten aus der Goethezeit durch; und wir besteigen auch kein Flugzeug, in dem die Gebrüder Orville und Wilbur Wright oder gar Ikarus Flugkapitän sind.
Überall in unserem täglichen Leben hat die moderne Naturwissenschaft Einzug gehalten; da wird es Zeit, auch die antiken und romantischen Vorstellungen zur Natur des Menschen abzuschütteln.
Was uns die moderne Naturwissenschaft sagt, ist klar: Auch der Mensch ist ein Tier und als solches von der Biologie abhängig; wie er ebenso vor langer Zeit schon ein Kulturwesen geworden ist und seine Biologie allein mithin keineswegs alles erklärt. Denn das eigentlich Besondere des Menschen ist nicht die auch von Humboldt noch unterstellte Sonderrolle eines vermeintlich höher stehenden Wesens. Das Besondere ist ein Paradoxon des Homo sapiens, dem er nicht entkommt: dass die Natur des Menschen eben die Kultur ist. Kultur ist letztlich eine Äußerung menschlicher Natur »und zugleich ein raffiniertes Instrument für biogenetische Fitness-Maximierung«.955 Wir kommen hier gleich im Zusammenhang mit den drei Naturen des Menschen nochmals darauf zurück, ohne aber diese alte Dualismusdebatte von Natur versus Kultur allzu sehr zu vertiefen. Wichtig ist festzuhalten, dass die Natur des Menschen seine Kultur ist. So weit uns dies in der Evolution gebracht hat, als so gefährlich erweist es sich heute. Denn gerade dadurch gefährden wir unser Überleben, mehr denn je zuvor. Und solange wir dies nicht besser verstehen, wird auch die Einschätzung unserer zukünftigen Optionen erschwert.
Grundlegend wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass wir nicht gottgleich sind und auch alles andere als Aliens auf diesem Planeten. Wir sind Primaten und als solche sehr von dieser Welt; wir dürfen diese Natur, die die unsere ist, nicht verneinen. Wir gehören dazu, auch wenn zu keiner Zeit eine andere Primatenart je einen so großen Einfluss auf die Erde hatte wie wir. Nur wenn wir dafür ein Bewusstsein entwickeln, für diese besondere Stellung unter anderen Tieren und innerhalb der Natur, nur wenn wir unsere Beziehung zur Umwelt verstehen und zu anderen Arten; erst dann können wir sinnvolle Entscheidungen darüber treffen, wie es weitergehen soll. Und zwar bewusste Entscheidungen, die wirklich weise sind und mithin unserem selbst gewählten lateinischen Namen Ehre machen.
Was also ist der Mensch? Das wissen nach eigener Aussage am wenigsten jene Experten, die sich am längsten mit menschlichem Verhalten im Vergleich mit dem seiner nächsten Verwandten beschäftigt haben.956 Oder besser: Sie sind vorsichtig genug geworden in der Einschätzung seiner Sonderrolle auf diesem Planeten. Sowenig wir uns im Kern vom Verhalten etwa des Schimpansen unterscheiden, so isoliert stehen wir heute zweifelsohne
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da, allein schon wegen der anthropozänen Dominanz unserer Zahl. Da hilft es, wenn wir hier kurz rekapitulieren, was wir in den ersten beiden Kapiteln über den Menschen und seine Bevölkerungsentwicklung ausführlich dargelegt haben. Diese Kurzgeschichte unseres evolutiven Erfolgs beleuchtet, warum dieser Erfolg uns nun im Anthropozän letztlich zum Verhängnis werden könnte. Denn der Mensch hat genau genommen nicht nur eine, sondern gleich drei Naturen. Darin liegen verschiedene Probleme begründet, daraus erwachsen aber auch neue Chancen für unsere Zukunft.
Eine kurze Erfolgsgeschichte der Menschheit
Der Mensch - das haben wir im ersten Teil des Buches gesehen - ist ein höchst erfolgreiches Ergebnis der Evolution; und nach allem, was wir über die Mechanismen der organismischen Evolution wissen, ohne überhaupt je Ziel einer solchen gewesen sein zu können/Erfolgreich übrigens in jedem möglichen Sinn einer Definition von biologischem Erfolg, der sich etwa in seiner Reproduktionszahl bemessen lässt.
Machen wir es kurz: Der Mensch stammt von primatenhaften baumbewohnenden Vorfahren ab, die sich während der Erdneuzeit entwickelten und die während des Miozäns, vor etwa zehn Millionen Jahren, auf den Kontinenten der Alten Welt lebten. Auf denen sich Gebirge bildeten und in ihrem Windschatten Savannen, die dadurch allmählich ihre heutige Gestalt annahmen. Es dürfte eine seltene, phasenweise vielleicht sogar eine hochgradig gefährdete Spezies gewesen sein, die einst die schützenden tropischen Regenwälder verließ und sich in die ungleich gefahrvollere offene Landschaft der Savannen begab. Wir dürfen annehmen, dass all dies sehr wahrscheinlich in Afrika geschah. Dort jedenfalls entwickelte sich vor etwas mehr als zwei Millionen Jahren unsere Gattung Homo aus australopithecinenartigen Ahnen, die - nachdem sie den aufrechten Gang gelernt hatten - diesen Kontinent seit mehreren Millionen Jahren besiedelten; als eine eher unauffällige unter den zahllosen Tierformen der afrikanischen Lebensräume. Es dürfte sich anfangs um kleine Grüppchen umherstreifender Hominiden gehandelt haben, weder um viele solcher Horden noch um viele Mitglieder. Die uns bekannten Formen wie etwa habilis, rudolfensis, ergaster oder erectus hatten vermutlich insgesamt eine recht kleine Populationsgröße. Von seiner Natur aus ist der Mensch keine Tierherde; vielmehr ist er gewohnt, in vergleichsweise kleinen und überschaubaren Familien- und Stammesgruppen zu leben.
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Was immer ihn dann dazu veranlasste - vor etwa 1,9 Millionen Jahren verließ mit Homo erectus die erste hominine Art unsere Urheimat und eroberte sich auch den eurasischen Kontinent. Anfangs dürften es sowohl auf dem gesamten afrikanischen wie dem asiatischen Kontinent nur wenige Menschen gewesen sein; vermutlich vergleichbar mit den Aborigines in ihrer Gesamtzahl, verteilt über den riesigen australischen Kontinent (bevor dieser sehr viel später von Europäern reklamiert wurde). Irgendwann in den vergangenen 300.000 Jahren änderte sich dies, könnte die Bevölkerung des afrikanischen Homo zugenommen haben, wurden seine Zeugnisse häufiger. Vielleicht auch durch eine wachsende Population angetrieben, taten es dem erectus nun auch Horden des archaischen Homo sapiens gleich und verließen in mehreren Wellen Afrika. Vor etwa 60000 Jahren begab sich dann der moderne Mensch auf Wanderschaft und begann die Welt in den nachfolgenden Jahrtausenden bis an ihre Ränder zu besiedeln. Zusammengenommen, so einschlägige Schätzungen, dürften unsere Ahnen während der längsten Zeit der Menschheitsevolution auf der ganzen Erde nicht mehr als eine Million Menschen gewesen sein. Vielleicht waren es auch mehr, etwa die heutige Bevölkerung von Hamburg oder Berlin - aber diese verteilt über ganze Kontinente: Afrika, Eurasien, Australien sowie Nord- und Südamerika, schließlich die Inseln Ozeaniens.
