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9  Die achtziger
Jahre: stürzende
Denkmäler
 

(und Ende)

Der Sockel des Denkmals wird zertrümmert, 
Der Stahl der Bohrer dringt knirschend ein. 
Die steinharte Mischung von bestem Beton 
Sollt' in tausend Jahren noch unversehrt sein ...

Von Menschenhänden geschaffenes Gut
Können Menschenhände verwandeln in Schutt.
Das allerwichtigste aber ist:
Stein allein, dass ihr es wisst,
Ist für sich selbst nicht schlecht oder gut.

Alexander
Twardowski,
»Der Sockel
des Denkmals« (1)

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Als Juri Andropow 1982 Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wurde, war das harte Durchgreifen gegen »asoziale« Elemente auf sein Betreiben hin längst im Gange. Im Unterschied zu seinen Vorgängern war Andropow immer der Meinung gewesen, dass man die Dissidenten ungeachtet ihrer geringen Zahl als ernsthafte Gefahr für die Sowjetmacht ansehen musste. 

Als Botschafter in Budapest hatte er 1956 erlebt, wie schnell aus einer Bewegung von Intellektuellen eine Volkserhebung werden konnte. Außerdem war er der Meinung, dass die vielen Probleme des Landes auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet durch mehr Disziplin zu lösen waren: Lager und Gefängnisse mit härterem Regime, mehr Überwachung und mehr Schikanen.2)  

Diese Methoden hatte Andropow als Chef des KGB seit 1979 angewandt und behielt sie auch während seiner kurzen Amtszeit als führender Mann der Sowjetunion bei. Es ist ihm zuzuschreiben, dass die erste Hälfte der achtziger Jahre als die Zeit mit den härtesten Repressalien seit Stalin in die sowjetische Geschichte eingegangen ist. 

Es war, als müsste der Druck im System erst unerträglich werden, bevor es ganz zusammenbrach.

Andropows KGB hatte seit Ende der siebziger Jahre zahlreiche Verhaftungen und Wiederverhaftungen vorgenommen: Unter seiner Führung erhielten »rückfällige« Aktivisten oft eine neue Strafe, wenn die alte kaum verbüßt war — ganz wie zu Stalins Zeiten. Mitgliedschaft in einer der Helsinki-Gruppen, die beobachteten, wie die Sowjetunion die KSZE-Schlussakte einhielt, endete unweigerlich im Gefängnis. 23 Mitglieder der Moskauer Gruppe wurden zwischen 1977 und 1979 verhaftet und sieben des Landes verwiesen. Der Anführer der Moskauer Gruppe, Juri Orlow, saß in der ganzen ersten Hälfte der achtziger Jahre hinter Gittern.(3)  

Gefängnis- und Lagerhaft war jedoch nicht Andropows einzige Waffe. 

Da er vor allem Menschen davon abhalten wollte, sich der Dissidentenbewegung anzuschließen, erweiterte er das Spektrum von Repressalien. Wer auch nur in den Verdacht geriet, mit einer Menschrechts-, religiösen oder nationalistischen Organisation zu sympathisieren, konnte alles verlieren. Verdächtige und deren Familienangehörige liefen Gefahr, nicht nur ihre Arbeit einzubüßen, sondern auch Titel und Qualifikation. Ihren Kindern konnte man das Studium an einer Hochschule verwehren. Ihre Telefone konnten abgeschaltet, das Wohnrecht in einer Großstadt aberkannt und Reisemöglichkeiten eingeschränkt werden.(4)

Ende der siebziger Jahre war es Andropow mit seinen vielfältigen »Disziplinarmaßnahmen« gelungen, die Dissidentenbewegung und deren Förderer im Ausland in kleine, isolierte, sich gegenseitig misstrauisch beäugende Interessen­gruppen aufzusplittern. Da gab es die Menschenrechtsaktivisten, deren Schicksal Gruppen wie Amnesty International genau verfolgten. Da waren die baptistischen Dissidenten, die von der internationalen Baptisten-Kirche Unterstützung erhielten, außerdem die Dissidenten verschiedener Nationalitäten — Ukrainer, Litauer, Letten oder Georgier —, die von ihren Landsleuten im Ausland Hilfe erwarten konnten.

