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6  Die
Revolution
der Seks 

Ich kann nicht schlafen, und der Schneesturm heult 
In einer Zeit, die spurlos verschwand, 
Da Tamerlans farbenprächtiges Zelt 
Am Feuer in der Steppe stand ...

Als mongolische Prinzessin
Galoppiere ich tief in die Zeit 
Und peitsche mit dem Schweif meines Pferdes
Freunde und Feinde zugleich.

Und dann, in einer der Schlachten —
Einem Blutbad ohne Vergleich —, 
Wenn der Untergang greifbar nah ist, 
Stürz' ich mich in mein Schwert.

 

Anna Barkowa, 
»In den Baracken des Lagers« (1) 

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Nach Stalins Tod brodelte wie überall im Land auch in den Sonderlagern die Gerüchteküche. Beria werde die Macht übernehmen. Beria sei schon tot. Marschall Schukow und Admiral Kusnezow seien in Moskau einmarschiert und hätten den Kreml mit Panzern angegriffen. Chruschtschow und Molotow seien ermordet worden. Alle Gefangenen kämen frei. Alle Gefangenen würden hingerichtet. Die Lager seien von bewaffneten Truppen des Innenministeriums umstellt, bereit, jede Revolte im Keim zu ersticken. Die Häftlinge erzählten diese Geschichten einander flüsternd und schreiend, hoffend und spekulierend.2

Typisch für diese Zeit sind die Erlebnisse von Viktor Bulgakow, der im Frühjahr 1953 — genau an dem Abend, als Stalin starb — verhaftet und der Beteiligung an einem antistalinistischen studentischen politischen Zirkel beschuldigt wurde. Bald darauf war er bereits in Minlag, dem Sonderlager des Bergbaukomplexes Inta jenseits des Polarkreises.

Bulgakows Schilderung der Atmosphäre in Minlag unterscheidet sich stark von dem, was Häftlinge aus früherer Zeit berichten. Der Halbwüchsige fand eine gut organisierte antistalinistische und antisowjetische Gemeinschaft vor. Regelmäßig kam es zu Streiks und Protesten. Die Häftlinge hatten sich nach nationalen Gruppierungen gegliedert, mit jeweils ganz eigenem Charakter. Die Balten hatten eine »straffe Organisation, aber keine klare Hierarchie«. Die Ukrainer, meist ehemalige Partisanen, waren »bestens organisiert, da ihre Anführer bereits Partisanentrupps geleitet hatten. Sie kannten sich alle, und ihre Strukturen entstanden fast automatisch.« 

Im Lager gab es auch Häftlinge, die weiter an den Kommunismus glaubten. Sie teilten sich ebenfalls in zwei Gruppen: solche, die sich einfach der Parteilinie unterwarfen, und andere, die sich als Kommunisten aus Über­zeugung betrachteten und an einer Reform der Sowjetunion festhielten. Schließlich konnte man auch ein antisowjetischer Marxist sein, was in früheren Jahren schlicht undenkbar war. Bulgakow selbst schloss sich der Volksunion der Arbeiter [Narodno-Trudowoi Sojus, NTS] an, einer antistalinistischen Oppositionsbewegung, die zehn, zwanzig Jahre später Berühmtheit erlangen sollte, als die paranoiden Behörden ihren Einfluss überall zu spüren glaubten.

Womit sich Bulgakow im Lager beschäftigte, hätte frühere Generationen von Häftlingen schon sehr erstaunt. In Minlag brachten die Häftlinge es fertig, eine illegale Zeitung herauszugeben, die von Hand geschrieben und von Mann zu Mann weitergegeben wurde. Sie schüchterten die Vertrauensleute ein, die ihrerseits Angst vor den Häftlingen bekamen. Ein Lagerhistoriker schreibt, Morde an Informanten seien damals »so alltäglich gewesen, dass sie kaum noch jemanden interessierten«. Die Zuträger seien »rasch ausgestorben«.3) Wieder einmal spiegelte und verstärkte das Leben im Lager das, was außerhalb des Stacheldrahtes geschah.

1953 waren Bulgakows Kameraden in Minlag bemüht, selbst den Überblick über die Zahl der Häftlinge und die Lebensbedingungen zu behalten und diese Informationen an den Westen weiterzugeben. Dafür nutzte man zur Kooperation bereite Wachleute und andere Verfahren, die, wie wir noch sehen werden, in den Dissidentenlagern der siebziger und achtziger Jahre vervollkommnet werden sollten. Bulgakow übernahm die Aufgabe, diese Dokumente sowie Abschriften von Liedern und Gedichten, die Häftlinge verfasst hatten, heimlich aufzubewahren. Das Gleiche tat Leonid Sitko in Steplag, wo er den Keller eines Gebäudes, das die Arbeiter gebaut hatten, als Versteck benutzte. Sitko verbarg »kurze Darstellungen von Lebensläufen, Briefe bereits verstorbener Häftlinge, eine kurze Beschreibung der unmenschlichen Bedingungen im Lager (Todesstatistiken, Hunger et cetera), die die Ärztin Galina Mischkina unterzeichnet hatte, einen Bericht über Aufbau und Entwicklung der Lager in Kasachstan, eine ausfuhrlichere Geschichte von Steplag und eine Reihe Gedichte«.4) 

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Sitko und Bulgakow waren überzeugt, dass man die Lager eines Tages schließen und die Baracken niederbrennen werde. Dann wollten sie die versteckten Dokumente bergen. Zwanzig Jahre zuvor wäre so etwas niemandem auch nur im Traum eingefallen, erst recht nicht hätte man es zu realisieren gewagt.

