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    Der Abschied vom Wald 

 

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"Ob man es wahrhaben will oder nicht: Der deutsche Wald liegt im Sterben." So steht es in der Zusammen­fassung der Ergebnisse eines Gesprächs, zu dem sich im April 1982 ein Dutzend namhafter deutscher Forst­wissen­schaftler mit Energiefachleuten in Kaiserslautern traf.(41) Wahrhaben wollte es damals in der Tat noch niemand. Schon gar nicht die verant­wortlichen Politiker. Noch bis in das Jahr 1983 hinein wurde in deren Kreisen "das Gerede vom sogenannten Waldsterben" als eine "maßlose Übertreibung ökologischer Spinner" hingestellt. Heute dämmert auch dem letzten, daß sich in unseren Wäldern ein Desaster abspielt. 

"Etwa 35 Prozent des westdeutschen Waldes", so beginnt die von dem Münchner Forstwissenschaftler Peter Schütt vorgelegte aktuellste und umfassendste wissenschaftliche Abhandlung des Problems, "leiden in unter­schiedlich starkem Maß unter einer Krankheit, die wir Waldsterben nennen."(42) Etwa 35 Prozent, ein gutes Drittel also. Was gäbe es da noch zu übertreiben? Von einem "pathologischen Ereignis, welches das Gleichgewicht eines Drittels der Landschaft bedroht und eine ganze Kette ökologischer Folgen auszulösen beginnt", spricht dieselbe Quelle.   wiki Peter Schütt *1926 in Berlin bis 2010 (84)

Es begann Anfang der siebziger Jahre mit einer vor allem in Süddeutschland beobachteten explosiven Ausbreitung der seit Jahrhunderten bekannten und von den Forstleuten gefürchteten sogenannten "Komplex­krankheit" der Weißtanne. Der weitere Verlauf war durch den raschen Befall immer neuer Baumarten gekennzeichnet: 1979 wurden die ersten Symptome an alten Fichten und Kiefern in Bayern entdeckt. 1981 folgten Buche, Bergahorn und Vogelbeere, 1982 Esche, Douglasie und Birke, 1983 schließlich begann die Seuche auch auf Eichen, Pappeln und Lärchen überzugreifen.

Anfangs hatte mancher noch geglaubt, das Ausmaß der Katastrophe durch den Hinweis darauf verharmlosen zu können, daß es auch in der Vergangenheit immer wieder einmal zu einem großflächigen Tannensterben gekommen war. Die Tanne ist gegen äußere Schädigungen offenbar besonders empfindlich. (Heute wird in Ostbayern und im Schwarzwald bereits mit ihrem völligen Aussterben gerechnet.) Inzwischen aber gibt es kaum eine einzige einheimische Baumart mehr, die noch als völlig gesund bezeichnet werden könnte. Das hat es in der Vergangenheit noch nie gegeben. Die Situation sei vergleichbar "mit einer Epidemie, die gleichzeitig Blindschleichen, Meerschweinchen, Sperlinge und Menschen dahinrafft", schreibt Peter Schütt. 

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Dem normalen Waldspaziergänger mag auch heute noch nicht allzuviel auffallen. Abgestorbene Bäume wird er in aller Regel nicht zu Gesicht bekommen. Besitzer und Forstaufseher lassen erkrankte Exemplare recht­zeitig fällen, bevor ihr Holz seinen Wert gänzlich verloren hat. Kronenverlichtung, mangelhafte Benadelung der aus den letzten Jahren stammenden Triebe und Vergilbung von Blättern zur Unzeit verraten dem Erfahrenen neben anderen Symptomen jedoch das wahre Ausmaß der Katastrophe. Hinzu kommt, daß die sichtbaren Anzeichen nur die "Spitze des Eisbergs" markieren. Erkrankt sind längst auch viele der Bäume, denen selbst der Fachmann ihr Schicksal noch nicht anzusehen vermag. Es hat sich nämlich gezeigt, daß dem sichtbaren Befall fünfzehn oder auch zwanzig Jahre lang eine reduzierte Holzneubildung voranzugehen scheint, die nur an einer Verschmälerung der Jahresringe abgelesen werden kann. 

Aber nicht nur das erschreckende Tempo der Krankheitsentwicklung und die rasche Ausbreitung quer durch praktisch alle Baumarten machen das Waldsterben zu einem absolut neuartigen Phänomen. Ungewöhnlich und zunächst unerklärlich waren noch weitere Beobachtungen. Naturnah gebliebene Mischwald­bestände wurden genauso häufig befallen wie die ökologisch als besonders anfällig anzusehenden Monokulturen. Die Zonen besonders intensiver Schädigungen stimmten ferner mit den Regionen besonders starker Schadstoffbelastung keines­wegs immer überein. In einigen Fällen wurden bis dahin völlig gesund scheinende Bestände in ausge­sprochenen "Reinluftgebieten" innerhalb weniger Monate dezimiert. So geschehen im Winterhalbjahr 1982/83 im Allgäu.