Im Westen waren wahrscheinlich die »Abgelehnten« die bekanntesten, sowjetische Juden, denen man das Recht verweigerte, nach Israel auszuwandern. 1975 hatte das Jackson-Vanik-Amendment des US-Kongresses, das den amerikanischen Handel mit der Sowjetunion mit der Auswanderungsfrage verknüpfte, die Aufmerksamkeit auf diese Gruppe gelenkt, die für Washington bis zum Ende der Sowjetunion ein zentrales Problem blieb. Bei seiner Begegnung mit Gorbatschow in Reykjavik im Herbst 1986 legte Präsident Reagan diesem eine Liste von 1200 sowjetischen Juden vor, die ihre Auswanderung beantragt hatten.5) 

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Alle diese Gruppen waren in sowjetischen Lagern und Gefängnissen zahlreich vertreten. Da man sie mittlerweile von den Kriminellen streng getrennt hielt, organisierten sie sich wie die Politischen früherer Jahre je nach ihren gemeinsamen Anliegen.6 Man kann sogar sagen, dass die Lager zu dieser Zeit bereits die Funktion eines Netzwerks, einer Dissidentenschule hatten, wo politische Gefangene andere mit ähnlichen Ideen treffen konnten. Litauer und Letten, Georgier und Armenier feierten gemeinsam ihre nationalen Feste und stritten im Scherz darüber, welches Volk als erstes die Sowjetunion verlassen werde.7

Auch verschiedene Generationen trafen hier aufeinander. Balten und Ukrainer hatten Gelegenheit, ihre nationalistischen Vorgänger kennen zu lernen, die antisowjetischen Partisanen, die man zu 25 Jahren Haft verurteilt und nie freigelassen hatte. Über Letztere schrieb Bukowski: 

»Ihr Leben war stehen geblieben, als sie zwanzig waren ... und das Lager konserviert den Menschen irgendwie ... Im Sommer setzten sie sich sonntags mit ihren Ziehharmonikas in die Sonne und spielten Lieder, die bei ihnen zu Haus heute niemand mehr kennt. Es war gespenstisch — wahrhaftig, als wäre man ins Reich der Toten hinabgestiegen.«8)

Die Älteren hatten oft Schwierigkeiten, ihre jüngeren Landsleute zu begreifen. 

Männer und Frauen, die mit dem Gewehr in der Hand im Wald gekämpft hatten, konnten Dissidenten nicht verstehen, deren einzige Waffe Papier war.9) Aber das Beispiel der Alten konnte die Jungen noch immer inspirieren. Hier wurden die Menschen geformt, die später in diesem Jahrzehnt die nationalistischen Bewegungen organisierten, welche letzten Endes zur Zerstörung der Sowjetunion beitrugen. Im Rückblick sagte mir der georgische Aktivist David Berdsenischwili, er sei froh, dass er in den achtziger Jahren zwei Jahre in Arbeitslagern zubrachte, statt in der Sowjetarmee zu dienen. 

Doch nicht nur die persönlichen Netzwerke festigten sich, auch die Verbindungen zur Außenwelt wurden immer stabiler. Eine Ausgabe der »Chronik« von 1979 illustriert das eindrucksvoll mit einem tagesgenauen Bericht darüber, wie es in den Strafzellen von Perm 36 zuging:

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Und so weiter.

Die Behörden waren offenbar nicht in der Lage, diesen Informationsfluss zu stoppen oder auch nur zu verhindern, dass Neuigkeiten unverzüglich zu westlichen Rundfunksendern gelangten, die in die UdSSR sendeten. Berdsenischwilis Verhaftung 1983 wurde von der BBC bereits zwei Stunden später gemeldet.10) Die Menschenrechtlerin und Dichterin Irina Ratuschinskaja und ihre Gefährtinnen in einem Frauenlager in Mordowien sandten Ronald Reagan einen Glückwunsch zu seinem Sieg bei den amerikanischen Präsidentenwahlen. Zwei Tage später hielt er ihn in der Hand. Der KGB war außer sich, schrieb sie triumphierend.11)

