Der Alt-Mensch
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Endlich gelangten die Mammut-Menschen ins Sommerlager. Sie nannten es auch <das Pferde-Lager>, und das verhielt sich so: Vor langer Zeit hatten Menschen ein riesiges Pferd in den Felsen gemeißelt. Unter diesem Felsabri, direkt unter dem Pferd, machten die Menschen ihr Lager. Auf diese Weise waren sie vor Regen geschützt, aber dennoch im Freien. Im Sommer liebten die Menschen das Freie und wollten nicht an die Höhle des Winterlagers erinnert werden.
Im Pferde-Lager ließen sich die Mammut-Menschen also nieder, nachdem sie alle Mäuse und Ratten vertrieben hatten, denn da waren die Menschen sehr eigen.
Zum ersten Mal gingen Aiyuk und Kattee, um den Geist zu malen: Ren und Hirsch, Kukikatugaks Steinbock und auch den Löwengeist. Ein andermal machten sie sich auf, um nach den Pferden zu sehen. Weit entfernt vom Lager fanden sie die Huf spuren einer kleinen Herde, die längst nach Norden gezogen war. Warum nur? Das hatten sie noch nie getan. Immer wieder erörterten die Menschen die Pferdefrage. Sie kamen zu keinem Ergebnis.
Wieviele Pferde durchgezogen waren, wußten sie nicht, und hätten sie auch nicht zu zählen gewußt. Die Menschen zählten nämlich selten, da die genaue Zahl keine Rolle spielte. Schon seit Menschengedenken hatten die Menschen feinste Abstufungen gefunden, um die Größe der Herden zu charakterisieren, und das ging so: eine Handvoll Pferde, eine sehr kleine Herde, eine kleine Herde, eine ganz schön große Herde, eine große Herde, eine sehr große Herde, ein Herdenwald. Das genügte, um den anderen mitzuteilen, was es zu erjagen gab.
In der unmittelbaren Nähe des Grüntals mit seinem fischreichen Flüßchen lag eine tiefe Höhle, an deren Wände Menschen vergangener Zeiten viele wollige Nashörner und Mammuts gemalt hatten. Insbesondere den Mammuts hatten sie die Höhle gewidmet. Daher hieß die Höhle "Höhle der vielen Mammuts". Nie wäre es einem Menschen in den Sinn gekommen, die Mammuts zu zählen. Das spielte schon deshalb keine Rolle, da aus der Anzahl der Tierbilder nicht die Anzahl der Tiergeister hervorging, die in den Bildern ruhten.
Diese Höhle gingen Aiyuk, Kattee, Kukikatugak und Lucuwat besuchen. Lucuwat staunte und fürchtete sich zugleich. Die vielen schweren, schwarzen Umrisse, die beim flackernden Talglicht an den Wänden tanzten, tief im Inneren dieser kalten Höhle - das war schon beängstigend. Kukikatugak lachte über Lucuwats große Angst. Sie klammerte sich an Aiyuk fest, ließ sich auch von Kattee streicheln, und sagte immer wieder: "Raus ins Warme, raus ins Warme!" Aiyuk wies Kukikatugak zurecht, aber nur, um Lucuwat noch einmal die Bedeutung der Bilder klar zu machen: Wer die Tierbilder nicht versteht, fürchtet sie. Wer die dankbar ruhenden Geister spürt, lernt die Ruhestätten lieben. Und schließlich: Die Bilder verhindern, daß die unruhigen Geister Unfug anrichten, Krankheit bringen und Geburten unmöglich machen.
Wenn sie nicht jagten, besuchten die vier die umliegenden Höhlen, die weder Lucuwat noch Kattee kannten. So glücklich war Aiyuk noch nie gewesen. Zusammen mit Kattee Höhlen aufzusuchen, die die Mammut-Menschen schon immer geliebt hatten, im schönen Grüntal - das war für Aiyuk ein doppeltes Leben. Immer wieder liebkosten sich Aiyuk und Kattee. Jede Nacht legte Aiyuk sein Glied in Kattee, jede Nacht leckten sie einander das Gesicht. Aiyuk war Kattee und Kattee war Aiyuk.
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Es gab nur eine Nacht, in der sie nicht zusammen lagen. Das war die sogenannte Blutnacht. Die Blutnacht war Vollmondnacht, und alle Frauen menstruierten bei Vollmond. Dazu entfernten sie sich ein Stück vom Lager, hockten sich im Kreis zusammen, ließen den Vollmond in sich eindringen und hoben das Hemd. Sie brachten der alten, traurigen Nachtsonne eine kleine Freude dar, indem sie ihr Blut in die Erde sickern ließen. Das dauerte manchmal die halbe Nacht. Bisweilen schmerzten die Frauenteile dabei, bisweilen nicht. Wenn sie aber schmerzten, ging das Bluten schneller vorüber, und die vom Blut befreite Frau konnte umso schneller zum Feuer zurückkehren und sich, getrennt von den Männern, erschöpft schlafen legen.
In dieser Nacht nahm Tunulig Aiyuk zum ersten Mal beiseite und begann, ihn in den Dingen hinter den Dingen zu unterweisen. Natürlich gab es bei den Menschen wenige Geheimnisse; daher belehrte ihn Tunulig nicht, sie erzählte. Alles was sie erzählte, mußte er sich genau merken.
