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Wehrersatzdienst

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Ich kam durch mein Christentum zur Verweigerung des Waffendienstes, denn für mich galt das 5. Gebot: Du sollst nicht töten! Zur Musterung mit 18 Jahren sagte ich das noch nicht und durfte darauf fünf Jahre lang studieren. Erst während dieser Zeit, vor allem durch die Evangelische Studentengemeinde, reifte in mir der Wunsch, mich zu dem seit 1964 möglichen waffenlosen Dienst bei den Bausoldaten zu melden.

Das tat ich dann mit 23 Jahren im Jahr 1970, als ich bereits das Diplom sicher hatte, und meldete das bei der Einberufungsüberprüfung auf dem Wehrkreiskommando Dresden an. Das ging relativ unkompliziert vonstatten -ich musste keine lange Begründung abgeben. Meine Eltern unterstützten erwartungsgemäß meine Entscheidung. Vater Dietrich, Jahrgang 1900, war während seiner gesamten Dienstzeit als Pfarrer Gemeindeseelsorger in dem kleinen Bauerndorf Frankenhain in Sachsen gewesen. Während der Hitlerdiktatur gehörte er der Bekennenden Kirche an. Sein Bruder, ebenfalls Pfarrer, hielt sich dagegen zu den Deutschen Christen, die keine Probleme mit der Rassenideologie der Nazis hatten. Dadurch ging ein Riss mitten durch diese Familie. Vielleicht erhielt ich schon durch meinen Vater eine Prägung, nicht auf staatliche Ideologie hereinzufallen.

Als 99 Prozent der wehrpflichtigen jungen Männer in der DDR ihren „Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee" leisteten, diente ich ohne Waffe als Bausoldat in Groß Mohrdorf bei Stralsund. Ich nahm eine rechtliche Möglichkeit wahr, die im Prinzip seit 1964 jedem jungen Mann offen stand, jedoch aus Unkenntnis - in einigen Fällen wohl auch aus Angst - nur von wenigen genutzt wurde.

Für mich wurde die Bausoldatenzeit zu einer bedeutenden Etappe. Wer sich zu den Bausoldaten mustern ließ, meldete sich sozusagen an einer Schule an. Keine Schule für Theoretiker in Militär-, Gesellschaftsoder Politikwissenschaften. Sondern eine Schule der praktischen Erfahrung. Eine Schule für das Handwerk der Opposition. Mit der Einberufung zur Baueinheit wurde der junge Mann kein Student, sondern Lehrling. Zwar lernte er, wenn er Glück hatte, in seiner Einheit so manchen Theoretiker kennen und erfuhr viel über Mechanismen einer autoritären Diktatur. Die Herrschaftsmechanismen bekam er aber zuerst, und viel eindrücklicher als es jeder Theoretiker vermocht hätte, ganz praktisch und elementar vorgeführt. Er hatte den Widerstand gegen Herrschaft im täglichen Uberlebenskampf seiner Individualität selbst zu entwickeln. In unserer knappen Freizeit lernten wir Bausoldaten in der DDR verbotene Literatur kennen. Besonders gefähr-

lieh war der Besitz von „1984" von George Orwell. Unter großen Vorsichtsmaßnahmen gelang es mir, dieses Buch von einem Freund zu borgen und in einem Ritt durchzulesen. Auch ich gab Bücher weiter, zum Beispiel das mir von einer Westverwandtschaft geschenkte Buch „Freiheit" von Martin Luther King. Es handelt vom Busstreik in Montgomery im Jahr 1955. Die Gedanken des Trainings der Gewaltfreiheit ermunterten uns immer wieder zu fruchtbaren Gesprächen. Ein kultureller Höhepunkt war die szenische Lesung des Dramas „Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert, in dem ich die Hauptrolle sprechen und singen durfte. Erstaunlich, dass die Vorgesetzten keine Einwände gegen die Aufführung dieses Anti-Kriegs-Dramas erhoben.

Aber ich habe meine Bausoldatenzeit vor allem als Schule praktischer Opposition gegen Befehlsgewalt erlebt. Darum habe ich damals, 1970 bis 1972, nicht gelernt, wie man politische Essays schreibt, sondern wie man sich unerlaubt von der Truppe entfernt. Ich lernte nicht, Reden zu halten, dafür aber die Vorgesetzten auszutricksen. Auch viele meiner Freunde in der Baukompanie beherrschten weniger die Schreibkunst, als das Übersteigen von Zäunen. Sie hatten Hände, die zu gebrauchen weniger Intellekt, als viel mehr Mut erforderte.

War es eine mutige Tat, eine konspirative Gruppe zu gründen? Irgendwann im Jahre 1971 suchte ich mir aus jeder der fünf Zehn-Mann-Baracken der Baustelle Groß Mohrdorf einen Menschen, mit dem ich über alles reden konnte. Bald trafen sich Christoph, Konrad, Michael, Wolfgang und ich ganz heimlich irgendwo im Gelände und verabredeten regelmäßige Beratungen über alles, was sich um uns zutrug. Wir wollten nicht von Offizieren bemerkt, aber auch nicht von den Stasi-Spitzeln unter uns verraten werden. So trafen wir fünf uns unbemerkt, mal in einem Bauwagen, mal in einem Zelt, mal in einem der Bunker, die wir gerade bauten. Wir redeten über die Schikanen der letzten Woche, über die Möglichkeit, die Arbeitsleistungen noch weiter herunterzuschrauben, über drohende Bestrafungen, aber auch über die Gefahr der Korrumpierung einzelner durch Belobigungen wegen ihrer guten Arbeit. Sogar über Sabotageaktionen dachten wir nach.

