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Der Pfeil

 

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An Doregaks Beisetzung spürten alle Mammut-Menschen die Kraft des Frühlings. Urplötzlich waren Moos und Gräser hellgrün. Farne und ganze Heidefelder leuchteten grün und rot. Zugleich mit den letzten Schneeglöckchen waren die ersten Ginsterbüsche und Forsythiensträucher aufgegangen: Der Frühling kam nicht, er brach herein, und die Menschen sagten: Das Grün liebt das Blau. Das glänzende Grün der Tundra wetteiferte mit dem Blau des Himmels. Tagelang regnete es nicht. Im frischen Wind der strahlenden Tundra schwankten die Büsche hin und her. Weit in der Ferne glänzte ein hellgrüner Birkenwald.

Auf diese schöne Zeit hatten sich die Mammut-Menschen gefreut. Aber der Tod hatte ihnen das Vergnügen gestohlen. Im Frühling saßen sie bei Tag oft lange zusammen, schauten in die Ferne und erzählten einander von den Farben der Tundra. Oft spielten sie das Spiel: Wer sieht die schönste Farbe? Oder das Spiel: Wo glänzt es am meisten? Damit meinten sie: Wo war der Frühling am stärksten hervorgebrochen? Und an den Tagen der runden, vollen Kumuluswolken legten sie sich auf den Rücken und spielten das Spiel: Welche Tiere siehst du dort oben?

Doch dieses Jahr gab es keine Spiele. Die kleine Gemeinschaft war noch kleiner geworden; Trauer und Sorge vermischten sich. Keinesfalls versäumten die Menschen ihre Pflicht gegenüber dem Toten: Teschadjuk malte nicht nur Doregaks männliches Zeichen, das aus zwei langen Punktreihen bestand, auf einen großen Felsbrocken, und das gleich mehrmals, um sicher zu gehen. Nein: die Mammut-Menschen blieben mehrere Tage im halbüberdachten Lagerplatz auf dieser Seite vom Morast, um Doregaks Grab vor Wölfen und Hyänen zu schützen. Nachts hörten die Menschen das Wolfsheulen. Doch das Rudel machte einen Umweg um die Menschen. Beute gab es etwas weiter nördlich genug. 

Die einzige Freude der Menschen war die Renkuhmilch, deren kostbare Tropfen genau gleich verteilt wurden, mit Ausnahme der Kinder und des Kalbs. Die beiden Kinder bekamen die größten Portionen, denn das erklärten die Menschen so: Die Kinder wachsen, also bekommen sie das meiste; das Kalb hingegen muß seine Mutter anregen, noch mehr Milch zu geben. Daher muß es am Leben bleiben. Doch darf es nie ganz satt werden - nicht nur, weil es sonst den Menschen alles wegtrinkt, sondern weil es nicht mehr vor Hunger blökt. Blöken muß es aber viel, damit die Renkuhmutter bestrebt ist, viel Milch zu geben. Deshalb waren Lucuwats Tröstungsversuche umsonst. Immerzu streichelte sie das Kalb. Das schrie aber weiter, so daß Lucuwat oft genug Tränen in den Augen hatte. Voller Mitleid wurde sie von Fagayuk in die Arme genommen. Noch ein paar Tage, dann würden die Menschen zuerst das Kalb, und dann, wenn sie keine Milch mehr gab, die Kuh schlachten. Wie sollte man auf der Wanderung zwei lebende Rene mitnehmen?

In der Nacht von Doregaks Beerdigung saßen die Menschen am Feuer zusammen und sprachen von den vielen Toten. Ja, so war Doregak gewesen: still bis zur Unauffäl-ligkeit, ein bißchen wie Gukall; zurückhaltend, ruhig, ohne zu zögern bereit, immer zuzupacken. Das schätzten die Mammut-Menschen vor allen Dingen. Ohne Opferbereitschaft des einzelnen wäre ihr Leben nicht möglich gewesen. Ohne daß der einzelne die Gemeinschaft immer im Auge behielt, wäre diese Gemeinschaft auseinandergebrochen.

