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  Doppeltes Gesellschaftsspiel: Bürokratopoly  

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Goethes Faust möchte wissen, „was die Welt im Innersten zusammen hält". Als Schüler lernten wir in der Schule, dass im Westen die Gier nach Geld die Gesellschaft zusammen hält. Nun konnte ich als junger Mensch den Westen zwar nicht selbst erleben, aber in meinem Freundeskreis kursierte ein Spiel, das die Geldgesellschaft simulierte: Monopoly. Wir spielten es mit Begeisterung.

Der einzige Nachteil daran: Wir konnten nicht vergleichen, ob dieses Spiel mit der westlichen Wirklichkeit übereinstimmte. Für den Osten gab es kein solches Spiel, denn Geld spielte in der Planwirtschaft keine bestimmende Rolle. Ich überlegte nun, was man Faust auf seine Frage nach dem Weltzusammenhang für die DDR antworten könnte, und kam bald auf folgende These: In einer zentralistischen Funktionärsbürokratie wie der DDR war es das Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg, nach Macht, das das System zusammenhielt. Ohne ein natürliches Machtstreben, das hatte ich bei George Orwell gelernt, war der Kommunismus nicht möglich.

Dies wollte ich in einem Spiel verdeutlichen. Ich zeichnete eine Machtpyramide in der Draufsicht. Es entstand für die DDR ein Spielplan aus konzentrischen Kreisen, in deren Mittelpunkt der Generalsekretär der SED steht.

Um ihn herum gruppiert sich der innere Kreis: die Mitglieder des Politbüros. Darunter ordnen sich die einzelnen Minister an, darunter die Direktoren (bei der Armee: die Generale), darunter die Abteilungsleiter (bei der Armee: die Offiziere) und ganz unten bilden die einfachen Arbeiter und Soldaten den niedersten Kreis der Machtpyramide. Die Unterstellungsverhältnisse zeigte ich durch einfache Striche zwischen den Positionen der Spielfiguren an. In der Draufsicht stehen die untersten Positionen des Machtgefüges am Rand des Spielfeldes. Und dorthin müssen die Spieler ihre Figuren bei Spielanfang stellen.

Danach beginnt ein rücksichtsloses Kämpfen um Posten: Die einfachen Arbeiter wollen gern Abteilungsleiter werden, die Soldaten streben nach dem Offiziersrang - ebenso die Polizisten. Auch die MfS-Angehörigen streben nach Aufstieg innerhalb ihrer Hierarchie. Es gibt Verlagsmitarbeiter, die gern einen Verlag leiten, später dann Abteilungsleiter im Ministerium werden möchten, um dann irgendwann Kulturminister zu werden und dann vielleicht noch das für Kultur und Ideologie zuständige Politbüromitglied (in der DDR zu meiner Zeit: Kurt Hager). Zu guter Letzt kämpfen die drei Mitglieder des Politbüros um den Posten des Generalsekretärs und derjenige Spieler, dessen Figur diesen Posten einnimmt, ist Sieger.


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Die Ereignis-, Beweis-, Beforderungs-, Freikauf- und Wahlbetrugskarten schrieb ich auf meiner Erika-Schreibmaschine. Ebenso die Spielanleitung. Sie beginnt mit den Worten: An diesem unterhaltsamen Gesellschaftsspiel können sich drei bis ach t Spieler beteiligen. Die Regeln sind - wie in der realen Gesellschaft auch - für den Anfänger etwas kompliziert und sollen hier leicht verständlich dargestellt werden.

Jeder Mitspieler verkörpert eine Partei, Gruppe, Cligue oder sonstige Gruppierung, die an die Macht strebt. Dafür stehen ihm 5 Spielfiguren zur Verfügung. Mit diesen 5 gleichfarbigen Figuren hat der Spieler so zu operieren, dass eine von ihnen an die Spitze der Machtpyramide gelangt. Das Spiel ist erst dann zu Ende, wenn eine Figur Generalsekretär wird, womit gleichzeitig die Siegerpartei feststeht.

Die Spielanleitung erläutert dann die einzelnen Machtebenen und -positionen und erklärt, auf welchen Wegen diese zu besetzen sind. Es gibt Wahlen und Wahlbetrug, Beförderungen, Delegierungen, aber auch Meuterei und Denunziationen, was zu Machtverlust führen kann. Mit Freikaufkarten kommen Insassen aus dem Gefängnis frei. Mit Beweiskarten kann man sich aufmüpfiger Protestierer entledigen.

Hier ein Beispiel für eine Karte, die ein Spieler ziehen und bei Bedarf einsetzen kann:
Wahlbetrugskarte
kann zu einer Wahl eingesetzt werden, wo sie einen zusätzlichen Würfel erbringt. Das Sammeln dieser Karten ist mit einem gewissen Risiko verbunden (Haussuchung!). Pro Wahl dürfen höchstens zwei eingesetzt werden.
Klar, dass ein zusätzlicher Würfel die Chance auf Gewinn dieser „Wahl" beträchtlich erhöht.

Anderes Beispiel: Beförderungskarte
dient zur Beförderung eines verdienten Kaders auf die freie ihm unmittelbar vorgesetzte Stelle durch einen höheren Vorgesetzten. Der höhere Vorgesetzte hat diese Karte nach Gebrauch zurückzugeben.

Diese Karte machte auch zeitweilige Koalitionen möglich. Es konnten sich zwei Spieler gegen einen Dritten zusammentun und diesen vom Aufstieg fernhalten. Kamen diese zwei Mitspieler durch derartige Intrigen gemeinsam ins Politbüro, wurden aus Freunden plötzlich Feinde, weil nur einer der beiden Generalsekretär werden konnte.

Manchen Aufstieg konnte der Spieler aber nur genießen, wenn er sich für seinen Start den Sicherheitsapparat ausgesucht hatte. So heißt es in einer Karte auch: Falls der Gewählte dem Mdl angehört, darf er einen Mitbewerber einsperren oder einen Gefangenen befreien. Falls er dem MfS angehört, darf er 2 einsperren oder 2 befreien.


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Viel Mühe verwendete ich darauf, die richtige Höhe und das richtige Gefälle der Machtpyramide zu finden. Wie viele Untergebene soll ein Vorgesetzter haben? Wie steil geht der Weg nach oben? Wie viele Steine braucht ein Spieler, damit nach ein bis zwei Stunden eine seiner Figuren Generalsekretär wird? Da half nur Probieren. Ich konnte meine Frau und unsere Freundin Elisabeth überreden, die verschiedenen Spielvarianten auszuprobieren. Auch bei der Entwicklung der Ereigniskarten gaben sie mir wichtige Ratschläge. Ein Ereignis konnte zum Beispiel in einem harten Winter bestehen, der zum Stromausfall führt. Konsequenz: Der Energieminister wird abgesetzt. Beliebte Ereignisse waren auch: Hausdurchsuchungen, Razzien, Aufdecken von Wahlbetrug. Hier ein Beispiel:

Ein harter Winter zwingt den Minister für Kohle & Energie, sein Amt einem fähigeren Nachfolger zur Verfügung zu stellen. Dieser ist aus den ranghöchsten Unterstellten zu wählen. 1977 hatten wir einen solchen Winter gehabt - das Beispiel war also durchaus real.