Für die Mehrzahl der Forstleute sind das Alarmsignale, die auf eine neuartige, sehr komplexe und besonders bedrohliche Erkrankungs­form hinweisen, die den Wald als Ökosystem insgesamt gefährdet. Die genannten Widersprüchlichkeiten und Ungereimt­heiten, die eine monokausale, auf eine einzige Ursache sich berufende, Erklärung freilich unmöglich machen, dienen jedoch auch heute noch zur Begründung von mancherlei Ausflüchten. 

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Am einfachsten machten es sich gewisse Industriesprecher mit einer "Theorie", welche die Verant­wort­ung der Forstwirtschaft selbst zuschiebt. Es handele sich, so lautet die kühne These, um nichts anderes als die Folgen einer Verarmung des Waldbodens an Nährstoffen nach jahrhundertelanger Holzentnahme ohne gleich­zeitige Düngung.43) Die angeblich fehlenden Düngemittel werden dann mitunter im selben Atemzug offeriert.

In der Öffentlichkeit fand die Behauptung vorübergehend Beachtung. In den Augen der Exporten ist sie schlicht unseriös. Dies in solchem Maße, daß sie in diesen Kreisen den naheliegenden Verdacht erweckte, hier solle nicht nur von der eigenen Verantwortung abgelenkt, sondern zugleich auch der eigenen Kunst­dünger­produktion ein neuer Markt erschlossen werden. Die Nährstoff­kreisläufe in einem gesunden Wald sind nämlich außer­ordentlich stabil. Laboruntersuchungen haben bewiesen, daß dem Wald durch Holzeinschlag nur ein Tausendstel der Nährstoffe entzogen wird, die einem landwirtschaftlich genutzten Areal gleicher Größe beim Abernten verlorengehen. Aber derartige Thesen verstärken im Verein mit der nicht mehr zu bestreit­enden Tatsache, daß sich eine einheitliche, einzige Ursache für die Waldkatastrophe nicht dingfest machen läßt, die allgemein-menschliche Neigung, unangenehme Konsequenzen möglichst weit hinauszuschieben.

So, wie es aussieht, wird diese menschliche Schwäche den Wäldern wohl endgültig den Garaus machen. Nicht nur bei uns, sondern auf der ganzen Nordhalbkugel. Die Entscheidungen, zu denen wir uns aufraffen müßten, um die letzte Chance zur Rettung des Waldes noch wahrzunehmen, wirken auf die meisten von uns heute noch sehr viel einschneidender und dramatischer als jener lautlose Absterbevorgang da draußen vor unseren Städten.

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Die Vernichtung der Wälder, wenn es denn wirklich so weit kommen sollte, sei doch letztlich nur als ein sentimentaler Verlust zu bewerten, den man notfalls eben in Kauf nehmen müsse, wenn es anders nicht möglich sei, die Versorgung der zunehmenden Bevölkerung mit Wirtschaftsgütern sicherzustellen. 

Diesen Standpunkt verfocht ein bekannter, mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Wirtschafts­wissen­schaft­ler noch vor zwei Jahren in meiner Gegenwart mit Nachdruck und aus ehrlicher Überzeugung.  Sein Name sei hier rücksichtsvoll verschwiegen. Nicht nur aufgrund persönlicher Wertschätzung, sondern vor allem, weil es hier nicht um individuelle Schuldzuweisungen geht, sondern darum, mit dieser Äußerung eines weit überdurch­schnittlich klugen und gebildeten Zeitgenossen die ökologische Ahnungslosigkeit zu belegen, die bei uns immer noch vorherrscht und die uns aller Voraussicht nach ins Verderben führen wird.

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Menschen sind kurzatmige Lebewesen. Das gilt für den einzelnen, und erst recht gilt es für menschliche Gesellschaften. Es ist in vielen Fällen sicher nicht bloß eine Ausflucht, sondern traurige Wahrheit, wenn Politiker das Ausbleiben einer ökologisch dringend erforderlichen Entscheidung damit entschuldigen, daß sie "politisch nicht durchsetzbar" sei. Nicht durchsetzbar sind offenbar alle Formen eines konkreten Verzichts, wenn dem aktuell notwendigen Opfer nicht ein ebenso konkret erlebbarer Gewinn auf dem Fuße folgt. Deshalb kann es sich offizielle Politik zum Beispiel leisten, den Vorschlag, die Schadstoffbelastung durch die Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen herabzusetzen, mit dem unsäglich albernen Slogan zurückzuweisen: "Freie Fahrt für freie Bürger".