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Indem die Menschen die Verdienste der Toten hervorhoben, belehrten sie sich und die anderen. Obwohl es nur Tunulig bewußt war, dienten diese "Toten-Gespräche" auch dazu, die Gemeinschaft enger zusammenzukneten, indem positive Werte vermittelt wurden. Daher hörte auch Lucuwat aufmerksam zu, wie über die Toten, die sie gar nicht gekannt hatte, gesprochen wurde. Da lobte Eschona Fagayuks Vater Edu, der immer fröhlich gewesen war und auch in den Hungertagen die Gemeinschaft erheitert hatte. Oder Tunulig sprach von ihrem Großvater Anduluk, der über siebzig Sommer alt geworden war, eine Unerhörtheit; und dieser alte Anduluk hatte noch im hohen Alter, als er nicht mehr jagen konnte, damit begonnen, mit Knöpfen zu experimentieren. Ganz allein hatte er den Knopf mit zwei Löchern erfunden und so die Menschengemeinschaft unendlich bereichert. Inwischen besaßen alle Menschen Knöpfe. Und Kukikatugak sprach von seiner Mutter Simi-jakjak, die in ihrem Leben siebzehn Kinder geboren hatte. Kukikatugak war der einzige, der ins Mannesalter überlebt hatte; seine Schwester war eine der sieben Mammut-Menschen, die vor drei Wintern an der geheimnisvollen Brustkrankheit gestorben waren.

Alle Menschen begannen lebhaft von Freunden, Großeltern, Geschwistern und Eltern zu erzählen. Nur einer hatte nichts zu erzählen, und das war Aiyuk. Noch nie war es ihm so deutlich gewesen wie an diesem Abend, daß er ein Jäger ohne Herkunft war. Nein, das stimmte nicht: Er war ein Mann mit verborgener Herkunft, und das Verborgene mußte der Mensch aufdecken, um zu überleben. Verborgen waren auch die Verhaltensweisen des Menschen, das war Aiyuk zuerst an Eschona aufgefallen. Warum würde sich ansonsten ein so besonnener Mensch so dumm benehmen?

Und während beim hellen Feuerschein die Stimmen rings um ihn herum plätscherten wie der Gebirgsbach, zogen Aiyuks Gedanken in die weite Ferne. Immer wieder kreisten seine Gedanken um das Wort "verborgen": seine Herkunft war verborgen, die Geister waren verborgen, das

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Große Gefühl war verborgen, die Handlungsweisen der Menschen waren verborgen. Doch diese konnte man leicht aufdecken, wenn man sie verstand. Aiyuk begann, über Kukikatugak nachzudenken. Warum verspottete er ihn so oft, warum nannte er Aiyuk " Füchslein" ? Vielleicht mußte auch der starke Kukikatugak etwas verstecken. Vielleicht - sich selbst. Vielleicht war Kukikatugak nicht nur stark, sondern zugleich schwach. Vielleicht machte er Spaße, weil er insgeheim vor den Menschen und Aiyuks scharfer Zunge Angst hatte. Vielleicht versteckte Kukikatugak seine eigene Verletzlichkeit, indem er Aiyuk verspottete, gutmütig zwar, aber trotzdem. Aiyuk dachte an den Hasenlauf, den alle vor der großen Bärenjagd gespielt hatten: Ja, so war es, er hatte recht. Der starke Kukikatugak war als letzter ans Ziel gelangt. Der starke Kukikatugak war weder schnell noch sehr geschickt mit den Fingern. Er malte nie, und wenn er seinen Speerwerfer zu gravieren begann, warf er meist ärgerlich den kleinen Knochenmeißel hin.