Das hier unterstellte evolutive Rand- und Nischendasein des Menschen änderte sich dennoch erst grundlegend, als er vor etwas mehr als 10 000 Jahren Landwirtschaft zu betreiben begann - Pflanzen gezielt anzubauen und Tiere zu domestizieren -, dabei sesshaft wurde und erste Siedlungen und Städte gründete. Einer der weitverbreiteten Irrtümer dürfte allerdings sein, die Zahl der Menschen sei bereits mit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht exponentiell angestiegen. Und offenbar ist nichts weiter von der neolithischen Wirklichkeit entfernt als die Annahme, dass sich mit dem Aufkommen der ersten Städte die Lebensumstände des Menschen verbessert hätten. Weder war die sogenannte »neolithische Revolution« derart rasant, wie die gängige Bezeichnung nahelegt, noch war der neue Lebensstil zu Anfang ein Zuckerschlecken, das alsbald eine Bevölkerungsexplosion nach sich gezogen hätte. Gleichwohl nahm die Zahl der Menschen dann über die Jahrtausende hinweg kontinuierlich zu, wie wir annehmen dürfen. Doch es dauerte, von immer wieder lokalen Zuwächsen wie Einschnitten begleitet, bis in die Moderne und die Zeit der industriellen Revolution hinein, bevor die Bevölkerungszahl des Menschen gleichsam abhob.
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Grob vereinfacht können wir festhalten, dass es beinahe die gesamte Menschheitsentwicklung bis Anfang des 19. Jahrhundert gedauert hat, um die Marke der ersten Milliarde Menschen zu erreichen. Dann jedoch brauchte Homo sapiens nur noch ein weiteres Jahrhundert, um seine Zahl zu verdoppeln; und schließlich benötigte er kein halbes Jahrhundert mehr, um seine Bevölkerung abermals bis 1970 zu verdoppeln. Aber »zu keiner Zeit gab es etwas auch nur entfernt Ähnliches zu den vergangenen sechzig Jahren, als die Menschheit sich innerhalb der Lebensspanne eines Menschen fast verdreifachte«, meinte dazu einmal der renommierte Mathematiker und Ökologe Robert May. Und er betonte, dieses beim Menschen erst neuerdings auftretende Muster des demographischen Wandels sei ein singuläres Ereignis der Menschheitsgeschichte, das nicht genug herausgestellt werden könne.
Umso erstaunlicher sei es, dass jeder Hinweis auf das Bevölkerungswachstum des Menschen etwa aus den Millennium Development Goals der Vereinten Nationen ausgeklammert wurde.(957) Dabei gibt es gegenwärtig kein singuläres Problem des Homo sapiens, das seine Zukunft auf diesem Planeten mehr gefährden würde. Und Vereinte Nationen, die dies ignorieren, haben keine Zukunft.
Der moderne Mensch hat sich also aus unscheinbaren Anfängen entwickelt und die Menschheit sich neuerdings derart vermehrt, dass sie zur zahlreichsten - soll heißen: kopfstärksten - unter den größeren Säugetierarten auf der Erde wurde. Wir haben uns über die Erde ausgebreitet und jeden Kontinent besiedelt. Wir haben gelernt, Meeresstraßen zu überwinden und Gebirge, haben Ozeane und Wüsten durchquert. Wir können uns Raubtieren erwehren, genau genommen haben wir die Bestände der meisten dieser Arten inzwischen beinahe ausgelöscht. Wir sind Herr der meisten Parasiten und Krankheitserreger (oder glauben dies zumindest), haben Pflanzen und Tiere zu unserem (wenn auch nicht ihrem) Wohl domestiziert und sie überall auf der Erde angesiedelt, oft genug auf Kosten der dort jeweils heimischen Flora und Fauna.
Als wir gelernt haben, Nahrung anzubauen und zu lagern, haben wir unsere Ernährungsgrundlage erweitert; weniger in der Breite der Artenvielfalt zwar, von denen wir uns ernähren, aber in der Fläche, die wir zur Erzeugung nutzen. Dadurch konnten wir komplexe Gesellschaften und Staaten entwickeln, haben erst Kultzentren und dann ganze Zivilisationen mit großen zentralen Städten gebaut. Wir haben begonnen, im großen Maßstab gegeneinander Kriege zu führen, meist um Macht über die Vorräte und das Land, auf dem wir Feldfrüchte
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anbauten. Wir haben nach dem Feuer neue Warme- und Energiequellen erschlossen, mit denen wir nicht nur unseren Lebensstil, sondern ganze terrestrische und marine Lebensräume verändert haben. Wir haben dadurch den Druck auf die belebte Umwelt erhöht, und zwar in einem Maß wie niemals zuvor in der Erdgeschichte eine einzelne andere Art dieses Planeten. Wir haben uns vom Wetter weitgehend unabhängig gemacht und glauben dies auch vom Klima zu sein.
Inzwischen sind wir fast acht Milliarden Menschen geworden; bald werden es neun Milliarden sein, dann vielleicht elf Milliarden Menschen, die jeden Lebensraum auf der Erde einnehmen werden, um zu überleben. Sehr wahrscheinlich, dass sie den Planeten zukünftig weniger nach ihren idealen Vorstellungen als ihren unmittelbaren Lebensnotwendigkeiten verändern werden. Die schiere Zahl des Homo sapiens mag dann, und nicht erst zu diesem Zeitpunkt, alles andere als ein Segen sein. Nichtsdestotrotz ist die Entwicklung bis hierher, man kann es nicht anders sagen, auch ein Zeichen des außerordentlichen biologischen Erfolgs unserer Art.958
Die Frage ist, ob Homo sapiens an diesem evolutiven Erfolg der großen Zahl zugrunde geht; nicht an der reinen Anzahl an sich, aber den anthro-pozänen Folgen, die Milliarden Menschen auf diesem Planeten nach sich ziehen. Wir haben im Detail gesehen, dass viele andere Arten bereits massenhaft verschwinden und Tausende demnächst aussterben, weil wir ihren Lebensraum rauben und die Ressourcen plündern; und zwar umso mehr, je mehr wir werden. Wir leben bereits über die ökologischen Grenzen unseres Planeten und brauchten inzwischen mehr als anderthalb Erden für alle, wenn wir unseren hohen Lebensstandard zugrunde legen. Der bereits heute enorme, vor allem aber der in naher Zukunft absehbare Ressourcenverbrauch des Menschen schränkt nicht nur die bestehende biologische Vielfalt auf der Erde weiter ein; er nimmt der Evolution auch den zukünftigen Spielraum. Es droht die Gefahr, dass wir damit der Evolution, wohlgemerkt so wie wir sie kennen, ein Ende bereiten - und nicht zuletzt auch unserer eigenen Evolution.
