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    Biologische Pyrrhussiege  

 

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"Parasiten" nennt man Lebewesen, die ihr Dasein auf Kosten anderer Arten fristen. Wenn wir diese Definition zu­grunde legen, haben wir uns selbst als die rücksichts­losesten und erfolgreichsten Repräsentanten dieser speziellen Anpassungsform zu betrachten. Als globale Parasiten sind wir dank der unserer Art in den letzten Jahr­zehntausenden zugewachsenen Intelligenz zu so übermächtigen Konkurrenten geworden, daß wir begonnen haben, die Erde mit aller übrigen lebenden Kreatur monopolistisch unserem eigenen Nutzen zu unter­werfen.

"Für die Tier- und Pflanzenwelt ist der Mensch das schlechthin satanische Wesen: mit überlegenen, unheim­lichen Mächten ausgestattet, geht er in allem seiner Willkür nach. Er pflanzt die Gewächse an, wo und wie er mag, und er vernichtet sie wieder nach seinem Gefallen. Er verändert sie nach seinem kurzsichtigen Gutdünken ... und sie folgen ihm willig und still."(49, Oehlkers 1957 Rede, Umweltbuch)

Unser Erfolg im Wettkampf der Arten ist unvergleichlich. Erstmals in der Weltgeschichte ist eine einzelne Art im Begriff, die Konkurrenz zu ihren Gunsten zu entscheiden. Wir werden die Sieger sein, endgültig und unwider­ruflich. Die Freude darüber wird uns jedoch schal schmecken. Denn schon jetzt beginnen wir zu spüren, daß es ein Pyrrhussieg ist, dem wir entgegeneilen.

"Die Zerstörungen aber, die der Mensch in seiner Verwaltung des ihm anvertrauten Planeten anrichtet, sind so furchtbar und zugleich so unwider­ruflich, daß er sich selbst auf die Dauer damit zerstören muß."
(49, Oehlkers)  
  wiki  Friedrich_Oehlkers  1890-1971  #   wikia  Pyrrhussieg :"Noch so ein Sieg, und wir sind verloren." 

Unsere absolutistisch zu nennende, keine Berufungsinstanz gelten lassende Gewaltherrschaft über die irdische Natur hat sich längst auch, ganz unbewußt, wenngleich mit einfühlsamer Treffsicherheit, sprachlichen Ausdruck verschafft: Kaum mehr als dreißig, höchstens vierzig Tier- und Pflanzenarten greifen wir unter dem egozentrischen Aspekt ihres Gebrauchswertes für uns als "Nutztiere" oder "Nutzpflanzen" aus der riesigen Fülle der insgesamt zehn oder gar fünfzehn Millionen irdischer Arten heraus. Alle übrigen erklären wir zu Schädlingen, Ungeziefer, Parasiten, Unkraut oder wie sonst wir irdische Lebewesen verbal abtun, die unseren Interessen biologisch im Wege stehen. Wenn sie Glück haben, sind sie uns gleichgültig. Ungeziefer aber, Unkraut und was sonst uns direkt ins Gehege kommt, das bekämpfen wir mit allen Mitteln, die unsere wissen­schaftlich-technische Zivilisation zur Verfügung stellt. Und gegen diese Mittel gibt es keine Verteidigung.

"Warum eigentlich nicht?" so möchte mancher hier wohl fragen. "Welche Gründe könnten uns denn davon abhalten, von der Macht, die uns im Verlauf der Artkonkurrenz nun einmal zugefallen ist, im Interesse unserer eigenen Spezies den umfassendsten Gebrauch zu machen?" — Die Zahl der Menschen, die solche Fragen für berechtigt oder gar für rein rhetorisch halten, ist immer noch bedenklich groß.

Nur ökologische Ahnungslosigkeit aber kann angesichts des bevorstehenden totalen Sieges unserer eigenen Spezies über den Rest der Natur vor Angst bewahren. Denn dieser Sieg wäre unter biologischem Aspekt zu verstehen als Errichtung einer planetaren, die ganze Erde umspannenden Monokultur, bestehend aus den Mitgliedern einer einzigen Art: unserer eigenen. 

