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Der Hunger

 

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Als die Berge in Sichtweite kamen, begann der große Windsturm. Schon seit Tagen hatte es geregnet. Mit einem unguten Gefühl sahen die Mammut-Menschen die Höhle-des-tanzenden-Menschen näher kommen, die ihr Winterlager werden sollte, ganz gegen alle Gewohnheit. 

Wer seine Gewohnheiten ändert, bekommt immer ein ungutes Gefühl. Denn die Gewohnheiten sind erprobt, sie sind bekannt und haben sich bewährt. Im Neuen ist stets das Todesrisiko mit eingebunden. Aber immerhin: Noch vor dem Regen hatte ihnen der große Fluß viele Lachse geschenkt, die flußaufwärts zum Laichen schwammen und hüpften. Forelle, Bärenhirn und Knochenmark ausgenommen, gab es nichts Schmackhafteres als das rosig-zarte Fleisch der großen Lachse. 

Tagelang gab es nur Lachs zu essen. Das hob die Stimmung der Mammut-Menschen ganz erheblich. Auch geräuchert schmeckte der Lachs gut. Vielleicht zum Ausgleich - da die Pferde dieses Jahr ausgeblieben waren - schickte die Natur besonders viele Lachse. Auf diese Weise vermochten die Mammut-Menschen viel Lachs als Wintervorrat zu räuchern. Ohne daß sie es wußten, sollte ihnen der Lachs das Leben retten. Sie fühlten, daß da etwas Gutes für sie bereitgestellt wurde, und sie waren dankbar. Genauso fühlten sie, daß die Änderung ihrer Gewohnheiten und das Überwintern am Nordhang der großen Berge nichts Gutes bringen würde. Und auch da hatten sie recht.

Aiyuk hatte sich an das ungute Gefühl gewöhnt. Die besorgte Miene, die Eschona zeigte, vermochte Aiyuk hinter sich zu lassen. Das Schlechte, die Angst, die fortwährende Unsicherheit: all das hatte er als einen Teil des Lebens akzeptiert. Seine Unruhe war daher von einer großen Ruhe umgeben.

Allmählich begann sich seine Ruhe auf Kattee zu übertragen. Trotz der Anstrengung der Wanderung glühten ihre Wangen rot. Ihr Bauch war zwar noch schlank, aber im Gesicht wurde sie voller. An den Oberarmen setzte sie etwas Fett an, auch an den Hüften. Sie fühlte sich in ihrer Schwangerschaft wohl. Aiyuk bestärkte sie in ihrem Wohlgefühl, denn seine Liebe zu ihr wuchs, anstatt, wie so häufig bei Menschen, nachzulassen. Jeden Abend drang Aiyuk in ihre Scheide, aber nur von hinten, damit das Ungeborene nicht erdrückt würde. Ganz ruhig ließ er seinen Samen in sie fließen; ganz sanft und still fühlte Kattee ihren Orgasmus. Aiyuk war Kattee und Kattee war Aiyuk. Kattee spürte die Enge zu Aiyuk besonders dann, wenn er ihr den Samen schenkte oder wenn er neben ihr lag und ihren Bauch streichelte und leckte. In diesen Augenblicken übertrug er seine Ruhe auf sie. Sie fühlte deutlich, wie er sich bemühte, sie an seiner Ruhe teilhaben zu lassen. Ganz allmählich wich ihre Unsicherheit. Je größer ihr Bauch wurde, desto selbstsicherer und stiller wurde sie. Es war eine glückliche Stille, eine Ausgeglichenheit, die die Angst beseitigte. Ihre alte Selbstsicherheit kehrte wieder zurück. Während Aiyuk und Kattee nebeneinander über die Tundra wanderten, dachte Aiyuk manchmal, Kattee würde schweben: so sicher, still, unpretentiös war ihr Gang. Das Kind in ihrem Bauch und Aiyuks Ruhe hatten ihr etwas Altes wiedergegeben, aber in neuer, gesteigerter Weise: Würde. Es war nicht so, daß sie das Kind stolz trug. Nein, es war Würde ohne Stolz. Denn Stolz kannten die Mammut-Menschen nicht. Stolz, das war verpönt. Die Mammut-Menschen sagten immer: Wer stolz ist, hat wohl einen Grund, sich hinter dem Stolz zu verstecken. Das ist ver-

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ständlich, aber nicht menschengemäß. Denn alle Menschen sind gleich, weil alle Menschen essen und hungern und sterben. Bei der Würde war es anders. Würdig zu sein, hieß die Dinge des Lebens akzeptiert zu haben, bedeutete innere Ruhe trotz äußerer Unruhe. Längst hatte Tunulig diese Ruhe erreicht; Aiyuk war ihr nahe, und Kattee folgte und verringerte den Abstand zu ihm immer mehr.

Daher konnte Kattee ihre Angst akzeptieren, als Aiyuk sich bereit erklärte, allein in die Höhle-des-tanzenden-Menschen zu gehen. Es roch ein wenig nach Bär. Gukall drängte sich vor, aber Aiyuk bestand darauf zu gehen.