Hatte dies Konsequenzen? Zuerst wohl nur für uns, indem wir glaubten, eine widerständige Zelle aufgebaut zu haben. Wenn wir zurück in unsere Baracken kamen, merkte keiner etwas. Keiner sah uns unseren Mut an. Nur einmal, als wir gemeinsam an dem einzigen Pfarrer unter uns, dem allseits beliebten Siegfried Neher, vorbeikamen, lästerte dieser, nur für uns hörbar: „Aha, man konspiriert wohl wieder."


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Lange beschäftigte uns Helmut, ein für uns undurchsichtiger Bausoldat. Mal belehrte er uns, dass man im Falle des Aufstandes zuerst die Energiezentralen abschalten müsse. Ein andermal behauptete er, schon für die Stasi gearbeitet zu haben. Mal begehrte er auf, ein andermal duckte er sich ab. Nie wussten wir, ob er eine Strategie hatte und ob wir eventuell gemeinsame Sache mit ihm machen könnten.

Dann trat er plötzlich und für uns unerwartet zu den Soldaten über. Seine offizielle Begründung: die für ihn überzeugenden Gespräche mit dem Polit-ofEzier. Inoffiziell uns gegenüber: Wir Bausoldaten seien doch allesamt Flaschen und zu keinen wirklichen Aktionen fähig. Wie auch immer: Es gab eine feierliche Vereidigung durch den Bataillonskommandeur, Lob mit Beförderungsaussicht für den Politoffizier und einen Feiertag für die Stubengenossen des neuen Soldaten. Diese erzählten uns aber später, dass Helmut sich manchmal merkwürdig verhielt. Er schmiss sich aufs Bett, lachte und weinte gleichzeitig, war öfters nicht ansprechbar. Wir fünf beschlossen darauf, Näheres in Erfahrung zu bringen. Es sollte uns nicht gelingen, denn bald verschwand Helmut spurlos.

Nach etwa drei Monaten verkündete der Politoffizier beim Appell: „Der ehemalige Soldat Helmut Seh. wurde wegen staatsfeindlicher Hetze durch das Bezirksgericht Halle zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt." In dem allgemeinen Erschrecken hörten wir den Offizier

beim Weggehen sagen: „Er hätte zehn Jahre bekommen sollen." Ich weiß bis heute nicht, was Helmut getan hatte und was aus ihm wurde. Vermutlich wurde er irgendwann freigekauft und einmal hörte ich bei einem Ehemaligen-Treffen gerüchteweise, dass er in München lebe. Noch oft träumte ich von ihm.

Wegen meiner Entscheidung zum Wehrersatzdienst war dann nach meiner Dienstzeit als Bausoldat ganz klar meine Karriere zu Ende. Ich durfte zwar als einfacher wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Datenverarbeitung, und zwar im Kombinat Robotron Karl-Marx-Stadt arbeiten, hatte jedoch keinerlei Aufstiegschancen. Selbst Gruppenleiter durfte ich nicht werden oder eine vergleichbare Funktion einnehmen.

Unmittelbar nach ihrer Entlassung leistete eine Gruppe ehemaliger Bausoldaten, zu denen ich gehörte, einen Arbeitseinsatz im zivilen Bereich, um ihre Bereitschaft zu einem echten Zivildienst zu demonstrieren. Das fand im Klärwerk Münchehofe bei Berlin statt. Nach dem zweiwöchigen Arbeitseinsatz schickten wir einen Brief an Erich Honecker, in dem wir um die Einführung eines zivilen Ersatzdienstes in der DDR baten. Auf diese Eingabe erhielten wir jedoch keine Antwort. Auch eine Erinnerung von mir persönlich an Honecker fruchtete nicht.


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Trotz der Karriereverweigerung (oder vielleicht gerade deswegen?) blicke ich positiv auf meine Bausoldaten-Zeit zurück. Natürlich gab es Schikanen. Auf der anderen Seite lernte ich zahlreiche wertvolle Menschen kennen, die mir interessante Anregungen gaben. Deswegen spreche ich von dieser Zeit als meiner „Schule der Opposition"

Auf einem im September 2004 veranstalteten Bausoldaten-Kongress in Potsdam traf ich auf Menschen, die ganz ähnlich wie ich durch ihre„Spaten-Zeit" entscheidend geprägt wurden, wie zum Beispiel Rainer Eppelmann, den Vorsitzenden der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Arbeitseinsatz ehemaliger Bausoldaten unmittelbar nach ihrer Dienstzeit („19. Monat") im Klärwerk Dahlwitz-Hoppegarten bei Berlin


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Erlebnisse mit der Staatssicherheit in Karl-Marx-Stadt

Nach meiner Bausoldatenzeit begann ich 1972 meine berufliche Tätigkeit als Programmierer in Karl-Marx-Stadt. Ich merkte, dass unangepasstes Verhalten in der DDR Tribut kostete. Meine Neinstimme zur Volkskammerwahl und meine Nichtteilnahme an der jährlichen Maidemonstration kosteten mich noch nichts.

