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Das Mammut

 

 

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Aiyuk legte den Arm um den alten Tore und drückte ihn an sich. "Es ist gut, dem Großen Gefühl zu gehorchen", sagte Aiyuk leise. "Ich bin alt und von Rheuma und Arthritis geplagt. Ich bin schwach. Ich habe keine Angst vor dem Tod, nur — ein kleines bißchen. Aber dann geht es schnell. Nein: ich gehe wie immer auf die Jagd. Jeder wird gebraucht. Sollen wir denn verhungern?"

Tunulig antwortete lange nicht. Dann sagte sie: "Ich kann dir nicht sagen, ob du stirbst. Ich fühle nur Unglück, das von dir ausgeht."

"Wir werden sehen", sagte Tore.

"Willst du nicht doch ...?" fragte Aiyuk.

"Ich will nicht. Alle werden gebraucht. Und außerdem: Wo das Große Gefühl nicht genau ist, kann es sich doch täuschen. Das wissen wir alle. Und hier in meinem Fall ist es nicht genau. Es sagte nicht, was da kommen soll. Unglück! Was ist denn Unglück? War der ganze Winter nicht ein einziges Unglück? Und kann noch Schlimmeres passieren, als wenn alle Mammut-Menschen verhungern? Sollen die anderen Ungeborenen auch noch blau aus dem Leib treten? Nein, Tunulig: Ich gehe auf die Jagd."

Aiyuk umarmte ihn. Tunulig schwieg. Der Entschluß stand fest. Morgen gab es Mammutfleisch.

Aiyuk und Kattee schliefen eng umschlungen. Ein letztes

Mal, noch vor dem Einschlafen, küßte Aiyuk Kattees Stirn und Augenbrauen und Augen. Noch einmal streichelte er ihre Schläfen. Dann schlief er ein. Kattee lag noch lange wach. Wenige Schritte von ihr, hinter dem schnarchenden Kukikatugak, lag auch Tore wach. Trotz seiner mutigen Worte zitterte er vor Angst. Tunuligs Worte waren ihm durch Mark und Bein gedrungen. Wer hatte denn keine Angst vor dem Tod? War aber das langsame Verhungern nicht noch schlimmer? Und überhaupt: Wer konnte so wenig an die Gemeinschaft denken, als daß er sich der Jagd entzogen hätte - und das bei vier halbverhungerten, schwangeren Frauen? Nein: es gab überhaupt keine Wahl. Ja wenn das Große Gefühl Genaueres gesagt hätte. Oder wenn Aiyuk das Große Gefühl bekommen hätte. Aber so. Es gab keine Wahl.

Mitten in der Nacht standen die Jäger auf. Jeder bewaffnete sich mit den schweren Langspeeren. Jeder nahm sich eine Fackel. Aiyuk nahm den zitternden Tore in den Arm und verabschiedete sich dann von Lucuwat.

Auch Eschona nahm Tore in den Arm und sagte dann lächelnd: "Keine Angst. Das Große Gefühl war nicht genau. Heute abend gibt es für alle Mammutfleisch."

Tore lächelte und sagte nichts.

Mit schnellen Schritten gingen die Jäger bergab. Bald erreichten sie die große Grube, in die die Mammuts getrieben werden sollten. Der Jagdplan wurde besprochen. Es wurden drei Trupps gebildet: Eschona und Teschadjuks Mann; Kukikatugak, Gukall und Hikiijauts Mann; Aiyuk, Tore und Kattee. Dann begann der lange Marsch zur Mammutherde. Im entscheidenden Augenblick, sobald alle Jäger die Herde umrundet hatten, sollten die Fackeln angezündet werden, um die verängstigte Mammutherde in Richtung der mit Schnee und Fellen getarnten Grube zu treiben: ein einfacher Plan, der so gut wie immer ohne Verluste ablief.

Im Gegenwind wurde die kleine Mammutherde umkreist. 

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Allmählich aber kamen die Jäger, die alle dreißig Schritt voneinander krochen, um ein geringes Angriffsziel zu bilden, in den Wind. Die Tiere standen alle. In dem Augenblick, in dem sie regungslos dastanden, wurden in aller Eile die Fackeln angezündet. Tore warf das glimmende Holz zu Kattee, die es wiederum Aiyuk zuwarf. Das war der kritische Augenblick. Würden die Tiere in die falsche Richtung durchbrechen und einen Jäger zertrampeln?

