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Der Pferde-Mensch

 

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Es kam wie vorhergesagt: Aiyuk fällte eine Zwergweide und baute seinen ersten Bogen; die Forellen im Fluß schmeckten so gut wie noch nie; und nach einer dreitägigen Wanderung rochen die Mammut-Menschen das große Feuer der Pferde-Menschen.

Noch bevor sie in Sichtweite waren, legte Tunulig ihre Hand auf Aiyuks Schulter und sagte freundlich: "Mein Lieber, wenn wir Mammut-Menschen wieder allein sind, muß ich mit dir über die Welt des Alt-Menschen reden. Nicht jetzt. Du bist noch ganz im Fieber deiner Erfindung, und bei den Pferde-Menschen gibt es andere Dinge, auf die du dein Augenmerk richten solltest."

"Ja, gut. Später. Da haben wir Ruhe", lächelte Aiyuk und verstand Tunulig wohl: die anderen Dinge — das war eine Frau.

Als die Mammut-Menschen den Hügel erklommen und auf das bunte Treiben der Pferde-Menschen blickten, dachte Aiyuk nicht an eine Frau. Unwillkürlich drängte sich ihm die Frage nach seiner Herkunft auf, obwohl er sich vorgenommen hatte, überflüssige Gedanken beiseite zu lassen.

Wenn sie aber überflüssig sind, dachte er, warum drängen sich die Gedanken dann auf?

Er nahm sich vor, den Alt-Menschen Seioka zu befragen.

Das Freudengeschrei bei der Begrüßung war groß. Menschen, die sich gut kannten, umarmten einander, zeigten die nach innen gerollten Zungen und rieben die Nasen aneinander. Wer den anderen nicht so gut kannte, zeigte nur lachend die Zunge und strich kurz über den Oberarm. Aber jeder begrüßte jeden anderen, und so dauerte die Begrüßung viele Stunden. Und dabei waren das nicht einmal alle Pferde-Menschen, wie Tunulig gleich bemerkte. Gewiß, im letzten Winter waren Borseetsiak und Axankaku gestorben. Doch ansonsten ging es den Pferde-Menschen gut; acht von ihnen waren jetzt gerade bei der Renjagd und drei andere mit ihren Harpunen beim Forellenfischen. Obwohl also elf Pferde-Menschen gerade nicht da waren, staunte Aiyuk immer wieder, wieviele Pferde-Menschen es gab; ohne die anderen, die gerade jagten, über zwanzig und fünf. 

Lucuwat drückte sich an Aiyuk, und er mußte sie auf den Arm nehmen. Sie konnte sich kaum an das Treffen im letzten Sommer erinnern — und jetzt auf einmal so viele Menschen. Das war doch schön, redete ihr Aiyuk ein. "So viele, so viele", flüsterte sie nur und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Da lachte Aiyuk, nicht nur über Lucuwat: nein, wie alle anderen Mammut-Menschen freute er sich, die Pferde-Menschen zu sehen. Es war einfach schön — die Menschen sagten dazu: Es ist gut, so viele andere Menschen um sich zu haben. Ein warmes Gefühl durchströmte Aiyuk, während er Lucuwat so im Kreise herumtrug und Pferde-Menschen begrüßte, und er fühlte, daß dieses Sommertreffen besonders viel Gutes bringen würde.

"Jetzt mußt du aber selber gehen", sagte er zu Lucuwat, die ihm allmählich zu schwer wurde. "Schau, Kind: da sind andere Kinder, die du doch kennst, ja? Willst du nicht mit ihnen spielen?" Und nach langem Zögern war Lucuwat endlich bereit, sich von Aiyuk zu trennen.

Kukikatugak hatte gerade angefangen, sich mit Pontunnituktuk zu unterhalten, als Aiyuk hinzutrat und Pontunnituktuk umarmte. Kukikatugak, Pontunnituktuk und Aiyuk hatten als Kinder jeden Sommer zusammmen gespielt und viel zusammen gejagt. So wie Hikiijaut und Teschadjuk unzertrennlich waren, so auch die drei Freunde. 

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Pontunnituktuk hatte wie Aiyuk rote Haare und einen roten Bart, war aber so unernst und spaßig wie Kukikatugak. Wenn die drei zusammen waren, gab es viel zu lachen. Freudig setzten sie sich im Kreis zusammen, erzählten einander die Begebenheiten des letzten Winters und sprachen über die Bären- und Renjagd und Doregaks Tod und wie Pontunnituktuk einen Falken gefangen hatte.

"Und Aiyuk hat da einen neuen Speerwerfer erfunden ...", begann Kukikatugak.

"Wir Mammut-Menschen", korrigierte ihn Aiyuk schnell, "haben uns da etwas Neues ausgedacht, das wir euch später zeigen werden."

"Wir können unsere Speere weiter werfen als alle anderen Menschen", prahlte Kukikatugak.

Als ihn die beiden auslachten, fügte er hinzu: "Morgen jage ich einen oder zwei Adler!" Und es gab noch mehr Gelächter. Denn jeder wußte, daß die Menschen nur ausnahmsweise einen Adler treffen konnten, und auch nur, wenn der Adler ziemlich jung war und den Fehler machte, zu tief zu fliegen.

Kukikatugak machte nur Spaß, das war klar; doch ernsthaftes Prahlen war bei den Menschen streng verpönt. Wer prahlte und log, hieß "Doppel-Maul" oder "Zwei-Löwen-Maul". Die Menschen wollten nicht wissen, was einer zu sein vorgab; nur was er wirklich tun würde, interessierte sie. Die wirkliche Jagd und der schnelle Tod, das war das Menschenleben, nicht der Schein der Jagd.

Endlich kamen die Renjäger mit zwei Renbullen an, und nochmals erhob sich lautes Begrüßungsgeschrei. Erst beim Renessen ebbte es wieder ab. Selten hatten sich die Menschen so wohl gefühlt.

"Und heute nacht gibt's den Freudentanz!" rief der Alt-Mensch Seioka in die Runde, und seine Ankündigung wurde mit lautem "Hu-hu, hu-hu!" beantwortet. "Hu-hu" war das festliche Freudengeschrei, und das gab es nur im Sommer.

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Seioka war ein alter, sehr kleiner Mann, über sechzig Sommer alt. Er hatte keine Zähne mehr, keine Haare, konnte nicht mehr jagen und galt als einfältig. Er besaß nicht im entferntesten den Tiefblick der Tunulig und kümmerte sich längst nicht mehr um die Jagd. Doch eines hatte er allen voraus, und darum war er Alt-Mensch: Wenn er, wie alle paar Tage (öfter als Tunulig), das Große Gefühl bekam, irrte er nie. Seinem Gefühl trauten alle. Sogar wenn er sich scheute, eine Höhle zu betreten, sogar dann taten es ihm die Pferde-Menschen gleich und fuhren immer gut dabei. War das der Grund, weshalb es so viele Pferde-Menschen und so wenige Mammut-Menschen gab?

Nach dem Essen verteilten sich die Menschen, um Erfahrungen auszutauschen. Seioka und Tunulig unterhielten sich, Eschona und Fagayuk setzten sich zu Freunden, die Kinder spielten, und Kukikatugak, Aiyuk und Pontunnituktuk hockten sich zusammen in eines der Langzelte. Kurz darauf erhob sich nochmals ein Geschrei; die drei Freunde blickten zum Zelteingang und hörten, daß die drei Pferde-Menschen vom Fischen zurückgekommen waren.

