Start    T-3     >>>> 

8  Die Ära der
Dissidenten  

 

 

Applebaum 2003

Freu' dich nicht zu früh 
Und glaub' dem Orakel nicht,
Dass Wunden sich nicht wieder öffnen,
Dass das Böse nicht aufersteht. 

 

Selbst wenn ich rückständig scheine:
Lass sie reden, ich weiß es genau:
Stalin ist nicht tot. 

Als ob nur der Tod es wäre 
Und die Namenlosen, verschwunden im Norden.
Hat nicht das Böse, gepflanzt in unsere Herzen,
Sein übles Werk schon getan?

 

Solange Armut ist und Reichtum,
Solang die Lügen nicht verstummen,
Solang die Angst wir nicht vertreiben,
Ist Stalin nicht tot.  

Boris Tschitschibabin,
<Stalin ist nicht tot>, 
1967 (1) 


Jean-Amery-1976

 

Joseph Brodski

 

Wladimir Bukowski

555-579

Stalins Tod hatte tatsächlich für den massiven Einsatz von Zwangsarbeit in der Sowjetunion das Ende eingeläutet. Obwohl die sowjetische Unterdrückungs­politik auch in den folgenden vierzig Jahren zuweilen sehr harte Formen annahm, kam niemand mehr auf den Gedanken, das riesige Lagersystem zu neuem Leben zu erwecken. 

Keiner versuchte mehr, es zu einem zentralen Bestandteil der sowjetischen Wirtschaft zu machen oder Millionen Menschen auf diese Art einzukerkern. Die Geheimpolizei erhielt nie wieder die Kontrolle über einen so großen Anteil am Wirtschaftspotenzial des Landes, und Lagerkommandanten konnten sich nie mehr als Direktoren mächtiger Industrieunternehmen gerieren.

Ganz verschwanden die Lager allerdings nicht. Und die sowjetischen Gefängnisse fügten sich auch nicht in einen »normalen« Strafvollzug ein, in dem nur Kriminelle einsaßen. Stattdessen durchliefen sie einen gewissen Wandel.

Zunächst wandelte sich das Wesen der politischen Gefangenen. Zu Stalins Zeit erinnerte das Unterdrückungssystem an ein Glücksspiel: Jeder konnte zu jeder Zeit und aus jedem Grund verhaftet werden — Bauern, Arbeiter und Parteibürokraten gleichermaßen. Auch nach Chruschtschow nahm die Geheimpolizei Menschen gelegentlich »wegen nichts« fest, wie Anna Achmatowa einst gesagt hatte. Aber Breschnews KGB verhaftete in der Regel doch »für etwas«, und wenn es keine wirkliche Straftat war, dann für literarische, religiöse oder politische Gegnerschaft zum Sowjetsystem. In der Regel »Dissidenten« — manchmal auch »Gefangene aus Gewissensgründen« genannt —, wusste diese neue Generation von Politischen, warum sie in Haft saß, verstand sich selbst als politische Gefangene und wurde auch so behandelt.

Sie waren nun viel weniger an Zahl als zu Stalins Zeiten. Mitte der siebziger Jahre schätzte Amnesty International, dass von der einen Million Häftlinge in der Sowjetunion nur etwa zehntausend politische Strafen verbüßten, die meisten in den beiden »politischen« Lagerkomplexen in Mordowien, südlich von Moskau, und bei Perm im Westural.2) Pro Jahr wurden in der Regel nicht mehr als einige tausend offen politische Verhaftungen vorgenommen. In jedem anderen Land wäre das eine sehr große Zahl, im Vergleich zur Sowjetunion unter Stalin war sie jedoch gering.

Nach Berichten ehemaliger Häftlinge tauchte diese neue Art von Politischen bereits 1957 im Gefolge des ungarischen Aufstandes vom Oktober 1956 in den Lagern auf, als sowjetische Bürger und Soldaten festgenommen wurden, die mit der Erhebung sympathisiert hatten.3) Zur gleichen Zeit gelangten die ersten wenigen »Abgelehnten« in sowjetische Gefängnisse: Juden, denen man die Auswanderung nach Israel verweigert hatte.

Ende der fünfziger Jahre wurden ebenfalls die ersten Gruppen sowjetischer Baptisten verhaftet, die sich bald zur größten Einzelgruppe von Dissidenten hinter Stacheldraht entwickeln sollten, dazu Mitglieder weiterer religiöser Sekten.  detopia-2025: Kourdakow-1973 

Im Jahr 1960 stieß Awraham Schifrin in einer Strafzelle im politischen Lager Potma sogar auf eine Gruppe von Altgläubigen, die an archaischen Riten der orthodoxen Kirche festhielten. Ihre Gemeinschaft hatte sich 1919 in die unberührten Wälder des Nordurals zurückgezogen und dort in völliger Abgeschiedenheit gelebt, bis ein Hubschrauber des KGB sie fünfzig Jahre später entdeckte.(4)  detopia-2024: Peskow-1992

Schifrin selbst gehörte einer neuen Kategorie von Gefangenen an: Söhne und Töchter von »Volksfeinden«, denen es Ende der fünfziger Jahre schwer fiel, sich in die Routine der Sowjetgesellschaft einzufügen. Ein auffallend großer Teil der Dissidentengeneration, besonders der Menschen­rechts­aktivisten, waren Kinder oder Verwandte von Stalinopfern. 

556


Zu den berühmtesten gehören die Zwillingsbrüder Zhores und Roy Medwedjew. Roy, ein Historiker, wurde zu einem der bekanntesten Publizisten des sowjetischen Untergrundes. Zhores, Wissenschaftler und ebenfalls Dissident, fand sich daraufhin in einer psychiatrischen Klinik wieder. Ihren Vater hatte man als »Volksfeind« verhaftet, als sie noch Kinder waren.5) 

Sie sollten nicht die Einzigen bleiben. 1967 sandten die Nachkommen von Kommunisten, die unter Stalin gelitten hatten, einen offenen Brief an das Zentral­komitee, in dem sie vor der Gefahr des Neostalinismus warnten. Diesen Brief, eines der ersten öffentlichen Protestschreiben an die Behörden, hatten eine Reihe Publizisten und Aktivisten der Dissidentenbewegung unterschrieben, von denen viele bald selbst inhaftiert werden sollten: Pjotr Jakir, der Sohn des Generals Iona Jakir, Anton Antonow-Owsejenko, der Sohn des bekannten Bolschewiken Wladimir Antonow-Owsejenko, und Larissa Bogoras, deren Vater wegen trotzkistischer Aktivitäten 1936 ins Gefängnis kam. Offenbar reichte ein Erlebnis mit Lagerhaft in der Familie aus, um die junge Generation zu radikalisieren.(6) 

Aber nicht nur die Gefangenen waren andere, sondern auch die Justiz hatte sich in einigen Aspekten gewandelt, 1960, als die Tauwetterperiode ihren Höhepunkt erreichte, wurde ein neues Strafgesetz eingeführt. Zweifellos war es liberaler. Verhöre zur Nachtzeit wurden abgeschafft, die Befugnisse des KGB (bei der Ermittlung in politischen Fällen) und des Innenministeriums (bei der Leitung des Strafvollzuges) eingeschränkt. Staatsanwälte erhielten größere Unabhängigkeit, vor allem aber wurde der verhasste Artikel 58 abgeschafft.7) 

Manche dieser Veränderungen wurden zu Recht als reine Kosmetik abgetan. Denn wenn die Behörden einen vermeintlich Andersdenkenden verhaften wollten, dann konnten sie das nach wie vor tun. An die Stelle des Artikel 58 traten in dem neuen Strafgesetz Artikel 70 über »antisowjetische Agitation und Propaganda« sowie Artikel 72 über »Organisierte Beteiligung an besonders gefährlichen Verbrechen gegen den Staat sowie Beteiligung an antisowjetischen Organisationen«. Hinzu kam Artikel 142, »Verletzung des Gesetzes über die Trennung von Kirche und Staat«. Wenn der KGB also jemanden aus religiösen Gründen festnehmen wollte, dann war das nach wie vor möglich.8) 