Mit einem Mal standen die Jäger auf, schwenkten die Fackeln und schrieen nach Leibeskräften. Die Tiere blieben den Bruchteil einer Sekunde starr vor Schreck. Das Leittier erfaßte die Lage sofort. Einige Tiere drehten sich verängstigt im Kreis, trompeteten und drängten sich dann an das Leittier. Der riesige Mammutbulle machte einen Satz in die Richtung, wo keine Menschen standen, und die Herde rannte donnernd los. So schnell wie sie konnten folgten ihnen die Jäger mit Geschrei. 

Die Treibjagd hatte begonnen.

Die verfolgten Riesentiere rannten um ihr Leben. Nun trompeteten sie nicht mehr. Sie rannten und rannten nur. Die großen weißen Stoßzähne rissen den Schnee auf, die tonnenschweren Körper walzten die Schneemassen flach, so daß die Jäger ihnen leicht folgen konnten, immer in Richtung der Grube. Immer mehr bedeckte sich das dunkelbraune, zottige Fell der Tiere mit dem aufgewirbelten Schnee. Immer fester wurden die Eisklumpen an ihren Flanken. Trotzdem rannten sie weiter, und keuchend und mit Schmerzen in der Lunge folgten ihnen die Mammut-Menschen. Der Abstand zwischen Jägern und Gejagten vergrößerte sich zusehends, so daß die Jäger mit ihrem Geschrei aufhören konnten. Und weil das Geschrei aufhörte und auch das Leittier durch den aufgewirbelten Schnee nichts sehen oder riechen konnte, verlangsamte sich der Abstand von Tier und Mensch wieder, und mit Geschrei und Trompeten ging die Treibjagd erneut los. Der Abstand von ein paar hundert Schritt vergrößerte sich, verringerte sich, vergrößerte sich, verringerte sich. 

So war es immer bei der Mammutjagd.

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Besorgt schaute Aiyuk immer wieder zu Kattee. Wie er, keuchte sie und pustete lange weiße Wolken in die schneidende Luft hinaus. Aber sie hielt das Tempo durch, die Fak-kel in der Linken, den schweren Langspeer in der Rechten.

Die Jagd ging weiter. Immer mehr verringerte sich der Abstand zwischen Mammut und Mammut-Mensch. Immer öfters kamen die Mammut-Menschen auf zweihundert, dann auf hundert Schritte an die Herde heran. Der Schweiß der Mammut-Menschen lief an ihren Körpern herab.

Weiter, immer weiter, nur jetzt nicht aufhören, dachte Aiyuk. Weitermachen, nicht mehr lange, Kattee hält gut durch, Tore hält gut durch. Bald geschafft.

Da kam ihm ein eigentümlicher Gedanke: Können Mammuts eigentlich auch schwitzen?

Und während der Gedanke durch seinen Kopf rauschte, durchzuckte ihn das gleiche Angstgefühl, wie damals in der Bärenhöhle: Kattee war gestolpert und fiel der Länge nach hin. Sie stand sofort auf, aber ihre Fackel war ausgelöscht worden. Aiyuk und Kattee sahen es im selben Augenblick. Dann blickte sie zu Aiyuk herüber, kurz und fragend, und ohne daß er etwas hätte rufen können, warf sie die Fackel im hohen Bogen fort und rannte weiter. Aiyuk fühlte die Angst, fühlte den Verlust der Fackel als große Gefahr. Und doch schob er die Angst sofort beiseite: Nein, es macht ja nichts, Tore und ich beide dreißig Schritt von ihr, die Mammuts sind noch weit weg.

Mammuts und Mammut-Menschen rannten weiter. Nun gab es kein Halten, kein Zögern. Der Halbkreis der Treiber durfte nicht aufgebrochen werden. Nur jetzt nicht aufhören, nur jetzt nicht den Halbkreis lockern. Jetzt immer enger ziehen, die Herde immer bestimmter auf die Grube zutreiben.