"Die kennt ihr noch nicht", meinte Pontunnituktuk. "Sie kamen kurz vor dem Winter von den Fuchs-Menschen zu uns, weil Kattees Mutter, Somoga, bei Ullugeak liegen wollte."

Die Begrüßung vor dem Zelt dauerte lange. Längst hatten die drei Freunde die Neuankömmlinge vergessen, als sie zur Begrüßung ins Zelt traten: Somoga und ihre Schwester Tulakawatuk, und Somogas Tochter Kattee, die sechzehn Sommer zählte.

Aiyuk blickte auf, herausgerissen aus seiner Erzählung über den neuen Speerwerfer mit Löwendarm - und da spürte er ein zuerst unbestimmtes Gefühl, anders als das Große Gefühl. Somoga und Tulakawatuk sah er gar nicht. Denn als er aufblickte, fing sich sein Blick in Kattees grüngräulichen, enggestellten Augen. Die Augen glänzten und strahlten und sahen ihn lachend an, so daß er den Blick beinahe gesenkt hätte. 

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Da erst bemerkte er ihren schönen, breiten Mund, ihre großen, weißen Zähne, ihr perfekt-ovales Gesicht, das von sehr hellbrünett-gelockten Haaren umgeben wurde. Sie war groß und schlank; das sah Aiyuk sofort, und auch die langen Arme und die zarten langen Finger fielen ihm sofort auf — denn das Schönheitsideal der Menschen waren dicke, fruchtbare Frauen. Nochmals kehrte sein Blick zu den strahlenden, tiefen Augen zurück. Aiyuk fühlte eine Hitze aufsteigen, die ihm unerklärlich war; im Zelt war es ziemlich kühl, der Himmel war bewölkt.

Leichtfüßig kniete Kattee vor Aiyuk, zeigte die Zunge und strich ihm mit den Fingerspitzen sachte über den Oberarm. Mit Mühe vermochte er den Gruß zu erwidern.

"Aiyuk, ja. Von dem Speerwerfer habe ich schon gehört" , sagte sie mit leiser und sanfter Stimme, und ihr schöner Mund lachte, und ihre Augen lachten.

"Kukikatugak und ich zusammen haben ...", begann Aiyuk und merkte dann, wie unwichtig seine Worte waren. "Du kommst von den Fuchs-Menschen?"

"Ja, meine Mutter wollte bei Ullugeak liegen, und so bin ich gleich mitgegangen, weißt du."

"Und - gibt es jetzt viele Fuchs-Menschen?" fragte Aiyuk schnell, um nur irgend etwas zu sagen.

"Ich habe nie gezählt. Vielleicht noch mehr als die Pferde-Menschen."

"Aha. Ja dann, ja dann helfe ich dir nachher beim Ausnehmen der Forellen", sagte er, und so laut und hastig, daß Kukikatugak vor sich hin schmunzelte und Kattee lachend den Kopf zurückwarf und ihre schönen langen Fingerspitzen an den Mund führte. Als ob sie sich ihres Mundes schämte, dachte Aiyuk schnell, und: Wie kann man nur einen so schönen Mund bedecken wollen?

Er lachte notgedrungen mit und errötete. Kattee stand lachend auf, ging zum Zelteingang und drehte sich noch einmal kurz nach ihm um. Zum zweiten Mal spürte er das Gefühl aufsteigen - Angst, Hoffnung, Zuneigung in einem. Er hörte das Angstpochen seines Herzens, wie in der Bärenhöhle. Was war das nur? 

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Noch ein letztes Mal strahlten die Augen; fast lautlos entfernte sich Kattee. Aiyuk starrte in die Tageshelle, und sofort sagte Kukikatugak grinsend: "Das Füchslein hat die Füchsin gerochen." Dabei schlug er sich vor Vergnügen auf das Knie, während Aiyuk noch mehr errötete.

Auch Pontunnituktuk lachte kurz mit. Aber er sah, wie die Sache stand und meinte: "Kukikatugak. Es ist ernst. Sei ein guter Freund. Hör, Aiyuk: sie ist frei, niemand liegt bei ihr. Rimurayuk hat sich für sie interessiert, aber sie hat ihn abgewiesen. Wenn sie bei dir liegen will, mußt du ihm etwas schenken, damit er nicht böse ist."

'Bei dir liegen will', bei dir liegen will' hörte Aiyuk immer wieder, und ein Glücksgefühl, das er noch nie gekannt hatte, ergriff ihn.

"Was, was?" fragte er.

" Du sollst dem Rimurayuk etwas schenken - obwohl -obwohl, sie hat ihn schon abgewiesen, da darf er gar nicht böse sein. Aber auf alle Fälle."

"Nein, ich meine", antwortete Aiyuk, legte seine Stirn vor Scham auf Pontunnituktuks Schulter und fuhr leise fort: "Nein, ich meine: ob sie bei mir liegen will?"

Nun lachte auch Pontunnituktuk. Er gab keine Antwort.

Aiyuk war wie benommen. Was Kukikatugak und Pontunnituktuk des Weiteren sprachen, hörte er gar nicht. Er wartete eine Anstandsfrist ab, stand abrupt auf und trat aus dem Zelt. Zuerst sah er sie nicht. Das komische Gefühl durchzuckte ihn wieder; es war mehr Angst als alles andere. Dann hörte er Gelächter hinter den Zelten. Ohne zu zögern machte er sich auf. Kattee kniete neben ihrer Mutter und nahm Forellen aus.

Aiyuk grüßte verlegen und sagte: "Ich habe Kattee versprochen, ihr zu helfen."

"Gut", meinte Somoga im Aufstehen, "ich muß jetzt gehen und den Knollenbrei für das Freudenessen heute nacht rühren."

Ungeschickt nahm Aiyuk sein Messer heraus und begann, langsam eine Forelle auszunehmen und den Kopf

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abzutrennen. Mit ihren behenden Fingern schaffte Kattee drei Fische in der Zeit, in der Aiyuk einen Fisch ausnahm.

Immer wieder wagte er eine Blick von der Seite. Erst jetzt sah er die lange, gerade, schöne Nase und die langen Augenwimpern. Leuchteten die Augen deshalb so? fragte er sich. Er wagte kaum, die breiten, zartrosafarbenen Lippen anzuschauen. Und diese langen, schlanken Arme und das schmale Becken: nie zuvor hatten ihn schlanke Frauen gereizt; Hikiijaut und Teschadjuk waren vollkommen uninteressant. Aber jetzt, warum auf einmal jetzt? Und ihre Finger — leicht gerötet, lang, die Fingernägel stark gerundet, was ihm schon immer unschön erschienen war. Und jetzt. Jetzt sehnte er sich auf einmal danach, diese schönen Hände und Finger und Fingernägel und diese schönen Augen und diese Lippen des viel zu breiten Mundes zu küssen.

Wie kann Häßliches schön werden? dachte er verstört. Was ist das nur?

Der schöne Mund verzog sich, und lächelnd blickten ihn Kattees Augen für den Bruchteil einer Sekunde an. Da zuckte es in ihm, und endlich wurde ihm klar, was in ihm vorging: Ich bekomme das Gefühl für diese Frau.,

Da erst fiel ihm ein, daß er noch kein Wort mit Kattee gewechselt hatte. Hatte sie deshalb gelächelt?