Von den drei Naturen des Menschen
Wir nennen uns selbstherrlich seit eh und je Homo sapiens, weiser Mensch. Doch unserer individuellen und erst recht der kollektiven Einsicht, was wir derzeit der Biosphäre des Planeten antun, eilt der Fähigkeit des Menschen zur Zerstörung ganzer Ökosysteme deutlich voraus.
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Wenn wir aber so weise sind, warum kultivieren wir dann diese dumme Seite des Menschen? Fehlen uns doch die nötige Weisheit und Weitsicht? Und warum gelingt es uns nicht, die einmal gewonnene Einsicht wirkungsvoll umzusetzen? Einerseits wissen Anthropologen: »Der Mensch hat sicherlich öfters gelernt, das Richtige zu tun, ohne zu verstehen, warum es richtig war.«959 Andererseits: Warum folgen wir nicht immer unserer Vernunft, wenn wir denn so viel wie nie zuvor über all das wissen, was wir da tun?
Weil wir eben nicht nur von unserer Vernunft geleitet handeln. Vielmehr handeln wir oft genug intuitiv und aus dem Bauch heraus. Um das zu verstehen, hilft der Blick auf die Natur des Menschen, genau genommen auf seine Naturen, und darauf, wie wir wirklich sind. Wie bereits erwähnt und eingangs im Prolog umrissen, lassen sich nach Ansicht einiger Anthropologen neuerdings drei Naturen des Menschen unterscheiden. Wir können diesen Ansatz hier durchaus fruchtbringend nutzen, um den Menschen und seine mentale Konstitution besser einzuordnen. Neben der ersten Natur, die uns von der biologischen Evolution eingeschrieben wurde, gibt es demnach eine von der kulturellen Evolution konstituierte zweite Natur. Und dann sogar noch eine dritte Natur, die Card van Schaik und Kai Michel unsere »Vernunftnatur« genannt haben.960 Dazu gleich noch mehr. Interessanterweise unterscheiden Psychologen ihrerseits zwei Arten des Denkens: das schnelle, instinktive und emotionale System unseres Intellekts einerseits und andererseits das langsame, die Dinge durchdenkende und logischere Denksystem.961 Es liegt nun nahe, das Modell von den drei Naturen der Anthropologen mit den beiden Denksystemen der Psychologen zu verschneiden, lassen sie sich doch als Einsicht in analoge Konstitutionen des Men-sehen aus unterschiedlichen Perspektiven interpretieren.
Zur ersten oder »natürlichen« Natur gehören unsere angeborenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, unsere Gefühle und Vorlieben, aber auch Intuition und Bauchgefühl. Sie werden vererbt, sind also genetisch verankert und damit tief in unser biologisches Betriebssystem eingeschrieben. Wir verdanken sie allein der biologischen Evolution, und sie haben uns bisher in der evolutiven Vergangenheit gute Dienste erwiesen. Dank dieser ersten Natur funktioniert unser erstes Denksystem automatisch und rasch, un-bewusst und intuitiv. Wobei Intuition und Bauchgefühl - gewissermaßen als eine Form unbewusster Intelligenz - uns nicht blind zu einer Entscheidung führen; vielmehr verbirgt sich dahinter meist eine unbewusst ausgeführte evolutive Faustregel. Angemerkt sei hier, dass einige Psychologen
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vehement der Annahme widersprechen, Intelligenz sei notwendigerweise immer bewusst und überlegt.962 Einig sind sie sich mit den Anthropologen aber, dass sich unsere Art zu denken im Verlauf der menschlichen Evolution entwickelt hat. Und für die meisten Lebenslagen waren unsere Vorfahren wenigstens mit einem derart bestückten Werkzeugkasten auch lange Zeit hervorragend gerüstet.
Aber, und da ist dann die erwähnte dumme Seite des Homo sapiens: Sein von der ersten Natur dominiertes erstes Denksystem ist fehleranfällig, unkritisch und oft stereotypisierend. Diese Art des Denkens wurde über die längste Zeit der Entstehungsgeschichte des Menschen etwa durch das (Über-)Leben in kleinen Gruppen geprägt. Dabei hat Homo sapiens durchaus vom Bauchgefühl des australopithecinen Primaten profitiert, der er lange Zeit ausschließlich war; auch vom ökologischen Egoismus eines umhernomadisierenden Pioniers. Wie wir im ersten Teil des Buches (Kapitel I) skizziert haben, hat dieses evolutive Erbe, das einst unter Pionierbedingungen entstanden war, auch den modernen Menschen zum globalen Naturplünderer gemacht; mehr als zumindest diejenigen wahrhaben wollten, die allenthalben vom vermeintlich weisen Menschen sprechen, der in Harmonie mit der Natur leben könnte. Für den Menschen steht der Mensch bis heute im Zentrum seiner Welt. Und unter diesen evolutiv gegebenen Bedingungen des Pioniers ist Weitsicht, gar eine Weltsicht paradoxerweise nicht sonderlich von der Selektion belohnt worden. So ist der Mensch von seinem homininen Erbe her auch nicht gewohnt, nachhaltig zu denken und zu wirtschaften; er ist nicht gewohnt, im ökologischen Maßstab über Konsequenzen nachzudenken. Wenn er als Pionier irgendwo hinkam, hat er die Natur geplündert und ist dann weitergezogen, anderswohin, um dort von vorn zu beginnen. Wie wir mit der Natur umgehen, spottet deshalb zwar auf den ersten Blick unserer Intelligenz. Doch das tut es nur vordergründig. Im Kern entspricht es unserem ersten Denksystem und unserer ersten Natur, unserer ureigenen biologischen Verhaftung und unserem Primatenerbe, mit einem Wort: unserer Hominiden-Nische des Mesokosmos.
Da wir also dieser ersten Natur, die uns zu Pionieren hat werden lassen, unsere evolutive Erfolgsstory verdanken, nimmt es nicht wunder, dass wir bis heute ökologisch Unersättliche sind - daran gewohnt, uns zu nehmen, was wir brauchen. Wir fassen Natur als freies Gut auf, als unerschöpflich und kostenlos, ein Geschenk der Schöpfung. Diese Mentalität
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ist ein wesentlicher Hindernisgrund für wirklich nachhaltiges Verhalten des Menschen, zumal wir eine evolutive Fehlwahrnehmung hinsichtlich der unmittelbaren Belohnung im Gegensatz zu einem vagen langfristigen Nutzen haben - oder zu etwas gar so Abstraktem wie der Zukunft späterer Generationen.963 Was uns interessiert, ist der Kurzfristnutzen des Jetzt und Hier. Dieses stark gegenwartsbezogene Denken ist bei jedem von uns angelegt und bei Kindern sehr deutlich sichtbar ausgeprägt. Es lässt uns Heutige zu einer Art »Homo ecophagus« werden. Zum überkommenen Ad-hoc-Leben von der Hand in den Mund und seiner entsprechenden mentalen Grundeinstellung zählt auch, dass dem Menschen intuitiv die Fähigkeit zur Vorsorge für kommende Generationen ebenso wie ein globaler Altruismus fehlt, meinte Edward O. Wilson einmal.964 Es macht uns gleichsam zu Marshmallow-Menschen, die nicht gut auf spätere Gewinne, vielleicht sogar höheren Nutzen warten können.