Tunulig fing mit den Namen an. Wußte er, was die Namen bedeuteten? "Nein", sagte Aiyuk, "darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht."
"Und das ist recht so", antwortete Tunulig. "Die Namen sind nur Namen. Das Tierfleisch und die Liebe: das ist das Leben. Das weißt du nun besser als jeder andere, mein Lieber. Da du aber nun das Leben kennst, sollst du auch Dinge kennen, die einst voller Leben waren und heute keine Bedeutung mehr besitzen. So ist das mit den Namen. Die Menschen geben ihren Kindern Namen, nur weil ihnen der Klang gefällt. Einst bedeuteten die Namen etwas Wunderbares; die Menschen wollten, daß die Kinder so werden würden wie der Name. Wenn sie dem Kind einen guten Namen gaben, glaubten sie, der Name würde das Kind leiten und schützen. Ich weiß nur noch ein paar Namen, alle anderen sind verlorengegangen. Kattee heißt "Mensch-der-den-anderen-hilft", und der Name trifft zu. Kukikatugak heißt "Greis-im-braunen-Pelz", und das ist bei deinem Freund ebenfalls nicht schlecht gewählt. Ich habe seiner-
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zeit Kukikatugaks Mutter beraten, denn nur der Alt-Mensch kennt die Bedeutung von wenigstens einigen Namen. Pontunnituktuk bedeutet "Beim-Vollmond-gebo-rener-Erstgeborener". Eschona heißt " Kleiner Schreihals", und das ist nicht so gut gewählt. Tunulig heißt "Findet-immer-den-richtigen-Weg". Tore, ja Tore bedeutet: " Schütze".
"Und Aiyuk, was bedeutet Aiyuk?"
"Mein Lieber", und da legte sie ihre Hand auf sein Knie, "was Aiyuk bedeutet, weiß ich leider nicht. Es tut mir leid."
Während Tunulig die Bedeutung der anderen Namen, die sie kannte, erzählte, rasten die Gedanken durch Aiyuks Kopf: Ich bin ein Mensch ohne Herkunft und nun auch ohne Namensbedeutung. Nicht einmal der Sinn meines Namens ist mir bekannt. Das ist nicht gut.
Trotz seines Glücks mit Kattee wurde Aiyuk ein wenig traurig, als er Tunuligs Worte hörte. Die Frage, die er gern gestellt hätte, wagte er jedoch nicht auszusprechen.
Woher komme ich?
Tunulig mußte seine Gedanken erraten haben, denn beim Wort "Kukikatugak" hörte er wieder zu:
"Ja, und die Namen sind für alle da. Hast du dir jemals Gedanken darüber gemacht, ob es Männernamen und Frauennamen gibt?"
"Nein — nein, das habe ich wohl nicht."
"Ja, siehst du, mein Lieber, das gibt es auch gar nicht, außer bei Namen wie Zilukpuk, also "Die-dicke-Frucht-bare". Bei den Steinbock-Menschen habe ich von einer winzig kleinen Frau gehört, die Kukikatugak heißt. Kannst du dir Kukikatugak als kleine Frau vorstellen?"
Beide mußten schmunzeln. Die Anspannung war aufgelöst.
"Nein, mein Lieber", fuhr Tunulig nach einer Weile fort. "Nein, Namen für Männer und Namen für Frauen gibt es nicht. Es ist nur wichtig, ein guter Mensch zu sein."
Danach schwieg Tunulig.
Das ist also der Anfang der Dinge hinter den Dingen,
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dachte Aiyuk, während er in der Blutnacht auf Kattees Rückkehr wartete. Die Namen bilden den Anfang. Sie sind das Unwichtigste der unbekannten Dinge. Tunulig ist sehr klug. Sie fängt mit dem Unwichtigsten an, mit den kleinen Dingen hinter den Dingen.
kEr bewunderte Tunulig immer mehr. Jetzt verstand er sie besser, die vor ihm sein eigenes Geheimnis geheim hielt. Sie hat einen guten Grund. Es ist geheimer als die Bedeutung der Namen. Also hatte ich doch recht. Irgendwie wurde das Gesetz verletzt. Erst muß ich wohl alle Gesetzesgeheimnisse kennen. Wenn ich alles gut kenne und verstehe, sollich auch mein eigenes Geheimnis kennenlernen. So kann ich es überhaupt erst verstehen.
Er erinnerte sich, wie Tunulig einmal gesagt hatte: Es kommt eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben. Es kommt eine Zeit zu essen und eine Zeit zu schlafen. Es kommt eine Zeit der Liebe und eine Zeit des Abschieds. Und es kommt eine Zeit für Fragen und eine Zeit des Schweigens.
Aiyuk verstand nun ihre Beweggründe: Dies war für ihn die Zeit des Lernens und die Zeit der Liebe. Die Zeit der Fragen, der einen Frage, war noch nicht da. Wenn diese Zeit kommen würde, würden er und Tunulig fühlen, daß die Frage auf die Antwort wartete.
Aiyuk wurde ruhiger,
Ja, ich habe noch nicht gelernt, die Zeit der richtigen Dinge zu erkennen.
Daß er Tunulig zum ersten Mal verstand und Einsicht gewann in ihr Gefühl für die Dinge hinter den Dingen, beruhigte ihn ungemein. Wieder mußte er sich vor ihr schämen: Wie konnte ich nur so dumm sein, ihr nicht zu trauen?