Völlig erschöpft rannten Mammuts und Mammut-Menschen durch den Schnee. Tierlungen und Menschenlungen waren am Bersten. Tiere und Menschen stöhnten, keuchten, zitterten. Die Grenze aller Kräfte und Ängste war erreicht. Nur noch wenige dutzend Schritte, da mußte

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die Grube sein. Jetzt, gleich, jetzt war es soweit, jetzt — und das Leittier und ein Muttertier mit ihrem Jungen sackten lautlos in die Grube.

Die Menschen schrieen. Die Mammuts, ohne Leittier, trompeteten in Panik, drehten sich im Kreis, stießen aneinander, rannten vor und zurück. Noch ein Jungtier rutschte ab und fiel kopfüber in die Grube.

Nun waren die Jäger so nahe, daß sie die Panik in den Mammutaugen erkennen konnten. Sie hielten an, schwenkten die Fackeln und schrieen, um die Tiere in die andere Richtung zu treiben, in die Freiheit. Das Trompeten des Leittiers in der Grube verstärkte die Angst der Tiere außerhalb der Grube. Das Trompeten ging über in ein trompetendes Kreischen, in das angstverzerrte hohe Schnauben der totalen Panik.

Noch einen Augenblick standen sich Mammuts und Mammut-Menschen gegenüber. Dann kam der Ausbruch.

Alle Tiere, bis auf einen Jungbullen, sprangen an der Grube vorbei in die menschenleere Tundra. Ohne zu hören und ohne zu riechen und zu sehen, in der höchsten Not, rannte ein Mammutbulle auf die Jäger zu. Noch im letzten Augenblick, noch außer Speerweite, schien er die Fackeln zu sehen und drehte ab. Nun rannte er auf die von ihrem Fall noch schneebedeckte Kattee zu; auf Kattee zu, die keine Fackel besaß. Aiyuk erfaßte die Lage sofort, vierzig Schritt von ihr entfernt. Er rannte vor Angst getrieben auf sie zu, um sie zu retten. Tore aber, keine zwanzig Schritt von ihr, blieb vor Schreck kurz unentschlossen stehen. Dann warf er die Fackel in den Schnee und rannte von Kattee weg, rannte stolpernd und in wilden Sätzen um sein Leben. Alleingelassen blieb Kattee stehen und hob den Arm zum sinnlosen Wurf.

Daß der Langspeer in seinen Rüssel eindrang, nahm der Mammutbulle nicht wahr. Auch die schneebedeckte Kattee nahm er nicht wahr. Starr vor Schreck und ohne Kraft gelang es Kattee nicht mehr, sich beiseite zu werfen. Wie ein Kieselstein durch die Luft fliegt, so leicht wurde sie in

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einem flachen Bogen fünf Schritte weit geschleudert. Das Mammut rannte weiter, ohne Aiyuks Speer in seiner Hinterflanke zu bemerken. Und Tore: Tore rannte weiter und umklammerte schließlich vor Angst Eschona, der ihn angewidert beiseite warf.

Kattee lag mit bebendem Körper im Schnee. Endlich war Aiyuk bei ihr angekommen, warf sich auf sie und sah im Augenblick des Hinkniens die große rote Blutlache um ihren Kopf. Aiyuk weinte und schluchzte. Kattee schloß die Augen und atmete in Stößen. Aus dem rechten Ohr, aus Mund und Nase floß das helle, leichtflüssige Blut.

Eschona hatte sich neben Kattee hingekniet, packte Aiyuk an den Schultern und schob ihn beiseite. Er befühlte ihren Körper, strich ihr über die Haare. Nach kurzer Zeit sagte er, und Aiyuk nahm seine Worte in großer Ferne wahr: "Der Schädel - hat einen Riß - zwei oder drei Rippen ganz zerquetscht - wahrscheinlich in die Lunge eingedrungen. "

Mit jedem Atemzug sickerte ein feiner Blutstrom aus Kattees Mundwinkel.

Kattee, Kattee, Kattee, bleib bei mir!

Noch einmal warf sich Aiyuk neben Kattee, küßte ihre Hand, küßte ihre Augen und leckte ihr Blut vom Gesicht.

" Kattee, Kattee! Wach auf, steh auf, Kattee! Hör auf, Blut, hör auf!" schrie er und leckte ihr das Blut von der Oberlippe.

