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7  Tauwetter
und Freilassung 

Reden wir nicht drum herum, 
Lassen wir den Unsinn. 
Wir sind die Kinder des Kults. 
Wir sind sein Fleisch und Blut.

Wir sind im Nebel aufgewachsen,
Nährten große Ambitionen.
Gigantomanie umgab uns 
Und kümmerlicher Geist...

Andrej Wosnessenski, 
»Die Kinder des Kults«,
1967 (1) 

 

wikipe  Andrei A Wosnessenski
*1933 in Moskau bis 2010

533-553

Die Streikenden von Kengir mögen die Schlacht verloren haben, aber den Krieg gewannen sie doch. Nach der Revolte in Steplag verlor die Führung der Sowjetunion zunehmend den Geschmack an Zwangsarbeitslagern.

Im Sommer 1954 galten die Lager bereits weithin als unrentable Angelegenheit. Ein Überblick über die Finanzen des Gulags vom Juni 1954 hatte mit aller Deutlichkeit gezeigt, dass das System stark subventioniert werden musste und insbesondere die Kosten für die Bewachung jeglichen Gewinn zunichte machten.2) Bei einer Beratung von Lagerkommandanten und hohen Gulag-Funktionären nach dem Aufstand von Kengir beklagten sich viele Vertreter der Lagerleitungen offen über die unzureichende Lebensmittelversorgung, über die ausufernde Bürokratie — inzwischen gab es siebzehn verschiedene Verpflegungsnormen — und die schlechte Organisation der Lager. Einige Einrichtungen wurden aber weiter betrieben, obwohl nur noch wenige Häftlinge darin untergebracht waren. Streiks und Unruhen blieben an der Tagesordnung. Der Drang nach Veränderung wurde immer mächtiger — und die Veränderung kam.

Am 10. Juli 1954 fasste das Zentralkomitee einen Beschluss, mit dem endlich der Acht-Stunden-Tag wieder eingeführt, das Lagerregime vereinfacht und den Gefangenen erneut die Möglichkeit gegeben wurde, durch gute Arbeit Haftverkürzung zu erreichen. Die Sonderlager wurden aufgelöst. Gefangene durften nun, oft ohne jede Einschränkung, Briefe schreiben und Päckchen empfangen. 

In einigen Lagern erlaubte man Gefangenen, zu heiraten und danach sogar zusammenzuleben. Bellende Hunde und bewaffnete Begleiter auf dem Weg zur Arbeit gehörten der Vergangenheit an. Die Häftlinge durften jetzt Dinge wie Kleidung und Orangen käuflich erwerben, die für sie bisher unerreichbar waren.3)

In den höheren Rängen der sowjetischen Elite setzte derweil eine breite Debatte über die stalinistische Justiz ein. Anfang 1954 hatte Chruschtschow einen Bericht darüber verlangt, wie viele Häftlinge seit 1921 konter­revolutionärer Vergehen angeklagt wurden und wie viele noch in Gefängnissen und Lagern saßen. Die Zahlen, die er daraufhin erhielt, mussten unvollständig sein, denn die Millionen, die man in die Verbannung geschickt, ungerecht formal unpolitischer Vergehen angeklagt hatte, die von ordentlichen Gerichten oder überhaupt nicht verurteilt worden waren, fehlten in dieser Statistik. 

Wenn man bedenkt, dass es sich im Wesentlichen um Menschen handelte, die ohne jeden Grund umgebracht oder eingekerkert wurden, sind die Zahlen schockierend hoch. Nach eigenen Berechnungen des Innen­ministeriums hatten Kollegien der OGPU, Troikas des NKWD, Sonderkommissionen und all die Militärkollegien und Tribunale, die in den vergangenen drei Jahrzehnten Urteile in Massen produzierten, 3.777.380 Menschen der Aufhetzung zur Konterrevolution für »schuldig« befunden. Von diesen waren 2.369.220 in Lager geschickt, 765.180 verbannt und 642.980 hingerichtet worden.4)  

Einige Tage später ging das Zentralkomitee daran, alle diese Fälle ebenso wie die der »Rückfalltäter« — die 1948 zum zweiten Mal verbannt worden waren — zu überprüfen. Chruschtschow setzte zu diesem Zweck einen landes­weiten Ausschuss unter Leitung des Generalstaatsanwaltes der Sowjetunion ein, in jeder Republik und Region des Landes wurden Komitees zur Überprüfung von Freiheitsstrafen gebildet. Einige politische Gefangene wurden bereits zu dieser Zeit entlassen, obwohl ihre Urteile noch nicht aufgehoben waren. Die eigentliche Rehabilitierung — das Eingeständnis des Staates, dass ein Irrtum vorlag — kam erst deutlich später.5) 

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Weitere Entlassungen folgten, wenn es damit auch eineinhalb Jahre lang quälend langsam voranging. Wer zwei Drittel seiner Strafe verbüßt hatte, konnte — ohne Erklärung oder Rehabilitierung — durchaus freikommen, während andere ohne jeden Grund in den Lagern bleiben mussten. Obwohl die mangelnde Rentabilität der Lager hinreichend bekannt war, konnten die Verantwortlichen für den Gulag sich nicht zur Auflösung des Systems entschließen. Offenbar fehlte ein direkter Anstoß von oben.

Dieser kam im Februar 1956, als Chruschtschow vor einer geschlossenen Sitzung des 20. Parteitages der KPdSU seine berühmt gewordene »Geheimrede« hielt. Zum ersten Mal griff er darin Stalin und den »Personenkult« offen an:

»Es ist unzulässig und dem Geist des Marxismus-Leninismus zuwider, eine Person herauszuheben und sie zu einem Übermenschen zu machen, der Gott ähnliche, übernatürliche Eigenschaften besitzt, zu einem Menschen, der angeblich alles weiß, alles sieht, für alle denkt, alles kann und in seinem ganzen Verhalten unfehlbar ist. Ein solcher Glaube an einen Menschen, und zwar an Stalin, ist bei uns viele Jahre lang kultiviert worden.«6) 

Insgesamt war die Rede recht tendenziös. Bei der Aufzählung von Stalins Verbrechen konzentrierte sich Chruschtschow fast ausschließlich auf die Opfer von 1937/38 und hob insbesondere die 98 Mitglieder des Zentral­komitees der Partei sowie die Hand voll alter Bolschewiken hervor, die erschossen wurden. »Die Welle der Massenverhaftungen ging im Jahre 1939 zurück«, behauptete er, was eine glatte Lüge ist, denn in Wirklichkeit stieg die Zahl der Häftlinge in den vierziger Jahren weiter an. Chruschtschow erwähnte weder die Kollektivierung noch den Hunger in der Ukraine oder die Massenrepressalien in der Westukraine und in den baltischen Staaten — vielleicht, weil er selbst darin verwickelt war.(7) 

Doch trotz ihrer Schwächen erschütterte die Rede die Sowjetunion bis in die Grundfesten, als sie auf geschlossenen Sitzungen der Parteiorganisationen überall im Land verlesen wurde. Nie zuvor hatte die sowjetische Führung Verbrechen eingestanden, noch dazu in so riesigem Umfang.

