|
2 Die
|
Weiden sind überall Weiden
Weide von
Alma-Ata, wie schön bist du, |
Berge sind überall Berge
Tienschan, vor meinen Augen
Wenn ich
dich je vergesse, |
ALEXANDER WAT, |
447-483
Von Anfang an hat es im Gulag stets eine beträchtliche Zahl ausländischer Häftlinge gegeben. Zum großen Teil waren dies Kommunisten aus westlichen Ländern, Funktionäre und Mitarbeiter der Komintern, dazu eine Hand voll britische oder französische Ehefrauen von Sowjetbürgern und auch der eine oder andere verirrte ausländische Geschäftsmann. Die Ausländer wurden als rare Kuriositäten behandelt, obwohl die Kommunisten unter ihnen es wegen ihrer Herkunft und bereits längeren Erfahrungen mit dem Leben in der Sowjetunion nicht allzu schwer hatten, sich den anderen Häftlingen anzupassen. Dazu Lew Rasgon:
»Das waren alles <Unsere>, denn sie waren hier geboren oder aufgewachsen, zumindest aber aus freiem Willen gekommen. Selbst wenn sie nur schlecht oder gar nicht Russisch sprachen, gehörten sie doch zu uns. Und im Schmelztiegel des Lagers verwischten sich rasch alle Unterschiede. Diejenigen, die das erste oder zweite Jahr überlebten, waren danach nur noch an ihrem schlechten Russisch zu erkennen.«2
Ganz anders die Ausländer, die nach 1939 in die Lager kamen. Diese Polen, Balten, Ukrainer, Belorussen und Moldauer hatte das NKWD nach der sowjetischen Invasion ohne Vorwarnung aus ihrer Bürger- oder Bauernwelt des multiethnischen Ostpolens, Bessarabiens und Baltikums gerissen und massenhaft in den Gulag oder die Dörfer der Verbannten gepfercht. Im Unterschied zu »unseren« Ausländern heißen sie bei Rasgon nur die »Fremden«.3
Sofort nach der sowjetischen Invasion in Ostpolen im September 1939 begannen dort die Verhaftungen. Kurz darauf waren Rumänien und die baltischen Staaten an der Reihe. Dabei ließ sich das NKWD zum einen von Sicherheitsinteressen leiten — es wollte Revolten und fünfte Kolonnen verbinden —, zum andern vom Ziel der Sowjetisierung, weshalb man vor allem Menschen jagte, denen man Gegnerschaft zum Sowjetregime unterstellte: Funktionsträger der alten polnischen Verwaltung, aber auch Händler und Geschäftsleute, Dichter und Schriftsteller, wohlhabende Bauern, einfach jeden, dessen Verhaftung die psychische Widerstandskraft der ostpolnischen Bevölkerung zu erschüttern half.4) Außerdem fahndete die Geheimpolizei nach Flüchtlingen aus dem von den Deutschen besetzten Westpolen, darunter Tausenden Juden, die vor Hitler Zuflucht gesucht hatten.
In einer Weisung des Kommissars des neu sowjetisierten Litauen vom November 1940 heißt es, dass außer den genannten folgende Gruppen deportiert werden sollten:
»... Personen, die häufig ins Ausland reisen, Korrespondenz mit dem Ausland führen oder zu Vertretern ausländischer Staaten Kontakt haben, Esperanto-Begeisterte, Philatelisten, Partner des Roten Kreuzes, Flüchtlinge, Schmuggler, aus der Kommunistischen Partei Ausgeschlossene, Priester und aktive Mitglieder religiöser Gemeinschaften, der Adel, Großgrundbesitzer, reiche Händler, Bankiers, Industrielle, Hotel- und Restaurantbesitzer«.5
Wegen des enormen Ausmaßes der Verhaftungen ließen die sowjetischen Besatzungsorgane bald jeden Anschein von Legalität fallen. Die wenigsten derer, die das NKWD in den neuen Westgebieten festnahm, wurden vor ein Gericht gestellt und verurteilt. Stattdessen wurde mit dem Krieg die »Deportation auf behördliche Anweisung« wiederbelebt, das Verfahren, das man in den dreißiger Jahren gegen die Kulaken angewandt hatte. Es bedeutete, dass Angehörige des NKWD oder der Transporttruppen ein Haus betraten und den Bewohnern befahlen mitzukommen. Manchmal gab man ihnen einen Tag für die Vorbereitungen, zuweilen aber auch nur wenige Minuten. Dann fuhr ein Lastwagen vor, der sie zum Bahnhof brachte, und los ging's — ohne offizielle Festnahme, ohne Prozess, ohne jegliche Formalität.
448
Die Zahlen waren gewaltig. Der Historiker Alexander Gurjanow schätzt, dass in den besetzten Gebieten Ostpolens 108.000 Menschen verhaftet und in den Gulag geschickt wurden. 320.000 verbannte man in den Hohen Norden und nach Kasachstan, in Dörfer, die zum Teil von Kulaken gegründet worden waren.6 Hinzu kamen 96.000 Gefängnishäftlinge und 160.000 Deportierte aus den baltischen Staaten sowie 36.000 Moldauer.7 Die Gesamtwirkung von Deportation und Krieg auf die Demografie der baltischen Staaten war schockierend: Von 1939 bis 1945 ging die Bevölkerung Estlands um 25 Prozent zurück.8
Die Geschichte dieser Deportationen unterscheidet sich wie die der Deportationen der Kulaken von der Geschichte des Gulags. Wie diese Verlegung ganzer Familien ablief, kann im Rahmen dieses Buches nicht umfassend geschildert werden. Dennoch lässt sich beides nicht völlig voneinander trennen. Warum das NKWD in einem Fall entschied, einen Menschen zu verbannen, und in einem anderen, eine Person zu verhaften und in ein Lager einzuliefern, ist oft schwer zu begreifen. Ebenso austauschbar ist mitunter der Hintergrund von Deportierten und Inhaftierten.
Von dem Ziel der Bestrafung einmal abgesehen, passten die Deportationen außerdem gut in Stalins großen Plan, die nördlichen Regionen Russlands zu bevölkern. Wie der Gulag wurden auch die Dörfer der Verbannten absichtlich in entlegenen Gebieten angelegt, wo die Menschen auf Dauer bleiben sollten. Dabei sagten die Offiziere des NKWD vielen ganz offen, dass sie nie zurückkehren würden. Wenn sie die Züge bestiegen, wurde den »Neubürgern« sogar in offiziellen Reden zur dauerhaften Einwanderung in die Sowjetunion gratuliert.9
Die Deportierten hatten mindestens genauso viel zu leiden wie ihre Landsleute, die in Arbeitslagern landeten, wenn nicht noch mehr. Im Lager gab es zumindest die tägliche Brotration und einen Schlafplatz. Verbannte hatten oft weder das eine noch das andere. Stattdessen luden die Behörden sie einfach in wilden Waldgegenden oder in winzigen Dörfern in Nordrussland, in Kasachstan oder Mittelasien ab und überließen sie sich selbst, oft genug ohne alle Mittel.
449
Den Menschen der ersten Deportationswelle verboten die Begleitmannschaften jegliches Gepäck, ganz gleich ob Küchengerät, Kleidung oder Werkzeug. Erst im November 1940 trat das Führungsorgan der Begleittrupps zusammen und änderte diese Entscheidung. Selbst die sowjetischen Behörden begriffen nun, dass es zu hohen Sterberaten führte, wenn die Deportierten völlig ohne Hab und Gut an Ort und Stelle ankamen. Daher wiesen sie ihre Truppen an, die Verbannten darauf hinzuweisen, sich mit warmer Kleidung für drei Jahre auszustatten.10)
Aber viele Verbannte waren weder geistig noch körperlich auf ein Leben als Waldarbeiter oder Kolchosbauern vorbereitet. Sie waren Anwälte, Ärzte, Geschäftsleute oder Händler gewesen, gewöhnt an das relativ komfortable Leben in einer städtischen Umgebung.
Ihre Leiden verschlimmerten sich in den folgenden Monaten und Jahren noch, wie ein ungewöhnlicher Aktenbestand bezeugt. Nach dem Krieg sammelte und verwahrte die damalige polnische Exilregierung die »Erinnerungen« von Kindern an die Deportation. Sie illustrieren besser als manche Dokumente von Erwachsenen den Kulturschock und die physischen Entbehrungen, mit denen die Verbannten fertig werden mussten. Ein polnischer Junge, zur Zeit der »Verhaftung« dreizehn Jahre alt, schrieb Folgendes über die ersten Monate nach der Deportation:
»Es gab nichts zu essen. Die Menschen aßen Nesseln, schwollen davon an und verabschiedeten sich ins Jenseits. Wir wurden gezwungen, in die russische Schule zu gehen, weil wir sonst kein Brot bekamen. Sie befahlen uns, nicht zu Gott zu beten, denn es gäbe keinen Gott. Als wir nach der Stunde alle aufstanden und zu beten anfingen, sperrte mich der Kommandant der Siedlung in den Karzer.«11)
Die Geschichten anderer Kinder geben das Trauma der Eltern wieder. Ein Vierzehnjähriger beschreibt, wie seine Mutter sich umzubringen versuchte:
450
»Mama kam in die Baracke, nahm einen Strick, ein kleines Stück Brot und ging in den Wald. Ich wollte sie zurückhalten. In ihrem Kummer schlug sie mit dem Strick nach mir und ging fort. Einige Stunden später fanden sie Mama auf einer Fichte mit dem Strick um den Hals. Unten standen ein paar Mädchen. Mama dachte, es seien meine Schwestern, und wollte ihnen etwas sagen, aber die fingen ein solches Geschrei an, dass der Kommandant, der eine Axt am Gürtel trug, die Fichte kurzerhand fällte... Mama, völlig außer sich, packte die Axt und hieb sie dem Kommandanten in den Rücken. Er ging zu Boden...
