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  Das ökologische "Fliegenfänger-Syndrom" 

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Fliegen und anderer geflügelter Plagegeister pflegen wir uns heute mit Gift zu erwehren. Der - an Bequem­lich­keit nicht zu überbietende - Druck auf den Knopf einer Spraydose hat frühere, schlicht mechanische Tötungs­methoden der Vergessenheit anheimfallen lassen. Eine Ausnahme bildet die klassische Fliegenklatsche, die deshalb zeitlos sein dürfte, weil ihre Anwendung den Zusammenhang zwischen der eigenen Aktion und dem drastischen Ende des irritierenden Insekts mit einer Befriedigung erleben läßt, deren Unmittelbarkeit unüber­troffen ist.

So gut wie vergessen ist dagegen ein anderer in Großvaters Tagen verbreiteter Fliegentöter. Er bestand in einem gut meterlangen, honigfarbenen Klebeband, das zusammen­gerollt in einem kleinen grünen Pappröhrchen steckte, aus dem man es nach der Entfernung des Deckels im Zeitlupentempo - sonst riß es - herauszuziehen hatte, um es danach wie eine Girlande unter einer Lampe aufzuhängen.

Die Vorbereitungen mochten umständlich erscheinen. Jedoch: Die Wirksamkeit der simplen Vorrichtung war an Effizienz wie an Grausamkeit kaum zu übertreffen. Jeder von uns Älteren hat sie als Kind mit einer Mischung aus Faszination und heimlichem Entsetzen studiert. Zunächst brauchte es Geduld. In der Anfangs­phase der heimtückischen Aktion war es eine Frage reinen Zufalls, ob und wann die erste der mit erstaunlicher Ausdauer die Lampe umkreisenden Fliegen sich auf dem mit einer sirupähnlichen Klebmasse dick bestrichenen Band niederließ. 

Dem ersten Beispiel folgten dann aber immer rascher die Nachfolger -— geleitet von einem sich in diesem Falle selbstmörderisch auswirkenden Instinkt zur Geselligkeit, den die moderne Verhaltens­forschung inzwischen wissen­schaftlich einwandfrei nachgewiesen hat und von dem man damals noch gar nichts wußte, was nicht hinderte, sich seiner aufgrund schlichter, aus Beobachtung gewonnener Erfahrung zum Verderben der Insekten zu bedienen.

Das Entsetzen rührte sich, sobald man der Versuchung nachgab, das individuelle Schicksal einer einzelnen Fliege nach der Landung auf der tückischen Oberfläche zu verfolgen. Der erste Kontakt zwischen Fliegenbein und klebriger Landefläche löste noch keinen Alarm aus. Augenblicke später aber, nach dem ersten Versuch, auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu tun, geriet jede Fliege unübersehbar in Panik. Und anschließend kam es dann mit unbarmherziger Regelmäßigkeit zu jener Ablauffolge von Befreiungs­versuchen und eben durch sie bewirkter immer hoffnungsloserer Verklebung, an deren Ende das unglückliche Insekt unweigerlich als unbeweglicher schwarzer Fleck im Inneren der sirupartigen Masse endete. Jede Aktion, mit der die Fliege diesem Schicksal zu entgehen versuchte, führte es nur um so schneller herbei.

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Diese Kindheitserinnerung wird hier nicht deshalb beschworen, weil zu erwarten ist, daß die archaische Methode angesichts bestimmter gravierender Pferdefüße der Knopfdruck-Bequemlichkeit eine Renaissance erleben wird.54 Die Lage der Fliege auf dem tödlichen Band erscheint vielmehr wie ein Symbol unserer eigenen heutigen Situation: Was auch immer sie zu ihrer Rettung unternimmt, es verstrickt sie nur tiefer in die Gefahr.

Sind wir etwa nicht in einer vergleichbaren Lage?

Da rät man uns, die Anbauflächen zu vergrößern und den Boden durch ein Mehr an Dünger zu größerer Fruchtbarkeit "zu ermuntern", wie etwa Ernst Bloch es empfahl. Kein Zweifel, auf diesem Wege kann man versuchen, das Brot für immer mehr Münder zu vermehren. Jedoch: Inzwischen haben wir gelernt, daß die Auswirkungen derartiger Maßnahmen sich in aller Regel nicht auf das von uns erstrebte Ziel beschränken lassen. Wir haben lernen müssen, daß die rapide Beseitigung der Restbestände an tropischem Urwald - vor allem in Asien und Südamerika zur Gewinnung neuen Ackerlands - identisch ist mit der Beseitigung des wichtigsten biologischen Kohlen­stoffspeichers auf dem Festland.