557


Dennoch war nicht alles gleich. In der Zeit nach Stalin achteten die Behörden — Staatsanwälte, Gefängnisse, Lagerwachen und Aufseher — viel mehr auf die Außenwirkung ihres Handelns und gaben sich daher große Mühe, einen Schein von Legalität zu wahren. Als beispielsweise Artikel 70 sich als zu lasch erwies, um jeden hinter Gitter zu bringen, der den Behörden missfiel, wurde das Strafgesetzbuch um Artikel 190-1 ergänzt, der »die mündliche Verbreitung bewusster Verleumdungen zur Diskreditierung des politischen und gesellschaftlichen Systems der Sowjetunion« untersagte. Die Justiz sollte wie ordentliche Justiz wirken, selbst wenn jeder wusste, dass das eine Täuschung war.9) 

Als eindeutige Absage an das alte System der Troikas und Sonderkommissionen legte das neue Gesetz fest, dass Verhaftete vor ein ordentliches Gericht zu stellen waren, eine Bestimmung, die den sowjetischen Behörden in der Folgezeit viel mehr Unannehmlichkeiten bereiten sollte, als sie damals ahnen konnten.

#

Zwar wurde Jossif Brodski nicht nach den neuen, gegen die Dissidenten gerichteten Gesetzen abgeurteilt, aber sein Prozess läutete in vieler Hinsicht die neue Ära ein. Dass er überhaupt stattfand, war schon etwas Neues. In der Vergangenheit hatte man über Personen, die dem Staat Ärger bereiteten, nicht öffentlich verhandelt, es sei denn in sorgfältig inszenierten Schauprozessen. Brodskis Verhalten vor Gericht war Beweis genug, dass er einer anderen Generation angehörte als Solschenizyn und die politischen Gefangenen wenige Jahre zuvor. Brodski hat einmal geschrieben, dass ihm die Erfahrung der Indoktrination erspart blieb, die andere, nur wenige Jahre ältere noch erleiden mussten:

»Wir tauchten aus den Nachkriegstrümmern auf, als der Staat zu beschäftigt damit war, seine eigene Haut zu flicken, und sich nicht richtig um uns kümmern konnte. Wir kamen zur Schule, und welch höherer Quatsch uns dort auch beigebracht wurde — Leid und Armut rundum waren offensichtlich. Eine Ruine läßt sich nicht mit einer Seite der <Prawda> zudecken.«(10) 

558


Wenn es sich um Russen handelte, dann kamen Brodskis Altersgenossen in der Regel über ihre literarischen oder künstlerischen Vorlieben, die sie in Breschnews Sowjetunion nicht ausleben konnten, zur Kritik an den Zuständen in ihrem Lande. Für Balten, Kaukasier oder Ukrainer war meist eine von den Eltern überkommene nationalistische Einstellung das Motiv. 

Brodski selbst war ein typischer Leningrader Dissident. Schon in sehr jungen Jahren lehnte er die sowjetische Propaganda ab und verließ mit fünfzehn die Schule. Er arbeitete mal hier, mal da und begann bald Gedichte zu schreiben. Mit Anfang zwanzig hatte er sich in der Leningrader Literaturszene bereits einen Namen gemacht. Die alternde Achmatowa nahm ihn unter ihre Fittiche. Seine Gedichte wurden unter Freunden weitergegeben und auf geheimen Literaturabenden rezitiert — ebenfalls etwas Neues, das für diese Zeit typisch war. 

Damit zog Brodski unweigerlich die Aufmerksamkeit der Geheimpolizei auf sich. Zuerst wurde er nur schikaniert, später verhaftet. Die Anklage lautete auf »Parasitentum«: Da Brodski als Dichter nicht vom Schriftstellerverband anerkannt war und keinem regelmäßigen Broterwerb nachging, galt er als asozial. Bei seinem Prozess im Februar 1964 erklärten die Zeugen der Staatsanwaltschaft, die der Angeklagte meist gar nicht kannte, er sei ein »moralisch verkommener Mensch, der von anderen abschreibt und antisowjetische Verse verfasst«. Zu seiner Verteidigung konnte er aus Briefen und Reden berühmter Dichter und Schriftsteller, darunter Anna Achmatowa, zitieren.

Natürlich war der Prozess nicht allein gegen Brodski gerichtet, sondern gegen die Reste einer unabhängigen Schicht von Intellektuellen mit ihren Verbindungen, ihrer vermuteten Gegnerschaft zur Sowjetmacht und ihrer Verachtung für »Arbeit«. In gewissem Sinne hatten die Organisatoren des Prozesses durchaus ins Schwarze getroffen: Brodski war gegen die Sowjetmacht eingestellt, er hasste sinnlose, fruchtlose Arbeit und vertrat eine entfremdete Klasse, Menschen, die von dem Rückschlag nach dem Tauwetter zutiefst frustriert waren. 

Da Brodski das selbst genau wusste, war er über seine Verhaftung nicht verwundert und von dem Prozess nicht aus der Fassung gebracht. Stattdessen stritt er mit dem Richter:

559


»Richter: Was ist Ihre Beschäftigung? 
Brodski: Ich bin Dichter. 

Richter: Wer hat Sie als Dichter anerkannt? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, sich Dichter zu nennen? 
Brodski: Niemand. Wer hat mir das Recht gegeben, dem Menschengeschlecht anzugehören? 

Richter: Haben Sie dafür ein Studium absolviert? 
Brodski: Wofür? 

Richter: Um Dichter zu werden. Warum haben Sie keine höhere Bildung angestrebt, um etwas zu lernen, um sich vorzubereiten? 
Brodski: Ich glaube nicht, dass Dichten etwas mit Lernen zu tun hat. 

Richter: Womit dann? 
Brodski: Ich denke, es ist... eine Gottesgabe.« 

Als er später gefragt wurde, ob er das Gericht noch um etwas bitten wolle, sagte Brodski: »Ich möchte wissen, warum man mich verhaftet hat.«
Der Richter antwortete: »Das ist eine Frage, keine Bitte.« Darauf Brodski: »Wenn das so ist, dann habe ich keine Bitten.«
(11) 

Formal gesehen, verlor Brodski den Streit: Der Richter verurteilte ihn zu fünf Jahren Zwangsarbeit in einer Kolonie bei Archangelsk. Als Begründung wurde angeführt, er habe »es systematisch unterlassen, die Pflichten eines Sowjetbürgers zu erfüllen, keine materiellen Werte produziert, nicht für seinen Unterhalt gesorgt, wie aus dem häufigen Wechsel seiner Arbeitsstellen zu ersehen« sei. Unter Berufung auf Auskünfte der »Kommission für Arbeit mit jungen Dichtern« erklärte der Richter, Brodski, der später den Nobelpreis für Literatur erhalten sollte, sei »kein Dichter«.(12)

Aus anderer Sicht »gewann« Brodski diesen Prozess in einer Weise, wie es früheren Generationen russischer Häftlinge nicht möglich gewesen wäre. Er stellte nicht nur den Sinn der sowjetischen Justiz in Frage, sondern dieser Vorgang wurde auch noch für die Nachwelt festgehalten. Ein Journalist fertigte ein detailliertes Protokoll des Prozesses an, das anschließend in den Westen geschmuggelt wurde. Das machte Brodski mit einem Schlag in Russland und im Ausland bekannt. Sein Auftreten im Gerichtssaal wurde zum Vorbild, dem andere nacheiferten; Schriftsteller im In- und Ausland forderten von der Regierung seine Freilassung. Nach zwei Jahren wurde diese gewährt und Brodski aus der UdSSR ausgewiesen. All das wäre zu Stalins Lebzeiten undenkbar gewesen.