Die Gulag-Zentrale selbst trug dazu bei, dass sich Strategie und Taktik der Verschwörung im ganzen System der Sonderlager ausbreiteten. In der Vergangenheit hatte man Häftlinge, bei denen man konspirative Absichten vermutete, rasch voneinander getrennt. Sie wurden von einem Lager ins andere verlegt, damit ihre Netzwerke sich gar nicht erst verfestigen konnten. Im Falle der Sonderlager bewirkte diese Taktik das Gegenteil. Durch die häufige Verlegung von Häftlingen breitete sich der Geist der Rebellion immer weiter aus.3)

 

Nördlich des Polarkreises sind die Sommer kurz und heiß. Ende Mai beginnt der Eisgang auf den Flüssen. Die Tage werden rasch länger, bis es kaum noch dunkel wird. Mitte Juni, in manchen Jahren auch Anfang Juli beginnt die Sonne plötzlich unerträglich zu brennen und große Hitze zu entwickeln. Das dauert einen Monat, manchmal auch zwei. Von einem Tag zum anderen öffnen sich in der Arktis wilde Blumen. Für wenige Wochen ist die Tundra mit einem farbenprächtigen Teppich bedeckt. Die Menschen, die neun Monate lang in ihren Behausungen eingesperrt waren, werden von einem unwiderstehlichen Drang ins Freie erfasst. An den wenigen heißen Sommertagen, die ich in Workuta erlebte, schienen die Bewohner der Stadt ganze Tage draußen zu verbringen, und die weißen Nächte noch dazu. Sie flanierten durch die Straßen, saßen in den Parks oder schwatzten unter der Haustür miteinander. Nicht zufällig war das Frühjahr die Zeit, da die meisten Fluchtversuche aus den Lagern stattfanden. Auch die drei wichtigsten, gefährlichsten und berühmtesten Aufstände im Gulag ereigneten sich in den Lagern des Hohen Nordens im Frühling.

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In Gorlag, dem Sonderlager von Norilsk, war die Atmosphäre irn Frühjahr 1953 besonders spannungsgeladen. Im Herbst war eine große Gruppe von 1200 Häftlingen aus Karaganda, wo viele sich offenbar einige Monate zuvor an bewaffneten Ausbruchsversuchen und Protesten beteiligt hatten, nach Gorlag verlegt worden. Sie alle verbüßten Haftstrafen wegen »konterrevolutionärer Tätigkeit in der Westukraine und in den baltischen Staaten«. Zornig darüber, dass die Amnestie für sie nicht gelten sollte, hatte diese Gruppe nach Angaben des Innenministeriums in Gorlag eine »antisowjetische Organisation« aufgebaut, was wahrscheinlich bedeutet, dass sie die bereits bestehenden Organisationen der einzelnen Nationalitäten weiter verstärkt hatte.

Im ganzen Monat Mai wuchs die Unruhe im Lager. Am 25. Mai erschoss ein Wachmann einen Häftling auf dem Weg zur Arbeit. Am nächsten Morgen traten zwei Teillager aus Protest in den Streik. Einige Tage später eröffneten die Wachen das Feuer auf Häftlinge, die sich über die Mauer zwischen dem Männer- und dem Frauenlager hinweg Botschaften zuwarfen. Einige Häftlinge wurden verletzt. Am 4. Juni riss eine Gruppe Häftlinge einen Holzzaun nieder, der ihre Strafbaracke von der übrigen Zone trennte, und befreiten 24 Gefangene. Sie nahmen einen Aufseher in die Zone mit und behielten ihn als Geisel. Wieder eröffneten die Wachen das Feuer, töteten fünf Gefangene und verletzten vierzehn weitere. Daraufhin schlössen sich vier neue Abteilungen des Lagers dem Protest an. Am 5. Juni streikten bereits 16379 Gefangene. Die Lager wurden von Soldaten umstellt und alle Ausgänge blockiert.6

Etwa zur selben Zeit kam es in Retschlag, dem Sonderlager des Bergbaureviers Workuta. zu ähnlichen Vorfällen. Bereits seit 1951 hatten Häftlinge versucht, dort Massenstreiks zu organisieren. Die Lagerleitung behauptete später, sie habe in den Jahren 1951 und 1952 nicht weniger als fünf »revolutionäre Organisationen« im Lager aufgedeckt.7 Als Stalin starb, waren die Häftlinge von Retschlag vorbereitet. 

Wie in Minlag hatten sie sich in nationalen Gruppen organisiert und zudem einzelne Häftlinge damit beauftragt, westliche Rundfunksendungen auf gestohlenen oder geliehenen Radios zu verfolgen und handgeschriebene Bulletins mit Nachrichten und

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Kommentaren herauszugeben, die sie von Hand zu Hand weiterreichten. So erfuhren sie nicht nur von Stalins Tod und Berias Verhaftung, sondern auch von den Massenstreiks in Ostberlin am 17. Juni 1953, die von sowjetischen Panzern niedergeschlagen wurden.8

Diese Nachricht scheint die Gefangenen stark bewegt zu haben: Wenn die Berliner streiken konnten, dann konnten sie es auch. John Noble, ein Amerikaner, der unmittelbar nach dem Krieg in Dresden verhaftet wurde, erinnert sich: »Ihr Kampfgeist spornte uns an, und wir sprachen noch Tage danach von nichts anderem.«9

Am 30. Juni verteilten die Häftlinge des Schachts Kapitalnaja Flugblätter mit dem Aufruf »Stoppt die Kohlelieferungen!« Am selben Tag schrieb jemand an die Mauern von Schacht Nr. 40: »Keine Kohle ohne Amnestie«. Die Waggons blieben leer. Die Gefangenen hatten die Kohleförderung eingestellt.(10) Am 17. Juli wurde es für die Leitung von Kapitalnaja noch ernster: Eine Gruppe Häftlinge hatte einen Vorarbeiter verprügelt, weil der angeblich von ihnen gefordert hatte, »die Sabotage einzustellen«. Als die zweite Schicht beginnen sollte, weigerte sich der nächste Vorarbeiter, in den Schacht einzufahren.

Die Häftlinge von Retschlag verdauten diese Nachrichten noch, als ein neuer Gefangenentransport eintraf — wieder aus Karaganda. Den Gefangenen waren bessere Lebensbedingungen und eine Überprüfung ihrer Fälle versprochen worden. Als sie zum ersten Mal in den Schacht Nr. 7 von Workuta einfuhren, stellten sie fest, dass nicht Verbesserung, sondern die schlimmsten Bedingungen im ganzen Lagersystem sie erwarteten. Am nächsten Tag, dem 19. Juli 1953, traten 350 der Neuen in den Streik.11

Weitere Streiks folgten, was zum Teil mit der Geografie von Workuta zusammenhing. Workutlag befindet sich im Zentrum eines riesigen Kohlebeckens, das zu den größten der Welt zählt. Um die Kohle abzubauen, wurden um das Becken herum in weitem Kreis Schächte angelegt. Zwischen ihnen befanden sich weitere Betriebe — Kraftwerke, Ziegeleien und Zementfabriken —, denen jeweils ein eigenes Lager zugeordnet war. Hinzu kamen die Stadt Workuta und die kleinere Siedlung Jur-Schor. Alle diese Orte waren durch eine Eisenbahnlinie verbunden. 