Täuschte er sich, oder war das die Verborgenheit des Kukikatugak? Das war es wohl: die Angst, nicht mit den anderen und vor allem nicht mit dem geschickteren Aiyuk mithalten zu können. Denn die Menschen legten großen Wert auf Entwicklung aller menschlichen Fähigkeiten. Ansonsten gab es kein Überleben. Und Kukikatugak konnte weder malen noch gut nähen noch feinste Speerspitzen aus dem Stein meißeln. Auch hatte er weder eine Halskette noch je einen Armreif gefertigt. Kukikatugak konnte nur gut jagen. Nicht, daß ihm jemals einer einen Vorwurf gemacht hätte. Nein: In Kukikatugak herrschte offenbar ein Gefühl von Unsicherheit, von unbegründetem Unvermögen. Armer, guter Kukikatugak. Wie dumm war das von ihm, sich so geringzuschätzen. Bestimmt war er der stärkste von allen und konnte so am meisten tragen. Und ein treuer Freund war er; hatte er nicht jüngst in den Bergen mit seinen blutenden Knien allen den Weg gebahnt? Und hatte er in den Hungertagen in den Bergen mit dem Lied auf seinen Bauch nicht zur Erheiterung beigetragen?

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Aiyuk verstand Kukikatugak und hatte ihn in seiner Schwäche nur noch lieber. So war der verborgene Kukikatugak. Und er selbst? Der verborgene Aiyuk?

Ja, was soll ich mich schon über meine Herkunft wundern. Es spielt keine Rolle, da hat Tunulig recht. Nur die Gemeinschaft der Lebenden zählt. Ich verstehe jetzt vieles an den Menschen, und das genügt.

Aber es genügte nicht. Denn der eine Gedanke kam ihm, der ihn nicht los ließ. Die Beweggründe der anderen kann ich vielleicht verstehen, nur meine eigenen nicht.

Und ein weiterer Gedanke beschäftigte ihn, der ihn noch mehr beunruhigte: Wenn nicht über Igiluk gesprochen wurde, war das etwas Böses. Tore und Tunulig wußten davon. Sie bestimmten über ihn, erkühnten sich trotz seines Alters, ihm Dinge vorzuenthalten, die nur ihn angingen. Oder - waren auch sie in etwas Bösem verstrickt?

Die große Unruhe stieg wieder in ihm auf. Da dachte Aiyuk: Nein, so geht es nicht weiter. Wenn ich mich selbst kennen soll, darf ich nicht immer in Unklarheit schweben wie der kreisende Adler, der keine Beute findet. Ich muß Klarheit gewinnen.

Er nahm sich vor, noch am selben Abend mit Tunulig zu sprechen.

Die Stimmen am Feuer drangen wieder in sein Bewußtsein. Längst sprachen die Menschen nicht mehr von den toten Menschen. Der silberne Vollmond schien hell. Tunulig erzählte die Geschichte einer längst gestorbenen Sonne, die nur noch nachts, als Geist, scheinen durfte. Daher blickte ihr Gesicht so traurig auf die Erde hinab. Sie wollte auch wieder lebendig sein wie die Menschen, die am Feuer saßen. So war es eben mit allen lebenden Wesen: Alles mußte sterben wie die alte Sonne und wie der stille Dore-gak. Das verstanden die Menschen gut. Ihr Verständnis um die Dinge, die allesamt zugrunde gehen würden, milderte die schwerste Trauer um Doregak. Das Leben verwandelte sich immer in den Tod. So war es eben. Auf diese Weise akzeptierten die Menschen den plötzlichen und gnaden-

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losen Tod: als einen Teil des Lebens, als Übergang des einen ins andere. Schrecklich war nur der unerwartete Auftritt des Todes, nicht der Tod an sich. Schließlich wiesen Blumen und die rote Ockerfarbe des Todes im Grab darauf hin, daß Leben und Tod untrennbar waren.

Allmählich legten sich die Menschen schlafen. Kukika-tugak schnarchte längst. Nur noch Aiyuk und Tunulig saßen am Feuer, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.

Plötzlich kniete Fagayuk neben Aiyuk, der erstaunt aufblickte, herausgerissen aus seiner Welt der Gedanken. Mit ihren Fingerspitzen fuhr sie ihm über den Oberarm und rieb ihre Nasenspitze an seiner Nase. Aiyuk verstand sie sofort: Eschona und Fagayuk hatten, dank seiner Vermittlung, wieder Frieden geschlossen.