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Monokulturen aber sind, wie jeder heute wissen müßte, nur in begrenztem Umfang und nur dann lebensfähig, wenn sie in eine natürliche Umgebung eingebettet sind. Selbst dann gilt das in einem höchst eingeschränkten Sinn. Denn derartige Kunst-Gesellschaften bedürfen zu ihrem Überleben auch noch ständiger pflegerischer Eingriffe von außen.

Die Anfälligkeit unserer Wälder — nicht erst in der jetzt zu konstatierenden katastrophalen Endphase der Entwicklung, sondern auch davor schon gegen Borkenkäfer, Nonnenraupe und andere Schädlinge — ist ja auch eine Folge davon, daß es sich bei ihnen in Wirklichkeit längst nicht mehr um Wälder im natürlichen Wortsinne handelt, sondern um planmäßig zur Holzgewinnung angepflanzte Bestände aus Bäumen jeweils derselben Art. 

In einem naturbelassenen Mischwald, einem "Ur-Wald", hat kein Schädling eine reale Ausbreitungschance. Denn auch Pilze, Insekten oder Viren haben sich an bestimmte Wirtsarten angepaßt, die sie bevorzugt, wenn nicht ausschließlich befallen. Deshalb ist auch noch niemals ein Urwald unter natürlichen Umständen zugrunde gegangen. Denn wenn in einem Mischwald ein kranker Baum gestorben ist, haben die Mikroorganismen oder Insekten, denen er zum Opfer fiel, praktisch keine Chance, einen Vertreter derselben Art zu erreichen auf dem sie überleben und ihr Zerstörungswerk fortsetzen könnten. Wenn aber die Nonnenraupe erst einmal einen einzigen Baum eines reinen Fichtenwaldes für sich entdeckt hat, dann ist sofort der ganze Bestand in Gefahr.

Auch die moderne Landwirtschaft demonstriert jedem, der Augen im Kopf hat, wie lebensuntüchtig und daher gefährdet eine typische Monokultur ist. Keines unserer Getreide- oder Gemüsefelder würde ohne ständige Aufsicht und Pflege unter Einsatz der von einer immer raffinierter vorgehenden Agrarwissenschaft gelieferten Hilfsmittel auch nur wenige Wochen heil überleben können.

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Unser Versuch, uns in einem biologischen Verdrängungswettbewerb ohnegleichen als planetare Monokultur zu etablieren, die alle anderen Lebensformen nur noch in marginalen Reservaten duldet, ist daher - von seiner moralischen Fragwürdigkeit ganz abgesehen - unter ökologischen Aspekten als selbstmörderisch einzustufen. Trotzdem sieht es so aus, als setzten wir alles daran, ihn auf Biegen und Brechen zu Ende zu führen. Der "Erfolg" ist bereits in Sicht.

Ein Beleg ist das seit etwa hundert Jahren zu verzeichnende exponentielle Ansteigen der sogenannten "Aussterberate".50 Sie betrug nach Auskunft der Experten unter natürlichen Umständen etwa eine Art pro Jahrhundert. Keine Art lebt ewig, sowenig wie ein einzelnes Individuum. Laufend wurden in der Erdvergangenheit aussterbende Arten durch die evolutive Entstehung neuer Arten ersetzt, wobei die Neubildung das Ausscheiden durch Aussterben sogar ein wenig überkompensierte, denn die Zahl der gleichzeitig existierenden Arten hat während der längsten Zeit der Erdgeschichte eher zugenommen. Das Tempo dieses "Fließprozesses" also betrug, wie die Schätzungen der Paläontologen ergeben, ursprünglich etwa eine Art pro Jahrhundert. In jedem Jahrhundert starb - im statistischen Durchschnitt - eine Tier- oder Pflanzenart aus, und in demselben Zeitraum gelang es der Evolution jeweils auch, (mindestens) eine neue Art hervorzubringen. So war es während aller zurückliegenden Epochen der Erdgeschichte.