"Mir passiert nichts", sagte er und legte die Hand auf Gukalls Schulter. "Ich fühle es genau, mir passiert nichts."

Als er die Fackel in die Hand nahm, lächelte er Kattee zu und strich ihr über die Wange. Dann drehte er sich um und ging. Mit schnellen Schritten, ohne zu zögern, drang er ins Innere. Er erinnerte sich ganz genau an den Tag, an dem er Bärenjäger geworden war. Jeder Schritt, den er damals getan hatte, war ihm gegenwärtig. Wie hatte er damals vor Angst gezittert. Angst besaß er zwar jetzt auch. Doch alles war anders. Nachdem er damals, am Tag vor der ersten Bärenjagd, von der Anhöhe herab mit dem Bärengeist gesprochen hatte, hatte er den Bären nicht mehr gefühlt. Heute jedoch spürte er irgendwie, daß ihm nichts passieren konnte. Obwohl der Bärengeruch bei jedem Schritt stärker wurde, war Aiyuk nicht im mindesten beunruhigt. Vorbei an den Gravuren und Bildern von Steinböcken, Wisents, vorbei am tanzenden Menschen mit dem Hirschgeweih. Da sah er die längst verlassene Lagerstätte einer Bärengemeinschaft. Dann ging er weiter, aber der Bärengeruch nahm ab. Die Höhle war leer. Nur ein paar Fledermäuse schreckten auf. Eine flog dicht an Aiyuks Kopf vorbei ins Freie. Von seinen vielen Höhlenbesuchen kannte er die Fledermäuse gut; er erschrak nicht einmal vor den kleinen "Schwarzhautvögeln" , wie sie die Menschen noch mit dem alten Namen nannten.

Als Aiyuk ins Freie trat, umarmte ihn Kattee heftig. Kuki-

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katugak lachte. Die Mammut-Menschen zogen ins neue Winterlager ein.

Vor langer Zeit hatten andere Menschen viel Holz am Höhleneingang gestapelt. Was waren das für Menschen? Waren es Pferde-Menschen — oder gar Mammut-Menschen? Denn das Holz war steinhart, völlig ausgetrocknet und brüchig. Dankbar nahm Tunulig ein Ästchen in die Hand. Zum ersten Mal seit Tagen lächelte sie. Das Holz war ein gutes Zeichen. Die Menschen, die vor vielen hundert -oder waren es tausend? - Sommern das Holz gesammelt hatten und nie wiedergekehrt waren, hatten den Mammut-Menschen jetzt geholfen. So war es richtig: die Menschen helfen den Menschen. So war es gut.

Unbemerkt von den anderen schoß Aiyuk ein Gedanke durch den Kopf: Vielleicht ist das Holz kein gutes Zeichen. Die Menschen sind ja nie zurückgekehrt. Das ist nicht gut. Wer sammelt Holz für den ganzen Winter und kehrt nie zurück? Ist den Holzsammlern etwas Schreckliches zugestoßen?

Als ihm Kattee die Hand drückte, verschwanden die Gedanken. Aiyuk lächelte. Er hatte sich wieder ertappt bei seinen alten, unnützen Fragen und Zweifeln. Niemand konnte die Frage je beantworten. Die Holzsammler waren längst tot, längst war ihnen das Ocker zwischen die Rippen gesickert.

Ein Mammut-Mensch kümmert sich nur um das Nützliche, sagte ersieh.

Kattee küßte ihn. Der Aufbau des Winterlagers begann.

Jeder richtete sich ein, so gut es ging. Aiyuk lag zwischen Kattee und Kukikatugak. Bevor der erste Schnee kam, wurden schnell Gräser und Farne als Unterlagen gesammelt. Die letzten Knollen wurden ausgegraben, die letzten Beeren gepflückt, das Dornengatter zurecht gezimmert. Flache Steine zum Braten der Renfilets wurden herbeigetragen. Auch ein fast flacher Granitamboß fand sich, und Granit für Speerspitzen ohnehin. Keine fünfzig Schritt vom Höhleneingang rauschte ein eiskalter Gebirgsbach den

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Berg hinab; das Wasser war also kein Problem. Überhaupt war die Höhle nicht schlecht gelegen. Sie besaß fast keinen Vorplatz wie das traditionelle Winterlager, aber das war nicht so schlimm, da die Höhlenöffnung geräumiger war als jenseits der Berge.