    ^^^^     560


»Wie immer werden Menschen hinter Gitter gebracht und nach dem Osten abtransportiert«, schrieb Valentin Moros, ein kritischer ukrainischer Historiker, kurze Zeit später: »Aber diesmal sind sie nicht unbekannt geblieben.«13) Das war letztlich der größte Unterschied zwischen den Gefangenen Stalins und denen Breschnews und Andropows. Die Außenwelt wusste von ihnen, setzte sich für sie ein und konnte ihr Schicksal beeinflussen. Das Sowjet­regime wurde davon allerdings nicht liberaler — nach dem Brodski-Prozess sollten die Ereignisse sich überschlagen.

So wie das Jahr 1937 für die Verfolgung der Intelligenz der Stalin-Zeit besondere Bedeutung hat, war 1966 für die Tauwetter-Generation ein besonderes Jahr. Nun war klar, dass die Neostalinisten triumphiert hatten. Chruschtschow war abgesetzt. An seine Stelle war Leonid Breschnew getreten, der mit eindeutigen Erklärungen Stalins Reputation wiederherzustellen versuchte.14) Ein Jahr später hielt Juri Andropow, der frisch gebackene Chef des KGB, eine Rede zum fünfzigsten Jahrestag der Gründung der Tscheka, in der er die sowjetische Geheimpolizei unter anderem für ihren »unnachgiebigen Kampf gegen die Feinde des Staates pries«.15)

Im Februar 1966 kamen Andrej Sinjawski und Juli Daniel vor Gericht. Beide waren bekannte Schriftsteller und hatten bereits im Ausland veröffentlicht. Man befand sie nach Artikel 70 des Strafgesetzbuches der »antisowjetischen Agitation und Propaganda« für schuldig. Sinjawski erhielt sieben und Daniel fünf Jahre Zwangsarbeit.16) Sie waren die Ersten, die man nicht wegen asozialen Verhaltens, sondern für den Inhalt ihrer literarischen Arbeit verurteilte. Einen Monat später wurde zwei Dutzend ukrainischen Intellektuellen in Kiew unter wesentlich größerer Geheimhaltung der Prozess gemacht.17) 

561


Nach einem Muster, das bald nur zu vertraut werden sollte, brachten diese Prozesse immer weitere hervor, da immer mehr empörte Intellektuelle die Sprache des sowjetischen Rechtssystems und die sowjetische Verfassung benutzten, um Justiz und Polizei des Landes zu kritisieren. Der Fall von Sinjawski und Daniel zum Beispiel beeindruckte Alexander Ginsburg, einen jungen Moskauer, der bereits in »inoffiziellen« kulturellen Zirkeln aktiv war. Er stellte eine Mitschrift des Sinjawski/Daniel-Prozesses als »Weißbuch« zusammen und ließ es in Moskau kursieren. Zusammen mit drei angeblichen Mittätern wurde er bald darauf verhaftet.18) 

Etwa zur selben Zeit beeindruckten die Kiewer Prozesse in gleicher Weise den jungen ukrainischen Anwalt Wjatscheslaw Tschornowil. Er stellte ein Dossier über das ukrainische Justizsystem zusammen, zeigte dessen innere Widersprüche auf und wies nach, wie rechtswidrig und absurd die Verhaftungen in der Ukraine waren.(19) Auch er wurde bald darauf verhaftet.(20)

So entstand aus einer von Schriftstellern und Dichtern begründeten kulturellen und geistigen Strömung eine Bewegung für die Menschenrechte.

Wenn man die sowjetische Menschenrechtsbewegung in einen größeren Zusammenhang stellt, fällt auf, dass die sowjetischen Dissidenten niemals eine Massenorganisation aufbauten wie ihre polnischen Kollegen und auch nicht für sich beanspruchen können, das Sowjetregime allein zu Fall gebracht zu haben. Das Wettrüsten, der Afghanistankrieg und die wirtschaftliche Katastrophe, die das zentrale Planungssystem verursachte, haben mindestens ebenso großen Anteil daran. 

Ja, die sowjetischen Dissidenten brachten kaum mehr als eine Hand voll öffentlicher Demonstrationen zustande. An der bekanntesten, die am 25. August 1968 als Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei stattfand, waren ganze sieben Personen beteiligt. Um die Mittagszeit versammelten sie sich vor der Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz, entrollten die tschechoslowakische Fahne und Spruchbänder mit Losungen wie: »Es lebe die freie und unabhängige Tschechoslowakei!«, »Hände weg von der Tschechoslowakei, für eure und unsere Freiheit!«. Minuten später ertönte eine Trillerpfeife, und KGB-Agenten in Zivil stürzten sich auf die Demonstranten, als hätten sie sie bereits erwartet, mit dem Ruf »Das sind alles Juden!« »Schlagt die Sowjetfeinde!« Sie rissen die Spruchbänder nieder, verprügelten die Demonstranten und brachten alle außer einer Frau, die ihr drei Monate altes Baby bei sich hatte, auf direktem Weg ins Gefängnis.(21)  

562


So schwach sie waren, verursachten diese Aktionen der sowjetischen Führung gleichwohl viel Ärger; schließlich war ihr Ziel nach wie vor die Welt­revolution, ihr Bild in der internationalen Öffentlichkeit daher für sie von enormer Bedeutung. Zu Stalins Zeiten hatte man die Tatsache massiver Unterdrückung sogar vor einem amerikanischen Vizepräsidenten auf Rundreise geheim halten können.

In den sechziger und siebziger Jahren ging die Nachricht von einer einzigen Verhaftung über Nacht um die Welt. Zum Teil war die Verbesserung der Massenkommunikation über Radiosender wie <Voice of America> und <Radio Liberty> sowie das Fernsehen dafür verantwortlich.

  Samisdat 

Zum Teil lag es daran, dass die Sowjetbürger selbst neue Wege der Nachrichtenübermittlung auftaten. Denn 1966 war auch in anderer Hinsicht ein Meilenstein: Das Wort Samisdat wurde geboren.

Dieses Akronym, das dem russischen Wort Gosisdat, »Staatsverlag«, nachgebildet ist, bedeutet im Wortsinn »Selbstverlag« und meint die Untergrundpresse. Das war keine neue Idee. Der Samisdat ist in Russland fast so alt wie das geschriebene Wort. Bereits Puschkin verbreitete in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts heimlich handgeschriebene Exemplare seiner politischen Gedichte. Und auch in der Stalin-Zeit war die Weitergabe von Geschichten und Gedichten unter Freunden nicht unbekannt.

Seit 1966 breitete sich der Samisdat allerdings über das ganze Land aus. In der Periode des Tauwetters hatten viele Sowjetbürger Geschmack an freieren literarischen Werken gefunden, weshalb der Samisdat zunächst vor allem ein literarisches Phänomen war.22) Sehr rasch nahm er jedoch einen politischeren Charakter an. In einem Bericht des KGB vom Januar 197X für die Mitglieder des Zentralkomitees werden die Veränderungen der vorausgegangenen fünf Jahre untersucht. Danach hatte die Geheimpolizei

»... über vierhundert Studien und Artikel zu wirtschaftlichen, politischen und philosophischen Fragen sichergestellt, die die historischen Erfahrungen des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion aus verschied­ener Sicht kritisieren, die Innen- und Außenpolitik der Kommunistischen Partei in Frage stellen und verschiedene Programme oppositioneller Tätigkeit propagieren«.23) 

563


Der Bericht kam zu dem Schluss, der KGB müsse Schritte einleiten, um »die vom Samisdat propagierten antisowjetischen Tendenzen zu neutralisieren und zu diskreditieren«. Aber es war zu spät, den Geist zurück in die Flasche zu jagen. Der Samisdat wuchs und nahm die verschiedensten Formen an: maschinengeschriebene Gedichte, die von Freund zu Freund weitergegeben und bei jeder Gelegenheit neu abgetippt wurden, handgeschriebene Infobriefe und Bulletins, Mitschriften von Sendungen der Voice of America, und — viel später — Bücher und Zeitschriften, die man auf illegalen Druckmaschinen — oft im kommunistischen Polen — professionell herstellte. Gedichte und Songs, die russische Liedermacher wie Alexander Galitsch, Bukt Okudschawa oder Wladimir Wyssozki schrieben, fanden dank technischer Neuerungen wie dem Kassettenrecorder rasche Verbreitung.

