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4  Der
Lager-Industrie-
Komplex
auf dem Zenit 

 

5 Stalins Tod 

Mit Siebzehn war'n wir voller Wissensdrang. 
Mit Zwanzig lernten wir zu sterben. 
Wir wissen, wenn man uns jetzt leben lässt, 
Muss das erst einmal gar nichts ändern.

Mit Fünfundzwanzig lernten wir
Das Leben einzutauschen
Für Dörrfisch, Feuerholz, Kartoffeln ... 

Was gab's für uns mit Vierzig noch zu lernen? 
So viele Seiten wurden umgeblättert... 
Vielleicht, dass unser Leben kurz ist? 
Doch wussten wir das nicht bereits mit Zwanzig ...?

/ Michail Frilowski, »Meine Generation« (1)

Doch unterdessen näherte sich unserem Land,
dem ganzen östlichen Europa und vor allem unseren
Sträflingsregionen mit Riesenschritten das Jahr 1949,
der Zwillingsbruder des Jahres 1937...

 

/ Jewgenia Ginsburg,  Gratwanderung  (2)

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Mit dem Ende des Krieges kamen die Siegesparaden, die tränenfeuchten Wiedersehensfeiern und die verbreitete Überzeugung, das Leben müsse und werde jetzt leichter werden. Millionen Männer und Frauen hatten für diesen Sieg schreckliche Entbehrungen auf sich genommen. Nun wollten sie besser leben. 

Auf dem Lande gingen Gerüchte um, die Kolchose würden aufgelöst. In den Städten zeigten die Menschen offen ihre Unzufriedenheit über die hohen Preise, die für die rationierten Lebensmittel verlangt wurden. Millionen Sowjetbürger - Soldaten und Zwangsarbeiter - waren mit dem in ihren Augen luxuriösen Leben im Westen in Berührung gekommen. Ihnen konnte man nicht mehr erzählen, dort sei der Arbeiter viel ärmer dran als in der Sowjetunion.(3) 

Im Frühjahr 1945 waren auch die Gefangenen voller Hoffnung. Im Januar hatten die Behörden eine weitere Generalamnestie für schwangere Frauen und solche mit Kleinkindern erklärt, und bis Juli kamen 734.785 Betroffene frei.4) Die Restriktionen der Kriegszeit wurden gelockert, und die Häftlinge durften wieder Lebensmittel und Kleidung von ihren Verwandten empfangen. Die Amnestie für Frauen - von der die politischen Gefangenen natürlich ausge­nommen waren - zeugte allerdings nicht von einem Sinneswandel, sondern ist darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Waisen bei Kriegsende enorm anschwoll.

Überall in der UdSSR häuften sich die Probleme mit heimatlosen Kindern, Rowdys und jugendlichen Verbrecherbanden. Widerwillig mussten die Behörden einräumen, dass die Mütter ein Teil der Lösung des Problems waren. 

Ebenso wenig war die Lockerung der Vorschriften für Paketsendungen in erster Linie eine freundliche Geste, sondern man wollte damit die Wirkung der Nachkriegshungersnöte lindern:. Die Lager konnten die Häftlinge nicht mehr ernähren, also sollten die Familien einspringen. In einer zentralen Direktive heißt es dazu ganz unverblümt: »Was Verpflegung und Bekleidung der Häftlinge betrifft, so sind Päckchen und Geldüberweisungen als wichtige Ergänzung zu sehen.«5) Trotzdem ließen diese Veränderungen viele hoffen, sie könnten die Vorboten einer neuen, besseren Zeit sein.

Aber es sollte anders kommen. Schon ein Jahr nach dem Sieg setzte der Kalte Krieg ein. Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki überzeugte die sowjetische Führung, dass sich die sowjetische Industrie auch weiterhin vor allem mit der Produktion von Rüstungsgütern, nicht von Kühlschränken und Kinderschuhen zu befassen hatte. 

Dabei passte das Auftauchen einer neuen Bedrohung Stalin durchaus ins Konzept. Es war genau der Vorwand, den er brauchte, um die Kontrolle über sein Volk, das dem verderblichen Einfluss der Außenwelt ausgesetzt gewesen war, wieder zu verschärfen. Daher ordnete er an, gegen alles Gerede von Demokratie »einen harten Schlag zu führen«, bevor es sich ausbreiten konnte.6) Er verstärkte und reorganisierte das NKWD, das im März 1946 in zwei Apparate aufgeteilt wurde: Das Ministerium für Innere Angelegenheiten (MWD) kontrollierte weiterhin den Gulag und die Dörfer der Verbannten, wodurch es de facto zu einem Ministerium für Zwangsarbeit wurde. Die andere, berühmter gewordene Einrichtung, das Ministerium für Staatssicherheit (MGB) - später Komitee für Staatssicherheit (KGB) -, war für die Auslandsspionage und die Spionageabwehr, die Grenztruppen und letztlich auch für die Überwachung der Regimegegner verantwortlich.7)

Statt die Repressionen nach dem Krieg zu lockern, löste die sowjetische Führung eine neue Verhaftungswelle aus, die sich wieder gegen die Armee und gegen ausgewählte nationale Minderheiten, darunter die sowjetischen Juden, richtete. Nach und nach deckte man in fast allen Großstädten des Landes gegen Stalin gerichtete jüdische »Verschwörungen« auf.8) 

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1947 wurden neue Gesetze eingeführt, die Eheschließungen und in der Praxis jegliches Verhältnis zwischen Sowjetbürgern und Ausländern verboten. Sowjetische Wissenschaftler, die mit Kollegen im Ausland Informationen austauschten, konnten strafrechtlich verfolgt werden. 1948 wurden etwa 23.000 Kolchosbauern verhaftet. Man beschuldigte sie, im Jahr zuvor nicht die obligatorische Zahl von Arbeitstagen geleistet zu haben, und verbannte sie dafür ohne jede Ermittlung oder Gerichtsprozess in entlegene Gegenden.9)

Dank dieser Neuzugänge schrumpften die Lager nach dem Krieg mitnichten, im Gegenteil: Sie expandierten weiter und erreichten Anfang der fünfziger Jahre ihre größte Ausdehnung. Nach offiziellen Angaben saßen am 1. Januar 1950 in den Lagern und Arbeitskolonien des Systems 2.561.351 Häftlinge ein. Das war eine Million mehr als 1945.10) Die Deportationen aus den baltischen Staaten, Moldawien und der Ukraine, mit denen die »Sowjetisierung« jener Völkerschaften abgeschlossen werden sollte, ließ außerdem die Zahl der Sonderumsiedler wieder stark anschwellen. Etwa zur selben Zeit löste das NKWD auch die dornige Frage der Zukunft der Verbannten ein für allemal, indem es anwies, sie alle müssten mit Kind und Kegel »auf Lebenszeit« am Verbannungsort bleiben. Anfang der fünfziger Jahre erreichte die Zahl der Verbannten etwa die der Häftlinge in den Lagern.11)