Ich bin doch heute ein Dickkopf, dachte er, los, mach den Mund auf!

"Ich bin diesen Sommer Bärenjäger geworden", sagte er leise, und als er merkte, daß sie das als Prahlerei mißverstehen könnte, fügte er schnell hinzu: "Aber in der Höhle hatte ich große Angst."

"Bist du allein hineingegangen?" fragte sie teilnahmsvoll.

Und als er antwortete, da sprudelten die Worte nur noch so aus ihm heraus. Mit der Erzählung der Bärenjagd und der Bergüberquerung und von seiner Schülerin Lucuwat bei der Renjagd legte er die Scheu ab. Während er sprach, hörte er wie in weiter Ferne seine Worte, und da dachte

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er: So gut habe ich noch nie gesprochen, in mir sitzt eine Pferdeherde.

Sie erzählte ihm ihr Leben, und er erzählte ihr alles, was ihm je eingefallen war. Und während er sich reden hörte, wurde ihm klar, daß er mit seinen Worten um diese schöne Frau warb. Daß sie ihm alles von sich erzählte, erfüllte ihn mit einer so aufgeputschten Hoffnung, daß er ganz benommen wurde. Während sie sprach, glitt sein Bück über ihr Gesicht, fing sich an den leuchtenden Augen und wanderte kurz zu ihren vollen Lippen. Er nahm ihr Gesicht in sich auf.

Als es Nacht wurde, zündeten die Menschen riesige Feuer an. Zuerst aßen sie Ren und Knollenbrei. Die entgräteten Forellen wurden auf Zweigen aufgespießt und als Leckerbissen verspeist. Dann zogen sich die Menschen aus, um sich gegenseitig mit Hämatitfarbe und Asche anzumalen.

Zum ersten Mal in seinem Leben schämte sich Aiyuk seines Körpers. Er war nicht besonders groß, er war nicht besonders stark. Als Kattees Fingerspitzen über seinen Körper fuhren, bekam er eine Gänsehaut, so sehr genierte er sich. Aber dann dachte er daran, wie schön es sein würde, ihren Körper zu bemalen.

Trotz ihrer Schlankheit besaß sie große Brüste. Als ihr Aiyuk über die Brustwarzen fuhr, bekam auch sie eine Gänsehaut. Sein Herz hüpfte dabei vor Freude, denn erst da wurde ihm klar, daß auch sie das Gefühl bekam. Als er ihren Rücken bemalt hatte, drehte sie sich um und legte ihre Finger an seine Oberarme. Ihre Augen blitzten im Feuerschein. Leise und doch erregt sagte sie: "Komm tanzen, Lieber!"

Zum Klacken der Renknochen sprangen sie in den Kreis der Tanzenden. Der rituelle Freudentanz war schon in vollem Gange: am Anfang tanzten nur die jungen Männer und Frauen und die Kinder, später kamen die Älteren hinzu. Wer tanzen wollte, der tanzte; wer zu alt oder krank oder schwanger war, der sang nur mit und klackte mit den Knochen. Es war aber schwer, sich der steigenden Erregung zu

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entziehen. Immer schneller stampften die nackten Menschen im Kreis, immer lauter wurde das Gedröhne der Tänzer, der Kreis wurde enger, dann wieder weiter. Bei jedem Engerwerden streichelten sich die Menschen, umarmten sich, fuhren mit den Fingerspitzen über den Körper des Partners und ließen sich noch mehr erregen. Im weiten Kreis hielten sie einander die Hände, und Aiyuk fühlte, wie sein Händedruck von Kattee erwidert wurde.

Der Tanz steigerte sich. Aus dem Stampfen und Dröhnen, aus dem anregenden und erregenden Hautkontakt kristallisierte sich der erste Höhepunkt. Der Freudentanz begann, Gestalt anzunehmen und die Freuden des Lebens auszudrücken. Der enge Hautkontakt verwandelte sich in den symbolischen Zeugungsakt, bei dem Männer und Frauen, Jungen und Mädchen rhythmisch die Unterleiber zusammenstießen. Trotz der Nachtkühle schwitzten Aiyuk und Kattee. Unverwandt blickten sie einander in die Augen. Als sie ihre Körper gegeneinander drückten, rieben sie ihre Nasen kurz aneinander. Das war der erste Kuß. Aiyuk zitterte vor Erregung. Als er Kattee über die Brüste fuhr, nahm sie sein Glied in die Hand und ließ es steif werden. Als ihre Körper das nächste Mal zusammentrafen, fühlte er mit dem Mittelfinger die Feuchtigkeit ihrer Scheide, und da wußte er, daß sie für ihn bereit war.

Im Rausch der Körper verwandelte sich der Tanz in den Freudentanz der Geburt. Die Frauen und Mädchen legten sich mit dem Rücken auf den Boden, spreizten die Beine, hoben das Gesäß an und stöhnten rhythmisch zur Entbindung. Aiyuk und die anderen Männer strichen den Frauen, um den Nabel kreisend, den Bauch. Jede Frau gebar ein Kind, und die Frauen, die auf allen Vieren Pferde oder Renkühe nachahmten, gebaren Fohlen und Renkälber. Als Kattee stöhnend das Kind gebar, legte Aiyuk zum ersten Mal seinen Mund auf ihren Mund und suchte ihr Zunge. Das Herz pochte in ihm, Kattee und Aiyuk zitterten und schwitzten. Aiyuk war wie benommen. Er sah niemand, sah nicht einmal Kattee - er fühlte Kattee und nur Kattee.

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Vor Glück wußte er nicht, was um ihn herum vorging. Als er rituell an ihren Brüsten saugte und die großen festen Brustwarzen liebkoste, streichelte sie ihm über die Haare und stöhnte nur, "Mein Lieber, mein Lieber!"

Der Tanz ging über in das lustige Leben der Menschenkinder und der hüpfenden Renkälber und der springenden Fohlen, und die Freude war die Freude des jungen Lebens. Allmählich ging der Tanz zu Ende, immer mehr Tänzer ließen sich erschöpft und schweißgebadet zu Boden fallen. Einige schliefen auf der Stelle ein. Das Klacken der Renknochen wurde schwächer, kaum noch jemand sang.

Engumschlungen, völlig erschöpft und verliebt legten sich Aiyuk und Kattee unter freiem Himmel in Aiyuks Wisentfell. Ohne die Nasen aneinander zu reiben, suchte Aiyuk Kattees Zunge. Sofort führte sie ihn ein in ihren nassen Körper. "Ich liebe dich, ich liebe dich!" stieß er hervor, und sie flüsterte, "Bleibe immer in mir, immer in mir!" und dann kamen beide zum Höhepunkt und liebten den anderen mehr als sich selbst.