Am nächsten Tag brachten sie Mama in ein Gefängnis dreihundert Kilometer weit weg von mir ,..«uAber nicht alle Mütter überlebten. Dazu der Bericht eines weiteren Kindes:
»Als wir in der Siedlung angekommen waren, brachten sie uns schon am nächsten Tag zur Arbeit. Wir mussten von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit arbeiten. Als nach fünfzehn Tagen der Zahltag kam, gab es als Höchstes zehn Rubel. Zwei Tage Arbeit reichten nicht einmal für Brot. Die Menschen starben vor Hunger. Sie aßen tote Pferde auf So hat meine Mama gearbeitet und sich erkältet, weil sie keine warmen Kleider hatte. Sie bekam eine Lungenentzündung und war fünf Monate krank. Das fing am 3. Dezember an. Am 3. April ging sie ins Krankenhaus. Dort hat man sie nicht behandelt. Wenn sie nicht ins Krankenhaus gegangen wäre, könnte sie vielleicht noch leben. Sie kam in die Baracke zurück und starb dort, weil sie nichts zu essen hatte. Sie ist am 30. April 1941 verhungert. Meine Mutter lag im Sterben, ich und meine Schwester waren zu Hause. Papa war nicht da, denn er musste arbeiten. Als er nach Hause kam, war Mama schon tot, an Hunger gestorben. Dann gab es eine Amnestie, und wir kamen aus dieser Hölle heraus.«13
Nicht weniger grausam war das Schicksal einer anderen Gruppe von Verbannten, die während des Krieges zu den Polen und Balten hinzukommen sollten: die nationalen Minderheiten der Sowjetunion, die Stalin bereits zu Kriegsbeginn als potenzielle fünfte Kolonne ansah oder später der »Kollaboration« mit den Deutschen beschuldigte.
451
In erster Linie waren das Wolgadeutsche, deren Vorfahren man zur Zeit von Katharina der Großen (die ebenfalls die Weiten des Landes besiedeln wollte) nach Russland geholt hatte, und die Finnen, die in der Karelischen Sowjetrepublik lebten. Längst nicht alle von ihnen beherrschten noch ihre Muttersprache, aber sie lebten in besonderen Gemeinden und unterschieden sich durch ihre Sitten von den russischen Nachbarn. Als der Krieg mit Deutschland und Finnland ausbrach, reichte das schon aus, um sie verdächtig zu machen. Mit einer Argumentation, die selbst für sowjetische Verhältnisse an den Haaren herbeigezogen war, klagte man die gesamte Volksgruppe der Wolgadeutschen im September 1941 an, »Feinde zu verbergen«:
»Nach verlässlichen Informationen der Militärorgane gibt es in der deutschen Bevölkerung an der Wolga Tausende, ja Zehntausende Diversanten und Spione, die auf ein Signal aus Deutschland hin in der von ihnen besiedelten Gegend Sabotageakte ausführen sollen ... Bisher hat jedoch kein Wolgadeutscher den sowjetischen Behörden das Vorhandensein einer so großen Zahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen gemeldet. Daraus folgt, dass die deutsche Bevölkerung an der Wolga Feinde des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht in ihrer Mitte versteckt.«14
Mehrere kleine kaukasische Völker — die Karatschaier, Balkaren, Kalmücken, Tschetschenen und Inguschen sowie die Krimtataren und einige andere Minderheiten wurden ebenfalls den »Kollaborateuren« zugeschlagen.15 Aber nur die Deportation der Tschetschenen und Tataren wurde noch zu Stalins Lebzeiten öffentlich zugegeben. In der »Iswestija« las sich das allerdings so, als sei die Verbannung dieser beiden Völker, die 1944 stattfand, erst im Juni 1946 erfolgt:
»Als die Völker der UdSSR im Großen Vaterländischen Krieg Ehre und Unabhängigkeit des Vaterlandes im Kampf gegen die deutschfaschistischen Invasoren heldenhaft verteidigten, traten viele Tschetschenen und Krimtataren, aufgehetzt von deutschen Agenten, Freiwilligenverbänden bei, die die Deutschen aufstellten ... In diesem Zusammenhang wurden die Tschetschenen und die Krimtataren in andere Regionen der UdSSR umgesiedelt.«16
452
Tatsächlich aber war Stalins Motiv für die Deportation der kaukasischen Völker und der Tataren nicht Vergeltung für Kollaboration. Eher hat man den Eindruck, dass er den Krieg als Vorwand nutzte, um lange geplante ethnische Säuberungen durchzuführen. Die Zaren hatten von einer tatarenfreien Krim geträumt, seit Katharina die Große die Halbinsel dem Russischen Reich einverleibte. Auch die Tschetschenen waren den russischen Herrschern auf die Nerven gefallen und hatten sich in der Sowjetunion noch renitenter gezeigt. Nach der Revolution von 1917 und nach der Kollektivierung von 1929 hatte es in Tschetschenien mehrere antirussische und antisowjetische Aufstände gegeben, zuletzt 1940. Alle Belege weisen darauf hin, dass Stalin sich dieses lästige, zutiefst antisowjetisch eingestellte Volk einfach vom Halse schaffen wollte.17)
Wie die Deportationen aus Polen betraf auch die Zwangsumsiedlung der Wolgadeutschen, der Kaukasier und der Krimtataren riesige Menschengruppen. Bis Kriegsende wurden 1,2 Millionen Sowjetdeutsche, 90.000 Kalmücken, 70.000 Karatschaier, 390.000 Tschetschenen, 90.000 Inguschen, 40.000 Balkaren und 180.000 Krimtataren deportiert, dazu 9000 Finnen und weitere Völkerschaften.18
453
Eingedenk dieser ungeheuren Zahlen liefen die Deportationen in bemerkenswertem Tempo ab — noch rascher als die der Polen und Balten. Im Mai 1944 holten 31.000 Offiziere, Soldaten und Helfer des NKWD in nur drei Tagen insgesamt 200.000 Tataren ab. Die meisten — Männer, Frauen, Kinder und Greise — wurden in Güterzüge verladen und nach Usbekistan gebracht. Sechs- bis achttausend starben auf dem Transport.19
Noch brutaler ging es bei der »Umsiedlung« der Tschetschenen zu. Viele Augenzeugen erinnern sich, dass das NKWD dabei amerikanische Studebaker einsetzte, die die Sowjetunion gerade erst durch das Lend-Lease-Abkommen über den Iran von den USA erhalten hatte. Viele haben auch beschrieben, wie die Tschetschenen dann von den LKWs in Eisenbahnzüge verladen wurden, die anschließend verplombt wurden — man verweigerte ihnen nicht nur Wasser, wie auf solchen Transporten üblich, sondern auch Nahrung. Bis zu 78.000 Tschetschenen sollen während des Transports gestorben sein.20
Bei der Ankunft am Verbannungsort in Kasachstan, Mittelasien oder Nordrussland wurden die Deportierten — sofern sie nicht schon vorher einzeln verhaftet und im Gulag verschwunden waren — wie die Polen und Balten oder die Kulaken eine Generation zuvor in besonderen Dörfern angesiedelt. Auf Fluchtversuch, wurde ihnen mitgeteilt, stünden zwanzig Jahre Lagerhaft. Völlig desorientiert, aus ihren Stammes- und Dorfgemeinschaften gerissen, konnten sich viele nicht einleben. Von der örtlichen Bevölkerung verachtet, häufig ohne Arbeit, büßten sie schnell ihre Kraft und ihre Gesundheit ein. Noch schlimmer war der Klimaschock: »Als wir in Kasachstan ankamen«, erinnert sich ein deportierter Tschetschene, »war der Boden hart gefroren. Wir dachten, wir müssten alle sterben.«21) 1949 waren Hunderttausende Kaukasier und etwa ein Drittel bis die Hälfte der Krimtataren nicht mehr am Leben.22
Aus Moskaus Sicht bestand ein wichtiger Unterschied zwischen den Deportationswellen der Kriegszeit und jenen, die zuvor stattgefunden hatten: Das Ziel hatte sich verändert. Zum ersten Mal hatte Stalin sich entschlossen, nicht nur einzelne Mitglieder besonders verdächtiger Nationalitäten oder einzelne Kategorien politischer »Feinde« zu vernichten, sondern ganze Völkerschaften — Männer, Frauen, Kinder und Greise — von der Landkarte zu tilgen.