Im zweiten Halbjahr 1948 und im ersten Halbjahr 1949 mussten ehemalige Gulag-Häftlinge einen weiteren schweren Schicksalsschlag hinnehmen: Viele, die 1937/38 verhaftet worden und nach Verbüßung einer zehnjährigen Freiheitsstrafe gerade erst freigekommen waren, wurden zum zweiten Mal festgenommen und erhielten neue Urteile. Dabei ging es systematisch, gründlich und erstaunlich unblutig zu. Ermittelt wurde kaum oder nur pro forma.12 Unter den Häftlingen und Verbannten in Magadan und im Tal der Kolyma breitete sich Unruhe aus, als sie erfuhren, dass ehemalige »Politische« wieder verhaftet wurden, deren Namen mit den ersten drei Buchstaben des russischen Alphabets begannen. Das hieß, die Geheimpolizei verhaftete die Menschen in alphabetischer Reihenfolge.13 Man wusste nicht, ob man darüber lachen oder weinen sollte. Dazu Jewgenia Ginsburg: »1937 war das Böse im Gewand des Monumentalen und Tragischen aufgetreten ... Jetzt, 1949, stellte der georgische Lindwurm, gähnend vor Überdruss und Langeweile, alphabetische Listen derer auf, die vernichtet werden sollten...«14) 

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Die Betroffenen reagierten überwiegend mit Gleichmut. Ihre erste Verhaftung war ein Schock gewesen, zugleich aber auch eine heilsame Lektion: Zum ersten Mal hatten sie die Wahrheit über ihr politisches System erkennen müssen. Bei der zweiten Festnahme hatten sie das lange hinter sich. »Jetzt, 1949, wußte ich, daß Leiden nur bis zu einem gewissen Grad Läuterungskraft haben. Dauern sie jahrzehntelang, werden sie zur Alltäglichkeit, dann läutern sie nicht mehr, sondern verwandeln einen einfach in ein Stück Holz. Und wenn ich mir meine lebendige Seele in meinem <freien> Magadaner Leben noch erhalten hatte, so würde ich mich jetzt, nach der zweiten Verhaftung, unweigerlich in ein Stück Holz verwandeln«, schreibt Jewgenia Ginsburg.15) 

Als man sie holen kam, trat Olga Adamowa-Sljosberg an ihren Schrank, um zu packen. Dann aber hielt sie inne. »Warum soll ich überhaupt etwas mitnehmen? Die Kinder können die Sachen besser gebrauchen«, dachte sie. »Sicher würde ich diesmal nicht überleben. Wie sollte ich das alles noch einmal ertragen?«16) 

Die meisten Betroffenen wurden jedoch nicht ins Lager, sondern in die Verbannung geschickt, zumeist in die besonders entlegenen und dünn besiedelten Gegenden an der Kolyma, in den Gebieten Krasnojarsk und Nowosibirsk sowie in Kasachstan.17) Dort sollten die meisten öde Jahre verbringen. Von der ortsansässigen Bevölkerung als »Feinde« abgelehnt, hatten sie es schwer, einen Lebensraum und normale Arbeit zu finden. Mit einem Spion oder Saboteur wollte niemand etwas zu tun haben. 

Den Opfern war Stalins Absicht nun eindeutig klar: Niemand, der einmal wegen Spionage, Sabotage oder irgendeiner Form von politischer Gegnerschaft verurteilt war, durfte damit rechnen, jemals im Leben wieder nach Hause zurückzukehren. Selbst wer frei kam, erhielt einen »Wolfspass«, mit dem er keiner Großstadt zu nahe kommen durfte und jeder Zeit erneut verhaftet werden konnte.18) Der Gulag und das System der Verbannung, das ihn ergänzte, bedeuteten keine zeitweilige Strafe mehr. Wenn man einmal in dieses Räderwerk geriet, war das für immer.

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Und doch hatte der Krieg dauerhafte Auswirkungen auf das Lagersystem, wenn sie auch schwer zu quantifizieren sind. Zwar wurden Vorschriften und Regeln nach dem Sieg nicht liberalisiert, aber die Häftlinge hatten sich verändert, besonders die politischen.

Zunächst einmal waren sie viel mehr geworden. Die demografische Umwälzung der Kriegsjahre, die Amnestien, die die politischen Gefangenen systematisch ausklammerten, hatten ihren Anteil stark anwachsen lassen. Zum 1. Juli 1946 saßen 35 Prozent aller Gulag-Häftlinge Strafen für »konterrevolutionäre« Vergehen ab. In manchen Lagern stellten sie mehr als die Hälfte der Gefangenen.19)

Außerdem war dies — unabhängig von der Gesamtzahl, die mit den Jahren wieder absank — eine neue Generation von politischen Gefangenen. Die in den dreißiger Jahren, besonders die 1937/38 Verhafteten waren Intellektuelle, Parteimitglieder und Arbeiter gewesen. Die meisten hatten die Verhaftung als einen Schock erlebt, waren seelisch auf das Gefangenenleben und körperlich auf die Zwangsarbeit überhaupt nicht vorbereitet. In den Nachkriegsjahren aber wurden vor allem ehemalige Soldaten der Roten Armee, Offiziere der Polnischen Heimatarmee, ukrainische und baltische Partisanen oder deutsche und japanische Kriegsgefangene aus politischen Gründen inhaftiert. Diese Männer und Frauen hatten im Schützengraben gelegen, Geheimaktionen durchgeführt oder Truppen kommandiert. Ein Gefangener erinnert sich: »Sie hatten dem Tod ins Auge gesehen, waren durch das Höllenfeuer des Krieges gegangen, hatten Hunger und Schrecken erlebt. Das war eine ganz andere Generation von Häftlingen als die der Vorkriegszeit.«20) 

Als diese Häftlinge in den Lagern auftauchten, bereiteten sie den Behörden sofort Probleme. Schon 1947 konnten die Berufsverbrecher sie kaum noch bändigen. Unter den verschiedenen nationalen oder kriminellen Gruppen, die damals das Lagerleben beherrschten, tauchte ein neuer Clan auf die »Rotkäppchen«. Das waren in der Regel ehemalige Soldaten oder Partisanen, die sich zusammenschlossen, um die Herrschaft der Berufsverbrecher zu beenden und die der Lagerleitungen gleich dazu, die deren Umtriebe duldeten, ja sich darauf stützten. Die Rotkäppchen behielten ihren Einfluss bis ins nächste Jahrzehnt, obwohl man alles tat, um diese Gruppen zu zerschlagen.