Seine Zuneigung zu Tunulig wuchs, und auch zu Tore, den er mehr denn alles andere bemitleidete: Tunulig will nicht, daß ich meine Freundschaft zu Tore verliere, wenn ich vor der Zeit etwas erfahre, das ich jetzt noch nicht begreife. Nun gut: Ich werde warten und die Geduld des
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Jägers und des Alt-Menschen vereinen. Ihr werdet sehen. Ich werde die Geduld lernen.
Auch das hatte Aiyuk begriffen: Er sollte nicht nur Geheimnisse kennenlernen, nicht nur lernen, die Menschen zu verstehen, sondern sich auch die Geduld des Alt-Menschen zu eigen machen. Sein Geheimnis, das war die Geduldlektion. Sein Geheimnis, das war seine Prüfung.
In vollkommener Ruhe schlief Aiyuk ein.
In diesem Sommer geschahen zwei merkwürdige Dinge.
Die erste Begebenheit geschah gleich am nächsten Morgen. Es regnete fürchterlich. Aiyuk und Kattee rannten über die Hochebene über dem Grüntal, um die Kleintierfallen zu kontrollieren. Sie wollten so schnell wie möglich zurück ins Pferde-Lager, da sie trotz der Robbendarmanoraks naß wurden. Als sich Kattee gerade zu einer Falle hinabbeugte, um das ängstlich flatternde Schneehuhn anzuschauen, fiel Aiyuks Blick auf ein Renkadaver unten im Tal. Zwei Hyänen machten sich gerade daran zu schaffen. In diesem Augenblick stieß ein Adlerpaar in wildem Sturzflug auf die Hyänen herab. Schreiend, mit wütendem Gekrächze riß das Adlermännchen einer Hyäne einen blutigen Haarklumpen vom Rücken, drehte schnell und stieß mit dem Schnabel nach der Hyäne. Das Adlerweibchen hatte mittlerweile der anderen Hyäne ein blutiges Loch in den Kopf gepickt. Jaulend verkrochen sich die beiden Hyänen.
Hatte ein Mensch schon so etwas gesehen? Auch Kattee war starr vor Erstaunen. Sie griff nach Aiyuks Hand. Seit wann wurden Hyänen aus der Luft angegriffen, und dazu noch im strömenden Regen? Das hatte es noch nie gegeben.
"Es sind die Pferde", sagte Aiyuk. "Die Pferdeherden bleiben aus, und die Pferdefresser müssen hungern. Sogar bei Regen fliegen die Adler."
"Aber wir Menschen müssen keine Sorge haben", sagte Kattee.
"Nein. Noch nicht. Es ist wohl besser, wir erzählen niemand, was wir gesehen haben."
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"Ja, es ist besser." Sie schaute Aiyuk an und verstand seine Gedanken sofort: Es ist ein schlechtes Zeichen.
Die andere merkwürdige Begebenheit passierte, als Aiyuk, Kattee, Lucuwat und Kukikatugak durch die "Höhle-der-rennenden-Wisents" krochen.
Aiyuk und Kukikatugak gingen voran, meist auf Händen und Knien. Es war schwer, die Talglichter ruhig zu halten. Lucuwat bekam Angst. Endlich erreichten sie die Stelle der "rennenden Wisents", wo sie auch stehen konnten. Aiyuk bewegte die Flamme hin und her. Die rotbraunen und schwarzen Wisents, eines hinter dem anderen, auf wellenartigem Sandstein gemalt, schienen zu rennen. Lucuwat konnte es nicht glauben und bekam Angst, obwohl sie vom Steinschauspiel fasziniert war. Kattee nahm sie in den Arm und beruhigte sie: "Es sind nur die Geister, hab keine Angst. So kann man die Geister laufen lassen, das macht ihnen ab und zu Spaß."
"Ja", sagte Aiyuk. "Das erinnert die Geister an die Zeit, in der sie noch zur lebenden Wisentherde gehörten, weißt du. Da freuen sich die Geister."
Als er das letzte Wort ausgesprochen hatte, trug ein feiner Luftzug den stechenden Hyänengeruch in die Menschennasen. Kukikatugak und Aiyuk wirbelten herum. Kattee drückte Lucuwat fest an sich.
Hyänen, hier'?
Das Licht in der Linken, den Speerarm zurückgenommen, Speer im Speerwerfer eingehakt, warteten die Jäger. Nichts regte sich. Dann hörten sie kaum vernehmbare Pfotengeräusche. Langsam, gravitätisch, die Hinterbeine hinter sich herschleppend, gequält: so trat eine Hyäne in den Lichtschein.
"Halt!" rief Aiyuk. "Nicht werfen!"
Die Hyäne blieb keine zehn Schritte vor ihnen stehen. Mit müden Augen schaute sie die Menschen an. Sachte senkte sich der Hinterkörper zur Erde, dann der Vorderkörper. Die Hyäne blickte die Menschen noch einmal traurig an, schnaufte heftig und schloß die Augen für immer.
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Noch einmal waren Aiyuk und Kattee starr vor Erstaunen.
"Das gibt es doch nicht", sagte Kukikatugak. "Hyänen ziehen sich doch nicht in Höhlen zurück zum Sterben. Das gibt es doch nicht."