Seit etwa hundert Jahren aber ist diese Aussterberate nun drastisch angestiegen, und zwar mit zunehmender Geschwindigkeit. Um 1900 betrug sie bereits eine Art pro Jahr. Heute ist sie auf das ungeheure Tempo von einer Art pro Tag angewachsen. Und wenn die Beschleunigung im gleichen Tempo anhält, wird sie im Jahre 2000 die aberwitzige Höhe von einer Art pro Stunde erreicht haben. In jeder einzelnen Stunde, 24mal an jedem Tag, den Gott werden läßt, wird sich dann eine Tier oder Pflanzenart von der Erdoberfläche verabschieden, endgültig und auf Nimmerwiedersehen.

Einen verdreckten Fluß könnte man, wenn man es will, wieder reinigen. Auch verschmutzte Luft läßt sich, theoretisch jedenfalls, von schädlichen Beimengungen wieder befreien. Die einmalige, individuelle Form lebendiger Anpassung jedoch, als die wir eine biologische Art anzusehen haben, ist mit ihrem Aussterben unwiederbringlich dahin und mit ihr auch das spezifische genetische Programm, in dem ihre besondere Konstitution niedergelegt war. 

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Die Schätzungen besagen, daß die Erde in den kommenden beiden Jahrzehnten, in der erdgeschichtlich lächerlich kurzen Frist von nur zwanzig Jahren, zwanzig Prozent der heute noch auf ihrer Oberfläche existierenden Arten einbüßen wird, ein Fünftel also aller Tier- und Pflanzenarten, die es heute noch gibt.

Ein Massenaussterben, einen "Faunenschnitt" dieser Größenordnung hat es in der ganzen bisherigen Erdgeschichte nicht gegeben. Daß wir selbst, daß unsere langsam, aber offenbar unaufhaltsam die ganze Erdoberfläche überziehende technische Zivilisation seine Ursache ist, wird von niemandem bestritten. "Die Stadt der Menschen, einstmals eine Enklave in der nichtmenschlichen Welt, breitet sich über das Ganze der irdischen Natur aus und usurpiert ihren Platz", stellt Hans Jonas lakonisch fest.51

Wir stehen kurz vor dem Endsieg im größten Verdrängungswettbewerb der Erdgeschichte. 

Das Unternehmen, die ganze Erde zur Plantage des Menschen "umzubauen" (Ernst Bloch), nähert sich seiner Vollendung. Unsere Entschlossenheit, diesen Weg bis zu seinem Ende zurückzulegen, ist vorerst noch immer ungebrochen. 

Dabei läßt sich jedem, der Ohren hat zu hören, klarmachen, daß wir nur die Alternative haben, mit den übrigen Lebewesen dieser Erde zusammen weiterzuexistieren oder gemeinsam mit der Mehrheit von ihnen, erfaßt von dem schon anhebenden Strudel des Faunenschnitts, zugrunde zu gehen.

Biologische Vielfalt ist, auf mancherlei Weise, eine der elementaren Voraussetzungen von Lebenstüchtig­keit. Die Geschichte ist voller Beispiele, welche die Tatsache beleben. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts brach in Irland eine Kartoffelseuche aus. Die Folge waren mehr als zwei Millionen Hungertote auf der damals noch vergleichsweise dünn besiedelten Insel. Warum ein solches Ausmaß der Katastrophe? Die Iren hatten sich damals auf eine einzige Kartoffelsorte spezialisiert. 