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Wie alles in Workuta wurden auch die Züge von Gefangenen betrieben, und auf diesem Weg breitete sich die Revolte aus: Mit Kohle und anderen Versorgungsgütern, die von einem Lagpunkt zum nächsten gebracht wurden, gaben die Gefangenen auf den Lokomotiven auch die Nachricht vom Streik im Lager Nr. 7 weiter. Im Gefolge der Züge hörten Tausende Gefangene die geflüsterten Berichte und sahen die Losungen an den Waggons: »Zur Hölle mit eurer Kohle! Wir wollen Freiheit!«12 Ein Lager nach dem anderen schloss sich dem Streik an, bis am 29. Juli 1953 sechs der siebzehn Abteilungen des Komplexes Retschlag — 15.604 Gefangene —die Arbeit niedergelegt hatten.13) 

In den meisten streikenden Lagpunkten von Workuta und Norilsk hielten Streikkomitees die inzwischen sehr gefährliche Lage unter Kontrolle. Die verängstigten Lagerleitungen hatten das Weite gesucht, und Anarchie lag in der Luft. In einigen Fällen organisierten die Komitees die Verpflegung der Häftlinge. In anderen versuchten sie sie zu überzeugen, sich nicht an den nun völlig schutzlosen Informanten zu vergreifen. In Retschlag und Gorlag standen laut Memoiren und Archivdokumenten eindeutig Westukrainer, Polen und Balten an der Spitze der Aktionen.

Jahre später behaupteten ukrainische Nationalisten, alle großen Streiks im Gulag seien von ihren Geheimorganisationen geplant und ausgeführt worden, die hinter den multinationalen Streikkomitees gestanden hätten: »Der Durch­schnittshäftling, damit meinen wir insbesondere westliche und russische Gefangene, war unfähig, Entscheidungen zu treffen oder den Mechanismus der Bewegung auch nur zu begreifen.« Als Beleg führt man die beiden »Transporte aus Karaganda« an, zum größten Teil Ukrainer, die unmittelbar vor den Streiks in beiden Lagern eingetroffen waren.(14) 

Dieselben Belege führen andere zu dem Schluss, dass die Streiks von Leuten aus dem Innenministerium selbst provoziert worden seien. Vielleicht befürchteten Mitarbeiter der Sicherheitsdienste, dass Chruschtschow die Lager ganz schließen und alle dort Beschäftigten entlassen wollte. Sie hätten Revolten angezettelt, um sie niederschlagen und damit nachweisen zu können, wie sehr man sie noch brauchte. 

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Simeon Wilenski, ehemaliger Sek und späterer Publizist, der zwei Konferenzen zum Thema Widerstand im Lager organisiert hat, fasst diese Position so zusammen: »Wer leitete die Lager? Tausende Menschen, die in der zivilen Gesellschaft keinen Beruf ausüben konnten, die an absolute Rechtsfreiheit gewöhnt waren, die glaubten, die Gefangenen seien ihr Eigentum, mit dem sie tun und lassen könnten, was sie wollten. Außerdem waren sie im Vergleich zu anderen Werktätigen relativ gut bezahlt.«

Wilenski bleibt bei seiner Überzeugung, dass er in seinem Sonderlager an der Kolyma 1953 eine Provokation erlebte. Plötzlich, so berichtet er, tauchte eine Gruppe neuer Häftlinge im Lager auf. Einer fing an, die jüngeren Männer zu einer Rebellengruppe zu organisieren. Sie redeten von Streik, schrieben Flugblätter, steckten andere Häftlinge an. In der Lagerschlosserei stellten sie sogar Messer her. Sie agierten offen und herausfordernd, was Wilenski verdächtig vorkam: Dass die Lagerleitung so etwas geschehen ließ, konnte kein Zufall sein.15) 

Die beiden Positionen müssen sich nicht widersprechen. Es ist durchaus möglich, dass bestimmte Vertreter des Innenministeriums rebellische Ukrainer in die Lager brachten, um Unruhe zu stiften. Es ist aber auch möglich, dass die ukrainischen Streikführer glaubten, sie handelten aus eigenem Entschluss. Trotz ihrer bürokratischen Sprache vermitteln die MWD-Berichte, die einige Wochen nach diesen Ereignissen abgefasst wurden, sehr plastisch, welchen Schrecken die Streiks unter Häftlingen und freien Arbeitern gleichermaßen auslösten. Ein Buchhalter von Gorlag schwor dem Innenministerium: »Wenn die Streikenden aus der Zone ausbrechen, werden wir gegen sie kämpfen wie gegen den Feind.«

Ein freier Arbeiter berichtete dem MWD von einer zufälligen Begegnung mit Streikenden: »Ich war nach Schichtende geblieben, um noch einige Bohrlöcher in die Kohle zu treiben. Plötzlich tauchte eine Gruppe Häftlinge auf Sie rissen mir die elektrische Bohrmaschine aus der Hand und verlangten, ich solle die Arbeit sofort einstellen, sonst setze es Prügel. Ich erschrak und tat, wie mir geheißen ...« Zu seinem Glück leuchteten die Häftlinge ihm mit einer Grubenlampe ins Gesicht, erkannten ihn als freien Arbeiter und ließen ihn in Ruhe.16 Allein in dem dunklen Schacht, umgeben von wütenden, feindseligen, kohlegeschwärzten Häftlingen, muss er in der Tat große Angst verspürt haben.

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Von den verschreckten Lagerkommandanten verlangten die Streikenden von Gorlag und Retschlag, sie wollten Vertreter der Sowjetregierung und der Kommunistischen Partei aus Moskau sprechen. Ohne Moskaus Zustimmung, so ihr Argument, könnten die Lagerkommandanten ohnehin nichts entscheiden, womit sie durchaus Recht hatten.