Anders wurde es, als ich auf die Idee kam, mich zur Mai-Demonstration mit einem selbst gemalten Plakat zu beteiligen. Ich hatte auf dem Weihnachtsmarkt 1974 in Karl-Marx-Stadt einen jungen Mann gesehen, der ein Pappschild mit folgender Aufschrift trug: „Wo bleiben die Menschenrechte der UNO?" Es dauerte nicht lange, bis er von zwei Polizisten abgeführt wurde. Ich fragte mich, was passieren würde, wenn jemand nicht auf dem Weihnachtsmarkt, sondern auf einer öffentlichen Kundgebung derartig demonstrieren würde. Diese Gedanken hatte ich Anfang 1975, knapp drei Jahre nach meiner Bausoldatenzeit. Sie bedeuteten für mich den Übergang von der passiven zur aktiven Opposition,

Ich musste all meinen Mut und Gottvertrauen, alles was ich in den anderthalb Jahren Bausoldatenzeit gelernt hatte, aufbieten, um mich zu meiner Aktion am 1. Mai, dem „Kampftag der Werktätigen" durchzuringen. Als ich endlich ent-

Ich reihe mich zur offiziellen Maikundgebung mit einem selbst gefertigten Schild in den Demonstrationszug ein.

schlössen war, es zu wagen, rechnete ich mit Reaktionen der Sicherheitskräfte. Deshalb plante ich meine Demonstration für die Menschenrechte als Einzelaktion. Ich weihte niemanden ein, um das Risiko gering zu halten. Denn ich wusste damals schon, dass die Strafe härter ausfallen würde, wenn die Tat in einer Gruppe geplant worden wäre. Als Losung wählte ich einen positiven Spruch: „Für die Verwirklichung der Menschenrechte!" Diesen malte ich auf ein großes Hartfaserschild, das ich zunächst auf der Schulter trug und erst, nachdem ich mich auf der Bahnhofstraße in den Zug eingereiht hatte, hochhielt. Überraschenderweise geschah an diesem 1. Mai 1975 nichts. Ungehindert konnte ich mit dem Plakat, das unübersehbar die Verwirklichung der Menschenrechte for-


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derte, im Zug mitmarschieren, auch am „Karl-Marx-Schädel" und an der Tribüne vorbei. Volkspolizei und Staatssicherheit müssen völlig unvorbereitet gewesen sein, denn es gelang ihnen offenbar nicht, mich rechtzeitig aus dem Marschzug herauszuholen. Als sich der Zug auflöste, stellte ich das Plakat unauffällig an einer Hauswand ab.

Erst im nächsten Jahr, am 1. Mai 1976, waren die Sicherheitskräfte vorbereitet. Kriminalisten hatten inzwischen meine „Täterschaft" anhand von Fotos ermittelt und nun war es der Staatssicherheit mit ihrem riesigen Überwachungsapparat ein Leichtes, mich abzufangen, bevor ich den Demonstrationszug erreichte. In meiner Stasi-Akte, die den bezeichnenden Titel „Operativer Vorgang Spaten" trägt, ist nachzulesen, dass mich die Herren von der Abteilung VIII bereits rechtzeitig vor dem Haus Ehrlichstraße 20, in dem ich damals wohnte, erwarteten. Auf meinem Schild stand diesmal das Wort ABRÜSTUNG, umrahmt von Symbolen der Friedensbewegung. Nur einige hundert Meter, nachdem ich das Haus verlassen hatte und, das Plakat auf dem Rücken, zur Haltestelle der Straßenbahn strebte, kam mir ein Auto vom Typ Wartburg entgegen. Drei Herren stellten sich mir als Ministerium für Staatssicherheit vor, verfrachteten mich samt Plakat ins Auto und fuhren mich auf den Kaßberg. Dort befand sich damals die Bezirks-

verwaltung Karl-Marx-Stadt des Ministeriums für Staatssicherheit, mit dem ich bis zu diesem Zeitpunkt wissentlich noch nicht zu tun hatte. Unwissentlich hatte ich durchaus schon seit geraumer Zeit mit den Männern dieser Behörde zu tun, denn deren Spitzel tummelten sich, wie ich später in den Akten nachlesen konnte, auch in den kirchlichen Kreisen, in denen ich verkehrte, beispielsweise in der Evangelischen Studentengemeinde, im Jugendpfarramt und in der Bonhoeffer-Gemeinde.

Ich verlasse mein damaliges Wohnhaus mit dem Abrüstungsschild auf dem Rücken, um mich ins Stadtzentrum von K.-M.-Stadtzu begeben.


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Die Herren, die mich dann vernahmen, zeigten sich entsprechend informiert, was mich anfangs mächtig beeindruckte. Die Vernehmungszimmer befanden sich damals in einem unauffälligen Gebäude an der Henriettenstraße. Das Verhör — im Stasi-Deutsch „Befragung" - dauerte laut Protokoll sechs Stunden und endete mit Belehrungen und Drohungen. Ich verließ das Gebäude mit weichen Knien und mit der Ungewissheit, wem meiner Freunde ich nun noch trauen könnte und ob ich überhaupt meine Erlebnisse bei der Stasi irgendjemandem mitteilen könne. Wiederum brauchte ich eine ganze Zeit, um mit dieser Erfahrung umgehen zu können und mich Gleichgesinnten zu öffnen. Ich lernte, über welche Druckmittel eine Geheimpolizei im Vergleich zur normalen Polizei verfügt. Sie hatte die Möglichkeit, Verdächtige konspirativ zu verhaften, so dass kein Angehöriger des Beschuldigten davon erfuhr. Die Staatssicherheit betrachtete mich von dieser Zeit an, wie ich später in den Akten nachlesen konnte, als„Demonstrativtäter". Wenn ich die Protokolle, Berichte und Maßnahmepläne heute lese, frage ich mich, wer damals mehr Angst hatte: ich vor der Staatssicherheit oder die Staatssicherheit vor mir.