Und natürlich wurde gejagt. Dies war nicht das ruhige, sichere, überlegene Jagen der Mammut-Menschen im Mittsommer. Es war ein angstgetriebenes, hastiges, erschöpfendes Jagen während der ersten schweren Regenstürme, die bisweilen in Schnee übergingen. Der Schnee blieb noch nicht liegen, aber der Nebel kam. Normalerweise jagten die Mammut-Menschen nicht bei Nebel, denn man sah weder die Beutetiere, noch gab es starken Gegenwind; und außerdem konnte man sich leicht verlieren, und dann war alles zu Ende. Im traditionellen Winterlager mußten sich die Mammut-Menschen zwar auch beeilen, den Wintervorrat einzubringen. Doch jenseits der Berge war es wärmer, und das bedeutete: bis zum Spätwinter gab es noch Renherden, und viel Geflügel. Aber hier, im neuen Lager, auf der Nachtseite der Berge? Niemand kannte das Winterverhalten der Herden in dieser Gegend. Wahrscheinlich, mutmaßten die Mammut-Menschen oft, würden sie vor den Bergen abdrehen, und an ihnen entlang in Richtung der Sonne wandern.

Wohin nur? Ihnen zu folgen wagten die Menschen nicht; in einer unbekannten Gegend ohne Höhlenschutz bei einem schweren Schneesturm waren alle zum Tod durch Erfrieren verurteilt. In der Höhle-des-tanzenden-Men-schen gab es genug Holz, immerhin. Also blieb nur eine Wahl: hier bleiben und von Sonnenaufgang bis in den Abend hinein jagen, und nachts die Kadaver zurücktransportieren.

Aiyuk stand vor dem Morgengrauen auf. Außer den schwangeren Frauen und Tunulig jagten alle, auch Oschet. Die großen Herden begannen schon, an den Bergen entlang, wieder fortzuziehen; daher verdoppelten die Menschen ihre Anstrengungen. Die Erfahrensten — Tore,

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Eschona, Kukikatugak und Aiyuk - jagten das Wisent, die Jüngeren das Ren.

An manchen Nachmittagen wurden die Jäger vom Nebel überrascht. Mit Mühe fanden sie noch heim. Wiederum an anderen Tagen entging ihnen das Wild, da der Wind schnell und ohne Vorwarnung drehte. Sie mußten immer weiter von der Höhle jagen, immer weiter mußten sie die schweren Wisente tragen.

Bald wurden die Jäger müde, und immer müder. Lucu-wat war der Anstrengung nicht gewachsen und blieb in der Höhle, was ihr niemand übel nahm. Im Gegenteil. Auch in der Höhle wurde jede Arbeitskraft gebraucht. Wenn die Jäger abends oder mitten in der Nacht erschöpft zurückkehrten, schliefen auch die Frauen fest: was die Männer nachts herbeigeschafft hatten, nahmen sie am Tage aus, spannten die Felle in die Rahmen, rieben die Felle ein, räucherten das Fleisch, gruben Fleischdepots, kratzten Fleisch von den Knochen, füllten Fett in die Phiolen. Ihre Arbeit war genauso schwer wie die Männerarbeit. Aiyuk hatte kaum Zeit, um mit Kattee zu reden. Als er nachts heimkam, schlief sie schon fest, und als er morgens aufstand und fortging, schlief sie noch immer. Das hatten die Menschen so vereinbart: Wenn es schon notwendig ist, daß die schwangeren Frauen so viel arbeiten, sollen sie wenigstens so lange schlafen, wie sie wollen. Niemand soll sie stören. Auch sollten sie am Tage nicht zu viel stehen. Bisweilen wurde Tunulig böse, wenn sich die Schwangeren am Tage nicht wenigstens für eine kurze Zeit hinlegen wollten. Einmal verlor sie sogar die Geduld und erhob die Stimme, was noch nie passiert war. Sofort entschuldigte sie sich. Aber vielleicht war das doch beabsichtigt - wenigstens glaubte es Aiyuk, als er durch Lucuwat eines Morgens davon hörte -, denn von da an legten die Schwangeren tatsächlich oft Pausen ein. "Man muß das richtige Gleichgewicht finden zwischen dem Leben, das uns das Wisentfleisch schenkt, und dem neuen Leben im Frauenbauch", sagte Tunulig oft.

Aiyuks kleines Fettpolster nahm rapide ab. Nachts

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schlief er wie ein Toter. Dennoch meldete er sich bisweilen freiwillig als Augen-Mensch, da man übereingekommen war, den schwangeren Frauen den Posten des Augen-Menschen zu verwehren. Das war zwar kein Gesetz, aber alle Menschen hielten es so. Obwohl sie selbst am Rande der Erschöpfung war, widersprach Tunulig meist heftig, wenn ein Jäger sich als Augen-Mensch verpflichtete. Ohne ein Wort zu sagen, gesellte sich ihr Lucuwat zu. Die Augen einer alten Frau waren nicht gut genug für diese Arbeit, und den Speerwerfer hatte sie seit vielen Sommern nicht mehr berührt. So wuchs Lucuwat in die Erwachsenenrolle hinein. Sie fühlte sich für alle Mammut-Menschen verantwortlich, wenn sie nachts, das große Feuer im Rücken, in die Dunkelheit starrte und horchte. Auch die alte Tunulig würde sie mit ihrem Speer schützen. So saß eine alte Frau mit strähnigen Haaren, faltiger Lederhaut im Gesicht, mit arthritisch gekrümmten Fingern und schmerzendem Rük-ken neben einem kleinen Mädchen mit langen, schwarzen Haaren, großen braunen Augen und weißer Gesichtshaut. Selten wurde ein Wort gewechselt.