Und Moskau reagierte. Bei mehreren Gelegenheiten trafen Vertreter von »Kommissionen aus Moskau« in Gorlag und Retschlag mit Häftlingskomitees zusammen, hörten sie an und debattierten über deren Forderungen. Diese Begegnungen als Präzedenzfälle zu beschreiben, wird dem Umschwung, der sich hier zeigte, kaum gerecht. Noch nie hatten Forderungen von Gefangenen etwas anderes als brutale Gewalt ausgelöst. In der neuen poststalinschen Zeit schien Chruschtschow jedoch zumindest den Versuch wagen zu wollen, die Häftlinge mit echten Zugeständnissen zu besänftigen.

Es gelang ihm - besser gesagt, seinen Vertretern - nicht. Am vierten Streiktag in Workuta legte eine Kommission aus Moskau unter Leitung von General 1.1. Maslennikow den Gefangenen eine Liste neuer Privilegien vor: Neun-Stunden-Arbeitstag, Entfernung der Nummern von der Häftlingskleidung, Besuchserlaubnis für Verwandte, Empfang von Briefen und Geldsendungen der Familien. In dem offiziellen Bericht heißt es, viele Streikführer hätten dieses Angebot »feindselig« aufgenommen und den Streik fortgesetzt. Ein ähnliches Angebot war bereits in Gorlag abgelehnt worden. Die Gefangenen wollten eine Amnestie, nicht nur eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen.

Zwar schrieb man nicht mehr das Jahr 1938, aber 1989 war auch noch nicht angebrochen. Stalin war tot, sein Erbe indes war quicklebendig. Hatte man sich zu Beginn auf Verhandlungen eingelassen, so folgte jetzt brutale Gewalt.

In Norilsk versprachen die Behörden zunächst, »die Forderungen der Gefangenen zu prüfen«. Aus dem offiziellen Bericht geht jedoch hervor, dass »die Kommission des Innenministeriums der UdSSR entschied, die Streiks niederzuschlagen«. Soldaten umstellten die Lager.

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In einigen Fällen lief diese »Niederschlagung« relativ milde ab. Im ersten Lagpunkt wurden die Gefangenen vom Eintreffen der Truppen noch überrascht. Über den Lagerfunk befahl der Oberste Staatsanwalt von Norilsk, Babilow, den Häftlingen, die Zone zu verlassen. Er versicherte ihnen, wer diesem Befehl ruhig Folge leiste werde für die Beteiligung an der »Sabotage« nicht bestraft werden. Laut offiziellem Bericht taten die meisten Häftlinge, wie ihnen geheißen. Als sie ihre Isolierung erkannten, gingen auch die Anführer. Draußen in der Taiga trennten Soldaten und Lagerchefs die Häftlinge in zwei Gruppen. Die der Anstiftung Verdächtigen wurden auf Lastwagen verladen, die »Unschuldigen« marschierten zurück ins Lager.

Spätere »Niederschlagungen« verliefen weniger reibungslos. Als die Behörden am nächsten Tag in einem anderen Lagpunkt das gleiche Verfahren anwandten, drohten die Streikführer zuerst jenen, die sich fügen wollten, und schlossen sich dann in einer der Baracken ein, aus der man sie mit Gewalt herausholen musste.

In Lagpunkt Nr. 5 weigerten sich 1400 Gefangene, zumeist Ukrainer und Balten, die Zone zu verlassen. Als die Wachmannschaften mit Unterstützung von vierzig Soldaten die Baracken einzuzäunen versuchten, um die Lebensmittelvorräte des Lagers zu schützen, gingen fünfhundert Gefangene zum Angriff über. Brüllend und fluchend warfen sie Steine, schlugen auf die Soldaten mit Knüppeln und Spitzhacken ein und versuchten, sie zu entwaffnen. Im offiziellen Bericht heißt es dazu: »Als es kritisch wurde, eröffneten die Soldaten das Feuer auf die Häftlinge.«17

Nach und nach trieben Soldaten und Miliz die Gefangenen aus allen Lagern. Um sie zum Einlenken zu bewegen, versprach die Kommission aus Moskau lauthals, alle Fälle würden geprüft und die Streikführer nicht erschossen. Der Trick funktionierte: Da General Maslennikow sich »väterlich« gab, »glaubten wir ihm«, erzählte ein Teilnehmer später.18

Nicht jedoch im Lagpunkt des Schachtes Nr. 29. Als Maslennikow ihnen befahl, die Arbeit wieder aufzunehmen, weigerten sie sich. Soldaten erschienen mit einem Wasserwerfer, um die Menge zu zerstreuen:

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»Aber bevor die Schläuche überhaupt ausgerollt und gegen uns gerichtet werden konnten, stürmte auf Ripezkis Zeichen eine Welle von Gefangenen auf das Fahrzeug zu und fegte es aus dem Tor, als sei es ein Spielzeug... Die Wachen feuerten eine Salve in die Menge. Aber wir standen mit eingehakten Armen, und zuerst fiel keiner zu Boden, obwohl viele bereits tot oder verwundet waren. Nur Ihnato-wicz stand vor der Front allein. Seine Haltung schien Erstaunen auszudrücken, dann wandte er sich zu uns um. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut entrang sich ihnen. Er streckte einen Arm aus, dann stürzte er zu Boden. Als er gefallen war, folgte eine zweite Salve, eine dritte. Dann eröffneten schwere Maschinengewehre das Feuer.«

Die Schätzungen, wie viele Gefangene damals in Schacht Nr. 29 erschossen wurden, gehen weit auseinander. Die offiziellen Dokumente sprechen von 42 Toten und 135 Verletzten. Augenzeugen berichten von »Hunderten« Opfern.19

Damit waren die Streiks zu Ende. Aber Ruhe zog in keinem Lager ein. In den Jahren 1953 und 1954 kam es in Workuta und Norilsk, in anderen Sonderlagern und auch in normalen Lagern immer wieder zu Protesten. Die Häftlinge hatten Mut gefasst. Faktisch blieb kein Lager von den Unruhen verschont. Im November 1953 verweigerten beispielsweise 530 Gefangene in Wjatlag die Arbeit. Sie forderten bessere Bezahlung und ein Ende der »nicht normalen« Lebensbedingungen, besonders im Hinblick auf ihre Bekleidung. Die Lagerleitung willigte ein, aber am nächsten Tag gingen die Häftlinge trotzdem nicht zur Arbeit. Jetzt verlangten sie, in Berias Amnestie eingeschlossen zu werden. Der Streik endete schließlich damit, dass die Organisatoren festgenommen und in Strafzellen gesteckt wurden.20 