Die Natur der Kultur des Menschen
Im berühmten Marshmallow-Versuch hatte man Kindern Süßigkeiten angeboten und sie vor die Wahl gestellt, diese entweder sofort zu essen oder nach einiger Zeit weitere zu bekommen, wenn sie der sofortigen Versuchung widerstehen konnten und geduldig auf ihre Belohnung warteten.965 Wenn wir nicht warten können, liegt dies am intuitiven Denken und Handeln unserer ersten Natur; wer über Impulskontrolle verfügt, Belohnung und Bedürfnisse aufschiebt, der tut dies eher mittels seiner zweiten Natur. Auch die moderne Welt, die an sich nichts für den Menschenaffen-Abkömmling ist, stellt dessen Intuition auf eine harte Probe.
Unsere evolutionäre biologische Ausstattung ist ein höchst bedeutsames Erbe, zumal es über sehr lange Zeiträume zurückreicht, in denen wir damit gut zurechtgekommen sind. Doch sind wir Menschen uns im Allgemeinen weniger unserer biologischen Wurzeln bewusst oder gar stolz auf sie. Was uns hingegen stolz macht, ist unser kulturelles Erbe. Dieser kulturellen Evolution verdanken wir unsere zweite Natur und unser zweites Denksystem - oder umgekehrt. Das Denken der zweiten Natur ist uns indes nicht angeboren, sondern es ist gleichsam ein erlerntes Regelwerk aus Sitten und Gebräuchen, das wir uns meist in der Kindheit aneignen. Kultur ist eine Tradition erlernter Regeln des Verhaltens, gleichsam die Leitplanke aus der Vergangenheit in die Zukunft. Dank einer entsprechenden Sozialisation springt unserem ersten, dem intuitiven Denksystem nun ein zweites zur
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Seite. Dieses arbeitet vernünftig, logisch, berechnend, bewusst und gezielt, so die Psychologen. Und die Anthropologen ergänzen, dass die biologische und kulturelle Entwicklung der Menschheit nicht unabhängig voneinander verliefen. Die kognitiven Prozesse menschlicher Kulturfähigkeit haben sich wie alle organischen Strukturen und Mechanismen »über die biologische Evolution auf dem Wege adaptiver Selektionsvorgänge und damit zugleich via genetischer Fitness-Steigerung herausgebildet«.966 Die erworbene oder kulturelle Natur ergänzt unsere ererbten Gefühls- und Denkstrukturen und sorgt für Lösungen, wo die Biologie allein viel zu lange brauchte. Wenn wir schnelle Antworten brauchen, so ist diese kulturelle Natur dazu in der Lage und lässt neue Gewohnheiten und Konventionen entstehen.
Die Sache hat allerdings mehr als einen Haken. Dieses »richtige« Denken strengt uns an. Das zweite System sei daher rasch ausgelastet und erschöpft, so die Psychologen; Beispiele dafür gibt es genug (eines halten Sie in den Händen). Auch erreicht unsere zweite Natur nie die emotionale Tiefe unserer ersten Natur. Und noch ein Nachteil: Die zweite Natur schafft vor allem eine Kluft zwischen uns und den Bedürfnissen der ersten Natur und der Umwelt. Damit ist ein Konflikt angelegt, der uns dann auch gleich zur dritten Natur führt. Festhalten wollen wir zuvor noch, dass die Geschichte des Menschen im Grunde eine Mischung wie aus zwei Welten ist - seinem evolutiven Erbe als Ergebnis seiner biologischen Natur und seiner Kultur als zweiter Natur.
Daher kann Natur kein Oppositionsbegriff zur menschlichen Kultur sein, wie uns die tradierten dualistischen Ansätze lange glauben machen wollten. Es ist eine der wichtigen Konsequenzen der modernen Naturwissenschaften, dass sie den Menschen als Teil der Natur begreifen, ohne seine Kultur und die daraus erwachsende ungeheure zivilisatorische Dynamik zu negieren. Dank unserer Natur sind wir fähig, uns den Bau von komplexen Werkzeugen auszudenken, Kunstwerke und Kultur zu erschaffen. Beide, Natur und Kultur, unterliegen einem ständigen wechselseitigen Rückkopp-lungsprozess. Die früher vehement geführten, »aber letztlich doch so ineffizienten Debatten um die Dominanz von menschlicher Natur oder Kultur in der Determination unseres Verhaltens beruhen aus Sicht der Evolutionsbiologie auf einer irrtümlicherweise angenommenen Natur-Kultur-Antinomie« und gehen deshalb am Kern der eigentlich erklärungsbedürftigen Phänomene vorbei, so schrieb der Anthropologe Christian Vogel schon vor zwei Jahrzehnten. Die Kultur erscheine in dieser Sicht als Selbstinterpretation der menschlichen Natur. Und Natur sei keine Randbedingung im Dasein des Menschen.967
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Schlau denken, blöd handeln: Unsere Vernunftnatur und ihre kognitiven Konflikte
Anthropologen haben noch eine dritte Natur des Menschen ausgemacht; und zwar eine Vernunftnatur aus kulturell verankerten Maximen, die beim Menschen meist erst später internalisiert werden, in der Schule oder durch andere Institutionen. Diese Verhaltensregeln sind so vernünftig, wie sie auch oft genug in Konflikt mit der ersten Natur geraten. Es sind die Dinge, die wir nur widerstrebend tun, obgleich wir wissen, dass sie gut sind und vernünftig - etwa weniger Fett und Zucker in unserer Ernährung, mehr Bewegung, und was der berühmten guten Vorsätze mehr sind. Dazu zählen auch andere komplexere Verhaltensnormen, wie sie in Kodizes jeglicher Art festgeschrieben sind. Diese dritte Natur können wir als das Ergebnis von kumulativer kultureller Evolution auffassen - und als eine echte Errungenschaft des Menschen. Dies durchaus im Wortsinn, denn stets muss er darum ringen; es fällt ihm nicht einfach zu. Doch es sichert neuerdings unser Überleben, auch unter Bedingungen, die nicht unserer ersten Natur entsprechen.968
Wenn wir für ein Problem eine Ersatzlösung finden müssen, so wird dies zu einer Kopfsache; dann müssen wir es mittels Vernunft schaffen. »Die Vernunft«, schrieb einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, William Penn, Ende des 17. Jahrhunderts voller Zuversicht, »wird stets denen, die sie besitzen, genügend Worte schenken, sich verständlich zu machen.«969 Wir können das bis heute nur hoffen, denn gesetzt ist der Erfolg der Vernunft keineswegs. Mehr noch als die zweite bestimmt die dritte Natur indes unsere eigentliche Anpassungsfähigkeit. Seine Kultur wird zum Ausdruck der tatsächlichen Angepasstheit des Menschen. Allerdings müssen wir an dieser Stelle mit Blick auf die jüngere Menschheitsgeschichte seit der Sesshaftwerdung und Siedlungsgründung und dem vielfachen Kollaps von Hochkulturen und Zivilisationen sagen, dass wir offenbar nicht besonders gut darin sind, uns an selbst geschaffene neue Begebenheiten anzupassen. Wir haben ohne Zweifel insgesamt in der Evolution eine hohe Anpassungsfähigkeit bewiesen, zeigen aber angesichts unserer neuen Situation keine herausragende Angepasstheit.970 Denn wir denken gerne schlau - wir handeln aber oft blöd; so dürfen wir getrost
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konstatieren, mit Blick etwa auf unseren Ressourcen verschwendenden Lebensstil. Wir wären gern moderne Menschen und benehmen uns doch wie die Plünderer und Räuber unserer evolutiven Vergangenheit.