Falls die Staatssicherheit Angst vor mir hatte - und einige Aktenstellen deuten darauf hin - heißt das noch lange nicht, dass ich damals keine Fehler gemacht hätte. Es gibt wohl einiges, was

Die Stasi fotografiert mein konfisziertes Plakat für meine Akte.

ich in meiner Zeit als Bürgerrechtler in der DDR falsch gemacht habe. Zum Beispiel habe ich bei meinen ersten Befragungen durch das Ministerium für Staatssicherheit am 1. Mai 1976 auf dem Kaßberg im Anschluss an meine versuchte Demonstration für Abrüstung viel zu viele Fragen beantwortet. Leider beantwortete ich auch Fragen nach Bausoldaten, mit denen ich in Verbindung stand, nannte Namen: ein unverzeihlicher Fehler. Bei einer Vernehmung oder Befragung - das lernte ich erst später - sollte man niemals Namen nennen. Ich lernte dann auch, dass die Strafprozessordnung der DDR den Beschuldigten in der Vernehmung außer zu seinen eigenen persönlichen Daten - Name, Geburtsdatum, Wohnung - nicht zu irgendeiner Aussage verpflichtet.

Dadurch wurde es mir möglich, mich bei späteren Vernehmungen anders zu verhalten. Ich lernte aus meinen Fehlern. So kam es dann zu Dialogen wie dem folgenden aus dem Jahre 1983 in Berlin: Vernehmer: „Von wem erfuhren Sie, dass am 1. September eine Menschenkette von der amerikanischen zur sowjetischen Botschaft gebildet werden sollte?" Böttger:„Das sage ich Ihnen nicht." Vernehmer:„Warum sagen Sie das nicht?" Böttger: „Ich sage Ihnen auch nicht, wa-

rum ich Ihnen das nicht sage." An dieser Stelle gab der Vernehmer meist auf und wechselte das Thema. Wieder in Freiheit, berichtete ich dann meinen Freunden von den Erfahrungen bei diesen Befragungen. Daraus entwickelten sich regelrechte juristische Beratungen für Menschen, denen Zuführungen und Verhaftungen drohten. Dabei erfuhr ich: Wer andere richtig beraten will, muss die Erfahrung selbst gemacht haben.

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   Ankunft in Berlin  

Im Jahr 1976 ergab sich für mich, der sich auf seiner Arbeitsstelle beim VEB Robotron in Karl-Marx-Stadt zunehmend langweilte, eine Gelegenheit, nach Berlin zu wechseln. Ein Freund hatte als Mathematiker am Haus der Gesundheit in Berlin seine Stelle als Statistiker gekündigt und empfahl mir, mich auf diese Stelle zu bewerben. Ich sagte mir: Statistik müsste ich als Physiker mit solider mathematischer Ausbildung doch auch können, und bewarb mich. Die Abteilung Psychotherapie nahm meine Bewerbung an und so konnte ich in die Hauptstadt umziehen. Die Arbeit bestand im Wesentlichen aus der statistischen Auswertung psychotherapeutischer Gesprächsgruppen. Auch psychologische Fragebögen galt es auszuwerten. Also eine durchaus interessante Sache. Bald stellte sich jedoch heraus, dass ich mit den Psychologinnen und Psychologen immer weniger klar kam - oder sie nicht mit mir. Einerseits erlebte ich sie als Freudianer, obwohl Sigmund Freud in der DDR verpönt war. Andererseits bemerkte ich bei den meisten von ihnen ein sehr angepasstes Verhalten gegenüber staatlichen Erwartungen. Deshalb schloss ich mit meiner Arbeitgeberin nach bereits acht Monaten einen Aufhebungsvertrag, obwohl ich noch kein neues Arbeitsverhältnis in Aussicht hatte. Viele meiner Bekannten wunderten sich darüber.

Teilnahme an der Maidemonstration 1980 in Berlin, Karl-Marx-Allee

Also machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle und fand sie auch bald im Versorgungskontor Leder. Dort durfte ich einen Kleinrechner programmieren. Auch der Großhandel in der DDR inklusive Lagerhaltung war durchaus interessant, aber befriedigte mich ebenfalls nicht auf Dauer. Nach zwei Jahren, im Sommer 1979, erhielt ich eine wirklich interessante Arbeitsstelle an der Bauakademie Berlin im Institut für Projektierung und Standardisierung. Dort ging es um statische Berechnungen an mehrgeschossigen Bauwerken. Zur Verfügung stand ein Großrechner der Reihe ESER, an dem ich schon in Karl-Marx-Stadt gearbeitet hatte. Ich müsste nur eine neue Programmiersprache lernen, in diesem Falle PL/1. Der größte Vorteil für mich: Ich konnte meine abgebrochene Dissertation an der TU Dresden bei Prof. Landgraf fortsetzen. Im Jahr 1980 reichte ich sie in Dresden als externer Aspirant ein und verteidigte sie im Jahr 1982 erfolgreich. Sie wurde mit „magna cum laude" bewertet.


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Politisch hatte ich mich an diesen Arbeitsstellen relativ ruhig verhalten, aber zum 1. Mai 1980 erwachte wieder mein Demonstrationstrieb. Ich bereitete ein Plakat vor mit einem Stahlhelm, aus dem eine Blume wächst. Zu diesem Motiv hatte mich das Friedensseminar in Königswalde bei Werdau inspiriert. Meine Ehefrau war eingeweiht und begleitete mich bis zur Karl-Marx-Allee. Versteckt hinter dem Kinderwagen, in dem unser erster Sohn Daniel saß, fotografierte sie mich. Bald wurde ich von einem Polizisten abgeführt und zum Verhör in die Stasi-Zentrale gebracht.