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Die Rede brachte endlich auch das Innenministerium, den KGB und die Lagerleitungen in Bewegung. Schon Wochen danach lockerte sich die Atmosphäre merklich, kamen Entlassungen und Rehabilitierungen endlich in Gang. Waren in den drei Jahren vor der Geheimrede etwa siebentausend Personen rehabilitiert worden, so schnellte diese Zahl in den zehn Monaten danach auf 617.000. Neue Mechanismen wurden geschaffen, um den Prozess zu beschleunigen. Viele Gefangene, die einst von Troikas verurteilt worden waren, wurden nun — Ironie des Schicksals — auch von Troikas entlassen. Diese Dreiergruppen, die in der Regel aus einem Staatsanwalt, einem Mitglied des Zentralkomitees und einem rehabilitierten Parteimitglied, oft ein ehemaliger Gefangener, bestanden, bereisten nun Lager und Verbannungsorte in der ganzen Sowjetunion. Sie hatten Vollmacht, die einzelnen Fälle rasch zu prüfen, die Gefangenen anzuhören und auf der Stelle zu entlassen.8

In den Monaten nach der Geheimrede setzte das Innenministerium außerdem zu tiefgreifenden Veränderungen in der Struktur der Lager an. Im April 1956 sandte der neue Innenminister, N.P. Dudorow, einen Reorganisationsvorschlag an das Zentralkomitee. Die Situation in den Lagern und Arbeitskolonien, heißt es darin, »ist seit vielen Jahren äußerst prekär«. Er schlug vor, sie zu schließen und die gefährlichsten Verbrecher stattdessen in isolierten Sondergefängnissen in entlegenen Gegenden des Landes unterzubringen. Wegen geringerer Vergehen Verurteilte sollten in ihrer Region bleiben und ihre Strafe dort in »Kolonien« bei leichter Arbeit in der Industrie und in Kollektivwirtschaften auf dem Land verbüßen. Niemand sollte mehr gezwungen werden, als Holzfäller, Bergarbeiter oder auf dem Bau unqualifizierte, körperlich schwere Arbeit zu leisten.9

An Dudorows Dokument ist die Wortwahl interessanter als die konkreten Vorschläge. Dem Innenminister ging es nicht um ein kleineres Lagersystem, sondern um ein völlig anderes. Ihm schwebte die Rückkehr zu einem »normalen« Gefängnissystem vor oder zumindest zu einem, das von anderen europäischen Staaten als solches betrachtet werden konnte. Die neuen Häftlingskolonien würden gar nicht erst vorgeben, finanziell rentabel zu sein. Die Gefangenen sollten arbeiten, um sich nützliche Fertigkeiten anzueignen, nicht um den Reichtum des Staates zu mehren. Der Zweck ihrer Arbeit war Rehabilitierung, nicht Gewinn.10) 

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Die Vorschläge stießen auf überraschend wütende Einwände. Zwar signalisierten die Vertreter der Wirtschaftsministerien Unterstützung, aber KGB-Chef Iwan Serow wandte sich scharf gegen die Ideen des Innenministers, nannte sie »falsch« und »unannehmbar«, von den Kosten gar nicht zu reden. Er lehnte die Auflösung der Lager ab und wollte gar nicht verstehen, weshalb Seks nicht als Holzfäller oder Bergleute arbeiten sollten. Schließlich würden sie durch harte Arbeit »zum ehrlichen und arbeitsamen Leben in der sowjetischen Gesellschaft erzogen«.11) 

Ergebnis dieser Auseinandersetzung zwischen den beiden Zweigen des Sicherheitsapparates war eine sehr gemischte Reform. Einerseits wurde das Führungsorgan des Gulags, die Hauptabteilung Lager, aufgelöst. 1957 ereilte dieses Schicksal auch die beiden größten Lagerkomplexe, Daistroi und Norilsk. Weitere folgten. Die zuständigen Ministerien — für Bergbau, Maschinenbau, Forstwirtschaft und Straßenbau — übernahmen große Teile des bisherigen Lager-Industrie-Komplexes.12Zwangsarbeit sollte in der sowjetischen Wirtschaft nie wieder eine bedeutende Rolle spielen.

Gleichzeitig änderte sich am Justizwesen kaum etwas. Die Richter waren so politisiert, parteiisch und ungerecht wie zuvor. Auch das Gefängnissystem blieb im Grunde unangetastet.

Der unerwartet heftige Schlagabtausch zwischen Innenminister Dudorow und KGB-Chef Serow kündigte größere Debatten an. In Chruschtschows Fahrwasser — so glaubten sie zumindest — strebten die Liberalen rasche Veränderungen in nahezu allen Bereichen der Sowjetgesellschaft an. Die Verteidiger des alten Systems hingegen wollten die Veränderungen stoppen, umkehren oder zumindest abwandeln, besonders dann, wenn sie die Lebensverhältnisse großer Personengruppen betrafen. Das Ergebnis war absehbar: Nicht nur die Gefängnisse blieben, wie sie waren, sondern die Reformen waren halbherzig, neue Privilegien wurden rasch wieder abgeschafft, öffentliche Diskussionen unterdrückt. Die Zeit, die als »Tauwetter« bekannt geworden ist, brachte in der Tat Veränderungen, aber solche besonderer Art: Die Reformen gingen zwei Schritte vorwärts, dann aber einen, manchmal auch drei wieder zurück.