Einer der Gründe dafür lässt sich darin sehen, dass unser Intellekt - trotz jener beiden Denksysteme, die sich helfen und ergänzen - seine Grenzen hat und es immer wieder zu kognitiven Verzerrungen kommt. Es erschwert unsere kognitive Leistungsfähigkeit, wenn wir etwa aus unvollständiger Information die richtige Schlussfolgerung zu ziehen versuchen. Oft sind vor allem aber unsere Wahrnehmungen und Weltbilder, unsere Gedanken, Gefühle, Meinungen und Wünsche nicht im Einklang miteinander. Wir reden uns dann die Welt so zurecht, wie wir sie gerne hätten. Nehmen wir zum Beispiel jemanden, der unerwidert verliebt ist: Wie lange dauert es, bis derjenige es selbst merkt und akzeptiert, dass die Welt nicht so ist, wie er sie sich gern ausmalt? Seine Emotionen und Gefühle kollidieren mit der Wirklichkeit, er aber flieht davor in das intellektuell verminte Gelände der Schönfärberei. Auch neigen wir dazu, schnell kausale Zusammenhänge zwischen zwei Ereignissen herzustellen, die aber gar nichts miteinander zu tun haben. Wir verwechseln Kausalität mit Koinzidenz und halten Dinge, die in einem zufälligen zeitlichen Zusammenhang stehen, fälschlicherweise für ursächlich miteinander verknüpft.
Wenn unser Verhalten und unsere Einstellungen sich widersprechen, entsteht ein innerer Konflikt. Wir fühlen uns sichtlich unwohl bei widersprüchlichen Informationen, etwa zwischen einem Gefühlszustand und der Wirklichkeit. Dieser Missklang ist uns unangenehm, und wir wollen aus dem Dilemma raus. Psychologen kennen das Phänomen seit Langem als »kognitive Dissonanz«. Das Konzept wurde im Jahr 1957 von Leon Festinger entwickelt und das Phänomen inzwischen weithin als einer der wichtigsten Gründe erkannt, warum wir oft nicht rational und vernünftig handeln. Mittlerweile lebt davon eine ganze Sparte von Psychologen samt Ratgebern. Kurz gesagt: Wir reden uns etwas schön, verdrängen und belügen uns ein wenig; meist suchen wir irgendeine Begründung für unser unstimmiges Verhalten. Der Hintergrund kognitiver Dissonanz ist, dass wir uns an Narrativen orientieren, die uns die Welt erklären und unseren Platz darin. Sie bestätigen unser Weltbild und unsere Selbstwahrnehmung. Darauf lassen wir selten etwas kommen, denn sie geben uns emotionale Sicherheit; in diesen erprobten Narrativen sind wir intellektuell zu Hause. Unsere emotionalen Überzeugungen und unser Weltbild sind gleichsam
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die heiligen Kühe unserer Vernunft; man führt sie nicht leichtfertig zur Schlachtbank. Zur kognitiven Verzerrung kommt es dann, wenn wir mit gegenteiligen Fakten konfrontiert werden. Dann gilt das vielfach zu besichtigende Motto: Ich habe mir meine Meinung gebildet, verwirren Sie mich nicht mit den Tatsachen. Oder: »Eine Lüge, die mich beglückt, ist eine Wahrheit wert, die mich bedrückt.«97'
Kognitive Dissonanz ist dafür verantwortlich, dass wir durch den Pro-zess der selektiven Wahrnehmung jene neuen Informationen ignorieren, die unserem Weltbild nicht entsprechen. Oder wir zweifeln die Quellen und Autoritäten an. Und wem etwas nicht gelingt, der macht andere dafür verantwortlich, nur nicht sich selbst. In jedem Fall reden wir uns die Dinge schön. Das funktioniert so gut, dass wir es selbst nicht einmal mehr merken. Die griechische Fabel des Äsop vom Fuchs und den Trauben bringt es für Psychologen auf den Punkt. Als der Fuchs nicht an hoch hängende Trauben herankommt, meint er hochmütig: »Sie sind mir noch nicht reif genug, ich mag keine sauren Trauben.«
Solche kognitiven Verzerrungen sind der Grund, warum bestimmte Haltungen häufig nicht zu dem passen, was wir wirklich tun. Keine Frage: Durch sie schätzen wir nicht nur Situationen, sondern auch drohende Gefahren falsch ein; sapiens hin oder her, auch wir sind nur von dieser Welt, unterliegen Irrungen und Irrtümern. Keine Frage auch, dass die nachweisliche Existenz jener trügerischen Selbstwahrnehmung des Menschen zu einem Abgesang auf unsere mentalen Fähigkeiten verführen kann; zur These, dass wir nicht die Herren im Haus unseres Hirns sind.972 Klug zwar, aber nicht lernfähig. Ist der Mensch also doch nicht schlau genug für diese, seine eigene moderne Welt? Fehlt ihm die nötige Intelligenz, sich gleichsam selbst am Schopf aus dem Sumpf seines Denkens zu ziehen, mit dem er sich selbst gerade eben erst dorthin manövriert hat? Ist er gar im Endeffekt ein vernunftloses Tier?
Ist der Mensch ein vernunftloses Tier?
Zur kognitiven Verzerrung, unter der wir laborieren, gehört jede Art von llusion, der wir erlegen sind, etwa auch die verzerrte Wahrnehmung von Wahrscheinlichkeit und die Einbildung von Vorhersagefähigkeit, die selektive Aufmerksamkeit und Verdrängung der Möglichkeiten, die uns ein falsches Bild von der Realität und der Zukunft erzeugen lässt. Natürlich sind wir klug und anpassungsfähig. Deshalb haben wir längst verstandesmäßig
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erkannt, dass wir die Natur brauchen, der wir den Garaus bereiten. Wir brauchen Nahrung, sauberes Wasser und gesunde Luft; wir benötigen Rohstoffe und andere Ressourcen der Natur zum Überleben. Und wir haben in der Theorie verstanden, dass wir nichts davon ohne funktionierende Ökosysteme haben werden. »Überleben kann man nicht allein.«973 Unsicher sind wir uns über den Weg aus der Krise. Dabei müssen wir auch sehen, dass uns der Glaube an unsere Vernunft in der Vergangenheit mehr als einmal im Weg stand. Wir sind uns ganz sicher unserer selbst gewiss, nur liegt gerade darin zugleich auch eine weitere Gefahr: dass wir uns unserer selbst zu gewiss sind.