Prof. Günther Landgraf, TU Dresden, gratuliert mir zur erfolgreichen Verteidigung meiner Dissertation 1982

Das Plakat wurde konfisziert und ich einer Befragung unterzogen. Der Offizier wollte wissen, warum ich schon wieder eigenmächtig mit einem Plakat unterwegs war, obwohl ich doch schon vier Jahre zuvor in Karl-Marx-Stadt deswegen verwarnt worden war. Damals hatte die Stasi meine Aktion als Provokation gewertet. Meine Antwort laut Protokoll: „Ich war bereits 1976 der Auffassung, dass mein Auftreten mit einem selbst gefertigten Plakat mit einem derartigen Inhalt keine Provokation darstellt. Auch sehe ich in meinem heutigen Auftreten keine Provokation. Die Meinung der Angehörigen der Sicherheitsorgane, die mir 1976 mitteilten, dass ich derartige Handlungen in der Folgezeit unterlassen soll, ist für mich nicht maßgeblich, weil meine diesbezügliche Handlung keine Straftatbestände verletzt."

Nach der mehrstündigen Befragung fühlte ich mich zwar gestresst und wohl auch ein bisschen verängstigt, hatte aber das gute Gefühl, wieder einmal mit dem Schrecken davon gekommen zu sein. Wieder hatte ich etwas gelernt und meine Widerständigkeit trainiert. Von Berliner Freunden erfuhr ich, dass eine Verhaftung am frühen Morgen sehr unangenehm sein kann, wenn man unvorbereitet aus dem Bett geholt wird. Da war es für mich schon besser, wenn ich wenigstens den Zeitpunkt meiner Verhaftungen einigermaßen selbst bestimmen konnte.


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Juristische Beratung in Berlin

Am 25. November 1987 stürmte die Staatssicherheit den Keller des Gemeindehauses der Zionskirche in Berlin. Sie nahm vier junge Menschen fest, die gerade dabei waren, die Untergrundzeitschrift „Umweltblätter" zu drucken. Sie wurden „auf frischer Tat" ertappt, staatsfeindliches Material zu vervielfältigen. Im Stasi-Jargon hieß diese Aktion„Falle" und sollte dazu dienen, staatsgefährdende Umtriebe zu bekämpfen.

In Windeseile sprach sich diese Aktion in der oppositionellen Szene in Ostberlin herum. Wir versammelten uns am Folgetag in der Zionskirche und berieten, was zu tun sei. Einige Jugendliche hatten bereits auf dem Kirchendach einen Spruch auf einer großen Stoffbahn angebracht, die weithin den Protest gegen die Verhaftungen zum Ausdruck brachte. Mit einer Feuerwehrleiter nahmen Polizisten diese Stoffbahn sehr schnell wieder ab.

Am Abend des 28. November trafen sich die jugendlichen Unterstützerinnen und Unterstützer der Umweltbibliothek im Gemeindesaal der Zionskirche. Wir beschlossen, eine Mahnwache vor der Kirche zu installieren. Dabei entstand die Frage, was wir der Polizei sagen würden, warum wir hier stünden. Sollten wir einfach nur stummen Protest demonstrieren? Ich schlug vor, diese Aktion einfach nur

„Protest gegen Verhaftungen" zu nennen. Das Wort Protest war selbst nicht verboten, so wie vielleicht Rücktrittsforderung oder Umsturzaufrufe. Immerhin gab es das Wort „Protest" in der Strafprozessordnung der DDR als ein Mittel des Staatsanwaltes gegen ein aus seiner Sicht zu mildes Urteil. Wir einigten uns also schnell auf diese Sprachregelung und begannen abends 11 Uhr mit der Mahn wache.

Kaum hatten wir uns vor die Kirche gestellt, kam ein Polizist auf uns zu und sagte: „Diese Protestaktion ist illegal. Entfernen Sie sich sofort!" Ich fragte mich, wieso der Polizist das Wort „Protest" verwendete, obwohl es nicht auf unseren Plakaten stand. Das musste ihm ein Spitzel, der zu unserer vorhergehenden Beratung anwesend war, gesteckt haben. Als wir der Polizei nicht Folge leisteten, verfrachtete sie uns unter Anwendung leichter Gewalt in einen bereit stehenden LKW Noch auf der Ladefläche ergriff ich die Gelegenheit, meine juristische Beratung fortzusetzen und die Verhafteten zu ermutigen. Ich sagte, dass man bei einem Verhör durch Polizei oder Staatssicherheit zwar eigenen Namen und Adresse sagen müsse, nicht aber die Namen von Freunden und Bekannten. Das Verschweigen der Namen von „Mittätern" sei nicht strafbar. Ich empfahl, bei der Sprachregelung „Protest" zu bleiben, weil dieses Mittel auch nach DDR-Recht nicht strafbar sei.


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Auf dem gleichen LKW befand sich auch die engagierte Mitarbeiterin der städtischen kirchlichen Jugendarbeit Marianne Birthler. Wir kannten uns schon flüchtig durch die.Jnitiative Frieden und Menschenrechte". Nachdem die etwa 30 Protestierenden im Polizeipräsidium Keibelstraße abgeladen und in eine Art Klassenzimmer geführt wurden, mussten wir sehr lange auf unsere Vernehmungen warten. Etliche Jugendliche machten es sich auf Stühlen und auf dem Fußboden bequem. Marianne und ich beneideten diese jungen Leute um ihre Fähigkeit, in fast jeder Lage schlafen zu können.