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Sie hatten das fraglos für höchst vernünftig gehalten: Die Sorte war kälteunempfindlich, lagerbeständig und ertragreich. Welche Gründe also hätten sich dafür anführen lassen, daneben noch andere Sorten anzubauen, die in jedem dieser Punkte unterlegen waren? Dann aber trat, quasi über Nacht, ein neues "pathogenes Agens" auf — wahrscheinlich ein mutiertes Virus —, für das sich eben diese von den Insel­bewohnern bevorzugte Kartoffelart als idealer Nähr- und Vermehrungsboden erwies. Ausweich­möglichkeiten gab es nicht. Genetische Varianten, die dem Virus gegenüber hätten resistent sein können, waren nicht angebaut worden oder auch nur vorrätig. Man hatte als Ernährungsgrundlage auf eine einziges Spezies gesetzt. Bei einer so hochgradigen Spezialisierung aber ist das Eintreten einer Katastrophe lediglich eine Frage der Zeit.

Hat man das erst einmal erkannt, dann kann einem unbehaglich zumute werden, wenn man bedenkt, daß wir heute im Begriff sind, uns in weltweitem Rahmen schnurstracks in eine vergleichbare Abhängigkeit zu begeben. Vier Fünftel der gesamten Weltnahrungsproduktion stammen heute schon von weniger als zwei Dutzend Tier- und Pflanzenarten. Sie gehören zu den bereits erwähnten "Nutztieren" und "Nutzpflanzen", auf die wir uns spezialisiert haben, weil sie nach generationenlanger Züchtung Eigenschaften aufweisen, die sie als Nahrungslieferanten für den Menschen allen anderen Arten überlegen gemacht haben. Ist das etwa keine vernünftige Entscheidung?

Solange alles beim alten bleibt, haben wir nichts zu befürchten. Einem phantasiebegabten Menschen könnte sich allerdings die Frage aufdrängen, was wir eigentlich anfangen wollen, wenn diesen zwei Handvoll Arten in Zukunft jemals etwas zustoßen sollte. Wenn neue Schädlinge auftreten sollten. Wenn eines der unzähligen Viren durch einen stets möglichen mutativen Zufall sich unversehens in einen Spezialisten verwandeln sollte, der ausgerechnet auf einer unserer Brotgetreidesorten ideal gedeiht. In einer solchen, grundsätzlich jederzeit denkbaren Situation würden wir aller Wahrscheinlichkeit nach erschrocken feststellen, daß der Vorrat an "Ausweichsorten", auf die wir im Augenblick der Gefahr zurückgreifen könnten, minimal geworden ist. Daß wir ihn allzulange gedankenlos verschleudert haben.

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Wir haben "vergessen", daß alle Nutztiere und Nutzpflanzen von Wildformen abstammen. Woher sonst sollen sie gekommen sein? Ihre heutigen Eigenschaften haben sie erst während einer über Jahrhunderte hinweg fort­gesetzten Auslese, Züchtung und Kultivierung durch die Hand des Menschen erworben. Vernünftig wäre es, wenn wir dafür Sorge trügen, daß sich dieser Prozeß im Falle zukünftiger Notwendigkeit grundsätzlich wieder­holen ließe. Wir sollten, anders gesagt, darauf bedacht sein, eine möglichst große Zahl der verschied­ensten genetischen Programme, verkörpert durch eine möglichst große Artenfülle, als unersetzliches Nachschub­reser­voir zu konservieren. Was wir tatsächlich tun, ist genau das Gegenteil: Wir werfen die auf der Erde heute noch existierenden Arten — und mit ihnen das genetische Reservoir, das sie verkörpern — längst weit schneller über Bord, als es unseren Wissenschaftlern möglich ist, sie näher zu untersuchen oder auch nur zu identifizieren.

Eine amerikanische Biologin hat diese Einstellung treffend charakterisiert: "Unkraut", so sagte sie sinngemäß, "nennen wir Pflanzen, deren mögliche zukünftige Bedeutung für uns wir noch nicht erkannt haben." Wenn wir in den kommenden zwei Jahrzehnten also, wie von den Global-2000-Autoren geschätzt, weitere zwei Millionen Arten blindlings und gedankenlos opfern, verhalten wir uns wie ein Fluggast, der während des Fluges in das Cockpit eindringt und dort anfängt, alle Instrumente herauszureißen, deren Funktion er nicht begriffen hat.