Den meisten vernünftigen Außenstehenden, die auf die merkwürdige Welt der Sowjetunion wie durch ein Spiegelglas blickten, kam solcher Mut zum Teil sinnlos vor. Praktisch hatte Andropow das Spiel doch gewonnen. Nach zehn Jahren Schikanen, Lagerhaft und Verbannung war die Dissidentenbewegung klein und schwach.12) Die meisten bekannten Dissidenten waren mundtot gemacht: Solschenizyn war Mitte der achtziger Jahre im Exil, Sacharow in der Verbannung in Gorki. Vor Roy Medwedjews Tür patrouillierte der KGB, der jede seiner Bewegungen registrierte. Niemand in der UdSSR schien von ihrem Kampf Notiz zu nehmen. Peter Reddaway, wahrscheinlich der sachkundigste Fachmann für die sowjetische Dissidentenbewegung im Westen, schrieb 1983, dass diese »unter den Massen der einfachen Menschen in Russland wenig oder gar keine Fortschritte gemacht hat«.13) 

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Schläger und Aufseher, falsche Ärzte und Geheimpolizisten schienen alle ungefährdet ihrem erwählten Gewerbe nachzugehen. Aber der Boden unter ihren Füßen war nicht mehr sicher. Bald stellte sich heraus, dass Andropows strikte Weigerung, Andersdenkende auch nur zu dulden, nicht durchzuhalten war. Als er 1984 starb, war es auch mit dieser Politik vorbei.

Über den Charakter des im März 1985 neu ernannten Generalsekretärs der KPdSU, Michail Gorbatschow, wurde im In- und Ausland anfangs heftig gerätselt. Nur wenige wussten zu jener Zeit, dass Gorbatschow selbst aus einer Familie von »Feinden« stammte. Einer seiner Großväter, ein Bauer, war 1933 verhaftet und in ein Arbeitslager gesteckt worden. Sein zweiter Großvater war 1938 in Haft gekommen. Im Gefängnis brach ihm ein Ermittlungsbeamter beim Verhör beide Arme. Das hinterließ bei dem jungen Michail tiefe Spuren, wie er später in seinen Memoiren schrieb: »Ich weiß heute noch, daß die Nachbarn nach Großvaters Verhaftung um unser Haus einen Bogen machten, als hätten wir die Pest, und daß uns nur bei Dunkelheit jemand von unseren Verwandten insgeheim auf einen Sprung besuchen kam. Selbst die Jungen aus der Nachbarschaft mieden den Umgang mit mir ... Damals ... erschütterte all das mich tief und prägte sich mir für immer ein.«14

Die ersten Monate der Ära Gorbatschow waren allerdings enttäuschend. Zunächst stürzte er sich in einen Feldzug gegen den Alkohol, der das Volk gegen ihn aufbrachte und jahrhundertealte Weinberge in Georgien und Moldawien zerstörte. Diese Aktion kann sogar für den Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft einige Jahre später mitverantwortlich gewesen sein. Manche sind der Meinung, dass der Rückgang beim Absatz von Wodka dem labilen finanziellen Gleichgewicht des Landes den entscheidenden Stoß versetzt hat. Erst als es im April 1986 zu der schweren Explosion im Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine kam, war Gorbatschow bereit, wirkliche Veränderungen vorzunehmen. Überzeugt, dass man in der Sowjetunion offen über alle Probleme sprechen müsse, leitete er seine nächste Reform unter der Losung Glasnost — Offenheit — ein.

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Wahrscheinlich hoffte Gorbatschow, wenn man über die realen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Krisen in der Sowjetunion offen sprach, werde das zu einer raschen Lösung der Probleme führen, zu einer Umgestaltung oder Perestroika — ein Begriff, der in seinen Reden immer häufiger auftauchte. Aber bei Glasnost ging es nach erstaunlich kurzer Frist vor allem um die Geschichte der Sowjetunion.