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Im Winter 1954/55 erlebte Viktor Bulgakow, der damals in Inta, einem Bergwerkslager in der Region Workuta, einsaß, wie die Lagerleitung eine Gruppe politischer Gefangener zu »knacken« versuchte, indem sie sechzig Berufsverbrecher in das Lager verlegte. Diese bewaffneten sich und bereiteten einen Angriff auf die Politischen vor:

»Plötzlich hatten sie alle <kalte Waffen> [Messer], wie in einer solchen Situation nicht anders zu erwarten ... Wir erfuhren, dass sie einem älteren Häftling Geld und Sachen gestohlen hatten. Wir verlangten von ihnen, das Eigentum zurückzugeben, aber das waren sie nicht gewohnt. Also umzingelten wir gegen 2.00 Uhr morgens, als es gerade hell wurde, ihre Baracke von allen Seiten und gingen zum Angriff über. Wir schlugen so lange zu, bis sie nicht mehr hochkamen. Einer sprang aus dem Fenster... rannte zum Lagertor und brach auf der Schwelle zusammen. Bis die Wachen ankamen, war niemand mehr zu sehen ... Die Kriminellen wurden wieder aus dem Lager abgezogen.«21) 

Natürlich waren nicht immer die Kriminellen die Verlierer. Für die Lagerleitungen aber war das eine Lehre. Wenn politische Gefangene es fertig brachten, Gangster in die Flucht zu schlagen, dann konnte ihnen dasselbe blühen. 1948 ordneten die Moskauer Gulag-Chefs aus Furcht vor einer Revolte an, die »gefährlichsten« Politischen in eine Gruppe von »Sonderlagern« zu verlegen, die eigens für »Spione, Diversanten, Terroristen, Trotzkisten, Rechtsabweichler, Menschewiken, Sozialrevolutionäre, Anarchisten, Nationalisten, weißgardistische Emigranten und Mitglieder anderer antisowjetischer Organisationen« neu eingerichtet wurden. 

Im Grunde herrschte hier das Regime der Katorga, was schon äußerlich sichtbar war: Die Häftlinge trugen gestreifte Anzüge mit einer Nummer an der Mütze, auf Brust und Rücken, die Fenster waren vergittert, und die Baracken wurden nachts abgeschlossen. Den Häftlingen war nur minimaler Kontakt zur Außenwelt gestattet, was konkret höchstens ein bis zwei Briefe im Jahr bedeuten konnte. Korrespondenz durfte ohnehin nur mit den nächsten Angehörigen geführt werden. Der Arbeitstag betrug zehn Stunden bei ausschließlich schwerer körperlicher Arbeit. Die medizinische Betreuung war auf ein Minimum reduziert. In diesen Komplexen gab es keine Lager für Invaliden.22)

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Wie die Lagpunkte der Katorga, mit denen sie sich bald teilweise deckten, wurden diese Sonderlager ausschließlich in den unwirtlichsten Gegenden des Landes angelegt: bei Inta, Workuta, Norilsk und an der Kolyma — den Bergbaurevieren jenseits des Polarkreises —, außerdem in der kasachischen Wüste und in den öden Wäldern von Mordowien. Bei den meisten handelte es sich um ein Lager im Lager, denn sie wurden in der Regel bereits bestehenden Komplexen von Zwangsarbeitslagern angeschlossen. Von diesen unterschieden sie sich nur in einem: Die Gulag-Zentrale hatte ihnen mit überraschender Poesie Namen gegeben, die sich aus der Landschaft ableiteten, etwa Mineral, Berg, Eiche, Steppe, Strand, Fluss, See, Sand oder Wiese. Der Zweck war vermutlich Tarnung. Im Eichen-Lager gab es keine Eichen und beim Strand-Lager keinen Strand. Bald setzten sich die üblichen sowjetischen Abkürzungen durch — Minlag, Gorlag, Dubrawlag, Steplag et cetera. Anfang 1953 zählten die Sonderlager 210.000 Insassen.23) 

Aber durch Isolierung waren die »gefährlichsten« politischen Gefangenen nicht zu zähmen. Im Gegenteil, in den Sonderlagern waren die Politischen frei von den ständigen Reibereien mit den Kriminellen und dem mäßigenden Einfluss anderer Häftlinge. Sich selbst überlassen, verschärfte sich ihre Gegnerschaft zum System nur. Man schrieb das Jahr 1948, nicht 1937. Schließlich entstand daraus eine lange, entschlossene, bislang beispiellose Auseinandersetzung mit den Behörden.

Als die Repressalien wieder angezogen wurden, traf das nicht nur die politischen Gefangenen. Mehr denn je kam es auf den wirtschaftlichen Nutzen der Lager an, und so änderte sich auch die Haltung der Gulag-Chefs zu den Kriminellen merklich. Deren Bestechlichkeit, Faulheit und ihr herausforderndes Verhalten gegenüber dem Wachpersonal beeinträchtigte die Produktivität der Lager. Da sie außerdem die politischen Gefangenen nicht mehr unter Kontrolle halten konnten, also keine Gegenleistung mehr erbrachten, entschloss sich die Gulag-Zentrale, der Herrschaft der Kriminellen in den Lagern ein Ende zu setzen. Zwar sollten sie von den Wachen nie so feindselig und hasserfüllt behandelt werden wie die Politischen, aber der Zustand, dass ihre Chefs nicht arbeiteten, war nicht länger hinnehmbar.

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Dieser Feldzug gegen die Kriminellen wurde direkt und indirekt geführt. Zunächst wurden die gefährlichsten, zu allem entschlossenen Verbrecher von den anderen Lagerinsassen isoliert und mit höheren Strafen belegt — zehn, fünfzehn und sogar 25 Jahre Haft.24) Im Winter 1948 ordnete die Zentrale an, eine Gruppe von Lagpunkten mit verschärftem Regime für kriminelle Rückfalltäter einzurichten. Laut den Instruktionen aus Moskau durften dort nur die diszipliniertesten und »körperlich gesündesten« Wachmänner arbeiten. Die Lager wurden mit besonders hohen, verstärkten Zäunen gesichert, für das Lagerregime galten besondere Vorschriften. In kürzester Frist sollten 27 solcher Lager für insgesamt 115.000 Häftlinge errichtet werden.25) 

Leider ist über das Leben in diesen Straflagern sehr wenig bekannt. Wir wissen nicht einmal, ob in der Tat alle geplanten Vorhaben realisiert wurden. Häftlinge, die dort überlebten, schrieben sicher noch seltener Erinnerungen als Kriminelle in gewöhnlichen Lagern.

Ein strengeres Regime und längere Haftstrafen waren indes nicht die einzigen Waffen, die man gegen die Verbrecherbosse einsetzte. Überall in Mittel- und Osteuropa bestand die Stärke der Sowjetunion als Besatzungsmacht darin, dass sie die örtlichen Eliten korrumpieren und zu Kollaborateuren machen konnte, die bereit waren, ihre eigenen Leute zu unterdrücken. Dieselbe Technik wurde nun gegen die Verbrechereliten in den Lagern angewandt. Die Methode war einfach: Privilegien und Sonderbehandlung durften diejenigen Verbrecherbosse erwarten, die sich von ihren eigenen »Gesetzen« lossagten und mit der Lagerleitung kollaborierten. Sie erhielten völlig freie Hand im Umgang mit ihren Kumpanen bis hin zu Folter und Mord, und das Wachpersonal sah weg. Diese durch und durch korrupten Kriminellen wurden als suki, »Zuträger«, bezeichnet.