Aiyuk nickte nur und lächelte, während Fagayuk leichtfüßig davonging und unter Eschonas Wisentfell schlüpfte. Aiyuk hörte ihre Umarmung und die Küsse und sah dann Tunuligs scharfen Blick, der ihn zu durchdringen schien.

Aiyuk ging um das Feuer herum und setzte sich zu Tunulig.

"Ich will mit dir reden", begann er.

"Ja", antwortete Tunulig. "Wegen Eschona und Fagayuk, ja?" flüsterte sie. "Fagayuk hat mir schon davon erzählt. Das hast du gut gemacht. Du verstehst viel", lächelte sie und legte ihre Knochenhand auf sein Knie.

"Nein, darüber will ich überhaupt nicht sprechen. Du bist Alt-Mensch und weißt manche Dinge. Tore gibt mir keine Antwort. Daher frage ich dich, die du zu mir warst wie eine Mutter. Ich will wissen, woher ich komme und warum niemand über meine Mutter Igiluk spricht."

Tunulig senkte den Kopf und schwieg. Dann sagte sie ganz leise: "Siehst du, ich bin Alt-Mensch und tue alles für den Frieden der Gemeinschaft und für ihr Überleben. Igiluk war zu jung, um zu wissen, was sie getan hat, und ich will nicht, daß wegen einer Toten Unruhe unter den Lebenden ausbricht. Vergiß Igiluk. Denke an die Lebenden und an die Jagd. Man spricht nicht darüber, wenn das Gesetz verletzt wird."

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Das sagte sie beinahe unfreundlich, ja barsch. Schneller als sonst war sie aufgestanden. Das Gespräch, von dem sich Aiyuk Ruhe erhofft hatte, war abrupt beendet.

Wie betäubt saß Aiyuk am Feuer. Das Gesetz verletzt. Welches Gesetz? Aber so schlimm konnte es doch nicht gewesen sein, denn niemand war verbannt worden, und andere Strafen gab es nicht außer dem Spott. Aber was hat Igiluk getan?

Aiyuks Unruhe und Neugier wechselten ab mit der Einsicht in Tunuligs Worte: Was soll man sich schon um die Toten kümmern. Nur die lebendige Gemeinschaft und ihr Überleben zählten. Es zählte nur die Sommerjagd. Nur das Renfleisch im Magen war wichtig. Indirekt hatte ihm Tunulig einen Vorwurf gemacht: Du hast dich der Gedanken befleißigt, die dem Menschen unangemessen sind. Sorge dich mehr um die Gemeinschaft, wie du dich um Eschona und Fagayuk gekümmert hast. Sorge dich nicht um die Vergangenheit. Für die Menschen ist nur die Gegenwart bedeutsam.

Aiyuk errötete und sah ein, daß ihn die Gedanken an die Vergangenheit gefangen gehalten hatten.

Vielleicht kann ich Kukikatugak helfen, dachte er. Ja, so ist es besser: Ich werde der Gemeinschaft nützen und nicht an meine eigenen überflüssigen Gedanken denken. Wer nur an sich denkt, hat keinen Platz in der Gemeinschaft.

Und so wurde er immer ruhiger. Als ihn Hikiijaut vor Morgengrauen als Augen-Mensch ablöste, schlief er sofort ein.

Als die Sonne längst über das ferne Birkenwäldchen schien, wurde Aiyuk von Lucuwat wachgerüttelt.

"He, Aiyuk, he. Wach auf! Fast alle sind schon drüben bei den Birken und schlagen Holz. Warum tun wir eigentlich rote Farbe ins Grab? Los, sag warum." Und sie zupfte an seinem Ohr und zog an seinem Wisentfell.

Aiyuk lachte und setzte sich auf. Ja, das waren eben die Kinderfragen: immer warum, warum. Als ob das Warum

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eine Rolle spielte. Das hatte er gestern gelernt. Wichtig ist doch nur, ob die Frage dem Weiterleben dient oder ob etwas Spaß macht oder für alle wichtig ist oder auch für einen anderen — nicht wieso etwas gemacht wird.