Deshalb hält offizielle Politik die Pfennigbeträge für unzumutbar, um die sich die Kilowattstunde verteuern würde, wenn in alle Kraftwerke ab sofort die technischen Einrichtungen installiert würden, mit denen sich Schwefeldioxid, Stickstoffverbindungen und andere Schadstoffe auf einen Bruchteil der heutigen Werte reduzieren ließen.44) Eine Entscheidung übrigens, mit der die Regierenden die Einsichtsfähigkeit der von ihnen Regierten gröblich unterschätzen dürften. Und deshalb läßt offizielle Politik sich durch die Drohung mit einer — wirklichen oder auch bloß behaupteten — Arbeitsplatz­gefährdung immer wieder dazu verleiten, zukünftiges Übel sehenden Auges in Kauf zu nehmen oder sogar auszulösen, um das gegenwärtige Übel eines möglichen Verlustes von Wählerstimmen zu vermeiden. 

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Wie zum Beispiel bei der im Juli 1984 getroffenen, als verantwortungslos zu bezeichnenden Entscheid­ung, dem neuen Kraftwerk Buschhaus entgegen aller ökologischen Vernunft und im Widerspruch zu den selbst getroffenen gesetzlichen Regelungen die Betriebsgenehmigung zu erteilen, obwohl es nicht über die entsprech­enden Abgasfilter verfügt.

Um die Windigkeit, des Kostenarguments in diesem und allen analogen Fällen zu beweisen, braucht man heute nicht einmal mehr Wirtschafts­wissen­schaftler zu sein. Die in unserer so sehr an Fragen der wirtschaft­lichen Rentabilität orientierten Gesellschaft geradezu schizophrene Kurzsichtigkeit derartiger Einwände, die eben nur die unmittelbar erlebbaren Kosten berücksichtigen, wird bei einem Vergleich mit der Situation in Japan auch dem völligen Wirtschaftslaien in aller wünschenswerten Deutlichkeit offenbar.

Die Japaner haben ihre Gesamtemission von Schwefeldioxiden innerhalb von zehn Jahren auf etwa ein Viertel des Standes von 1970 verringert — in einer Phase fortgesetzter Wirtschaftsexpansion. Während in Japan 1984 mehr als 1300 Rauchgas-Entschwefelungs­anlagen in Betrieb waren, wurden in der Bundesrepublik zum selben Zeitpunkt gerade zehn derartige Anlagen — mit einer Kapazität von weniger als fünf Prozent aller mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerke — erprobt. Man traut seinen Augen nicht, wenn man liest, daß die Grenzwerte an Schadstoffen, nach denen sich die japanische Industrie zu richten hat, "bereits in der Vergangenheit weit unter denen lagen, die in Zukunft für die Bundesrepublik vorgeschrieben sind oder (erst) noch vorgeschrieben werden sollen".45

Hat irgend jemand etwa gehört, daß der mit diesen Aufwendungen verbundene Kostenfaktor die internationale Wettbewerbs­fähigkeit der japanischen Industrie über Gebühr belastet und damit Arbeitsplätze gefährdet hätte? Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Jedenfalls ist jetzt schon abzusehen, daß wir die Lizenzen für manche der von uns letzten Endes dann doch benötigten emissionsmindernden Technologien bei unserem fernöstlichen Konkurrenten werden einkaufen müssen. 

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Bis dahin wird allerdings noch manches Jahr ins Land gehen, von denen jedes einzelne uns allein durch die Verschmutzung mit Schwefeldioxiden volkswirtschaftliche Schäden von (offiziell geschätzt!) acht Milliarden Mark aufhalsen wird (s. Anm. 45) 

Soviel zur Rolle des unver­drossen ins Feld geführten "Kosten­faktors".

Es ist keine Voreingenommenheit oder gar "Industriefeindlichkeit", sondern einfach allgemeine Lebens­erfahrung, wenn man dazu tendiert, die Stimmen derer mit einer gewissen Zurückhaltung zu bewerten, denen die Verantwortung für die nächste bevorstehende Jahresbilanz des eigenen Betriebes aus verständlichen Gründen schwerer auf dem Gemüt lastet als die Sorge um das Schicksal unserer Wälder. Erkundigen wir uns also besser bei den direkt Betroffenen, den Forstwissenschaftlern. Was sagen sie zu dem Fall?

In der von Peter Schütt und seinen Mitarbeitern vorgelegten Untersuchung wird den erwähnten Ungereimt­heiten und Widersprüchen, welche die Rückführung der Waldkatastrophe auf eine einzige einheitliche Ursache in der Tat unmöglich machen, breiter Raum gewidmet. Dennoch zögert das kompetente Autorenteam nicht, gleich im ersten Kapitel ebenso knapp wie eindeutig festzustellen: "Das Waldsterben stellt ein neues, in dieser Form noch nicht aufgetretenes Ereignis dar, das den Wald als System, also in seiner Gesamtheit bedroht. Es geht auf eine vom Menschen verursachte Vergiftung der Umwelt zurück und wird daher von selbst nicht wieder verschwinden." 