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Ob nun 1926 oder 1956 — die Entlassung löste bei den Gefangenen stets gemischte Gefühle aus. Gennadi Andrejew-Chomjakow, der in den dreißiger Jahren freikam, konnte sich über seine eigene Reaktion nur wundern:

»Ich stellte mir vor, wenn ich endlich freikäme, würde ich nicht gehen, sondern tanzen, berauscht von der Freiheit. Als es dann so weit war, fühlte ich nichts dergleichen. Ich ging durch das Tor, am letzten Posten vorbei, aber Hochstimmung oder gar Glücksgefühle wollten sich nicht einstellen ... Zwei junge Mädchen in luftigen Kleidern liefen fröhlich lachend den sonnenüberfluteten Bahnsteig entlang. Ich blickte ihnen erstaunt nach. Wie konnten sie nur lachen? Wie konnten all diese Menschen herumspazieren, sich unterhalten und fröhlich sein, als ob in dieser Welt nichts Besonderes geschähe, als ob nicht ein unvorstellbarer Albtraum in ihrer Mitte passierte...«13) 

Als es nach Stalins Tod und Chruschtschows Rede mit den Entlassungen immer schneller voranging, wussten viele Häftlinge gar nicht, wie sie reagieren sollten. Gefangene, die darauf eingestellt waren, noch mindestens zehn Jahre hinter Stacheldraht zu verbringen, kamen von einem Tag zum anderen frei. Eine Gruppe Verbannter wurde mitten aus der Schicht in die Bergwerksverwaltung gerufen. Dort sagte man ihnen, sie sollten nach Hause gehen. Ein Augenzeuge erinnert sich: »Sonderkommandant Leutnant Issajew öffnete den Safe, holte unsere Papiere heraus und drückte sie uns in die Hand...«14) 

Häftlinge, die nie an etwas anderes hatten denken können als an die Freiheit, scheuten plötzlich davor zurück, sie anzunehmen: »Ich wollte es selber nicht glauben — aber ich weinte ... Mir war, als hätte ich das Teuerste und Liebste aus dem Herzen gerissen, meine Kameraden in der Not. Das Tor schloß sich — und es war aus.«15) 

Viele waren einfach noch nicht so weit. Juri Sorin fuhr 1954 nur zwei Stationen in dem überfüllten Zug voller freigelassener Häftlinge von Kotlas nach Süden. »Was soll ich in Moskau?«, fragte er sich. Er kehrte um und fuhr zu seinem alten Lager zurück, wo sein ehemaliger Kommandant ihm eine Anstellung als freier Arbeiter verschaffte. Er blieb noch sechzehn Jahre lang dort.16) Ein anderer schrieb in sein Tagebuch: »Ich will die Freiheit nicht. Was zieht mich zu ihr? Dort draußen ist doch nur ... Lüge, Heuchelei und Gedankenlosigkeit. Dort ist alles so merkwürdig unreal, hier dagegen ist alles real.«17) 

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Aber selbst für jene, die nach Hause zurückkehren wollten, war das häufig ein fast unmögliches Unterfangen. Sie hatten kein Geld und sehr wenig zu essen. Lager schickten Gefangene mit dem Äquivalent von 500 Gramm Brot für jeden erwarteten Reisetag los, einer Hungerration.18 Sie war schon deshalb absolut unzureichend, weil die Reise meist viel länger dauerte als angenommen, denn Tickets für die wenigen Flugzeuge und Züge nach Süden waren kaum zu bekommen. Als Ariadna Efron in Krasnojarsk ankam, stieß sie »auf eine solche Menge Menschen, dass man einfach nicht wegkam. Aus allen Lagern um Norilsk strömten die Leute hier zusammen.« Schließlich trat ihr ein »rettender Engel«, eine Frau, die per Zufall zwei Tickets besaß, eines ab. Sonst hätte sie dort wohl monatelang warten müssen.19

Wer es bis nach Moskau, Leningrad oder in sein Heimatdorf schaffte, musste oft feststellen, dass das Leben dort auch nicht leichter war. Die Entlassung allein reichte nicht aus, um in ein »normales« Leben zurückzukehren. Ohne ein Papier, das die tatsächliche Rehabilitierung belegte, das heißt, das ursprüngliche Urteil aufhob, blieben ehemalige politische Gefangene für ihre Umgebung suspekt.

Gewiss, einige Jahre zuvor hätten sie den gefürchteten »Wolfspass« bekommen, der es ihnen verbot, in einer sowjetischen Großstadt oder auch nur in deren Nähe zu leben. Oder man hätte sie direkt in die Verbannung geschickt. Nun war all das abgeschafft, aber nach wie vor erwies es sich als äußerst schwierig, eine Unterkunft und Arbeit zu finden. In Moskau kam die Aufenthaltserlaubnis für die Hauptstadt dazu. Bei der Rückkehr mussten viele bisherige Gefangene feststellen, dass ihre Wohnung seit langem konfisziert, ihte Habe verstreut wat. Viele ihrer Verwandten hatte das enge Verhältnis zu einem »Volksfeind« Leben oder Besitz gekostet. Die Familien blieben noch lange nach der Freilassung stigmatisiert, offiziell diskriminiert und von bestimmten Arbeitsstellen ausgeschlossen. Ältere ehemalige Gefangene mussten feststellen, dass sie nicht die ihnen zustehende Rente erhielten.20

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Die persönlichen Schwierigkeiten und das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, ließ viele beharrlich nach voller Rehabilitierung streben. Aber auch das war kein einfacher, gerader Weg. Manch einem stand diese Möglichkeit gar nicht offen. Das Innenministerium lehnte es zum Beispiel entschieden ab, Fälle aus der Zeit vor 1935 neu aufzurollen.21 Auch wer im Lager eine weitere Strafe erhalten hatte — ganz gleich, ob für Diebstahl, Insubordination oder Widerstand —, bekam die ersehnte Rehabilitationsbescheinigung nicht.22 Die Fälle der führenden Bolschewiken Bucharin, Kamenew und Sinowjew blieben tabu. Wer mit ihnen zusammen verurteilt worden war, musste bis in die achtziger Jahre auf seine Rehabilitierung warten.