In diesen Nächten, während alle anderen fest schliefen, trat Lucuwat in die Erwachsenenwelt ein. Sie bezwang ihre Furcht und fühlte sich ganz als Jägerin. Tunulig fühlte, was in dem kleinen Mädchen vorging und umarmte und streichelte sie oft. Doch manchmal schob Lucuwat Tunuligs liebkosende Hand beiseite, was sie früher nie getan hätte. Tunulig lächelte dann und nickte: So ist es, wenn Kinder beginnen, sich als Erwachsene zu fühlen.

Zum ersten Mal kümmerte sich Aiyuk so gut wie gar nicht um seine Schülerin. Und was Kattee anging: Bisweilen strich er über Kattees Bauch, der noch immer keine Rundung aufwies, bevor er einschlief. Doch oft genug schlief er ein, ohne sich auch nur richtig zuzudecken und ohne einen Bissen zu essen.

Schon seit Wochen hatte er Kattee seinen Samen nicht gegeben. Wenn er ein wenig Zeit gehabt hätte, hätte er ohnehin keine Kraft mehr gehabt. Sein Geschlechtstrieb

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war wie erloschen. Er jagte und trug und ging und jagte und trug und ging. Es gab keine Pause.

Es regnete nun täglich. Die Robbendarmanoraks wurden reihum getragen, jeder einen Tag. An den Tagen, an denen er keinen Anorak trug, war Aiyuk fast immer bis auf die Haut durchnäßt. Daß er, genauso wie die anderen, nicht die sogenannte "Brustkrankheit" bekam, lag an seiner Abgehärtetheit und Kraft - auch wenn diese Kraft von Tag zu Tag nachließ, ganz unmerklich. Aber erkältet war er doch. Kukikatugak hatte ein leichtes Fieber. Trotzdem jagte er weiter. Eschona, hohlwangig, und die beiden neuen Jäger erwiesen sich als ebenso stark und ausdauernd.

Es wurden kaum noch Worte gewechselt. Nur die Jagdpläne wurden kurz besprochen. Nicht ein einziges Mal gab es Streit, keiner murrte: das hätten sich die Mammut-Menschen nicht leisten können.

Nach zwei Wochen machte Oschet schlapp; sie bekam wieder einen Abszeß und ein hohes Fieber. Tunulig operierte sie sofort, dennoch fiel sie für ein paar Tage als Arbeitskraft aus. Und so arbeiteten die anderen Frauen umso mehr. Tunulig schlief nicht einmal mehr jede zweite Nacht. Manche Nächte, als alle anderen schliefen, arbeitete sie durch. Dann verfiel sie in einen entrückten, dämmerartigen Schlaf, und in kurzer Zeit war sie wieder auf den gekrümmten alten Beinen. Wie alle anderen holte sie die letzten Kraftreserven aus ihrem Körper. Nur machte sie das anders als die anderen Menschen. Ihre Art war nicht die Art der anderen. Ihre Ruhe besiegte selbst in diesen Tagen die Erschöpfung.

Angst hatte niemand mehr. Die Arbeit hatte alles verdrängt. Auch an das Malen der Geister dachte niemand. Im späten Winter war dafür noch Zeit genug, auch für Oschets Pferd. Und daß die Menschen in einer Höhle wohnten, die eigentlich die Ruhestätte der Tiergeister war, was nun gar nicht üblich war: auch daran dachte niemand. Wenn es um das Überleben der Lebenden ging, mußten die Toten zurückstehen und sich die Geräusche der Lebenden gefallen

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lassen. Schließlich, dachte Aiyuk einmal, haben sie so ein wenig Gesellschaft, und das ist ja auch gut. Denn allein zu sein: das ist auch der Schrecken der Geister.

Doch von einem Tag zum anderen endete die erschöpfende Arbeit. Die beiden Jägergruppen kehrten mit leeren Händen heim. Die Herden waren weitergezogen. Die Tundra war leer.

Als ob eine große Last von ihnen abgewälzt worden wäre, schliefen die Jäger bis in den nächsten Nachmittag. Sie aßen ein wenig und schliefen am frühen Abend wieder ein. Dabei hatten sie keinen Grund zur Freude: sie hatten zwar viel erjagt, aber die Vorräte würden für den langen Winter bei weitem nicht ausreichen. Der geräucherte Lachs war ihr äußerster Vorrat. Falls gar keine Tiere mehr vorbeikamen? - Daran mochte niemand denken. Auch Aiyuk verdrängte den Gedanken. Aber er hatte so ein Gefühl — so ein unangenehmes Gefühl, das ihn ständig begleitete. Es beruhte auf der Jagderfahrung der letzten Wochen.