Zu den Fehlschlüssen hinsichtlich Wahrnehmung und Wirklichkeit gehört auch ein zu großes Vertrauen in den eigenen Verstand und die Weisheit des Menschen in Gestalt eines übermäßigen Optimismus. Bekannt ist, dass wir dazu neigen, grundlos optimistisch zu sein, weil uns selbst negative Informationen über die Wirklichkeit nicht davon abhalten, an unrealistischen Erwartungen festzuhalten. Es wird schon alles gut gehen. Wir ignorieren dabei gern jene Fakten, die diesen Optimismus nicht unterstützen. Der erklärbare Vorteil dieser Einstellung liegt sicher darin, dass wir schwierige Situationen dadurch besser durchstehen. Der Nachteil eines unrealistischen Optimismus ist, dass wir uns Täuschungen hingeben; was verhindert, dass wir die Dinge rechtzeitig realistisch betrachten und uns aus einer Sache retten, bevor es zu spät ist. Der beängstigende Unterschied zwischen Realität und Erwartung bringt das Risiko mit sich, dass wir Gefahren grob verkennen.
Vor einem Jahrhundert, aber auch noch vor wenigen Jahrzehnten haben die meisten Menschen überwiegend fortschrittsgläubig in die Zukunft geblickt. Auch Wissenschaftler haben etwa im Rückblick auf das vergangene 19. Jahrhundert überwiegend die zivilisatorischen Leistungen bewundert. Von »a wonderful Century«, schrieb etwa der Naturforscher Alfred Rüssel Wallace.974 Vielfach tun wir dies derzeit immer noch, wenn wir mit dieser unverblümt optimistischen Fortschrittsgläubigkeit auf die technische Entwicklung blicken und dann auch auf neue Technologien hoffen, die schon alles richten werden. Es ist jener fehlgeleitete humanistische Traum, wie er etwa in den »heißen religiösen Zonen« des heutigen Fortschrittsglaubens, im Silicon Valley, geträumt wird.975 Und da werden derzeit Milliardensummen in den Traum investiert, über den Mond hinaus zum Mars zu fliegen. Warum? Weil wir es können (wollen). Und dann? Löst es unsere Probleme
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auf diesem Planeten, mit unserer wachsenden Bevölkerung und der Plünderung der Natur, wenn wir erforschen, wo vielleicht der nächste Exoplanet liegt? Oder ist es nicht vielmehr ein Fall wissenschaftlich maskierter kognitiver Dissonanz? Wir zerstören unsere Lebensgrundlage dank unserer kollektiven ersten Natur; was unsere zweite Natur bemerkt, die uns gleichzeitig vorgaukelt, es gäbe eine technische Lösung, mit der wir der brutalen Realität ausweichen könnten. Hoffen wir also auf die dritte Natur.
Doch gleichzeitig fehlt nicht nur den meisten Fortschrittsgläubigen jedes Grundverständnis über die Zusammenhänge; vor allem aber über besagtes Missverständnis über die Natur des Menschen. Zu unseren größten Irrtümern - der zerstörerischen Illusion, der wir uns seit Generationen hingeben - gehört die Illusion unserer Unfehlbarkeit. Menschen haben in der Vergangenheit ein Problem nach dem anderen gelöst, Nahrung angebaut und dadurch immer mehr Menschen versorgt; Menschen haben immer wieder neue Lösungen gefunden, neue Technologien entwickelt, um sich zu behaupten. Und eben weil sie sämtliche Probleme gelöst haben, werden wir - so die unzerstörbare Hoffnung der naiv Fortschrittsgläubigen -auch die lösen, mit denen wir derzeit konfrontiert sind. Diese Zuversicht ignoriert zweierlei: dass es keine technologische Lösung gibt; und dann das bereits erreichte Ausmaß der biotischen und abiotischen Veränderungen auf der Erde, die wir herbeigeführt haben. Nicht nur sind wir mehr Menschen denn je, wir verbrauchen auch mehr Ressourcen denn je, verschwenden und erschöpfen die Natur immer mehr, nutzen unseren Planeten in nicht nachhaltiger Weise und rauben immer mehr anderen Arten den Raum und die Möglichkeiten zum Leben.
Mit dem Fortschrittsglauben erscheint der alte Allmachtsanspruch der Menschheit nur mehr in neuem Gewand. Früher habe der Mensch unbe-wusst negativ in die Naturkreisläufe eingegriffen; jetzt aber, so die Hoffnung vieler, könne man die Macht des Menschen wissensbasiert positiv nutzen. Dabei werden indes immer wieder nur monokausale Klempnerlösungen vorgeschlagen; eben weil der Mensch sich einbildet, trotz der enormen Komplexität globaler Vorgänge, die er kaum durchschaut, hier und da an einzelnen Stellschrauben drehen zu können. Einmal mehr stehen der Mensch und seine technischen Errungenschaften dadurch im Widerstreit mit der Natur, auch wenn er sich inzwischen als einen Teil des Systems erkannt hat.
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Wir haben gesehen, dass der Einzelne, verstärkt noch in seiner jeweiligen Gemeinschaft, aufgrund seiner ersten Natur und seines ersten Denksystems bei Konflikten mit seiner zweiten Natur, der Kultur, und seinem zweiten Denksystem zu intellektuellen Fehlleistungen neigt, die seine Zukunftsfähigkeit unterminieren. Der Historiker Yuval Noah Harari tut unser Bewusstsein daher als »biologisch nutzloses Nebenprodukt bestimmter Gehirnprozesse« ab. Es sei eben nur Einbildung, wenn der Mensch glaubt, Herr der Lage zu sein und die Fäden seines Handelns in der Hand zu halten.976 Doch die Fehlleistung der kognitiven Dissonanz und die verschiedenen Spielarten kognitiver Verzerrung - wie grundloser Optimismus in Gestalt von Fortschrittsgläubigkeit und andere Allmachtsillusionen -machen den Menschen nicht automatisch zu einem vernunftlosen Tier. Die Frage ist auch nicht, ob er überhaupt lernfähig ist. Die Frage ist, ob er dies rechtzeitig genug ist. Und ob er die richtige intellektuelle Lösung für seine Probleme findet. Reicht also die menschliche Intelligenz aus, mit immer komplexeren Problemen fertig zu werden? Intelligenter muss er nicht unbedingt werden, seine Intelligenz nur zielgerichtet dafür einsetzen.977
Einen nachhaltig genutzten Planeten zu erhalten steht derzeit noch nicht im Zentrum des menschlichen Wirkens und Strebens. Obgleich wir es theoretisch besser wissen, vermögen wir eine angepasste Lebensweise kollektiv als Menschheit auf der Erde nicht umzusetzen. Trotz allen Wissens können wir uns offenkundig zurzeit noch auf keinen gemeinsamen Weg verständigen, wir handeln wider besseres Wissen, kurzfristig und durch die unmittelbaren eigenen Interessen geleitet. Richten wir also unseren Planeten mit unserem Intellekt und dem, was wir damit anstellen, zugrunde, statt unsere Vernunft zu nutzen, um die Zukunft der Evolution zu sichern? Sind wir doch ein Fehlversuch der Natur, wie einige glauben?