454

Vielleicht ist »Genozid« nicht das richtige Wort für diese Deportationen, denn Massenexekutionen gab es nicht. In späteren Jahren warb Stalin in diesen »feindlichen« Gruppen sogar um Kollaborateure und Verbündete, so dass es also nicht um Rassenhass allein ging. Der Begriff »kultureller Genozid« ist jedoch durchaus angebracht. Nach der Umsiedlung wurden die Namen der deportierten Völkerschaften aus allen offiziellen Dokumenten, ja selbst aus der »Großen Sowjetenzyklopädie« entfernt. Auch ihre Strukturen verschwanden von der Karte: Die Autonomen Republiken der Tschetschenen und Inguschen, der Wolgadeutschen, der Kabardiner und Balkaren sowie das Autonome Gebiet der Karatschaier wurden ebenso aufgelöst wie die Autonome Republik der Krim, die einfach der Sowjetunion als Gebiet einverleibt wurde. Die Behörden machten Friedhöfe dem Erdboden gleich, benannten Städte und Dörfer um und strichen deren ehemalige Einwohner aus den Geschichtsbüchern.23
455
An ihrem neuen Wohnort mussten alle muslimischen Deportierten — Tschetschenen, Inguschen, Balkaren, Karatschaier und Tataren — ihre Kinder in russischsprachige Grundschulen schicken. Man untersagte ihnen den Gebrauch ihrer Muttersprache, die Ausübung ihrer Religion und die Pflege ihrer Tradition und Geschichte. Zweifellos wollte man damit erreichen, dass sich Tschetschenen, Tataren, Wolgadeutsche und die kleineren kaukasischen Völkerschaften, längerfristig auch Balten und Polen in der russischsprachigen Sowjetwelt auflösten. Nach Stalins Tod kamen sie jedoch alle wieder zum Vorschein, wenn auch nur allmählich. Die Tschetschenen durften 1957 in ihre Heimat zurückkehren. Die Tataren mussten bis zur Ära Gorbatschow warten: Erst 1994 durften sie sich wieder auf der Krim ansiedeln.
Angesichts der damals herrschenden politischen Atmosphäre, der Grausamkeit des Krieges und eines anderen Völkermordes, der nur einige tausend Kilometer weiter westlich stattfand, fragen sich manche, weshalb Stalin die von ihm so verachteten Völkerschaften nicht einfach vernichtete. Ich glaube, dass die Zerstörung ihrer Kultur, aber nicht der Menschen, seinem Ziel dienlicher war. Mit dieser Operation beseitigte er das, was er als »feindliche« gesellschaftliche Strukturen ansah: bürgerliche, religiöse und nationale Institutionen, die seinen Plänen im Wege standen, sowie gebildete Menschen, die sich gegen ihn auflehnen konnten. Zugleich aber bewahrte er »Arbeitseinheiten«, die ihm in Zukunft nützlich sein konnten.
Man musste allerdings kein Tschetschene oder Pole sein, um als Ausländer im sowjetischen Lagersystem zu landen. Kriegsgefangene stellten eine weitere große Gruppe.
Rein formal richtete die Rote Armee die ersten Gefangenenlager bereits 1939 nach der Besetzung Ostpolens ein. Das erste entsprechende Dekret der Kriegszeit wurde am 19. September 1939 erlassen, vier Tage nachdem sowjetische Panzer über die Grenze gerollt waren.24 Ende September hatte die Rote Armee bereits 230.000 polnische Soldaten und Offiziere gefangen genommen.25 Viele wurden bald darauf wieder entlassen, insbesondere junge Soldaten niederer Ränge. Einige, die man als potenzielle Partisanen betrachtete, endeten schließlich im Gulag oder in einem der über hundert Kriegsgefangenenlager auf dem Gebiet der UdSSR.26
456
Im April 1940 ließ das NKWD heimlich über 20.000 der gefangenen polnischen Offiziere liquidieren. Auf direkte Anordnung Stalins wurden sie durch Genickschuss getötet.27 Dieser Mord erfolgte aus dem gleichen Grund, aus dem Stalin polnische Priester und Lehrer verhaften ließ — er wollte die polnische Elite vernichten. Dann tat er alles, um es zu vertuschen. Obwohl die polnische Exilregierung große Anstrengungen unternahm, konnte sie nicht feststellen, was mit den Offizieren geschehen war, bis die Deutschen sie fanden. Im Frühjahr 1943 entdeckte das deutsche Besatzungsregime im Wald von Katyn über viertausend Leichen.28 Zwar wies die Sowjetunion jede Verantwortung von sich — so glaubhaft, dass die Alliierten das Massaker von Katyn im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess den Deutschen zur Last legten —, aber die Polen wussten aus eigenen Quellen, dass das NKWD verantwortlich war. Erst 1991 sollte der russische Präsident Boris Jelzin die Schuld der Sowjetunion an diesem Massaker eingestehen.29)
Als sich das Kriegsglück zugunsten der Sowjetunion wendete, fielen der Roten Armee ziemlich unerwartet massenhaft Soldaten der Deutschen und der anderen Achsenmächte in die Hände. Darauf waren die Behörden überhaupt nicht vorbereitet, mit tragischen Folgen. So wurden nach der Schlacht von Stalingrad, die häufig als der Wendepunkt des Krieges angesehen wird, 91.000 feindliche Soldaten gefangen genommen, für die man keinerlei Unterkünfte eingerichtet oder Verpflegung bereitgestellt hatte. Auf dem Vormarsch der Roten Armee nach Westen wurden gefangen genommene Soldaten häufig in offenem Gelände ohne jede Verpflegung und medizinische Betreuung festgehalten, wenn man sie nicht gleich an Ort und Stelle erschoss.30
In den ersten Monaten des Jahres 1943 lag die Sterberate unter den Kriegsgefangenen bei knapp 60 Prozent, 570.000 gelten offiziell als in Gefangenschaft an Hunger, Krankheit und mangelnder medizinischer Betreuung verstorben.31 Die wirkliche Zahl liegt sicher höher, da viele Gefangene wahrscheinlich gestorben sind, bevor irgendjemand sie zählen konnte. Ähnliche Verlustraten gab es unter den sowjetischen Soldaten in deutscher Gefangenschaft. In diesem Krieg ging es in der Tat um Leben und Tod.
457
Ab März 1944 war das NKWD jedoch bemüht, die Lage zu »verbessern«. Es richtete eine neue Abteilung für Zwangsarbeitslager ein, in denen ausschließlich Kriegsgefangene untergebracht werden sollten. Diese Lager gehörten formal nicht zum Gulag; zunächst unterstanden sie der Verwaltung des NKWD für Kriegsgefangene (OPW) und nach 1945 der Hauptverwaltung Kriegsgefangene und Internierte (GUPWI).32)
Im letzten Kriegsjahr und auch noch danach erreichte die Zahl der Kriegsgefangenen in diesen Lagern schwindelnde Höhen. Laut offiziellen Angaben nahm die Sowjetunion zwischen 1941 und 1945 allein 2,388 Millionen deutsche Militärangehörige gefangen. Hinzu kamen 1,097 Millionen Soldaten aus verschiedenen europäischen Ländern, die auf Seiten der Achsenmächte gekämpft hatten: Italiener, Ungarn, Rumänen, Österreicher, einige Franzosen, Holländer und Belgier sowie 600.000 Japaner, eine erstaunlich hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass die Sowjetunion gegen Japan nur sehr kurze Zeit Krieg führte. Als die Waffen schwiegen, waren über vier Millionen gefangene Soldaten registriert.33)
Das ist eine gewaltige Zahl, und doch erfasst sie nicht alle Ausländer, die auf dem Marsch der Roten Armee durch Europa in sowjetische Lager gerieten. Das NKWD, das der Armee auf dem Fuße folgte, hielt nach allen möglichen Leuten Ausschau: wer Kriegsverbrechen begangen haben könnte, vielleicht ein Spion war, und sei es für eine verbündete Regierung, bei wem man aus irgendeinem Grunde eine antisowjetische Einstellung vermutete und wen ein Geheimpolizist aus persönlichem Grund nicht mochte. Besonders groß war dieser Kreis in den Ländern Mitteleuropas, wo die Sowjetunion nach dem Kriege zu bleiben gedachte. In Budapest wurden beispielsweise in einer ersten Welle 75.000 ungarische Zivilisten festgenommen, die man zunächst in provisorischen Lagern in Ungarn selbst unterbrachte und später in den Gulag schickte.34)
Im Grunde genommen konnte jeder unter den Verhafteten sein. In Budapest wurde der sechzehnjährige George Bien zusammen mit seinem Vater festgenommen, weil sie ein Radio besaßen.35
458