Wer in Eile jagen muß, dem bringt der Winter nichts Gutes. Es ist nicht menschengemäß, in Hast zu jagen, dachte er täglich während der wildesten Jagdperiode, die er je durchgemacht hatte. Das kommt davon, wenn der Mensch die Gewohnheiten ändert. Wer nicht in Ruhe jagt, wird die Beute auch nicht in Ruhe verzehren. Das war schon immer so.

Als er am nächsten Morgen Kattees noch immer flachen Bauch liebkoste, waren seine Gedanken bei seinem unguten Gefühl und nicht bei Kattee. Sie fühlte seine Sorge und streichelte ihn.

"Es wird gut", sagte sie zuversichtlich.

Da mußte Aiyuk lachen: nun hatten sich die Rollen vertauscht. Die Ruhe und Gelassenheit der Schwangeren begannen auf ihn einzuwirken. Allmählich wurde er heiterer. Dann dachte er an das Kind, das Kattee von ihm trug. Zum ersten Mal seit vielen Wochen gab er ihr seinen Samen. Danach schlief er wieder ein. Doch die Anspannung war verschwunden.

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Langsam fanden die Mammut-Menschen wieder ihre gewohnte Ruhe und Fröhlichkeit. Der abendliche Ritus des großen Feuers versetzte sie wieder in ihre alte Vertrautheit miteinander. Die alte Freundlichkeit kehrte zurück. Man sprach wieder miteinander, lachte, scherzte, sang. Kukika-tugak erzählte Geschichten von seinem Bauch, der sich dank Wisent und Ren von der Großen Jagd — so nannten sie die Mammut-Menschen nun — erholte. Immer mehr, je größer die Distanz wurde, sprachen sie von der zurückliegenden Jagd, die sie auch die Wilde Jagd nannten. Die Männer, die bei Hikiijaut und Teschadjuk lagen, erwiesen eine große Gabe im Dichten. Sie dichteten und sangen das Lied von der Großen Jagd. Um das Lied rankte sich bald eine Legende, die von Woche zu Woche, von Monat zu Monat immer mehr ausuferte. Die Große Jagd wurde zum Mythos.

Einst kamen Menschen vom Grünen Tal 

In die weiße Ebene gezogen. 

Da gab es Wisent und Ren und Bär, 

Die töteten sie alle mit ihrem Speer.

In der tiefen Höhle-des-tanzenden-Menschen 

Da ließen sie sich nieder. 

Von dorther sandten sie alle Speere 

Gegen Wisents und Rene und Bären.

Zehn mal zehn Jäger zogen aus, 

Und die Frauen mit prallen Bäuchen. 

Zehn Rene schleppten sie am Abend her 

Und jede Nacht einen Bär.

Die Jäger waren so groß wie das Mammut 

Und die Frauen gebaren täglich. 

Die Menschen leben, 

die Tiere sterben; 

Alle Dinge des Lebens müssen verderben.

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Mit einem Wurf traf der stärkste Jäger 

Durch zwei Wisentkälber hindurch. 

Zehn mal zehn Tage jagten sie weit, 

Am Ende wurde es ihnen leid.

Da packten sie einfach das Wisent am Horn 

Und warfen es schnell zu Boden. 

Wisentstark wurden sie nun. 

Mit dem Bären wollten sie das Gleiche tun.

Doch der Bär erschrak und floh von dannen, 

Aber es nützte ihm nichts. 

Schnell warfen sie den Bären um 

Und schlugen ihm die Nase krumm.

Und hundert mal hundert Rene 

Und hundert mal hundert Bären 

Und hundert mal hundert Wisente 

Erjagten die großen Jäger 

Bei der Großen, Großen Jagd.

 

Der erste Schnee fiel und blieb liegen, aber die Heiterkeit hielt an. Die Erkältungen verschwanden. Oschet erholte sich. Beim nächsten Vollmond menstruierte auch sie nicht mehr. Endlich konnte auch sie die Ruhe der Schwangeren teilen. Auch Gukall zeigte eine heitere Gelöstheit, die Aiyuk noch nie an ihm gesehen hatte. Noch immer sagte er so gut wie nichts. Aber genau wie Oschet strahlte er eine stille Zuversicht aus.

Lucuwat und Tunulig erholten sich. Lucuwat, die sich nun als Erwachsene fühlte, ließ sich endlich herab, mit ihrem kleinen Bruder, der gerade laufen lernte, zu spielen. Erwachsene spielen ja auch mit Kindern.

Die Mammut-Menschen fühlten sich immer wohler.

Die Monate vergingen. Kattees Bauch wurde rund und immer praller, und auch ein wenig spitz.

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Die Tage zogen sich hin. Immer seltener wurden die blau-weißen Tage. Immer häufiger reflektierte das Weiß des Schnees das tiefe Grau der Wolken. Oft genug kam auch das nicht zustande, da es wochenlang stürmte. Es wurde eisig kalt, viel kälter als im Winterlager südlich der großen Berge. Viele froren nachts. Die Mammut-Menschen beschlossen daher, innerhalb der Höhle ein Zelt aufzurichten, um wenigstens während der Nacht, dicht aneinander gedrängt, die schlimmste Kälte abzuhalten.