Wir verstehen zuwenig von dem Gleichgewicht in der Biosphäre, dessen Stabilität eine der Voraussetzungen unseres Überlebens ist. Deshalb können wir die Folgen nicht sicher vorhersehen. Daß Vorsicht geboten ist bei weiteren Eingriffen, das immerhin beginnt uns aufzugehen.

Es ist schlechthin unerklärt, wie es eigentlich zugeht, daß der Sauerstoffgehalt in unserer Atmosphäre - und damit unserer Atemluft - ebenso wie deren Gehalt an Kohlendioxid seit Menschengedenken konstant geblieben sind: Pflanzen binden Kohlenstoff und setzen dabei Sauerstoff frei, der von Mensch und Tier durch "Atmung verbraucht", genauer: nach der "Verbrennung" von Nahrung in unserem Stoffwechsel gebunden an Kohlen­stoff, als Kohlendioxid, wieder "ausgeatmet" wird, womit der Kreislauf sich schließt. So viel lernt heute jedes Schulkind.55

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Was es nicht lernt, was niemand es lehren kann, weil niemand es weiß, das ist die Antwort auf die Frage, welche Rückkopplungsprozesse eigentlich dafür sorgen, daß dieser erdumspannende Kreislauf zwischen dem Reich der Pflanzen und dem der Tiere zu einem Resultat führt, das praktisch konstant bleibt: 20,93 Prozent Sauerstoff enthält unsere Atemluft und 0,03 Prozent Kohlendioxid — nicht mehr und nicht weniger (der Rest entfällt auf Stickstoff und Spuren von Edelgasen). 

Wenn wir sie wieder ausatmen, enthält dieselbe Luft nur noch 16 Prozent Sauerstoff, dafür aber vier Prozent Kohlendioxid. Jeder sieht ein, daß wir bald ersticken müßten, stellten die Pflanzen den Ausgangszustand nicht regelmäßig wieder her. Aber auch die Pflanzen sind, umgekehrt, von uns in der gleichen Weise abhängig: Sie würden in dem von ihnen als dem Abfallprodukt ihres typisch pflanzlichen Stoffwechsels (der Photosynthese) produzierten Sauerstoff ersticken, wenn wir — und die Tiere — seinen Überschuß nicht fortwährend durch unsere Atmung "beseitigten".

Das alles ist großartig und als Ergebnis einer langen Anpassungsgeschichte auch wunderbar. Aber es ist, im Prinzip jedenfalls, von der Wissenschaft verstanden. Wie Pflanzen und Tiere es jedoch fertigbringen, ihre Kooperation so einzurichten, daß die Zusammensetzung der Atmosphäre im großen ganzen konstant bleibt, das ist bisher ein Rätsel. Denn die Zahl der Tiere und der Menschen ist ja nicht unverändert geblieben. Und im letzten Jahrhundert haben wir nun überdies angefangen, dieses geheimnisvolle und lebensnotwendige Gleichgewicht durch die Verbrennung riesiger Mengen von Kohle und Öl, also durch eine zusätzliche, künstliche Produktion von gewaltigen Mengen an Kohlendioxid, bedenkenlos zu belasten.

Ganz spurlos ist dieser unwissentlich von uns durchgeführte Belastungstest andererseits an unserer Atmosphäre auch wieder nicht vorübergegangen. Seit etwa dreißig Jahren werden Messungen des Kohlen­dioxid­gehalts durchgeführt, bei denen nicht nur die ersten beiden, sondern bis zu sechs weitere Stellen hinter dem Komma erfaßt werden. Ein Vergleich der Meßdaten von Jahr zu Jahr (und, mit der entsprechenden Vorsicht, mit Werten zurück bis Mitte des vorigen Jahrhunderts) ergibt einen ganz allmählichen, aber anhaltenden Anstieg. In den letzten hundert Jahren dürften es alles in allem etwa zehn Prozent gewesen sein, um die der CO2-Gehalt unserer Atmosphäre zunahm.