Wenn es eine Chance gab, dann stand dem Antragsteller ein langes Verfahren bevor. Einen Rehabilitierungsantrag konnte der ehemalige Gefangene selbst oder seine Familie stellen. Aber häufig mussten noch zahlreiche Briefe geschrieben werden, bevor die Zustimmung kam. Viele ehemalige Gefangene hüteten sich, einen Antrag zu stellen. Wer schließlich zu einem Termin vor die Rehabilitierungskommission bestellt wurde, die gewöhnlich im Innen- oder Justizministeriums tagte, erschien häufig mit mehreren Schichten Kleidung am Leib und Reiseproviant, von weinenden Verwandten begleitet, die sicher waren, es gehe zurück ins Lager.23

In der Führungsspitze bangten viele, die Rehabilitierungen gingen zu schnell und zu weit. »Wir hatten Angst, richtige Angst«, sollte Chruschtschow später schreiben. »Wir befürchteten, das Tauwetter werde eine Flutwelle auslösen, die wir nicht mehr kontrollieren und in der wir untergehen konnten.«24 Anastas Mikojan, unter Stalin lange Zeit Mitglied des Politbüros, der bis in die Chruschtschow-Zeit überlebte, erklärte einmal, weshalb es unmöglich war, die Menschen zu rasch zu rehabilitieren. Wenn man alle sofort für unschuldig erklärte, »dann hätte sich herausgestellt, dass das Land nicht von einer rechtmäßigen Regierung, sondern von einer Verbrecherbande geführt wurde«.25

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Auch die Partei hütete sich, zu viele Fehler zuzugeben. Von den über 70.000 Anträgen ehemaliger Häftlinge auf Wiederherstellung ihrer Mitgliedschaft wurde kaum die Hälfte positiv beschieden.26 Somit war die volle gesellschaftliche Rehabilitierung, die Wiedereinsetzung in Arbeitsplatz, Wohnung und Rente, eher die Ausnahme. Viel häufiger kamen gemischte Erfahrungen vor, wie sie Olga Adamowa-Sljosberg machte, die 1954 für sich und ihren Ehemann die Rehabilitierung beantragte. Sie musste zwei Jahre lang warten. Nach Chruschtschows Geheimrede erhielt sie ihr Dokument. Darin hieß es, ihr Fall sei geprüft und wegen Mangels an Beweisen annulliert worden. »Ich wurde am 27. April 1936 verhaftet. Für diesen Fehler hatte ich also zwanzig Jahre und einundvierzig Tage meines Lebens hingeben müssen.« Als Entschädigung, hieß es im Dokument, habe sie Anspruch auf zwei Monatsgehälter für sich selbst und ihren verstorbenen Mann, dazu 11 Rubel, 50 Kopeken — der Besitz ihres Mannes bei seinem Tod. Das war alles.

Als sie im Warteraum des Büros im Gebäude des Obersten Sowjets in Moskau stand und diese Nachricht zu begreifen suchte, hörte sie jemanden schreien. Es war eine ältere Ukrainerin, die gerade einen ähnlichen Bescheid erhalten hatte:

»Sie rief <Ich brauche euer Geld für das Blut meines Sohnes nicht, das könnt ihr behalten!> Sie zerriss die Dokumente und warf sie auf den Fußboden. - Der Soldat, der ihr soeben die Papiere ausgehändigt hatte, trat an sie heran: <Beruhigen Sie sich, Bürgerin>, sagte er. - Aber die alte Frau schrie weiter und steigerte sich in einen regelrechten Wutanfall hinein. - Alle schwiegen bedrückt. Hier und da war unterdrücktes Schluchzen zu hören. 

Ich ging in meine Wohnung zurück, von wo mich kein Polizist mehr vertreiben konnte. Es war niemand zu Hause, und endlich konnte ich ungehemmt weinen. - Weinen um meinen Mann, der mit 37 Jahren auf dem Gipfel seiner Kraft und seiner Begabung in den Kellern der Lubjanka ums Leben kam. Weinen um meine Kinder, die als Waisen mit dem Stigma aufwachsen mussten, Kinder von Volksfeinden zu sein. Weinen um meine Eltern, die vor Kummer starben, um Nikolai, der in den Lagern gefoltert wurde, um alle meine Freunde, die ihre Rehabilitierung nicht mehr erleben würden, weil sie in der gefrorenen Erde der Kolyma lagen.«27) 

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In den Standardgeschichten der Sowjetunion meist ignoriert, muss die Heimkehr von Millionen Menschen aus Lagern und Verbannung Millionen andere Sowjetbürger schwer erschüttert haben, denen sie bei ihrer Rückkehr begegneten. Chruschtschows Geheimrede war ein Schock gewesen, doch sie hatte sich in höheren Sphären abgespielt und war vor allem für die Parteihierarchie bestimmt. Das Wiederauftauchen von Personen dagegen, die man längst für tot gehalten hatte, brachte viel mehr Menschen auf ganz unmittelbare Weise die tatsächliche Bedeutung dieser Rede zu Bewusstsein. Die Stalin-Ära war eine Zeit heimlicher Folter und verdeckter Gewalt gewesen. Plötzlich standen mit den Veteranen der Lager lebende Zeugen dafür zur Verfügung, was wirklich geschehen war.

Die Rückkehrer versetzten viele in Angst und Schrecken: ihre früheren Chefs, ihre Kollegen, diejenigen, die sie hinter Gitter gebracht hatten. In seinem Roman Krebsstation beschreibt Solschenizyn die Reaktion eines krebskranken Parteifunktionärs, als ihm seine Frau mitteilt, dass ein früherer Freund rehabilitiert werden soll, den er einst persönlich denunzierte, um sich dessen Wohnung anzueignen:

»Er fühlte sich ganz schwach — im Leib, in den Schultern, den Armen; und die Geschwulst zog seinen Kopf seitwärts hinab. <Warum erzählst du mir so etwas?> brachte er schließlich mit leiser, gequälter Stimme hervor. <Habe ich nicht schon genug Kummer?> Und ein trockenes Schluchzen erschütterte zweimal seine Brust... <Welches Recht haben die überhaupt, solche Leute freizulassen? ... Wie kann man nur so erbarmungslos sein und den anderen ein solches Trauma zufügen?>«28)  

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Schuldgefühle konnten unerträglich werden. Alexander Fadejew, ein überzeugter Stalinist und weithin gefürchteter Literaturbürokrat, ließ sich nach Chruschtschows Geheimrede mit Schnaps volllaufen. In trunkenem Zustand gestand er einem Freund, dass er als Präsident des Schriftstellerverbandes der Verhaftung vieler Autoren zugestimmt hatte, obwohl er wusste, dass sie unschuldig waren. Am Tag darauf nahm sich Fadejew das Leben. Angeblich soll er einen Abschiedsbrief an das Zentralkomitee hinterlassen haben, der nur aus einem Satz bestand: »Diese Kugel gilt Stalins Politik, Schdanows Ästhetik und Lyssenkos Genetik.«29) 