Der schwedische Diplomat Raul Wallenberg hatte durch persönlichen Einsatz Tausende ungarische Juden vor der Deportation in nationalsozialistische Lager gerettet und dabei viele Abmachungen mit faschistischen Behörden und Politikern im Westen getroffen. Außerdem entstammte er einer bekannten und reichen schwedischen Familie. Für das NKWD waren das ausreichend Gründe für einen Verdacht. Wallenberg wurde im Januar 1945 zusammen mit seinem Chauffeur in Budapest verhaftet. Beide verschwanden in sowjetischen Gefängnissen, wo Wallenberg als »Kriegsgefangener« registriert wurde, dann verliert sich ihre Spur. Die ganzen neunziger Jahre hindurch hat die schwedische Regierung nach Hinweisen auf Wallenbergs Schicksal gesucht — ohne Ergebnis. Heute wird allgemein angenommen, dass er bereits beim Verhör starb oder bald darauf hingerichtet wurde.36)
Kein besetztes Land wurde verschont. In Polen, den baltischen Staaten, der Ukraine, in der Tschechoslowakei, Bulgarien, Rumänien, vor allem aber in Deutschland und Österreich kam es nach dem Krieg zu schweren Repressalien. Die große Mehrheit derer, die davon betroffen waren, landete in Kriegsgefangenenlagern oder im Gulag. Die Abgrenzung zwischen beiden war nie eindeutig. Zwar unterstanden sie eigentlich zwei verschiedenen bürokratischen Apparaten, aber diese beiden verschmolzen im Laufe der Zeit immer mehr miteinander. In manchen Fällen richteten zum Gulag gehörende Lager sogar besondere Lagpunkte für Kriegsgefangene ein, und Gulag-Häftlinge und Kriegsgefangene arbeiteten Seite an Seite.37 Aus unerklärlichen Gründen schickte das NKWD zuweilen auch Kriegsgefangene direkt in den Gulag.38)
Bei Kriegsende waren die Verpflegungsrationen für Kriegsgefangene und Gulag-Häftlinge im Wesentlichen gleich. Ebenso die Baracken, in denen sie untergebracht waren, und die Arbeit, die sie zu leisten hatten. Wie die Seks arbeiteten auch die Kriegsgefangenen auf Baustellen, in Bergwerken, in der Verarbeitungsindustrie, beim Straßen- und Eisenbahnbau.39) Wie die Seks kamen Kriegsgefangene mit besonderer Ausbildung in Scharaschki, geheime Konstruktionsbüros, wo sie neue Militärflugzeuge für die Rote Armee entwickelten.40)
Wie die Seks wurden auch Kriegsgefangene im sowjetischen Sinne »politisch erzogen«. 1943 richtete das NKWD in den Kriegsgefangenenlagern »antifaschistische« Schulen und Kurse ein, um die Teilnehmer davon zu überzeugen, bei ihrer Rückkehr nach Deutschland, Rumänien oder Ungarn »für den <demokratischen> Wiederaufbau ihrer Länder und die Ausrottung des Faschismus« zu kämpfen. Natürlich sollten sie auch der sowjetischen Vorherrschaft den Weg bereiten.41 Viele ehemalige deutsche Kriegsgefangene waren schließlich in den neuen Polizeikräften in Ostdeutschland tätig.42
459
Doch selbst jene, die ihre neu gewonnene Loyalität demonstrierten, sollten nicht so bald nach Hause zurückkehren können. Zwar repatriierte die UdSSR bereits im Juni 1945 eine Gruppe von 225.000 Kriegsgefangenen, meist kranke oder verwundete Soldaten, und bald danach setzte ein ständiger Rückfluss ein. Aber insgesamt zog sich die Repatriierung der Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion über ein Jahrzehnt hin. Als Stalin 1953 starb, befanden sich immer noch zwanzigtausend Kriegsgefangene im Land.43 Stalin, der nach wie vor auf staatliche Zwangsdienste baute, betrachtete die Arbeit der Kriegsgefangenen als eine Art Reparationsleistung, die ihre lange Gefangenschaft voll und ganz rechtfertigte.
In den vierziger und fünfziger Jahren — und auch später noch, wie der Fall Wallenberg zeigt — zogen die sowjetischen Behörden das Thema gefangener Ausländer in einen Schleier aus Verwirrung, Propaganda und Gegenpropaganda vor das Thema gefangen genommener Ausländer, entließen Personen oder bestritten jede Kenntnis von ihrer Existenz, ganz wie es ihnen passte.
In den ersten Nachkriegsjahren konfrontierten Abgesandte vieler Länder Moskau immer wieder mit Listen von Bürgern, die während der Besatzung durch die Rote Armee verschwunden waren und aus den verschiedensten Gründen in Kriegsgefangenenlagern oder im Gulag einsaßen. Die Antworten kamen sehr spärlich, da das NKWD häufig selbst nicht genau wusste, was mit ihnen geschehen war. Schließlich setzten die sowjetischen Behörden eine Sonderkommission ein, die herausfinden sollte, wie viele Ausländer sich noch in sowjetischem Gewahrsam befanden und wie in den einzelnen Fällen zu verfahren war.44
Als die Hungersnot der Nachkriegszeit 1947 ihren Höhepunkt erreichte, ließ das NKWD unerwartet mehrere hunderttausend Kriegsgefangene frei. Eine politische Erklärung dafür gab es nicht. Die sowjetische Führung war schlicht zu der Erkenntnis gekommen, dass es nicht genug Lebensmittel gab, um sie alle am Leben zu erhalten.45)
460
Die Repatriierung war keine Einbahnstraße. Waren in den Kriegswirren Westeuropäer in großer Zahl nach Russland geraten, so hatte es auch viele Russen nach Westeuropa verschlagen. Im Frühjahr 1945 befanden sich über 5,5 Millionen Sowjetbürger außerhalb der Landesgrenzen. Einige waren Soldaten, die in nationalsozialistischen Kriegsgefangenenlagern saßen. Andere hatte man als Zwangsarbeiter nach Deutschland und Österreich verschleppt. Einzelne hatten während der Besetzung ihrer Länder durch die Deutschen mit diesen zusammengearbeitet und sich dann gemeinsam mit der deutschen Wehtmacht zurückgezogen. Etwa 150.000 gehörten zu den »Wlassow-Leuten«, Sowjetsoldaten, die unter dem Befehl von General Andrej Wlassow — einem gefangenen Sowjetgeneral, der auf Hitlers Seite übergelaufen war — gegen die Rote Armee gekämpft hatten, die meisten davon gezwungenermaßen.
Im Februar 1945 fassten Roosevelt, Churchill und Stalin auf der Konferenz von Jalta den äußerst umstrittenen Beschluss, alle Sowjetbürger ungeachtet der persönlichen Umstände in ihr Heimatland zurückzufuhren. Zwar verpflichteten die in Jalta unterzeichneten Protokolle die Alliierten nicht ausdrücklich, Sowjetbürger auch gegen ihren Willen zu repatriieren, aber in der Praxis geschah genau das.
Einige wollten nach Hause zurückkehren. Leonid Sitko, Soldat der Roten Armee, der in einem nationalsozialistischen Lager saß und später noch längere Jahre in einem sowjetischen Lager verbringen sollte, erinnert sich, dass er aus freien Stücken nach Hause zurückkehrte. Später fasste er seine damaligen Gefühle in folgenden Versen zusammen:
<Zur Hölle mit euch!>»Ich hatte vier Wege in vier Länder.
In dreien herrschten Frieden und Wohlstand.
Im vierten, das wusst' ich,
Zerstört man des Dichters Leier,
Und mich erwartete sicher der Tod.Doch was geschah?
Den drei Ländern sagt' ich:
Und wählte mein Vaterland.« 46)
461
Andere, die Befürchtungen hatten, wurden von NKWD-Offizieren, die die Kriegsgefangenen- und Displaced-Persons-Lager überall in Europa besuchten, zur Rückkehr überredet. Die Offiziere malten heitere Bilder von einer lichten Zukunft. Alles werde vergeben, behaupteten sie: »Ungeachtet der Tatsache, daß ihr zwangsweise in den deutschen Streitkräften gedient habt, sehen wir jetzt in euch treue Sowjetbürger.«47
Auch im Falle derer, die nicht zurückwollten, hatten die Offiziere der Alliierten Befehl, sie in die Sowjetunion zu schicken. Den führten sie aus. In Fort Dix im US-Staat New Jersey verbarrikadierten sich 145 sowjetische Gefangene, die man in deutschen Uniformen festgenommen hatte, in ihrer Baracke, um nicht nach Hause zu müssen. Als amerikanische Soldaten Tränengasgranaten hineinwarfen, stürzten diejenigen, die sich noch nicht selber umgebracht hatten, mit Küchenmessern und Knüppeln bewaffnet heraus und verletzten einige der Amerikaner. Später erklärten sie, sie hätten ihre eigene Erschießung provozieren wollen.48)
Noch tragischer waren Fälle, die Frauen und Kinder betrafen. Im Mai 1945 gingen britische Truppen — angeblich auf direkte Weisung Churchills — daran, über zwanzigtausend Kosaken zu repatriieren, die damals in Österreich lebten. Die meisten waren antibolschewistische Partisanen gewesen; einige von ihnen hatten sich Hitler angeschlossen, weil es gegen Stalin ging, viele waren bereits nach der Revolution aus der Sowjetunion ausgewandert und hatten gar keine sowjetischen Pässe mehr.
