Der Hase
199-206
Viele Tage lang zogen Aiyuk und Tore über die Tundra. Am Anfang gab es noch viele Gebirgsbäche zu überqueren. Jedes Mal nahm Aiyuk den alten Tore an die Hand, und zusammen durchschritten sie das eisige Wasser. Dann wieder wurde der Schnee tiefer. Tore ließ es sich nicht nehmen, mit blutenden Knien einen Weg zu bahnen, und Aiyuk ließ ihn gewähren. Er verstand ihn wohl: die blutenden, halberfrorenen Knie, die schon nach einem Tag zu erfroren waren, um überhaupt noch zu bluten: das war ein Teil von Tores Sühne. Aiyuk verstand ihn. Tore lebte nur noch für Aiyuk, seinen Sohn. Tore lebte nur noch, um ihn zu den Pferde-Menschen durchzubringen.
Aiyuk nahm das Angebot seines Lebens an. Wenn er es nicht getan hätte, das spürte er genau, dann hätte sich Tore auf der Stelle hingelegt und wäre gestorben. So aber schenkte ihm sein Sohn noch Sinn. Tore aß wenig, gab Aiyuk die größeren Portionen, und Aiyuk nahm sie. Tore schlief wenig, bestand darauf, fast jede Nacht Augen-Mensch zu sein, und Aiyuk nahm sein Opfer an. Es war kein großes Opfer; Tore war sich dessen bewußt.
Dann kam der Tag, an dem Tore versuchte, das große Opfer darzubringen. Das kam so: Seit einem Tag wurden die beiden Jäger aus weiter Ferne von Wolfsgeheul begleitet. Am zweiten Tag zeigte sich das hungrige kleine Rudel kurz und verschwand darauf. Am dritten Tag blieben die Wölfe in Sichtweite. In der Nacht des dritten Tages hielten sie nur zwei große Feuer von dem Angriff ab. Am nächsten Tag aber, das fühlten Aiyuk und Tore, würden die Wölfe den Angriff wagen. Davor hatte keiner der Jäger Angst. Der Schrecken vor dem unbekannten Tod war längst gewichen. Aiyuk war ruhig und zugleich benommen von der Trauer um Kattee; er nahm alles hin, wie es kam. Und Tore war bereit, sein Dasein zu erfüllen, und das hieß, sich für Aiyuk in Stücke reißen zu lassen.
Doch es kam anders.
Am Morgen des vierten Tages kam das Knurren immer näher. Die Jäger traten vor das kleine Zelt und lösten die Langspeere von den Zeltfellen. Aiyuk nahm den Langspeer in die Linke, den ersten Wurfspeer und den Speerwerfer in die Rechte.
Im ersten Morgenlicht zogen die Wölfe ihre Kreise immer enger. Die Jäger stellten sich Rücken an Rücken.
Aiyuk hatte schon zwei Wölfe mit den Wurfspeeren getötet, da tat Tore etwas Unerwartetes: mit erhobenem Langspeer und wildem Geschrei sprang er auf drei große Wölfe zu. Dem ersten zerschmetterte er den Schädel, dem zweiten riß er den Unterkiefer aus der Halterung - und plötzlich verkrochen sich die restlichen Wölfe mit eingezogenen Schwänzen, jaulend, dann rennend. Dieser Mann war ihnen unheimlich. Es war, als ob sie seinen Wunsch gefühlt hätten: tötet mich, ich bin bereit, ich will sterben.
Einen Menschen, der den Tod erwartete, das hatten die Wölfe noch nicht erfahren, einen Menschen, der ganz allein auf sie losstürzte und so viele Wölfe in den Tod mitnehmen wollte, wie er zu töten vermochte.
Die Wölfe verschwanden.
Keuchend vor Anstrengung schaute Aiyuk Tore an. Zum ersten Mal vermochte Tore, Aiyuk in die Augen zu schauen. Du siehst, ich bin nicht nur schlecht, sagte Tores Blick. Ich war schwach, aber nun bin ich stark. Du bist mein Leben geworden.
Aiyuk sagte nichts. Er legte ihm die Hand auf die Schulter.
200
Der große Feind, größer als alle Wölfe, war erst im Anmarsch. Diesem Feind hatte Tore nichts entgegenzusetzen. Es war der spätwinterliche Schneesturm.
Zwei Tage nach dem Zwischenfall mit den Wölfen begann der Sturm. Tore und Aiyuk konnten sich gerade noch zu einer Felswand retten, gegen die sie ihre Speere stemmten, um daran die Felle festzubinden. Auf diese Weise hielten sie den schlimmsten Wind ab.