Wenn nicht von selbst, wie dann? Dieser Frage gehen die Münchener Waldexperten mit detaillierter Gründlichkeit nach. Nach einer ausführlichen Beschreibung der bei den verschiedenen Baumarten beobachteten Symptome dis­kutieren sie alle jemals in die Diskussion eingebrachten Ursachen­theorien, bis hin zu entlegenen Spekulationen.

Die "Infektionshypothese" wird von ihnen nach eingehender Erörterung aller Argumente pro und contra verworfen. Zwischen den beobachteten Symptomen des Waldsterbens und der bekannten Wirkung von Bakterien, Pilzen oder anderen Parasiten bestehe "nicht die geringste Übereinstimmung". Wenn Schädlinge gefunden wurden, habe es sich immer um den sekundären Befall schon erkrankter und entsprechend geschwächter Bäume gehandelt.

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Auch die "Dürre-Hypothese" hält einer kritischen Diskussion nicht stand. Zwar scheinen wasserarme Sommer den Krankheits­prozeß regional zu verschlimmern, umgekehrt halten jedoch ausgeprägte Nässeperioden sein Fortschreiten nicht nachweislich auf. Das gleiche gilt für die Vermutung, daß forstwirtschaftliche Fehler in der Vergangenheit — etwa der Übergang zur Anlage von Monokulturen — eine entscheidende Rolle spielten. Nachdem noch einige andere Möglichkeiten (Schädigung durch Kurzwellen oder durch radioaktive Belastung) erörtert und als ungenügend untersucht offengelassen worden sind, bleibt der weite Bereich der von unserer technischen Zivilisation bewirkten Luftverunreinigungen.

Um es kurz zu machen: Es führt kein Weg an der Annahme vorbei, daß wir selbst es sind, wir mit unserem heutigen Lebensstil, die den Wald zugrunde richten. Allerdings ist es eben nicht so, daß sich ein einziger Schad­stoff­bestandteil in der Atmosphäre (etwa das Schwefeldioxid, welches das Phänomen des "sauren Regens" hervorruft) als alleinige Krankheitsursache festnageln ließe. Es gibt auch nicht nur einen einzigen Schädigungs­mechanismus (auch wenn der "saure Regen" eine besonders verheerende Rolle spielt). Nein, es ist die Kombination der zahllosen nicht-natürlichen oder jedenfalls in ihrer heutigen Konzentration nicht mehr natürlichen Luftbestandteile — vom SO2  über die Stickoxide, Ozon und andere "Photooxidantien", von Schwer­metallen (Blei) und den von unseren Autos produzierten Kohlenwasserstoffen bis zu all den Terpenen, Benzolen, Methan und Äthylen sowie der uns schon bekannten Familie der chlorierten Kohlenwasserstoffe —, welche die Kraft unserer Wälder zu überfordern begonnen hat.

Dieses bunte Gemengsel liefert in seinen von Region zu Region wechselnden Kombinationen zwanglos die Erklärung für die Variantenvielfalt der Symptompalette. Auch für die Ausbreitung der Seuche bis in sogenannte "Reinluftgebiete" fand sich eine befriedigende Erklärung. Ironischerweise spielt bei ihr eine in bester Absicht eingeführte gesetzliche "Schutzmaßnahme" eine fatale Rolle.

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In der "Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft" wurden seinerzeit Obergrenzen für die "Emission" bestimmter Schadstoffe festgelegt. "Emission" meint den von einem bestimmten Werk verursachten Schad­stoff­ausstoß. (Als "Immission" wird dagegen die Summe der in einer bestimmten Region gemessenen atmosphärischen Schadstoffe bezeichnet, unabhängig von ihrer Herkunft.) 

Die Überwachung der in der TA-Luft vorgeschriebenen Grenzwerte muß daher logischerweise in der unmittelbaren Umgebung der kontrollierten Werke erfolgen. Die vom Gesetzgeber nicht vorhergesehene Reaktion der Industrie auf diese vom Gesetz geschaffene neue Situation bestand in der <Politik der hohen Schornsteine>: Ein Werk nach dem anderen ging dazu über, seine Schornsteine mehr und mehr, bis auf Höhen von 200 oder sogar 300 Metern aufzustocken. 

Diese relativ geringfügige Investition erlaubte es ihnen, die Gesetzesauflage spielend zu erfüllen, ohne eine einzige der sehr viel kostspieligeren Reinigungs­techniken einführen zu müssen. Die eigene, in der unmittelbaren Umgebung gemessene Emission ging meßbar und unter den vorgeschriebenen Wert zurück, womit dem Wortlaut des Gesetzes Genüge getan war. Daß es sich lediglich um eine Verdünnung der eigenen Schadstoff­produktion handelte, nicht etwa um ihre Reduzierung, interessierte die "Emittenten" verständlicher­weise wenig. Auch die Tatsache, daß die — unveränderte, wenn nicht sogar erhöhte — Schadstoff­menge auf diese Weise in höhere Luftschichten befördert und in diesen, stark verdünnt, über weite Entfernungen transportiert wird, braucht einen Verursacher nicht zu bekümmern, der nur die Vermeidung eigenen Nachteils im Kopf hat. Tatsächlich aber wird der Schaden mit dieser Praxis erst richtig großräumig verteilt.