Eine analoge Ereigniskarte gab es für den Fall einer Missernte, die den Landwirtschaftsminister das Amt kostete. Er musste sich dann als einfacher Polizist bewähren.

Besonderer Reiz lag in der Bildung von temporären Koalitionen. Das hatte ich mir bei Monopoly, aber auch bei dem Spiel „Risiko" abgeschaut. In solchen Mehrpersonenspielen kommt ein Spieler schneller zum Ziel, wenn er sich zeitweilig mit einem Mitspieler verbündet. Kurz vor Erreichen des Ziels wird dann von dem Stärkeren die Koalition aufgekündigt. Das lässt sich in einem Spiel, bei dem es nur um Hierarchieaufstieg geht, gut abbilden. Die Figuren zweier verbündeter Spieler kommen auf der Karriereleiter schneller voran als die Figuren eines Alleinspielers. Im Gegensatz zum Skat können bei Bürokratopoly die Koalitionen jederzeit aufgekündigt und neu geschlossen werden. Nachteil: Bei sensiblen Spielern entsteht dadurch leicht Frust. Auch das musste ich mit den beiden Frauen durchspielen.

Irgendwann im Jahre 1984 war es dann soweit, dass ich das Spiel einer größeren Gruppe von Oppositionellen vorstellen konnte. Nachdem ich lang und breit die Spielanleitung erläutert hatte, blieb nur noch bei einer Teilnehmerin, meiner Schwiegermutter Waldtraud Killat, eine letzte Frage: Wie viele Jahre gibt es denn für die Teilnahme an diesem Spiel?


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Diese Frage blieb damals unbeantwortet. Im Jahr 2005, als ich bereits die Außenstelle der Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen leitete, stieß ich auf Akten, die von dem Spiel Bürokratopoly berichteten.

Inoffiziell wurde bekannt, daß in Kreisen des politischen Untergrundes seit ca. zwei Monaten von einem neuen sogenannten Gesellschaftsspiel mit negativ-feindlichem Charakter namens „Bürokratopoly" gesprochen wird, welches von dem operativ bekannten
B ö t t g e r, Martin
OV „Diplom", BV Berlin, Abteilung
XX
entworfen wurde.
Erstmals soll dieses Spiel am 19. 12. 1984 durch
Teichert-Rosenthal, Rüdiger
(geschwärzt: Erfassung durch MfS) einem größeren Personenkreis vorgestellt worden sein, als sich in der Wohnung von Bärbel Bohley ca. 14 Personen zu einer Zusammenkunft mit dem Bundestagsabgeordneten ... versammelt hatten...

So steht es in einem Bericht der Hauptabteilung XX (zuständig u. a. für den „politischen Untergrund") vom 12. Februar 1985. Nachdem der zuständige Stasi-Offizier in Berlin schildert, wie das Spiel durch einen Spitzel in seine Hände gelangte und er alles mittels XEROX kopieren konnte, schreibt er: Bei dem sogenannten Gesellschaftsspiel „Bürokratopoly" handelt es sich um ein Würfelspiel, welches auf ironische Weise angebliche Wege zur Erlangung und zum Verlust politischer Macht in der DDR aufzeigt und auf diese Art die gesellschaft-

lichen Verhältnisse verächtlich macht. (Quelle: Archiv der BStU, MfS - HA XX/AKG Nr. 6849)

Damit lässt sich nun auch die Frage beantworten, wie viele Jahre es 1984 für dieses Spiel möglicherweise gegeben hätte. Das Strafgesetzbuch der DDR sah dafür Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren vor. Das steht im § 220 (Öffentliche Herabwürdigung). Dort heißt es im Absatz 2: Ebenso wird bestraft, wer Schriften, Gegenstände oder Symbole, die geeignet sind, die staatliche oder öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen, das sozialistische Zusammenleben zu stören oder die staatliche oder gesellschaftliche Ordnung verächtlich zu machen, verbreitet oder in sonstiger Weise anderen zugänglich macht.

Genau dieses „Verächtlichmachen" hatte der Stasi-Offizier in seiner „operativen Auswertung" bemerkt und in seinem Bericht an den Leiter der AKG (Auswertungs- und Kontrollgruppe) der Hauptabteilung XX notiert.

Aber das wussten wir damals nicht. Wir spielten mit Risiko. In unserem Spiel gegen die Stasi musste zähneknirschend auch sie sich an bestimmte Regeln halten: Der Grundlagenvertrag von 1973 zum Beispiel oder die Mitgliedschaft in der UNO. Die ständige Anwesenheit westlicher Korrespondenten in Ost-Berlin, Besuche von Bundestagsabgeordneten der GRÜNEN bei Bärbel Bohley und


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anderen Oppositionellen, auch bei mir, zwangen sie dazu. Der Stasi-Offizier, der die Ironie meines Spiels bemerkte, konnte sich wahrscheinlich auch denken, dass meine Verhaftung am nächsten Tag schon in einer westdeutschen Tageszeitung gestanden hätte. Er wuss-te: Der Böttger kannte schließlich einige Korrespondenten westlicher Medien. Deshalb durfte er mich nicht ins Gefängnis sperren, sondern ließ es zu, dass sich der Untergrund spielerisch mit dem Gefängnis befasste. Doch das war das besondere Glück meiner Situation. Zu anderen Zeiten oder auch an anderen Orten hätte mich ein solches Spiel auch deutlich mehr kosten können.

 

Beim Studium meiner Stasi-Akten fiel mir auf, dass ich in meiner Karl-Marx-Städter Zeit als Operativer Vorgang (OV) „Spaten"geführt wurde. Dieser Deckname kam wahrscheinlich dadurch zustande, dass ich meinen Wehrersatzdienst bei den „Spatensoldaten" abgeleistet hatte. In Berlin firmierte ich dann aber bei der Stasi als OV „Diplom".

Ich weiß bis heute noch nicht genau, wie es zu diesem Namenswechsel kam. Die Bezirksverwaltung (BV) Karl-Marx-Stadt des MfS hatte meinen OV„Spaten" nach meinem Wegzug nach Berlin archiviert und nicht an die BV Berlin geschickt. Vielleicht erwartete man meine Rückkehr in die Bezirksstadt? Die Berliner Stasi sah sich irgendwann nach meinem Umzug in die Hauptstadt genötigt, einen neuen OV anzulegen und gab ihm dann den Namen „Diplom".