In den sechziger, siebziger und achtziger Jahren war die Geschichte des Stalinismus einschließlich der des Gulags eines der wichtigsten Themen im Samisdat. Die Netzwerke druckten und verbreiteten weiterhin Werke von Solschenizyn, der inzwischen in der UdSSR verboten war. Warlam Schalamows Gedichte und Erzählungen sowie Jewgenia Ginsburgs Memoiren zirkulierten ebenfalls zuerst im Untergrund.

Ein anderes wichtiges Thema war die Verfolgung der Dissidenten. Erst dank Samisdat, besonders jener Erzeugnisse, die ins Ausland gelangten, bekamen die Menschenrechtler in den siebziger Jahren ein größeres internat­ionales Forum. Die Dissidenten lernten, mit Hilfe des Samisdat die Widersprüche zwischen dem Rechtssystem der UdSSR und den Methoden des KGB herauszustellen, zugleich aber auch immer lauter und häufiger auf die Kluft hinzuweisen, die zwischen den von der UdSSR unterzeichneten Menschenrechtskonventionen und der sowjetischen Praxis klaffte. Bevorzugte Texte waren dabei die <Allgemeine Erklärung der Menschenrechte> der UN und die Schlussakte von Helsinki. Erstere hatte die UdSSR bereits 1948 unterzeichnet. Ihr Artikel 19 lautet:

564


»Jedermann hat das Recht auf Freiheit der Meinung und der Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die unbehinderte Meinungsfreiheit und die Freiheit, ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen Informationen und Gedankengut durch Mittel jeder Art sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben.«(24) 

Die Schlussakte von Helsinki — das Ergebnis der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa — enthielt im so genannten Korb 3 eine Reihe von Vereinbarungen zum Thema Menschenrechte, die von allen beteiligten Staaten, auch der UdSSR, unterzeichnet wurden. Die Teilnehmerstaaten verpflichten sich darin unter anderem zur Gewährung von »Gedanken-, Gewissens-, Religions- und Überzeugungsfreiheit« und

»anerkennen die universelle Bedeutung der Menschenrechte und Grundfreiheiten... Sie werden diese Rechte und Freiheiten in ihren gegenseitigen Beziehungen stets achten und sich einzeln und gemeinsam, auch in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen bemühen, die universelle und wirksame Achtung dieser Rechte und Freiheiten zu fördern.«

Inner- wie außerhalb der UdSSR stammten die meisten Informationen über die Bemühungen der Dissidenten, zur Umsetzung dieser Vereinbarungen beizutragen, aus der Zeitschrift des sowjetischen Samisdat, der »Chronik laufender Ereignisse«. Dieses Bulletin, das anderswo nicht publizierte Nachrichten über Menschenrechtsverletzungen, Verhaftungen, Prozesse, Demonstrationen und neue Publikationen des Samisdat neutral weitergab, wurde von einem kleinen Freundeskreis in Moskau gegründet, dem Sinjawski, Daniel, Ginsburg und zwei später berühmte Dissidenten — Pawel Litwinow und Wladimir Bukowski — angehörten. 

Die Entwicklungsgeschichte der »Chronik« wäre ein weiteres Buch vom Umfang des vorliegenden wert. In den siebziger Jahren führte die Geheimpolizei einen regelrechten Krieg gegen diese Publikation, organisierte groß angelegte Hausdurchsuchungen bei allen, die mit diesem Journal in Verbindung gebracht wurden. Aber die »Chronik« überlebte selbst die Verhaftung ihrer Herausgeber und gelangte bis in den Westen. Amnesty International verbreitete regelmäßig Übersetzungen.25) 

  ^^^^    565


Die »Chronik« spielte in der Geschichte des Lagersystems ebenfalls eine herausragende Rolle. Sie wurde bald zur Hauptinformationsquelle über das Leben dort in der Zeit nach Stalin. In ihrer Rubrik »In Gefängnissen und Lagern« und später »In den Strafzellen« erschienen regelmäßig Reportagen aus den Lagern und Interviews mit Gefangenen.

Ob durch Indiskretion, Bestechung oder Schmeichelei erlangt, die Informationen, die die »Chronik« aus den Lagern holte, haben bis heute ihre Bedeutung behalten. Als dieses Buch geschrieben wurde, waren die Akten von Innenministerium und KGB aus der Zeit nach Stalin für die wissenschaftliche Forschung immer noch verschlossen. Aber dank der »Chronik«, dank anderen Publikationen des Samisdat und der Menschenrechtsbewegung, dank auch der vielen Erinnerungen aus den Lagern der sechziger, siebziger und achtziger Jahre war es möglich, sich ein zusammenhängendes Bild davon zu machen, wie es dort zuging.

 

»Weil die heutigen sowjetischen Lager für politische Gefangene ebenso grauenhaft sind wie Stalins Lager oder in mancher Beziehung sogar noch schlimmer...« - So beginnen Anatoli Martschenkos Memoiren über seine Jahre in der Haft. Als dieses Dokument Ende der sechziger Jahre in Moskau zirkulierte, war das ein Schock für die Intelligenz der Stadt, die geglaubt hatte, mit den Arbeitslagern sei es endgültig vorbei. Martschenko, ein Arbeiter, dessen Eltern noch Analphabeten waren, geriet zum ersten Mal wegen Rowdytum in die Fänge der Justiz. Sein zweites Gerichtsurteil erhielt er für Hochverrat. Er hatte die Sowjetunion über die iranische Grenze verlassen wollen. Zur Verbüßung dieser politischen Strafe wurde Martschenko nach Dubrawlag in Mordowien geschickt, eines der zwei berüchtigten Lager mit verschärftem Regime für politische Gefangene.

566


Viele seiner Erlebnisse mussten jenen bekannt vorkommen, die bereits von den Zuständen in den Stalinschen Lagern gehört hatten. Wie seine Vorgänger wurde auch Martschenko in einem Stolypin-Waggon nach Mordowien gebracht. Wie seine Vorgänger erhielt er einen Laib Brot, fünfzig Gramm Zucker und einen Salzhering für die Reise. Wie damals hing es von dem Begleitsoldaten ab, ob die Häftlinge Wasser bekamen: »Bestenfalls gibt er ein- bis zweimal am Tag Wasser aus, wird es ihm aber zu beschwerlich, mit der Kanne herumzulaufen, so kannst du einfach verdursten.«26) 

Im Lager angekommen, musste Martschenko von den gleichen Hungerrationen leben wie andere Jahrzehnte zuvor. »Während der sechs Jahre Gefängnis und Lager habe ich zweimal Butterbrot gegessen — das war beim Wiedersehen. Zwei Gurken habe ich in der ganzen Zeit gegessen: eine 1964 und die andere 1966. Nicht ein einziges Mal bekam ich eine rote Tomate oder einen Apfel.«27) 

Arbeit spielte immer noch eine Rolle, allerdings wurde nun anderes verlangt. Martschenko arbeitete als Lastträger und Zimmermann.

Martschenko machte Erfahrungen erst als Krimineller, dann als politischer Häftling, und über die Jahre, so stellte er fest, verschlechterten sich die Bedingungen. Seine Beschreibungen der Verbrecherwelt im Lager klingen vertraut. Seit Stalins Tod waren ihre Sitten und Gebräuche höchstens noch weiter verfallen.