Als er seinen Samen in sie schleuderte, leckten sie einander den Schweiß vom Gesicht. Doch da entzog sie sich ihm, drückte die Beine zusammen und hob das Gesäß in die Höhe. Schnell schob Aiyuk den Oberschenkel unter ihren Körper. Kattee ließ Aiyuks Samen durch ihren Leib fließen. Das bedeutete: Ich will immer bei dir liegen. Und wenn ein Mann antwortet, indem er seinen Oberschenkel unter das Gesäß der Frau schiebt und so den Samenfluß unterstützte, bedeutete das: Auch ich will immer bei dir liegen. Dabei sahen sie einander in die Augen und liebten einander durch die Augen. Dann küßten sie einander das Gesicht und die Haare und den Hals. Kattee schob sein Knie unter ihrem Gesäß weg; sie begannen, mit den Händen und den Lippen den Körper des anderen zu streicheln. Aiyuk streichelte Kattees Bauch und Scheide und Beine und lutschte an ihren Brüsten und an ihren Fingern. Dann leckten sie einander und nahmen den Geruch und Schweiß des anderen in sich auf.

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Noch einmal nahm Kattee Aiyuks Glied zu sich, noch einmal durchströmten sie einander. Langsam leckten sie einander Gesicht, Hals und Hände, und Aiyuk blieb viele Stunden in Kattee. Trotz seiner Erschöpfung war er hellwach und doch im Rausch. Zweimal, dreimal gab er ihr den Samen. Als er danach eindöste, weckte sie ihn wieder durch rhythmische Bewegungen. Sie nahm ihn fest und ließ ihn wieder hart werden, und wieder war er hellwach und angespannt. Wieder ließ er seine Zunge in ihrem Gesicht kreisen und trank ihren Schweiß und ihren Mund aus.

Als es am Horizont hell wurde, schliefen Kattee und Aiyuk ein. Noch im Einschlafen dachte er, ganz klar und deutlich, daß er endlich zu leben begonnen hatte, daß alles bisher nur ein schwacher Abglanz von Leben gewesen sei. Ohne Kattee gab es kein Leben mehr. Aiyuk hatte sich in Kattee verwandelt und Kattee hatte sich in Aiyuk verwandelt. Schon dreimal hatte Aiyuk sein Leben begonnen: als er von Igiluk entbunden wurde, als er wenige Tage zuvor zum ersten Mal das Große Gefühl bekommen hatte, und heute nacht, als er und Kattee eins wurden.

Am nächsten Morgen fühlte er, schwer wie ein Mammut, wie etwas an seinem Ohr leckte. Die Sonne schien ihm ins Gesicht, er vermochte die basaltschweren Augen nicht zu öffnen. Leicht, ganz leicht spürte er Kattees Zunge. Er griff nach ihrer feinen Hand und rieb wie in Trance die Nase an ihren Fingern. Dann küßte er ihre Fingernägel und ihre Handfläche und entließ sein schweres Liebesgefühl in Kattees Hand. Sie küßte seine Augen. Zwischen den Küssen flüsterte sie, "Ich liebe dich", und Aiyuk leckte ihr zur Antwort die Handfläche.

Als sie ruhig lagen, kamen Somoga, Tore und Tunulig zu ihnen und brachten ihnen warme Renstückchen zu essen und Wasser zu trinken. Tore, Somoga und Tunulig waren glücklich für Aiyuk und Kattee. Kurz fuhren sie ihnen, ganz sachte, mit der Hand über die Haare, und da war große Freude bei allen.

"Hikiijaut und Teschadjuk haben auch Männer gefun-

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den", flüsterte Tunulig beschwingt und entfernte sich schnell. Zum ersten Mal kam Lucuwat nicht zu Aiyuk, um ihm schon morgens unbeantwortbare Fragen zu stellen. Eschona hielt sie beschäftigt. Einmal, als Kattee und Aiyuk einander fütterten, ging Fagayuk vorbei und nickte ihnen zu. So war das bei den Menschen: Wer einmal das Gefühl gekannt hatte, respektierte es bei anderen und freute sich, wenn das Gefühl bei anderen Menschen Einzug hielt.

Eigentlich wollte Aiyuk an diesem Morgen seinen Bogen vorführen. Doch daran dachte er nicht, und niemand wollte ihn drängen, obwohl alle auf seinen neuen Speerwerfer gespannt waren. Kukikatugak hatte sich geweigert, den Bogen in die Hand zu nehmen, und so hatte sich herumgesprochen, daß Aiyuk allein den Bogen erfunden hatte. Längst wurde auch davon gesprochen, daß er Alt-Mensch werden würde. Nur Kattee wußte nichts darüber.

"Bleib liegen, Liebes", sagte Aiyuk sanft und suchte Eschona auf. Der gab ihm bereitwillig das Gesuchte: sein Quarzkratzer mit Holzgriff, ein großer gefäßförmiger Bek-kenknochen, ein Stückchen Mammutelfenbein.

Als Aiyuk zurückkam, wußte Kattee, was er vorhatte. Er legte den Beckenknochen neben Kattee und ließ sein Wasser darin ab. Auch Kattee urinierte darin und rührte den Urin mit dem Finger. Dann legte Aiyuk das Elfenbeinstückchen in den Urin und weichte es ein. Nach einer Weile begann er, das Elfenbein, das nun leichter zu bearbeiten war, zu schnitzen. Immer deutlicher wurde sein Liebesgeschenk — eine Frau mit runden Hüften, schweren, runden Brüsten und einem spitzen Kopf mit spitz auslaufenden Beinen. Am Schluß schmirgelte Aiyuk die Statuette mit feinkörnigem Sand ab, nahm den Trinkschlauch zur Hand, wusch das Figürchen ab, leckte es und reichte es errötend der Kattee. Sie nahm es in die Hand und streichelte es. Wir sind jetzt für immer zusammen. Ich werde für uns schwanger werden und unsere Kinder gebären und so fruchtbar sein wie dieses Figürchen.

Aiyuk legte ihr das Figürchen auf den Bauch; bald da-

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nach döste Kattee ein, während Aiyuk die Glücksgedanken durch den Kopf schössen. Sanft legte er ihre Fingerspitzen an seine Lippen. In ihm jauchzte es vor Glück. Er hatte urplötzlich die richtige Frau gefunden. Wie oberflächlich, ja wie erbärmlich war es doch, als er mit Oschet gelegen war. Aber jetzt. Diese liebe, schöne, sanfte Frau. Ihre Art zu zögern war nicht unterdrückte Angst, Angst vor dem anderen wie bei Tore, sondern ein Ausdruck von zurückhaltendem Respekt vor dem anderen. Das hatte Aiyuk sofort gespürt und an ihr geliebt. Sie liebte die Menschen wie er und bemühte sich, sie zu verstehen und ihnen zu helfen. Sie war wie er, sie war Aiyuk und Aiyuk war Kattee.

Er küßte ihre Handflächen. Ein berauschendes Gefühl stieg in ihm auf: das Gefühl der totalen Glückseligkeit. Kein Mensch konnte dieses Gefühl je begreifen, der es nicht erlebt hatte: im warmen Sonnenschein mit einem anderen Ich zu liegen, umgeben von Menschen, die ihn mochten, umgeben von vielen Menschen, die sie beide beschützten; und dazu noch im Frühsommer, gesättigt mit Forellen und Ren. Er fühlte sich vollkommen sicher, vollkommen geborgen. Das Wohlgefühl entspannte ihn. Für diesen Augenblick hatte er gelebt. Alles war Ruhe und Geborgenheit und Liebe.

Pontunnituktuk und Kukikatugak ließen sich nicht blik-ken. Aiyuk fühlte, was für einen guten Freund er in Kukikatugak besaß, der ihn gerade jetzt in Ruhe ließ.