Andere verloren den Verstand. Olga Mischakowa, die beim ZK des Jugendverbandes Komsomol angestellt war, hatte den Chef ihrer Organisation, Alexander Kossarew, denunziert. Nach 1956 wurde dieser rehabilitiert, und das ZK des Komsomol schloss Mischakowa aus. Ein ganzes Jahr lang erschien sie jedoch jeden Tag im Komsomolgebäude, saß in ihrem leeren Büro und hielt sogar die Mittagspause ein. Als man ihr den Hausausweis entzog, kam sie trotzdem und stand zu der Zeit, da sie früher gearbeitet hatte, vor der Tür. Als ihr Ehemann nach Rjasan versetzt wurde, fuhr sie jeden Morgen um 4.00 Uhr mit dem Zug nach Moskau, stand tagsüber vor ihrem Büro und fuhr am Abend zurück. Schließlich wies man sie in eine psychiatrische Klinik ein.30

Selbst wenn das Ergebnis nicht Wahnsinn oder Selbstmord war, kam es zu zahllosen peinlichen, qualvollen Begegnungen, die das gesellschaftliche Leben Moskaus nach 1956 geradezu vergifteten. »Zwei Russlands standen sich Auge in Auge gegenüber«, schrieb Anna Achmatowa: »Jene, die im Gefängnis gewesen waren, und jene, die sie dorthin gebracht hatten.«31) 

Noch problematischer waren Begegnungen ehemaliger Häftlinge mit ihren Vernehmungs­offizieren oder Kerkermeistern. In der von Roy Medwedjew heraus­gegebenen Untergrundzeitschrift erschienen 1964 unter einem Pseudonym Erinnerungen, in denen ein Mann schildert, wie er seinem früheren Vernehmungsoffizier begegnet, der ihn um Geld für Wodka anbettelt: 

»Ich gab ihm alles, was ich von der Reise übrig hatte, und das war nicht wenig. Ich gab es ihm, damit er rasch verschwand. Ich fürchtete, ich könnte mich nicht beherrschen. Ich spürte den übermächtigen Wunsch, meinen Hass gegen ihn und seinesgleichen herauszulassen, den ich so lange in mir verschlossen hatte.«32)

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Äußerst unangenehm konnte es auch sein, früheren Freunden zu begegnen, die jetzt gut situierte Sowjetbürger waren. Lew Rasgon stieß 1968, über zehn Jahre nach seiner Rückkehr aus dem Lager, auf einen guten Freund: »Er tat so ... als seien wir erst am Abend zuvor auseinander gegangen. Natürlich sprach er mir sein Beileid zu Oxanas Tod aus und fragte nach Jelena. Aber alles rasch, wie nebenbei ... Und das war's dann.«33) 

Lew Kopelew hat geschrieben, dass er nach seiner Entlassung die Gesellschaft erfolgreicher Menschen nicht mehr ertragen konnte und sich unter gescheiterten Existenzen wohler fühlte.34) 

Wie man mit Freunden und Familie über die Lager sprechen und wie viel man davon erzählen sollte, war für die Heimkehrenden ebenfalls eine qualvolle Entscheidung. Viele wollten ihre Kinder vor der brutalen Wahrheit schützen. Die Tochter des Raketenkonstrukteurs Koroljow wusste bis kurz vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr nicht, dass ihr Vater im Gefängnis gesessen hatte. Da hatte sie zum ersten Mal ein Formular auszufüllen, das die Frage enthielt, ob einer ihrer Verwandten je in Haft gewesen sei.33) Viele mussten bei der Entlassung aus dem Lager die Verpflichtung unterschreiben, über ihre Erlebnisse gegenüber jedermann Stillschwiegen zu bewahren.

Andere stellten fest, dass Familie und Freunde zwar nicht wirklich desinteressiert waren, aber auch nicht allzu genau wissen wollten, was sie erlebt hatten. Sie hatten zu große Angst — nicht nur vor der allgegenwärtigen Geheimpolizei, sondern vor allem vor dem, was sie über Menschen, die sie liebten, erfahren könnten. Der Romancier Wassili Axjonow, der Sohn von Jewgenia Ginsburg, hat eine tragische, aber schrecklich plausible Szene in seine Trilogie Die Generationen des Winters eingebaut, in der ein Mann und seine Frau einander nach Jahren in den Lagern wiedersehen. Ihm fällt sofort auf, dass sie zu gesund aussieht: »Sag mir, wie hast du es angestellt, dass du nicht hässlich geworden bist... Du hast ja nicht einmal Gewicht verloren!«, ruft er aus und weiß doch ganz genau, wie Frauen im Gulag überleben konnten. In dieser Nacht liegen sie im Bett, fern voneinander und unfähig zu sprechen, »ausgebrannt von Melancholie und Trauer«.36) 

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Der Schriftsteller und Liedermacher Bulat Okudschawa hat eine Erzählung geschrieben, in der er schildert, wie ein Mann seiner Mutter begegnet, die zehn Jahre im Lager verbracht hat. Er ist überglücklich, sie wiederzusehen, stellt sich vor, wie er sie am Bahnhof abholt, nach dem tränenreichen, aber freudigen Wiedersehen nach Hause bringt, ihr von seinem Leben erzählt und sie vielleicht sogar ins Kino ausfuhrt. Stattdessen trifft er auf eine Frau mit trockenen Augen und abwesendem Blick: »Sie schaute mich an, aber sie schien mich gar nicht wahrzunehmen, ihre Miene war wie gefroren.« Er hatte erwartet, dass sie körperlich geschwächt sein würde, aber auf seelische Schäden war er überhaupt nicht vorbereitet — etwas, das Millionen erlebt haben müssen.37

Wahre Geschichten waren nicht weniger traurig. Nadeschda Kapralowa erzählt, wie sie ihre Mutter, von der sie als achtjähriges Kind getrennt worden war, nach dreizehn Jahren wiedersah: »Als Mutter und Tochter waren wir die nächsten Verwandten füreinander, aber wir saßen uns wie Fremde gegenüber, sprachen von völlig belanglosen Dingen, weinten viel und schwiegen.«38 Olga Adamowa-Sljosberg musste mit größter Umsicht zu Werke gehen, als sie ihrem Sohn 1948 wiederbegegnete: »Ich fürchtete, etwas fallen zu lassen, was ich >dort< erlebt hatte. Zweifellos hätte ich ihn davon überzeugen können, dass mit unserem Land vieles nicht stimmte, dass sein Idol Stalin bei weitem nicht vollkommen war, aber mein Sohn war gerade erst siebzehn Jahre alt. Ich hatte Angst davor, ihm gegenüber völlig offen zu sein.«39