Irgendwann nach ermüdenden Einzelverhören wurde die gesamte Gruppe am nächsten Vormittag auf freien Fuß gesetzt. Alle begaben sich wieder zur Zionskirche und stellten erfreut fest, dass die Mahnwache weiterging. Sie hatte sich nur vom Vorplatz der Kirche in deren Eingangsbereich zurückgezogen. Nach nur wenigen Tagen wurden die vier Aktivisten der Umweltbibliothek entlassen, wobei der Vorwurf der staatsfeindlichen Tätigkeit zunächst aufrechterhalten wurde. Trotzdem feierte die oppositionelle Szene in Ostberlin diese Aktion, die wenig später als „Schlacht um Zion" in die Untergrundliteratur einging, als ihren Sieg.

Ausreiseangebote der Stasi

Am 10. Dezember 1987, dem Tag der Menschenrechte, begaben sich Werner Fischer, Peter Grimm, Ralf Hirsch, Gerd und Ulrike Poppe, Sinico Schönfeld, Wolfgang Templin und ich auf den Weg zum DDR-Komitee für Menschenrechte. Wir wollten am Sitz dieser Alibi-Institution eine Erklärung darüber abgeben, was wir unter der Wahrung der Menschenrechte verstehen. Dazu trafen wir uns ganz in der Nähe des unscheinbaren Gebäudes an der Otto-Grotewohl-Straße, Ecke Behrenstraße. Die Staatssicherheit war über die geplante Aktion bereits informiert, wahrscheinlich durch ihren Spitzel Sinico Schönfeld, und erwartete uns dort. Man lud uns auf einen LKW. Ulrike Poppe konnte den Stasileuten klar machen, dass ihre Kinder unbeaufsichtigt blieben, wenn sie nicht sofort in ihre Wohnung zurückkehren könnte. Daraufhin durfte sie den LKW verlassen. Wir sieben anderen wurden in einen Zuführungsstützpunkt der Volkspolizei nach Rummelsburg gefahren. Jeder von uns erhielt einen Platz in einem käfigartigen Raum im Keller. Dann wurden wir einzeln zu stundenlangen Befragungen geholt. Die befragenden Stasi-Offiziere wollten vor allem wissen, wer die westlichen Medien über unsere Aktion informiert hatte. Ich gewann den Eindruck, dass die Stasi nichts so sehr fürchtete wie die westdeutsche Öffentlichkeit. Bei mir fand sie


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Visitenkarten von Hartmut Jennerjahn (dpa) und Hans-Jürgen Börner (ARD). Ich wusste bereits, dass Kontakte zu westlichen Journalisten nicht strafbar waren, und konnte entsprechende Fragen gelassen beantworten.

In der Stasi-Akte heißt es dazu laut Befragungsprotokoll: „Haben Sie die Absicht, zu den Korrespondenten JENNERJAHN und BÖRNER Kontakt aufzunehmen? Antwort: Bis jetzt habe ich nicht diese Absicht. Aber wer weiß, wenn ich eventuell mal schlecht behandelt werde. Aber dazu habe ich bis jetzt keinen Grund, mich über meine Behandlung während der Befragung zu beschweren."

Normalerweise endeten derartige Befragungen spätestens nach 24 Stunden, so wollte es das Polizeigesetz. Da nun aber am nächsten Tag Michail Gorbatschow in Ostberlin weilte, wollte der Staat nicht, dass wir dem sowjetischen Staatsoberhaupt in die Arme laufen. Also wurde die Frist auf 48 Stunden gemäß einer Ausnahmeregelung in der Strafprozessordnung verlängert. Dagegen beschwerten sich Werner Fischer und ich, natürlich ohne Erfolg. Nach fast zwei vollen Tagen wurden wir aus der Untersuchungshaftanstalt Berlin-

Rummelsburg entlassen. Ganz am Ende kam ein erkennbar höherer Stasi-Offizier auf mich zu und unterbreitete mir folgendes Angebot: „Hinsichtlich Ihrer Person bestehen keine Hindernisse, Ihren ständigen Wohnsitz ab sofort bei denjenigen Personen zu nehmen, die Ihnen für Ihre gesetzwidrigen Aktivitäten die entsprechende Inspiration, Anleitung und Unterstützung geben." Dieses Angebot - man könnte es auch Ausreiseantrag nennen - erhielten alle zugeführten Personen. Niemand ging darauf ein.

Als ich nun endlich nach der zweitägigen Inhaftierung auf freiem Fuß war, hätte ich eigentlich sofort nach Hause zu meiner Familie gehen sollen. Ich hatte aber just für den Abend meiner Entlassung eine Theaterkarte einstecken. Die Volksbühne zeigte eine Dramatisierung des Romans „Meister und Margarita" von Michail Bulgakow. Dieses Stück wollte ich nun unbedingt auch noch sehen und verlängerte dadurch meine Abwesenheit von meiner Familie um zwei Stunden. Die Aufführung wurde für mich nach den Hafterlebnissen zu einer bleibenden Erinnerung. Ich erhielt die Gelegenheit, die gerade zu Ende gegangene Haft mit den viel härteren Repressalien Stalins in Moskau zu vergleichen.