Als Kattee aufwachte, liebkoste Aiyuk ihr Gesicht mit der Zungenspitze und erzählte ihr von den Gedanken, die ihn manchmal quälten. Nur jetzt - nur jetzt störten sie ihn nicht; er erzählte ihr nur alles, damit sie alles wußte.

"Ich werde Seioka fragen, Lieber", sagte sie sanft und streichelte sein Gesicht.

"Nein, nein, ich werde es selbst tun. Und überhaupt. Das ist nicht mehr wichtig. Heute bist du wichtig", lachte er.

Doch Kattee fühlte, daß die Frage für ihn wichtig war, schon allein, damit er beim Lagerfeuer von seinen Vorfahren erzählten konnte. Schon allein deshalb. Sie fühlte mit

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ihm, sie fühlte seine Zweifel. Zum ersten Mal sah Aiyuk Tränen in ihren Augen. Er erriet den Grund sofort und leckte ihre Tränen auf. So war das beim Gefühl der Menschen zu der Zeit der Mammuts: von diesem Augenblick an mußten sie einander nichts mehr erzählen; jeder fühlte mit dem anderen.

Am Spätnachmittag standen sie auf und fingen zusammen Forellen. Immer wieder staunte Aiyuk über die Geschicklichkeit, die in diesen schlanken Armen und langen Fingern steckte.

Ich kenne sie doch noch nicht, dachte er. Denn wie man so schnell und geschickt mit der Harpune hantieren konnte, das war ihm unbegreiflich. Er selbst hatte Hikii-jauts eleganten Speerwurf neidlos bewundert. Und er selbst galt als flink und geschickt. Aber Kattees mühelose Geschicklichkeit übertraf alles bisher Gesehene.

So gab es für jeden noch Überraschungen. Als Kattee ihrer Mutter den Sack Forellen brachte, blieb sie nur wenige Augenblicke von Aiyuk getrennt. Als sie jedoch zurückkam, schaute sie ihn beinahe ehrfürchtig an und meinte: "Somoga hat mir gesagt, daß du das Große Gefühl hast."

Aiyuk lachte. "Vielleicht, vielleicht", grinste er, "vielleicht kommt es nur einmal und nie wieder."

Sie warf ihre Arme um seinen Hals und sagte: " Es kommt immer wieder, das weißt du, du Dickkopf. Ich hätte nie gedacht, daß ich für einen Alt-Menschen das Gefühl bekommen würde. Es ist eine Ehre."

Als sie aber sah, daß Aiyuk ärgerlich wurde und eine Zornesader an seiner Stirn anschwoll, legte sie vor Scham den hochroten Kopf an seine Schulter und bat ihn um Verzeihung.

Sofort verzieh er ihr. Der Zorn verflog. Nur für einen Augenblick ließ sich sein Glücksrausch verdrängen. Als er ihren Duft einsog und ihre Finger an seine Lippen führte, raste das Glücksgefühl wieder in ihm. Wer einen Menschen liebt, vergißt dessen dumme Worte.

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Nachts wurden wieder riesige Feuer angezündet. Die Menschen fanden es gut, so schnell wie möglich einen Dankestanz an die Tiere zu richten, die ihr Leben für den menschlichen Magen geopfert hatten. Denn seit vielen Wochen hatten weder Pferde- noch Mammut-Menschen eine stille Höhle betreten, um Tiergeister zu malen. Und außerdem verbanden sie den Dankestanz mit dem "Kommt-Tanz", wie sie es nannten. Der "Kommt-Tanz" rief die sensiblen Geister der lebenden Alt-Tiere herbei (wenn es Alt-Menschen gab, mußte es ja auch Alt-Rene und Alt-Pferde geben, das konnten die Jäger sogar beobachten), wenn die Herden sich nicht einstellen wollten. Denn unbemerkt einzig von Kattee und Aiyuk drehte sich die Unterhaltung des Tages immer mehr um die ausgebliebenen riesigen Pferdeherden. Das Pferd war für die Menschen beinahe so wichtig wie das Ren. Doch dieses Jahr gab es keine Pferde. Wo waren sie nur? Der Winter war wärmer gewesen als sonst. Waren sie schon vor langer Zeit deshalb gen Nacht gezogen — oder in Richtung der Sonne? Auch die Alt-Menschen, die schon den ganzen Nachmittag das Phänomen besprochen hatten, wußten keinen Rat. Besser, man wartete ab, folgte wie üblich auf getrennten Wegen den Renherden gen Nacht, um sich im nächsten oder übernächsten Sommer endgültig zu beraten. Notfalls konnten die Menschen später ihre traditionellen Wanderwege ändern. Das mußte aber gut durchdacht werden. Denn alle Menschen diesseits der Berge und diesseits des Riesenflusses mußten ihre Zustimmung geben, und für trockene Höhlen oder Felsvorsprünge mußte auch im Sommerlager gesorgt werden. Die beiden Alt-Menschen spürten, daß das Wetter immer wärmer wurde. Nur sie besaßen den Überblick über die vielen Sommer- und Winterzeiten; nur sie sahen deutlich, daß das Wetter seit ihrer Kindheit wärmer geworden war. Das war zu begrüßen. Daß aber die Pferde ihre Gewohnheiten deshalb änderten, war ihnen noch nicht in den Sinn gekommen — bis zum jetzigen Nachmittag, an dem sie Rückblick hielten über alle Som-

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mer, die sie kannten. Schon letztes Jahr waren die Pferdeherden mager ausgefallen. Doch wer konnte ahnen, daß sie ganz ausfallen würden? Zu diesen Geheimnissen besaß auch das Große Gefühl von Tunulig und Seioka keinen Zutritt. Wenn die Pferde-Menschen im Spätsommer an das große Salzmeer kamen, wo sie sich immer mit den Fuchs-Menschen trafen, wollte Seioka (das war Tunuligs Vorschlag) sich mit ihnen beraten. Das Ausbleiben der riesigen Pferdeherden signalisierte große Gefahr.

Daher kamen die Mammut- und Pferde-Menschen überein, mehr Gewicht auf den "Kommt-Tanz" zu legen und nur die Pferde herbeizurufen. Während die Menschen zu tanzen begannen und den Galopp und das Weiden, ja alles Pferdeähnliche nachmachten, setzten sich Aiyuk und Kattee eng umschlungen zu den Alt-Menschen. Tanzen wollten sie nicht. Trotzdem fühlte Aiyuk sofort, worum es ging. An die Pferde hatte er bisher noch gar nicht gedacht. Tunulig unterdrückte ihre Sorge und lächelte dem Paar zu. Und da tat sie etwas, was sie seit vielen, vielen Sommern nicht getan hatte: sie rieb ihre Nase an Aiyuks Schulter, und dann an Kattees Ohr. So sehr freute sie sich für ihren Ziehsohn.

Auch Kukikatugak kam herbei und legte, leicht verlegen, den Arm um Aiyuks Schulter. Aiyuk verstand ihn. Kukikatugak freute sich für ihn; und doch, und doch hatte er ein wenig Angst um ihre Freundschaft. Deshalb witzelte er auch nicht. Aiyuk umarmte ihn kurz und sagte leise: "Du bist immer mein bester Freund." Erleichtert lachte Kukikatugak, streichelte kurz Kattees Oberarm und sprang beschwingt in den Kreis der Tänzer.