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  Eine Überkreuz-Initiative 40 Jahre nach Kriegsende 

März 1985. In Vorbereitung auf den Mai 1985,40 Jahre nach Kriegsende, entstand die Idee zu einer öffentlichkeitswirksamen Aktion der Friedensbewegungen in Ost und West. Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges sollten aufgefordert werden, sich militärisch aus Deutschland zurückzuziehen. Dadurch sollten beide deutsche Staaten die Möglichkeit erhalten, aus ihren Militärblöcken auszusteigen. Wer soll die Westmächte und die Sowjetunion auffordern, ihre treuesten Vasallen in die Neutralität zu verabschieden? Sollen dies die Angehörigen der Friedensbewegungen beider Länder in einem gleich lautenden Brief an ihre jeweilige Schutzmacht versuchen? Damit hätten wir gleich ein „abgekartetes Spiel" dokumentiert, was schon mal einen gewissen Reiz besessen hätte. Ich hatte da eine noch etwas bessere Idee: Die unabhängige Friedensbewegung der DDR schreibt an die drei Westmächte und die Friedensbewegung der BRD schreibt an die Sowjetunion. Mit dieser „Überkreuzaktion" dokumentieren wir die enge Verzahnung der Zivilgesellschaften in Ost und West und machen den Militärblöcken klar, dass der Einsatz für Blockfreiheit nur von unten in einer abgestimmten Aktion möglich sein kann. Ich hielt das Risiko staatlicher Repressionen für etwas geringer, als wenn wir uns „nur" an die Sowjetunion gewandt hätten.

Mit einem kleinen Text, der von den Westmächten den Abzug ihrer Truppen aus Westdeutschland forderte, machte ich mich auf den Weg zu Stephan Bickhardt und Gerd Poppe. Zu dritt erarbeiteten wir einen Appell, den dann mit der Sowjetunion als Adressaten auch die westdeutsche Friedensbewegung hätte formulieren können. Unseren Brief wollten wir im Vorfeld des 8. Mai an den Botschaften der USA, Großbritanniens und Frankreichs abgeben und weihten dazu den Pfarrer der Sophienkirche Martin Michael Passauer ein. Er sorgte dafür, dass der Plan in Kirchenkreisen bekannt wurde. Diese „Initiative für Blockfreiheit in Europa" sprach sich in der Ostberliner Szene herum und deswegen wollten sich noch einige Personen mehr an der Aktion beteiligen. Das waren Lutz Nagorski, Mirko Pusch und Mario Wetzky.

Die kleine Gruppe, die die Briefe an die Ostberliner Botschaften der USA, Großbritanniens und Frankreichs übergeben wollte, blieb von staatlicher Behinderung weitgehend verschont. Das MfS beschränkte sich darauf, uns genau zu beobachten. Am 6. Mai 1985 notierten die Stasileute, wie ich zusammen mit Passauer um 10:30 Uhr die Botschaft der USA betrat. Nagorski, Pusch und Wetzky hielten sich zunächst im Hintergrund und begleiteten mich dann


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auf dem Weg zur britischen und französischen Botschaft. Die Fotos dieser Vierergruppe fand ich in den Stasiakten.

Der Brief begann mit folgendem Motto aus dem Schwur von Buchenwald: „Die Vernichtung des Faschismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel." Dann folgte der Dank für die Befreiung vom Nationalsozialismus durch die AntiHitler-Koalition und für unsere Seite die Bitte an die Westmächte: „Die neuen Gefahren zwingen uns, Sie aufzufordern, mit der Sowjetunion und den anderen am Konflikt beteiligten Ländern in Verhandlungen einzutreten, die den bisherigen Rahmen verlassen und die Blockkonfrontation beenden sollen." Wir schlugen als Verhandlungsziele den Abzug der in den deutschen Staaten stationierten ausländischen Truppen vor. Gleichzeitig sollten die beiden Großmächte ihre in den anderen europäischen Blockländern stationierten Gruppen und Waffenpotentiale reduzieren. 40 Mitglieder der ostdeutschen unabhängigen Friedensbewegung unterzeichneten diesen Brief. Einen ganz ähnlichen, in Teilen sogar wortgleichen Brief schrieben Mitglieder der westdeutschen Friedensbewegung an den Obersten Sowjet in Moskau. Auch dieser Brief trug 40 Unterschriften. Somit hatte die Zahl 40 bei dieser Aktion eine große symbolische Bedeutung.

Die Briefe sollten dann am 8. Mai 1985, also genau 40 Jahre nach Kriegsende, bei den entsprechenden diplomatischen Vertretungen abgegeben werden.

Das MfS war über die Vorbereitungen zur Petitionsübergabe bestens informiert. Unter Bezugnahme auf seine Quelle „Christian" (Klarname: Lutz Nagorski) berichtete Hauptmann Ludewig von der Abteilung XX/2 der Bezirksverwaltung Berlin am 2. April 1985 in seiner „Operativen Information" von einem Treffen der Vorbereitungsgruppe am 27. März in der Wohnung von Gerd Poppe. Dabei ging es unter anderem darum, für unseren Brief 40 Unterschriften aus der DDR und für den westdeutschen Brief 40 Unterschriften aus der BRD zu sammeln. Letzteres wollte Torsten Schramm aus Westberlin übernehmen. Am Ende der Information formulierte Stasi-Hauptmann Ludewig folgenden Maßnahmeplan: „Information und Abstimmung mit HA XX bezüglich möglicher Maßnahmen zur Verhinderung der Petitionsübergabe sowie den IM-Einsatz darauf auszurichten." Die Staatssicherheit wollte also die Aktion mit Hilfe ihrer drei Spitzel, die sie in die Gruppe eingeschleust hatte, verhindern!

Am 6. Mai, dem Tag der Übergabe, fotografierte uns die Stasi intensiv und recht auffällig. So entstanden zahlreiche Dokumente, die sich sowohl in der Ablage der Hauptabteilung VIII (Beobachtung)

als auch in meiner Akte wiederfinden. Eine Kuriosität dieser Aktion erfuhr ich allerdings erst nach Aktenöffnung. Alle meine drei Begleiter auf dem Weg zur britischen und französischen Botschaft, also Lutz, Mirko und Mario, waren inoffizielle Mitarbeiter (IM) des MfS. Was wäre wohl gewesen, wenn sich die Vierergruppe vor der Übergabe erst einmal beraten und darüber abgestimmt hätte, ob sie die Aktion zu Ende führen

solle? Eine solche Abstimmung hätte ich garantiert verloren. Aber keinei meiner Begleiter wusste, dass sich noch zwei weitere IM in der kleinen Gruppe aufhielten, und strebte somit auch keine Verhinderung der Aktion an. Da sie nichi alle vom gleichen Führungsoffizier gesteuert waren, kam es also von Stasiseite zu keinem Abbruch der Aktion. Manchmal hat mangelnde Koordination auch ihr« gute Seite.