Kattee schlug die Augen auf und sah Aiyuk an. Die Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. Sie wurde ruhiger und Aiyuk wurde ruhiger. Zum ersten Mal dachte er wieder klar und sah sich selbst im Geist denken: Sie stirbt, sie stirbt, Kattee stirbt, Kattee stirbt, und ich muß ohne sie leben. Das Mammut hat sie getötet, nein, Tore hat sie getötet.

"Tore!" kreischte Aiyuk plötzlich, drehte sich um, zog sein Messer und warf sich mit einem wilden Satz auf Tore.

"Du Mörder!"

Er hob den Arm, um zuzustoßen; aber im selben Augen-

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blick traf ein Faustschlag seinen Unterarm, der ihm den Arm fast ausrenkte. Sein Feuersteinmesser flog im hohen Bogen durch die Luft. Im nächsten Augenblick landete Kukikatugak auf Aiyuk und preßte seinen Oberkörper in den Schnee.

"Was tust du, was tust du da, Aiyuk", stieß Kukikatugak hervor und umklammerte ihn mit einer ungeheueren Stärke.

"Aiyuk, Aiyuk, du kannst doch Tore nicht töten!" rief er.

Ich - ein Mörder - ich töten?

Und Aiyuk war still und weinte in den Schnee. Alles wurde leicht, und Kukikatugaks Umklammerung verschwand. Aiyuk weinte, allein neben Kukikatugak, der ihm nun die Haare streichelte; Aiyuk weinte in den Schnee hinein.

Sie hatte das Unglück geahnt, und so war Tunulig gekommen. Als sie Kattee untersuchte, schüttelte sie nur den Kopf. Aiyuk blickte auf, sah Kattee und robbte sich zu ihr hin. Kattee hob die Hand und streichelte seinen Kopf.

"Sie stirbt", flüsterte Tunulig in Aiyuks Ohr. Aiyuk nickte, schüttelte sich und schluchzte.

"Sie hat große Schmerzen", flüsterte Tunulig noch einmal, und laut, ganz sachlich und laut sagte sie zu Kattee: "Soll ich dir das Gift geben? Es geht dann ganz schnell und schmerzlos."

Mit einer Heftigkeit, die ihr niemand mehr zugetraut hatte, schüttelte Kattee den Kopf. Ihre Lippen formten blutüberströmt immer nur das eine Wort: Aiyuk, Aiyuk.

Gift - ich das Gift? Ich - Kattee?

Aiyuk fiel in Ohnmacht.

Er fühlte nichts, nur Ruhe. Dann spürte er Tunuligs leichte Schläge im Gesicht und wachte auf. Im selben Augenblick war er ganz bei sich, ganz wach und ganz ruhig und ganz Alt-Mensch.

"Ich werde es tun", flüsterte er. "Gib."

Völlig ruhig und doch wie in Trance fühlte er das Giftkraut in seiner Handfläche. Dann halfen ihm Kukikatugak

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und Tunulig, Kattees Oberkörper aufzurichten. Er schaute ihr in die Augen, weinte und lächelte. Auch sie lächelte. Unablässig floß ihr das Blut aus Nase und Mund.

"Ich gebe es dir", sagte er leise.

Kattee nickte schwach und öffnete die Lippen.

Kattee schluckte mehrmals, hustete Blut und schluckte noch einmal. Und noch einmal sah ihr Aiyuk in die Augen. Er brachte keine Silbe hervor, als wenige Minuten später ein Zittern ihren Körper durchlief und die Pupillen stehenblieben. Noch ein letztes Mal legte er den Kopf auf ihre Brust und fühlte, daß ein Teil von ihm mit ihr starb.

Aiyuk blieb noch viele Stunden bei Kattees Leichnam. Er nahm nicht wahr, wie Eschona und Kukikatugak mit ihren Langspeeren die Halswirbel der gefangenen Mammuts durchtrennten und das ängstliche Trompeten mit einem Mal aufhörte. Er nahm auch nicht wahr, daß wenige Schritte von ihm Tore weinend und zusammengekauert hockte. Er nahm nicht wahr, daß Tore vor Scham das Gesicht in den Händen verborgen hielt, und daß Angst und Trauer und Schuld ihn vernichtet hatten.