Die Gewaltkultur von Dominanz und homosexueller Vergewaltigung, die wir aus früheren Schilderungen von Jugendhaftanstalten kennen, spielte jetzt eine weit größere Rolle. Ungeschriebene Gesetze teilten die Kriminellen strikt in zwei Gruppen ein, die jeweils die »Frauen«- beziehungsweise »Männerrolle« übernahmen. »Erstere wurden von allen verachtet, letztere spielten sich als Helden auf, prahlten mit ihrer Männlichkeit und ihren Eroberungen; nicht nur vor ihresgleichen, sondern auch vor den Vorgesetzten«, schrieb Martschenko.28) Schenja Fjodorow zufolge, der 1967 wegen Diebstahls verhaftet wurde, spielten die Behörden das Spiel mit, indem sie die »unreinen« Gefangenen in separate Zellen sperrten. Jeder konnte dorthin geraten: »Wenn man beim Kartenspiel verlor, konnte man dazu gezwungen werden, es <wie eine Frau> zu machen.«29)

567


In den sechziger Jahren wurde die Tuberkulose zu einer Geißel der russischen Haftanstalten und ist es bis heute geblieben. Fjodorow beschreibt die Situation so: »Wenn in einer Baracke achtzig Leute schliefen, dann hatten fünfzehn Tbc. Sie wurden nicht behandelt, denn gegen alles gab es nur eine Arznei, eine Art Kopfschmerztabletten. Die Ärzte benahmen sich wie SS-Leute: Sie sprachen nicht mit einem Gefangenen und schauten ihm nicht ins Gesicht, als ob er Luft für sie sei.«(30)

Viele Kriminelle waren inzwischen nach Tschifir süchtig, einem extrem starken Tee, der einen Rauschzustand auslöste. Andere kamen auf die abstrusesten Ideen, um sich Alkohol zu beschaffen. Von Häftlingen, die außerhalb des Lagers arbeiteten, was durchaus vorkam, wurde eine besondere Methode entwickelt, diesen an den Wachen vorbeizuschmuggeln:

Ein Kondom wird fest mit einem langen dünnen Plastikschlauch verbunden. Der Sek schluckt es hinunter, bis er nur noch das Ende des Schlauchs im Mund hat. Damit er es nicht aus Versehen verschluckt, klemmt er es in eine Zahnlücke. Das ist kein Problem, da kaum ein Sek noch alle 32 Zähne hat. Dann werden ihm mit Hilfe einer Spritze durch den Plastikschlauch bis zu drei Liter reiner Sprit in das Kondom gepumpt. In diesem Zustand geht der Sek ins Lager zurück. Wenn das Kondom nicht richtig festgebunden war oder in seinem Magen platzt, ist ihm ein qualvoller Tod gewiss. Und doch nehmen sie dieses Risiko immer wieder auf sich, denn drei Liter Sprit ergeben sieben Liter Wodka. Ist der »Held« im Lager zurück, wird er in der Baracke mit dem Kopf nach unten an einem Balken aufgehängt. Aus dem Schlauch läuft der Sprit in eine Schüssel, wobei auch der letzte Tropfen sorgfältig aufgefangen wird. Dann ziehen sie ihm das Kondom wieder heraus.

#

Auch Selbstverstümmelung war nach wie vor weit verbreitet. Nur nahm sie jetzt noch krassere Formen an. Eduard Kusnezow, der ins Lager kam, weil er an einem berühmt gewordenen Versuch beteiligt war, ein Flugzeug vom Leningrader Flugplatz zu entführen, beschreibt Dutzende Methoden:

568/569

»Unzählige Male bin ich Zeuge der unglaublichsten Selbstverstümmelungen geworden: Nägel und Stacheldraht werden kilogrammweise verschluckt. Man würgt Quecksilberthermometer, Zinnschlüssel (nachdem man sie vorher in >essbare< Stücke zerkleinert hat) hinunter, Schachfiguren, Dominosteine, Nadeln. Glasscherben, Löffel, Messer... und was einem sonst noch in die Hände gerät. Man näht sich Mund und Augen mit Zwirn oder Draht zu oder näht sich eine ganze Reihe von Knöpfen am Körper an. Man nagelt sich den Hodensack an den Pritschen fest ... Man schneidet die Haut an Händen und Füßen ein und zieht sie wie einen Strumpf ab. Man schneidet sich Fleischstücke (vom Bauch oder von den Beinen) heraus, brät sie und verspeist sie. Man füllt eine Schüssel mit dem Blut aus einer geöffneten Vene, bröckelt sich Brot hinein und löffelt diese Suppe aus. Man schneidet sich Finger, Nase, Ohren und Penis ab...«

Kusnezow schreibt, dass die Häftlinge dies nicht unbedingt aus Protest taten, sondern häufig ohne jeden Grund oder »um ins Krankenhaus zu kommen, wo die jungen Schwestern so keß mit den Hüften wackeln, wo man Krankenration genießt und nicht zur Arbeit getrieben wird, wo man an Narkotika herankommt, Diätküche essen kann und Pakete oder den Besuch seiner Brieffreundin empfangen darf...« Masochisten gab es auch, die »von Aderlass zu Aderlass in Depression« verfielen.31) 

Unbestreitbar hatte sich das Verhältnis zwischen Kriminellen und politischen Gefangenen seit Stalins Zeiten stark verändert. Zwar quälten oder verprügelten Kriminelle manchmal die Politischen: Der ukrainische Dissident Valentin Moros wurde mit Kriminellen in einer Zelle untergebracht, die ihn nachts nicht schlafen ließen und ihm schließlich einen scharf geschliffenen Löffel in den Bauch rammten.32) Aber es gab auch Kriminelle, die vor Politischen hohen Respekt hatten, und sei es nur, weil diese sich den Behörden widersetzten. Dazu Wladimir Bukowski: »Sie wollten wissen, wofür wir sitzen, wofür wir kämpfen, lasen mit Interesse mein Urteil und konnten nur eins nicht fassen: dass wir alles umsonst tun, nicht für Geld.« 33) 

Manche Kriminelle wollten sich ihnen anschließen. Da sie meinten, in Haftanstalten für politische Gefangene gehe es milder zu, versuchten einige Berufs­verbrecher politische Strafen zu erhalten. Sie schrieben Schmähbriefe über Chruschtschow oder die Partei, in denen es von Kraftausdrücken wimmelte, oder bastelten aus Lumpen »amerikanische Flaggen« und hängten sie aus dem Fenster.

569


Tiefgreifender aber war die Veränderung im Verhältnis der politischen Gefangenen zu den Behörden. In der Zeit nach Stalin wussten die Politischen, weshalb sie in Haft waren, hatten diese erwartet und bereits entschieden, dass sie dort organisierten Widerstand leisten wollten. Ihre Forderung, getrennt von den Kriminellen untergebracht zu werden, wurde schließlich erfüllt. Die Lagerleitungen wollten diese neue Generation mit ihren ständigen Ansprüchen und der permanenten Bereitschaft zum Hungerstreik so weit wie möglich von den anderen Häftlingen fern halten.