Will man heute beschreiben, was Ende der achtziger Jahre in der öffentlichen Debatte dieses Landes ablief, drängen sich einem pralle Bilder auf: Es war, als sei ein Damm gebrochen. Im Januar 1987 erklärte Gorbatschow einer erstaunten Gruppe von Journalisten, die »weißen Flecken« in der Geschichte müssten gefüllt werden. Im November hatte sich bereits so viel verändert, dass Gorbatschow als zweiter Parteiführer in der sowjetischen Geschichte in einer offiziellen Rede auf dieses Problem einging:

»Dass nicht das nötige Niveau an Demokratisierung der sowjetischen Gesellschaft erreicht wurde, machte sowohl den Personenkult als auch die Rechtsverletzungen, die Willkür und die Repressalien der dreißiger Jahre möglich — offen gesagt, Verbrechen durch Machtmissbrauch. Viele Tausende Parteimitglieder und Parteilose fielen den Massenrepressalien zum Opfer. Das, Genossen, ist die bittere Wahrheit.«15

Gorbatschow war nicht ganz so eloquent wie seinerzeit Chruschtschow, aber der Eindruck dieser Rede auf die sowjetische Öffentlichkeit war eher noch größer. Chruschtschow hatte vor einem internen Parteigremium gesprochen. Gorbatschows Rede dagegen wurde landesweit im Fernsehen übertragen.

Gorbatschow behandelte dieses Thema auch in der Folgezeit mit wesentlich mehr Nachdruck als Chruschtschow. Im Wochentakt gab es in der sowjetischen Presse nun neue »Enthüllungen«. Die Öffentlichkeit erhielt endlich die Gelegenheit, Mandelstam und Brodski, Anna Achmatowas Requiem, Boris Pasternaks Doktor Schiwago und selbst Vladimir Nabokovs Lolita zu lesen.

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Nach heftigen Auseinandersetzungen begann das Literaturjournal »Nowy mir«, das jetzt eine neue Chefredaktion hatte, Solschenizyns Archipel Gulag in Fortsetzungen abzudrucken.16)  Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch sollte bald in Millionenauflage verkauft werden, und Autoren, die bisher nur im Samisdat erschienen waren, setzten ebenfalls Hunderttausende Exemplare ihrer Erinnerungen an den Gulag ab. Ihre Namen waren bald in aller Munde: Jewgenia Ginsburg, Lew Rasgon, Anatoli Schigulin, Warlam Schalamow, Dmitri Lichatschow und Anna Larina.

Auch der Prozess der Rehabilitierungen wurde wieder aufgenommen. Zwischen 1964 und 1987 hatte man ganze 24 Personen rehabilitiert. Jetzt begann der Prozess von neuem — zum Teil als Reaktion auf spontane Enthüllungen der Presse. Diesmal wurden auch diejenigen berücksichtigt, die man bisher ausgeklammert hatte: Einer der ersten war Bucharin zusammen mit weiteren 19 Bolschewiken aus der Führungsspitze, die während der Säuberungen von 1938 abgeurteilt worden waren. »Damals hat man die Tatsachen verfälscht«, erklärte ein Regierungssprecher feierlich.17

Die neue Literatur wurde von neuen Entdeckungen aus sowjetischen Archiven begleitet. Diese kamen sowohl von sowjetischen Historikern, die (so behaupteten sie] nun endlich grünes Licht hatten, wie auch von der Gesellschaft Memorial, gegründet von einer Gruppe junger Historiker, die seit vielen Jahren mündliche Berichte von Überlebenden der Lager gesammelt hatten. Einer von ihnen war Arseni Roginski, der Begründer der Zeitschrift »Pamjat« [Gedächtnis], die seit den siebziger Jahren zunächst im Samisdat und danach im Ausland erschienen war. Die Gruppe um Roginski hatte bereits begonnen, eine Datenbank über die Opfer der Repressalien aufzubauen. Memorial sollte später den Kampf für die Identifizierung der bei Moskau und Leningrad in Massengräbern verscharrten Leichen sowie die Errichtung von Denkmälern und Gedenkstätten für die Opfer der Stalinzeit anführen. 

Nach einem kurzen, fehlgeschlagenen Versuch, zu einer politischen Bewegung zu werden, entwickelte sich Memorial schließlich in den neunziger Jahren zum wichtigsten Zentrum der Russischen Föderation für die Erforschung der sowjetischen Geschichte und für die Verteidigung der Menschenrechte.