Aber in diesem Sommer gab es das. Aiyuk kniete neben dem toten Tier und untersuchte es.
"Es ist verhungert", sagte er leise.
Kattee legte ihre Hand auf Aiyuks Schulter, und beide dachten dasselbe: Es ist ein schlechtes Zeichen.
An diesem Abend waren Kattee und Aiyuk nicht so glücklich wie an den Vortagen. Tunulig bemerkte es sofort. Vielleicht um Aiyuk von der Nachdenklichkeit abzulenken, sagte sie: "Können wir beide ein bißchen sprechen?"
"Ja, ja sicher."
Aiyuk küßte Kattee und stand auf.
"Ich verstehe", sagte Kattee und lächelte. "Geh. Es ist wichtig."
Tunulig und Aiyuk traten ins Freie und setzten sich als Augen-Menschen ans Feuer. Umständlich nahm Tunulig ihren Wisentsack in den Schoß und holte frische Kräuterbüschel hervor.
An diesem Abend lernte Aiyuk die Bedeutung der Heilkräuter kennen, von denen es aber nicht viele gab.
Am nächsten Abend setzten sie sich wieder abseits.
"Kennst du diese Wurzel?"
"Nein, die kenne ich nicht."
"Es ist tödliches Gift."
Aiyuk hörte, wo es die Giftwurzel gab und wie man sie in warmem Wasser aufweichen konnte.
Aiyuk verstand nicht, warum ihm Tunulig vom Gift erzählte. Der Alt-Mensch hilft allen Menschen, das war schon immer so.
"Ja, guter Junge", sagte Tunulig. "Ich helfe allen Menschen. Wenn jemand stirbt, aber nicht sterben kann, und wenn die Schmerzen unerträglich werden — ja, da helfe ich mit dieser Wurzel. Dann geht es schnell."
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Aiyuk erschrak. Davon hatte er noch nichts gehört. Er erschrak vor dem Gedanken, wissentlich einen Menschen zu töten; und auch vor der Verantwortung eines solchen Tuns.
"Wie kannst du nur so reden?" fragte Aiyuk.
"Ich weiß, was ich sage", meinte Tunulig ernst. "Der Mensch muß dem Menschen helfen und gut zu den anderen Menschen sein. Aber mein Lieber: in manchen Fällen ist das Gift gut."
Aiyuk erschrak noch mehr. Nun endlich wußte er, warum Alt-Menschen oft abwesend, meist ernst waren. Sie trugen die Toten mit sich herum.
" Es ist nicht so schlimm wie du denkst, Aiyuk. Du mußt es ja nur tun, wenn es der Kranke will. Aber du mußt es dem Todkranken vorschlagen."
"Ich?!"
Tunulig schwieg. Nach einer Weile sagte sie: "Du mußt dich zuerst an den Gedanken gewöhnen."
Die schlafende Kattee im Arm, gingen Aiyuk die Todesgedanken durch den Kopf. Hier die blühende, warme Kattee - und was soll ich mit dem Tod? Seit er Kattee kennengelernt hatte, wurde der Tod ausgeklammert. Und jetzt auf einmal mußte er daran denken und an die schlechten Zeichen der letzten Tage. Jetzt auf einmal sollte er, ausgerechnet er, einmal der Verteiler des Todes werden. Dagegen wehrte er sich heftig. Trotzdem wußte er: Wer Alt-Mensch wird, kann es sich nicht aussuchen. Das ist eben so. Alle Dinge sind wie sie sind.
Erst da fand er ein wenig Ruhe, doch einschlafen konnte er noch lange nicht.
Ein andermal nahm ihn Tunulig beseite und begann: "Ich glaube, es gibt noch ein paar Dinge in den Gesetzen bei Mann und Frau, die du noch nicht kennst."
Aiyuk horchte auf. Sofort kam ihm der Satz in den Sinn: Man spricht nicht darüber, wenn das Gesetz verletzt wird. Obwohl er von der Hirschjagd müde war, war er sofort hellwach und hörte aufmerksam zu.
"Die Gewohnheit mag manchmal anders sein. Aber das
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Gesetz sagt: Jede Frau darf bei jedem Mann liegen, so oft sie will, wenn er einverstanden ist. Jeder Mann darf bei jeder Frau liegen, so oft er will, wenn sie einverstanden ist. Sobald eine Frau Brüste bekommt, darf sie bei einem oder vielen Männern liegen, um zu sehen, wer ihr am meisten gefällt. So lange ihr der Mann gefällt, bleibt sie bei ihm liegen. Eine Frau darf einen Mann nicht zwingen, bei ihr zu liegen. Ein Mann darf eine Frau nicht zwingen, bei ihm zu liegen. Wer bei einem Menschen liegt, bleibt nur so lange bei ihm, wie er das Gefühl für ihn hat. Wir Menschen wissen, daß das Gefühl oft kein Leben lang vorhält."
Aiyuk hob die Hand, um zu protestieren. Lächelnd sah ihn Tunulig von unten herauf an und fuhr fort: "Ich spreche nicht von dir und Kattee. Höre das Gesetz.