Die Verweigerung der Nahrungsaufnahme kam so häufig vor, dass die »Chronik« seit 1969 nahezu ständig von solchen Protestaktionen berichten konnte. In den siebziger Jahren wurden Hungerstreiks, Arbeitsniederlegungen und andere Protestaktionen in Mordowien und Perm zu einer ständigen Erscheinung. Hungerstreiks als kurze Aktion von nur einem Tag oder als lange, quälende Auseinandersetzung mit den Behörden riefen auf der Gegenseite bald ermüdend vorhersehbare Reaktionen hervor, wie Martschenko beschrieben hat:

»Während der ersten Tage des Hungerstreiks kümmerte sich niemand darum; nach einigen Tagen, es mochten zehn oder zwölf sein, wurde man in eine besondere Zelle zu den anderen Hungernden geführt und künstlich ernährt. Widerstand leisten konnte man nicht, man wurde gefesselt und bekam Handschellen angelegt. Im Lager wurde diese Prozedur weitaus grausamer ausgeführt als im Untersuchungsgefängnis, zwei bis drei Male <gefüttert> konnte bedeuten, alle Zähne eingebüßt zu haben.«34)

Mitte der siebziger Jahre hatte man einige der »schlimmsten« politischen Gefangenen aus Mordowien und Perm entfernt und in besonderen Hoch­sicherheits­gefängnissen — vor allem in Wladimir, einer Haftanstalt aus der Zarenzeit in Mittelrussland — untergebracht, wo sie sich ganz der Auseinandersetzung mit der Staatsmacht widmeten. Das war ein gefährliches Spiel, das nach hoch komplizierten Regeln ablief. Die Gefangenen wollten ihre Haftbedingungen verbessern und Punkte machen, über die dann mittels Samisdat in den Westen berichtet werden konnte. 

  ^^^^    570


Die Behörden dagegen wollten den Willen der Gefangenen brechen. Sie sollten informieren, kollaborieren und vor allem ihre Auffassungen öffentlich widerrufen, worüber man dann in der sowjetischen Presse und ins Ausland berichten konnte. Zwar ähnelten ihre Methoden durchaus der Folter in den Verhörzellen der Stalinzeit, aber jetzt verursachte man den Gefangenen eher seelische als körperliche Schmerzen. Natan Sharansky, Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre einer der widerspenstigsten Gefangenen und heute Politiker in Israel, hat das Verfahren beschrieben:

»Sie laden dich zu einem Gespräch ein. Du glaubst, von dir hängt nichts ab? Im Gegenteil: Sie erklären dir, dass alles von dir abhängt. Möchten Sie Tee, Kaffee, Fleisch? Oder wollen Sie mit mir ein Restaurant besuchen? Warum nicht? Sie ziehen Zivilkleidung an und los geht's. Wenn Sie auf dem Wege der Rehabilitierung sind und uns helfen wollen ... Was, Sie wollen Ihre Freunde nicht verraten? Was bedeutet das schon? Dieser Russe (oder Jude oder Ukrainer, je nach Lage), der da mit Ihnen sitzt — wissen Sie nicht, was für ein Nationalist der ist? Sie wissen nicht, wie sehr er euch Ukrainer (Russen oder Juden) hasst?« 35)

Wie in der Vergangenheit konnten die Behörden Privilegien gewähren oder Strafen verhängen. Sie konnten die Lebensbedingungen des Gefangenen steuern, indem sie kleine, aber spürbare Veränderungen in seinen Alltag einbrachten, ihn ständig zwischen allgemeinem und Strafregime wechseln ließen, immer streng nach Vorschrift. Dazu noch einmal Martschenko:

»Wohl mag der Unterschied zwischen beiden Regimen für einen Menschen, der sie nicht am eigenen Leib erfahren hat, gering erscheinen, für den Häftling ist er jedoch von unermesslicher Bedeutung. Im allgemeinen Regime gibt es Radio, im strengen nicht; im allgemeinen gibt es eine Stunde Spaziergang am Tag, im strengen eine halbe Stunde und sonntags überhaupt keinen.« 36) 

571


Man konnte den Gefangenen auch in eine Strafzelle, »Kühlschrank« genannt, stecken: eine ideale Form der Strafe aus Sicht der Behörden. Sei war völlig legal und konnte technisch nicht als Folter bezeichnet werden. Die Wirkung auf den Gefangenen war langsam und zermürbend. Da man alle Zeit der Welt hatte und keine Straße durch die Tundra fertig stellen musste, war das für die Behörden kein Problem. Diese Zellen hätte auch Stalins NKWD ersonnen haben können. 

In einem Dokument, das die Moskauer Helsinki-Gruppe 1976 veröffentlichte, werden die Strafzellen des Gefängnisses von Wladimir — etwa fünfzig an der Zahl — sehr detailliert beschrieben. Ihre Wände waren mit besonders scharfkantigem Rauputz bedeckt, der Fußboden war schmutzig und feucht. In einer Zelle hatte man fehlende Fensterscheiben durch Zeitungspapier ersetzt, woanders Ziegelsteine in die Lücke gelegt. Die einzige Sitzgelegenheit war ein Zylinder aus Zement von etwa 25 Zentimetern Durchmesser, mit einem Eisenmantel umgeben. Nachts wurde eine hölzerne Pritsche ohne Decken oder Kissen hereingetragen. Der Gefangene musste auf blankem Holz und Metall schlafen. In den Zellen war es so kalt, dass die Häftlinge keinen Schlaf finden und sich manchmal nicht einmal niederlegen konnten. In einigen Zellen kam die »Belüftung« aus der Kanalisation.37) 

Für Menschen, die draußen ein aktives Leben geführt hatten, war die Langeweile am schwersten zu ertragen.  
Juli Daniel hat darüber ein Gedicht geschrieben:

»Wochen Wochen Wochen Wochen 
So verrauchen Zigaretten 
Zellen Zellen Fieberträume 
Angekettet ohne Ketten

Ach, der Nächte gutes Dunkel 
Schlucken Hundert-Watt-Gespenster 
Und das Sonnenlicht verschluckt mir 
Eine Holzwand vor dem Fenster

Ausgepumpt vom Nichtstun, schlag ich 
Mit der Stirn an nasse Wände 
Wochen Wochen, sie verrauchen 
Und sie glimmen durch die Hände« 38) 

572


Der Häftling konnte endlos in der Strafzelle eingesperrt bleiben. Laut Vorschrift durfte die Strafe nicht länger als fünfzehn Tage dauern. Das umging die Lagerleitung jedoch, indem sie den Gefangenen für einen Tag herausließ und danach sofort wieder in den Karzer steckte. Martschenko musste dort einmal 48 Tage lang ausharren. Nach fünfzehn Tagen ließ man ihn für einige Minuten heraus, gerade genug, um ihm den neuen Strafbefehl zu verlesen, und wieder fiel die Zellentür hinter ihm zu.39) 

Wenn die Behörden einem Häftling das Rückgrat brechen wollten, dann wurde er wegen jeder Kleinigkeit hart bestraft. So verweigerte man in Lagern bei Perm in den Jahren 1973/74 zwei Gefangenen den Verwandtenbesuch, weil sie »bei Tag auf dem Bett gesessen« hatten. Ein anderer wurde bestraft, weil Marmelade in einem Päckchen, das er erhielt, zur Geschmacksverbesserung mit etwas Alkohol versetzt war. Andere Häftlinge erhielten Strafen oder Rügen, weil sie auf dem Hof zu langsam gingen oder weil sie keine Socken trugen.40) 

Zuweilen hatte anhaltender Druck Erfolg. Alexej Dobrowolski, der im Prozess von Alexander Ginsburg mit angeklagt war, ließ sich sehr rasch »brechen«. Er bat schriftlich um die Erlaubnis, die ganze Geschichte seiner »kriminellen« Dissidententätigkeit über den Rundfunk berichten zu dürfen, um junge Leute davon abzuhalten, diesen gefährlichen Weg zu gehen.41) Auch Pjotr Jakir brach schon während der Ermittlungen zusammen und »gestand«, alles was er geschrieben hatte, frei erfunden zu haben.42) 

Andere starben darüber. Juri Galanskow, ebenfalls im Ginsburg-Prozess angeklagt, verstarb 1972. Er hatte sich in der Haft Magengeschwüre geholt. Da sie nicht behandelt wurden, führten sie schließlich seinen Tod herbei.43) Auch Martschenko starb. Ursache waren wahrscheinlich Medikamente, die er 1986 während eines Hungerstreiks erhielt.44) Einige andere Häftlinge starben während eines Hungerstreiks in Perm 35 im Jahr 1974. Einer nahm sich dabei selbst das Leben.45) 1985 starb der ukrainische Dichter und Menschenrechtler Wassil Stus in Perm.46) 