Die Jäger häuteten und zerlegten das Mammutjunge und die Mammutkuh. Hiküjauts und Teschadjuks Männer und auch Gukall kehrten mit dem Fleisch zur Höhle zurück, während alle anderen gleich an der Grube das von Tunulig mitgebrachte Holz anzündeten. Noch diese Nacht hielten sie bei Kattee und den toten Mammuts Wache. Doch all das nahm Aiyuk nicht wahr. Nur Tore und Aiyuk aßen nichts. Zwar versuchte Kukikatugak, ihm das Fleisch zwischen die Zähne zu schieben, aber es half nichts. Vom Schmerz betäubt, schüttelte er nur kurz den Kopf.

In dieser Nacht regte sich weder Aiyuk noch Tore von der Stelle. Beide weinten nicht mehr, beide schienen so erstarrt wie Kattees eisiger Leichnam. Aiyuk saß da mit hängendem Kopf; Tore jedoch wagte es nicht, die Hände vom Gesicht zu nehmen. Niemand würdigte ihn eines Blickes, niemand bot ihm Fleisch an. Stundenlang wurde Aiyuk von Eschona, Kukikatugak und Tunulig gestreichelt, bis er im

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Sitzen in einen Dämmerschlaf verfiel. Tore jedoch, total wach, wurde nicht gestreichelt. Tore war ein lebender Toter. Er wußte, was mit ihm geschehen würde.

Kattee wurde am nächsten Morgen ohne Ocker und ohne Blumen beerdigt. Niemand brachte das Abschiedslied über die Lippen. Sogar Eschona und Kukikatugak weinten. Aiyuk aber war so starr und leer wie die kalte Tundra. Der Wind pfiff, doch nahm er ihn nicht wahr. Aiyuk erstarrte zu einer Eissäule, die keiner Regung fähig war. Er fing erst wieder an zu schluchzen, als Kattees Leichnam von Kukikatugak zugeschüttet wurde. Aiyuk war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen und schluchzte unkontrolliert. Und mit ihm, zwanzig Schritt von den Lebenden, schluchzte auch Tore in seiner Schuld.

Viele Stunden saßen Aiyuk und Tore da, jeder in sich zusammengesackt. Unablässig wurde Aiyuk von Tunulig gestreichelt. Endlich gelang es ihr, ein wenig von seinem Schmerz in sich eindringen zu lassen. Kurz darauf sagte Aiyuk mit klarer Stimme: "Es geht besser, danke."

Tunulig lächelte und umarmte ihn.

"Gut", sagte sie. "Kannst du verstehen, wenn ich mit dir rede?"

Aiyuk nickte. Tunulig fuhr fort: "Dann ist es gut. Denn ich muß heute mit dir reden. Die Zeit der Liebe ist vorbei. Nun kommt die Zeit der Worte und der Erklärungen. Nun muß ich sprechen. Ohne deinen Freund Kukikatugak wärst du zum Mörder geworden. Du hättest ein viel größeres Verbrechen begangen als Tore - ja, du sollst gleich erfahren warum -, ein schlimmeres Verbrechen als Tore, ich sage nichts ohne Grund."

Auf einmal war Aiyuk ganz wach, ganz gefaßt, ganz ruhig in seiner Trauer. Er, schlimmer als Tore? Er, Aiyuk der Alt-Mensch?

"Höre", sagte Tunulig sanft, "höre das Geheimnis, über das ich so lange geschwiegen habe, um Tore zu beschützen. Aber nun ist es gleich, und alles zu spät. Denn Tore hat durch Feigheit Kattees Tod verursacht. Deswegen wird er

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verbannt von den Mammut-Menschen und muß allein über die Steppe wandern, bis er verhungert oder von den Wölfen zerrissen wird."

Allein zu sein, das ist der Tod.

"Höre also, was einst geschah.