Dieser Tanz war nicht so wild wie der gestrige Tanz. Der Sorgentanz ist immer ruhiger, ja zaghaft, und schnell vorüber. Noch schneller war der Dankestanz vorbei. Es war, als ob die Menschen am ersten Abend einen großen Teil ihrer Geisteskraft verausgabt hatten. Schon bald brieten sie die Forellen in den Flammen. Und Tunulig sagte zu Seioka, aber Aiyuk überhörte es: "Ich hoffe, wir sind erhört

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worden. Aber ich glaube es nicht." Seioka schüttelte nur geistesabwesend den Kopf.

Als Aiyuk Kattees ängstlich-fragende Augen erblickte, die auf ihn gerichtet waren, lachte er und verdrängte die Sorge um die Pferde. Heute nacht gab es Kattee und nur Kattee.

"Komm schlafen", sagte er.

Auf dem Rückweg ins Zelt sah Aiyuk Hikiijaut und Teschadjuk mit ihren Jägern. Sie winkten einander zu. Kattee wollte wissen, wer das war, und so erzählte er ihr von den Mammut-Menschen und der Eintracht, die zwischen ihnen herrschte. Daß er Eschona und Fagayuk geholfen hatte, das erzählte er nicht. Er sprach auch von Oschet, die nun zu Gukall gefunden hatte, und wie gut sich alles gefügt hatte.

Nach einer Weile meinte Kattee: "Bei euch könnte es mir gefallen. Ich denke, ich komme zu euch, wenn ihr wollt."

Aiyuk freute sich sehr. Er hatte es nicht anders gewollt — und außerdem war es klar, daß von der Gemeinschaft der Vielen die Menschen zur Gemeinschaft der Wenigen stießen, falls niemand dagegen war, was so gut wie nie vorkam. Also würden auch Hikiijauts und Teschadjuks Jäger zu den Mammut-Menschen kommen. Das hatte sich Tunu-lig längst ausgerechnet: drei neue Mammut-Menschen, und bald viele Kinder. So wie Aiyuk sie kannte, freute sie sich innerlich. Wie immer würde sie keinen Ton dazu sagen. Was sie aber dachte, das erriet Aiyuk leicht. Oft genug hatte sie sich am Nachtfeuer Sorgen um den Nachwuchs der Mammut-Menschen gemacht, freilich ohne jemand direkt deswegen anzusprechen, ja sogar ohne Seitenblicke in Kukikatugaks oder Hikiijauts Richtung. Denn bei den Menschen war es streng verpönt, den anderen zum Beischlaf zu bewegen. Da mußte jeder selber zusehen, wer bei ihm liegen sollte. Und die Menschen waren sehr wählerisch. Viele Jäger gingen ihr Leben lang unbeweibt, nicht weil sie keine Lust auf Frauen hatten, sondern weil ihnen keine gut genug gefiel, um ihr das Figürchen zu schnitzen.

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Man mußte einer Frau nicht das Figürchen schnitzen, und die meisten taten es nicht, wenn sie zusammen lagen. Am Anfang der Pubertät, und nur dann, drängten die Erwachsenen freilich ein wenig. " Nur um es auszuprobieren", sagten sie, in der Hoffnung, das Mädchen würde einen dicken Bauch bekommen. Auf diese Weise waren Gukall und Aiyuk zu Oschet gekommen, und Doregak zu Teschadjuk. Kukikatugak lag einst bei Quarquarluk von den Fuchs-Menschen, die sie nur alle paar Sommer trafen. Quarquarluk wollte jedoch nicht zu den Mammut-Menschen kommen, und Kukikatugak weigerte sich, zu den Fuchs-Menschen zu gehen. "Da ist wohl nicht viel Gefühl dabei", stellte Tunulig enttäuscht fest und beließ es dabei.

Am nächsten Morgen tagte der Rat aller Pferde- und Mammut-Menschen. In wichtigen Dingen besaßen alle Menschen eine gleichwertige Stimme. Zum ersten Mal saß Lucuwat im großen Kreis, da sie Jägerin geworden war. Auch wenn sie meist kaum verstand, was da besprochen wurde, lernte sie die Besonnenheit. Denn bei Abstimmungen mußte auch sie mit dem Kopf nicken und zustimmend das rituelle "Ha-jaja" murmeln. War einer aber nicht einverstanden, mußte er aufstehen - und nur dann stand jemand auf - und sein Dagegenhalten gut begründen. Nur gab es selten Widerrede, denn die Dinge waren klar, und meist fühlten die Menschen dasselbe.

So war es auch dieses Mal. Das Ausbleiben der Pferde-Herden wurde nochmals erörtert. Da es jedoch genug Ren und Wisent gab, beschloß man, vorerst bei den alten Wanderwegen zu bleiben. Die Pferde-Menschen würden die Fuchs-Menschen um ihre Meinung befragen, die wiederum die Ren-Menschen befragen würden, und so wurde die Angelegenheit auf nächsten oder übernächsten Sommer vertagt.

Dann sprachen die Menschen darüber, wer zu welcher Gemeinschaft überwechseln wollte. Da aber die Vielen meist zu den Wenigen kamen, lag die Sache klar. Niemand widersprach, als Kattee, Kokopaluk und Natulak (so hießen

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die Männer von Hikiijaut und Teschadjuk, beide etwas jünger als Aiyuk) zu den Mammut-Menschen gehen wollten. Sie mußten nur aufstehen und erklären, daß sie aus freien Stücken und gerne zu den Mammut-Menschen gingen, und damit war die Angelegenheit erledigt. Zwar murmelte Rimurayuk vor sich hin; doch er wagte es nicht, dagegen zu stimmen, da er von Kattee abgewiesen worden war und keinen Grund hatte, sie für sich zu beanspruchen. Selbst dann hätte er sie nicht halten können - es sei denn, sie hätte sich ihm versprochen und Aiyuk hätte sie gegen dessen Willen an sich gerissen, was als eine schwere Gesetzesverletzung galt.

Dann kam man zu den Tauschgeschäften. Der Sommertausch wurde immer nur unter aller Augen vorgenommen, damit alle jedem Tausch zustimmen konnten und allen Recht geschah. Auf diese Weise vermochte am nächsten Tag niemand zu kommen und zu sagen: "Ich finde aber, daß wir Pferde-Menschen für diese schönen Speerspitzen noch mehr Ockerfarbe bekommen sollten", oder: "Die Kette von gestern ist doch nicht so schön. Gebt uns noch eine dazu, als Trost." Um dem vorzubeugen, sollten alle Jäger und Jägerinnen zu jedem Tausch zustimmend nicken und "Ha-jaja" sagen, ganz gleich, wer das Stück im Endeffekt bekam. So hieß die Gemeinschaft den Tausch gut. Was die Gemeinschaft gut hieß, darüber verlor man später kein Wort mehr.

Außerdem war es so, daß wenige persönliche Gegenstände eingetauscht wurden. Wer gab schon einen Speer her - wer würde schon einen Speer wollen, wo jeder doch selbst einen Speer machen konnte? Daher wurden von den Pferde-Menschen Walroßzähne vom Salzmeer, wohin die Pferde-Menschen jedes Jahr kamen, gegen Muschelketten vom Sonnenmeer eingetauscht. In jedem Herbst überquerten die Mammut-Menschen die großen Berge, und obwohl sie etwas entfernt von den Südhängen ihr Winterquartier bezogen, gingen Eschona, Fagayuk, Hikiijaut und Teschadjuk oft ans Meer. In der Nähe des Sonnenmeers

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fanden sie Ockererde, Hämatit, und am Meeresstrand allerlei schöne Muscheln.