Schon am nächsten Morgen waren sie eingeschneit. Bisweilen gingen sie vor das winzige Zelt, um mit den Händen die dichtesten Schneeberge beiseite zu räumen. Nach der nächsten Nacht gab es Schnee und immer nur Schnee, der ohne Unterlaß die Tundra bedeckte. Der Schneefall war so dicht, daß die Jäger die dicken grauen Wolken nur erahnen konnten.
Alles war still. Nur der Wind pfiff und heulte und schrie: Hier bin ich! Hier bin ich und bringe euch den Tod!
Und Aiyuk und Tore hörten den Wind und sahen den Todesschnee. Sie zogen ihre Wisentfelle nur noch enger an sich, aber Angst hatten sie keine. Stumm lagen sie zusammengekauert in den Fellen. Der Sturm aber richtete sich auf der Erde ein; es gefiel ihm bei den beiden Jägern, und täglich brachte er neue Kälte und neue Schneemassen.
Am fünften Tag sprach Tore nur einen einzigen Satz: "Wir müssen mit dem Feuerholz sparsamer umgehen."
Aiyuk nickte.
Danach wurde es im Zelt immer kälter. Ein jeder fühlte, daß der Sturm nur zu ihm gekommen war. Tore dachte: Der Sturm bringt mir den Tod, damit ich Kattees Tod sühne -und er freute sich. Aiyuk dachte: Der Sturm bringt mir den Tod, damit mein Geist mit Kattees Geist vereinigt wird. Und er freute sich.
Am siebten Tage des Sturms sagte Aiyuk: "Wir müssen das Wisentfleisch rationieren."
Zu seinem Erstaunen antwortete Tore: "Nein. Wir werden nicht rationieren. Ab heute werde ich nicht essen."
201
"Du mußt essen. Ich will es. Du mußt essen, Vater. Allein schaffe ich es nicht zu den Pferde-Menschen."
Tore lächelte. "Ohne Fleisch im Magen wirst du es auch nicht schaffen. Ich bleibe dabei. Ich esse nicht."
Immer wieder redete Aiyuk ihm zu. Schließlich gab er auf. Es war Tore also doch noch gelungen, sich für Aiyuk zu opfern. Oder doch nicht? Würde der Sturm vielleicht aufhören und sich gnädig erweisen?
Doch der Sturm kannte keine Gnade. Um diese Jahreszeit hatte er noch nie so lange sein Unwesen getrieben. Der Sturm dachte gar nicht daran aufzuhören.
Am zwölften Tag des Sturms stellte Aiyuk fest: "Das Feuerholz reicht nur noch für drei Tage. Wir wären schon lange bei den Pferde-Menschen angekommen."
Am fünfzehnten Tag des Sturms begann das große Frieren.
Am sechzehnten Tage des Sturms aß Aiyuk nur jeden zweiten Tag.
Am zwanzigsten Tag des Sturms aß Aiyuk den letzten Fleischbissen. Aber am einundzwanzigsten Tag hörte der Sturm auf. Urplötzlich wurde es wärmer, der Schnee begann zu schmelzen, und die Sonne fühlte sich auf Aiyuks Gesicht warm an.
"Komm", sagte Aiyuk zu Tore. "Komm schnell. Vielleicht schaffen wir es doch noch."
Tore antwortete nicht. Aber auch er schien ein wenig Hoffnung geschöpft zu haben. Ist das Leben nicht doch besser als der Tod, auch wenn man ihn herbeiwünscht?
Bei strahlendem Sonnenschein stapften die Männer durch den Schnee. Die Bewegung tat ihnen gut; so froren sie nicht mehr so stark. Ja, sie begannen wieder zu schwitzen. Die Füße und Hände wurden wieder warm.
Der Hunger hatte zu nagen aufgehört. Nur noch zwei Mal fünf Tage, dann mußten sie auf die Pferde-Menschen stoßen. Nur noch zehn Tage den Hunger aushalten. Da kam Aiyuk ein Gedanke: Und wenn die Pferde-Menschen durch den Sturm aufgehalten wurden? Oder wenn sie
202
schon viel weiter in Richtung der Nacht gezogen sind, so daß wir sie nicht mehr einholen können?
Obwohl die Sonne schien und es immer wärmer wurde, wurde das Fortkommen von Tag zu Tag schwieriger. Dies war der letzte Feind nach dem Hunger. Allmählich ließen die Kräfte nach.