Am 6. Mai 1985 an der Clara-Zetkin-Straße in Berlin-Mitte, nahe der US-Botschaft: Mirko Pusch, Lutz Nagorski, Martin Böttger, Mario Wetzky (v.l.n.r.)


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   Friedliche Revolution 

Fast genau vier Jahre später, am 6. Mai 1989, wurde die Kommunalwahl auch von Mitgliedern unserer AG „Menschenrechte und Justiz" beobachtet. Nach der Feststellung von Wahlfälschungen im Stadtbezirk Berlin-Weißensee stellten wir Strafanzeige gegen Unbekannt gemäß § 211 StGB der DDR (Wahlfälschung). Nachdem die Staatsanwaltschaft uns mitteilte, dass die Wahl gar nicht gefälscht sein könne, weil sie bereits geprüft sei, protestierten wir an jedem 6. der darauf folgenden Monate gegen den Wahlbetrug. Das geschah durch Mahnwachen, zum Beispiel vor der Sophienkirche, und durch kleinere Demonstrationen. Auf dem Alexanderplatz zeigte jemand ein lustiges Transparent: „Zu dumm zum Addieren, aber ein ganzes Volk regieren!" Er stand nicht lange auf dem Platz, wurde abgeführt und erhielt eine Ordnungsstrafe.

Die verhältnismäßig milden Strafen für solche Unbotmäßigkeiten, wie es auch meine Strafanzeige war, führten mich zu der Erkenntnis, dass die SED schon einen gewaltigen Machtverlust erlitten hatte. Aber dass ihre Macht bereits ein halbes Jahr danach am Ende sein würde, ahnte ich damals nicht.

Im August 1989 verzogen meine Frau und ich mit unseren fünf Kindern nach Cainsdorf bei Zwickau. Am 10. September unterzeichnete ich den berühmten Appell „Aufbruch 89 -Neues Forum" in Grünheide, der die friedliche Revolution maßgeblich bestimmte. Als einziger Teilnehmer der 30 Erstunterzeichner aus dem damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt war ich es auch, der das Neue Forum beim Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt anmel-

2. Mai 1987: als Hoffest getarntes Künstlerevent mit Herstellung eines Triptychons an der Innenwand des Hinterhofes in Berlin, Am Zirkus 6. Ich versuche, den (vermutlich durch Stasi) herbeigerufenen Polizisten so lange hinzuhalten, bis die Kunstaktion zu Ende ist.


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dete und dann in der gesamten Region organisierte. Dazu trafen sich Vertreter aus fast jedem Kreis des Bezirkes in unserer Wohnung. Mit der schnell wachsenden Mitgliederzahl hatte der Staat nicht gerechnet und es gelang der Stasi auch nicht, über zahlreiche eingeschleuste Spitzel das Neue Forum zu zersetzen. Das mag einerseits an der fast flächendeckenden Ausbreitung dieser Organisation gelegen haben, andererseits aber auch dem Umstand geschuldet sein, dass die Unterschrift unter den Aufruf kein allzu großes Risiko für die Unterzeichnenden bedeutete.

   Herbst 1989 

Nach unserem Umzug versuchte ich, oppositionelles Gedankengut der Berliner Gruppen auf die Zwickauer Verhältnisse zu übertragen. Dabei standen drei Ziele im Vordergrund: Sturz der SED-Herrschaft, friedliche Revolution und demokratische Umwälzung.

In Zwickau stieß ich auf die bereits lebhaft agierende Friedensbibliothek und konnte dort über Erlebnisse aus Berlin berichten, z. B. über die Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP). Bereits in meiner Berliner Zeit belieferte ich ab Herbst 1988 die Friedensbibliothek mit Material aus dem Samisdat. Wichtigste Kontaktperson war mein Schwiegervater Erwin Killat. Er war es auch, der im Herbst 1989 das

Der Künstler Daniel Lukas Richter aus Cottbus stellt in unserer Wohnung seine Werke aus,
weil er dafür keine öffentliche Galerie findet. Datum unsicher, vermutlich Frühjahr 1987

   


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Demonstrationsgeschehen in Zwickau maßgeblich prägte. Dafür wurde er 2002 Ehrenbürger der Stadt Zwickau. Im Jahr 2017 wurde er darüber hinaus mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Gemeinsam mit den anderen Bürgerrechtlern strebte ich eine Demokratisierung der DDR, die Herstellung von Öffentlichkeit für oppositionelle Gruppen und die Aufdeckung der Umweltskandale an. Die Bürger sehnten sich 1989 allerdings in erster Linie nach Reisefreiheit, die auch mir wichtig war. Doch für mich gab es noch andere, ebenso wichtige Rechte, die es zu erkämpfen galt: Versammlungs-, Vereinigungs- und Pressefreiheit. Es schien mir damals, als seien diese Rechte und die demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten für viele Bürger im Jahre 1989 nicht so bedeutsam gewesen wie die Erlangung der Reisefreiheit.

Aus dem Jahr 1989 blieben mir die Friedensgebete in den verschiedenen Zwickauer Kirchen sowie die anschließenden Demonstrationen zum Hauptmarkt bzw. die Kundgebungen vor dem Rathaus in lebendiger Erinnerung. Zweifellos spielten die Kirchen und Gemeinden im Prozess bis zur Friedlichen Revolution 1989 eine tragende Rolle, obgleich die meisten Gemeinden zaghaft reagierten. Nur wenige brachten sich von Anfang an so aktiv ein wie die Versöhnungskirchgemeinde in Neuplanitz. Von Dezember 1989 bis zum März 1990

agierte ich als Vorsitzender des Bürgerkomitees zur Auflösung der MfS-Be-zirksverwaltung Karl-Marx-Stadt. Für die Volkskammerwahl kandidierte ich für das Bündnis 90, verzichtete jedoch zugunsten von Werner Schulz auf den gewonnenen Sitz im letzten DDR-Parlament.