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Roginski steht noch heute als einer ihrer herausragenden Historiker an der Spitze der Organisation. Die Publikationen von Memorial zur Sowjetgeschichte wurden und werden bei Fachleuten überall auf der Welt wegen ihrer Exaktheit, Faktentreue und gründlich recherchierten Archivalien geschätzt.18

Zwar änderte sich die Qualität der öffentlichen Debatte in erstaunlichem Tempo, aber Gorbatschow blieb wie Chruschtschow dem Sowjetsystem tief verbunden. Er hatte keineswegs die Absicht, die Grundsätze des sowjetischen Marxismus oder der Lehre Lenins in Frage zu stellen. Sein Ziel war immer, die Sowjetunion zu reformieren und zu modernisieren, nicht, sie zu zerstören. Möglicherweise hatten ihn die Erlebnisse in der eigenen Familie zu der Erkenntnis gebracht, dass es wichtig war, die Wahrheit über die Vergangenheit auszusprechen. Zunächst schien er jedoch keine Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu sehen.

Daher führte die Veröffentlichung all der Artikel über die Stalinschen Lager, Gefängnisse und Massenmorde zunächst keineswegs zur Entlassung der nach wie vor einsitzenden Dissidenten. Ende 1986 — Gorbatschow schickte sich gerade an, von den »weißen Flecken« in der Sowjetgeschichte zu sprechen, Memorial hatte in der Öffentlichkeit für die Errichtung eines Mahnmals zum Gedenken an die Opfer der Repressalien zu werben begonnen, und die Welt begann hoffnungsvoll von der neuen Führung der UdSSR zu reden — lagen Amnesty International die Namen von sechshundert politischen Gefangenen vor, die immer noch in sowjetischen Lagern hockten. Man vermutete, dass es in Wirklichkeit wesentlich mehr waren.19)

Einer von ihnen war Anatoli Martschenko, der im Dezember jenes Jahres bei einem Hungerstreik im Gefängnis von Christopol starb.20 Seine Frau, Larissa Bogoras, stieß bei der Ankunft im Gefängnis auf drei Soldaten, die bei seinem Leichnam Wache hielten. Man hatte eine Autopsie vorgenommen. Sie durfte niemanden im Gefängnis sprechen, keinen Arzt, keine anderen Gefangenen und auch niemanden vom Leitungspersonal außer dem Politoffizier Tschurbanow, der sie sehr grob behandelte. Er sagte ihr nicht, wie ihr Mann gestorben war, und übergab ihr auch keinen Totenschein, keine Freigabe für das Begräbnis, keine Krankheitsgeschichte, ja nicht einmal seine Briefe und Tagebücher.21

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Zwar versuchten die Behörden Martschenkos Tod rätselhaft erscheinen zu lassen, aber sie konnten nicht verbergen, dass, wie Bogoras später erklärte, »Anatoli Martschenko im Kampf gestorben ist. Sein Kampf währte fünfundzwanzig Jahre, und er hat nie die weiße Fahne der Kapitulation gehisst.«22

Aber Martschenkos tragischer Tod war nicht völlig umsonst. Möglicherweise unter dem Druck der schlechten Presse — Larissa Bogoras' Erklärung ging um die Welt — entschloss sich Gorbatschow Ende 1986 endlich, eine Generalamnestie für alle politischen Gefangenen in der Sowjetunion zu erklären.

Um diese Amnestie, die zur endgültigen Schließung der politischen Haftanstalten in der Sowjetunion führte, ranken sich viele Merkwürdigkeiten — allen voran die Tatsache, dass sie so wenig Aufmerksamkeit erregte. Immerhin war dies das Ende des Gulags, des Lagersystems, in dem einmal Millionen Menschen eingesperrt saßen. Es war der Triumph der Menschenrechtsbewegung, die in den vergangenen zwanzig Jahren so häufig Gegenstand diplomatischer Aktivität gewesen war. Es war ein Moment echter Transformation von historischen Dimensionen — aber kaum jemand nahm Notiz davon.

Selbst die besten der vielen begabten Schriftsteller und Journalisten, die Ende der achtziger Jahre in Moskau lebten, waren viel zu sehr mit anderen Ereignissen jener Zeit beschäftigt: den stümperhaften Versuchen einer Wirtschaftsreform, den ersten freien Wahlen, der Veränderung der Außenpolitik, dem Ende des Sowjetreichs in Osteuropa und schließlich dem Zusammenbruch der Sowjetunion selbst.23

Von denselben Ereignissen gefangen genommen, achtete auch in Russland niemand darauf Dissidenten, deren Namen im Untergrund berühmt gewesen waren, kehrten ins Land zurück, und niemand interessierte sich für sie. Die meisten waren inzwischen alt und konnten mit der Zeit nicht mehr Schritt halten. Wie es ein westlicher Journalist, der damals Korrespondent in Moskau war, treffend ausdrückte, hatten sie...