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Der Ausfall der Wälder wird die Entwicklung unvermeidlich beschleunigen. Sie vor allem sind es, die den durch Atmung und andere Verbrennungs­prozesse freigesetzten Kohlenstoff bisher langfristig gebunden haben. Die Schätzungen der Experten besagen, daß die jährliche Schrumpfung der Wälder infolge des Wegfalls der entsprech­enden Speicherkapazität zum Anstieg des atmosphärischen Kohlenstoffgehalts heute schon mindestens soviel beiträgt, wie alle sich auf der Erde abspielenden Verbrennungs­prozesse zusammen­genom­men, wahrscheinlich aber sehr viel mehr. Bei Einbeziehung der mit dem Rodungsprozeß in aller Regel einhergehenden Humus­vernichtung kommt man auf Schätzwerte, die das Zwei- bis Dreifache betragen. 

Wir können also freilich die Anbauflächen zur Nahrungsproduktion durch Fortsetzung der globalen Rodung weiter zu vergrößern trachten. Tatsächlich geschieht das ja auch nach wie vor in weltweitem Maßstab. Jedoch setzt sich langsam die Einsicht durch, daß dieser Beitrag zum Versuch einer Lösung des Nahrungsproblems uns ganz unvermeidlich neue, gravierende Probleme in einem ganz anderen Lebensbereich verschaffen wird.

Die als seine unbeabsichtigte und nicht vorhergesehene Nebenwirkung auftretende CO2-Anreicherung der Atmosphäre muß früher oder später infolge des als "Treibhauseffekts" bekannt gewordenen Mechanismus zu einschneidenden Veränderungen des globalen Klimas führen. Darüber herrscht Einigkeit unter den Experten. Meinungs­unterschiede gibt es lediglich hinsichtlich der Fragen, wie weit der CO2-Anstieg sich fortsetzen wird und wann der für das Klima kritische Punkt erreicht ist.

Die bei der Überschreitung dieser kritischen Grenze zu erwartende allgemeine Erwärmung aber hätte nicht nur - durch das Abschmelzen der Polkappen - einen Anstieg des Meerwasserspiegels um mehrere Meter zur Folge. (Zur Veranschaulichung der Konsequenzen: Küstenstädte wie New York oder Rio de Janeiro, aber auch küstennahe Städte wie Hamburg oder Bremen müßten geräumt werden.) 

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Ganz unweigerlich käme es auch zu einer großräumigen Verschiebung der Klimazonen der Erde, ein Effekt, der jegliche Aussicht auf eine Vergrößerung der Ernten illusorisch werden ließe, der, im Gegenteil, die Nahrungs­mittelproduktion in weiten Gebieten der Erde völlig zusammenbrechen lassen würde.

Der scheinbar so einleuchtende und naheliegende Gedanke, die Nahrungsversorgung durch eine grundsätzlich beliebige Erweiterung der Anbauflächen steigern zu können, würde, wenn wir ihm in großem Maßstab folgten, also eine Katastrophe auslösen.56 Der Fall bildet ein eindrucksvolles Beispiel für ein Rezept, das die Katastrophe, zu deren Behebung es beitragen soll, definitiv herbeiführt.

Nicht besser steht es um den zweiten Vorschlag: den Boden zu größerer Fruchtbarkeit zu ermuntern. "Künstliche Düngemittel, künstliche Bestrahlung sind unterwegs ... die den Boden zu tausendfältiger Frucht ermuntern, in einer Hybris und ›Anti-Demeter-Bewegung‹ ohnegleichen, mit dem synthetischen Grenzbegriff eines Kornfelds, wachsend auf der flachen Hand", so pries Ernst Bloch diesen Aspekt des von ihm entworfenen <Prinzips Hoffnung> noch vor wenigen Jahrzehnten. 

Die Aussichten auf zunehmende Boden­versalzung, Erosion, Nitrat- und Phosphatbelastungen der Gewässer, nicht zuletzt aber auch auf den bei derartigen Gewaltmaßnahmen exponentiell steigenden Energiebedarf haben diesem Prinzip inzwischen jedoch längst auch den letzten Schimmer von Hoffnung genommen. 