  Erlebnis Währungsunion 

Besorgnis stellte sich ein, als die Umstellung der Währung (Mark der DDR 1:1 in DM) am 1. Juli 1990 zu einer ökonomischen Katastrophe führte, doch das hatte die Mehrheit der Bevölkerung wohl so gewollt. Ich schloss mich ökonomischen Befürchtungen über die bevorstehende Währungsunion an, weil einerseits die Arbeitgeber nicht in der Lage waren, Löhne und Gehälter von einem Tag auf den anderen 1:1 in Westmark auszuzahlen und andererseits die Gewerkschaften eben dies forderten. Das konnte nur in zahllosen Konkursen und entsprechend massiven Arbeitsplatzverlusten enden. Auch mein damaliger Arbeitgeber, das Kombinat Oberbekleidung Lößnitz, ging daran zugrunde. Dass ich nicht schon Juni 1990, als mein Arbeitgeber Konkurs anmeldete, arbeitslos wurde, lag daran, dass das Arbeitsamt Zwickau, bei dem ich mich zu melden hatte, gerade einen Statistiker und EDV-Menschen suchte und mich umgehend einstellte. Anfang Juli 1990 hielt ich dann einen Änderungsvertrag des Arbeitsamtes als


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meines nunmehrigen Arbeitgebers in den Händen. Die Änderung zum Arbeitsvertrag bestand einzig und allein darin, dass mir mein bisheriges Monatsgehalt nun nicht mehr in Mark der DDR, sondern in exakt gleicher Summe in DM ausgezahlt wurde. Faktisch bedeutete das für mich etwa eine Verdreifachung meines Einkommens. Wer kann da nein sagen, wenn seine Kaufkraft vom Juni 1990 zu Juli 1990 auf das Dreifache erhöht wird? Der öffentliche Arbeitgeber, in meinem Fall die Bundesanstalt für Arbeit, konnte daran nicht zugrunde gehen. Ich fragte mich nur, ob der Instrumentenbauer aus dem Vogtland seinem Gesellen zum 1. Juli auch den Lohn einfach in DM auszahlen würde. Einige taten es nicht und überlebten. Andere Arbeitgeber, meist die Treuhandbetriebe, taten es und meldeten bald darauf Konkurs an.

Damit erlebte ich einen brachialen finanztechnischen Versuch, die Volkswirtschaft auf Marktbedingungen umzustellen. Ich gehörte damals zu jener Minderheit, die der Einführung der Marktwirtschaft Vorrang vor der Währungsumstellung einräumen wollte. Erst sollten sich die Preise in Ostmark nach Angebot und Nachfrage einstellen, dann erst hätte man die Westmark im Osten einführen sollen. Meinetwegen hätte es die DDR-Mark ein ganzes Stück länger geben können, auch über den Tag der Einheit hinaus. Ein Staat, zwei Währungen — dieses

Experiment hätte ich gewagt. Die ostdeutsche Mehrheit hat sich damals anders entschieden.

Somit komme ich zur Frage, die regelmäßig allen Bürgerrechtlern gestellt wird: Strebtest du einen „Dritten Weg" an? Wolltest du die DDR eigenständig erhalten oder wünschtest du damals schon eine Vereinigung mit der Bundesrepublik?

Ich erinnere an den Verfassungsentwurf des Runden Tisches. Diesem Entwurf vom März 1990 einer neuen Verfassung für die DDR hing ich damals wegen seines durch und durch demokratischen und menschenrechtsfreundlichen Inhaltes sehr an. Zu spät merkte ich, dass zwar der Inhalt stimmte, nicht aber das Äußere. Der Name des Staates, den diese Verfassung konstituieren sollte, lautete folgendermaßen: „Deutsche Demokratische Republik" - kurz: DDR. Die Schöpfer dieses Verfassungsentwurfs am Runden Tisch merkten offenbar nicht, dass man einen neuen demokratischen Staat nicht einfach so nennen konnte, wie das Lügengebilde, in dem wir 40 Jahre lang lebten. Wer Vaclav Havels berühmten Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben" gelesen hatte, konnte doch nicht einfach darüber hinweg sehen, dass der Name „DDR" 40 Jahre lang zu zwei Dritteln Lüge war, nämlich was die beiden Worte „demokratisch" und „Republik" betraf. Das hatten nur nicht alle Menschen in diesem Land begriffen.


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Die DDR war nicht zu reformieren, sondern zu revolutionieren. Dazu gehörte, wollte man eigenständig bleiben, meiner Meinung nach auch ein neuer Name. Beispielsweise: „Republik Ostdeutschland" oder „Bund ostdeutscher Länder" oder auch„Bundesrepublik Ostdeutschland". Im letzten Fall hätte es dann auch eine „Bundesrepublik Westdeutschland" geben müssen und ich bezweifle, ob sich die westdeutsche Bevölkerung bereit gefunden hätte, den Namen ihres Staates dahingehend zu ändern. Schon eher hätten sich unsere polnischen Nachbarn gefreut, wenn das Gebiet der ehemaligen DDR ganz klar Ostdeutschland und nicht Mitteldeutschland geheißen hätte.

Wie schauten damals meine Vorstellungen von Sozialismus aus? Vielen schwebte ja ein Sozialismus vor, wie er 1968 in der Tschechoslowakei probiert wurde, bevor ihn die sowjetischen Panzer niederwalzten. Es gab Vorstellungen von einem demokratischen Staatssozialismus, einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz" als Alternative zum westlichen wachstumorientierten Kapitalismus. Die Frage, wie es damit bei mir im Herbst 1989 aussah, kann ich aktenkundig beantworten. Ich zitiere ganz einfach einen kurzen Auszug aus meiner Stasi-Akte. Im Bericht des inoffiziellen Mitarbeiters „Achim Oser" vom 18.10.1989 über eine Versammlung des Neuen Forum heißt es: „Böttger führte aus: Wir wollen nicht

den Sozialismus beseitigen, wir wollen eine Art demokratischen Sozialismus schaffen, analog wie in Schweden oder Österreich. Weiter müssen wir es schaffen, die Eigentumsformen zu differenzieren, zwischen staatlichen Monopolen (Eisenbahn, Post, Stahlwerke etc.) und kleineren Privatunternehmen." So weit die Akte. Noch heute bin ich dem IM „Achim Oser" aus Mittweida dankbar, dass er für mich im Herbst 1989 den Eckermann spielte und meine Gedanken über Sozialismus — nicht mehr mit dem Vorbild Tschechoslowakei sondern mit den Vorbildern Schweden und Österreich — schriftlich festhielt.