Im März 1954 übernahm eine Gruppe »Banditen« einen Lagpunkt von Kargopollag. Sie drohten mit Aufstand, wenn sie nicht besseres Essen - und Wodka - erhielten.21 Im Juli 1954 traten neunhundert Gefangene von Minlag eine Woche lang in einen Hungerstreik, weil ein Mithäftling bei lebendigem Leibe verbrannt war, als in einem Strafblock Feuer ausbrach. Die Gefangenen verteilten Flugblätter im Lager und im nahe gelegenen Dorf, in denen sie die Gründe für den Streik darlegten. Sie stellten ihre Aktion erst ein, als eine Kommission aus Moskau anreiste und ihre Forderungen nach besserer Behandlung erfüllte.22

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Den Behörden war klar, dass sie weitere Unruhen zu erwarten hatten. Die gefährlichste Erhebung stand noch bevor.

Wie seine beiden Vorgänger brach auch der Aufstand, den Solschenizyn »Die vierzig Tage von Kengir« nannte, weder abrupt noch unerwartet los.23 Vielmehr entwickelte er sich allmählich im Frühjahr 1954 aus einer ganzen Reihe von Zwischenfällen im Sonderlager von Steplag in der Nähe des Dorfes Kengir in Kasachstan.

Wie ihre Kollegen in Retschlag und Gorlag waren auch die Kommandanten von Steplag nach Stalins Tod nicht sofort in der Lage, ihre Häftlinge im Zaum zu halten. Im Vorfeld des Streiks schickten die Kommandanten von Steplag mehrfach Berichte nach Moskau, in denen sie die illegalen Organisationen in den Lagern schilderten, auf Unruhen hinwiesen und von einer »Krise« des Informantennetzes sprachen, das inzwischen kaum noch funktionierte. Moskau antwortete, man möge die Ukrainer und Balten von den anderen Häftlingen trennen. Aber die Lagerleitung wollte oder konnte das nicht. Damals waren etwa die Hälfte der 20.000 Insassen Ukrainer, ein weiteres Viertel Balten und Polen. Vielleicht gab es gar keine praktische Möglichkeit, sie zu isolieren. Also brachen die Häftlinge weiter die Regeln, protestierten und organisierten Kurzstreiks.24

Da Strafandrohungen nichts halfen, griff das Wachpersonal zu Gewalt. Einige, darunter Solschenizyn, glauben, dadurch habe die nachfolgende Revolte provoziert werden sollen. Ob das zutrifft oder nicht - Beweise gibt es bislang für keine Version -, im Winter 1953 und im Frühjahr 1954 eröffneten die Wachmannschaften jedenfalls mehrmals das Feuer auf arbeitsunwillige Häftlinge, was mehrere Tote forderte.

Vielleicht in dem verzweifelten Versuch, die Kontrolle wiederzuerlangen, holte die Lagerleitung schließlich eine Gruppe Krimineller in die Lager und erteilte ihnen die klare Weisung, in Lagpunkt Nr. 3, dem rebellischsten im ganzen Komplex Steplag, mit den Politischen Streit anzuzetteln. Aber der Plan ging nach hinten los. Statt einander zu bekämpfen, beschlossen beide Gruppen zusammenzuarbeiten.

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Wie in anderen Lagern waren auch hier die Gefangenen in nationalen Gruppen organisiert. Die Ukrainer von Steplag scheinen jedoch die Konspiration weiter als üblich getrieben zu haben. Statt ihre Anführer zu wählen, bildeten sie ein konspiratives »Zentrum«, eine streng geheime Gruppe, deren Mitgliedschaft niemand kannte. Wahrscheinlich waren darin alle Nationalitäten vertreten. Als die Kriminellen im Lager eintrafen, hatte dieses Zentrum in den Lagerwerkstätten bereits die Herstellung von Waffen - Messer, Knüppel und Hacken - in Angriff genommen und Kontakt zu den zwei benachbarten Lagpunkten - Nr. 1, einer Zone für Frauen, und Nr. 2 - aufgenommen. Vielleicht beeindruckten diese entschlossenen Politischen die Kriminellen mit dem, was sie bisher organisiert hatten. Vielleicht schüchterten sie sie damit auch nur ein. Alle sind sich jedoch einig, dass Vertreter beider Gruppen, der Kriminellen und der Politischen, sich bei einem Treffen um Mitternacht die Hände reichten und Zusammenarbeit schworen.

Die trug am 16. Mai 1954 erste Früchte. An jenem Nachmittag ging eine große Gruppe Häftlinge von Lagpunkt Nr. 3 daran, die Steinmauern niederzureißen, die ihr Lager von den beiden benachbarten und vom Wirtschaftshof trennten, wo sich die Werkstätten und Vorratsspeicher befanden.

In der Nacht wurden die Mauern weiter demoliert. Daraufhin eröffneten die Wachposten das Feuer, töteten dreizehn Häftlinge und verwundeten 43. Andere Gefangene, darunter Frauen, wurden geschlagen. Am nächsten Tag fanden sich die Häftlinge von Lagpunkt Nr. 3, aufgebracht über die Tötungen, zu massivem Protest zusammen und schrieben antisowjetische Losungen an die Wände ihres Speisesaals. In der Nacht brachen Gefangenentrupps in die Strafbaracke ein, die sie mit bloßen Händen auseinander nahmen, und befreiten die darin eingeschlossenen 252 Häftlinge. Sie brachten den Vorratsspeicher, die Küche, die Bäckerei und die Lagerwerkstätten - die sofort auf Produktion von Messern und Knüppeln umgestellt wurden - unter ihre Kontrolle. Am Morgen des 19. Mai befanden sich die meisten Gefangenen des Lagers im Streik.

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Weder Moskau noch die Lagerleitung schienen zu wissen, was sie als Nächstes tun sollten. Der Lagerkommandant informierte Innenminister Kruglow über die Vorfälle. Eine Kommission traf ein, die Verhandlungen aufnahm. Um Zeit zu gewinnen, versprach sie den Gefangenen, den rechtswidrigen Beschuss zu untersuchen, die Mauerdurchbrüche zwischen den Lagern offen zu lassen und sogar eine beschleunigte Überprüfung der Fälle aller Häftlinge vorzunehmen.