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Wie der Kampf der Politischen prägte auch der brutale Krieg der Kriminellen das Lagerleben der Nachkriegszeit. Zwar hatte es auch zuvor Konflikte zwischen einzelnen Gruppen gegeben, aber keiner wurde so verbissen ausgetragen und war so eindeutig provoziert: 1948 flammten solche Fehden gleichzeitig an verschiedenen Stellen im Lagersystem auf, an der Einmischung der Behörden konnte daher kein Zweifel bestehen.26 Sehr viele haben in ihren Erinnerungen Einzelheiten dieser Kämpfe geschildert, wenn sie auch meist selbst nicht daran beteiligt waren. Sie erlebten sie entweder als entsetzte Zuschauer, manchmal auch als Opfer. Anatoli Schigulin berichtet:

»Zuträger und Berufsverbrecher lieferten sich einen Kampf auf Leben und Tod. Wenn Kriminelle in einen von den Zuträgern kontrollierten Lagpunkt gerieten und sich nicht gleich in der Strafbaracke verkriechen konnten, wurden sie häufig vor die Wahl gestellt, selbst Zuträger zu werden oder zu sterben. Wenn dagegen eine große Gruppe Berufsverbrecher in einem Lagpunkt eintraf, verkrochen sich die Zuträger in der Strafbaracke, weil das Blatt sich wendete ... Bei jedem Machtwechsel floss viel Blut.«27) 

Und so sah es nach einer dieser Schlachten aus:

»Nach eineinhalb Stunden wurden die <Diebe> aus unserer Gruppe zurückgebracht und auf den Barackenboden geworfen. Sie waren nicht wiederzuerkennen. Ihre feschen Sachen hatte man ihnen vom Leibe gerissen und sie in gewöhnliche Lagerlumpen gesteckt. Statt guter Schuhe trugen sie jetzt irgendetwas an den Füßen. Offenbar hatte man sie gnadenlos verprügelt. Einigen fehlten Zähne. Einer konnte seinen Arm nicht mehr heben: Er war mit einer Eisenstange gebrochen worden.«28) 

Auch nichtkriminelle Häftlinge wurden in diese Auseinandersetzungen hineingezogen, zumal, wenn die Lagerkommandanten den Zuträgern wenige Schranken setzten. Dazu noch einmal Schigulin:

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»Ich bin weit davon entfernt, die Berufsverbrecher und ihre Verhaltensregeln zu romantisieren, wie es bei ihnen üblich ist. Aber die Zuträger in den Gefängnissen und Lagern waren für den normalen Häftling das Schlimmste. Als Vorarbeiter und Brigadiere waren sie treue Diener der Gefängnis­direktoren und Lagerkommandanten. Gegenüber den Häftlingen wüteten sie wie Tiere, nahmen ihnen alle Habseligkeiten, jedes bessere Kleidungsstück ab. Sie waren nicht nur Informanten. Auf Weisung von oben mordeten sie auch. Lager, in denen die Zuträger herrschten, waren für normale Gefangene die Hölle.«

Aber man lebte in der Nachkriegszeit, und die Politischen waren derartigen Machenschaften nicht mehr schutzlos, ausgeliefert. In Schigulins Lager gelang es einer Gruppe ehemaliger Rotarmisten, zunächst das Gefolge des verhassten Anführers der Zuträger zusammenzuschlagen und dann ihm selbst mit Hilfe einer Kreissäge den Garaus zu machen. Als der Rest der Truppe sich in einer Baracke verbarrikadierte, schickten die Politischen ihnen eine Botschaft: Wenn ihr den zweiten Mann enthauptet und uns seinen Kopf durch das Fenster zeigt, dann bleibt der Rest am Leben. Und sie taten es wirklich.29

Der offene Krieg tobte so heftig, dass es schließlich selbst den Behörden zu viel wurde. 1954 regte das Innenministerium an, »getrennte Lager für Rückfalltäter besonderer Arte einzurichten, um die »sichere Unterbringung von Häftlingen« zu gewährleisten, die von anderen bedroht seien. Die »Trennung feindseliger Gruppen voneinander« war die einzige Möglichkeit, um noch schlimmeres Blutvergießen zu verhüten. Der Krieg war begonnen worden, weil die Behörden die Kriminellen unter Kontrolle bringen wollten. Der Krieg wurde gestoppt, weil die Behörden die Kontrolle verloren hatten.30

Anfang der fünfziger Jahre steckten die Herren des Gulags in einer Zwickmühle. Sie hatten die Herrschaft der Kriminellen beenden wollen, um die Produktion zu steigern und ein reibungsloses Funktionieren der Lagerwirtschaft zu erzwingen. Sie hatten die Konterrevolutionäre isolieren wollen, damit diese andere Häftlinge nicht mit ihren gefährlichen Ideen ansteckten. Da sie dies jedoch ausschließlich durch verschärfte Repressalien zu erreichen suchten, machten sie alles nur noch schlimmer. Die Revolte der Politischen und die Kämpfe der Kriminellen läuteten eine neue, noch dramatischere Krise ein: Auch die Behörden konnten nicht mehr die Augen davor verschließen, dass die Lager verschwenderisch, korrupt und unprofitabel, kurz, ein aufwändiges Verlustgeschäft waren.

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Genauer gesagt: Diese Erkenntnis dämmerte allen außer Stalin. Seine Fixierung auf Repression und unbedingte Überzeugung vom wirtschaftlichen Nutzen der Zwangsarbeit griffen so nahtlos ineinander, dass es für die Zeitgenossen schwer zu beurteilen war, ob er die Verhaftungsmaschine wieder anwarf, weil er noch mehr Lager einrichten wollte, oder noch mehr Lager baute, um der steigenden Zahl von Häftlingen Herr zu werden.31) Die ganzen vierziger Jahre hindurch bestand Stalin darauf, dem Innenministerium immer mehr wirtschaftliche Vollmachten zu übertragen. 1952, im Jahr vor Stalins Tod, gebot es bereits über neun Prozent der staatlichen Investitionen. Kein anderes sowjetisches Ministerium hatte so viele Mittel zur Verfügung. Der Fünfjahresplan für die Jahre 1951 bis 1955 sah noch eine Verdopplung dieser Investitionen vor.32) 

Noch einmal startete Stalin eine ganze Reihe spektakulärer Bauvorhaben, die an die Gulag-Projekte der dreißiger Jahre erinnerten. Aufsein persönliches Drängen hin baute das MWD eine neue Asbestfabrik. Ein Projekt dieser Art erforderte ein hohes Maß an technischem Fachwissen, was noch nie zu den Stärken des Gulags gezählt hatte. Er setzte sich persönlich für den Bau einer weiteren Eisenbahnlinie durch die Tundra von Salechard nach Igarka ein, die als die »Todesstrecke« bekannt wurde.33 Ende der vierziger Jahre begannen außerdem die Bauarbeiten am Wolga-Don-, am Wolga-Ostsee- und am großen Turkmenischen Kanal sowie an den Staudämmen von Stalingrad und Kuibyschew. Letzterer war damals der größte der Welt. 1950 nahm man den Bau eines Tunnels und einer Eisenbahnverbindung zur Insel Sachalin in Angriff, wofür man Zehntausende Gefangene einsetzen wollte.34

Diesmal stimmte allerdings kein Gorki Lobeshymnen auf Stalins neue Großbauten an. Im Gegenteil: Die Projekte galten weithin als grandiose Verschwendung. Zwar äußerte zu Stalins Lebzeiten niemand offene Einwände, aber nur wenige Tage nach seinem Tod wurden die »Todesstrecke«, der Tunnel nach Sachalin und andere eingestellt. Aus den Akten des Gulags geht hervor, dass man dort durchaus wusste, wie sinnlos dieser maßlose Einsatz menschlicher Arbeitskraft war. 

