Jonathan Franzen

Wann hören wir auf,
uns etwas vorzumachen?

Gestehen wir uns ein,
dass wir die Klimakatastrophe
nicht verhindern können.

 

What if We Stopped Pretending? 

2019 in The New Yorker, September 2019. 

2020 bei Rowohlt, 64 Seiten

2019  64 Seiten

wikipedia Autor 
*1959 bei Chikago 

dnb Buch

duckgo Buch 


detopia

F.htm

Klimabuch

Dreitzel-2020 

Audio 2020 Lesebericht     Audio 2019 Orzessek Replik

aus wikipedia-2019: Einem breiten Publikum bekannt wurde er mit seinem 2001 erschienenen dritten Roman Die Korrekturen, der den National Book Award gewann, Finalist für den Pulitzer-Preis war und sich weltweit 2,85 Millionen Mal[1] verkaufte. 2015 wurde dieser Roman von der BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 zu einem der bislang bedeutendsten Werke dieses Jahrhunderts gewählt. Dem folgenden Roman Freiheit schenkten die amerikanischen Medien bei seinem Erscheinen 2010 außergewöhnliche Aufmerksamkeit.[2] Kritiker zählten das Buch zu den besten des Jahres.[3]

Thematisch steht in Franzens Romanen das Auseinanderfallen dysfunktionaler Familien im Mittelpunkt. Die Familienmitglieder werden dabei sowohl als Einzelpersonen als auch in ihrem Verhältnis zueinander beleuchtet. Zugleich weisen seine häufig breit angelegten und umfangreichen Werke auf Zusammenhänge und Ähnlichkeiten zwischen dem Einzelschicksal ihrer Charaktere sowie gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen hin. Unter anderem beschäftigen sie sich mit modernen Problematiken wie Globalisierung, Umweltverschmutzung und dem „Krieg gegen den Terror“, aber auch mit dem Kapitalismus im Allgemeinen und der Kommunikation in Sozialen Netzwerken.

 

 jonathan-franzen-wann-hoeren-wir-auf-uns-etwas-vorzumachen  2020 dlf

Ob Franzens These, dass eine Klimakatastrophe nicht mehr zu verhindern ist, stimmt? Der Autor reklamiert Realismus für sich: Die drakonischen Maßnahmen, die notwendig wären, die Klimakatastrophe zu verhindern, seien gesellschaftlich nicht durchsetzbar. Sie würden die Menschen überfordern. Deshalb sei der Zeitpunkt, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu beschränken, leider vorbei: Die Menschheit habe zu lange geschlafen.
Das Spiel ist aus, wer das leugne, sei entweder ein uninformierter, unrettbarer Optimist oder er sei als Klimaforscher Aktivist mit einer politischen oder wirtschaftlichen Agenda.

Es ist ein leicht perfides Argument, mit dem Franzen sich gegen anderslautende Aussagen von Wissenschaftlern immunisiert, denn es unterstellt ihnen interessengeleitet zu sein.
Franzen sagt aber nicht, dass es egal ist, wie wir uns zukünftig verhalten. Jede Tonne CO2, die im Boden verbleibe, sei natürlich ein Gewinn für die Menschheit, jede Umweltschutzmaßnahme eine weitere.

Doch führe die Fokussierung auf ein falsches, weil verlorenes Ziel – den Klimawandel aufzuhalten – dazu, dass wir die falschen Dinge täten: Uns an einem unlösbaren Problem abzuarbeiten während es andere Umwelt­probleme gäbe, die tatsächlich bereinigt werden könnten, von uns aber vernachlässigt würden. Nicht nur die Klimafrage sehen, sondern auch den Arten- und Naturschutz ernst nehmen. Sich nur auf den Klimawandel zu konzentrieren – Franzen spricht davon, ihm den totalen Krieg zu erklären – war nur so lange sinnvoll, wie man gewinnen konnte.

Unsere Ressourcen seien schließlich nicht unendlich. Jeder Dollar, der in neue Verkehrsmittel wie Hochgeschwindigkeitszüge investiert werde, fehle bei der Katastrophenvorsorge oder in Umweltschutzprojekten, jede große Solaranlage zerstöre Naturraum. Das stimmt vielleicht, aber will Franzen keine Alternative zum Flugverkehr, keine fossilfreie Energie?
Die Antwort bleibt er schuldig. Franzen will zwar Klimaschutz, aber vor allem klassischen Umweltschutz, dazu die Stärkung der Demokratie, letzteres auch in kleinteiligen, solidarischen, nachbarschaftlichen Strukturen, um so mit der kommenden Katastrophe möglichst gut umzugehen.

Resignation als radikale Rationalität getarnt

Das alles ist elegant geschrieben und schön formuliert, und vielleicht hat Franzen Recht mit seiner Sicht, dass die Klimakrise unaufhaltbar ist. Doch es ist auch ernüchternd wie wenig Mut, Verantwortung und Gestaltungskraft er von Politikern verlangt, wie er auch auf gewisse Weise politische und gesellschaftliche Resignation als radikale Rationalität tarnt. Wie wenig er Klima- und Naturschutz zusammen denkt, also das eine tun und das andere nicht lassen. Jugendliche Klimaaktivisten würden vielleicht mit Nelson Mandela antworten: „It always seems impossible until it is done“.