Die Dinge sind manchmal nicht einfach. Ein Mann darf die Frau, die mit ihm liegt, nicht gleich verlassen, wenn er sich ihr versprochen hat und das Figürchen geschnitzt hat. Eine Frau darf nicht bei einem Mann liegen, wenn sie sich bereits einem anderen versprochen hat, aber ohne bei ihm gelegen zu sein. Das ist ein Gesetzesbruch. Ebenso darf ein Mann sich nicht der einen Frau versprechen, sie schwängern, und dann eine andere Frau schwängern.
Doch auch da gibt es Ausnahmen, von denen man am besten nicht spricht, da es böses Blut geben könnte. Trotzdem mußt du alles erfahren.
Für Notzeiten trifft das Gesetz Vorsorge. Wenn zum Beispiel eine Seuche die meisten hinweggerafft hat, muß es bald viele Geburten geben, oder die Menschen sterben aus. In diesem Fall darf jede Frau mit jedem Mann liegen, auf daß sie schnell schwanger werde. So ist es in Notzeiten, wenn es zu wenige Frauen gibt. Und umgekehrt heißt es: Wenn Not droht und es zu wenige Männer gibt, kommen viele Frauen zu den wenigen Männern, um sich schwanger machen zu lassen."
Sofort sagte Aiyuk: "Aber dann kennt niemand seine Eltern."
Tunulig verstand sofort, worauf er anspielte. Ohne zu zö-
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gern antwortete sie ihm: "Dieser Fall ist meines Wissens noch nie bei den Mammut-Menschen eingetreten - auch nie bei den Pferde-Menschen."
Aiyuk beruhigte sich wieder.
" Es ist nur ein Notgesetz. Darum weiß niemand mehr davon. Aber du mußt alles wissen."
Auch in dieser Nacht fand Aiyuk keine Ruhe. Die Gesetzesbestimmungen gingen ihm durch den Kopf. Insbesondere das Notgesetz fand er eigentümlich; aber je mehr er sich den Sinn des Gesetzes überlegte, desto sinnvoller schien es. Allein zu sein, das ist der Tod. Die Gemeinschaft und ihr Überleben ist alles.
Unwillkürlich dachte er an Igiluk und an die Gesetzesverletzung, in die Igiluk offenbar verwickelt war. Hatte ihm Tunulig heute abend die Antwort gegeben? Hatte sie sie ihm wortwörtlich vorgesagt, eingekleidet in die allgemeinen Gesetzesbestimmungen? So sehr er auch nachsann, er fand keinen Bezug des Gesetzes zu Igiluk.
Da müssen zwei Männer darin verwickelt sein, dachte er. Oder es sind zwei Frauen. Wer hat sich wem versprochen — oder hat das alles nichts mit Igiluk zu tun?
Er war verwirrter als vorher. Immerhin glaubte er, eines begriffen zu haben: Die Gesetzesverletzung hat irgend etwas damit zu tun, wer bei wem liegt.
Als er wieder anfing zu grübeln, erinnerte er sich, wie er erst vor wenigen Tagen Tunulig so viel Vertrauen entgegengebracht hatte. Nun schämte er sich seiner erneuten Ungeduld wegen.
Es kommt eine Zeit für die Liebe und eine Zeit für die Fragen. Und jetzt ist die Zeit der Liebe.
Ganz leicht küßte er Kattees Haare. Noch im Schlaf strich sie ihm über das Gesicht. Aiyuk verdrängte die beunruhigenden Gedanken. Aiyuk war Kattee und Kattee war Aiyuk. Bald danach schlief er ein.
In diesem Sommer jagten die Menschen viel. Wie immer gab es viel Ren, aber auch Auerochsen, Enten und Gänse. Die beiden jungen Männer, die bei Hikiijaut und Teschad-
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juk lagen, zeigten sich als umsichtige Jäger. Wenn sie mit ihren Frauen zusammen waren, wurde viel gelacht und gespielt. Sie kümmerten sich nicht allzu viel um die Mammut-Menschen, waren noch etwas scheu, aber immer zu Spaßen aufgelegt. Deshalb freundeten sie sich ein wenig mit Lucuwat und Kukikatugak an. Aiyuk erschien ihnen zu ernst und nachdenklich, obwohl Hikiijaut und Teschadjuk nur Gutes über ihn sprachen und großen Respekt vor ihm besaßen.
Aiyuk und Kattee fühlten sich immer mehr zu den " Stillen" hingezogen - zu Fagayuk und Eschona, zu Tore und Tunulig, zu Oschet und Gukall.
Aiyuk und Kattee lernten einander immer besser kennen, und je mehr sie einander verstanden, desto mehr liebten sie einander. Zwar waren sie beide nachdenklich, still, liebten die Menschen und achteten die Tiere. Da waren sie gleich. Aber sie bemerkten immer mehr die Unterschiede: Während Aiyuk oft, vielleicht zu oft, das tat, was die Gemeinschaft von ihm verlangte, besaß Kattee oft genug ihren eigenen Kopf. So sagte sie manchmal, daß sie einfach keine Lust zum Fischen habe. Und das, obwohl kein ersichtlicher Grund vorlag und sie anerkanntermaßen am besten mit der Harpune umzugehen verstand. Oder sie war manchmal ein wenig traurig. Sie weinte selten, aber dann ohne äußeren Grund. Aiyuk nahm sie in den Arm, streichelte ihren Kopf und Rücken, und fragte: " Deine Mutter?"