Eine weitere, ebenfalls nicht vorhergesehene Komplikation erhöht den allgemein-volkswirtschaftlichen Schaden dieser unter ausschließlich betriebs­wirtschaft­lichen Gesichtspunkten genial zu nennenden Anpassung noch um Größenordnungen. Er resultiert aus der Verlängerung der "Verweildauer" der verschiedenen Schad­stoff­bestandteile in der Atmosphäre. 

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Seit Einführung der "hohen Schornsteine" vergehen zwischen der Emission von Schadstoffen und ihrer nicht selten erst Hunderte von Kilometern entfernt erfolgenden "Deposition" in extremen Fällen mehrere Monate. Das wirkt sich deshalb verhängnisvoll aus, weil einige der besonders schädlichen Verbindungen überhaupt erst während des Aufenthaltes in der Atmosphäre entstehen. Dies gilt nicht zuletzt für die von Anfang an mit Recht als eine der Hauptursachen verdächtigten Schwefeldioxide. Erst während des Lufttransports nämlich und überwiegend in den höheren Luftschichten werden sie — und dies um so mehr, je länger sie sich dort aufhalten — zu Sulfit- beziehungsweise Sulfat-Ionen oxidiert, die starke Säurebildner sind. Sie sind es, die dem "sauren Regen" seine saure Qualität verleihen.

Auch die Fälle von Waldsterben in "Reinluftgebieten" sind vor diesem Hintergrund verständlich geworden. Die extreme Verdünnung und der weiträumige Transport von Schadstoffverbindungen, die sich während der Verschleppung in der Atmosphäre bilden, machen den Begriff "Reinluftgebiet" obsolet. Die üblichen Routine­messungen, mit denen nur nach relativ wenigen, altbekannten Luftbestandteilen gefahndet wird, genügen längst nicht mehr zum Ausschluß pflanzentoxischer Verunreinigungen. Vor allem aber haben ausgedehnte experimentelle Arbeiten inzwischen bewiesen, daß gerade hochverdünnte Schadstoff­kombinationen dann, wenn die Einwirkung chronisch erfolgt, auf die Dauer jeden Baum zur Strecke bringen.

"Der Wald stirbt an Streß", so lautet das Fazit der Münchener Experten. Jawohl, es hat immer schon, auch in der Vergangenheit, Fälle von regionalem Baumsterben gegeben. Es hat ja auch immer schon zum Beispiel Schwefel­dioxide in der Atmosphäre gegeben, die, etwa nach größeren Vulkanausbrüchen, unter bestimmten meteor­ologischen Bedingungen global verteilt wurden. 

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Nur haben sich diesen und anderen Belastungen, denen bisher nur regional und allein unter Extrem­bedingungen besonders anfällige Baumarten (Tanne) zum Opfer fielen oder Waldgebiete an ungünstigen Standorten (in den dreißiger Jahren waren es die ostpreußischen Fichtenbestände), in den letzten Jahren immer neue anthropogene, vom Menschen erzeugte, Schadstoffe hinzugesellt. Ihre Summe ist es, denen der Wald heute nicht mehr gewachsen ist. Nach Jahrzehnten einer schleichenden, unbemerkt gebliebenen Schwächung ist jetzt offenbar der Punkt erreicht, an dem das Ökosystem "Wald" zusammenbricht.

Was nun? 

Selbst wenn die Möglichkeit bestände, daß Politiker und industrielle Führungskräfte sozusagen "trägheitslos", ohne weiteren Zeitverlust, ohne ihre Zuflucht zu neuerlichen Ausflüchten zu nehmen und unter Verzicht auf rein verbale Kraftakte, tätig würden — eine nach allen bisherigen Erfahrungen wenig plausible Annahme —, käme alle Abhilfe heute wahrscheinlich schon zu spät. Wie sehr alle bisherigen halbherzigen Maßnahmen der Entwicklung hinterherhinken, das wird der letzte wohl erst begreifen, wenn er in zehn oder fünfzehn Jahren mit seinem dann schließlich abgasgereinigten Auto durch ein baumloses, verkarstetes Mittelgebirge fährt, das lediglich aus historischen Gründen immer noch Schwarzwald oder Westerwald oder Teutoburger Wald genannt wird.