Aiyuk erklärte Lucuwat den Grund der Ockerfarbe im Grab. Das machte man, damit der Geist beruhigt wird und sich an das neue Leben als Geist gewöhnt. So machen es die Menschen nun einmal. Wieso man aber Ockerfarbe nimmt und nicht etwa Asche: dafür gibt es keine Erklärung. Es ist eben so. Es spielt keine Rolle. Und wenn das Tier gerade so und nicht anders gemalt wird - das spielt auch keine Rolle, das ist eben so. Hauptsache, es macht Spaß, wie man es macht, und es entspricht der Tradition. Warum sollte man da noch "warum" fragen?

Lucuwat hörte aufmerksam zu. Auch Kukikatugak, der vor der Überdachung die Sprungbeine der Renkadaver abgebrochen hatte, um daraus Phiolen zu machen, hatte sich zu ihnen gesetzt. Er nickte immerzu und sagte schließlich, während seine Augen blitzten: "Ganz recht, Füchslein. Wenn man zu viel nachdenkt, vergißt man das Leben. So soll es manchem ergangen sein."

Er stand auf und machte sich wieder am Ren zu schaffen. Aiyuk verstand ihn wohl. Kukikatugak hatte recht: Heute gab es viel zu tun - die Renhäute bespannen, Fleisch räuchern, Nähnadeln machen, Feuerholz herbeischaffen, die Löwenfelle ablösen, Wasser aus dem fernen Gebirgsbach holen.

"Hast du schon Flechten für die Renkuh gesammelt?" fragte Aiyuk Lucuwat.

"Ah - das mache ich jetzt!" rief sie und sprang davon.

Aiyuk trat ins Freie und vergewisserte sich, daß keine Tiere in der Gegend waren. Nein, nichts zu sehen. Weit, weit weg eine Herde wolliger Nashörner. Aber sie machten immer einen weiten Bogen um die Menschen und waren nur gefährlich, wenn sie angegriffen wurden. Ansonsten nur die lebende Stille des Frühlings. Weit oben zogen zwei Adler ihre Kreise und riefen einander mit ihrem " Ka - haa,

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ka — haa!" Die Adler, das waren die schönsten Vögel, mit ihren braunen Flügeln und den gespreizten weißen Flügelspitzen. Wenn ich ein Adler wäre, dachte Aiyuk, würde ich zur Sonne hinauf fliegen und in ihren Wisentsack schauen und weit wegfliegen über die Berge.

Er kam sich klein und erbärmlich vor gegenüber den Vögeln, die nicht an der Erde klebten wie das Harz an den Baumrinden. Wie elegant sie im Kreise segelten. Das kann kein Mensch, der mühselig seine Säcke und Stangen über die Ebene schleift.

Da nahm sich Aiuyk vor, nie wieder zu versuchen, einen Adler - mit seinen begehrten Federn - zu fangen. Den letzten Adler hatten die Mammut-Menschen vor fünf Sommern mit ihren Bolas gefangen und gegessen. Ein Adler war unvorsichtig gewesen und zu tief geflogen; schon hatte Eschona seine Bolas geschwungen, die sich um die riesigen Flügel gelegt hatten.

Da die Ebene übersichtlich war und keine Tiere in der Nähe waren, ging Aiyuk allein zum Gebirgsbach, um Wasser zu holen. Als er zurückkam, hatte Kukikatugak schon mit dem Häuten der Löwen begonnen. Aiyuk setzte sich dazu und half ihm. Während Kukikatugak die Felle reinigte, einrieb und spannte, nahm Aiyuk die Innereien aus. Den dehnbaren Darm reinigte er und schnitt ihn dann in Streifen. Aus dem begehrten Löwendarm ließ sich vieles herstellen, insbesondere wasserdichte Kleidung. Ja, und was noch? Aiyuk überlegte. Mit der flachen Hand strich er über den Darm. Dann zupfte er daran. Der Darm dehnte sich und sprang sofort zurück. Die Schwingungen des Darms trafen auf einige Grashalme und ließen sie erzittern. Ja, vielleicht läßt sich da ein Speerwerfer machen! Nein, das geht nicht, denn wie soll man den Darm in der Hand halten?