Aber sie schlugen auch zurück. 1977 beschrieben die politischen Gefangenen von Perm 35, wie sie sich gegen die Lagerleitung zur Wehr setzten:

573


»Wir treten oft in den Hungerstreik. In Strafzellen oder Transportwaggons. An gewöhnlichen Tagen oder am Todestag eines Kameraden. Wenn in der Zone Ungewöhnliches vorfällt, am 8. März und 10. Dezember, am 1. August und 8. Mai oder am 5. September. Zu oft müssen wir in den Hungerstreik treten. Diplomaten und Staatsmänner unterzeichnen neue Vereinbarungen über Menschenrechte, über Informationsfreiheit, über das Verbot der Folter. Wir erklären dann den Hungerstreik, weil alle diese Dinge in der UdSSR nicht eingehalten werden.«47) 

Dank ihrer Bemühungen erfuhr man im Westen immer mehr über die Dissidentenbewegung, wurden die Proteste lauter. Das wiederum wirkte sich auf die Behandlung der Gefangenen aus.

Zwar sind, wie ich erwähnte, aus den siebziger und achtziger Jahren bisher nur wenige Archivdokumente bekannt geworden, doch es gibt Ausnahmen. 1991 wurde Wladimir Bukowski aus Großbritannien, wo er seit seiner Ausweisung fünfzehn Jahre zuvor gelebt hatte, nach Russland eingeladen. Er sollte als »Gutachter des Gerichts« in dem »Prozess« gegen die Kommunistische Partei aussagen, als diese gegen Präsident Jelzins Versuch, sie zu verbieten, Einspruch erhoben hatte. 

Bukowski kam ins Gebäude des Verfassungsgerichts in Moskau ausgerüstet mit Laptop und Scanner. Da er sicher sein konnte, dass niemand in Russland etwas Derartiges je gesehen hatte, kopierte er in aller Ruhe die Dokumente, die als Beweismaterial vorgelegt wurden. Erst als er damit fast am Ende war, begriffen einige, die um ihn herumsaßen, was er da trieb. Einer sagte laut: »Der wird das dort veröffentlichen!« Im Saal wurde es totenstill. »Wie in einem Film«, erklärte Bukowski später, habe er seinen Computer zugeklappt, sei aus dem Saal gegangen, direkt zum Flugplatz gefahren und aus Russland abgeflogen.48) 

Dank dieser Aktion Bukowskis wissen wir unter anderem auch, was auf einer Sitzung des Politbüros im Jahr 1967 unmittelbar vor seiner Verhaftung geschah. Bukowski selbst war besonders erstaunt darüber, wie viele der Anwesenden glaubten, wenn man ihn eines kriminellen Vergehens beschuldigte, werde das »im In- und Ausland eine bestimmte Reaktion auslösen«. Daher entschieden sie, es wäre ein Fehler, Bukowski nur zu verhaften, man müsse ihn in eine psychiatrische Klinik einweisen.49) Das Zeitalter des Missbrauchs der Psychiatrie hatte begonnen.

574


Die Methode, einen Dissidenten als Fall für den Psychiater zu behandeln, hat eine Vorgeschichte. Als der russische Philosoph Pjotr Tschaadajew im Jahr 1836, da das russische Imperium auf dem Gipfel seiner Macht stand, aus Westeuropa nach St. Petersburg zurückkehrte, schrieb er in einem kritischen Essay über die Regierung von Zar Nikolaus I.: »Im Widerspruch zu allen Gesetzen der menschlichen Gesellschaft bewegt sich Russland nur in Richtung seiner eigenen Versklavung und der Versklavung aller seiner Nachbarvölker.« Nikolaus I. verhängte daraufhin für Tschaadajew Hausarrest. Er sei sicher, erklärte der Zar, wenn die Russen hörten, ihr Landsmann leide »an Geistesgestörtheit und Wahnsinn«, würden sie ihm verzeihen.(50) 

Im Gefolge des Tauwetters begannen die Behörden erneut, psychiatrische Kliniken zur Inhaftierung von Dissidenten zu benutzen, was für den KGB viele Vorteile hatte. Damit konnten Andersdenkende im In- und Ausland diskreditiert, konnte die Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt werden. Wenn es sich nicht um ernsthafte politische Gegner des Regimes handelte, sondern lediglich um Verrückte, wer sollte dann etwas dagegen haben, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert wurden?

Die offizielle sowjetische Psychiatrie spielte bei dieser Farce begeistert mit. Um das Phänomen des Andersdenkens zu erklären, erfand sie eigene Diagnosen wie »träge« oder »schleichende Schizophrenie«. Dies, so erklärten die Wissenschaftler, sei eine Form der Krankheit, die keine Spuren am Intellekt oder am äußerlichen Gebaren hinterlasse, jedoch asoziales oder abnormes Verhalten jeglicher Art hervorrufen könne. »Die Vorstellung vom <Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit> entsteht meist bei Persönlichkeiten mit einer paranoiden Struktur«, schrieben zwei sowjetische Professoren vom Serbski-Institut, dem gerichtspsychiatrischen Institut in Moskau:

    ^^^^    575


»Ein charakteristisches Kennzeichen überspannter Ideen ist die Überzeugung von der Richtigkeit des eigenen Handelns, die Besessenheit von der Pflicht, >verletzte< Rechte zu verteidigen, und die große Bedeutung, die gewisse Erlebnisse für die Persönlichkeit des Kranken gewinnen. Diese Kranken benutzen das Gericht als Tribüne für Reden und Appelle.«51) 

Nach dieser Definition konnte man nahezu alle Dissidenten für geistesgestört erklären. Dem Schriftsteller und Wissenschaftler Zhores Medwedjew stellte man die Diagnose »träge Schizophrenie«, begleitet von »paranoider Selbsttäuschung, die Gesellschaft reformieren zu wollen«. Zu seinen Symptomen gehörte weiter »Persönlichkeitsspaltung«, was damit begründet wurde, dass er sich als Wissenschaftler und Autor betätigte. 

Der ersten Redakteurin der »Chronik«, Natalja Gorbanewskaja, wurde bescheinigt, sie leide an träger Schizophrenie mit »unklaren Symptomen«, die zu »abnormen Veränderungen der Emotionen, des Willens und der Denkmuster« führten. Bei dem kritischen General der Roten Armee Pjotr Grigorenko hieß es, sein psychischer Zustand sei »geprägt durch reformerische Ideen, insbesondere für die Umgestaltung des Staatsapparates, was mit Überschätzung der eigenen Persönlichkeit von messianischen Ausmaßen« einhergehe.(52)   wikipedia  Pjotr G Grigorenko  1907-1987

In einem Bericht an das Zentralkomitee klagte ein örtlicher KGB-Chef, er habe sich mit einer Gruppe Bürger zu befassen, die an einer besonderen Form von Geisteskrankheit litten: Sie »versuchen neue <Parteien>, Organisationen und Räte zu gründen, ersinnen und verbreiten Pläne für neue Gesetze und Programme«.(53) 

Abhängig von den Umständen ihrer Verhaftung — oder Nicht-Verhaftung —, konnten Häftlinge, die als geisteskrank galten, in verschiedene Institutionen eingewiesen werden. Einige wurden von Gefängnisärzten untersucht, andere in Krankenhäusern. Eine Einrichtung besonderer Art war das Serbski-Institut, dessen Diagnose-Abteilung in den sechziger und siebziger Jahren von Dr. Daniil Lunz geleitet wurde. Er war für die Begutachtung politischer Straftäter zuständig. Der mit Sicherheit hochrangige Dr. Lunz untersuchte persönlich Sinjawski, Bukowski, Gorbanewskaja, Grigorenko und Viktor Nekipelow.54)