Was demokratischen Sozialismus betrifft, muss ich allerdings heute zugeben, dass ich im Jahre 1990 den Willen der ostdeutschen Bevölkerung zum eigenständigen Aufbau demokratischer Strukturen überschätzt hatte. Es ist ja auch einfacher, demokratische Strukturen zu importieren, als selbst aufzubauen, wenn man keine eigenen Erfahrungen hat. Die Weimarer Zeit lag schon zu lange zurück

Es funktionierte dann auch recht gut, westliche Demokratie im Osten einzuführen. Was jedoch nicht funktionierte, war der Versuch, westlichen Wohlstand in den Osten zu transportieren. Meine Landsleute erwarteten, dass der Wohlstand genauso schnell käme, wie die Demokratie. Das zeigte sich schon an den Volkskammerwahlen vom 18. März


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1990, als die Bürgerrechtler verheerende Niederlagen erlitten. Lothar de Maiziere wurde nicht so sehr wegen seines Spruchs „Wir sind ein Volk!" gewählt, sondern wegen seiner auf Ludwig Erhard beruhenden Losung „Wohlstand für alle".

Bärbel Bohley wird häufig mit dem Satz zitiert: „Wir haben Gerechtigkeit gewollt und den Rechtsstaat erhalten." Diesen Satz würde ich einer bürgerrechtlichen Minderheit zuschreiben. Einer ostdeutschen Mehrheit dagegen würde ich folgenden Satz zuschreiben: „Wir haben Wohlstand gewollt und die Marktwirtschaft erhalten." Beide Gruppen, die Bürgerrechtler wie die wachstumorientierte Mehrheit, muss-ten aber folgendes lernen: So wie Gerechtigkeit schwerlich ohne den Rechtsstaat zu haben ist, wird Wohlstand schwerlich ohne Marktwirtschaft zu haben sein.

Im Frühjahr 1990 beteiligte ich mich an der Ausarbeitung einer sächsischen Landesverfassung und war schließlich von 1990 bis 1994 Landtagsabgeordneter für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Sachsen. Meine Fraktion setzte sich aus Menschen der Bürgerbewegung, Mitgliedern der sächsischen GRÜNEN und einer Frauenrechtlerin zusammen. Sie wählte mich gleich zu Beginn zu ihrem Vorsitzenden. Diese Funktion machte mir jedoch nicht sonderlich Freude, zumal sich von den zehn Mitgliedern nur sechs Abgeordnete zu der Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bekannten. Es gab mehrfach Streit und deswegen wollte ich nach einem Jahr nicht mehr Fraktionsvorsitzender sein. Dafür lag mir die Vereinigung von Neuem Forum, Demokratie Jetzt und Initiative für Frieden und Menschenrechte nicht nur zu einem Wahlbündnis sondern zu einer eigenständigen Partei sehr am Herzen.

1.3.1990 Wahlkampf für Bündnis 90, Gründung des Landesverbandes Sachsen des Neuen Forum in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz)


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Diese drei Organisationen vereinigten sich am 21. September 1991 in Potsdam zum BÜNDNIS 90. Die Zahl 90 wies auf das entscheidende Jahr 1990 hin, als sich die drei Bürgerbewegungen zu einem Wahlbündnis zusammenschlössen, und steht noch heute im Namen der Partei. Nach zähen Verhandlungen, die ich mit begleiten durfte, kam es dann im Mai 1993 zur Vereinigung mit den westdeutschen GRÜNEN.

Eine weitere politische Karriere im vereinigten Deutschland strebte ich nicht an. Ich wurde Geschäftsführer einer landkreiseigenen GmbH in Kirchberg, die Alten- und Pflegeheime betreibt. Mein Vertrag lief bis 1999. Wegen einiger Streitigkeiten mit dem Aufsichtsrat wurde mein Vertrag nicht verlängert. Nach zweijähriger Arbeitslosigkeit wurde ich im Dezember 2001 Leiter der Außenstelle Chemnitz der Bundesbehörde für die

Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Als einer, der sich schon lange mit dem Wirken der Staatssicherheit auseinandergesetzt, zeitweise sogar mit dieser Geheimpolizei Katz und Maus gespielt hatte, durfte ich nun Kopien von Akten herausgeben. Vorrang hatten dabei die Opfer staatlicher Repression. Aber auch Forscher und Journalistinnen erhielten Unterlagen zur Unterstützung ihrer aufklärerischen Arbeit. Als Außenstellenleiter durfte ich interessante Veranstaltungen in der erz-gebirgischen und vogtländischen Region moderieren. Die Bundesbeauftragte Marianne Birthler förderte diese Öffentlichkeitsarbeit und machte diese dadurch zum Gegenstand der politischen Bildung. Das Amt in dieser Behörde wurde zu einem Höhepunkt meiner wechselvollen beruflichen Laufbahn. Ich übte es bis zu meinem 63. Lebensjahr im Mai 2010

November 1996 auf der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Suhl. Mit Gunda Röstel (Mitte) und Werner Schulz (links).


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Politische Aktionen in der Demokratie

Seit 2009 bin ich Stadtrat für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Zwickau. Außerdem engagiere ich mich seit Gründung des Martin-Luther-King-Zentrums für Gewaltfreiheit und Zivilcourage 1998 in diesem kleinen Verein in Werdau. Doch dazu später mehr. Auch in einer Demokratie ist manchmal ein Stück Zivilcourage vonnö-ten, wie folgende Erlebnisse zeigen.

Im Jahr 2013 planten NPD und deren Anhänger in Schneeberg (Erzgebirge) so genannte „Lichtlmärsche" die sich gegen Asylsuchende richteten. Ich fuhr irgendwann im Oktober hin und nahm in gebührendem Abstand von der rechtsextremen Demo an einer Gegendemo teil. Das behagte mir aber nicht sonderlich, weil ich eine direkte Konfrontation mit den Feinden des Asylrechts suchte.

Auf der Rückfahrt erinnerte ich mich an die Demonstration am 1. Mai 1975 im damaligen Karl-Marx-Stadt, an der ich mit dem selbst gefertigten Transparent „FÜR DIE VERWIRKLICHUNG DER MENSCHENRECHTE!" teilnahm.

Ähnliches plante ich nun 28 Jahre später in Schneeberg. Diesmal schrieb ich auf mein Plakat „ASYL IST MENSCHENRECHT". Das wollte ich am Rande der NPD-Demo zeigen. Die Polizei sah das jedoch anders. Sie sagte: „Gehen Sie zur Gegendemo, die ist gleich nebenan!" Das wollte ich aber nicht. Schließlich erwartete ich von der Polizei, dass sie nicht nur die beiden Demonstrationen trenne, sondern dass sie auch für meine Sicherheit bei der rechtsextremen Kundgebung sorgen möge. Der Polizist wollte das offenbar nicht und hin-

Am 16.11.2013 versuche ich, mich in eine von der NPD angemeldete ausländerfeindliche Kundgebung einzureihen, was die Polizei verhindert.


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derte mich auch weiterhin am Betreten des Terrains der Rechtsextremisten. Und so blieb ich am Rande mit meinem Plakat stehen. Ein Freund fotografierte mich.