Aiyuk schnitt zwei unterarmlange Darmstreifen herunter und ließ sie gegen den Grasbüschel vibrieren. Dann nahm er ein Steinchen, hielt den Darmstreifen am einen Ende mit dem Fuß fest, am anderen Ende mit der linken Hand, legte

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das Kieselsteinchen in den Darmstreifen und zog nach hinten. Dann ließ er los. Das Steinchen flog dreißig Schritt über dem Erdboden und blieb mit einem lauten "Klack" liegen. Aiyuk wiederholte das Experiment, nochmals und immer wieder. Trotz des frischen Windes lief ihm der Schweiß den Rücken hinab. Er wurde immer erregter. Denn er fühlte etwas, fühlte, fühlte, fühlte, daß er auf etwas gestoßen war, das für die Gemeinschaft wichtig sein konnte. Er fühlte, daß da etwas Neues war, etwas Prickelndes, das noch kein Mensch entdeckt hatte. Oder war das alles schon bekannt und längst als unbrauchbar verworfen worden?

Aiyuk zögerte. Vielleicht aber auch anders. Vielleicht mußte er den Löwendarm nur verstehen, um in seine Geheimnisse einzudringen, genau wie bei den Menschen. Die Löwin, die den Menschen dienen wollte, weil sie ihr Leben gegeben hatte, dieselbe Löwin, die Doregak erdrückt hatte, wollte ihm etwas sagen. Aiyuk horchte. In der fieberhaften Erwartung, die ihn erfüllte, hörte er ihre Stimme: "Mache aus mir etwas Neues, etwas, was fliegt! Ich bin zu euch durch die Luft geflogen, das ist das Zeichen. Mache eine fliegende Löwin, eine fliegende Löwin!"

Die anderen waren lautstark mit dem Birkenholz angekommen, aber Aiyuk hörte sie nicht. Er starrte vor sich hin und horchte auf die Löwin, deren unruhiger Geist durch die Luft flog und zu ihm sprach. Ihre Worte hallten in ihm nach: "- eine fliegende Löwin, eine fliegende Löwin!" Also — kein runder Stein. Nein. Etwas Langes, ja, ein Kurzspeer!

Wie von einer Wespe gestochen sprang Aiyuk auf und holte seinen Speer. Die Stimmen um ihn herum gab es nicht. Ohne jemand zu grüßen, rannte er zu den Löwenkadavern zurück. Auch das Blöken des Renkalbs hörte er nicht und Tunuligs befremdete Blicke sah er nicht.

Aber der Speer war zu schwer. Der Darm riß, als er gespannt wurde und der Speer plumste nur fünf Schritte von Aiyuk auf den Boden. Nein, so ging es nicht. Wie war die Löwin geflogen? Ganz gerade, und leichter als ein Speer. Leichter, ja!

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Von den herangeschleppten Birkenstämmen schnitt Aiyuk einen unterarmlangen Zweig ab. Seitdem die Löwin zu ihm gesprochen hatte, fieberte er noch mehr. Da war eine Botschaft zu ihm gekommen, nun mußte er die Löwin nur noch verstehen, um ihr zu gehorchen. Das war es wohl: Weil sie Doregak getötet hatte, wollte sie es wiedergutmachen, indem sie den Menschen half. Vielleicht glaubte die Löwin, daß ihr Geist auf diese Weise Ruhe finden würde; und wahrscheinlich hatte sie recht. Deswegen hatte sie zu ihm gesprochen. Oder nicht nur zu ihm?

"Hast du die Löwin gehört?" fragte Aiyuk erregt und kniete neben Kukikatugak.

"Welche Löwin?"