Vor vielen Sommern ging Tore zu den Pferde-Menschen. Igiluk, deine Mutter, hatte sich den Sommer zuvor entschieden, bei Mayogureak von den Mammut-Menschen zu liegen. In jenem Sommer hatte sie aber noch keine Brüste, und wer noch keine Brüste hat, darf nicht bei einem Mann liegen. Also entschieden alle, sie solle bis zum nächsten Sommer warten. Im Sommer darauf trafen wir aber die Pferde-Menschen nicht, und unser Mayogureak war zu krank, um Igiluk zu holen. Und so ging Tore allein zu den Pferde-Menschen, um die Frau für seinen Freund Mayogureak zu holen. Doch der Winter kam früh. So mußte Tore bei den Pferde-Menschen den Winter über bleiben. Die Pferde-Menschen zogen schnell in Richtung der Sonne weiter. Im nächsten Frühjahr bekam Igiluk einen Sohn, dich, obwohl sie sich Mayogureak versprochen hatte, der so weit weg war. Das Versprechen war gebrochen worden, das Gesetz war verletzt worden. Denn wenn sich eine Frau einem Mann freiwillig verspricht oder ein Mann sich einer Frau freiwillig verspricht, darf derjenige, bis er mit ihm oder mit ihr liegt, nicht bei anderen liegen. Und erst recht nicht, wenn derjenige, dem man sich versprach, krank ist und sich nicht wehren kann. Das ist nicht menschengemäß. Wie auch immer: das war ein Gesetzesbruch, wenn auch kein schwerer. Dafür wird niemand verbannt. Es wäre auch nicht möglich gewesen, Igiluk zu verbannen, denn sie starb bei deiner Geburt. Kurz darauf starb auch Mayogureak an seiner Krankheit. Tore brachte dich als Kleinkind zu uns zurück, und Tore und ich haben dich großgezogen."

"Bin ich dann nicht ein Pferde-Mensch und kein Mammut-Mensch?"

"Du bist ein Mammut-Mensch. Verstehst du nun?"

Aiyuk stand langsam auf. Er ging zu Tore herüber, der

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noch immer in sich zusammengekauert dasaß. Noch immer hielt er das Gesicht in den Händen. Er fühlte Aiyuk neben sich und begann wieder zu weinen. Plötzlich hockte sich Aiyuk neben ihn hin und strich ihm über das schlohweiße Haar.

"Du bist mein Vater", sagte Aiyuk freundlich, "du bist mein Vater, und ich war blind. Du und Igiluk." Er umarmte Tore und küßte ihn und fühlte eine Liebe zu diesem erbärmlichen Menschen, die er nur noch für Kattee empfunden hatte.

"Tore, Tore, Vater, armer Mann. Du hast mir das Leben gegeben und es mir wieder genommen."

Nun verstand Ayiuk, wie schwer die Schuld wog, die Tore erdrückte, wie doppelt schwer die Schuld des Vaters gegenüber dem Sohn sein mußte. Er verstand Tore vollkommen - diesen elenden, zerstörten Menschen, der ohne Widerrede in die Steppe hinausgehen würde, weil er gegen die Gemeinschaft verstoßen hatte und auf ihn kein Verlaß mehr war.

Aiyuk verstand seinen Vater vollkommen. Tore trug die Schuld des Vaters, der doch dem Sohn alles Leben schenken wollte, und der nun den Tod gebracht hatte.

Aiyuk umarmte Tore noch einmal und sagte: "Ich verstehe dich, und ich verzeihe dir. Du bist ein schwacher Mensch, aber ich bin nicht besser, und war doch so stolz auf mich. Und gestern wäre ich beinahe zum Mörder meines Vaters geworden. Nein, Tore: ich habe auch Schuld auf mich geladen. Ich will es wieder gutmachen, alter Mann. Da du niemand wissentlich getötet hast, würden dich die Pferde-Menschen aufnehmen - falls du es je schaffst, zu ihnen durchzukommen. Aber das schaffst du nie allein. Vielleicht geht es, wenn wir zusammen gehen. Ich werde freiwillig mit dir in die Verbannung gehen."

Tore schob ihn von sich und schüttelte heftig den Kopf. "Nein, nein, nein", flüsterte er. "Nein, mein Sohn, nein, nein, du mußt leben."

Aiyuks Worte schmerzten Tore mehr als alle Schuld:

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"Vater, ich habe kein Interesse mehr am Leben. Wenn ich überlebe, lebe ich. Wenn ich sterbe, dann mit dir zusammen."

Tunulig kniete sich neben Aiyuk und fragte: " Hast du dir das gut überlegt? Weißt du, daß ihr es kaum schaffen werdet, allein zu den Pferde-Menschen zu kommen? Weißt du, daß du sterben wirst?"