Die Radikalität, mit der unsere Gesellschaft — und damit ist jetzt selbstverständlich nicht allein unsere bundes­deutsche Gesellschaft gemeint, sondern unsere planetarische technische Zivilisation als Ganze — die von ihr tagtäglich produzierten Abfall- und Schadstoffmengen unverzüglich reduzieren müßte, um dem Wald noch eine letzte Chance einzuräumen, geht, wenn nicht alles täuscht, definitiv über das Maß hinaus, das Menschen sich aufzuerlegen fähig sind.46

Also werden die meisten von uns sich noch mit einer Welt abzufinden haben, in der es keine Wälder mehr gibt. In der Bundesrepublik wird das nach dem Urteil der Münchener Wissenschaftler etwa zur Zeit der Jahrhundertwende, in nur fünfzehn Jahren also, der Fall sein. Es steht zu vermuten, daß nicht wenige dann nachträglich die Engstirnigkeit derer verfluchen werden, die das Steuer noch rechtzeitig hätten herumwerfen können. Nicht die eigene Engstirnigkeit selbstredend, die sie daran hinderte, den Verantwortlichen rechtzeitig, etwa durch ihre Stimmabgabe als Wähler, zu dem erforderlichen Entscheidungsdruck zu verhelfen. 

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Die eigene Rolle wird dann längst erfolgreich vergessen und verdrängt sein. Das Wehklagen aber wird laut ausfallen. 

Denn der Tod unserer Wälder zieht Folgen nach sich, die gravierender sind, als es ein bloß "sentimentaler Verlust" wäre. An den Küsten des Mittelmeers können wir studieren, was es bedeutet, wenn eine Gesellschaft ihren Wald mutwillig zerstört. Sizilien und Nordafrika waren in der Antike noch fruchtbare Landstriche. Rom bezog einen Großteil seines Getreides von dort. Das Atlasgebirge war dicht bewaldet. Südlich davon, in einer Gegend, die längst von der Sahara erobert ist, verraten Mauerrelikte und Felszeichnungen, heute weitab von jeder Wasserquelle gelegen, daß dort einmal Menschen leben und ihr Auskommen finden konnten.

Das Verschwinden des Waldes hier und an den meisten anderen mediterranen Küstenstrichen war ebenfalls nicht die Folge einer Naturkatastrophe, etwa eines Klimawechsels. Der Schaden und alle seine Folgen sind auch hier "anthropogen", vom Menschen bewirkt, in diesem Falle von dem schließlich den natürlichen Nachschub übersteigenden unersättlichen Holzbedarf des Römischen Reiches.47  Die bis heute, 2000 Jahre später, spürbaren Konsequenzen in Gestalt der in der ganzen Mittelmeerregion zu registrierenden Verkarstung mit nachfolgenden Erosionsschäden, Ausdehnung der Wüstenregionen und deren Rückwirkungen auf Grundwasser und Klima sind die Folgen eines lediglich regionalen Eingriffs in das ökologische Gleichgewicht.

Wir betreiben heute das gleiche in globalen Dimensionen. Denn nicht nur bei uns auf der Nordhalbkugel schwinden die Wälder. Dort, wo die Atmosphäre den Bäumen das Überleben noch gestatten würde, in den Tropen vor allem, ist es ein alle natürlichen Regenerations­möglichkeiten überschreitender Raubbau, der die tropischen Regenwälder mit beängstigender Geschwindigkeit dahinschwinden läßt. 

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Vierzig Prozent dieses als Klimapuffer und natürlicher Kohlenstoffspeicher global (auch für uns!) biologisch unersetzlichen letzten großräumigen Ökosystems haben wir in den vergangenen Jahrzehnten bereits unwieder­bringlich zerstört.48 Wenn die jetzige Tendenz anhält, wird es in zwei bis drei Jahrzehnten nicht mehr existieren.

Neben dem sentimentalen Verlust werden wir einschneidende klimatische Veränderungen zu gewärtigen haben. Der Wegfall des Waldes wird die mit ihm verbundene Bodenvegetation dem unmittelbaren Sonnenlicht aussetzen und damit einer Situation, in der sie mangels Anpassung nicht überleben kann. Niemand sollte sich in dem Glauben wiegen, daß die im Vergleich zu mediterranen Breiten bei uns reichlicher strömenden Nieder­schläge die Erosion des Bodens in den ehemaligen Waldregionen danach noch verhindern könnten. Er wird — wie die Erfahrungen in den leer gerodeten nordamerikanischen und kanadischen Weizengebieten lehren — austrocknen.

Die Vielfalt der ihn besiedelnden Mikroorganismen, die ihn bis dahin zu einem lebenden Substrat machten, wird verkümmern. Der als Folge davon verdichtete, an seiner Oberfläche verhärtete Boden wird weitgehend die Fähigkeit verlieren, herabregnendes Wasser so rasch und so bereitwillig aufzusaugen wie zuvor. Es werden sich folglich Verhältnisse entwickeln, wie wir sie heute schon aus verkarsteten Regionen kennen: in den höheren Lagen zunehmende Austrocknung, in den Tälern zunehmende Hochwassergefahr.