Also nur er, nur Aiyuk. Alles hing von ihm ab, nur von ihm. Aber Kukikatugak durfte ihm helfen, warum nicht.

" Hilf mit bitte, es ist wichtig."

Kukikatugak schaute ihn an und verstand ihn nicht. Trotzdem legte er seine Werkzeuge beiseite und ging mit Aiyuk zu den Löwenkadavern.

" Halte das, schnell", stieß Aiyuk hervor und gab Kukikatugak die beiden Darmenden in die linke und in die rechte Hand.

"Jetzt anspannen."

"Was?"

"Auseinander ziehen, ja, so, fest, so ist gut. Einfach festhalten."

Tunulig war als erste hinzugetreten und beobachtete Aiyuk scharf. Sie sagte nichts.

Aiyuk bemerkte sie nicht. Er legte das flache Ende des Zweigs in den Darmstreifen, umklammerte den Zweig mit Daumen und Zeigefinger und zog nach hinten. Dann ließ er den Zweig los - und das spitze Ende bohrte sich in einen Grasbüschel, zwanzig Schritt entfernt!

Aiyuk zitterte. Kukikatugak ließ die Arme sinken und schaute ihn an: Sein Freund war ihm fremd. Darmstreifen wurden doch vernäht und zu Anoraks gemacht.

Noch wie betäubt stand Aiyuk da. Er bemerkte nicht, daß

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alle Stimmen um ihn herum verstummt waren. Einer nach dem anderen waren die Mammut-Menschen zu Tunulig getreten. Auch sie fühlten etwas. Das Renkalb hatte aufgehört zu schreien. Tore legte seine Hand zaghaft auf Aiyuks Schulter, und Aiyuk erwachte wie aus einem Traum. Er drehte sich um und sah die ernsten Gesichter. Warum schauten ihn alle nur so an? Tunulig und Tore, die mehr ahnten als die anderen, sahen ihn aufmunternd an. Tunulig nickte immerzu, schloß die Augen und versuchte zu spüren, was Aiyuk fühlte. Aber es gelang ihr nicht.

Aiyuk lächelte verlegen, und während er lächelte, kam ihm ein Gedanke. Sofort entfernte sich sein Geist wieder. Man müßte die Darmenden befestigen, vielleicht an einem Schaftbieger, der, statt eines einzigen Loches, nun an jedem Ende ein Loch besaß. Denn einen Kukikatugak gab es nicht immer, der die Darmenden halten konnte.

Aiyuk eilte zu den Birkenstämmen und schnitt einen leicht gebogenen, hüfthohen Ast ab. Dem noch immer verdutzten Kukikatugak nahm er den Darmstreifen aus den Händen und band ihn an beiden Enden fest. Doch der Darm rutschte nach unten. Keine Frage, was zu machen war. Aiyuk schnitt eine Kerbe in beide Enden und machte die Darmenden fest. Ja - aber dann würde der kleine Speer auch ausrutschen. Flink suchte Aiyuk einen etwas größeren Zweig und schnitt eine Kerbe ins flache hintere Ende. Noch ganz ungeschickt legte er den Pfeil in die Sehne. Beim ersten Schuß flog der Pfeil dreißig Schritt, beim nächsten Schuß vierzig - weiter als ein Speer. Aiyuk zitterte wieder am ganzen Leib vor Erregung. Sein Gesicht war hochrot vor Anspannung, als er den Pfeil das zweite Mal zurückbrachte. Nun war ihm klar, was er da erfunden hatte. Eschona und Tore waren die ersten, die die Tragweite der Erfindung verstanden.

" Das ist gut", meinte Eschona langsam. " Damit muß man nicht so nah an die Herden heran. Das ist gut. Ich verstehe, was du da gemacht hast. Versuche es noch einmal."

Voller Stolz zog Aiyuk die Sehne beinahe mit aller Kraft

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zurück, und mit einem Mal war der ganze Rausch verflogen. Die Darmsehne war gerissen.

Erschrocken und ernüchtert blickte Aiyuk im Kreis umher.