Immer wieder versuchte ich, bei PEGIDA und ähnlichen Aufmärschen mit einem selbst gefertigten Transparent aufzutreten. Ich sprach nun in der Regel vorher mit Polizisten über meine Absicht und es gelang mir schließlich, sie von meiner Harmlosigkeit zu überzeugen. Neben meinem Asyl-Plakat verwendete ich auch gern den Spruch FLUCHT IST KEIN SPAZIERGANG, weil sich die PEGIDA-Anhänger in Zwickau auch Spaziergänger nannten. In der Regel war die Polizei in der Nähe und oft auch Journalisten, die dann über meine kleinen Aktionen in der lokalen Presse berichteten. Meine Freunde betrachteten diese relativ harmlosen Aktionen zuweilen als Heldentaten, was sie aber nun wirklich nicht waren. Ich wurde zwar ab und zu von den PEGIDA-Leuten beschimpft, aber Prügel habe ich dabei noch nie bezogen.

Für mich ziehe ich aus vielen Aktionen im Grenzbereich zur „strafrechtlichen Verantwortlichkeit" (Stasi-Deutsch) folgendes Fazit: Die Erinnerungen an frühere, nicht ungefährliche Aktionen in Zeiten der DDR-Diktatur halfen mir, ähnliche Aktionen in einer Demokratie zu probieren. Die Stasi hatte mich vor dem 1. Mai 1976 in Karl-Marx-Stadt und am 1. Mai 1980 in Berlin zwar präventiv verhaftet. Aber es blieb in der Regel bei einem Tag, den ich in Gewahrsam verbringen musste. In meiner Akte steht, ich sei ein „Demonstrativtäter" also auch für die Stasi nicht so gefährlich, dass sie mich für längere Zeit hätte einsperren oder vielleicht auch in den Westen abschieben wollen.

Für mich selbst gestalteten sich diese Einzelaktionen als Training in Gewaltfreiheit und Zivilcourage. Dass Gewaltfreiheit nicht nur theoretisch studiert, sondern auch praktisch eingeübt werden musste, hatte ich von Martin Luther King gelernt.


KOMMUNALES ENGAGEMENT IN ZWICKAU | 49

Kommunales Engagement in Zwickau

Zur Kommunalwahl 2009 kandidierte ich für den Stadtrat von Zwickau und wurde gewählt. Weil wir zwei Grüne keine eigene Fraktion im Stadtrat bilden konnten, schlössen wir uns mit der SPD zu einer gemeinsamen Fraktion zusammen. Die Zusammenarbeit verlief unproblematisch. Wir konnten einige eigene Anträge einbringen und um Mehrheiten im 48-köpfigen Stadtrat werben. Dabei gereichte uns zum Vorteil, dass die Oberbürgermeisterin Dr. Pia Findeiß ebenfalls der SPD angehörte und an vielen Fraktionssitzungen teilnahm.

Im Jahr 1998 gründete mein langjähriger Freund Georg Meusel gemeinsam mit Alexander Leistner und Akteuren der Friedensbewegung West und Ost in Werdau das schon erwähnte Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage. Die feierliche Eröffnung fand im Wohnhaus des Gründers Georg Meusel statt, wo im Erdgeschoss gerade eine Wohnung frei geworden war. In einem der Räume wurde zum Zweck der Vereinsgründung von der Frankenhausener Friedensgruppe unter Leitung von Matthias Kluge eine Ausstellung über Martin Luther King aufgebaut. Diese ist bis zum heutigen Tag dauerhaft eingelagert, auch nach dem Umzug des Zentrums mit seinem Archiv in das jetzige Domizil in der Stadtgutstraße.

Von Anfang an war ich dabei und half mit, das Archiv Bürgerbewegung innerhalb dieses Vereins aufzubauen und gleichzeitig das Zentrum in einen Ort der politischen Bildung zu verwandeln. Einerseits beschäftigten wir uns mit der Geschichte von Opposition und Widerstand in der DDR. Andererseits befassen wir uns in Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen mit aktuellen Problemen der Zivilgesellschaft. Es geht uns darum, die Demokratie gegen Angriffe von Rechtsextremisten, wie „III. Weg" „Freie Sachsen" oder die Reichsbürger zu verteidigen. Seit 2010 bin ich Vorstandsvorsitzender des aus etwa 40 Mitgliedern bestehenden Vereins.

Ein weiterer lokaler Verein ist erwähnenswert. Im Jahr 2013 entstand eine Partnerschaft der beiden Städte Zwickau und Wolodymyr-Wolynskyj in der Westukraine. Stadtrat Karl-Ernst Müller hatte auf der Suche nach dem Grab seines Onkels, der im Juni 1941 etwa 20 km östlich der polnisch-sowjetischen Grenze gefallen war, Freundschaften mit Menschen aus dem Dorf Laskiw in der Nähe von Wolodymyr geschlossen. Sie hatten ihm das Gräberfeld gezeigt, wo sein Onkel neben ukrainischen und russischen Soldaten lag. Daraus entwickelten sich regelmäßige Begegnungen zwischen Menschen aus Zwickau und der ukrai-


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nischen Stadt mit 38.000 Einwohnern, die schließlich zum Abschluss der Vereinbarung über Städtepartnerschaft führte. Im Zuge dessen gründete sich der Verein „Partnerschaft zur Ukraine e. V" in dem ich Mitglied bin.

Mehrmals im Jahr gibt es Besuchsfahrten in beide Richtungen. Ich selbst habe bisher dreimal an solchen Fahrten teilgenommen. Außerdem stellen meine Frau und ich unser Haus als Herberge für

Besucherinnen und Besucher aus der Ukraine zur Verfügung, um die hohen Hotelkosten zu sparen. Mit Beginn des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 intensivierte sich die Städtepartnerschaft Zwickau - Wolodymyr. Es entwickelte sich in der Zwickauer Bevölkerung eine große Solidaritätswelle mit den Kriegsopfern, die sich in Demonstrationen, Friedensgebeten und humanitärer Hilfe niederschlug.

Am 19. Februar 2022, vier Tage vor Beginn der russischen Invasion, fahre ich mit meinem Freund Karl-Ernst Müller (rechts) nach Berlin, um am Brandenburger Tor an einer Solidaritätsaktion für die Ukraine teilzunehmen. Zu dem Plakat hatte mich eine Rede des Bundespräsidenten inspiriert.


UND IMMER WIEDER MUSIK | 51

Und immer wieder Musik

Im Jahr 2012 nahm ich an der Sächsischen Chor- und Instrumentalwoche in Hohenstein-Ernstthal als Sänger teil. Dort wurde der„Lobgesang" (2. Sinfonie) von Mendelssohn-Bartholdy einstudiert. Die Leitung hatte der ehemalige Generalmusikdirektor von Zwickau Georg Christoph Sandmann.