Nachdem man ihnen tagelang ohne Erfolg gute Behandlung in der Sowjetunion versprochen hatte, griffen die Briten zu einer List. Sie luden die Kosakenoffiziere zu einer »Beratung« ein, übergaben sie stattdessen sowjetischen Einheiten und trieben am nächsten Tag ihre Familien zum Abtransport zusammen. Dabei kam es in einem Lager in der Nähe von Linz zu einem besonders hässlichen Zwischenfall. Britische Soldaten drängten Frauen und Kinder mit Bajonetten und Gewehrkolben in die Züge, die sie in die UdSSR bringen sollten. Doch lieber als zurückzugehen, warfen Frauen ihre Babys von Brücken herab und sprangen ihnen dann selbst nach. Die Kosaken wussten natürlich, was sie in der Sowjetunion erwartete: Erschießungskommando oder Lager.49
462
Auch wer aus eigenem Entschluss zurückkehrte, war vor Verdacht nicht gefeit. Ob sie nun die Sowjetunion freiwillig oder unter Zwang verlassen hatten, ob sie mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet hatten oder in Gefangenschaft geraten waren, ob sie freiwillig zurückkehrten oder in Güterwagen getrieben wurden — alle mussten an der Grenze ein Formular ausfüllen, das die Frage enthielt, ob sie kollaboriert hätten. Wer Zusammenarbeit mit den Deutschen eingestand (was manche taten) oder verdächtig erschien — darunter viele sowjetische Kriegsgefangene, die in den Lagern der Deutschen schwer gelitten hatten —, wurde für weitere Verhöre in Filtrationslagern festgehalten. Diese unterschieden sich kaum vom Gulag. Stacheldraht und Zwangsarbeit waren auch hier an der Tagesordnung. Praktischerweise hatte das NKWD viele Filtrationslager in der Nähe von Industriezentren, so dass die »Verdächtigen« für die Sowjetunionarbeiten konnten, solange ihre Fälle untersucht wurden.50)
Da das NKWD sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene — Menschen, die sich nichts hatten zu Schulden kommen lassen — pauschal aburteilte, mussten die Behörden für tatsächliche Kriegsverbrecher eine neue Kategorie von Urteilen erfinden. Bereits im April 1943 hatte der Oberste Sowjet erklärt, dass die Rote Armee bei der Befreiung sowjetischen Territoriums »Akte ungekannter Grausamkeit und schrecklicher Gewalt festgestellt hat, die von deutschen, italienischen, rumänischen, ungarischen und finnischen faschistischen Ungeheuern, Agenten Hitlers sowie Spionen und Verrätern unter den Sowjetbürgern begangen wurden«.51) Das NKWD reagierte darauf mit der Erklärung, dass überführte Kriegsverbrecher Haftstrafen von fünfzehn, zwanzig oder gar 25 Jahren zu erwarten hatten, die in besonderen Lagpunkten abzubüßen waren. Diese lagen natürlich bei Norilsk, Workuta und an der Kolyma, den drei Lagerkomplexen mit den härtesten Bedingungen.52)
Mit merkwürdigem sprachlichem Bombast und ironischer Bezugnahme auf die Geschichte — was durchaus auf Stalin persönlich zurückgehen kann — bezeichnete das NKWD diese Lagpunkte mit einem Begriff aus dem Strafrecht des zaristischen Russland: Katorga (was damals so viel wie Zuchthaus oder Galeere bedeutete, A.d. Ü.).
463
Die Wahl dieses Begriffes war sicher kein Zufall. Der Rückgriff auf die zaristische Tradition, der zu jener Zeit auch in anderen Bereichen zu beobachten war (etwa bei der Einrichtung von Kadettenschulen), sollte möglicherweise eine neue Art Strafe für unerhört gefährliche Verbrecher anzeigen. Im Unterschied zu den gewöhnlichen Insassen der Besserungsarbeitslager konnten Katorga-Häftlinge nicht einmal theoretisch darauf hoffen, je Vergebung zu finden.
Diese Gefangenen wurden von anderen durch hohe Zäune getrennt. Sie erhielten besondere gestreifte Anzüge mit einer Nummer auf dem Rücken. Nachts wurden sie in ihren Baracken eingeschlossen, deren Fenster vergittert waren. Sie arbeiteten länger als gewöhnliche Häftlinge, hatten noch weniger Ruhetage und wurden ausschließlich zu schwerer körperlicher Arbeit eingesetzt, zumindest in den ersten zwei Jahren. Diese Häftlinge standen unter verschärfter Bewachung. Zehn von ihnen waren jeweils zwei Posten zugeordnet. Jedes Lager musste mindestens fünf Hunde halten.53)
Katorga-Häftlinge scheinen vor allem in einem völlig neuen Industriezweig eingesetzt worden zu sein. 1954 erklärte das NKWD in einer Aufzählung seiner wirtschaftlichen Erfolge stolz, hundert Prozent der sowjetischen Urangewinnung erfolgten in seinen Unternehmen. Dazu schreibt die Historikerin Galina Iwanowa: »Es ist unschwer zu erraten, wer das radioaktive Erz förderte und verarbeitete.«54) Gefangene und Soldaten bauten nach dem Krieg auch den ersten sowjetischen Atomreaktor in Tscheljabinsk: »Zu jener Zeit war die ganze Baustelle so etwas wie ein Lager«, erinnert sich ein Arbeiter, mit speziellen Finnhütten für die deutschen Fachleute, die man zur Arbeit an diesem Projekt rekrutiert hatte.55)
Zweifellos waren unter den Katorga-Häftlingen viele NS-Kollaborateure und Kriegsverbrecher, die unter anderem auch Verantwortung für die Ermordung Hunderttausender sowjetischer Juden trugen. Offenbar hatte Simeon Wilenski, ein Überlebender der Kolyma, diese Leute im Sinn, als er mich einmal davor warnte zu glauben, jeder, der im Gulag saß, sei unschuldig gewesen: »Das waren Leute, die unter jedem Regime ins Gefängnis gehören.« Verurteilte Kriegsverbrecher wurden in der Regel von den anderen Häftlingen gemieden und zuweilen auch tätlich angegriffen.56)
464
Unter den sechzigtausend Gefangenen, die bis 1947 zu Katorga verurteilt wurden, gab es allerdings eine ganze Reihe, bei denen die Gründe reichlich undurchsichtig waren.57 Darunter befanden sich Tausende antisowjetischer Partisanen aus Polen, dem Baltikum und der Ukraine, von denen viele zunächst gegen die Nationalsozialisten und erst danach gegen die Rote Armee gekämpft hatten. Aus ihrer Sicht war das ein Kampf für ihre nationale Befreiung. Einem Dokument über minderjährige Katorga-Gefangene zufolge, das 1945 an Beria geschickt wurde, gehörte auch Andrej Lewtschuk zu diesen Leuten. Er wurde beschuldigt, der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), einer der beiden größten antisowjetischen Partisanengruppen in der Ukraine, angehört zu haben. In dieser Zeit soll er »an der Ermordung unschuldiger Bürger, der Entwaffnung von Soldaten der Roten Armee und dem Raub ihres Eigentums« beteiligt gewesen sein. Als Lewtschuk 1945 verhaftet wurde, war er fünfzehn Jahre alt.
Ein anderer Katorga-Gefangener war Alexander Klein, ein Offizier der Roten Armee, den die Deutschen gefangen genommen hatten. Er hatte jedoch fliehen können und es zu einer sowjetischen Division geschafft. Wie er später berichtet, wurde er bei seiner Rückkehr verhört:
<Wenn sie es gewusst hätten, glauben Sie mir, dann stünde ich nicht hier.>»Plötzlich sprang der Major auf und fragte: <Können Sie beweisen, dass Sie Jude sind?>
Ich lächelte verwirrt und meinte, das könnte ich schon, ich müsste dazu nur meine Hose herunterlassen. Der Major blickte zu Sorokin und dann wieder zu mir. <Und Sie behaupten, die Deutschen hätten nicht gewusst, dass Sie Jude sind?>
<Bei dieser jüdischen Visage?>, rief er aus und versetzte mir einen so harten Faustschlag in den Bauch, dass mir die Luft weg blieb und ich zu Boden ging.
<Was sollen diese Lügen? Gesteh, du Schweinehund, mit welchem Auftrag haben sie dich geschickt? Mit wem arbeitest du zusammen? Wann hast du dich verkauft? Für wie viel? Für wie viel hast du dich ihnen ausgeliefert, du käufliche Kreatur? Wie ist dein Deckname?>«
Nach diesem Verhör wurde Klein zunächst zum Tode verurteilt. Später schwächte man das Urteil ab — auf zwanzig Jahre Katorga.58)
465
»In den Lagern gab es die verschiedensten Menschen, besonders nach dem Krieg«, schrieb Chawa Wolowitsch später. »Aber die Qualen waren für alle gleich — für die Guten, die Bösen, die Schuldigen und die Unschuldigen.«59)
Wenn in den Kriegsjahren Millionen Ausländer gegen ihren Willen in den Gulag gebracht wurden, kam zumindest einer freiwillig. Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Henry Wallace, reiste im Mai 1944 an die Kolyma und wusste nicht einmal, dass er Gefangenenlager besuchte.