Aber nicht jeder haderte mit der sowjetischen Gesellschaft. So überraschend das scheinen mag, viele der Rückkehrer verlangten, wieder in die Kommunistische Partei aufgenommen zu werden. Dabei ging es ihnen nicht um Status und Privilegien, sondern sie wollten wieder ganz zur kommunistischen Sache dazugehören, so wie sie war. »Hingabe an ein Glaubenssystem kann tiefe, nicht rationale Wurzeln haben«, versucht die Historikerin Nanci Adler den Gemütszustand eines ehemaligen Häftlings zu erklären, als seine Parteimitgliedschaft wiederhergestellt wurde:

»Der wichtigste Faktor, dem ich das Überleben unter jenen schweren Bedingungen verdanke, war mein unauslöschlicher Glaube an unsere leninistische Partei und ihre humanistischen Prinzipien. Es war die Partei, die mir die physische Kraft gegeben hat, alle Prüfungen zu bestehen... Wieder in die Reihen meiner geliebten kommunistischen Partei aufgenommen zu werden, ist das höchste Glück meines Lebens.«40) 

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Wenn ihnen auch irgendwie bewusst war, dass sie den falschen Kampf führten, dass ihr Land nicht so glänzend dastand, wie seine Führer behaupteten, dass ganze Städte auf den Knochen unschuldig verurteilter Zwangsarbeiter errichtet waren, fühlten sich manche Opfer der Lager trotz allem besser, wenn sie wieder Teil der großen Gemeinschaft sein durften und nicht länger von ihr ausgeschlossen waren.

Wie dem auch sei, die gewaltigen Spannungen zwischen denen, die »dort« gewesen, und denen, die zu Hause geblieben waren, konnten nicht ewig hinter Wohnungs- und Schlafzimmertüren verschlossen bleiben. Die Verantwortlichen waren noch am Leben. Auf dem 22. Parteitag der KPdSU im Oktober 1961, wo Chruschtschow um seinen Einfluss in der Partei kämpfen musste, nannte er sie schließlich beim Namen. Er erklärte, Molotow, Kaganowitsch, Woroschilow und Malenkow seien »der illegalen Massenrepressalien gegen viele Funktionäre der Partei, des Staates, des Militärs und des Komsomol schuldig und tragen direkte Verantwortung für deren physische Vernichtung«. Zugleich deutete er dunkel an, man verfüge über Dokumente, um diese Schuld zu beweisen.41) 

In der Auseinandersetzung mit den Stalinisten, die sich gegen seine Reformen wandten, legte Chruschtschow jedoch am Ende nichts dergleichen vor. Vielleicht hatte er nicht genügend Macht, oder seine eigene Rolle bei den Stalinschen Repressionen wäre ans Tageslicht gekommen. Stattdessen schlug er eine neue Taktik ein: Er weitete die öffentliche Debatte über den Stalinismus aus und ließ sie aus den geschlossenen Parteizirkeln in die Welt der Literatur überschwappen. Zwar hatten ihn sowjetische Schriftsteller und Dichter bisher nie sonderlich interessiert, aber Anfang der sechziger Jahre begriff er, dass sie in seinem Machtkampf eine Rolle spielen konnten. Nach und nach tauchten fast vergessene Namen in offiziellen Publikationen wieder auf Niemand erklärte, wohin sie verschwunden waren und weshalb sie jetzt zurückkehrten. Figuren, die bisher in sowjetischen Romanen undenkbar gewesen waren - habgierige Bürokraten oder ehemalige Lagerinsassen -, erblickten plötzlich das Licht der literarischen Welt.42) 

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Chruschtschow hatte erkannt, dass seine Propaganda auf diesem Weg viel wirkungsvoller verbreitet werden konnte: Nun diskreditierten Schriftsteller seine Gegner, indem sie ihnen die Verbrechen der Vergangenheit anlasteten. Aus diesem Grund fällte er wahrscheinlich auch die Entscheidung, die Veröffentlichung von Alexander Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, dem berühmtesten aller Romane über den Gulag, zu genehmigen.

Wegen seiner literarischen Bedeutung ebenso wie wegen der Rolle, die er bei der Verbreitung der Wahrheit über den Gulag im Westen gespielt hat, verdient Alexander Solschenizyn zweifellos, in jeder Geschichte des sowjetischen Lagersystems gesondert erwähnt zu werden. Dabei ist auch seine kurze Karriere als berühmter und breit publizierter »offizieller« sowjetischer Schriftsteller von Bedeutung, weil sie einen wichtigen Übergang markierte. Als Iwan Denissowitsch im Jahre 1962 erstmals in gedruckter Form erschien, war die Tauwetterperiode auf ihrem Höhepunkt, gab es nur noch wenige politische Gefangene, schien der Gulag eine Sache der Vergangenheit zu sein. 

Als eine Parteizeitschrift im Sommer 1965 Iwan Denissowitsch »eine ideologisch und künstlerisch umstrittene Arbeit« nannte, war Chruschtschow bereits abgesetzt, hatte der Gegenschlag begonnen, stieg die Zahl der politischen Gefangenen in atemberaubendem Tempo an. Als 1974 Der Archipel Gulag, Solschenizyns umfangreiche dreibändige Geschichte des Lagersystems, auf Englisch erschien, war Solschenizyn bereits aus der Sowjetunion ausgewiesen und konnte nur noch im Ausland publizieren. In der Sowjetunion gab es wieder Zwangsarbeitslager, und die Dissidentenbewegung war in vollem Gange.43

Solschenizyns Lagerkarriere begann so, wie viele Seks seiner Generation es auch erlebten. Nach seiner Ausbildung an einer Offiziersschule, in die er 1941 eintrat, kämpfte er im Herbst und Winter 1943 an der Westfront. 1945 erlaubte er sich in einem Brief an einen Freund eine schlecht verhüllte Kritik an Stalin, worauf er bald verhaftet wurde.

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Bislang ein mehr oder weniger treuer Anhänger des Kommunismus, war der junge Offizier erschüttert, wie brutal und grob man mit ihm umsprang. Noch mehr sollte ihn später die Behandlung der Rotarmisten schockieren, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren. Er meinte, sie hätten eigentlich als Helden heimkehren müssen.