Jedes Mal sagte sie: "Nein, nein, es ist — nichts, es ist nichts bestimmtes." Dabei war Kattee eine so selbstsichere Person, die ihre Selbstsicherheit so natürlich trug, daß Aiyuk nicht anders konnte als sie zu bewundern. Er selbst guälte sich mit zu vielen unlösbaren Fragen und ließ sich verunsichern. Aber Kattee. Und nun weinte sie manchmal. Aiyuk sprach oft mit ihr darüber, um sich ihr Gefühl genau beschreiben zu lassen, damit er es verstehen konnte. Dabei wurde ihm nichts klarer, denn beschreiben konnte Kattee nicht gut. Sie sagte immer: "Ich weiß nicht, ich weiß nicht."
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Aiyuk lag nachts oft wach, ganz im Gegensatz zur Gewohnheit der Jäger, die immer sofort einschliefen.
Die Menschen sind oft das gleiche und das andere, dachte er. Kattee ist selbstsicher und auch unsicher. Das ist so bei den Menschen. Das habe ich bei dem Streit zwischen Fagayuk und Eschona gelernt. Manchmal sind die Menschen allerdings mehr das eine als das andere. Tore ist unsicherer als sicher. Und Kattee ist sicherer als unsicher. Vielleicht kommt ihre Unsicherheit aus der falschen Sicherheit. Sie würde mich nicht anlügen; also ist sie nicht traurig, weil sie ihre Mutter vermißt. Also kommt die Unsicherheit aus der Sicherheit. Ich bin wohl ihre Sicherheit, unser Gefühl ist die Sicherheit und die gute Gemeinschaft der Mammut-Menschen.
Dann endlich kam Aiyuk der Gedanke, nach dem er gesucht hatte: Unsicherheit. Das ist Angst. Sie hat Angst, das alles zu verlieren. Alles ging zu leicht. Alles ist zu gut. Es gibt unser Gefühl und die guten Mammut-Menschen. Sie mag Fagayuk besonders. Es gibt viel zu essen, es ist Sommer, es gibt nie Streit. Ja, sie hat Angst, daß das zu Ende gehen wird, wo es doch nicht besser sein kann. Sie ist nicht so wie die meisten anderen Menschen, die den Tag so hinnehmen, wie er ist. Sie hat Angst vor dem, was noch kommen wird.
Anstatt selbst der Angst zu verfallen, wurde Aiyuk immer ruhiger. Er hatte das Leben akzeptiert mit seinen Unsicherheiten. Obwohl er gegen den Hunger ankämpfte wie alle anderen, hatte er im Gegensatz zu Kattee schon gelernt, den Hunger und die Angst und den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren. Das mußte Kattee noch lernen. Wer den schnellen Tod nicht fürchtet, konnte besser leben. Und hatte ihm das Leben nicht zwei wertvolle Geschenke gemacht, Kattee und das Große Gefühl? Mehr konnte sich niemand wünschen. Das Leben war der Tod und auch das Glück. Nun war für ihn die Zeit des Glücks. Für Aiyuk war die Zeit des Glücks so selbstverständlich geworden wie die Zeit des Unglücks. So war es richtig.
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In diesem Sommer gab es ein paar Krankheiten, die die Menschen ohne zu murren an sich feststellten: Oschet bekam wieder Zahnschmerzen, und wieder wurde ihr ein Backenzahn gezogen. Kukikatugak bekam einen Ausschlag zwischen den Beinen. "Das kommt vom Schwitzen" , meinte Tunulig und rieb mehrere Tage lang die aufgerauhte Haut mit Birkenasche ein. Der Ausschlag verschwand. Gukall hatte öfters als sonst Kopfschmerzen, zum Glück keine Ohrenschmerzen. Oschet zupfte an seinem Haar, damit das Blut wieder fließen konnte. Sie rieb die schmerzende Stelle so intensiv, bis der Kopf heiß wurde. Auf Nacken und Stirn legte sie die Hände und ließ sie in aufwärts streichender Weise gleiten. Am meisten rieb sie dabei den Nacken. Der Schmerz verging nicht ganz, aber die Massagen halfen erheblich. Tore klagte erstmals über Magenschmerzen und ließ sich von Tunulig und Aiyuk massieren, guer und gegen die Sonne um den Nabel herum. Die Wurzel der Hoka beruhigte den geblähten Bauch. Das dauernde Hungergefühl in Tores Magen ließ nach, war aber nicht ganz zu beseitigen. Zusätzlich bekam er die von den Menschen so genannte Brustkrankheit. Das bekämpften die Menschen mit dem Aderlaß am Bein, an der äußeren Seite des Knöchels und darunter an der inwendigen Seite des Fußes. Die Schmerzen hörten sofort auf.
Am nächsten Morgen bekam Aiyuk das Große Gefühl. Und das kam so.
In der Nacht davor war die Spitze einer großen Wisentherde durch das Grüntal gen Süden gezogen. Am nächsten Morgen wollten die Mammut-Menschen daher — jetzt, im Spätsommer - auf die Wisentjagd gehen. Kattee war vor die Überdachung getreten und wusch sich. Aiyuk saß noch auf seinem Wisentfell und schaute ihr zu, wie das Wasser an ihrem schönen Körper hinabfloß. Dann wandte er den Blick zu Tunulig, die wenige Schritt von ihm entfernt eifrig an einer alten Wisentrobe nähte. Sie nähte das Kopf teil zusammen, damit einer der Jäger es über die Stirn stülpen konnte; der Rest bedeckte seinen Rücken. Auf diese Weise
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konnten die Jäger ganz offen, ohne sich anzupirschen, an die Wisents herankommen. Sie brauchten nur Gegenwind.