Sein Besuch fand auf dem Höhepunkt der sowjetisch-amerikanischen Kriegsfreundschaft statt, als das Bündnis am engsten war und die amerikanische Presse von Stalin nur als »Onkel Joe« sprach. Vielleicht aus diesem Grunde war Wallace entschlossen, die Sowjetunion in freundlichem Licht zu sehen, bevor er auch nur einen Fuß auf ihren Boden setzte. An der Kolyma fand er sein fertiges Urteil bestätigt. Schon bei der Ankunft war ihm klar, wie viele Parallelen es zwischen Russland und den Vereinigten Staaten gab: Beide waren große »neue« Staaten, unbelastet vom aristokratischen Ballast der europäischen Geschichte. Nach seiner Meinung, so erklärte er seinen Gastgebern, sei das »sowjetische Asien« der »Wilde Westen Russlands«. »Die ungeheure Ausdehnung eures Landes, seine jungfräulichen Wälder, breiten Ströme, die weiten Seen, das vielfältige Klima, vom arktischen bis zum tropischen, der unerschöpfliche Bodenreichtum — all dies erinnert mich an mein Heimatland.«60)
Die Landschaft gefiel ihm, und auch das, was er für Industriezentren hielt. Nikischow, der so offen korrupte, in Luxus lebende Boss von Dalstroi, führte Wallace in Magadan, der Hauptstadt der Kolyma-Region, herum. Der wiederum sah in Nikischow, einem hohen NKWD-Offizier, so etwas wie einen amerikanischen Kapitalisten: »Der dirigiert hier die ganze Gegend. Mit DALSTROI im Sack ist er ein Millionär!« Wallace genoss die Gesellschaft seines neuen Freundes »Iwan«. Auch dessen Bericht über die Ursprünge von Dalstroi hörte er interessiert zu: »Wir hatten schwer zu tun, bis die Geschichte hier funktioniert hat. Vor zwölf Jahren kamen die ersten Ansiedler und stellten acht vorfabrizierte Häuser hin. Heute hat Magadan vierzigtausend Einwohner, und alle sind gut untergebracht.«
466
Nikischow erwähnte natürlich nicht, dass die »ersten Siedler« Gefangene waren und dass es sich bei den meisten der vierzigtausend Einwohner um Verbannte handelte, die den Ort nicht verlassen durften. Wallace hatte auch keine Ahnung vom Status der aktuell dort Beschäftigten — fast durchweg Gefangene — und schrieb sehr anerkennend über die Arbeiter in den Goldminen der Koiyma. Es waren in seiner Erinnerung »hochgewachsene rauhe Burschen«, freie Arbeiter, die viel mehr leisteten als die politischen Gefangenen, die nach seiner Vorstellung in der Zarenzeit den Hohen Norden bevölkerten.61)
Genau diese Vorstellung wollten die Chefs von Dalstroi Wallace vermitteln. Dem Bericht zufolge, den Nikischow später an Beria schickte, bat Wallace darum, ein Gefangenenlager zu besichtigen, was man ihm aber vorenthielt. Nikischow versicherte seinen Chefs auch, die einzigen Arbeiter, denen Wallace begegnete, seien freie Arbeiter gewesen, darunter viele Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbandes, denen man erst Minuten vor dem Eintreffen des Vizepräsidenten Bergarbeiterkleidung und Gummistiefel verpasst hatte. Sie waren genau angewiesen worden, was sie antworten sollten, wenn sie gefragt wurden. »Ich habe mit einigen von ihnen gesprochen«, notierte Wallace später. »Sie waren vor allem scharf darauf, den Krieg zu gewinnen.«62)
Später traf Wallace doch auf echte Gefangene, was er aber nicht wusste. Es waren Sänger und Musiker, darunter viele verhaftete Opernstars aus Moskau und Leningrad, die zu seinen Ehren im Theater von Magadan auftraten. Da man ihm erzählte, es handele sich um »Chöre, gesungen von Soldaten der Roten Armee«, die in der Stadt stationiert seien, war er höchst erstaunt, dass Amateure zu solchen künstlerischen Leistungen in der Lage waren. Tatsächlich aber hatte man jeden Einzelnen zuvor verwarnt: »Ein Wort oder eine Geste, daß ihr Gefangene seid, wird als Hochverrat betrachtet.«63)
467
Wallace sah auch Handarbeiten von Gefangenen, ohne es zu ahnen. Nikischow zeigte ihm eine Ausstellung von Stickereien und erklärte ihm, diese seien von »Frauen und Mädchen aus dem Ort angefertigt, die während der langen Wintermonate regelmäßig zusammenkamen, um sich in der altrussischen Kunst der Gobelinstickerei zu vervollkommnen«. Natürlich hatten Gefangene diese Arbeiten für Wallaces Besuch angefertigt. Als dieser eine der Arbeiten offen bewunderte, nahm Nikischow sie von der Wand und schenkte sie ihm. Zu seiner großen Überraschung bekannte Nikischows Frau, die gefürchtete Gridassowa, sie selbst habe diese Stickerei angefertigt.64)
Der Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten fiel zeitlich mit dem Eintreffen der »amerikanischen Geschenke« an der Kolyma zusammen. Das Lend-Lease-Programm zur Unterstützung des amerikanischen Verbündeten im Kampf gegen Deutschland mit Waffen und militärischer Ausrüstung brachte auch amerikanische Traktoren, Lastwagen, mit Dampf betriebene Schaufelbagger und Werkzeug an die Kolyma, was nicht unbedingt den Intentionen der amerikanischen Regierung entsprach.
Zum Abschied gab Nikischow zu Ehren von Wallace ein luxuriöses Bankett. Auserlesene Gerichte, abgespart von den Rationen der Gefangenen, wurden aufgetragen, Trinksprüche auf Roosevelt, Churchill und Stalin ausgebracht. Die Tischrede des Vizepräsidenten enthielt die folgenden denkwürdigen Sätze:
»Russen wie Amerikaner suchen auf unterschiedlichen Wegen einen Zustand zu erreichen, der auf der ganzen Erde den einfachen Mann instand setzt, aus der modernen Technik das beste für sich herauszuholen. In ihren Zielen und Zwecken ist nichts, was sich nicht versöhnen ließe. Wer das Gegenteil behauptet, zielt wissentlich oder unwissentlich auf einen neuen Krieg. Ich halte dies für ein Verbrechen.«65)
468
|
|
Heut
sag ich dem Lager mit fröhlichem Lächeln Lebwohl —
Wird
gar nichts von mir zurückbleiben hier?
Oh
nein! Zurück bleibt ein Golgatha von Schmerz, |
All
das ist fort, wie ein Blatt fällt vom Baum.
Janusz Wedów, »Lager, leb wohl« 1) |
3 Amnestie und danach
Wahr ist, dass die Jahre 1941 bis 1943 Millionen sowjetischer Gefangener Tod, Krankheit und persönliche Tragödien brachten. Ebenso wahr ist aber auch, dass der Krieg für Millionen anderer die Freiheit bedeutete.
Er war erst wenige Tage alt, als bereits eine Amnestie für gesunde Männer im kampffähigen Alter erlassen wurde. Am 12. Juli 1941 wies der Oberste Sowjet die Gulag-Zentrale an, bestimmte Häftlingskategorien direkt in die Rote Armee zu entlassen — »solche, die wegen Arbeitsbummelei sowie unbedeutender Verwaltungs- und Wirtschaftsvergehen verurteilt sind«. Diese Order sollte noch mehrmals gegeben werden. Insgesamt ließ das NKWD in den ersten drei Kriegsjahren 975.000 Gefangene und mehrere hunderttausend Sonderumsiedler, meist frühere Kulaken, frei. Unmittelbar vor und während der Entscheidungsschlacht um Berlin folgten weitere Amnestien.2)
Der gewaltige Umfang dieser Amnestien hatte enormen Einfluss auf die demografische Zusammensetzung der Lager während des Krieges und damit auch auf das Leben derer, die dort zurückblieben. Neue Häftlinge strömten in großer Zahl in die Lager, andere wurden in. Massenamnestien freigelassen. Millionen starben. Die Statistiken der Kriegsjahre sind daher äußerst trügerisch. Doch obwohl Monat fiir Monat Tausende neuer Häftlinge eintrafen, ging die Gesamtzahl der Gulaginsassen von Juni 1941 bis Juli 1944 eindeutig zurück. Einige Holzfällerlager, die man 1938 in aller Eile aufgebaut hatte, um die Welle der neu Verhafteten aufzunehmen, wurden nun ebenso rasch wieder aufgelöst.3)
471
Der Arbeitstag für die Häftlinge wurde immer länger. Und doch herrschte überall Mangel an Arbeitskräften An der Kolyma ließ man in den Kriegsjahren sogar die freien Arbeiter außerhalb der regulären Arbeitszeit nach Gold schürfen.4)
Nicht alle kriegstauglichen Häftlinge durften gehen: Von den Amnestien ausgeschlossen waren ausdrücklich so genannte Rückfalltäter, das heißt Berufsverbrecher, und politische Gefangene. Ausnahmen wurden nur selten gemacht. Weil man sich des Schadens für die Rote Armee durch die Verhaftung führender Offiziere Ende der dreißiger Jahre offenbar bewusst war, wurden einige aus politischen Gründen Verurteilte nach dem sowjetischen Einmarsch in Polen in aller Stille freigelassen. Unter ihnen war auch General Alexander Gorbatow, den man im Winter 1940 von einem fernen Lagpunkt an der Kolyma nach Moskau holte. Als der Vernehmungsoffizier, der den Fall zu prüfen hatte, Gorbatow sah, schaute er auf das Foto, das vor dessen Verhaftung aufgenommen war, und begann sofort Fragen zu stellen. Er musste sich erst davon überzeugen, dass das Skelett, das da vor ihm stand, tatsächlich einmal einer der begabtesten jungen Offiziere der ganzen Armee gewesen sein konnte: »Meine Drillichhosen waren geflickt, meine Beine mit Lappen umwickelt, und ich trug die schweren Schuhe eines Bergarbeiters. Mein Äußeres wurde komplettiert durch eine geflickte, schmutzstarrende Weste und eine zerschlissene, speckige Mütze mit Ohrklappen ...«5 Gorbatow wurde schließlich im März 1941 unmittelbar vor dem Überfall der Deutschen entlassen. Im Frühjahr 1945 kommandierte er einen der Vorstöße auf Berlin.