"Wer sagt denn, daß die Winter wärmer werden?" fragte Kukikatugak eines Tages.

Tunulig verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln. Antwort gab sie keine.

Holz war genug da. Nur eines gab es nicht: Tiere. Gewiß, ab und zu verirrten sich ein paar Einzelgänger zu den Mammut-Menschen. Einmal töteten sie einen alten Hirsch. Doch wie lange reicht ein Hirsch für alle? Vielleicht drei, vielleicht vier Tage. Wieder einmal trafen die Jäger auf ein paar Wildschweine. Sie erlegten zwei uralte Eber, die ohnehin bald gestorben wären. Und wie lange reichen zwei alte, zähe Eber?

"Gibt es denn hier nur alte Tiere?" fragte Kukikatugak.

Niemand antwortete. Dabei war allen klar, daß sie enormes Glück hatten, überhaupt Tiere anzutreffen, daß sie enormes Glück hatten, sich einen Weg durch den hüfthohen aber leichten Schnee zu bahnen.

Die Eber waren die letzten Tiere, die die Jäger in diesem Winter erlegten. Bald darauf setzte der schwerste Schneesturm ein. Innerhalb eines Tages waren die Mammut-Menschen eingeschneit. Für die nächsten Monate gab es nur den Vorrat, es gab nur den Rest der geräucherten Rene und Wisente. Aiyuk sprach aus, was insbesondere Tunulig seit langem gedacht hatte: "Wir müssen den Rest genau aufteilen. Einen anderen Weg gibt es nicht."

Jeder war einverstanden. Auch Lucuwat nickte, ohne sich darüber im klaren zu sein, was beschlossen wurde. Aber sie hatte begonnen zu fühlen, zu fühlen wie die Erwachsenen; rationale Entscheidungen nicht zu durchdenken, sondern zu erfühlen.

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Die Schwangeren bekamen die doppelte Menge. Das war eine Bestimmung des Notgesetzes. Und außerdem war es selbstverständlich. Das war jedoch gerade die Stärke des Gesetzes: es schrieb vor, was selbstverständlich war, was sinnvoll war, was menschlich war. Darum war es für die Gemeinschaft kein Gewaltakt, das Gesetz einzuhalten. Es war natürlich.

Es wurde nur einmal am Tage gegessen.

Voller Sorge streichelte Aiyuk Kattees Wange. Ob das Ungeborene das Fasten überstehen würde? Dann tröstete er sich wieder: die Ungeborenen ertragen viel, und außerdem, sobald der Schnee ein wenig schmolz, würde sich vielleicht eine kleine Herde zu ihnen verirren.

Täglich wurde die Ration kleiner. Jeder teilte nun selbst ein, halbierte die Ration und halbierte sie nach einer Woche wieder.

Der Schnee schmolz nicht, nicht ein einziges Tier ließ sich blicken. Längst hatten Aiyuk und Kukikatugak alle Fledermäuse, tief in der Höhle, von der Decke abgenommen. Die erbärmlichen Fleischbröckchen wurden unter die Frauen verteilt. Kaum zwei Bissen blieben für jede.

Noch einmal wurde die Ration halbiert. Die Menschen aßen nur noch alle zwei Tage. Allmählich zog der Hunger bei den Mammut-Menschen ein. Den Hunger nannten die Menschen auch "das Mammut in sich haben". Wenn der Hunger zerrt, ist es wie das Reißen der Stoßzähne von einer Seite zur anderen. Das Geräusch dabei erinnert an das Trompeten des Mammuts. Außerdem sagten die Menschen, der Hunger sei im Menschen so groß wie ein Mammut, und auch darum hieß der Hunger "das Mammut in sich haben".

Einen anderen Grund gab es freilich auch. Blaß und vom Hunger ermattet erzählte Aiyuk eines Abends am Feuer seiner Schülerin Lucuwat den eigentlichen Grund für den Hunger:

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"Einmal, da war alles grün, und alles war warm. Doch dann wurde es immer kälter. Es gab immer weniger zu essen. In der Zeit, in der der Mensch zum Bären wurde, trug sich folgendes zu: Wegen der Kälte, da dann die menschlichen Säfte fließen, verstopften die menschlichen Nasen für eine Weile. Die Menschen mußten sich also daran gewöhnen, mit offenem Mund zu schlafen, jedenfalls bis sie ihre Nasen an die Kälte gewöhnt hatten. Die Menschen schliefen also mit offenem Mund. Da es kalt war und auch die Tiere sich noch nicht daran gewöhnt hatten, stieg einmal ein kleines Mammut in eines der offenen Münder. In dieser Nacht war es besonders kalt, und das kleine Mammut wollte sich im Menschen wärmen. Weil es ihm so gut gefiel, blieb es im Menschen. Es wuchs und wuchs und nahm den ganzen Menschen ein. Der Mensch stöhnte, aber es half nichts. Der Mensch übergab sich, aber es half nichts. Der Bauch schwoll an und guoll immer mehr auf. Schließlich rissen ihm die Stoßzähne den Bauch auf, und der Mensch starb. So kam der Hunger zu den Menschen."