Die "Entfesselung unserer technologischen Potenzen" würde uns auch in diesem Punkt ganz gewiß nicht voranbringen, wie uns Hans Jonas in seiner Antithese vom "Prinzip Verantwortung" zu Recht ermahnt.57 Denn es geht, wie der Autor begründet, schon längst nicht mehr darum, wieviel der Mensch noch zu tun imstande sein werde. (In dieser Hinsicht, heißt es ironisch, sei aller "Optimismus" wohl angebracht.). Entscheidend sei heute allein die Frage, wieviel die Natur noch zu ertragen fähig sei. 

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Daß es in dieser Hinsicht Grenzen gebe, werde von niemandem mehr bestritten. Die Frage angesichts jeglicher Empfehlung oder utopischen Vision sei daher allein die, ob sich der jeweilige Entwurf noch innerhalb dieser Grenzen unterbringen lasse oder nicht.

Was die durch künstliche Steigerung der Fruchtbarkeit zu bewirkende "Ermunterung des Bodens" betrifft, so sind diese Grenzen heute ganz offensichtlich aber schon erreicht, wenn nicht in einigen Regionen schon überschritten. Alle Anstrengungen, die wir jetzt oder in Zukunft unternähmen, um auf diesem Wege aus den gegenwärtigen Engpässen herauszukommen, würden unsere Probleme daher mit Gewißheit nur weiter verschärfen. Sie wären den Fluchtaktionen der Fliege gleichzusetzen, die zu ihrem Verderben versucht, durch vermehrtes Strampeln doch noch vom Klebeband freizukommen.

Aber auch auf allen anderen Auswegen, auf die wir bisher verfallen sind, würden wir früher oder später von den alle Hoffnungen zunichte machenden, gleichwohl aber ganz unvermeidlich auftretenden Nebenfolgen unserer Aktionen überholt werden. Das läßt sich summarisch und ohne detaillierte Begründung für den Einzelfall feststellen, weil jede denkbare Aktion letzten Endes mit einer Steigerung des Energieverbrauchs einhergeht.

Energie aber wird nicht nur für die Erzeugung von Kunstdünger benötigt (und für seine anschließende Verteilung). Nicht nur für die längst unverzichtbar gewordene Technisierung der landwirtschaftlichen Anbaumethoden. (Mit der Folge, unter anderem, daß die Produktion einer Scheibe Brot heute schon einen Energiebetrag verbraucht, welcher der in zwei Brotscheiben steckenden Energiemenge äquivalent ist.) Nicht nur für die "Steigerung des Lebens­standards", die wir angesichts jener unterhalb eines noch als menschen­würdig zu bezeichnenden Niveaus dahinvegetierenden Menschheitsmilliarde nicht als entbehrlichen Anspruch, sondern als moralische Pflicht anzusehen haben. Der rasch steigende Energiebedarf würde darüber hinaus früher oder später ganz unvermeidlich auch dem Rohstoffhunger unserer technischen Zivilisation eine unüberwindbare Grenze setzen.

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Es mag ja sein, daß die Vorräte sehr viel größer sind, als es im ersten Erschrecken über die Entdeckung der Begrenztheit unserer Welt der Fall zu sein schien. Vielleicht sind sie grundsätzlich sogar unerschöpflich. In dem Maße jedoch, in dem die spürbar werdende Verknappung an leicht zugänglichen Ressourcen uns zwingt, zu immer "heroischeren" Ausbeutungsmethoden unsere Zuflucht zu nehmen — zur Gewinnung von Öl aus Schiefergestein, von Metallen aus dem Meeresboden oder schließlich gar aus der Mondoberfläche —, in dem gleichen Maße wird sich der notwendige Energiebedarf erhöhen. Sein alsbald exponentiell verlaufendes Wachstum wird noch so asketisch reduzierten Bedürfnissen schließlich, wenn nicht aus finanziellen, dann letztlich aus absoluten, nämlich naturgesetzlichen Gründen einen Riegel vorschieben. Jegliche Energie­anwendung erzeugt Wärme. Diese aber läßt sich in der irdischen Biosphäre nicht in beliebigen Mengen unterbringen.