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Bei einer Inspektion im Jahre 1951 stellte sich heraus, dass 83 Kilometer der Eisenbahnstrecke im Hohen Norden, die man mit so enormem Aufwand gebaut und die so viele Menschenleben gekostet hatte, drei Jahre lang überhaupt nicht benutzt wurden. Auf weiteren 370 Kilometern einer ähnlich aufwändigen Straße war achtzehn Monate lang kein Fahrzeug gesichtet worden.35

Eine weitere Inspektion, die 1953 auf Weisung des Zentralkomitees vorgenommen wurde, ergab, dass die Unterhaltskosten der Lager den Ertrag aus der Arbeit der Gefangenen weit überstiegen. 1952 hatte der Staat den Gulag mit 2,3 Milliarden Rubel subventioniert, das waren mehr als sechzehn Prozent der Gesamtausgaben des Staatshaushalts.36

Der Gulag-Zentrale in Moskau waren auch die Unzufriedenheit und Unruhe, die in den Lagern um sich griffen, wohlbekannt. 1951 wuchsen sich Arbeitsniederlegungen von kriminellen und politischen Häftlingen zu einer wahren Krise aus: Das Innenministerium berechnete, dass allein dadurch über eine Million Arbeitstage verloren gingen. 1952 verdoppelte sich diese Zahl. Laut der gulageigenen Statistik hatten in jenem Jahr 32 Prozent der Häftlinge ihre Arbeitsnorm nicht erfüllt.37 Die Liste großer Streiks und Protestaktionen in den Jahren 1950 bis 1952, die die Behörden selbst führten, ist erstaunlich lang.38

Die Lage wurde so schlimm, dass der Kommandant von Norilsk, Swerew, im Januar 1952 an General Iwan Dolgich, damals oberster Chef des Gulags, einen Brief sandte, in dem er die Maßnahmen auflistete, die er zur Unterdrückung der Revolten ergriffen hatte. Er schlug vor, große Produktionsbereiche zu schließen, wo die Gefangenen nicht ausreichend überwacht werden konnten, das Wachpersonal zu verdoppeln (was er als schwer zu verwirklichen zugestand) und die einzelnen Häftlingsgruppen voneinander zu trennen. »Da jedoch zahlreiche Häftlinge aktiv an der einen oder anderen Gruppe beteiligt sind«, erklärte Swerew, »können wir nur ihre Anführer isolieren.« Außerdem wäre es wünschenswert, die freien Arbeiter an den Arbeitsplätzen von den Gefangenen zu trennen, besser noch: 15.000 Gefangene ganz freizulassen, da sie als freie Arbeiter bessere Ergebnisse erzielen würden. Damit aber wurde im Grunde der ganze Sinn der Zwangsarbeit in Frage gestellt.39)

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Weiter oben in der sowjetischen Hierarchie gab es Zustimmung. »Jetzt brauchen wir erstklassige Technik«, räumte der damalige Innenminister Kruglow ein, nachdem die drittklassige Technik des Gulags sich als unzureichend herausgestellt hatte. Auf einer Tagung des Zentralkomitees vom 25. August 1949 wurde gar ein Brief erörtert, den ein gebildeter Gefangener namens Schdanow geschickt hatte. »Das wichtigste Defizit des Lagersystems besteht darin, dass es auf Zwangsarbeit beruht«, schrieb dieser. »Die reale Produktivität der Arbeit von Gefangenen ist äußerst niedrig. Unter anderen Arbeitsbedingungen könnte man mit halb so viel Menschen das Doppelte schaffen.«40

Kruglow beantwortete diesen Brief mit dem Versprechen, die Produktivität der Häftlinge zu steigern, indem man für gute Arbeitsleistungen wieder Löhne und Haftverkürzung einführte. Niemand erwähnte dabei, dass Stalin selbst diese beiden Arten von Anreizen Ende der dreißiger Jahre abgeschafft hatte, weil sie angeblich die Rentabilität der Lager beeinträchtigten.

Das war auch nicht von Bedeutung, denn die Veränderungen zeigten ohnehin kaum Wirkung. Nur ein sehr geringer Teil der aufgewandten Mittel kam überhaupt bei den Gefangenen an. Eine Untersuchung nach Stalins Tod brachte an den Tag, dass der Gulag und andere Institutionen 126 Millionen Rubel von den persönlichen Konten der Gefangenen abgezweigt hatten.41 Aber selbst die geringen Beträge, die die Häftlinge tatsächlich erhielten, trugen eher noch mehr Unruhe in die Lager. Vielerorts führten die Verbrecherbosse Schutzgeldsysteme ein, mit denen sie die Häftlinge für das »Privileg« zahlen ließen, nicht geschlagen oder gar ermordet zu werden.42 Mit dem Geld kam Wodka und schließlich sogar Rauschgift in die Lager.43

Die Aussicht auf Haftverkürzung für bessere Arbeit hat den Eifer der Häftlinge vielleicht etwas mehr angestachelt. Das Innenministerium unterstützte diese Politik nachdrücklich und schlug 1952 sogar selbst vor, aus den Lagern bei den größten Unternehmen im Hohen Norden, den Kohlebergwerken von Workuta und Inta sowie der Ölraffinerie von Uchta, großen Gruppen von Gefangenen die Haft zu erlassen und sie als freie Arbeiter anzustellen. Selbst die Direktoren dieser MWD-Unternehmen hatten es also lieber mit normalen Beschäftigten als mit Häftlingen zu tun.44

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So groß war inzwischen die Sorge um die Wirtschaftlichkeit der Lager, dass Beria im Herbst 1950 Kruglow anwies, den Gulag persönlich in Augenschein zu nehmen und sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen. In seinem Bericht behauptete dieser später, die vom MWD eingesetzten Häftlinge seien ebenso produktiv wie freie Arbeiter. Dabei musste er allerdings einräumen, dass die Kosten für ihren Unterhalt — Verpflegung, Kleidung, Unterbringung und vor allem das Wachpersonal, das in immer größerer Zahl gebraucht wurde — den Lohn freier Arbeiter weit überstiegen.45