Die Gefangenen glaubten ihnen. Am 23. Mai nahmen sie die Arbeit wieder auf. Als die Tagschicht ins Lager zurückkehrte, stellte sie jedoch fest, dass zumindest eines der Versprechen gebrochen worden war: Die Mauern zwischen den Lagpunkten standen wieder lückenlos. Am 25. Mai erbat der Kommandant von Kengir, W.M. Botschkow, telegrafisch dringend die Genehmigung, zu einem »strengen Regime« zurückkehren zu dürfen: keine Briefe, keine Besuche, keine Geldüberweisungen, keine Überprüfung der Fälle. Außerdem verlegte er 420 Kriminelle in einen anderen Lagpunkt, wo sie ihren Streik fortsetzten.

Das Ergebnis: Binnen 48 Stunden jagten die Gefangenen mit ihren selbst gefertigten Waffen das gesamte Lagerpersonal aus der Zone. Zwar verfügten die Wachmannschaften über Gewehre, aber sie waren zahlenmäßig unterlegen. Die meisten der fünftausend Gefangenen, die in den drei Abteilungen des Lagers lebten, schlössen sich dem Aufstand an.

Anfangs hofften die Behörden offenbar, der Streik werde von selbst abklingen. Früher oder später mussten sich Politische und Kriminelle in die Haare geraten. Es würde zu Anarchie und Ausschreitungen kommen, Frauen würden vergewaltigt und Lebensmittellager geplündert werden. Ohne das Verhalten der Gefangenen während des Streiks idealisieren zu wollen, trat beinahe das Gegenteil ein: Das Lager funktionierte überraschend harmonisch.

Sehr rasch wählten die Gefangenen ein Streikkomitee, das mit den Verhandlungen und mit der Organisation des Lageralltags beauftragt wurde. Das Verhältnis des Streikkomitees zur »wahren« Speerspitze des Aufstands bleibt unscharf Das war es wohl auch damals. Selbst wenn das ukrainisch geführte »Zentrum« nicht jeden Schritt exakt geplant hat, war es eindeutig die Triebkraft des Streiks und spielte auch bei der »demokratischen« Wahl des Streikkomitees die entscheidende Rolle. Die Ukrainer scheinen auf einem multinationalen Gremium bestanden zu haben. Sie wollten nicht, dass der Streik zu antirussisch oder antisowjetisch wirkte, und verlangten sogar einen Russen als Anführer.

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Diese Rolle fiel Oberst Kapiton Kusnezow zu, eine in der ungeklärten Geschichte von Kengir höchst zweifelhafte Figur. Offenbar hatten die Ukrainer den ehemaligen Offizier der Roten Armee ausgewählt, weil sie hofften, er könnte dem Aufstand ein »sowjetisches« Gesicht geben und damit den Behörden einen Vorwand nehmen, die Aktion sofort niederzuschlagen. Das funktionierte zunächst besser als erwartet. Auf Kusnezows Drängen hängten die Gefangenen Spruchbänder mit Losungen auf wie: »Es lebe die Sowjetverfassung!« »Es lebe die Sowjetmacht!« Er predigte den Häftlingen, keine Flugblätter mehr herzustellen, weil »konterrevolutionäre« Agitation ihrer Sache nur schaden könne.

Kusnezow dankte den Ukrainern, die ihn in diese Position gebracht hatten, ihr Vertrauen nicht. In dem langen, ausführlichen und sorgfältig abgewogenen Geständnis, das er verfasste, nachdem der Streik sein unvermeidliches blutiges Ende gefunden hatte, behauptet Kusnezow, er habe das »Zentrum« stets für illegal gehalten und während des Streiks gegen dessen geheime Befehle gehandelt. Später sollte er außerdem behaupten, mindestens drei Mitglieder des Streikkomitees - »Gleb« Slutschenkow, Hersch Keller und Juri Knopmus - hätten dem geheimen »Zentrum« angehört. Die Lagerleitung bezeichnete Hersch Keiler im Nachhinein ebenfalls als Mitglied der ukrainischen Geheimverschwörung, und seiner Biografie nach zu urteilen ist das durchaus möglich.

Keller - ein Ukrainer, dessen eigentlicher Vorname Pendrak lautete - stellte sich an die Spitze der »militärischen« Einheiten des Streiks und bereitete den Widerstand der Gefangenen für den Fall eines bewaffneten Angriffs auf das Lager vor. Er organisierte auch die Massenproduktion von Waffen - Messern, Knüppeln und Hacken -in den Werkstätten und richtete sogar ein »Labor« ein, wo er Handgranaten, Molotow-Cocktails und andere »heiße« Waffen fertigen lassen wollte. Keller überwachte die Errichtung von Barrikaden und sorgte dafür, dass jede Baracke ein Fass mit zerstoßenem Glas bereit hielt, mit dem man angreifende Soldaten bewerfen wollte.

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Gleb Slutschenkow stand eher mit den Kriminellen des Lagers in Verbindung. Kusnezow nannte ihn einen »Vertreter der Verbrecherwelt«. Auch in ukrainisch-nationalistischen Quellen taucht er als der Anfuhrer der Kriminellen au£ Während des Aufstandes leitete er die »Spionageabwehr« des Streikkomitees. Er hatte seine eigene »Polizei«, die im Lager patrouillierte, die Ordnung aufrechterhielt und potenzielle Überläufer oder Informanten festsetzte. Slutschenkow teilte die Lager in Abteilungen ein, an deren Spitze jeweils ein eigener »Kommandeur« stand. Kusnezow beklagte sich später, deren Namen seien geheim gehalten worden. Nur Slutschenkow und Keller hätten sie gekannt.

Weniger negativ äußerte sich Kusnezow über Knopmus, einen in St. Petersburg geborenen Deutschen, der während des Aufstandes für die »Propaganda« verantwortlich war. Im Rückblick sind dessen Aktionen jedoch die revolutionärsten und antisowjetischsten von allen. Knopmus ließ Flugblätter herstellen, die an die örtliche Bevölkerung verteilt wurden, hängte eine Wandzeitung für die Streikenden auf und richtete sogar einen provisorischen Rundfunksender ein.