Auch Ockerfarbe wurde gegen Hartholz für Speere getauscht, was die Pferde-Menschen wiederum von den Fuchs-Menschen bekommen hatten. Das Beste hoben sich die Pferde-Menschen bis zum Schluß auf: vom großen Salzmeer im Norden brachten sie noch zwei komplett vernähte, vollkommen wasserdichte Robbendarmanoraks mit. Diese wasserundurchlässigen Darmanoraks waren sehr begehrt, teils weil selbst die geschickten Pferde-Menschen nur selten Robben fangen konnten, teils weil Robbendärme, gut eingefettet versteht sich, am flexibelsten waren von allen Tierdärmen, mit Ausnahme des Löwendarms. Diese Anoraks hielten oft zwei Menschenleben lang. Sie hatten nie einen festen Besitzer. Meist bekamen sie die Schwangeren oder die Kranken oder die Kinder, wenn die Menschen alle wanderten. Bei Jagdzügen bekamen sie die Jäger, die die gefährlichsten Aufgaben besaßen.

"Wir haben da etwas, was zwanzig mal zwanzig Robbendarmanoraks aufwiegt", meinte Tunulig ruhig. "Aiyuk wird euch unseren neuen Speerwerfer mit Löwendarm zeigen. " All das sagte sie, obwohl sie von der Erfindung selbst nicht überzeugt war.

Wenn Aiyuk nun erwartet hätte, daß Bogen und Pfeil die Pferde-Menschen zu Entzückungsrufen bewegt hätten, wäre er enttäuscht worden. Er schoß auf ein aufgezogenes Renfell, zuerst auf zwanzig, dann dreißig, dann vierzig, dann fünfzig Schritt — weiter als ein Kurzspeer fliegen konnte. Er traf nur selten. Ab vierzig Schritt besaß der Pfeil keine Kraft mehr, das Fell zu durchdringen. Niemand sprach. Ein paar Jägerinnen und Jäger wollten es auch probieren, trafen aber nicht. Am Schluß riß die Sehne. Das hatte Aiyuk vorhergesehen, und so spannte er innerhalb kurzer Zeit eine neue Sehne ein.

"Wenn eines reißt, tut man ein neues drauf", sagte er.

"In der Zeit, in der du den Löwendarm einspannst, kann ich zehn Speere vom Speerwerfer lassen", rief einer.

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Und ein anderer: "Wenn dich ein Wisent frontal angreift und du mußt einen neuen Darm einspannen, dann brauchst du ihn auch nicht mehr!"

Viele Pferde-Menschen fingen an zu kichern. Es wurde unruhig im Ratskreis, bei dem ansonsten immer nur einer redete.

"Und überhaupt, und überhaupt ..." Und dann kamen alle Einwände, auf die Aiyuk nur unzureichend vorbereitet war: Wenn die Sehne reißt, wenn der Bogen bricht, wenn man doch nur die Zwergweide als Bogen nehmen kann; der Pfeil fliegt nicht gerade, auch wenn er weiter fliegt als der Speer; der Pfeil ist zu klein gegen Wisent, wolliges Nashorn, Mammut, Bär; die Spitze könnte leicht abbrechen; damit kann doch sowieso keiner treffen.

Andere, einige wenige andere sprachen dafür: Wer weiß, man muß sehen, ob man besseren Darm findet; vielleicht Ren- oder Hirschsehnen? Vielleicht kann man den neuen Speerwerfer nur zur Hirsch-, Ren- und Pferdejagd nehmen und ohnehin immer Speerwerfer und Kurzspeere mitnehmen für alle Fälle. Auf der anderen Seite könnte der Pfeil ja auch jemand verletzen, denn wer kann schon ein Ding unter Kontrolle halten, das von einer Sehne flitzt?

So ging es weiter. Selten waren sich die Menschen so uneinig, und das gefiel ihnen nicht, denn auf Einigkeit legten sie größten Wert. Die Tendenz ging eher gegen den Wert des neuen Speerwerfers. Einige nannten ihn schon verächtlich "Kleinkindspeer", denn hatte ein Mensch je einen so winzigen Speer gesehen?

Die Schreckensvision, daß man beim Wisentangriff ohne Waffen dastehen könnte - das Wisent mit Langspeer zu stoppen war schwer genug — beherrschte die Runde. Und außerdem: das war doch etwas Neues. Alles, was neu war und das prekäre Menschenleben ändern könnte, war schon gleich suspekt. Es ging ja alles auch so. Daher war auch Tunulig gegen den neuen Speerwerfer.

Wortlos hörte Aiyuk die lange Diskussion an. Wie ihm zumute war, sah ihm niemand an, aber Kattee streichelte ihn

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unablässig, so leid tat er ihr. Sogar Tunulig warf ihm mitleidige Blicke zu.

"Was sagst du dazu, Aiyuk?" sagte schließlich eine erfahrene Jägerin namens Zilukpuk.

"Ich sage", meinte er zögernd und stand auf, "ich sage, daß wir euch den Bogen geben und ihn nicht tauschen wollen. Überlegt euch dann in Ruhe, wieviel er wert ist."

Dann ging er zu Rimurayuk hinüber und legte ihm Bogen und Pfeil zu Füßen. Wortlos sah ihn Rimurayuk an. Dann mußte er doch mit einstimmen, denn immer mehr Pferde-Menschen nickten und murmelten leise, "Ha — jaja."

Überraschend ergriff der Alt-Mensch Seioka das Wort. "Ich habe das Gefühl", meinte er, "daß dieser neue Speerwerfer einmal nützlich sein wird. Wer kann es wissen? Wer etwas geschenkt bekommt, das im nächsten Sommer nützlich sein wird, muß sich trotzdem schämen, wenn er dem anderen kein Gegengeschenk macht. Ich denke, wir könnten den Mammut-Menschen ein Geschenk machen, wenn sie uns eines machen."

Da mußten alle Pferde-Menschen zustimmen. So bekamen die Mammut-Menschen die Robbendarmjacken als Freunde geschenkt und nicht im Tausch. Trotz seiner Enttäuschung mußte Aiyuk in sich hinein lachen. Dieser alte Fuchs Seioka, dachte er, der als einfältig gilt. Er hat die Worte nur geändert und aus "Tausch" das Wort "Geschenk" gemacht, und schon haben alle zugestimmt. Dann fiel ihm aber ein, daß Seioka, genau genommen, gegen die Interessen der Pferde-Menschen gehandelt hatte; also war er doch kein Fuchs. Und innerlich schämte er sich, Seioka so mißverstanden zu haben: Seioka hatte sich wohl über die Unhöflichkeit der Pferde-Menschen gegenüber Aiyuk geärgert. Denn wenn jemand etwas Neues mit den anderen teilen will und sie ihn abweisen, ist das nicht menschengemäß. Also wollte er wiedergutmachen. Wie beschämend, ihn deswegen für einen alten Fuchs zu halten. Bestimmt hielt auch er nichts von dem neuen Speerwerfer.

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Aiyuk beruhigte sich wieder und nahm Kattees Hand in die seinige. Der Tausch war abgeschlossen.