Jeden Tag schien die Last der Speere und der Felle schwerer zu drücken. Jeden Tag wurden die Füße schwerer. Jeden Tag wurde die zurückgelegte Strecke geringer.
Am zehnten Tag war keine Spur von den Pferde-Menschen zu entdecken. Würden sie noch kommen? Waren sie schon dagewesen? Der Schnee war nur zwei Tage alt. Ob Menschen hier gewandert waren, ließ sich nicht mehr feststellen.
Aiyuk und Tore beschlossen, auf dem traditionellen Weg der Pferde-Menschen weiterzuziehen. Irgendwie mußten sie doch zusammentreffen.
Trotz seiner Ermattung trug Aiyuk Kattee in sich. Wenn er über die weiße Ebene blickte, sah er ihre leuchtenden Augen. Wenn ihn die Dunkelheit der Nacht umgab, stand sie vor ihm und lächelte. In solchen Augenblicken erwachte er aus der Gleichgültigkeit, die immer mehr von ihm Besitz ergriff, und spürte einen Schmerz in der Brust. Zu anderen Zeiten sah er Kattees breiten Mund und ihre weißen Zähne. Dann wieder erschienen ihm ihre langen, schlanken Hände, und er küßte ihre Fingernägel. Ein andermal sog er ihren Duft ein und fühlte ihren weichen Hals. Doch immer wieder kam er auf ihre Augen zurück, die er immer wieder küßte. In solchen Augenblicken verzweifelte er; einmal legte er sich einfach in den Schnee. Selbst ohne Kraft, baute Tore das Zelt um Aiyuk herum, legte ihn in sein Wisentfell und streichelte seinen Kopf - ohne ihn anzusehen, denn Tore wußte, warum Aiyuk schwermütig war.
Allmählich, ganz allmählich gingen die Kräfte zu Ende. Jeder Schritt wurde zur Qual. Tore blieb immer mehr hinter Aiyuk zurück. Die Pausen verlängerten sich. Ab und zu regnete es. Tore und Aiyuk waren zu müde, um sich da-
203
gegen zu wehren. Sie ließen den Regen an ihrer Haut hinabrieseln. Es war ihnen längst gleichgültig.
Dann fing Tore an zu husten. Bald wurden die Schmerzen in der Brust unerträglich. Dennoch schleppte er sich weiter, hustend, stöhnend. Die Lungenentzündung griff auf das Rippenfell über, dann auf den anderen Lungenflügel. Am nächsten Tag stolperte Tore, fiel hin und stand nicht mehr auf.
Er schloß die Augen und sagte nur noch: "Mein Junge, verzeih." Dann keuchte er und starb.
Aiyuk streichelte ihm stundenlang Kopf und Gesicht. Als das letzte Zittern Tores Körper durchlief, hatte Aiyuk noch geweint. Nun aber war er selbst ein lebender Toter, erschöpft, leer, hoffnungslos, zu abgestumpft, um echte Trauer zu empfinden. Mechanisch begrub er Tore im Schnee, ohne daß es ihm gelungen wäre, auf Grund zu kommen.
Was macht es noch aus, wenn ihn die Wölfe finden? dachte er. Und wer begräbt mich? Kattee, Vater! murmelte er.
Aiyuk stand auf, ging weiter, immer weiter. Die Speere warf er von sich.
Wenn die Wölfe kommen, bin ich bereit. Es spielt keine Rolle mehr. Kattee, ich komme bald.
In dieser Nacht legte er sich in sein Wisentfell und schlief bis zum Mittag. Dann ging er weiter. Die äußere Erschöpfung holte allmählich die innere ein. Als die körperliche und seelische Erschöpfung zusammentrafen, legte sich Aiyuk in den Schnee und bereitete sich auf den Tod vor. Kattee stand in voller Größe vor ihm und streichelte ihm über das Haar. Kukikatugak lachte. Lucuwat ließ sich von ihm kitzeln. Tunulig schaute ihn ernst an. Kattee streckte ihm ihre Brust zum Kuß hin. Oschet stöhnte vor Zahnschmerzen.
Mein Fuß, mein Fuß, Kattee! dachte Aiyuk und wurde sich bewußt, daß er im rechten Bein kein Gefühl mehr besaß.