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Friedensbewegung

Unmittelbar nach dem Wehrdienst ohne Waffe hatte ich mich an der Initiative ehemaliger Bausoldaten für regelmäßige Treffen in Südwestsachsen beteiligt. Die Zusammenkünfte

sollten zum Austausch über politische und weltanschauliche Probleme dienen und zur Beratung über praktische Möglichkeiten von Pazifisten in der schon damals sehr militarisierten DDR. Diese „Friedensseminare" fanden seit 1973 bis 2019 in der Regel zweimal jährlich in kirchlichen Räumen in Königswalde bei Werdau in Sachsen statt. Seit Ende der siebziger Jahre erreichte die Teilnehmerzahl mehr als hundert, aus dem Süden der DDR und darüber hinaus.

An den Seminaren beteiligten sich neben ehemaligen Bausoldaten junge Männer, denen die Entscheidung über ihren Wehrdienst bevorstand, sowie insgesamt an diesen Themen interessierte junge Menschen. Der pazifistische Impuls der Initiatoren führte zunächst zu Themen wie der Wehrdienstverweigerung und der Militarisierung der Gesellschaft. Mit der Entwicklung der Friedensbewegung im Zusammenhang mit der Nachrüstungsdebatte und entstehenden Kontakten zu westlichen Aktivisten kamen Fragen der internationalen Abrüstung, der Blockkonfrontation und der Umweltbelastung hinzu. Die Seminare hatten

kulturelle Rahmenprogramme mit verbotenen oder halblegalen Schriftstellern, Liedermachern und Liedermacherinnen. Bettina Wegner sang an einem Abend „Sind so kleine Hände". Auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung zu Beginn der achtziger Jahre nahmen mehrere hundert Menschen an den Seminaren teil, und es hatten sich eine Reihe ähnlicher Seminare nach dem Vorbild Königswalde gebildet, vornehmlich im Süden der DDR, aber auch in Mecklenburg und Berlin.

In Königswalde waren es vor allem der Begründer des Friedensseminars Hans-Jörg Weigel, der für mich Vorbild wurde, sowie Georg Meusel, der dann im Jahr 1998 das Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage in Werdau gründete.

Ich selbst wurde nur einmal als Referent in das Friedensseminar Königswalde eingeladen, und zwar als Ersatz für den im Mai 1990 vorgesehenen Dr. Wolfgang Schwarz vom Institut für Internationale Politik und Wirtschaft in Berlin. Aus bis heute ungeklärten Umständen erhielt er durch einen gefälschten Telefonanruf eine Absage und stand deswegen nicht mehr zur Verfügung. Da dem Leiter des Seminars nun der Referent abhanden gekommen war, galt es, kurzfristig einen Ersatz zu suchen, und ich wurde


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angefragt. Nach nur kurzem Zögern - schließlich bin ich kein eloquenter Redner - sagte ich zu. Und war dann am 19. Mai 1990 in der Jacobikirche Königswalde zur Stelle. Mich erwarteten über 100 Zuhörerinnen und Zuhörer. Als Thema wählte ich in Absprache mit Hans-Jörg Weigel die Frage.Jst ein geordnetes Zusammenwachsen Deutschlands möglich?" Ausgehend von Willy Brandts berühmtem Ausspruch „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört" sagte ich: „Jetzt wuchert zusammen, was zusammen gehören sollte." Damit kritisierte ich die Absicht der schnellen Vereinigung der beiden deutschen Staaten aus ökonomischer und verfassungsrechtlicher Sicht.

Noch heute bin ich der Auffassung, dass die Währungsunion vom 1. Juli 1990 wegen des unrealistischen Umtauschkurses von 1:1 eine wesentliche Ursache für den Niedergang der ostdeutschen Wirtschaft war. Wie sollten die Unternehmen die über Nacht um das Dreifache gestiegenen Löhne bezahlen? Vielleicht wären Lohnsubventionen an ostdeutsche Unternehmen das richtige Mittel gegen Betriebsschließungen gewesen.

Nachdem ich seit 1972 als Informatiker in Karl-Marx-Stadt gearbeitet hatte, lebte ich seit 1976 in Berlin und heiratete 1978. Meine Frau hatte ich 1976 auf einem regionalen Kirchentag in Zwickau

Am 19. Mai 1990 hielt ich das Referat auf dem Friedensseminar in Königswalde.


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kennen gelernt. Wir bekamen von 1979 bis 1987 fünf Kinder. Ich promovierte 1982 und arbeitete als Physiker und Informatiker. Zwischen 1983 und 1985 unterbrach ich meine Berufstätigkeit, um die Kleinkinder zu versorgen.

In Berlin gehörte ich bald zu den aktiven Mitgliedern der Friedensbewegung. So beteiligte ich mich an den regelmäßig stattfindenden kirchlichen Friedenswerkstätten in der Erlöserkirche Berlin und an Friedensgebeten. Vom 6. bis zum 9. August 1983, den Jahrestagen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, traf sich eine kleine Gruppe auf dem Gelände der Erlöserkirche zu einer Fastenaktion. Sie war als Solidaritätsaktion mit einer Gruppe in Frankreich gedacht, die so lange fasten wollte, bis erste Schritte zur atomaren Abrüstung eingeleitet würden. Während des Fastens entstand die Idee, am 1. September, dem Weltfriedenstag, eine Menschenkette von der amerikanischen bis zur sowjetischen Botschaft zu bilden.