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»...ihre Karriere in häuslicher Umgebung gemacht, in ihren Datschen auf antiquierten Schreibmaschinen Petitionen getippt, die Behörden heraus­gefordert und dabei im Bademantel süßen Tee geschlürft. Für Redeschlachten im Parlament oder im Fernsehen waren sie nicht geeignet. Es verwirrte sie zutiefst, wie dramatisch sich ihr Land verändert hatte, während sie fort waren.«24) 

Und die meisten der ehemaligen Dissidenten, die noch öffentliche Aufmerksamkeit genossen, richteten ihr Augenmerk nicht mehr nur auf das Schicksal der verbliebenen Lager. Andrej Sacharow, im Dezember 1986 aus der Verbannung entlassen und 1989 zum Abgeordneten des Kongresses der Volksdeputierten gewählt, machte sich bald für eine Reform des Eigentums stark.25) Der armenische Gefangene Lewon Ter-Petrossjan wurde zwei Jahre nach der Entlassung zum Präsidenten seines Landes gewählt. Ukrainer und Balten stürzten sich aus den Lagern in Perm und Mordowien direkt in das politische Tollhaus ihrer Länder, wo sie lautstark für deren Unabhängigkeit stritten.26) 

Der KGB musste zwar zur Kenntnis nehmen, dass die politischen Gefängnisse geschlossen wurden, aber selbst dort schien man die Bedeutung dieses Vorgangs kaum zu begreifen. Wenn man die wenigen offiziellen Dokumente aus der zweiten Hälfte der achtziger Jahre liest, dann kann man sich nur wundern, wie spät und wie wenig sich die Sprache der Geheimpolizei veränderte. Ihr damaliger Chef Viktor Tschebrikow sandte 1986 einen Bericht an das Zentralkomitee, in dem er den Kampf seines Organs gegen die »Aktivitäten imperialistischer Spionageagenturen und mit ihnen verbundener antisowjetischer Elemente« darstellte. Er tönte, der KGB habe die Aktivitäten verschiedener Gruppen, darunter der Helsinki-Komitees, wirksam »lahm gelegt« und von 1982 bis 1986 »über hundert Personen dazu gebracht, ihre illegalen Aktivitäten aufzugeben und auf den Weg des Rechts zurückzukehren«.

Einige Sätze weiter musste Tschebrikow allerdings einräumen, dass die Dinge sich geändert haben könnten. Man muss genau hinsehen, um zu erkennen, wie dramatisch diese Veränderung für ihn war: »Das gegenwärtige Klima der Demokratisierung aller Bereiche der Gesellschaft, die Stärkung der Einheit von Partei und Gesellschaft machen es möglich, die Frage einer Amnestie erneut zu prüfen.«27) 

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In einer weiteren Erklärung fügte er gleichsam als Ergebnis von KGB-Recherchen hinzu, dass 96 Personen nach wie vor unnötig in psychiatrischen Spezial­kliniken festgehalten würden. Er regte an, diejenigen, die »keine Gefahr für die Gesellschaft darstellen«, ebenfalls zu entlassen.28 Das Zentralkomitee stimmte zu, und im Februar 1987 wurden zweihundert Gefangene begnadigt, die entweder nach Artikel 70 oder 190-1 verurteilt waren. Weitere wurden einige Monate später aus Anlass der tausendjährigen Wiederkehr der Christianisierung Russlands freigelassen. Über zweitausend (wesentlich mehr als 96) kamen in den folgenden zwei Jahren aus psychiatrischen Kliniken frei.29) 