 

 

https://www.deutschlandfunkkultur.de/drohende-klima-apokalypse-kapitulation-aber-mit-hingabe-100.html

 

Drohende Klima-Apokalypse. Kapitulation, aber mit Hingabe!. 04:38 Minuten Ein Plädoyer von Arno Orzessek | 11.10.2019

 

Jonathan Franzen hat vor kurzem im Magazin „New Yorker“ vorgeschlagen, sich davon zu verabschieden, dass der Klimawandel aufhaltbar sei. Auch Publizist Arno Orzessek schlägt sich mit öko-apokalyptischen Gedanken herum – verzweifelt darüber aber nicht.
Die Älteren werden sich erinnern: Während des Kalten Kriegs musste man kein besonders großer Schisser sein, um die Auslöschung der Menschheit durch einen Atomkrieg zu befürchten. Ost und West hielten genügend Sprengköpfe für den ‚Overkill‘ bereit, also die mehrfache Vernichtung des Gegners. Ein Szenario, das die Theologin Ute Ranke-Heinemann zu der Nachfrage animierte, woher man überhaupt „100 Milliarden Menschen“ zum Töten hernehmen soll.
Zwar gibt es die Overkill-Kapazitäten auch noch heute, aber die Gegenwart steht nicht mehr im Zeichen der atomaren Bedrohung, sondern der drohenden Öko-Apokalypse. Und das sehen angesichts von Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum, Umweltverschmutzung, Ressourcen-Verbrauch, Artensterben und Klimawandel nicht nur hartleibige Pessimisten so.
Öko-Apokalypse: schwerer zu verhindern als ein Atomkrieg
Leider lässt sich die Öko-Apokalypse schwerer verhindern als ein finaler Atomkrieg. Damit dieser ausbleibt, müssen die Menschen nur die Finger von den unheilvollen Sprengköpfen lassen. Zur Abwendung der Öko-Apokalypse sind hingegen unendlich viele Maßnahmen nötig – und trotzdem bliebe der Erfolg ungewiss.
Und während sich so gut wie niemand einen Atomkrieg wünscht, will fast jeder seinen Anteil am Wohlstand alias „Konsumkapitalismus“ haben, der den ökologischen Niedergang vorantreibt. Wie es scheint, kann es den modernen Menschen samt seinen zivilisatorischen Errungenschaften überhaupt nur im Rahmen einer Öko-Apokalypse geben.
Und so stellt sich die Frage: Ist es eigentlich klug, mit allen Mitteln gegen die düsteren, zum Teil längst unumkehrbaren Tendenzen anzukämpfen, wie es Greta Thunberg fordert? Oder wäre es klüger, dass sich die Menschheit schon mal auf die kommenden Katastrophen vorbereitet, wie es Jonathan Franzen im „New Yorker“ vorschlägt?
Jonathan Franzen verfällt in biblische Rhetorik
Womöglich könnten unserer Vorstellungskraft dabei Apokalypse-Filme wie „Mad Max“, „The Day after Tomorrow“ und „Hell“ helfen, Filme, die Menschen unter endzeitlichen Bedingungen beobachten. Doch gemach! Nicht umsonst sind das fiktionale Werke mit einem Zug zu wilder Spekulation. Und auch ein rationaler Zeitgenosse wie Franzen verfällt auffälligerweise in biblische Rhetorik, wenn er „epische Fluten“ und „apokalyptische Feuer“ vorhersagt.
Seien wir also nüchtern! Tatsächlich lassen sich Ausmaß und Verlauf der befürchteten Öko-Apokalypse wissenschaftlich nicht genau vorausberechnen. Zwar sind Einzelphänomene wie der Zusammenhang von CO2-Ausstoß, Erderwärmung und Anstieg der Meere durchaus berechenbar und erlauben belastbare Prognosen. Es ist jedoch ungewiss, ob sich der Niedergang des Ökosystems insgesamt über Jahrzehnte oder Jahrhunderte vollzieht oder auf einen plötzlichen Kollaps zusteuert.
Wissenschaft steckt in einem Erkenntnis-Dilemma
Ein Kollaps, der den Überlebenden den Planeten tatsächlich wie am Morgen nach dem letzten Tag hinterließe und sie zum Aufbau einer neuen Zivilisation nötigen würde. Die Wissenschaft steckt nämlich in einem Erkenntnis-Dilemma: Sie kann die Zukunft seriöserweise nur anhand der Daten von gestern und heute prognostizieren, ohne die Gestalt, den Einfluss und die Wechselwirkungen der Faktoren von morgen und übermorgen zu überblicken.
Im übrigen gibt es auch überall die Gegenstimmen der Zuversichtlichen: Technik-Optimisten setzen in puncto Emissionen auf Innovation, Aufklärungs-Optimisten in puncto Bevölkerungswachstum auf den Einfluss steigender Bildung, ökonomische Optimisten in puncto Migration auf die Ausmerzung vieler Fluchtursachen und politische Optimisten generell auf eine gerechtere Weltordnung.
Läuft auf Sisyphos-Arbeit hinaus
Doch ob Optimisten oder Pessimisten: Beide können sich ihrer Sache objektiv nicht sicher sein – was in puncto Verhalten der Menschheit für einen Kompromiss spricht. Georg Christoph Lichtenberg hat sich einst gefragt, was der Mensch tun kann, „wenn er so deutlich erkennt, daß nicht der ganze Plan vor ihm liegt? Antwort: Nichts weiter, als den Teil des Plans mit Treue und Tätigkeit bearbeiten, den er vor sich hat.“
Und das heißt wohl für die von der Öko-Apokalypse bedrohte Gegenwart, Thunberg und Franzen zugleich ernst zu nehmen... Also sich gegen den Niedergang der Biosphäre zu stemmen, aber dabei den möglichen Misserfolg schon in Rechnung zu stellen.
Das läuft erkennbar auf eine Sisyphos-Arbeit hinaus. Und man kann nur hoffen, dass Albert Camus richtig lag, als er behauptete: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

 

 

wikipedia  The_New_Yorker  *1925

 

(Ordner)    www.detopia.de    ^^^^

Jonathan Franzen 2019 Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?