Ein andermal nahm er Lucuwat auf den Schoß, als sie wimmerte. Er und Kattee streichelten sie.

"Weißt du, Kind", sagte er, "der Hunger ist vielleicht nicht das Schlimmste. Noch schlimmer ist die Trauer. Denn wenn jemand gestorben ist, kannst du ihn nicht wieder lebendig machen. Aber wenn du Hunger hast, kannst du wohl wieder ein Ren fangen und dich erholen. Fürchte den Hunger darum nicht zu sehr. Der Hunger ist ein Teil des Menschenlebens, und wir müssen ihn ertragen und auf bessere Zeiten warten. Verstehst du mich?"

Unter Tränen nickte sie. Noch mehr als Aiyuks Worte half aber die Tatsache, daß nach dem dritten Fastentag das Hungergefühl verschwindet. So half die Natur dem Menschen, das Schlimmste zu überwinden. "Nach der dritten Nacht bist du ein wenig leichter", sagten die Menschen.

Tage und Wochen vergingen. Die letzten Rationen waren fast aufgegessen: Es gab nur noch den allerletzten Vorrat in den Erddepots: den geräucherten Lachs. Aber keiner

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erwähnte den Lachs; niemand wagte, die Lachse auszugraben. Jeder wußte, daß zwischen ihnen und dem Tod nur noch die Lachse waren.

Da die Mammut-Menschen vom Hunger geschwächt waren, griff die "kleine Krankheit" um sich. Übelkeit, Durchfall, Fieber und Gliederschmerzen befielen fast jeden. Auch Aiyuk und Kattee lagen Tag und Nacht in ihren Wisentfellen. Gegen die "kleine Krankheit" gab es kein Heilmittel außer sich auszuschwitzen, zu warten — und leichtes Essen, kein fettiges Ren, zu sich zu nehmen. Leichtes Essen! Als ob es überhaupt noch eine Wahl gegeben hätte.

Nach einigen Tagen sagte Tunulig: "Es hat keinen Sinn. Wir müssen mit dem Lachs anfangen."

Sie als einzige hatte einen klaren Kopf behalten. Nur sie und Tore waren von der "kleinen Krankheit" verschont geblieben.

Wie gut schmeckte der erste Lachsbissen. Der Lachs zerging auf der Zunge. Kattee traten die Tränen in die Augen. Während Aiyuk ihre Hände küßte und sie langsam am Lachs lutschte, lächelte sie ein wenig, das erste Mal seit Tagen.

Jeden Tag gab es nun ein wenig Lachs, genug, um zu leben und zuviel, um zu sterben. Niemand wusch sich mehr, niemand besaß die Kraft, den ganzen Abend am Feuer zu sitzen. Aber immerhin: der Schneesturm, der wochenlang getobt hatte, hörte von einem Augenblick zum anderen auf. Der Wind pfiff nicht länger.

Aiyuk streichelte Kattees prallen Bauch.

"Es wird alles gut, Liebes", sagte er.

"Ich habe manchmal solche Angst", sagte sie und rieb ihre Nase an seiner Schulter.

"Ich auch", sagte Aiyuk leise. "Es hat keinen Sinn, wenn man es leugnet. Die Angst ist ein Teil des Lebens."

"Und das Kind? Hat es auch Angst? Kickt es deshalb so stark? Da, schon wieder, fühle."

Aiyuk spürte zwei kleine Fußtritte und lächelte.

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"Es geht ihm gut, dem kleinen Leben", sagte er erleichtert.

In dieser Nacht liebten sie sich besonders zärtlich.

Aiyuk spürte zwei kleine Fußtritte und lächelte.

Aber Aiyuk täuschte sich über das Kind. Am nächsten Morgen geschah etwas Schreckliches.

Kattee fühlte, noch als Aiyuk schlief, eine große Feuchtigkeit an ihrer Scheide, größer als die Feuchtigkeit des Samens, der am nächsten Morgen aus ihrem Leib tritt. Noch halb im Schlaf strich Kattee mit dem Mittelfinger über die Scheide und schaute mit dem einen wachen Auge die Fingerspitze an. Der Finger war blutrot. Sie riß die Augen auf und rief: "Aiyuk, Aiyuk, das Kind!"

Sofort war Aiyuk wach. Eine panische Angst durchströmte seinen Körper und schoß durch seinen Mund nach außen. Dann war er vollkommen ruhig.

"Still, still, ganz ruhig", sagte er leise.

Er warf Kattees Wisentfell beiseite und streichelte mit dem Zeigefinger über ihre Scheide. Ohne Hast blickte er seinen Finger an. Ein schmaler Blutfaden rann am Finger hinab in seine Handfläche. Dort hielt der Rest des Bluttropfens.

Tunulig kniete neben Kattee.