576


Letzterer berichtet, der Arzt habe eine blaue Uniform mit zwei Sternen getragen, »bei den Truppen des Innenministeriums die Rangabzeichen eines Generals«.55 Einige emigrierte sowjetische Psychiater sind der Meinung, Lunz und die anderen Ärzte des Instituts seien überzeugt gewesen, tatsächlich Geisteskranke vor sich zu haben. Die meisten politischen Gefangenen, die ihm begegnet sind, beschreiben ihn jedoch als Opportunisten, der die Weisungen seiner Chefs ausführte, »nicht anders als die verbrecherischen Ärzte, die in den nationalsozialistischen KZs unmenschliche Experimente an Gefangenen vornahmen«.56) 

Wenn eine Geisteskrankheit diagnostiziert wurde, dann bedeutete das für den Patienten, auf Monate oder Jahre in eine Klinik gesperrt zu werden. Wer Glück hatte, kam in eine der mehreren hundert gewöhnlichen psychiatrischen Heilanstalten der Sowjetunion. Dort herrschten oft schlechte hygienische Verhältnisse, und unter dem Personal gab es Trinker und Sadisten. Aber diese Trinker und Sadisten waren Zivilpersonen, und es wurde nicht so scharf auf Geheimhaltung geachtet wie in Gefängnissen und Lagern. Patienten durften Briefe schreiben und Besucher empfangen, selbst wenn es sich nicht um Verwandte handelte.

Als »besonders gefährlich« eingeschätzte Verurteilte wurden allerdings in »psychiatrische Spezialkliniken« gesteckt, von denen es nur eine Hand voll gab. Sie unterstanden direkt dem Innenministerium. Die Ärzte dort hatten wie Lunz einen militärischen Rang, und die Einrichtungen sahen aus und funktionierten wie Gefängnisse — mit Wachtürmen, Stacheldraht und Hundeführern. 

Ob nun in gewöhnlichen oder in Spezialkliniken: Überall verlangten die Ärzte den öffentlichen Widerruf.57) Patienten, die einwilligten, ihrer Überzeugung abzuschwören und zu erklären, bei ihrer Kritik am Sowjetsystem seien sie geistig verwirrt gewesen, konnten für gesund erklärt und freigelassen werden. Wer dies nicht tat, galt weiterhin als krank und konnte eine »Behandlung« erhalten. Da die sowjetischen Psychiater von Psychoanalyse nichts hielten, lief diese auf Medikamente, Elektroschocks und verschiedene Formen der Freiheitsbeschränkung hinaus. 

577


Bedenkenlos verschrieb man Mittel, die im Westen bereits in den dreißiger Jahren verworfen wurden, da sie die Körpertemperatur auf über 40 Grad hochtreiben, Schmerzen und unangenehme Empfindungen auslösen. Die Gefängnisärzte verschrieben auch Beruhigungsmittel, die zahllose Nebenwirkungen mit sich bringen, darunter körperliche Starre und Trägheit, unwillkürliche Ticks und Bewegungen, von Apathie und Teilnahmslosigkeit gar nicht zu reden.58) 

Als »Behandlung« galten Prügel, das Spritzen von Insulin, das Nichtdiabetiker in einen hypoglykämischen Schock versetzt, und eine Strafe, das »Einrollen« genannt, die Bukowski in einem Interview von 1976 beschrieben hat: »Dabei wurde der Patient von Kopf bis Fuß in lange Bahnen nassen Segeltuchs gerollt, und zwar so fest, dass er kaum noch Luft bekam. Wenn das Gewebe dann allmählich trocknete, zog es sich immer weiter zusammen, worunter der Patient noch mehr litt.«59) Eine weitere Behandlung, die Nekipelow im Serbski-Institut erlebte, war die »Lumbalpunktur«, wobei dem Patienten eine Nadel ins Rückgrat gestochen wurde. Wer von dieser Prozedur zurückkehrte, wurde auf die Seite gelegt und mehrere Tage liegen gelassen, bewegungs­unfähig, den Rücken mit Jod beschmiert.60) 

Viele waren davon betroffen. Als Sidney Bloch und Peter Reddaway 1977 ihre umfangreiche Studie über den Missbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion veröffentlichten, gab es mindestens 365 bekannte Fälle, wo gesunde Menschen wegen politisch definierter Geistesstörungen behandelt wurden. In Wirklichkeit waren es sicher Hunderte mehr.61) 

Mit der Einweisung von Dissidenten in psychiatrische Kliniken erreichte das Sowjetregime jedoch bei weitem nicht, was es bezweckte. Vor allem gelang es nicht, die Aufmerksamkeit des Westens abzulenken. Denn zum einen erregten dort die Schrecken des psychiatrischen Missbrauchs noch viel größeres Aufsehen als die sattsam bekannten Geschichten aus Lagern und Gefängnissen. Jeder, der den Film Einer flog über das Kuckucksnest gesehen hatte, konnte sich nur zu gut vorstellen, wie es in psychiatrischen Kliniken in der Sowjetunion zugehen musste. 

Zum anderen rief dieses Thema eine lautstarke und organisierte Gruppe auf den Plan, die daran ein unmittelbares berufliches Interesse hatte: die Psychiater aus dem Westen. Seit 1971, als es Bukowski gelang, mehr als 150 Seiten an Dokumenten über derartigen Missbrauch in der UdSSR ins Ausland zu schmuggeln, wurde diese Angelegenheit zum Dauerthema der Weltvereinigung für Psychiatrie, des <Royal College of Psychiatrists> in Großbritannien sowie anderer nationaler und internationaler Verbände.62)

Schließlich brachte das Thema auch Wissenschaftler in der Sowjetunion in Bewegung. Als Zhores Medwedjew in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, schrieben viele Protestbriefe an die sowjetische Akademie der Wissenschaften. Andrej Sacharow, der Atomphysiker, der Ende der sechziger Jahre zur moralischen Instanz der Dissidentenbewegung wurde, setzte sich auf einem internationalen Symposium im Institut für Genetik öffentlich für Medwedjew ein.63) 

Das internationale Aufsehen veranlasste die Behörden offenbar, einige Gefangene freizulassen, darunter Medwedjew, der anschließend des Landes verwiesen wurde. Aber mancher in den oberen Etagen der sowjetischen Elite hielt diese Entscheidung für falsch. 1976 verfasste KGB-Chef Juri Andropow ein Geheimpapier, in dem er die internationalen Bemühungen, den Weltverband für Psychiatrie zu einer offiziellen Verurteilung der UdSSR zu bewegen, recht exakt beschrieb. Er war erstaunlich gut informiert, auf welchem internationalen Seminar solche Verurteilungen bereits erfolgt waren. 

Als Reaktion auf die Denkschrift regte das sowjetische Gesundheitsministerium an, bereits im Vorfeld des nächsten Weltkongresses des Verbandes eine massive Propagandakampagne zu starten. Man wollte wissenschaftliche Dokumente zur Widerlegung dieser Vorwürfe ausarbeiten und »progressive« Psychiater im Westen finden, die diese stützen sollten. Dafür wollte man ihnen Einladungen in die UdSSR zukommen lassen und ihnen ausgewählte psychiatrische Kliniken zeigen. Es wurden sogar Namen genannt, bei denen man sich entsprechende Hoffnungen machte.64) 

Statt also den politischen Missbrauch der Psychiatrie einzustellen, schlug Andropow vor, den Vorwürfen unverfroren entgegenzutreten. Es lag nicht in seinem Charakter einzuräumen, dass ein Aspekt der sowjetischen Politik falsch sein könnte.

578-579

# 

 

www.detopia.de      ^^^^   

Applebaum-2003