Der weitere Verlauf seiner Lagerzeit war vielleicht nicht ganz so typisch, denn auf Grund einiger Mathematik- und Physikkenntnisse durfte er eine gewisse Zeit in einer Scharaschka, einem der internen Forschungslabors, arbeiten, was er später in seinem Roman Im ersten Kreis verarbeitete. Ansonsten saß er in einigen durchschnittlichen Lagpunkten, unter anderem in Moskau, und in einem Sonderlagerkomplex bei Karaganda ein. Er war kein besonders auffälliger Häftling. Er hatte seinen Flirt mit den Behörden, diente als Informant, bevor er die Dinge durchschaute, und arbeitete schließlich als Maurer. Diese Tätigkeit schrieb er später auch seinem Iwan Denissowitsch zu, dem Sek »Jedermann«, dem Helden seines ersten Romans. 

Nach seiner Entlassung war er Lehrer in Rjasan und begann seine Erlebnisse niederzuschreiben. Auch das war nicht ungewöhnlich: Die vielen hundert Memoiren aus dem Gulag, die seit 1980 als Bücher erschienen sind, zeugen von dem Talent sowjetischer Häftlinge, von denen viele jahrelang insgeheim geschrieben haben. Aus dieser Menge trat Solschenizyn nur hervor, weil seine Arbeiten in der Sowjetunion gedruckt erschienen, als Chruschtschow noch an der Macht war.

Um die Veröffentlichung von Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch ranken sich zahllose Legenden. Das Manuskript ging durch die Hände von Lew Kopelew, der gemeinsam mit Solschenizyn im Lager gesessen hatte und damals als Lektor bei der renommierten Literaturzeitschrift »Nowy mir« [Neue Welt] eine bemerkenswerte Figur der Moskauer Literaturszene war. Erregt von seinem Fund, gab er diesen an den Chefredakteur der Zeitschrift, den damals berühmten Dichter und Schriftsteller Alexander Twardowski, weiter.

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Twardowski, so will es die Legende, soll das Manuskript zum Lesen mit ins Bett genommen haben. Nach wenigen Seiten sei er so beeindruckt gewesen, dass er aufstand, sich wieder anzog und die Lektüre am Schreibtisch fortsetzte. Er habe die ganze Nacht gelesen, sei bei der Morgendämmerung in sein Büro gestürzt, habe nach den Sekretärinnen geschrien und ihnen befohlen, sofort weitere Kopien herzustellen, die er seinen Freunden schicken wollte. Dabei habe er ununterbrochen geschwärmt, ein neues literarisches Genie sei geboren. Ob sich das alles so zugetragen hat oder nicht, Twardowski hat es so berichtet. Später schrieb ihm Solschenizyn, wie glücklich es ihn gemacht habe, als er erfuhr, Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch sei Twardowski »eine schlaflose Nacht wert gewesen«.44

Die Handlung des Romans ist recht geradlinig: Beschrieben wird ein einziger Tag im Leben eines gewöhnlichen Häftlings. Heutige Leser - selbst in Russland - können nur schwer verstehen, weshalb der Roman damals in der sowjetischen Literaturszene solchen Wirbel auslöste. Aber für jene, die ihn 1962 lasen, war er wie eine Erleuchtung. Statt nur verschämt von »Rückkehrern« oder »Repressalien« zu sprechen, wie es in der Literatur jener Zeit üblich war, wurde in diesem Buch das Lagerleben offen und unverblümt beschrieben. Damit berührte der Autor einen Gegenstand, der bisher überhaupt nicht öffentlich erörtert worden war.

Zudem standen Solschenizyns Stil - insbesondere die Verwendung des Lagerslangs - und seine Beschreibung des öden, abstoßenden Lagerlebens in auffälligem Kontrast zu der pathetischen, heuchlerischen Literatur, die man damals gewohnt war. Das für die Sowjetliteratur jener Zeit gültige Credo vom »sozialistischen Realismus« war alles andere als realistisch, sondern eher die literarische Version der stalinistischen Doktrin. Die Gefängnisliteratur, wenn es sie überhaupt gab, hatte sich seit Gorkis Zeiten nicht verändert. Ein Verbrecher in einem sowjetischen Roman sah am Ende stets das Licht und wurde zum sowjetischen Glauben bekehrt. Der Held durfte leiden, aber am Ende zeigte ihm die Partei den richtigen Weg.

Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch dagegen war purer Realismus: Der Roman verbreitete keinen Optimismus, und an seinem Ende stand keine Moral. Die Leiden seiner Helden waren sinnlos. Die Arbeit, die sie verrichten mussten, war schwer und zermürbend, und sie versuchten ihr zu entgehen. Am Ende siegten nicht die Partei und nicht der Kommunismus. 

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Diese für einen sowjetischen Schriftsteller so ungewöhnliche Ehrlichkeit erregte Twardowskis Bewunderung: Solschenizyns Freund Kopelew sagte, in der Geschichte sei »kein Quäntchen Heuchelei«. Genau das aber erzürnte viele Leser, insbesondere aus dem sowjetischen Establishment. Menschen, die simple Schlussfolgerungen gewöhnt waren, hielten den Roman für erschreckend vage, ja geradezu unmoralisch.

Twardowski wollte ihn unbedingt veröffentlichen. Er wusste aber, wenn er ihn kurzerhand setzen ließ und den Zensoren schickte, konnte er mit sofortigem Verbot rechnen. Stattdessen bot er ihn Chruschtschow als Waffe gegen seine Feinde an.

Nach vielem Hin und Her und einigen Veränderungen am Manuskript - so überzeugte man Solschenizyn schließlich, wenigstens einen »positiven Helden« einzufügen und den ukrainischen Nationalismus symbolisch zu verurteilen - gelangte der Roman schließlich auf Chruschtschows Tisch. Der gab seine Einwilligung. Er lobte sogar, das Buch sei »im Geiste des 22. Parteitages« geschrieben. Damit meinte er offenbar, es werde seinen Gegnern Ärger bereiten. In der Novemberausgabe 1962 von »Nowy mir« erschien der Roman schließlich in gedruckter Form. »Der Vogel ist frei! Der Vogel ist frei!«, soll Twardowski angeblich ausgerufen haben, als er das erste Probeexemplar in den Händen hielt.