Wahrhaftig, der von Ernst Bloch noch 1959 utopisch herbeigehoffte "Umbau des Sterns Erde"52 hat in der Zwischenzeit eindrucksvolle Fort­schritte gemacht. Es mag auch sein, daß eine "neue Übernaturierung gegebener Natur" kraft menschlich-technischer Ingeniosität "fällig" ist. Nur fällt es uns neuerdings schwer, derlei Resultate herbeizusehnen. Unter uns beginnt sich vielmehr die Hoffnung zu regen, daß der liebe Gott uns die Erfüllung dieses Wunsches versagen möge.

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Der "Umbau" nämlich ist inzwischen recht weit gediehen und hat dabei Züge angenommen, die beginnen, uns zu erschrecken. Der Konstanzer Biologe Hubert Markl50 gibt an, daß 85 Prozent des bundes­republik­anischen Bodens heute land- oder forst­wirtschaftlich genutzt werden. Auf diesem Areal werden die Interessen der Spezies Mensch somit in der Gestalt von Monokulturen durchgesetzt. Zu deren Pflege und Erhalt ist neben dem Einsatz von Kunstdünger auch die Anwendung giftiger Chemikalien notwendig. Mit ihnen müssen die von Hause aus anfälligen künstlichen Anpflanzungen vor konkurrierenden Arten ("Unkräutern" und "Schädlingen") geschützt werden. Weitere zehn Prozent unseres Bodens sind von Städten, Industrie­ansiedlungen und Verkehrs­wegen zugedeckt.

Insgesamt ergibt sich, daß wir den mit Abstand größten Teil des uns zur Verfügung stehenden Bodens für die höchstens zwei Dutzend Arten reserviert haben, die wir in der Bundesrepublik als "nützlich" ansehen. Alle übrigen 50.000 bis 100.000 Arten aber, die es bei uns sonst noch gibt, sind auf die zwei bis höchstens drei Prozent Bodenanteile zurückgedrängt, die sich noch im Naturzustand befinden. Und diese "naturbelassenen" Areale bilden dabei keineswegs etwa eine zusammenhängende Fläche. Sie sind in Abertausende kleiner Fetzchen zerrissen, die weit voneinander getrennt sind.

Da hilft dann freilich kein noch so aufopferndes Bewachen der Gelege seltener Vögel mehr. Da nimmt die bunte Vielfalt der Schmetterlinge auch dann unwiderruflich weiter ab, wenn der eine oder andere Garten­freund trotz nachbarlicher Proteste eine Brennesselecke unbehelligt stehen läßt, um auch dem Pfauenauge noch eine Chance zu geben. Eine so radikale Beschneidung des Lebensraums hält keine biologische Population auf die Dauer aus. Kein Zweifel, wir sind an dem gegenwärtig sich abspielenden Faunenschnitt (der von einem nicht minder gewaltigen "Florenschnitt" begleitet wird) selbst nach Kräften aktiv beteiligt.

Noch immer beschränkt sich die Reaktion der Menschen, die bisher überhaupt auf diese Entwicklung aufmerk­sam geworden sind, in der Regel auf einen Appell an unser Mitleid.  

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Wir sollten doch Erbarmen mit der Natur haben, bekommen wir zu hören. Wir verstießen gegen die moralischen Ansprüche selbst einer verweltlichten Gesellschaft, wenn wir unser Existenzrecht so weitherzig auslegten, daß es den Untergang von Hekatomben anderer Lebensformen nach sich zöge oder zumindest in Kauf nähme. Das alles ist uneingeschränkt richtig. Aus der Sicht aller übrigen irdischen Kreatur sind wir unbestreitbar "das schlechthin satanische Wesen".

Hier aber soll von moralischen Kategorien noch nicht die Rede sein. Sie kommen in einem späteren Abschnitt zur Sprache. Hier, im ersten Drittel unserer Schilderung, geht es vorerst allein noch um den objektiven, natur­wissen­schaftlichen Aspekt unserer Lage.