Kurzfristiges, auf aktuelle Tagesprobleme eingeengtes Denken mag es sich leicht machen, indem es dieses "ultimative Thermalproblem" (Hans Jonas) als eine Sorge abtut, die einer ferneren Zukunft überlassen bleiben könne. Wir sollten aber nicht vergessen, daß eben unsere Neigung, Probleme dadurch "zu lösen", daß wir ihre Bewältigung kommenden Generationen "anvertrauen", eine der wichtigsten Ursachen bildet für die Lage, in der wir uns heute befinden. 

Und überdies ist es mehr als fraglich, ob diese "Nach-uns-die-Sintflut"-Mentalität hier nicht schon deshalb gänzlich fehl am Platze ist, weil die Sintflut bei weitem nicht so lange auf sich warten lassen wird, wie unsere Vorstellung es uns beschwichtigend weismacht. 

Gerade exponentielle Verläufe überrumpeln die prognostischen Fähigkeiten unserer Phantasie regelmäßig in immer von neuem verblüffendem Ausmaß. (Darüber noch einiges Konkrete im anschließenden Kapitel.)
Argumentieren wir - um anschaulich zu machen, was mit der Metapher vom "ökologischen Fliegenfänger-Syndrom" gemeint ist - einmal andersherum. 

Wie verzwickt, wie seltsam ausweglos unsere Lage sich ausnimmt, kann man sich auf keine andere Weise deutlicher vor Augen führen als durch den Versuch, sich auszumalen, was geschähe, wenn eine der fundamentalen Grenzen, die unserem zukünftigen Wohlergehen ein Ende zu bereiten drohen, wie durch einen Zauberschlag verschwände. 

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Seiner zentralen Bedeutung wegen ist speziell der exponentiell anwachsende Energiebedarf, den die komfortable Existenz einer auf sechs oder mehr Milliarden angewachsenen zukünftigen Menschheit zur Voraussetzung hätte, ein gutes Beispiel.

Nehmen wir also einmal den utopischen Fall an, alle mit dieser Voraussetzung verknüpften Probleme seien wie durch ein Wunder ideal gelöst: Energie stände auf gefahrlose und "umweltfreundliche" Weise und sogar kosten­los in beliebiger Menge zur Verfügung. 

Stellen wir uns einfach vor, es käme ein Engel vom Himmel geschwebt, der uns eine "Energiepille" anböte, die uns Energie in jeder beliebigen Form, in unbeschränkten Mengen und ohne alle nachteiligen Begleit­erscheinungen (Emissionsprobleme, CO2-Anstieg und so weiter) bescherte. 

Was wären die Folgen?

Wenn die vermutlich von den meisten unter uns stillschweigend für selbstverständlich gehaltene Vorbedingung für individuelles Glück und gesellschaftliches Wohlergehen gälte, würde ein solches Himmelsgeschenk auf der Erde alsbald das Paradies ausbrechen lassen. Denn diese unausgesprochen angenommene Vorbedingung ließe sich, auf die kürzeste Formel gebracht, wohl in die Worte kleiden, daß jedes legitime menschliche Bedürfnis Anspruch auf Befriedigung habe und daß eine Gesellschaft, die diese Bedürfnisbefriedigung nicht vollständig und nicht für alle ihre Mitglieder zu leisten imstande sei, als noch unvollkommen entwickelt angesehen werden müsse.

Die utopische Energiepille unseres Gedankenexperiments aber würde der Erfüllung dieser vermeintlichen Vorbedingung selbstverständlich freie Bahn schaffen: Energie kostenlos und in beliebiger Menge, das bedeutete nicht nur das Ende des Hungers auf der ganzen Erde. Es bedeutete die Erfüllbarkeit jeden Konsum­wunsches für jeden Erdenbürger, also Wohnungen, Kleidung und Waren für den persönlichen Gebrauch soviel das Herz nur begehrt — vom Radiogerät bis zum Privatflugzeug. Ein Schlaraffenland?

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Schon der zweite Blick auf das Szenario belehrt uns eines Besseren. 