Aiyuk strich mit der Hand mechanisch über sein Fell. Als ob es direkt vor seinen Augen gewesen wäre, sah er Tunu-ligs Knochennadel durch das Fell dringen. Immer wieder mußte Tunulig drücken und mit aller Kraft pressen, bis die Nadel die Fellhaut durchstach. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Immer wieder sah Aiyuk das Drücken und Schieben und den mühsamen Durchbruch der Nadelspitze. Aiyuks Augen wurden starr. Er hörte nichts mehr. Kattee war verschwunden. Auch Tunuligs Hand verschwand, und er sah nur noch eines: Fell und Nadel, Fell und Nadel. Da war es ihm, als ob er eine Wisentstimme hörte: "Achtung vor dem Wisent, Achtung vor der kleinen Spitze!" Er hörte die dumpfe Stimme ganz deutlich; und zugleich sah er sich selbst dasitzen und denken: Bekomme ich das Große Gefühl, Wisent? Ohne zu antworten fuhr die Stimme fort: "Achtung vor dem Wisent, Achtung vor der kleinen Spitze!"
Aiyuk schloß die Augen. Ihm war schwindelig und übel. Alles drehte sich in braunen Wisentkreisen. Um nicht umzufallen, stützte er sich ab. Die Stimme verschwand. Tunulig hatte aufgehört zu nähen und starrte Aiyuk an. Kattee kam zitternd und naß herbei und verstand sofort, was vorgefallen war.
"Rede mit ihm, schnell", sagte Tunulig.
"Aiyuk! Aiyuk, Lieber", rief Kattee ängstlich.
Sie nahm seinen Kopf in die Hände und drückt sein Gesicht an ihre nassen Brüste. Die Körperwärme und zugleich die kühle Nässe ließen ihn zu sich kommen.
"Mir ist schlecht", sagte Aiyuk.
"Leg dich hin, es vergeht schnell", meinte Tunulig.
Kattee streichelte Aiyuk unablässig. Und wirklich: bald fühlte er sich wieder gut. Er küßte Kattees Hand.
"Es ist gut", sagte er müde.
"Das ging besser als beim ersten Mal, mein Lieber", sagte Tunulig erleichert. "Du wirst es lernen."
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Kattee legte sich neben ihn. Tunulig und die anderen, die sich um Aiyuk versammelt hatten, machten sich wieder wortlos an die Jagdvorbereitungen. Noch einmal legte Kattee Aiyuks Gesicht an ihre Brust und streichelte seine Haare. Aiyuk küßte ihre Brustwarzen und dann ihre Lippen. Das Große Gefühl, anders als beim ersten Mal, war vorbei. Jetzt war alles wieder gut.
Nachdem Aiyuk gegessen und getrunken hatte, war es so, als ob nichts passiert wäre. Dank Kattee fühlte er sich so gut wie nie.
"Bevor wir auf die Jagd gehen, muß ich euch etwas sagen. Das Wisent hat zu mir gesprochen. Wir wollen uns vor dem Wisent in acht nehmen. Es kann gefährlich sein, wenn die Spitze zu klein ist und das Fell nicht durchdringen kann."
"Vielleicht ist das dein Pfeil", meinte Tore ohne zu zögern. "Das ist doch die einzige kleine Spitze, die es gibt."
Aiyuk hatte sich nämlich noch einen Bogen gebastelt. Den Pfeilen hatte er winzige Steinspitzen aufgesetzt.
"Du hast wohl recht", nickte er Tore zu, und Tores Gesicht glänzte vor Freude, ihm geholfen zu haben.
Dann legte Aiyuk den Bogen beiseite und griff wieder zu Speeren und Speerwerfer. Mit dem Bogen war es ohnehin nicht so gut gegangen; immer mehr war er davon abgekommen.
"Im Bogen und Pfeil liegt nur Unheil", meinte Tunulig bestimmt. " Gib den Bogen auf."
Aiyuk überlegte kurz. Ohne daß jemand erstaunt gewesen wäre, nahm er Bogen und Pfeile in die Hand und zerbrach sie nacheinander.
" Wenn das Große Gefühl dagegen ist, bin ich auch dagegen", sagte Aiyuk.
Das Große Gefühl behielt recht. Trotz seiner Wisentrobe, die ihn ganz bedeckte, wurde Aiyuk von einem alten Wisentbullen angegriffen. Der Wind hatte sich plötzlich gedreht. Schnaubend hob der Bulle den Schwanz steil in die
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Höhe. Aus dem Stand galoppierte er auf Aiyuk los. Kattees und Kukikatugaks Speere drangen seitlich in den Bullen ein. Aber erst Aiyuks Langspeer brachte das Wisent zu Fall. Aiyuk hatte den Speer mit der längsten Spitze, eine halbe Armeslänge lang, mitgenommen, wie ihm das Große Gefühl befohlen hatte. Tatsächlich wurde der Langspeer meist nur beim wolligen Nashorn und dem Mammut benützt. Heute jedoch hatte sich Aiyuk für den schweren Langspeer entschieden. Der scharfe Feuerstein drang direkt oberhalb des gesenkten Kopfes zwischen zwei Halswirbeln ein. Keine fünf Schritte vor Aiyuk brach das Tier auf der Stelle lautlos zusammen.