" Es geht wohl doch nicht", sagte er leise und errötete.

Niemand sagte etwas.

Nach einer langen Pause platzte Tore hervor: "Doch, doch, es geht! Ich weiß wie es geht, ich verstehe ihn. Aiyuk: Wenn die Darmstreifen erst getrocknet und eingeölt sind, kann man einen langen Streifen mit einem anderen Streifen umwickeln. Dann wird die Sehne ganz hart, ist aber zugleich beweglich."

Aiyuk staunte. Tores Zaghaftigkeit, ja Ängstlichkeit waren verschwunden. Vollkommen klar und vollkommen durchdacht hatte er seinen Plan dargelegt. Es war allen klar, daß dies der beste Weg war, um eine starke Sehne zu machen.

"Gut, gut", sagte Aiyuk und legte den Arm um Tore. "Ja, aber wird dann das Holz halten? Jetzt ist es voll im Saft, aber wenn es brüchig wird ..."

"Wenn es brüchig wird, kann man es ölen, oder ..."

Und da hatten beide dieselbe Idee "... oder man kann die Zwergweide nehmen anstatt Birke!"

"Ja, ja!"

Die Freude pflanzte sich fort und ergriff alle. So mußte man nicht so nahe an die Herde und konnte mehr Tiere erlegen als bisher, das war eindeutig. Auch mußten sich die Jäger nicht so nahe an die gefährlichen Tiere heranwagen — das war noch mehr wert.

"Es ist etwas Neues. Man muß es erst ausprobieren", meinte Tunulig kühl und mißtrauisch.

"Aber es geht, es geht", rief Tore begeistert, "ich fühle es. Fühlst du es nicht?"

"Doch, aber wir werden sehen", antwortete Tunulig, drehte sich um und ging, um das Feuer zu schüren.

Aiyuk ließ sich die Freude nicht verderben: so klar war ihm der Wert der Erfindung.

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Der Ernüchterung des Nachmittags folgte ein Hochgefühl am nächtlichen Feuer. Aiyuk konnte nicht mehr mit seinem Bogen herumprobieren — die Zwergweide, ja das war die einzige Möglichkeit. Aber die gab es erst am großen Fluß, erst einige Tagesreisen entfernt. In seinem Hochgefühl und seinem Drang trat der Fluß wie eine Vision vor sein geistiges Auge. Der Fluß mit den Zwergweiden und Forellen und dann die Pferde-Menschen. Diesen Weg hatte ihm die Löwin gezeigt, das war der Glücksweg für die Mammut-Menschen. Beim flackernden Lichtschein fühlte er, wie der Fluß zu ihm kam, und er fühlte die Zwergweiden und den Bogen und den Pfeil, den er machen würde, und schließlich fühlte er, wie er den Pferde-Menschen begegnen würde. Aber nicht gleich am Fluß, nein, erst drei Tage später flußabwärts.

Plötzlich sagte er, und er wunderte sich über die Tonlo-sigkeit seiner Stimme: "Wenn wir an den Fluß kommen, werde ich Zwergweiden schneiden und danach werden wir am dritten Tag mit den Pferde-Menschen zusammentreffen und alles wird gut."

Daß alle schwiegen, nahm er nicht wahr. Alles war verschwommen. Er hörte die Weiden und die Adler und die Löwinnen und Doregaks Geist rufen. Das Feuer verschwand. Immer zudringlicher fühlte er Tunuligs Fingerspitzen, die ihm leicht ins Gesicht schlugen.

"Wach auf, wach auf, komm zurück!" rief sie ängstlich. "Komm zurück!"

Aiyuk blinzelte und murmelte etwas. Undeutlich sah er Tunuligs lachendes und tränenüberströmtes Gesicht vor sich. Dann umarmte ihn seine Ziehmutter und drückte ihn so fest, wie sie ihn noch nie gedrückt hatte.

"Mein Junge", flüsterte sie. "Mein Junge, du bekommst das Große Gefühl. Du bekommst das Große Gefühl des Alt-Menschen."

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