Nur Tage später hatte das Lager Rundfunksprecher und strahlte regelmäßig Nachrichtensendungen für die Gefangenen und die Bevölkerung in der Umgebung, einschließlich Wachmännern und Soldaten, aus. Lagerstenographen hielten den Text einer Rundfunkrede fest, die er hielt, als der Aufstand bereits einen Monat dauerte und die Lebensmittel knapp wurden. Das Stenogramm der Rede, die sich vor allem an die Soldaten außerhalb des Lagers richtete, ist in den Akten des Innenministeriums erhalten geblieben:

»Genossen Soldaten! Wir haben keine Angst vor euch und bitten euch, nicht in unsere Zone zu kommen. Schießt nicht auf uns, beugt euch nicht dem Willen der Beria-Leute. Wir fürchten sie nicht, und wir fürchten auch nicht den Tod. Lieber verhungern wir in diesem Lager, als uns der Beria-Bande zu ergeben. Beschmutzt euch nicht mit dem Blut, das bereits an den Händen eurer Offiziere klebt...«25

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Kusnezow organisierte währenddessen die Ausgabe des Essens, das von den Frauen des Lagers gekocht wurde. Jeder Gefangene erhielt die gleiche Ration. Extraportionen für Vertrauensleute gab es nicht mehr. Als die Zeit verging und die Vorräte schrumpften, wurden die Portionen immer kleiner. Freiwillige säuberten die Baracken, wuschen die Kleidung und standen auf Posten. Ein Beteiligter erinnert sich, dass der Speisesaal, der zuvor oft schmutzig und unaufgeräumt war, nun vor »Ordnung und Sauberkeit« glänzte. Die Badehäuser funktionierten wie gewöhnlich, ebenso das Hospital, obwohl die Lagerleitung Medikamente und medizinische Versorgungsgüter verweigerte.

Die Gefangenen organisierten sogar ihre eigene »Unterhaltung«. Den Erinnerungen eines Augenzeugen zufolge eröffnete ein polnischer Adliger namens Graf Bobrinski im Lager ein »Cafe«, wo er »Kaffee« anbot: »Er warf etwas ins Wasser, kochte es, und die Gefangenen schlürften das Gebräu am hellichten Tag mit großem Vergnügen.« Der Graf selbst saß in einer Ecke und sang alte Romanzen zur Gitarre.26

Eine religiöse Sekte, deren männliche und weibliche Mitglieder mit dem Niederreißen der Mauern wieder zusammenkamen, erklärte, ihr Prophet habe verkündet, sie würden nun alle in den Himmel kommen, lebend. Mehrere Tage lang saßen sie auf dem großen Platz mitten in der Zone auf ihren Matratzen und warteten, aber nichts geschah.

Es gab auch eine große Zahl von Vermählungen, vorgenommen von Priestern, die man gemeinsam mit ihrer baltischen oder ukrainischen Herde in großer Zahl verhaftet hatte. Manche Partner, die sich bereits über die Mauer hinweg anonym verheiratet hatten, sahen einander jetzt zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht. Zwar konnten Männer und Frauen sich nun ohne Einschränkung begegnen, aber alle Beschreibungen stimmen darin überein, dass Frauen nicht belästigt und weder angegriffen noch vergewaltigt wurden, wie es im normalen Lageralltag üblich war.

Natürlich entstanden auch Lieder. Jemand komponierte eine ukrainische Hymne, die alle 13.500 streikenden Gefangenen dann gemeinsam sangen. Der Refrain ging so: »Wir sind, wir sind keine Sklaven mehr! Wir tragen das Joch nicht länger...«

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»Es war eine wundervolle Zeit«, erinnert sich Irina Arginskaja 45 Jahre später. »Nie wieder habe ich mich so frei gefühlt wie damals.« Andere äußerten sich nicht so unbeschwert. Ljubow Berschadskaja meint: »Wir handelten sehr spontan. Niemand von uns wusste oder dachte darüber nach, was uns erwartete.«

Die Verhandlungen mit den Behörden zogen sich hin. Am 27. Mai kam die zuständige Kommission des Innenministeriums zum ersten Mal mit den Häftlingen zusammen. Von den »Goldbetressten«, wie Solschenizyn sie nannte, gehörten der Kommission der stellvertretende Innenminister Sergej Jegorow, der damalige Chef des Gulag-Systems, Iwan Dolgich, und der stellvertretende Oberstaatsanwalt für den Gulag, Wawilow, an. Ihnen standen zweitausend Gefangene unter Führung von Kusnezow gegenüber, der eine Liste mit Forderungen präsentierte.

Auf dem Höhepunkt des Streiks gehörten dazu die Bestrafung der Wachleute, die Häftlinge erschossen hatten - das war eine der ersten Forderungen der Gefangenen gewesen -, außerdem einige eindeutig politische Ziele wie die Reduzierung aller Strafen von 25 Jahren, die Überprüfung aller Fälle der politischen Gefangenen, die Auflösung der Strafzellen und Strafbaracken, mehr Kontakt zu Verwandten, die Abschaffung der Verbannung nach Verbüßung der Haftstrafe, bessere Lebensbedingungen für Frauen und die Aufhebung der Trennung von Männer- und Frauenlagern.

Da bereits viele Gefangene gestorben waren und er die Sache rasch und friedlich beenden wollte, ging Dolgich sofort auf einige kleinere Forderungen der Gefangenen ein. Die Gitter von den Barackenfenstern sollten entfernt, ein Acht-Stunden-Tag eingeführt sowie besonders verhasste Wachmänner und Lagerangestellte aus Kengir abgezogen werden. Auf direkte Anweisung aus Moskau verzichtete Dolgich zunächst auf Gewalt. Allerdings suchte er den Widerstand der Gefangenen dadurch zu brechen, dass er sie drängte, das Lager zu verlassen, und ihnen jegliche Lebensmittel- und Arzneimittellieferungen verweigerte.

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Mit der Zeit verlor Moskau die Geduld. In einem Telegramm vom 15. Juni attackierte Innenminister Kruglow seinen Stellvertreter Jegorow, weil er seine Berichte aus Kengir mit unsinnigen Statistiken fülle - wie viele Tauben mit Flugblättern zum Beispiel im Lager aufgestiegen seien. Er teilte mit, eine Truppeneinheit mit fünf T-34-Panzern sei unterwegs.