Zunächst gab es von der Literaturkritik nur Lob, lag doch die Geschichte genau auf der offiziellen politischen Linie. Der Kritiker der »Prawda« brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass der »Kampf gegen den Personenkult« von nun an »das Erscheinen von Kunstwerken erleichtern wird, die sich durch wachsenden künstlerischen Wert auszeichnen«.45

Anders die Reaktion der Durchschnittsleser, die Solschenizyn in den Monaten nach der Veröffentlichung in »Nowy mir« mit Post überschütteten. Dass die Geschichte zur neuen Parteilinie passte, ließ ehemalige Häftlinge kalt, die ihm aus dem ganzen Land schrieben. Sie waren überglücklich, etwas zu lesen, das ihre eigenen Gefühle und Erlebnisse wiedergab. Menschen, die bisher nicht gewagt hatten, selbst guten Freunden auch nur mit einem Wort von ihren Erlebnissen zu erzählen, fühlten sich erleichtert. 

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Eine Frau beschrieb ihre Reaktion so: »Tränen liefen mir über das ganze Gesicht. Ich wischte sie nicht fort, denn alles, was hier auf so wenigen Seiten der Zeitschrift zusammengedrängt war, gehörte mir, nur mir. So war jeder Tag der fünfzehn Jahre gewesen, die ich im Lager verbrachte.«46

Die heftigsten Reaktionen kamen jedoch von denen, die immer noch hinter Stacheldraht saßen. Leonid Sitko, der damals seine zweite Strafe verbüßte, hörte im fernen Dubrawlag von der Veröffentlichung. Als das Exemplar von »Nowy mir« in der Lagerbibliothek eintraf, hielt es der Kommandant zwei Monate lang unter Verschluss. Schließlich beschafften sich die Seks aber doch ein Exemplar und hielten sofort eine Gruppenlesung ab. Sitko erinnert sich, wie die Gefangenen »atemlos lauschten«:

»Nachdem das letzte Wort verklungen war, herrschte Totenstille. Zwei Minuten später explodierte der Raum. Diese Geschichte hatte jeder auf seine eigene, schmerzhafte Weise erlebt... In Wolken von Tabakrauch wurde endlos debattiert... - Immer öfter folgte dann die bange Frage: <Warum hat man das gedruckt?>«47

Ja, warum wohl? Darüber schienen die Parteioberen selbst ins Grübeln zu kommen. Vielleicht war Solschenizyns wahrhaftige Schilderung des Lagerlebens zu viel für sie, eine zu abrupte Veränderung für den Geschmack von Leuten, die um ihren eigenen Kopf fürchten mussten. Oder sie hatten Chruschtschow schon satt, fürchteten, er sei zu weit gegangen, und brauchten Solschenizyns Roman als Anlass. Im Oktober 1964 wurde Chruschtschow in der Tat abgesetzt und durch Leonid Breschnew ersetzt, dem Anführer der reaktionären Neostalinisten, die das Tauwetter und die damit eingetretenen Veränderungen ablehnten.

Nachdem Erscheinen des Romans sammelten sich die Konservativen jedenfalls erstaunlich schnell. Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch erschien im November 1962. Im Dezember - Chruschtschow hatte Solschenizyn gerade empfangen und ihm persönlich gratuliert - hielt Leonid Iljitschow, der Vorsitzende der neuen Ideologischen Kommission des Zentralkomitees, vor vierhundert Schriftstellern und Künstlern, die man im Schriftstellerverband zusammengeholt hatte, einen Vortrag. Die Sowjetgesellschaft, ermahnte er sie, dürfe nicht »unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Personenkult erschüttert und geschwächt werden...«48)

Das Tempo des Umschwungs spiegelt die ambivalente Haltung der Sowjetunion zu ihrer eigenen Geschichte wider, die bis heute nicht überwunden ist. Wenn die sowjetische Elite akzeptierte, dass das Porträt von Iwan Denissowitsch authentisch war, gab sie damit zu, dass unschuldige Menschen sinnlos gelitten hatten. Wenn die Lager tatsächlich eine so stupide, öde und tragische Angelegenheit waren, musste man das Gleiche von der Sowjetunion annehmen. 

Für jeden Sowjetbürger, ob nun Angehöriger der Elite oder einfacher Bauer, war es damals und auch später jedoch schwer zu akzeptieren, dass ihr Leben von Lügen beherrscht war.

Nach einer Zeit der Unsicherheit, in der die Argumente hin und her gingen, wurde eine massive Angriffswelle gegen Solschenizyn in Gang gesetzt. Als der Roman dann gar den Leninpreis, die höchste Auszeichnung für ein literarisches Werk in der Sowjetunion, erhalten sollte, wurden die Attacken immer schärfer. Am Ende griff das Establishment zu persönlichen Beleidigungen, eine Taktik, die sich in späteren Jahren wiederholen sollte. Auf der Tagung des Leninpreis-Ausschusses stand Komsomol-Chef Sergej Pawlow auf und beschuldigte Solschenizyn, er habe sich während des Krieges den Deutschen ergeben und sei später wegen krimineller Vergehen verurteilt worden. Twardowski riet Solschenizyn, seine Rehabilitierungsurkunde ins Feld zu führen, aber es war zu spät. Der Leninpreis ging an Die Schafsglocke, ein Buch, das heute längst vergessen ist, und Solschenizyns offizielle Schriftstellerkarriere war beendet.

Er schrieb weiter, aber bis 1989 wurde keiner seiner Romane in der Sowjetunion gedruckt, zumindest nicht offiziell. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und ließ sich schließlich im US-Staat Vermont nieder. Bis zur Gorbatschow-Zeit hatte nur eine kleine Gruppe von Sowjetbürgern - jene, die Zugang zu illegalen maschinengeschriebenen Manuskripten oder aus dem Ausland eingeschmuggelten Exemplaren seiner Bücher hatten - den Archipel Gulag, die von ihm zusammengetragene mündliche Überlieferung des Lagersystems, gelesen.

Solschenizyn sollte nicht das einzige Opfer des konservativen Gegenschlags bleiben. Während die Debatte über Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch immer wütender wurde, nahm ein anderes Drama auf dem Feld der Literatur seinen Lauf. 

Am 18. Februar 1964 wurde der junge Dichter Jossif Brodski wegen »Parasitentum« vor Gericht gestellt. Die Ära der Dissidenten zog herauf. 

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