Darüber hinaus wird es auch landwirtschaftliche Verluste geben. Die bei uns kultivierten Getreide- und Gemüsesorten sind seit Jahrhunderten ausgelesen und angepaßt an ganz bestimmte klimatische Verhältnisse und Bodenqualitäten. Beide Faktoren werden sich in unvorhersehbarer Weise ändern. Die Landwirte werden viele ihrer in Generationen erworbenen Erfahrungen als nicht mehr zutreffend über Bord werfen und anfangen müssen, neue Erfahrungen zu machen, die auf die veränderten Anbaubedingungen zugeschnitten sind. Spezielle Anbauformen dürften regional gänzlich verschwinden: Es ist wenig wahrscheinlich, daß alle Obst- und Gemüsesorten oder alle Rebarten den Wechsel unbeschadet überstehen könnten. Was das alles für die ländliche Infra­struktur bedeutet, ist noch gar nicht abzusehen.

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Aber auch wir Städter werden nicht bloß das emotionale Defizit zu verkraften haben, das mit dem Verschwinden einer klassischen Erholungslandschaft verbunden ist. Die unvermeidliche Umstellung der Agrarproduktion auf neue Getreide- und Fruchtsorten, die Gewöhnung an den zweckmäßigsten Umgang mit ihnen und an die veränderten Bodenverhältnisse, das alles wird viele Jahre in Anspruch nehmen. In dieser Zeit wird die landwirt­schaftliche Produktion unvermeidlich spürbar zurückgehen. Nicht nur bei uns, sondern in weiten Teilen der nördlichen Halbkugel, überall dort, wo wir heute schon in West und Ost die Symptome des Waldsterbens beobachten. 

Es mag sein, daß die außergewöhnliche Effizienz unseres Wirtschaftssystems, die im Begriff ist, uns in diese Lage hineinzumanövrieren, auch am ehesten Auswege finden und die Krise mit der ihm eigenen Dynamik in die Hand bekommen wird. Hungersnöte mögen uns daher — im Gegensatz zu anderen Gesellschaften — erspart bleiben. Aber um eine zumindest vorübergehende Rationierung bestimmter Grund­nahrungs­mittel werden wir als Bürger eines Landes, das zu seiner Versorgung auf Importe angewiesen ist, kaum herumkommen. Jedenfalls dann nicht, wenn wir die ungute Möglichkeit ausschließen, daß verantwortliche Politiker in dieser Mangelsituation auf den Gedanken verfallen könnten, die Nahrungs­mittel­verteilung sich "über den Preis selbst regeln" zu lassen.

Diese Preise nämlich werden erheblich anziehen. Es sei denn, wir schafften die freie Marktwirtschaft ab, was gewiß auch als eine die sentimentale Dimension überschreitende Konsequenz zu betrachten wäre. Solange aber weiter­hin Angebot und Nachfrage über den Preis entscheiden, wird die Ernährung in dieser Übergangszeit — wenn nicht für viel längere Zeiträume — das Budget der privaten Haushalte in dem gleichen Maße zu belasten be­ginnen wie heute schon die Energieversorgung. Man sieht, der Tod des Waldes zieht allerlei Folgen nach sich.

In der Gewißheit, dadurch abermals den Vorwurf der Panikmache auf mich zu ziehen, muß ich dennoch gleich hinzusetzen, daß damit noch keineswegs alle Übel aufgezählt sind, die das Waldsterben uns auf den Hals lädt. Wir haben die gesundheitlichen Folgen noch gar nicht bedacht. 

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Auch in dieser Hinsicht ist der Ausblick in die waldlose Zukunft alles andere als rosig. Unter der Voraus­setz­ung, daß sich die jetzige Entwicklung nicht in sehr kurzer Zeit radikal ändert, sei davon auszugehen, "daß unser Wald in seiner heutigen Form bis zum Ende dieses Jahrtausends weitgehend verschwunden sein wird", schreibt Peter Schütt. 

Was könnte das für unsere Gesundheit bedeuten? Man kommt der wahrscheinlich richtigen Antwort auf die Spur, wenn man darüber nachdenkt, warum es eigentlich der Wald ist, welcher der zunehmenden Vergiftung als erstes Ökosystem geschlossen zum Opfer fällt. Der Grund ist derselbe wie die Erklärung für die Tatsache, daß es ausgerechnet die Zerstörung der Leber ist, die sich ein Trinker zuzieht, der zu lange des Guten zuviel getan hat. Auch viele andere Gifte wirken zuallererst "lebertoxisch".