204
Mein Fuß, dachte er, und dann: Wenn du am Erfrieren bist, reibe und drücke die Stelle, bis das Blut wieder kommt. Reibe aber nicht mit dem obersten Schnee, sondern mit dem Schnee dicht über dem Erdboden.
Und so grub Aiyuk ein großes Loch in den Schnee.
Was für ein Loch? fragte er sich, wurde bewußtlos und mußte doch weitergegraben haben. Denn als er erwachte, war er dabei, den Fuß mit dem Schnee einzureiben. Er rieb immer fester. Langsam bekam er wieder ein Gefühl in den Fuß, und auch die Hände wurden warm. Er freute sich darüber, dann aber lachte er: Was soll ich mich einreiben, was soll ich noch? Kattee, ich komme, ich kann ja sowieso nicht mehr weiter. Kattee, Kattee, Tore, Tunulig, Kukikatugak!
Kattee küßte ihn, Kukikatugak streichelte ihn, alle lachten und winkten ihm zu. Kattee nickte mit dem Kopf und lachte. Aiyuk küßte ihr die Stirn. Er lächelte. Dann schlief er ein.
Ohne daß er es bemerkt hätte, hatte er den Schnee weggekratzt und Gräser und Farne freigelegt.
Aiyuks Schlaf wurde immer tiefer, es wurde immer stiller um ihn. Wie lange er geschlafen hatte, wußte er nicht. Auf einmal fühlte er ein Kitzeln in seiner Hand, dann noch einmal.
Kattee?
Es war aber nicht Kattee. Aiyuk war hellwach, öffnete ein Auge und schloß es sofort wieder. Direkt an seiner rechten Hand schnupperte ein großer weißer Hase. Als sich Aiyuk lange nicht rührte, drehte ihm der Hase den Rücken zu und begann, von den freigelegten Gräsern zu essen.
Ein Hase! Ein Hase! Wo kommt der Hase her?
Langsam, mit dem Instinkt des alten Jägers, öffnete Aiyuk beide Augen einen Spalt breit. Ja, es war ein Hase, kein Traum. Wer hatte ihm den Hasen geschickt? War es Kattee?
Da wurde ihm klar: den Hasen habe ich selbst geschickt, als ich gegraben habe. Er will nur die Gräser. Jetzt - schnell!
205
Und Aiyuk fuhr flitzschnell mit der rechten Hand auf das Fell zu.
Gefangen! Jetzt den Hals.
Der Hase wand sich, biß und trat. Noch ein Griff um den Hals - Aiyuk brach dem Hasen die Wirbelsäule. Der Hase bewegte sich nicht. Hastig zog Aiyuk den großen Hasen zu sich her, riß ihm mit den Zähnen die Halsschlagader auf und trank gierig das warme Blut. Es durchströmte seinen ganzen Körper, es füllte den Magen und drang mit seiner lebendigen Wärme bis in seine Fußspitzen. Zuerst stützte sich Aiyuk auf seinen Ellbogen, dann fand er die Kraft, sich hinzuknien. Mit den Fingern und den Zähnen riß er das Fell in Fetzen ab und steckte das rote Fleisch in den Mund.
Hase, ich lebe, ich lebe! rief er in die Tundra.
In kurzer Zeit hatte er den Hasen aufgegessen. Trotz seiner völligen Erschöpfung fühlte er sich wohl. Die Trauer hatte er abgelegt.
Leben, nur leben!
Er machte einige Schritte, schwankte, fiel hin und stand auf. Langsam ging er weiter. Zuerst wurde er immer stärker, einmal lachte er sogar. Dann aber, nach einigen Stunden, erbrach er sich und fühlte, wie ihn die Kräfte wieder verließen. Er fieberte und phantasierte. Manchmal ging er auf den Knien weiter, manchmal ertappte er sich beim Schlafen.
Nicht einschlafen, der Hase war doch nicht umsonst, Kattee, wo bist du?
Dann fühlte er seine Schritte, sah den blauen Himmel im Kreise tanzten. Er bestieg einen kleinen Hügel. Alles drehte sich. In weiter Ferne hörte er sein Keuchen, hörte sich "Kattee!" rufen und fiel hin.
Als er erwachte, war alles warm. Der Knollenbrei brannte in ihm. Sein Gesicht glühte. Er schlug die Augen auf und sah den alten Seioka, der ihn fütterte. Seloka legte die Schale beiseite und streichelte Aiyuks Wange.
"Aiyuk - ich bin es, Seloka. Du bist jetzt bei uns", sagte er, "bei den Pferde-Menschen."
206
#