Hier können wir im Moment nur hoffnungsvoll auf eine weitere kumulative kulturelle Evolution des Menschen verweisen. Er ist ein biologisches Wesen und ein kulturelles Tier, wie wir gesehen haben, und dadurch befähigt, in seiner Umwelt zu überleben, wenn er kulturelle Strategien weiterentwickelt, die Verhaltensänderungen veranlassen. Wie im Prolog angesichts der Anpassungen im Nachgang der Sesshaftwerdung besprochen, braucht es auch jetzt einen neuen Verhaltenskodex, um die Herausforderungen des Anthropozäns zu meistern. Klar ist, dass diese neuen Hand-lungs- und Verhaltensnormen nationenübergreifend und völkerverbindend gestrickt sein müssen. Völlig offen ist allerdings, woher sie kommen und wie sie organisiert werden. Doch verlängern wir die Perspektive in
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die Zukunft, so können wir ahnen, dass wie bereits in der Vergangenheit auch zukünftig kollektive Fiktionen und Glaubenssysteme zum Motor gesellschaftlicher Entwicklungen werden.
An unseren drei Naturen kommen wir dabei nicht vorbei. Der Mensch will heute leben, aber die vielen Milliarden Menschen morgen müssen es auch. Um zu einer nachhaltigen Nutzung unseres Planeten zu kommen, bei der uns die biologische Artenvielfalt erhalten bleibt und wir überleben, werden wir unseren gesamten Intellekt brauchen, unsere ganze Intelligenz und unsere Vernunft, unsere ganze Weisheit und alles Wissen. Kann es dann gelingen? Werden unsere kognitiven Kräfte und unsere Worte ausreichen, der gesamten immer mehr anwachsenden Menschheit vor Augen zu führen, wohin unser Tun führt und wohin die Reise für kommende Generationen geht? Wie wahrscheinlich ist vor dem Hintergrund unserer menschlichen Natur eine radikale Änderung unseres Verhaltens und Lebensstils heute? Werden wir rechtzeitig umschwenken?
Natürlich darf und wird das bezweifelt werden - in der Annahme, dass uns letztlich das zureichende Maß an Vernunft und Einsicht eben doch fehlt. Vielleicht nicht dem einen oder anderen Einzelnen, aber der schieren Masse von Milliarden an Unvernünftigen, denen die erste und zweite Natur unmittelbar näher sind als die abstrakte dritte Natur.
Erkenntnis, Einsicht und Verantwortung
Um sie von der Richtigkeit seiner Theorien zu überzeugen, forderte einst Galileo Galilei - einer der bedeutendsten Mathematiker, Astronomen, Physiker und Philosophen - die päpstlichen Gesandten auf, durch sein Teleskop zu blicken. Sie weigerten sich, mit dem Argument, wenn Gott es gewollt hätte, hätte er dem Menschen Teleskope statt Augen gegeben. Als Galilei Jahre später starb, war er längst erblindet und dadurch lange schon gehindert, weiter astronomische Forschung zu betreiben.
Sich nicht alles mögliche Wissen zu verschaffen ist - ohne Zweifel und bei allen Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit - ein folgenträchtiger Fehler, den wir unbedingt vermeiden sollten. »Nie wieder ein Fall Galileo«; zu dieser Einsicht brauchte die Kirche Jahrhunderte, genau gesagt 350 Jahre, bis im Jahr 1992 Papst Johannes Paul II. Galileo Galilei rehabilitierte, der sich »als aufrichtig Glaubender weitsichtiger als seine theologischen Gegner« gezeigt habe.978 Nehmen wir es als versöhnliches Zeichen, dass man dem Großprojekt eines europäischen Satelliten-Navigationssys-
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tems, das in seinem Jubiläumsjahr 2014 (er wurde 450 Jahre zuvor geboren) gestartet wurde, den Namen Galileo gegeben hat. Späte Genugtuung ausgerechnet für denjenigen, dem wir mit dem ihm zugeschriebenen unsterblich gewordenen Credo »Eppur si muove« - und sie (die Erde) bewegt sich doch - zugleich den Durchbruch eines neuen Weltbildes verdanken.
Doch eine gewisse Arroganz der Herrschenden gegenüber der Wissenschaft zieht sich unverkennbar durch die Jahrhunderte bis heute. Als Alexander von Humboldt im August 1804 von seiner fünfjährigen Amerikareise zurück nach Paris kommt, soll ihn der sich selbst bald zum Kaiser krönende Napoleon äußerst kühl empfangen und über Humboldts ansonsten allseits gerühmte Forschung (sie gilt immerhin als Beginn der Umweltwissenschaften) herablassend gespottet haben: »Sie beschäftigen sich mit Blumen? Das tut meine Frau auch.« (979)
Nie geht es um Pflanzen oder Tiere allein, weder bei Humboldt, noch wenn jetzt zahllose Arten überall auf der Erde verschwinden und auszusterben drohen. Wir können es uns nicht leisten, dass angesichts der Komplexität der für uns Menschen lebenswichtigen biologischen Zusammenhänge die Mächtigen weiterhin ignorant über den erreichten Wissensstand und beinahe gänzlich uninformiert Entscheidungen für unser aller Zukunft treffen.
Wir müssen unseren Verstand und dazu auch all unser Wissen nutzen. Denn »es ist nicht ihr Ziel, der unendlichen Weisheit eine Tür zu öffnen, sondern eine Grenze zu setzen dem unendlichen Irrtum«, heißt es über die Wissenschaft in Brechts Leben des Galilei. Tatsächlich wussten wir nie mehr darüber, wie schädlich das Wirken des Menschen ist. Doch auch noch nie wurde dieses Wissen stärker ignoriert - von uns allen, von jedem Einzelnen, aber auch von der Politik, regional, national und global.
Wenn Wissenschaft etwas beitragen kann, dann ist es, uns die Unwissenheit über ökologische Zusammenhänge zu nehmen. Nur dies kann die naive Vorstellung ausräumen, dass wir einem Problem gigantischer Größe und globalen Ausmaßes durch kleinere Korrekturen an den Stellgrößen hier und da gegenübertreten können, deren Wirkung maximal marginale Effekte zeitigen wird. So wissen wir in der Theorie, dass auf einem endlichen Planeten nicht unendliches Wachstum zu realisieren sein wird; aber wir zeigen uns unfähig, unser explodierendes Bevölkerungswachstum zu stoppen. Vielfach erscheint es so, als ob nicht einmal bei den grundlegendsten Erkenntnissen eine Trendwende geschafft ist. Derweil verrinnt die Zeit zum Gegensteuern, und wir werden jenen Punkt erreichen, an dem die Ökosysteme nicht mehr funktionieren. Lernen wir vielleicht doch zu langsam?