Deren nähere Betrachtung aber muß uns auch dann betroffen machen, wenn wir die moralische Frage gänzlich ausklammern. Denn das spurlose Dahin­schwinden von Millionen von Arten in der abenteuerlich kurzen Zeitspanne weniger Jahrzehnte, im Bruchteil einer erdgeschichtlichen Sekunde, stellt sich objektiv als eine Katastrophe dar, deren Ausmaß alles in den Schatten stellt, was sich auf diesem Planeten jemals abspielte. Daß es, wie die alltägliche Erfahrung lehrt, dennoch einer bewußten intellektuellen Anstrengung bedarf, um ihrer überhaupt ansichtig zu werden, liegt allein daran, daß sie für unsere Sinne unmerklich abläuft. Unserer biologischen Ausstattung fehlen für diese, von der natürlichen Entwicklung in keiner Weise vorhersehbare Art von Katastrophen einfach die Sensoren. An die Existenz aber einer weltweiten Katastrophe zu glauben, die sich lautlos vollzieht, ohne Blitz und ohne Donner und ohne Gestank, das haben wir nicht gelernt.

Mitleid mit der Natur werde von uns verlangt? Schon recht, als moralische Forderung duldet die Maxime keine Abstriche. Als Formel für die sich aus unserer Lage objektiv ergebenden Konsequenzen jedoch bleibt sie hinter der Realität auf eine tragikomische Weise zurück. Es ist richtig, daß allein schon moralische Gesichtspunkte uns davon abhalten sollten, von der uns zugefallenen Übermacht weiterhin einen so blindwütig-egoistischen Gebrauch zu machen wie bisher.

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Aber die hinter dieser Mahnung steckende Besorgnis, daß allein eine solche moralisch — und damit nicht notwendig objektiv — zu begründende Zurückhaltung die Natur davor bewahren könnte, von uns endgültig zerstört zu werden, stellt die tollste anthropozentrische Hybris dar, seit eine Handvoll Gelehrter uns vor einigen Jahrhunderten von der Wahnvorstellung befreite, wir bildeten den Mittelpunkt des Kosmos.

Und sei unsere Macht auch noch so groß und unser Wesen noch so satanisch, der Gedanke an die Möglich­keit, wir könnten die irdische Natur auslöschen, ist lächerlich. Wir gehörten, soviel steht ja schon fest, nicht zu den ersten Lebensformen, die dem seit ein oder zwei Jahrhunderten ausgebrochenen planetaren Massen-Aussterben zum Opfer gefallen sind. Ganz gewiß aber werden wir auch nicht die letzten sein. Sobald jedoch wir selbst an der Reihe waren — was früher oder später mit Naturnotwendigkeit der Fall sein wird, wenn niemand dem Prozeß Einhalt gebietet —, wird wieder Frieden herrschen auf Erden.

Dann wird sich die Natur mit der schöpferischen Kraft, die sie in Jahrmilliarden kosmischer Geschichte an den Tag legte, aufs neue aus dem Trümmerfeld erheben, das wir hinterlassen haben. Die wenigen Jahrzehntausende der Anwesenheit von "Homo sapiens" auf der Erdoberfläche würden auf den Rang einer bloßen Episode herabsinken. Einer Episode ohne Bedeutung und letzten Endes auch ohne Folgen. Denn es würde keine Spur von uns bleiben.

Wir können der Natur, wie wir zur Genüge bewiesen haben, entsetzliche Verwundungen zufügen. Aber um sie zu zerstören, dazu sind wir, als ein Teil von ihr, denn gottlob doch zu klein. Was bei unserer Fortschritts- und Wachstumsraserei in Gefahr gerät, ist nur vordergründig "die Natur". In Wahrheit — wann endlich wird die Einsicht sich verbreiten? — haben wir angefangen, uns selbst in Frage zu stellen dadurch, daß wir nach Kräften an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen: an der Stabilität der irdischen Biosphäre nämlich, die sich unter unserem Ansturm sehr wohl auf ein anderes Gleichgewicht einpendeln könnte. 