Ein Laie könnte daraus den irrigen Schluß ziehen, daß die Leber allen möglichen Giften gegenüber besonders empfindlich sei. Das Gegenteil ist der Fall. Die Leber ist von allen unseren Organen mit Abstand am besten dazu imstande, Gifte aller Art aufzufangen und unschädlich zu machen. Eben dies ist ihre spezifische Aufgabe. Aus diesem Grunde ist der Bauplan unseres Körpers so beschaffen, daß alles, was unseren Magen passiert hat, nach der Aufnahme durch die Darmschleimhaut mit dem Blutkreislauf auf einer Art Zwangskurs (durch die sogenannte Pfortader) zunächst in die Leber gelangt, bevor es im Körper verteilt wird. 

Hunderte von Enzymsystemen und anderen Einrichtungen "entgiften" dort alle Substanzen, deren chemische Eigenschaften uns gefährlich werden könnten. Die Leber ist das wichtigste "Entgiftungsorgan" unseres Körpers. Nun läßt sich die Leistungsfähigkeit auch dieses Schutzorgans selbstverständlich überfordern. Wenn jemand Alkohol chronisch im Übermaß zu sich nimmt (oder laufend größere Schlafmittelmengen oder andere toxische Substanzen), dann kann irgendwann der Punkt erreicht sein, an dem die Leber an ihre Leistungsgrenze stößt. Von diesem Augenblick ab wird sie von den Giften, die ihr ständig weiter zugehen, selbst geschädigt. Die Erkrankung des Schutzfilters, ein "Leberleiden" also, ist dann das erste Symptom der Vergiftung des ganzen, seines natürlichen Schutzmechanismus nunmehr verlustig gehenden Organismus.

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Es steht zu befürchten, daß wir die Rolle des Waldes und sein im Augenblick sichtbar werdendes Schicksal analog zu dieser pathologischen Situation aufzufassen haben. Die Filterwirkung, die der Wald auf die ihn durchstreichende Luft ausübt, ist ein seit langer Zeit erkanntes und als besonders wichtig angesehenes Phänomen. Nicht nur Staubpartikel — der Fachmann spricht hier von der "Kämmwirkung" der Bäume —, auch Kalorien bleiben in ihm hängen: Der aus einem Wald kommende Luftstrom hat an heißen Tagen eine deutlich niedrigere Temperatur als die Umgebungsluft. Kluge Stadtväter haben daher seit je für die Anlage von baumbestandenen Grünzonen am Stadtrand gesorgt.

Aber auch industrielle Schadstoffe werden nachweislich sowohl in gasförmiger Beschaffenheit (von den Blättern) als auch in flüssiger Form (von den Wurzeln nach ihrem Eindringen in den Boden) von einem Baum aufgenommen, gebunden und im eigenen Stoffwechsel abgebaut und unschädlich gemacht. Das hat lange Zeit gut funktioniert. Wie die Leber eines chronischen Trinkers durch übermäßigen Alkoholgenuß ist jetzt aber, so scheint es, auch der Wald von dem Übermaß der von ihm als Luftfilter der Atmosphäre entzogenen Giftstoffe endgültig überfordert. Er beginnt an den schädigenden Substanzen, die er bisher von uns fernhielt, nunmehr selbst zu erkranken. 

Der Vergleich mit dem Leberpatienten läßt uns schaudernd daran denken, was das bedeuten könnte.

Es könnte sich - zu spät - herausstellen, daß diese Funktion des Waldes in einer Industrielandschaft lebens­notwendig ist. 1952 starben in London - die meisten haben das längst schon wieder vergessen - mehrere tausend (!) Menschen, als es als Folge einer ungewöhnlichen Kombination ungünstiger meteor­ologischer Bedingungen über mehrere Tage hinweg zu einer extremen SO2-Konzentration in der Stadtluft kam. 

Müssen wir nicht befürchten, daß schon weniger ungewöhnliche Wetterbedingungen vergleichbare Katastroph­en auslösen könnten, wenn wir demnächst auf die "Vorreinigung" unserer Atemluft durch den Wald zu ver­zicht­en haben werden? Schon heute treten asthmaartige, von den Kinderärzten "Pseudokrupp" genannte Erstick­ungs­anfälle bei Kleinkindern vermehrt in industriellen Ballungsgebieten auf. Schon heute gibt es medizinische Statistiken bei uns, in den USA und in anderen Industriestaaten, aus denen sich ein Anstieg von chronischen Atemwegserkrankungen in Abhängigkeit von der jeweiligen durch­schnittlichen "Schadstoff­exposition" des einzelnen Patienten ersehen läßt.

Niemand kann verläßlich vorhersagen, in welchem Maße Krankheitserscheinungen dieser Art zunehmen werden, wenn wir den Wald erst einmal endgültig beseitigt haben. Aber niemand sollte sich auch der Illusion hingeben, daß Luft, die imstande war, unsere Wälder auszurotten, unsere Lungen auf die Dauer unangetastet lassen würde.  

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