Dieser Versuch einer Demonstration vor den zwei Botschaften während der Phase der stärksten Mobilisierung der Friedensbewegung unmittelbar vor dem Nachrüstungsbeschluss des Bundestages wurde jedoch durch die Staatssicherheit vereitelt. Am 1. September 1983 hatte ich noch an dem abendlichen Friedensgebet in der Golgathakirche mit Pfarrer Peter Hilsberg teilgenommen. Auf der

Orgel spielte ich den Choral „Vor deinen Thron trete ich hiermit" von Johann Sebastian Bach. Anschließend wollte ich zusammen mit Elisabeth Gibbels, die als Mitglied der Gruppe „Frauen für den Frieden" ebenfalls an der Menschenkette teilnehmen wollte, mit Kerzen zur Straße Unter den Linden vor die sowjetische Botschaft gehen. Zwei Polizisten kontrollierten unsere Ausweise und als wir unsere Kerzen entzünden wollten, schlugen sie uns diese aus den Händen.

Die Staatsdiener brachten uns zunächst in eine nahe gelegene Polizeistation, anschließend in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz und nach einem nächtlichen Verhör in die Untersuchungshaftanstalt Pankow des MfS. Es wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der Vorwurf: „Beeinträchtigung staatlicher oder gesellschaftlicher Tätigkeit". Der Vernehmer zeigte mir das Strafgesetzbuch der DDR. Dort stand im § 214, Absatz 1: „Wer die Tätigkeit staatlicher Organe durch Gewalt oder Drohungen beeinträchtigt oder in einer die öffentliche Ordnung gefährdenden Weise eine Mißachtung der Gesetze bekundet oder zur Mißachtung der Gesetze auffordert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung, Haftstrafe, Geldstrafe oder mit öffentlichem Tadel bestraft." Unser Versuch, eine Menschenkette auf dem Bürgersteig zu bilden, sollte also


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die staatliche Tätigkeit gefährdet haben! Als Verteidiger wählte ich Gregor Gysi und glaubte, mich mit seiner Hilfe gegen den absurden Tatvorwurf ausreichend wehren zu können. Schon in den Vernehmungen sagte ich, dass man auf dem Bürgersteig nicht demonstrieren könne, und hoffte, dass mich Gysi in der Gerichtsverhandlung in meiner Verteidigungsstrategie unterstützen würde. Durch dieses Verfahren drohte für mich das erste Mal ganz unverhohlen eine Gefängnisstrafe,

Zu einer Verhandlung kam es jedoch nicht. Nach Interventionen von Grünen, SPD- und CDU-Mitgliedern aus der Bundesrepublik, die sich an den Regierenden Bürgermeister von Westberlin gewandt hatten, wurde ich schon nach zwei Wochen freigelassen. Wie lief das ab? Bürgermeister Richard von Weizsäcker war am 15. September bei Erich Honecker zu Gast, sprach während eines Essens die ihm mitgeteilten Fälle von willkürlichen Verhaftungen an und bat um Freilassung der politischen Gefangenen. Als Gegenleistung dürfte finanzielle Unterstützung der DDR gestanden haben. Drei Stunden später waren Elisabeth und ich frei. Als ich nach der 14-tägigen Untersuchungshaft nach Hause kam und meine Ehefrau in die Arme schließen konnte, begrüßte mich mein vierjähriger Sohn Daniel mit den Worten: „Na, Papa, wie war es denn so im Kerker?"

Ich baute auch in Berlin Kontakte zu westdeutschen Grünen und anderen westlichen Mitgliedern der Friedensbewegung auf. Diese basierten auf dem ausdrücklich blockübergreifenden Verständnis der Friedensbewegungen in Ost und West, die sich miteinander gegen die jeweiligen regierenden Aufrüstungsbefürworter zu verbünden suchten. Die Beziehungen zu den Grünen und anderen westlichen Verbündeten der DDR-Opposition, wie auch das Engagement für blockübergreifende Initiativen blieben auch nach dem Abflauen der Friedensbewegung in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre meine Anliegen. Von Ende 1983 bis zu unserem Umzug nach Sachsen im Sommer 1989 hielt ich besonders den Kontakt mit Petra Kelly und Gert Bastian aufrecht.

Als aktiver christlicher Laie engagierte ich mich im Rahmen der offiziellen Kirche. In den achtziger Jahren gehörte ich sechs Jahre lang dem Gemeindekirchenrat meiner Golgathakirche in Berlin-Mitte an und engagierte mich bei den Landessynoden der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Ich versuchte, dort eine weltlich orientierte Sichtweise zu propagieren und auch dem Kirchenparlament die „Einmischung in die eigenen Angelegen­heiten" (Jürgen Fuchs) nahezubringen. In der weiteren Entwicklung und Ausdifferenzierung der Opposition gehörte ich Ende 1985 zu den Mitbegründern der Initiative Frieden und Menschenrechte, die aus der Kritik an den kirchlichen Friedenswerkstätten entstand, und war ihr aktives Mitglied bis 1989. Neben der Publikation Offener Briefe und Memoranden sowie der Mitherausgabe von Samisdat-Veröffentlichungen beschäftigte ich mich vor allem mit dem Strafrecht der DDR und beriet von Strafverfolgung Bedrohte juristisch. Daraus entstand die Arbeitsgruppe „Menschenrechte und Justiz" die sich in der Regel in unserer Wohnung traf.

Einmal versammelten wir uns in der Wohnung einer Freundin zu einem Rollenspiel. Wir trainierten das Verhalten bei Vernehmungen durch die Staatssicherheit. Ich spielte den verhörenden Stasimann und ein Gruppenmitglied musste die Rolle des Verhafteten einnehmen. Nach dem Rollenspiel werteten wir das Verhalten sowohl des Stasi-Offiziers als auch des Beschuldigten in der Gruppe aus.

„Speakers corner" auf der Friedenswerkstatt 1983 in Berlin, Erlöserkirche

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