Nach einer Probe fragte er mich, ob ich Lust hätte, an seinem Dirigierseminar am Mendelssohnhaus in Leipzig teilzunehmen. Ich sagte ihm, dass ich bis jetzt immer nur Orgel im Gottesdienst gespielt hätte und ab und zu auch mal mit ein bisschen Chorleitung beauftragt wurde. „Dann sind Sie genau meine Zielgruppe!" Ich fragte mich, ob ich mit 65 Jahren anfangen sollte, Orchesterdirigieren zu lernen.

Nach kurzem Zögern sagte ich zu und meldete mich für den Herbstkurs an. Dort sollte ebenfalls am „Lobgesang" gearbeitet werden. Zwischendurch nahm ich noch einige Unterrichtsstunden bei Herrn Sandmann in seiner Zwickauer Wohnung, wo er mir zunächst beibrachte, wie man eine Partitur vorbereitet. Erst beim dritten Mal durfte ich dirigieren und er saß am Klavier. Ich staunte immer wieder, wie er so flüssig die riesige Partitur spielen und dabei noch gleichzeitig alle Fehler des Dirigenten beobachten konnte.

Die ganze Sache machte mir sehr viel Freude und ich durfte dann auch am Herbstkurs in Leipzig teilnehmen. Von der Mendelssohn-Sinfonie reizte mich besonders der 2. Satz im 6/8-Takt. Ich bewunderte die Musiker, wie sie sich scheinbar selbstverständlich dem Dirigat eines Laien unterwarfen. Nachdem ich also das Seminar in Leipzig einigermaßen erfolgreich absolviert hatte, nahm ich regelmäßig Privatunterricht bei Herrn Sandmann. Schon im April 2013 gab ich mein erstes Konzert. In „meiner" Versöhnungskirche in Zwickau-Neuplanitz führte ich die Solokantate „Ich habe genug" von Johann Sebastian Bach auf. Die Basspartie sang mein Freund Thomas Oertel aus Leipzig. Es spielten der Oboist Xavier Duss aus der Vogtlandphilharmonie Greiz-Reichenbach und das Kammerorchester des Robert-Schumann-Konservatoriums Zwickau. Das wurde für mich am Ende meines 66. Lebensjahres eine wunderbare Premiere. Seit dieser Zeit habe ich fast in jedem Jahr ein kleines Konzert dirigiert. Dazu suchte ich mir unter meinen Freundinnen und Freunden jeweils ein kleines Streichorchester aus. Einmal, bei Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester, spielten dazu auch noch je zwei Oboen und Klarinetten, Bei der Suche nach den jungen Instrumentalisten half mir das Konservatorium ganz entscheidend.

Nun plane ich, mein Ausscheiden aus dem Stadtrat mit einem kleinen Abschlusskonzert im Bürgersaal des Rathauses zu begehen. Dazu gab es bereits Gespräche mit der Oberbürgermeisterin Constance Arndt und mit der Theaterleitung. Der Intendant versprach mir sogar, dieses kleine Konzert in das offizielle Programm aufzunehmen und mir ausreichend Musikerinnen und Musiker zur Verfügung zu stellen. Wenn alles gut geht, könnte dieser Abschied aus der Kommunalpolitik (kein Abschied von der Musik) kurz vor der nächsten Kommunalwahl im Mai 2024 erfolgen.

Schließlich darf man wohl mit 77 Jahren aus der aktiven Kommunalpolitik ausscheiden, wasja kein Abschied von Musik und Politik sein muss.

Geduld aber bringt Erfahrung;
Erfahrung aber bringt Hoffnung;
Hoffnung aber lässt nicht zu Schanden werden.
Römerbrief Kap. 5


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Schlussbetrachtung

42 Jahre meines Lebens habe ich in einer Diktatur verbracht. Es wäre schön, wenn ich mindestens genauso lange in der Demokratie leben könnte. Dabei werde ich in Ostdeutschland bleiben, obwohl es der Teil unseres Landes ist, der stärker von Putinfreundlichkeit und rechtem Gedankengut geprägt ist als der westliche Teil unseres Vaterlandes. Ob sich das ändern lässt? Ja, zum Beispiel durch das Reden und Schreiben über das Leben im Osten, wie ich es mit dieser Autobiografie versuche.

Die überwiegende Mehrheit der Ostdeutschen meiner Generation hatte sich an die Herrschaftsverhältnisse der DDR angepasst. Diese Menschen gingen selbstverständlich zur Wahl, um ohne Benutzung eines Stiftes die Stimmzettel in die Urne zu werfen. Sie beteiligten sich gewohnheitsmäßig an den Demonstrationen zum 1. Mai, die die Verbundenheit der Bevölkerung mit der Regierung sichtbar machen sollte. Sie waren Mitglieder im sogenannten Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), der alles andere als eine Gewerkschaft war. Ich gestehe, dass auch ich nach einigem Drängen der Betriebsleitung in meinem ersten Arbeitsverhältnis in diese Pseudogewerk-schaft eintrat. Darauf kann ich zwar nicht stolz sein, aber ich betrachte diesen Schritt

als einen Kompromiss, ganz im Gegensatz zu meinen damaligen Kolleginnen und Kollegen. Diese betrachteten mich bis zum Jahr 1989 als Nörgler, Spinner und realitätsfernen Widerspruchsgeist. Dieses Bild über mich änderte sich in der ostdeutschen Bevölkerungsmehrheit im Herbst 1989 schlagartig. Plötzlich war ich kein Spinner mehr, sondern ein Held.

Ob sich das Selbstbild der angepassten ostdeutschen Bevölkerung in diesem Herbst ebenso schlagartig veränderte? Ich denke, dass dies nicht der Fall war. Wer möchte schon die Leistung in der ersten Hälfte seines Lebens gering achten? Deswegen beobachte ich in der hiesigen Bevölkerung eine Hinwendung zum autoritären Russland. So wie man damals den Widerstand gegen das SED-Regime als illusionär abqualifizierte und damit seine Anpassung an dieses Regime rechtfertigte, so sieht man jetzt die Verteidigung der Ukraine gegen die russische Aggression als illusionär an. Für mich stellt sich die Frage, ob das Bild Wolodymyr Selenskyjs in der ostdeutschen Bevölkerung sich irgendwann auch vom Spinner zum Helden wandeln wird. Ich hoffe, dass ich diesen Umdenkungsprozess noch erleben werde. Aber er wird wohl erst mit dem Sieg der Ukraine beginnen.

 

Ende

 

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