Selbst zu dieser Zeit — vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht weil er seine Macht mit dem Schrumpfen der Häftlingszahlen schwinden sah — ließ der KGB die politischen Gefangenen nur höchst widerwillig gehen. Da es sich offiziell um eine Begnadigung, keine Amnestie, handelte, verlangte man von den 1985 und 1987 zu entlassenden politischen Gefangenen, ein Papier zu unterschreiben, auf dem sie sich von ihrer antisowjetischen Tätigkeit distanzierten. Die meisten durften das mit eigenen Worten tun, um eine direkte Entschuldigung zu umgehen: »Wegen meiner schlechten Gesundheit werde ich mich künftig nicht mehr antisowjetisch betätigen.« Oder: »Ich war nie antisowjetisch, sondern antikommunistisch eingestellt. Das ist nach dem Gesetz nicht verboten.«30) 

Von anderen verlangte man nach wie vor, ihrer Überzeugung abzuschwören. Es gab auch weiterhin Ausweisungen.31) Ein georgischer Dissident blieb weitere sechs Monate in einem Arbeitslager, weil er sich weigerte, jegliche Formulierung des KGB zu unterschreiben.32) Ein anderer lehnte es ab, offiziell um Gnade zu bitten, weil er »kein Verbrechen begangen« hatte.33)

Knirschend und quietschend, stöhnend und klagend kam das Unterdrückungsregime wie das ganze System schließlich doch zum Stillstand. Als die politischen Lager bei Perm im Februar 1992 endlich geschlossen wurden, gab es auch die Sowjetunion nicht mehr. Alle ehemaligen Sowjetrepubliken waren unabhängige Staaten. In einigen — in Armenien, der Ukraine oder Litauen — standen frühere Gefangene an der Spitze. In anderen waren es ehemalige Kommunisten, die sich in den achtziger Jahren von ihrer Überzeugung losgesagt hatten, als sie zum ersten Mal Beweise für den Terror der Vergangenheit sahen.(34) 

KGB und Innenministerium waren zwar nicht aufgelöst, aber durch andere Organe ersetzt worden. Die Mitarbeiter der Geheimpolizei sahen sich im Privatsektor nach neuen Betätigungsmöglichkeiten um. Gefängnisaufseher sagten ihren Kerkern Lebewohl und wurden diskret in der lokalen Verwaltung untergebracht. Das neue russische Parlament beschloss im November 1991 eine »Erklärung der Rechte und Freiheiten der Persönlichkeit«, die unter anderem die Freiheit garantierte, zu reisen, eine Religion auszuüben und mit der Regierung nicht übereinzustimmen.35) Leider sollte sich das neue Russland nicht zu einem Muster an ethnischer, religiöser und politischer Toleranz entwickeln. 
Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Veränderungen vollzogen sich mit atemberaubender Geschwindigkeit, und niemand schien sich darüber mehr zu wundern als der Mann, der den Zerfall der Sowjetunion eingeleitet hatte. Denn das war am Ende Gorbatschows größter »blinder Fleck«: Chruschtschow wusste es, und Breschnew wusste es, aber Gorbatschow, der Enkel von »Volksfeinden« und Urheber der Glasnost begriff nicht, dass eine umfassende, ehrliche Diskussion der sowjetischen Vergangenheit dem Sowjetregime unweigerlich die Legitimation entziehen musste. Er erkannte einfach nicht, dass mit der Wahrheit über die Stalinsche Vergangenheit der Mythos von der Größe der Sowjetmacht unmöglich aufrechterhalten werden konnte. Zu viel Grausamkeit, zu viel Blutvergießen und zu viele Lügen waren dabei im Spiel.

Wenn auch Gorbatschow sein eigenes Land nicht verstand, viele andere begriffen es durchaus. Bereits zwanzig Jahre zuvor hatte Solschenizyns Verleger Alexander Twardowski die Macht der damals verschwiegenen Vergangenheit gespürt und erkannt, was ein erwachendes Gedächtnis für das Sowjetsystem bedeuten konnte. Er sagte es in einem Gedicht:

»Sie irren, wenn sie glauben, 
Erinnerung verliere an Wert, 
Das Gras der Zeit überwuchere 
Die Vergangenheit und jeden Schmerz.

Unsere Erde drehe sich weiter,
Tag um Tag, Jahr um Jahr...
Nein. Die Pflicht gebietet, dass jetzt alles
Noch nicht Gesagte ausgesprochen werden muss...« (36)

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  Ende  

 

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