Dies aber wäre dann nicht mehr jenes besondere, unverwechselbare biologische "Milieu", an das unsere Art sich in einer langen Stammesgeschichte angepaßt hat.

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Die Perfektion dieser Anpassung erleben wir - quasi "von innen" - als die "Schönheit" der Natur. Als die selbst­ver­ständlich hingenommene Entsprechung zwischen Wachen und Schlafen und dem Wechsel von Tag und Nacht. Als die wie Ebbe und Flut wechselnden Schwankungen unserer Stimmungen im Einklang mit den Schwankungen des Wetters und dem Wechsel der Jahreszeiten. Als die attraktive Verlockung, die für uns von einer reifen Frucht ausgeht, als die "Annehmlichkeit" der bei uns vorherrschenden Temperaturen und auf unnennbar viele andere Weisen, die uns nicht auffallen, weil wir sie für selbstverständlich halten.

Eine so vollkommene, in Äonen erworbene biologische Anpassung ist jedoch alles andere als selbst­ver­ständlich. Die wie eine glückliche Fügung anmutende außerordentliche "Lebensfreundlichkeit", die unsere irdische Umwelt - im Unterschied etwa zu anderen planetarischen Umwelten - in unseren Augen auszeichnet (und die in Wahrheit nichts anderes ist als der Widerschein der Vollkommenheit unserer Anpassung an sie), ist ein höchst verletzliches Produkt langer stammesgeschichtlicher Optimierung. Der Vollkommenheit unserer Geborgenheit in der real existierenden ökologischen Situation entspricht die Totalität unseres Angewiesenseins auf sie. Als biologische Wesen sind wir von ihr als unserer Lebensgrundlage abhängig, auf Gedeih und Verderb. Entweder diese Welt — oder keine.

Man muß auf die Trivialität dieser Aussage im Falle des Menschen ausdrücklich hinweisen, so sehr pflegen wir die Tatsache zu verdrängen, daß auch wir immer noch (auch) biologische Wesen sind und damit den in der lebenden Natur geltenden Gesetzen unterworfen. Die Erdgeschichte aber ist übersät mit den fossilen Überresten von Arten, die ihrer spezifischen, ihnen gemäßen Umwelt verlustig gingen. Ihre Zahl ist nach den Rückrechnungen der Paläontologen zehntausendfach größer als die Zahl aller heute lebenden Arten zusammen­genommen.53 

Die Todesursache bestand ausnahmslos in allen Fällen in einer Veränderung der Umweltbedingungen und der Unfähigkeit der jeweils betroffenen Art, diesem Wechsel durch eine korrespondierende Umstellung ihrer biologischen Anpassung zu folgen.

Insofern wäre der Fall also als ganz alltäglich anzusehen. In der Tat, wenn die Menschheit infolge des Zusammen­bruchs der Biosphäre demnächst aussterben sollte, so wäre das, aus erdgeschichtlicher Perspektive, kein sonderlich herausragendes Ereignis. Es würde uns lediglich zustoßen, was in den zurückliegenden Jahrmilliarden schon unzählig vielen anderen Arten widerfahren ist.

Man muß sich nur hüten, diesen Ausgang der Geschichte deshalb für unmöglich zu halten, weil er uns unvorstellbar vorkommt. Auch unser individueller Tod erscheint ja jedem einzelnen von uns trotz allen Grübelns letztlich unvorstellbar, wie man spätestens dann festzustellen Gelegenheit hat, wenn man ihm konkret begegnet.

Nichts besonderes also, kein Grund zur Aufregung — sieht man einmal von der allerdings einschneidenden Tatsache ab, daß diesmal wir selbst es sind, die an die Reihe kämen? Nicht ganz. Denn da gibt es einen Umstand, der unseren Fall von allen Aussterbe-Toden der Vergangenheit unterscheiden würde: Zum allererstenmal in der Erdgeschichte wäre es die betroffene Art selbst, die jene Umweltveränderung herbeigeführt hätte, der sie zum Opfer fiel.

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 Hoimar von Ditfurth