In den letzten zehn Tagen des Streiks stieg die Spannung merklich an. Die Kommission des Innenministeriums ließ über die Lagerlautsprecher scharfe Warnungen verbreiten. Im Gegenzug teilten die Gefangenen der Welt über ihren provisorischen Sender mit, sie wollten lieber verhungern als sich ergeben.

Am 26. Juni um 3.30 Uhr, noch vor der Morgendämmerung, schlug die Staatsmacht zu. Am Abend zuvor hatte Kruglow Jegorow telegrafisch aufgefordert, »alle vorhandenen Kräfte« einzusetzen. Das hieß: nicht weniger als 1700 Soldaten, 98 Hunde und die fünf Panzer, die inzwischen das Lager umstellt hatten. Als Erstes ließen die Soldaten Leuchtkugeln aufsteigen und feuerten Warnschüsse ab. Über die Lautsprecher erging die dringende Warnung: »Soldaten rücken jetzt ins Lager ein. Gefangene, die kooperieren wollen, werden aufgefordert, das Lager geordnet zu verlassen. Wer Widerstand leistet, wird erschossen...«

Als die erschreckten Gefangenen wild durcheinander rannten, brachen die Panzer durch die Tore. In ihrem Schutz folgten bis an die Zähne bewaffnete Soldaten. Die Panzerfahrer hatten keine Bedenken, Gefangene, die sich ihren Fahrzeugen in den Weg stellen wollten, einfach niederzuwalzen. »Ich stand mittendrin«, erinnert sich Ljubow Berschadskaja, »und rund um mich her wurden lebendige Menschen von Panzern überrollt.« 

Sie fuhren mitten in eine Gruppe von Frauen, die sich untergehakt hatten und sich ihnen in den Weg stellten, weil sie nicht glaubten, dass sie es wagen würden, sie zu töten. Die aber machten selbst vor Baracken nicht Halt, in denen noch Menschen schliefen. Die selbst gefertigten Granaten, Steine, Spitzhacken und andere Metallgegenstände, die die Gefangenen gegen sie schleuderten, konnten ihnen nichts anhaben. Überraschend schnell - nach dem offiziellen Bericht schon nach eineinhalb Stunden - war das Lager befriedet, waren die Gefangenen, die sich ergeben wollten, abtransportiert und der Rest mit Handschellen versehen.

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Nach den offiziellen Dokumenten starben an jenem Tag 37 Gefangene. Neun weitere erlagen später ihren Verletzungen. Man zählte io(S verwundete Häftlinge, dazu vierzig Soldaten. Alle diese Zahlen liegen allerdings wesentlich niedriger als das, was die Gefangenen berichteten. Berschadskaja, die dem Lagerarzt Julian Fuster bei der Versorgung der Verwundeten zur Hand ging, schreibt von fünfhundert Toten:

»Fuster sagte, ich solle eine weiße Kappe aufsetzen und eine Chirurgenmaske anlegen (die ich bis zum heutigen Tage aufbewahre), mich an den Operationstisch stellen und die Namen aufschreiben, die die Verwundeten noch angeben konnten. Das konnte leider fast keiner mehr. Die meisten starben unter den Händen des Arztes. Viele hatten nur noch einen Wunsch: <Schreib' meiner Mutter ... meinem Mann... meinen Kindern...>. Als es zu heiß und stickig wurde, nahm ich die Kappe ab und schaute in den Spiegel. Mein Kopf war schlohweiß. Zuerst glaubte ich, aus irgendeinem Grund müsse Puder in der Kappe gewesen sein. Ich konnte nicht begreifen, dass mein Haar in den fünfzehn Minuten, die ich inmitten dieses unglaublichen Gemetzels gestanden und alles mit angesehen hatte, völlig ergraut war.«27

Nach der Schlacht wurden alle Überlebenden, die nicht im Hospital lagen, aus dem Lager in die Taiga geführt. Soldaten mit Maschinenpistolen befahlen ihnen, sich, Gesicht nach unten, mit ausgebreiteten Armen niederzulegen. So mussten sie - wie gekreuzigt - viele Stunden lang ausharren. Mit Hilfe von Fotos, die sie von den Kundgebungen der Gefangenen gemacht hatten, und nach den Aussagen der wenigen Informanten gingen Vertreter der Lagerführung durch die Reihen und nahmen 436 Gefangene fest, darunter alle Mitglieder des Streikkomitees. Sechs wurden später erschossen, darunter Keller, Slutschenkow und Knopmus. Kusnezow, der den Behörden 48 Stunden nach seiner Festnahme ein langes schriftliches Geständnis vorlegte, wurde zum Tode verurteilt, aber nicht hingerichtet. Man verlegte ihn nach Karlag, wo er 1960 freikam. 

Weitere tausend Gefangene - fünfhundert Frauen und fünfhundert Männer - wurden wegen Unterstützung des Aufstandes angeklagt und in andere Lager gebracht, die meisten nach Oserlag und an die Kolyma. Die Mehrzahl von ihnen sah am Ende des Jahrzehnts ebenfalls die Freiheit wieder.

Während des Aufstandes ahnten die Behörden anscheinend nichts davon, dass eine andere Kraft als das offizielle Streikkomitee hinter der Aktion stand. Später ermittelte man - wahrscheinlich anhand von Kusnezows detailliertem Geständnis - Stück für Stück die Hintergründe. Fünf Mitglieder des »Zentrums« wurden identifiziert: der Litauer Kondratas, die Ukrainer Keller, Sunitschuk und Wachajew sowie ein Anführer der Kriminellen, von dem nur der Deckname »Schnurrbart« überliefert wurde. 

Es gibt sogar ein Schema, das zeigt, wie die Befehlsstränge vom »Zentrum« über das Streikkomitee bis zu den Organen für Propaganda, Verteidigung und Spionageabwehr liefen. Man erfuhr von den Brigaden, die zur Verteidigung jeder einzelnen Baracke gebildet worden waren, von dem Rundfunksender und einem provisorischen Generator.

Aber bis heute sind nicht alle Mitglieder des »Zentrums« bekannt, das den eigentlichen Mittelpunkt des Aufstandes bildete. Nach einem Bericht sind viele seiner »wahren Aktivisten« im Lager geblieben, haben ihre Strafe abgesessen und auf eine Amnestie gewartet. 

Ihre Namen sind unbekannt und werden es wohl für immer bleiben. 

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