Für den einfachen Soldaten bedeutete die Amnestie keine Überlebensgarantie. Viele gehen davon aus, dass die aus dem Gulag in die Rote Armee entlassenen Gefangenen im Grunde Strafkompanien bildeten, die man an den gefährlichsten Frontabschnitten einsetzte. Die Archive bestätigen dies nicht. Aber die Rote Armee ist bekannt dafür, dass sie Menschen bereitwillig ins Feuer schickte, und man kann sich durchaus vorstellen, dass Kommandeure bei ehemaligen Häftlingen noch weniger Bedenken hatten. Der Dissident Awraham Schifrin behauptet, er sei in ein Strafbataillon gesteckt worden, weil er der Sohn eines »Volksfeindes« war. Seinem Bericht zufolge wurde er mit seinen Kameraden direkt an die Front geschickt, obwohl nicht ausreichend Waffen vorhanden waren: Auf 500 Mann kamen 100 Gewehre. »Eure Waffen halten die Nazis in ihren Händen«, erklärten ihnen die Offiziere. »Holt sie euch.« Schifrin wurde zwei Mal verwundet, aber überlebte.6)
472
Sowjetische Häftlinge zeichneten sich in der Roten Armee oft aus. Überraschenderweise scheinen auch nur wenige etwas dagegen gehabt zu haben, für Stalin zu kämpfen. Zumindest laut seiner eigenen Aussage zögerte General Gorbatow keinen Moment lang, wieder in die Sowjetarmee zu gehen oder im Auftrag der Kommunistischen Partei in den Krieg zu ziehen, die ihn grundlos ins Lager gesteckt hatte. Als er von dem deutschen Überfall erfuhr, war sein erster Gedanke, wie gut es sei, dass man ihn freigelassen hatte. Nun konnte er seine wiedergewonnene Kraft für das Vaterland einsetzen. Mit Stolz schreibt er auch über die »sowjetischen Waffen«, die seine Soldaten »dank der Industrialisierung unseres Landes« in der Hand hatten. Kein Wort darüber, wie diese Industrialisierung zustande gekommen war. An der Aufrichtigkeit seines Patriotismus lässt sich kaum zweifeln. 7)
Das scheint auf viele andere entlassene Häftlinge ebenfalls zuzutreffen, zumindest besagen das die Akten des NKWD. Im Mai 1945 schrieb Gulag-Chef Nasedkin einen ausführlichen, beinahe schwärmerischen Bericht über den Patriotismus und den Kampfgeist ehemaliger Häftlinge in der Roten Armee. Dabei zitierte er ausführlich aus Briefen, die sie in ihre ehemaligen Lager schickten: »Zunächst möchte ich euch mitteilen, dass ich verwundet in einem Lazarett in Charkow liege«, schrieb einer. »Ich habe mein geliebtes Vaterland verteidigt, ohne mein Leben zu schonen. Zwar war ich verurteilt, weil ich schlecht gearbeitet hatte, aber unsere geliebte Partei hat mir Gelegenheit gegeben, meine Schuld gegenüber der Gesellschaft zu tilgen, indem ich zum Sieg an der Front beigetragen habe. Nach meinem Überblick sind 53 Faschisten durch meine stählernen Kugeln gefallen.«8
Der Krieg löste in der ganzen Sowjetunion eine Welle des Patriotismus aus, und die ehemaligen Häftlinge durften daran teilhaben.9)
473
Noch erstaunlicher ist, dass auch die Gefangenen, die weiterhin im Lager ihre Strafe verbüßten, zuweilen davon erfasst wurden. Selbst schärfere Vorschriften und weiter gekürzte Rationen ließen nicht unbedingt alle Seks des Gulags zu entschiedenen Gegnern des Sowjetregimes werden. Viele schrieben später, das Schlimmste sei im Juni 1941 für sie gewesen, im Lager zu sitzen und nicht an die Front gehen zu können. Der Krieg tobte, ihre Kameraden kämpften, und sie saßen, brennend vor Vaterlandsliebe, im Hinterland fest. In jedem deutschen Gefangenen witterten sie einen Faschisten. Sie warfen den Wachen vor, dass diese nicht an der Front seien. Gerüchte über den Krieg machten pausenlos die Runde. Jewgenia Ginsburg erinnert sich: »Wir waren bereit, alles zu vergessen und zu vergeben angesichts des Unglücks, das unser ganzes Volk betroffen hatte...«10
In einigen Fällen hatten die Gefangenen von Lagern, denen die Front sehr nahe rückte, Gelegenheit, ihren Patriotismus zu beweisen. Pokrowski, damals ein Angestellter von Soroklag, einem Lager in der Karelischen Republik nahe der finnischen Grenze, schilderte in einem Bericht, der als Beitrag zur Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges gedacht war, wie eine Gruppe von über sechshundert freigelassenen Häftlingen, die wegen fehlender Transportkapazität nicht wegkamen, sich freiwillig am Bau von Verteidigungsanlagen der Stadt Belomorsk beteiligte:
»Alle stimmten sofort zu und bildeten selbstständig Arbeitsbrigaden mit Brigadieren und Vorarbeitern. Diese Gruppe freigelassener Häftlinge arbeitete mit größtem Eifer über eine Woche lang dreizehn bis vierzehn Stunden täglich, um die Stadt verteidigen zu helfen.«11
Die Propaganda stachelte diesen Patriotismus noch an. Wie überall in der Sowjetunion gab es entsprechende Plakate, Filme und Vorträge. »Ihr müsst jetzt noch besser arbeiten«, erklärte man den Gefangenen, »denn jedes Gramm Gold, das ihr fördert, ist ein Schlag gegen den Faschismus.«12
474
Zweifellos leistete der Gulag seinen Beitrag zur Kriegswirtschaft. In den ersten achtzehn Kriegsmonaten wurden 35 Arbeitskolonien auf die Produktion von Munition umgestellt. Viele Holzfällerlager fertigten Munitionskisten. In mindestens zwanzig Lagern wurden Uniformen für die Rote Armee genäht, in anderen Feldtelefone montiert, 1,7 Millionen Gasmasken und 24.000 Mörsergestelle produziert. Über eine Million Gefangene arbeiteten beim Bau von Eisenbahnen, Sttaßen und Flugplätzen. Wo immer dringend Bauarbeiter benötigt wurden — wenn eine Ölleitung versagte oder eine neue Eisenbahnlinie verlegt werden musste —, bekam in der Regel der Gulag den Auftrag. Und wie in der Vergangenheit lieferte Dalstroi faktisch das gesamte Gold der Sowjetunion.13)
Doch wie zu Friedenszeiten sind diese Zahlen trügerisch, ebenso die Effizienz, die sie suggerieren. »Seit den ersten Kriegstagen hat der Gulag seine Industrie umgestellt, um den Erfordernissen der kämpfenden Front zu dienen«, schrieb Nasedkin. Hätten freie Arbeiter diesen Erfordernissen nicht besser dienen können? An anderer Stelle behauptet er, die Produktion bestimmter Munitionsarten sei vervierfacht worden.14 Wie viel mehr Munition wäre wohl hergestellt worden, wenn die vom Patriotismus getriebenen Häftlinge in normalen Fabriken hätten arbeiten können? Tausende Soldaten, die an der Front gebraucht wurden, mussten weiterhin Häftlinge bewachen. Tausende NKWD-Leute wurden dafür eingesetzt, Polen zunächst zu verhaften und später wieder freizulassen. Auch für sie hätte es bessere Verwendung gegeben. So trug der Gulag einerseits durchaus zu den Kriegsanstrengungen bei — und mag auf der anderen Seite dabei mitgeholfen haben, sie zu unterminieren.
Neben General Gorbatow und einigen weiteren Militärs gab es noch eine andere, umfassendere Ausnahme von der Festlegung, politische Gefangene nicht zu amnestieren: Ungeachtet seiner früheren Aussagen beendete das NKWD die Verbannung der Polen an die Peripherie der UdSSR überraschend schnell wieder. Am 30. Juli 1941, einen Monat nach Beginn des Unternehmens »Barbarossa«, unterzeichneten der Chef der polnischen Exilregierung in London, General Sikorski, und der sowjetische Botschafter in Großbritannien, Iwan Maiski, einen Waffenstillstand. Der Sikorski-Maiski-Pakt, wie er bald genannt werden sollte, stellte den polnischen Staat wieder her, dessen Grenzen noch zu bestimmen waren, und verkündete eine Amnestie für »alle polnischen Bürger, die gegenwärtig auf dem Gebiet der UdSSR ihrer Freiheit beraubt sind«.