In diesem Sommer kam das Große Gefühl nicht wieder. In guten Zeiten war das oft so: In guten Zeiten wurde das Große Gefühl nicht benötigt; es kam auch nicht. Und es war wirklich ein guter Sommer, mit Ausnahme der ausgebliebenen Pferdeherden. Die Mammut-Menschen jagten sehr viel, auch viele Hirsche. Kattee und Aiyuk nähten sich neue Hirschhemden für den Winter. Das war das bekannte "Doppelhirschhemd": Fell nach innen zur Menschenhaut hin, darüber noch ein Hirschfell mit der Fellseite nach außen, um die Kälte abzuhalten.
Das Grüntal war in diesem Jahr so warm und voller Tiere, daß für die Menschen mehr als genug zu essen da war. Fast jeder bekam ein neues Hemd; Wisentfelle waren sogar übrig. Aiyuk und Kattee überwanden zusammen Kattees Angstgefühl. An das schlechte Zeichen der hungernden Hyänen dachten sie nicht mehr: Das war im Frühsommer gewesen, aber jetzt, wo die Herden wieder in Richtung der Sonne durch das Grüntal zogen, gab es mehr als genug für alle. Bald würden die Menschen den Herden gen Süden folgen.
Tunulig sprach ein letztes Mal mit Aiyuk über die Dinge hinter den Dingen.
Tunulig lächelte. "Ich habe dich genau beobachtet. Du bist nicht mehr so hitzig wie früher. Ich bewundere, wie gut du in Eschonas Gedankenwelt eingedrungen bist und
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zwischen ihm und Fagayuk vermittelt hast. Wie nennt man das?"
"Helfen", sagte Aiyuk etwas beschämt.
"Ja. Du hast geholfen. Du hast unserer Gemeinschaft geholfen, weil du gelernt hast, die Menschen zu verstehen. Du ärgerst dich auch nicht mehr über Kukikatugaks dumme Worte, und das ist gut so. Du wirst immer ruhiger und dringst immer mehr in die Dinge ein. Auf diese Weise wirst du dich nie ärgern. Statt dessen wirst du immer mehr sehen können, wo du helfen kannst.
Ich habe lange darüber nachgedacht, über dieses Helfen, mein Lieber. Helfen heißt Menschenleben wieder schenken - du hast Eschona und Fagayuk ein neues Leben geschenkt, und sie sind dir zu Recht dankbar. Der Sinn des Lebens ist ganz einfach, und doch verstehen es manche nie: selbst zu leben und Leben zu geben. Insbesondere der Alt-Mensch schenkt Leben. Die guten Tiere sterben für uns. Nun müssen wir uns würdig zeigen, ihr Opfer anzunehmen und weiteres Leben zu schenken. Das tut man auf zweierlei Weise: einmal, indem man Kinder bekommt, zum anderen, indem man andere schützt, ihnen beisteht, sie liebt und achtet. Und wenn es sein muß, indem man sich für sie opfert. Denn außer dem Tierleben gibt es nichts Wertvolleres auf der Welt als das Menschenleben."
In der nächsten Vollmondnacht, kurz vor dem großen Aufbruch nach Süden, kündigte sich neues Leben an. Es ergab sich, daß Hikiijaut, Teschadjuk, Fagayuk - und Kattee keinen Drang verspürten, ihr Menstruationsblut in die Erde sickern zu lassen. Außer Oschet waren alle jungen Frauen schwanger. In dieser Nacht drang Aiyuk drei Mal in Kattee ein, so glücklich waren sie beide über die bevorstehende Geburt. Es war wie in ihrer ersten Nacht. Sie küßten sich so lange und intensiv, daß die Zungen müde wurden. Von der Scheide bis zu den Haaren leckte Aiyuk Kattees schönen Körper.
Am nächsten Morgen freilich gelangten die Mammut-Menschen zu einer realistischen Einschätzung der Lage.
Daß vier Frauen ausgerechnet vor der Spätsommerwanderung schwanger wurden, geschah selten. Zwar würden sie es jetzt über die Berge schaffen. Aber bei der Frühjahrswanderung wären alle hochschwanger. Die Bergüberque-rung wäre zuviel. Und selbst wenn ein oder zwei Kinder geboren wären — in den ersten Wochen würde eine Berg-überquerung ihren Tod bedeuten. Und die Frühjahrswanderung um viele viele Tage zu verschieben war ebenso undenkbar, da die Herden bereits nach Norden gezogen sein würden.
Schweren Herzens entschlossen sich die Mammut-Menschen daher, ihren angestammten Wanderweg zu ändern. Tunulig schlug vor, nur bis zu den großen Bergen zu wandern, am Nordhang, und dort in der Höhle-des-tanzenden-Menschen das Winterlager zu errichten. Nach langem Hin und Her stimmten schließlich alle zu. Sie brachen auf in eine ungewisse Zukunft. Angst lag in der Luft; auch Lucu-wat fühlte sie. Sie weinte.
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