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Kein Zweifel: Das grundlegende Wissen ist längst da; wir müssen dieses Wissen in Überzeugungen verwandeln, und die Überzeugungen in Handlungen. Der Mensch nennt inzwischen ein ganzes Zeitalter nach sich selbst. Aber große Teile der Menschheit sind sich ihrer geballten Kraft auf diesem Planeten nicht bewusst; sie ignorieren die Erkenntnisse oder stehen ihnen gar noch immer ablehnend gegenüber. Spätestens mit unserem Wissen um unsere besondere Rolle als Evolutionsfaktor kommt aber auch eine besondere Verantwortung hinzu. »Der zweifelhafte Lohn unseres beispiellosen Sieges heißt Verantwortung, nicht mehr nur für uns selbst, sondern für das gesamte von uns aus der Balance gebrachte globale Ökosystem. Uns bleibt zu hoffen, dass die uns eigene Potenz einer rationalen, die Folgen unseres Handelns langfristig antizipierenden Planung sowie unsere Fähigkeiten, als notwendig erkannte Verhaltensnormen mittels sozialer Sanktionen auch durchzusetzen, ausreichen werden, das Schlimmste zu verhüten. Wir wissen, dass uns die natürliche Selektion dazu leider nicht gut ausgerüstet hat«, so der Anthropologe Christian Vogel.980
Erst wenn diese Überzeugungen aber Teil des allgemeinen Denkens werden, wird daraus Handeln folgen. So wenigstens die Hoffnung von Philosophen wie etwa Thomas Poppe und Valentin Beck, die uns unlängst auf die ethisch-moralische Verantwortung unserer Zeit aufmerksam gemacht haben.981 Wer wie wir im Wohlstand lebt, ist mitverantwortlich nicht nur für die anderen, die in Armut leben, ist Thomas Poppe überzeugt. Doch nicht nur das Elend und die Armut auf dieser Welt sind ungerecht; dabei indes kein unabänderliches Schicksal, sondern etwas, woran wir in den reichen Ländern mitschuldig sind und mithin Sorge tragen müssen, es zu bekämpfen und zu beseitigen. Neben der allgemeinen Verantwortung des Menschen über alle Grenzen hinweg müssen wir nun auch für die Natur globale Verantwortung übernehmen. Dabei gilt das Gleiche, was Valentin Beck in seiner Theorie der globalen Verantwortung herausgearbeitet hat. Neben einer »interpersonellen Verantwortung« - eben jener Verantwortung, die Menschen in wohlhabenden Ländern auch anderen in fernen Ländern gegenüber haben - gibt es eine »strukturelle Verantwortung« jedes Menschen. Da die Welt heute ökonomisch wie politisch eng verwoben sei, sind wir auch alle mitverantwortlich. Dies werde gerade in der vernetzten Welt-
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gesellschaft immer wichtiger, so Beck.
Wobei ihr nicht mehr der Einzelne im direkten Gegenüber gerecht werden könne, sondern nur noch als politisch engagierter Akteur. Indes: »Niemand kann noch ernsthaft behaupten, die Zustände in anderen Teilen des Globus hätten mit ihm nichts zu tun.«982 Aber selbst wenn der vernünftige Mensch sich einer solchen globalen Verantwortung heute zunehmend bewusst wird, wie kann es gelingen, dass er tatsächlich auch diese Verantwortung übernimmt? Beck sieht den Einzelnen dabei insofern entlastet, als etwa der Verzicht auf eine Flugreise, Fleisch oder Fisch, dafür der Kauf fairen Kaffees oder von Lebensmitteln aus lokaler Produktion »ihn nur immer wieder wird scheitern lassen« (da grüßt unsere erste Natur). Gefragt sind auch die gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen, die Politik. Es sei gefährlich, »die Verantwortung für das Elend der Welt zu sehr zu individualisieren«. Allein durch Verzicht und guten Willen werden wir die Welt nicht retten, sondern nur Zyniker produzieren, weil kleines Handeln keine große Wirkung hat. Die Probleme der Welt seien keine Frage allein der privaten Moral, so der Philosoph; und bei aller persönlicher Verantwortung des Einzelnen dürfe man nicht alles allein auf sein Verhalten reduzieren. Zwar sind unser politisches Handeln und Engagement gefragt; die wirklich notwendigen Veränderungen müssen aber durch die große Politik kommen. Dazu kann jeder Einzelne beitragen, aber es braucht den globalen Verhandlungsrahmen, um internationale Übereinkommen zu erzielen, die die Biodiversitätskrise nicht zur Katastrophe und zum sechsten Artensterben werden lassen.
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»Dieser grandiose ökologische Erfolg unserer Art« hat Generationen von Denkern und anderen Geistesgrößen und die menschliche Gemeinschaft in toto lange annehmen lassen, wir seien keine Wesen allein von dieser Welt, seien gar von geradezu göttlicher Natur. Mittlerweile bereitet unser evolutiver Erfolg nicht nur uns, sondern zugleich aller Natur um uns zunehmende Überlebensprobleme. »Dies jedoch nicht, weil wir uns von den evolutiven Zwängen und der natürlichen Selektion frei gemacht hätten«, so bemerkten Evolutionsbiologen wie etwa Hubert Markl schon vor geraumer Zeit, »sondern weil wir diesen Erfolg bisher geradezu besinnungslos konsequent verfolgten.«983
Doch deshalb ist der Mensch weder böse noch blöde. Er ist dank seiner natürlichen Programmierung der geborene Ausbeuter, aber er muss nicht zwangsläufig an seinem ökologischen Egoismus zugrunde gehen. Wir können, statt von der ersten Natur blind getrieben und der zweiten Natur, unserer Kultur, verwirrt auf den Abgrund zuzurennen, unsere Zukunft auch mit Hilfe unserer dritten Natur selbst gestalten und unsere Um- und Mitwelt dabei erhalten.
Letztlich sind auch wir, wie alle anderen Arten, biologische Wesen; als solche unterliegen wir den Naturgesetzen der Erde. Müssen wir mit dieser Erkenntnis nicht annehmen, dass wir irgendwann wie andere Arten auch an ein natürliches Ende kommen? Woher nehmen wir die Zuversicht, dass es bei uns anders sein könnte? Dürfen wir wirklich glauben, dass wir uns die irdischen Naturgesetze zwar zunutze machen, sie gleichzeitig für uns aber nicht gelten?
Oder ist vielleicht gerade dies der gewaltigste Irrtum des Homo sapiens, der ihm zum Verhängnis wird - die größte Anmaßung seines Verstandes und zugleich der sichtbare Ausdruck der Allgegenwart kognitiver Dissonanz? Haben wir die intellektuellen Ressourcen und werden wir rechtzeitig genug die kulturellen Werkzeuge entwickeln, um den Untergang zu vermeiden? Wohin wird uns die Evolution in den kommenden Jahrzehnten führen?
Der biologisch moderne Mensch, der vor 300.000 Jahren in Afrika entstand, hat sich - seit Jahrzehntausenden überall auf der Erde angesiedelt - nachweislich als höchst anpassungsfähig erwiesen. Sicher wird, egal, was passiert, ein Teil unserer Spezies irgendwo und irgendwie überleben. Aber um welchen Preis - und wer wird ihn bezahlen?
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