Mit anderen Worten: Die Lager waren unrentabel, was inzwischen viele wussten. Doch solange Stalin lebte, wagte niemand, etwas zu unternehmen, nicht einmal Beria. Das kann nicht überraschen. In den Jahren 1950 bis 1952 scheint es besonders gefährlich gewesen zu sein, dem Diktator zu erklären, seine Projekte seien wirtschaftliche Fehlschläge. Stalin siechte zwar dahin, wurde aber nicht milder, sondern paranoider. Überall witterte er Feinde und Verschwörer. Im Juni 1951 befahl er ganz unerwartet, Abwehrchef Abakumow zu verhaften. Im Herbst diktierte er, ohne sich vorher mit jemandem zu beraten, den Wortlaut eines Beschlusses des Zentralkomitees über eine »nationalistische Verschwörung der Mingrelier«, einer kleinen Völkerschaft in Georgien, deren prominentester Vertreter kein Geringerer als Beria war. In jenem Jahr rollte eine Welle von Absetzungen, Verhaftungen und Hinrichtungen über die kommunistische Elite Georgiens hinweg, der zahlreiche enge Vertraute und Schützlinge Berias zum Opfer fielen. Das eigentliche Ziel dieser Säuberung war er.46

Er sollte nicht die einzige Zielscheibe von Stalins finalem Wahnsinn bleiben. Eine weitere ethnische Gruppe stand auf Stalins Liste. 1952 erklärte er vor einem Parteigremium: »Jeder Jude ist ein Nationalist und ein Agent des amerikanischen Geheimdienstes.« Am 13. Januar 1953 deckte die »Prawda«, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei, angeblich eine Ärzteverschwörung auf: »Eine Terrorgruppe von Ärzten«, hieß es dort, »hat sich zum Ziel gesetzt, das Leben aktiver Vertreter der sowjetischen Öffentlichkeit durch falsche medizinische Behandlung zu verkürzen.«

Sechs der neun »Terrorärzte« waren Juden. Allen wurden Verbindungen zum Jüdischen Antifaschistischen Komitee vorgeworfen, dessen Führung aus der Kriegszeit — allesamt prominente jüdische Schriftsteller und Intellektuelle — wenige Monate zuvor wegen »Kosmopolitismus« verurteilt worden war.47

Kaum zehn Jahre zuvor waren Hunderttausende sowjetische Juden im Westteil des Landes von Hitler ermordet worden. Hunderttausende weitere hatten sich aus Polen in die Sowjetunion geflüchtet, um dort vor den National­sozialisten Schutz zu suchen. Und jetzt verwendete Stalin seine letzten Lebensmonate darauf, im Zuge der »Ärzteverschwörung« Serien von Schauprozessen, Massenhinrichtungen und Deportationen zu planen. Möglicherweise hatte er sogar vor, alle Juden aus den sowjetischen Großstädten nach Zentralasien und Sibirien zu deportieren.(48)

Wieder wurde das Land von Furcht und Schrecken erfasst. Eingeschüchterte jüdische Intellektuelle unterschrieben eine Erklärung, in der sie die Ärzte verurteilten. Hunderte weitere jüdische Ärzte wurden verhaftet. Andere verloren ihre Arbeit, da eine Welle hasserfüllten Antisemitismus durch das Land rollte.

Aber als man bereits Zehntausende neue Häftlinge im Gefolge der Ärzteverschwörung in Lagern und Verbannung erwartete, als sich die Schlinge um Beria und dessen Gefolgsleute immer weiter zuzog, als der Gulag in einer ausweglosen wirtschaftlichen Krise zu versinken drohte, starb Stalin.

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498-499


5 Stalins
Tod 

In den letzten zwölf Stunden war es bereits klar, daß sich der Sauerstoffmangel vergrößerte. Das Antlitz verfärbte sich, die Gesichtszüge entstellten sich bis zur Unkenntlichkeit, die Lippen wurden schwarz. In den letzten zwei Stunden erstickte er einfach. Die Agonie war entsetzlich, sie erwürgte ihn vor aller Augen. In einem dieser Augenblicke ... offenbar in der letzten Minute öffnete er plötzlich die Augen und ließ seinen Blick über alle Umstehenden schweifen. Es war ein furchtbarer Blick, halb wahnsinnig, halb zornig, voll Entsetzen vor dem Tode ...

Stalins letzte Augenblicke, beschrieben von seiner Tochter Swetlana (1) 

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501-508

Während viele sowjetische Gefangene in den dreißiger Jahren noch glaubten, der Gulag sei ein großer Fehler, ein gigantischer Irrtum, der dem freundlichen Blick des Genossen Stalin irgendwie entgangen sein musste, hegte in den fünfziger Jahren kaum jemand noch solche Illusionen. Die meisten hatten dazu eine klare Meinung, erinnert sich ein Lagerarzt: »Die große Mehrheit wusste und begriff, wie dieser Mann beschaffen war: ein Tyrann, der ein großes Land im Würgegriff hielt. Das Schicksal jedes Gefangenen war irgendwie mit Stalins Schicksal verknüpft.« 2) 

In Stalins letzten Lebensjahren hofften und beteten die politischen Gefangenen, er möge bald das Zeitliche segnen. Darüber wurde ständig gesprochen, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, damit die Informanten nichts mitbekamen. Selbst als Stalin krank wurde, war man noch vorsichtig. Als Maja Uljanowskaja die Nachricht von Stalins letzter Erkrankung von einer Frau hörte, die ihr als Informantin bekannt war, überlegte sie sich ihre Antwort genau: »So? Jeder kann krank werden. Er hat gute Ärzte, die werden ihn schon kurieren.« 3) 

Selbst als am 5. März 1953 schließlich Stalins Tod bekannt gegeben wurde, reagierten einige immer noch mit Bedacht. In Mordowien behielten politische Gefangene aus Angst vor zusätzlichen Strafen für sich, wie sehr sie innerlich jubelten.4) An der Kolyma, so schreibt Jewgenia Ginsburg, »gab es Frauen, die den Entschlafenen lauthals und mit Inbrunst beklagten«. 5) 

In einem Lagpunkt bei Norilsk versammelten sich die Häftlinge auf dem Hof und hörten mit ernster Miene, wie die Nachricht vom Tode des »große[n] Führer[s] des Sowjetvolkes und der ganzen freien Menschheit« verlesen wurde. Es folgte eine lange Pause. Dann hob ein Häftling die Hand: »Bürger Kommandant, ich habe auf meinem Konto etwas Geld, das mir meine Frau geschickt hat und das ich ohnehin nicht verwenden kann. Ich würde gern einen Blumenkranz für den geliebten Führer spenden, geht das?« 6) 

Andere frohlockten ganz unverhüllt. Im Steplag gab es wildes Freudengeheul. In Wjatlag warfen Häftlinge ihre Mützen in die Luft und riefen: »Hurra!«7) Aber ob die Gefangenen ihre Gefühle nun zeigten oder nicht, die meisten waren überzeugt, nun werde alles anders werden. Als Olga Adamowa-Sljosberg in der Verbannung in Karaganda die Nachricht erfuhr, begann sie zu zittern und bedeckte das Gesicht mit den Händen, damit ihre misstrauischen Kolleginnen ihre Freude nicht bemerkten. »Jetzt oder nie. Es muss sich alles ändern. Jetzt oder nie.« 8) 

In einem Lagpunkt bei Workuta hörte Bernhard Roeder die Meldung über das Lagerradio, während er seine Schubkarre belud:

»Schnelle Blicke vom einen zum anderen, Haß, im Triumph aufleuchtend, leise geflüsterte Worte, erregte Bewegungen, und schon war die Halle leer. Alle eilten, den Kameraden die Nachricht zu bringen ... An diesem Tage blieb die Arbeit in Workuta liegen. Alle standen in Gruppen zusammen und redeten aufgeregt durcheinander ... Wir hörten die Posten auf den Wachtürmen erregt miteinander telefonieren und bald darauf die ersten Betrunkenen lärmen.« 9)

Unter dem Lagerpersonal war die Verwirrung groß. Olga Wassiljewa, die damals bei der Gulag-Zentrale in Moskau arbeitete, erinnert sich, dass sie ihre Tränen nicht verbarg: »Ich weinte, und fast alle anderen auch — Frauen und Männer ließen ihren Tränen freien Lauf...«10) Wie Millionen ihrer Landsleute weinten die Beschäftigten des Gulags nicht allein um ihren toten Führer, sondern auch aus Sorge um sich selbst und ihre weitere Laufbahn. Chruschtschow schrieb später darüber: »Ich weinte nicht nur um Stalin. Ich machte mir schreckliche Sorgen um die Zukunft der Partei und die Zukunft des Landes. Ich ahnte bereits, daß Beria anfangen würde, jeden herumzukommandieren, und daß dies der Anfang vom Ende sein konnte.«11)

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Mit dem »Ende« meinte er natürlich das Ende für sich selbst. Stalins Tod musste zu neuem Blutvergießen führen.

Wie Chruschtschow befürchtete, riss Beria, der im Angesicht des toten Stalin seine Freude kaum verbergen konnte, in der Tat die Macht an sich und begann mit erstaunlichem Tempo Veränderungen einzuleiten. Am 6. März — Stalin war noch nicht unter der Erde — kündigte er eine Umstrukturierung seiner Geheimpolizei an. Er wies deren Chef an, die Verantwortung für den Gulag an den Justizminister abzugeben. Nur die Sonderlager für die politischen Gefangenen sollten in der Hand des Innenministeriums bleiben. Viele Gulag-Unternehmen wurden nun anderen Ministerien — für Forstwirtschaft, für Bergbau oder für Verarbeitungsindustrie — unterstellt.12) Am 12. März ließ Beria außerdem über zwanzig Vorzeigeprojekte des Gulags mit der Begründung einstellen, sie entsprächen nicht »den Erfordernissen der Volkswirtschaft«.

Zwei Wochen später legte Beria in einer Denkschrift an das Präsidium des Zentralkomitees den Zustand der Arbeitslager mit erstaunlicher Offenheit dar. Von den 2.526.402 Insassen seien nur 221.435 wirklich »gefährliche Staatsverbrecher«. Von den Übrigen könne man viele freilassen:

»Unter den Häftlingen sind 438.788 Frauen. 6286 von ihnen sind schwanger, 35.505 haben Kinder bis zu zwei Jahren bei sich, viele haben Kinder unter zehn Jahren, die bei Verwandten oder in Kinderheimen aufwachsen. 
Unter den Häftlingen sind 238.000 Männer und Frauen älter als fünfzig Jahre. 31.180 sind Jugendliche unter achtzehn Jahren, in der Hauptsache wegen Kleindiebstählen oder Rowdytum verurteilt. Etwa 198.000 Insassen leiden an schweren, unheilbaren Krankheiten und sind vollkommen arbeitsunfähig. 
Es ist bekannt, dass zu Lagerhaft Verurteilte ... ihre Verwandten und Angehörigen in einer außerordentlich schwierigen Situation zurücklassen. Häufig brechen Familien auseinander, was sich auf ihr ganzes weiteres Leben negativ auswirkt.«13) 

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Mit dieser human klingenden Begründung schlug Beria eine Amnestie für alle Gefangenen mit Strafen unter fünf Jahren, schwangere Frauen, Frauen mit kleinen Kindern und Jugendliche unter achtzehn Jahren vor, insgesamt eine Million Menschen. Sie wurde am 27. März 15.153 ausgesprochen. Unmittelbar darauf begannen die Entlassungen.14) 

Eine Woche später, am 4. April, ließ Beria auch die Ermittlungen im Fall der Ärzteverschwörung einstellen. Das war die erste Veränderung, die auch von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. »Personen, denen unkorrekte Ermittlungsführung vorgeworfen wird«, konnte man in der »Prawda« lesen, »sind festgenommen worden und werden strafrechtlich zur Verantwortung gezogen.«15)

Die Botschaft war klar: Die Stalinsche Justiz hatte sich geirrt. Insgeheim nahm Beria weitere Veränderungen vor. Er verbot allen Angehörigen der Geheim­polizei, gegen Verhaftete Gewalt anzuwenden. Damit war die Folter abgeschafft.16 Er bemühte sich um eine Liberalisierung gegenüber der Westukraine, den baltischen Staaten und selbst Ostdeutschland. Der Kurs der Sowjetisierung und Russifizierung, den im Fall der Ukraine Chruschtschow selbst eingeleitet hatte, sollte rückgängig gemacht werden.17 Was den Gulag betraf, so legte er am 16. Juni alle Karten auf den Tisch. Ganz offen erklärte er seine Absicht, »das bestehende System der Zwangsarbeit wegen seiner wirtschaftlichen Ineffizienz und Perspektivlosigkeit zu liquidieren«.18) 

Berias Motive für diese raschen Veränderungen sind bis heute ein Rätsel. Manche haben versucht, ihn als heimlichen Liberalen hinzustellen, der unter Stalins Regime geschmachtet und sich nach Reformen verzehrt habe. Seine Genossen vermuteten, er wolle der Geheimpolizei auf Kosten der Partei noch mehr Macht zuschanzen. Wenn das Innenministerium die schwere, kostspielige Bürde der Lager loswerde, konnte das die Institution nur stärken. Vielleicht wollte Beria sich auch nur in der Öffentlichkeit und bei den vielen ehemaligen Angehörigen seiner Behörde beliebt machen, die nun aus den abgelegenen Lagern zurückkamen. 

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Was immer die wahren Gründe gewesen sein mögen: Beria ging zu schnell vor. Seine Reformvorschläge verunsicherten und verwirrten die anderen Mitglieder der Führung. Chruschtschow, den Beria stark unterschätzte, war am tiefsten erschüttert; möglicherweise hatte er bei den Ermittlungen zum Fall der Ärzte persönlich die Hand im Spiel oder sorgte sich um das Schicksal der Ukraine. Ganz gewiss fürchtete er, früher oder später selber auf der Liste von Berias Gegnern zu stehen. Durch intensive Flüsterpropaganda gelang es ihm, die anderen Führungsmitglieder nach und nach gegen Beria einzunehmen. Ende Juni hatte er sie alle auf seiner Seite. Während einer Tagung des Politbüros ließ er das Gebäude von ihm ergebenen Truppen umstellen. Die Überraschung gelang. Schockiert, zitternd und stammelnd ließ sich der zweitmächtigste Mann der Sowjetunion verhaften und ins Gefängnis werfen.