"Ich habe mich entschlossen. Nach Kattees Tod kann ich es hier nicht länger aushalten."

"Bitte, Aiyuk, bitte..." begann Kukikatugak, und sah ein, daß sein Flehen sinnlos war. Er umarmte Aiyuk heftig und weinte.

"Es ist gut, mein Lieber", sagte Tunulig und entfernte sich.

Und so war es beschlossen. Niemand hätte gewagt, Aiyuk Vorhaltungen zu machen; niemand hätte gewagt, ihn mit unmenschengemäßen Argumenten aufzuhalten wie: Wenn Tunulig in ein paar Sommern stirbt, wer soll dann Alt-Mensch sein? Wer soll der ältere Freund von Lucuwat werden? Weißt du wie schlimm der Ausfall eines Bärenjägers für uns ist?

Den Mammut-Menschen wären Fragen dieser Art trivial vorgekommen gegenüber dem Entschluß Aiyuks; und im Angesicht seines Unglücks.

Aiyuk selbst war ruhig und gefaßt. Dennoch gingen ihm die Gedanken durch den Kopf, die ihm die Ironie des Lebens bewußt machten und ihm die Zuversicht in die Ordnung der Welt nahmen: Kattee, Kattee. Vom Vater getötet ohne daß er etwas dafür kann. Er ist nur schwach geworden, nur kurz, und seine Schwäche war der Tod.

Noch in seiner Trauer erkannte Aiyuk die Ironie seines Lebens: Jetzt endlich habe ich das Geheimnis erfahren, wo es mir gleichgültig ist. Jetzt endlich habe ich den Vater gefunden, wo er am besten nicht gefunden worden wäre.

Sofort schämte er sich: Wer kann es wagen, einen schwachen, alten Mann zu verurteilen? Er war aus Angst schwach und ich aus Wut. Ich war innerlich zu stolz und

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zu ruhig. Es war die falsche Ruhe, die dumme Ruhe der Überheblichkeit. Ich bin noch lange kein Alt-Mensch. Und jetzt werde ich sterben. Aber dann finde ich Kattees Geist.

Und als er oben in der Höhle ankam, malte er im Schein von Kukikatugaks Fackel Kattees weibliches Zeichen, ein langes Oval. Und obwohl es nicht Sitte war, malte er daneben sein eigenes, zwei lange Parallelstriche. Kukikatugak schüttelte den Kopf; er weinte in sich hinein und konnte nicht sprechen.

Am nächsten Morgen halfen alle, die Tragesäcke mit Fleisch zu stopfen. Ohne Regung ließ sich Tore zwei Wisentfelle umhängen, wovon das zweite nachts ein kleines Dach, auf die gekreuzten Langspeere gebunden, abgeben würde. Aiyuk trug das Feuerholz, steckte zwei Kurzspeere und den Speerwerfer in den Gürtel und griff nach dem Langspeer. Bogen und Pfeil ließ er für immer hinter sich.

Keiner sprach. Aiyuk wurde von allen umarmt und gestreichelt. Plötzlich umarmte ihn Lucuwat und rief weinend: "Aiyuk, Aiyuk! Bleib und laß mich bei dir liegen!"

Mit tränenüberströmtem Gesicht fiel Aiyuk vor ihr auf die Knie und preßte sie an sich. Dann lächelte er und sagte: "Liebes Kind, liebes Kind. Ich habe das Gefühl für dich, aber nicht als ob du eine Frau wärst. Ich will keine Frau mehr, und du bist ohnehin zu jung. Kukikatugak wird dein älterer Freund sein. Er wird dir auch erklären, warum ich nicht mehr bei den Mammut-Menschen bleiben will. Du wirst es später verstehen."

Dann stand er schnell auf und schulterte den schweren Tragesack. Tore wich allen Blicken aus und heftete die Augen auf die Erde. Aiyuk drückte ihm den Langspeer in die linke Hand. Dann schaute Aiyuk Tunulig und Kukikatugak kurz an und lächelte.

"Ihr schafft es bestimmt", sagte Kukikatugak. - "Vielleicht", antwortete Aiyuk.

Er nahm Tore bei der Hand und ging mit ihm langsam in die Tundra hinaus.

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