Das Blut sickerte in Kattees Wisentfell und sickerte immerzu und immer schneller.

"Hinlegen, ganz still hinlegen", befahl Tunulig freundlich.

Zitternd legte sich Kattee zurück.

"Es ist zu spät, es ist zu spät", murmelte sie.

"Hast du Schmerzen?" fragte Tunulig.

"Nein, nichts."

"Gut. Dann ist noch Hoffnung."

Unablässig streichelte Aiyuk Kattees Gesicht und küßte ihre Stirn.

" Ganz ruhig. Es gibt noch Hoffnung. Laß dein Herz ganz ruhig werden."

Allmählich wurde Kattee ruhiger. Aber Kattee und Aiyuk fühlten die Hoffnungslosigkeit in ihren Körpern, als

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immer mehr Blut aus der Scheide sickerte. Als die ersten leichten Wehen kamen, weinte auch Aiyuk.

Unter großen Schmerzen gebar Kattee am frühen Nachmittag ein totes Mädchen. Vor Erschöpfung schlief Kattee sofort danach ein. Aiyuk schluchzte nur noch und drückte den Kopf gegen Kukikatugaks Brust. Unablässig streichelte ihm Kukikatugak über die Haare. Auch Tunulig, Fagayuk und Kukikatugak weinten. Tore streichelte Aiyuk den Rücken. Nur Lucuwat hörte, wie Tunulig sagte: "Der Hunger hat das Kind getötet."

Eschona begrub das Kind in aller Stille im Innern der Höhle. Die blutige Nachgeburt wurde mit ihm begraben.

Hungertage vergingen. Kattee erholte sich körperlich. Allmählich, ganz allmählich, gewann Aiyuk seine innere Stärke wieder. Schon wenige Stunden nach der Fehlgeburt wurde ihm klar, daß er zuerst sich selbst aufrichten mußte, um Kattee wieder Kraft zu schenken. Kukikatugak, Tore und Tunulig wiederum umsorgten Aiyuk; unablässig wurde Kattee von Fagayuk und Aiyuk gestreichelt. Ganz leicht fuhren Fagayuk und Aiyuk mit den Fingerspitzen über Kattees Stirn, während Aiyuk vor allem von Tunulig auf dieselbe Weise gestreichelt wurde. Es war dies das rituelle Streicheln-damit-du-wieder-Kraft-bekommst: aus meinen Fingerspitzen kommt meine gesunde Kraft, die in dich dringt. Ich schenke dir einen kleinen Teil meines Lebens, damit du leben kannst.

Kattee überlebte und trauerte mit neuer Kraft. In seiner Trauer gewann Aiyuk eine leichte Fröhlichkeit, eine Abgeklärtheit, die selbst er nie zuvor gekannt hatte. Nun war der Tod ein Teil von ihm geworden, und er hatte gelernt, den Tod in das Leben zu integrieren. Durch den Tod spürte er das Leben intensiver - das knisternde Feuer brannte in ihm, das Hungergefühl biß und stach, als ob sich neues Leben in ihm regte. Der blaue Himmel schmerzte in den Augen. Die nächtliche Kälte ließ ihn zittern. Jeder Kuß in Kattees tiefem breitem Mund durchfuhr ihn und ließ sein Glied ersteifen.

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Eine kurze Wärmeperiode setzte ein, ein Großteil des Schnees taute. Kukikatugak, Eschona und Tore gingen auf die Pirsch, so schwach, daß sie nur mühsam vorankamen. Zurückgekehrt, leuchteten Kukikatugaks Augen.

"Es gibt Mammuts in der Nähe", rief er begeistert. "Wir haben ihre Spuren verfolgt und ihren Kot geprüft. Keinen Tag alt. Wir werden leben!"

Und noch während er sprach, hatten Tore und Eschona die Beile und Schaufeln geholt.

"In einem Tag können wir unten in der Ebene eine Grube ausheben", sagte Eschona mit einer Begeisterung, die er nur selten offenbarte. Nur Tunulig, Lucuwat, Kattee, Teschadjuk, Oschet und Hikiijaut blieben zurück. Alle anderen stiegen bergab, um mit letzter Kraft eine Mammutgrube für die Treibjagd auszuheben.

Am Abend wurde der letzte Lachs aufgegessen. Kattee saß zum ersten Mal wieder am Feuer und ließ sich von Aiyuk streicheln. Plötzlich sagte sie: "Ich werde morgen mitgehen."

Aiyuk küßte ihre Augenbrauen und lächelte: das war ein gutes Zeichen.

Der alte Tore, befreit von allen Sorgen, sagte schnell: "Außer den Schwangeren werden wir alle gehen, und alle werden essen."

Tunulig schaute ihn lange an, sah dann ins Feuer, blickte Tore wieder an und sah wie durch ihn hindurch. Sie schwieg lange. Tonlos, aus weiter Ferne, sagte sie: "Tore, es wäre besser, du würdest morgen nicht auf die Jagd gehen."

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