Nach den vielen Stunden des ruhigen Dasitzens wurden die Menschen allmählich unruhig und wollten sich bewegen. Daher wurde der letzte Punkt schnell abgehandelt: die Streitschlichtung. Das war eine ohnehin seltene Angelegenheit. Doch diesen Sommer hatte es schon wieder Streit zwischen zwei Pferde-Mensch-Jägern gegeben, warum, das spielte am Schluß keine Rolle. Die beiden mochten einander einfach nicht. Trotzdem konnten sie nicht von einander lassen, weshalb die Pferde-Menschen sie "die beiden Streithirsche" nannten. Eine junge Jägerin schlug vor, wie schon im letzten Winter, zur Gaudi aller, einen Singwettkampf zwischen den beiden zu veranstalten. Der Vorschlag fand sofortige Zustimmung. Unter großem Gelächter wurde der heutige Abend dafür anberaumt.

Beim Essen trennte sich Aiyuk kurz von Kattee. Sie wußte, wohin er ging und drückte seine Hand. Aiyuk setzte sich mit einem Stück Ren zu Seioka und sagte leise: "Ich wollte dir danken."

Der alte Mann fuhr auf, aufgeschreckt von seinen Gedanken, die nicht bei den Pferde-Menschen waren.

"Aiyuk, ja. Du sollst mir nicht danken. Danke deinem Kopf, der dir den neuen Speerwerfer eingab."

"Ich wollte mit dir über etwas anderes sprechen."

"Etwas anderes?" fragte Seioka erstaunt, und fuhr dann fort: " Kattee? Ja, eine gute Frau, wir werden sie vermissen."

"Nein, nicht Kattee. Über mich, über meine Herkunft. Es ist nämlich so. Ich habe herausgefunden, daß meine Mutter ein Pferde-Mensch war und Igiluk hieß. Aber niemand kann oder will mir sagen, wer sie war und wer da irgendwo das Gesetz verletzt hat und was da passiert ist. Auch Tunu-lig nicht. Um mein Glück vollkommen zu machen, bitte ich dich um eine Antwort."

Seioka lächelte über so viel Schläue.

Aiyuk dachte: Es ist nicht wahr, daß dieser Seioka einfältig ist. Er durchschaut mich vollkommen.

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Da schämte er sich nochmals vor diesem guten Menschen. Und da er sich schämte, fügte er hinzu: "Wenn du es aber besser findest, nicht zu antworten, will ich deinem Urteil trauen."

Seioka schwieg lange. Schließlich sagte er: "Weißt du, Aiyuk. Diese alten Geschichten sind längst vergessen. Es gibt nur böses Blut, wenn man sie ausgräbt. Es ist nur wichtig, wieviel Renfleisch als Wintervorrat da ist, es ist nur wichtig, ob du morgen ein Wisent erjagst oder gar nichts.

Tunulig will mit dir aus mir unbekannten Gründen nicht oder noch nicht darüber sprechen. Das respektiere ich. Sie ist der klügste Mensch, den ich kenne, und hat da ihre guten Gründe. Es wäre falsch, mich darüber hinwegzusetzen. Verstehst du das?"

Aiyuk nickte. Das hatte er erwartet.

"Lieber Aiyuk: genieße deine Tage mit der guten, sanften Kattee. Kattee lebt jetzt. Kattee ist das Leben. Nicht Igiluk."

Aiyuk nickte. Er legte zum Dank seine Hand auf Selokas Schulter und setzte sich wieder zu Kattee.

"Er will nicht sagen, was Tunulig nicht sagen will", meinte er zu Kattee. Sie verstand alles und streichelte ihn. Trotz seiner Enttäuschung störte er sich weit weniger an der Unruhe, als er es bei sich gewohnt war. Kattee war da. Ja: Kattee war alles. Igiluk war tot.

Obwohl Aiyuk nichts neues erfahren hatte, war es ihm doch, als ob ein Großteil seiner Gedankenbürde von ihm genommen worden wäre. Ja, Kattee: es war ihm, als ob sie durch ihr Verständnis die Last teilte und ihm die Leichtigkeit des Lebens wieder schenkte. Aiyuk war Kattee und Kattee war Aiyuk.

Am Nachtfeuer vergaßen beide die Frage, die einst nur Aiyuk gequält hatte. Der Singwettkampf der beiden Streithirsche war das lustigste Ereignis, dem Aiyuk je beigewohnt hatte. Beinahe bedauerte er es, daß die Mammut-Menschen so harmonisch lebten und nie Anlaß gaben, Streit auf diese schöne Weise zu schlichten.

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Lange Bärenjagdlieder wurden gesungen, dann Wisentjagdlieder, dann viele Erzählungen: vom Treffen aller Geister, das die Erde erdunkeln ließ; vom Riesenfisch, der aufs Land stieg, um ein Mammut zu verspeisen und der nachher noch immer Hunger hatte; von der Frau, die einen Hirsch gebar und vor Schreck den Verstand verlor; vom Murmeltier, das einstmals ein Wildschwein gewesen war, welches beim Suhlen versunken war; vom alten Mann mit einem weißen Bart, der sich in einen Steinbock verwandelt hatte.

Wechselweise wurden hohe Töne und niedrige Töne angesungen. Kurz vor der Erschöpfung der beiden Streiter wurde das Singen abgebrochen. Einem der beiden wurde der Sieg zugesprochen, unter großem Gelächter und Beifall aller Menschen.

Noch viele Tage blieben die Mammut- und Pferde-Menschen beisammen. Gemeinsam jagten sie Ren, Wisent und Hirsch, aßen gut und genossen das Wohlgefühl, in Sicherheit zusammen zu sein. Aiyuk hatte wieder Zeit für seine Freunde Kukikatugak und Pontunnituktuk, während sich Kattee auf den Aufbruch vorbereitete. Der Abschied von ihrer Mutter fiel ihr schwer, denn ihr "älterer Freund" war vor zwei Sommern gestorben, und sie hatte wieder von ihrer Mutter gelernt, und das wiederum bedeutete, daß ihr die Mutter wieder nahe geworden war.

Ansonsten waren es die schönsten Tage in Aiyuks Leben. Ab und zu sah er Rimurayuk mit dem Bogen herumschießen, aber das kümmerte ihn nicht mehr. An Igiluk dachte er nicht. Die drei Freunde jagten ein Wisent, Aiyuk und Kattee zusammen erjagten eine Hirschkuh und stellten fest, daß sie zu zweit eine hervorragende Jägergruppe abgaben. Zaghaft stieß Lucuwat wieder hinzu. Sie begann, auch von Kattee zu lernen: Kattee hatte sie als "jüngere Freundin" akzeptiert, denn Kattee war Aiyuk und Aiyuk war Kattee.

So vergingen die Tage des Glücks. Dann trennten sich die Pferde- und Mammut-Menschen widerwillig. 

Der Sommer war nun ganz da, und da mußten die Pferde-Menschen ans Meer und die Mammut-Menschen in ihr Sommerlager im Norden, im lieblichen Tal der Vezere, das sie "Grüntal" nannten. 

Beim Abschied brach Aiyuks Hochgefühl jäh ab. Er ahnte, daß er diese fröhliche Gesellschaft nicht mehr fröhlich wiedersehen würde. Kattee fühlte sein Unbehagen und begann zu weinen.

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