Die wenigen Monate, die ihm noch blieben, sollte Beria hinter Schloss und Riegel verbringen. Wie Jagoda und Jeschow vor ihm schrieb er Briefe, in denen er um Gnade flehte. Sein Prozess fand im Dezember statt. Ob er erst damals oder schon früher hingerichtet wurde, ist unklar. Ende 1953 war er jedenfalls nicht mehr am Leben.(19) 

Die Führung der Sowjetunion rückte von einigen Initiativen Berias so schnell wieder ab, wie er sie umgesetzt hatte. Doch weder Chruschtschow noch ein anderer hauchte den großen Bauprojekten des Gulags wieder Leben ein. Auch Berias Amnestie wurde nicht zurückgenommen. Die Entlassungen gingen weiter, was beweist, dass nicht nur der in Ungnade gefallene Beria Zweifel an der Effizienz des Lagersystems hatte. Die neue sowjetische Führung wusste genau, dass die Lager eine Belastung für die Wirtschaft waren, wie sie auch wusste, dass Millionen Gefangene völlig schuldlos darin saßen. Die Uhr tickte: Die Zeit des Gulags lief ab.

Chefs und Wachmannschaften der Lager wussten die Zeichen aus Moskau zu deuten und stellten sich auf die neue Situation ein. Nachdem sie den ersten Schock überwunden hatten, änderten viele Kommandanten ihr Verhalten gleichsam über Nacht. Sie lockerten die Regeln, noch bevor sie den Befehl dazu erhielten. 

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In Alexander Dolguns Lagpunkt an der Kolyma gab einer der Kommandanten Häftlingen plötzlich wieder die Hand und nannte sie »Genosse«, und das zu einem Zeitpunkt, als zwar Stalins Krankheit bekannt wurde, von seinem Tod offiziell aber noch keine Rede war.20 »Das Lagerregime lockerte sich, wurde humaner«, erinnert sich ein Gefangener.21 Häftlinge, die sich weigerten, besonders anstrengende, unangenehme oder als ungerecht empfundene Arbeit zu übernehmen, wurden nicht mehr bestraft, ebenso wenig Gefangene, die Arbeit an Sonntagen ablehnten.22 Selbst spontane Proteste blieben ohne Folgen, wie sich Barbara Armonas erinnert:

»Irgendwie veränderte dieses Amnestie die Disziplin im Lager von Grund auf... Eines Tages kamen wir völlig durchweicht im Regensturm von den Feldern heim. Die Verwaltung schickte uns ins Bad und ließ uns nicht erst auf unsere Zimmer gehen. Das gefiel uns nicht, denn wir wollten unsere nasse Kleidung gegen trockene Sachen wechseln. Die langen Gefangenenkolonnen protestierten mit Geheul und beleidigenden Rufen und nannten die Verwaltungsbeamten Faschisten und Tschekisten. Dann weigerten wir uns kurzerhand, weiterzugehen. Überredungskünste und Drohungen blieben erfolglos. Nach einer Stunde gab die Verwaltung nach, und wir gingen auf die Zimmer, um trockene Kleidung zu holen.«23)

Auch in den Gefängnissen änderte sich einiges. In den Monaten nach Stalins Tod saß Susanna Petschora in einer Einzelzelle und musste zum zweiten Mal eine komplette Ermittlung über sich ergehen lassen. Als jüdische »Konter­revolutionärin« war sie im Zusammenhang mit der Ärzteverschwörung aus ihrem Lager nach Moskau beordert worden. Dann wurden die Ermittlungen plötzlich eingestellt. Ihr Vernehmungsoffizier ließ sie rufen. »Sie wissen, dass ich Ihnen nichts getan, Sie nicht geschlagen oder anderweitig angegriffen habe«, erklärte er. Er schickte sie in eine Gemeinschaftszelle, wo sie die Frauen zum ersten Mal von Stalins Tod sprechen hörte. »Was ist passiert?«, fragte sie. Ihre Mitgefangenen verstummten. Da jeder wusste, dass Stalin gestorben war, glaubten sie, sie sei eine Informantin, die sie aushorchen wollte. Sie brauchte einen ganzen Tag, um die anderen davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich nichts wusste. Danach änderten sich die Dinge dramatisch:

»Die Wachen hatten plötzlich Angst vor uns. Wir taten, was wir wollten, schrien beim Spaziergang, hielten Reden, stiegen durch die Fenster. Wir standen nicht mehr auf, wenn sie in die Zelle kamen und uns befehlen wollten, am Tage nicht auf dem Bett zu liegen. Ein halbes Jahr zuvor hätte man uns dafür erschossen.«24)

Nicht alles änderte sich. Auch Leonid Trus wurde im März 1953 verhört. Stalins Tod scheint ihn zwar vor der Hinrichtung bewahrt zu haben, aber man verurteilte ihn trotz allem zu 25 Jahren Haft. Einer seiner Zellengenossen erhielt zehn Jahre dafür, dass er sich taktlos über Stalins Tod geäußert hatte.25 Es wurden auch bei weitem nicht alle freigelassen. Die Amnestie war auf die sehr jungen und sehr alten Häftlinge, auf Frauen mit Kindern und Gefangene mit Haftstrafen unter fünf Jahren beschränkt. Letzteres traf in der Regel auf Kriminelle oder politische Häftlinge mit sehr zweifelhaften Beschuldigungen zu. Über eine Million Gefangene blieben in den Lagern, darunter Hunderttausende politische mit langen Haftstrafen.

Mancherorts wurden die zu Entlassenden mit Geschenken und Aufmerksamkeiten überhäuft. Man bat sie, Briefe an Angehörige und Freunde mitzunehmen.26 Ebenso häufig kam es aber auch zu heftigem Streit oder gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Gefangenen, deren Entlassung bevorstand, und solchen, die im Lager bleiben mussten. In einem Lager schlug eine Bande weiblicher Gefangener mit langen Strafen aus purer Bosheit eine Frau zusammen, die nur zu wenigen Jahren verurteilt war.27 Manch langjähriger Häftling verlangte von seinem Lagerarzt ein Attest für »Invalidität«, um eine vorzeitige Entlassung zu erwirken. Ärzte, die das ablehnten, wurden bedroht oder geschlagen.

Eine Gruppe von Häftlingen beherrschten allerdings ganz andere Empfindungen. Die Insassen der »Sonderlager« verbüßten in der überwiegenden Mehrzahl Strafen zwischen zehn und 25 Jahren und hatten somit keinerlei Hoffnung, unter Berias Amnestie zu fallen. Für sie änderte sich in den Monaten nach Stalins Tod nur wenig.28

Anlass für Rebellion gab es also genug. 1953 waren die Insassen der Sonderlager bereits seit fünf Jahren von kriminellen und »gewöhnlichen« Häftlingen getrennt. Sich allein überlassen, hatten sie Widerstandsstrukturen organisiert, die bislang im Gulag ihresgleichen suchten. Seit langem planten und organisierten sie Erhebungen. Allein die Hoffnung, Stalins Tod könnte ihnen die Freiheit bringen, hatte sie noch zurückgehalten. Doch als sich nichts änderte und alle Hoffnung schwand, war da nur noch Zorn. 

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