Nicht der Himmel wäre es, sondern eine Hölle, welche die Realisierung des Traums von der Energiepille auf der Erde entstehen ließe. Nach einer kurzfristigen, rauschhaften Phase explosionsartigen Wachstums würden die — prinzipiell ja unbegrenzt gedachten — individuellen Wunsch- oder Bedürfnis­befriedigungen in ihrer Summe den Zusammenbruch des ganzen Systems notwendig herbeiführen. Salopp konkretisiert: Vor lauter Privatflugzeugen wäre bald der Himmel nicht mehr zu sehen. Die Addition aller Konsumwünsche würde die Rohstoff­vorräte definitiv überfordern. Die in weltweitem Luxus vereinte Menschheit würde durch ihre bloße Präsenz alle andere Kreatur auf diesem Planeten verdrängen und damit aufgrund der bereits erläuterten biologischen Gesetz­lichkeiten ihren eigenen Untergang heraufbeschwören.

Wer da glaubt, daß sich derart extreme Entwicklungen auf irgendeine Weise vermeiden lassen müßten, der sei daran erinnert, daß unser utopisches Modell das "ultimative Thermalproblem" zwangsläufig akut werden ließe. Diese Konsequenz der "schlaraffischen Situation" allein aber würde den Untergang aus naturgesetzlicher Ursache, also mit Notwendigkeit, bewirken.

Das ist schon eine eigenartige Struktur, auf die wir hier stoßen: eine Lage, deren aktuelle Probleme sich durch die konsequente Anwendung der scheinbar nächstliegenden und daher auch allgemein diskutierten Rezepte auf lange Sicht nicht nur nicht lösen, sondern in allen genannten Beispielen nur multiplizieren ließen. Stets müssen wir darauf gefaßt sein, daß uns ein mit einleuchtenden Argumenten zur Rettung empfohlener Vorschlag — die wissenschaftliche Perfektionierung landwirtschaftlicher Produktivität, die Vermehrung der Weltnahrung durch Erweiterung der genutzten Bodenfläche, die Suche nach einer umweltfreundlichen Methode zur Gewinnung zusätzlicher, möglichst unbegrenzter Energiebeträge — auf einem unvorhergesehenen Felde mehr neue Sorgen beschert, als er uns vom Halse schafft. 

Erinnert das etwa nicht an die Situation der Fliege, die sich durch vermehrtes Zappeln freizukämpfen versucht und eben dadurch ihren Untergang nur beschleunigt?

Auf der Ebene des politischen Alltagsgeschäfts manifestiert sich ein ähnliches Problem in Form der oft beschworenen "Sachzwänge". Man wird ihre Realität fairerweise zugeben müssen, auch wenn der Begriff oft genug als Entschuldigung für bloße Untätigkeit herhalten muß und obwohl auch die Fälle nicht gerade selten sind, in denen gewiegte politische Taktiker "Sachzwänge" bewußt herbeiführen oder entstehen lassen, um eine ihnen wünschenswert erscheinende Entscheidung als unumgänglich hinstellen zu können.

Aber: Kollidieren die Maßnahmen, mit denen der Wald sich (vielleicht) noch retten ließe, etwa nicht mit den Strategien, die zur Sicherung und Vermehrung der Arbeitsplätze für notwendig gehalten werden? Ist, grund­sätzlich und ganz allgemein gesprochen, der Konflikt zwischen "Ökonomie und Ökologie" etwa nicht real? Gewiß, wer über das notwendige biologische und allgemein-naturwissenschaftliche Grundlagenwissen, verfügt, wird sich in allen Zweifelsfällen entschieden für den Primat der ökologischen Argumente aussprechen. Denn was hilft uns eine stetig wachsende Wirtschaft, wenn zugleich die elementaren Lebensgrundlagen in die Brüche gehen? Wem kann eine befriedigende Vollbeschäftigung noch nutzen, dem die biologischen Über­lebens­bedingungen entzogen werden? 

Dessen ungeachtet wäre es unrealistisch, zu leugnen, daß der Konflikt besteht.

Wie konnten wir in eine so perfekt konstruierte Sackgasse hineingeraten? Wo liegt der Fehler? Im Falle der Fliege ist die Antwort leicht: Sie hat den einen entscheidenden Fehler gemacht, sich eine für sie lebens­gefährliche Oberfläche zur Landung auszusuchen. 

Gibt es zur Erklärung unserer, der menschlichen, Situation vielleicht eine ähnlich eindeutige Antwort?

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  Hoimar von Ditfurth