475
Alle Polen, die im Gulag oder in der Verbannung saßen, wurden offiziell freigelassen. Sie durften einer neuen Division der polnischen Armee beitreten, die in der Sowjetunion gebildet wurde. In Moskau erfuhr General Wladyslaw Anders, ein polnischer Offizier, der die letzten zwanzig Monate in der Lubjanka verbracht hatte, bei einer überraschenden Begegnung mit Beria persönlich, er sei zum Befehlshaber der neuen Armee ernannt. Nach dem Zusammentreffen verließ General Anders das Gefängnis in einem Wagen des NKWD mit Chauffeur in Hemd und Hose, aber ohne Schuhe.15)
Auf polnischer Seite hatten viele etwas gegen den Begriff »Amnestie« für die Freilassung unschuldiger Menschen einzuwenden, aber dies war nicht die Zeit für Wortklauberei, denn das Verhältnis zwischen den beiden neuen »Verbündeten« war noch nicht gefestigt. Die sowjetischen Behörden lehnten jede moralische Verantwortung für die »Soldaten« der neuen Armee ab, die alle in einem erbarmungswürdigen Gesundheitszustand waren. General Anders wurden keinerlei Verpflegung oder andere Versorgungsgüter zugesagt. »Ihr seid Polen, soll Polen euch ernähren«, hieß es nur.16)
Die sowjetische Seite komplizierte die Sache noch dadurch, dass sie einige Monate später erklärte, die Amnestie gelte nicht für alle ehemaligen polnischen Bürger, sondern nur für ethnische Polen. Ukrainer, Belorussen und Juden, die vorher in Polen gelebt hatten, mussten in der UdSSR bleiben. Viele suchten sich als Polen auszugeben, wurden aber von ihren polnischen Landsleuten selbst entlarvt, die befürchteten, wieder ins Lager zurückzumüssen, sollte der Schwindel auffliegen.17
Andere polnische Gefangene wurden aus Lager oder Verbannung völlig mittellos freigelassen, ohne zu wissen, wohin sie sich wenden sollten. Einer erinnert sich: »Die sowjetischen Behörden in Omsk wollten uns nicht helfen. Sie erklärten, sie wüssten nichts von einer polnischen Armee. Wir sollten uns in der Nähe von Omsk Arbeit suchen.«18 Die entlassenen Polen zogen, Gerüchten folgend, auf der Suche nach der polnischen Armee in der Sowjetunion umher. Nach und nach fanden sie sich samt Frauen und Kindern in Kuibyschew, dem Hauptstützpunkt der polnischen Armee, und in ihren anderen Basen zusammen.
476
Das Verhältnis zu den sowjetischen Behörden blieb schlecht. Mitarbeiter der ehemaligen polnischen Botschaft in der Sowjetunion, die überall im Lande verstreut waren, blieben aus unerfindlichen Gründen weiter in Haft. Weil er eine Zuspitzung der Lage befürchtete, änderte General Anders im März 1942 seinen Plan. Statt mit seiner Armee nach Westen in Richtung Front zu marschieren, erhielt er die Erlaubnis, sie aus der Sowjetunion zu evakuieren. Es war eine wahre Großaktion: 74.000 polnische Armeeangehörige und weitere 41.000 Zivilisten, darunter viele Kinder, wurden per Eisenbahn in den Iran gebracht.
Einige in der Sowjetunion zurückgebliebene Polen schlossen sich der Kosciuszko-Division an, einer polnischen Einheit, die in der Roten Armee kämpfte. Andere mussten bis Kriegsende auf ihre Repatriierung warten. Manche blieben auch für immer. Bis heute kann man in Kasachstan und Nordrussland polnische Dörfer finden, wo ihre Nachkommen leben.
Die meisten, die die Sowjetunion verließen, griffen bald in die Kämpfe ein. Nachdem sich die Anders-Armee im Iran erholt hatte, schloss sie sich den Alliierten in Europa an. Nach abenteuerlicher Reise über Palästina, zum Teil sogar Südafrika, kämpften sie in der Schlacht von Montecassino für die Befreiung Italiens. Die polnischen Zivilisten wurden in kleineren Gruppen auf die verschiedenen Teile des Britischen Empire verteilt. Polnische Kinder konnte man in Waisenhäusern von Indien, Palästina und selbst Ostafrika finden. Die meisten kehrten nie in das von der Sowjetunion besetzte Nachkriegspolen zurück.19)
Nach dem Auszug aus der UdSSR leisteten diese Polen ihren weniger glücklichen ehemaligen Mithäftlingen einen unschätzbaren Dienst. Armee und polnische Exilregierung führten in Iran und Palästina mehrere Befragungen von Soldaten und deren Familien durch, um herauszufinden, was mit den in die Sowjetunion deportierten Polen tatsächlich geschehen war.
Da die Anders-Armee die einzige große Gruppe von Gefangenen ist, die jemals die Sowjetunion verlassen durfte, sind die Ergebnisse dieser Befragungen und etwas hastiger historischer Nachforschungen fast ein halbes Jahrhundert lang das einzige substanzielle Material gewesen, das die Existenz des Gulags belegte.
477
In bestimmten Grenzen war es erstaunlich korrekt: Ohne die Geschichte des Gulags zu kennen und zu durchschauen, vermittelten die polnischen Gefangenen einen Eindruck von der gewaltigen Größe des Lagersystems, seinen geografischen Ausmaßen — sie brauchten nur all die Orte aufzuzählen, wo man sie festgehalten hatte — und den schrecklichen Lebensbedingungen der Kriegszeit.
Nach dem Krieg bildeten die Erlebnisse der Polen die Grundlage für Berichte über sowjetische Zwangsarbeitslager, die die amerikanische Library of Congress und der Gewerkschaftsdachverband American Federation of Labor (AFL) zusammenstellten. Diese sehr direkten Schilderungen des Lagersystems in der Sowjetunion schockierten viele Amerikaner, die seit den Tagen des Holzboykotts in den zwanziger Jahren die Existenz der Lager fast völlig verdrängt hatten. Im Jahr 1949 versuchte die AFL die UNO zu überzeugen, der Zwangsarbeit in ihren Mitgliedstaaten nachzugehen. Zu diesem Zweck übergab sie umfangreiches Beweismaterial zum Fall der Sowjetunion:
»Es ist noch nicht vier Jahre her, da die Arbeiter der Welt ihren ersten Sieg errungen haben, den Sieg gegen den nationalsozialistischen Totalitarismus. Das geschah nach einem Krieg, der die größten Opfer forderte — einem Krieg gegen die Politik der Versklavung aller Völker, in deren Länder die Nationalsozialisten einmarschierten... Ungeachtet dieses Sieges der Alliierten ist die Welt jedoch in hohem Maße beunruhigt über Nachrichten, die darauf hinzuweisen scheinen, dass die Übel, für deren Ausrottung so viele gekämpft und ihr Leben gelassen haben, in verschiedenen Teilen der Welt immer noch nicht beseitigt sind...«20)
Der Kalte Krieg hatte begonnen.
478
Als Deutschland zerfiel, konnte Stalin sich der Nachkriegsordnung zuwenden. Sein Plan, Mitteleuropa in die sowjetische Einflusssphäre einzugliedern, nahm feste Konturen an. Nicht zufällig trat nun auch das NKWD in die Phase seiner »internationalistischen« Expansion ein. »Dieser Krieg ist nicht wie in der Vergangenheit«, bemerkte Stalin in einem Gespräch mit Tito, das der jugoslawische Kommunist Milovan Djilas festgehalten hat: »Wer immer ein Gebiet besetzt, erlegt ihm auch sein eigenes gesellschaftliches System auf. Jeder führt sein eigenes System ein, so weit seine Armee vordringen kann.«21
Konzentrationslager waren integraler Bestandteil des sowjetischen »Gesellschaftssystems«. Als der Krieg seinem Ende entgegenging, begann die sowjetische Geheimpolizei ihre Vorgehensweise und ihr Personal in das sowjetisch besetzte Europa zu exportieren, wo sie ihren neuen ausländischen Gefolgsleuten das Lagerregime und die Methoden beibrachte, die sie zu Hause hatte perfektionieren können.
Die Lager in Ostdeutschland waren wahrscheinlich die härtesten. Sobald die Rote Armee 1945 in Deutschland einrückte, begann die sowjetische Militäradministration so genannte Sonderlager einzurichten. Insgesamt waren es schließlich elf an der Zahl. Zwei — Sachsenhausen und Buchenwald — befanden sich auf dem Gelände ehemals nationalsozialistischer KZs. Alle unterstanden direkt dem NKWD, das sie ebenso organisierte und führte wie den Gulag: mit denselben Arbeitsnormen, Hungerrationen und überfüllten Baracken. In den Hungerjahren der Nachkriegszeit scheint man in diesen deutschen Lagern noch schneller gestorben zu sein als in der Sowjetunion. In den fünf Jahren ihres Bestehens durchliefen 240.000 meist politische Gefangene diese Lager. 95.000 — fast ein Drittel — sollen dort umgekommen sein. War schon das Leben sowjetischer Gefangener den Behörden nicht besonders wichtig, so bedeutete das von deutschen »Faschisten« sicher noch weniger.
Allerdings waren die meisten Insassen der ostdeutschen Lager keine hochrangigen Nationalsozialisten oder erwiesene Kriegsverbrecher. Diese brachte man in der Regel sofort nach Moskau zum Verhör und danach entweder in sowjetische Kriegsgefangenenlager oder in den Gulag. Die Sonderlager dienten im Wesentlichen dem gleichen Ziel wie die Deportationen von Polen und Balten: Der deutschen Bourgeoisie sollte das Rückgrat gebrochen werden.
479
Daher saßen dort nicht führende NS-Bonzen oder Kriegsverbrecher ein, sondern Richter, Rechtsanwälte, Unternehmer, Geschäftsleute, Ärzte und Journalisten, darunter auch einige der ganz wenigen Hitlergegner in Deutschland, die die Sowjetunion auf paradoxe Weise ebenfalls fürchtete. Wer es gewagt hatte, gegen die Nationalsozialisten zu kämpfen, konnte schließlich auch den Mut aufbringen, sich gegen die Rote Armee zu wenden.22
Einen ähnlichen Personenkreis internierte das NKWD in Ungarn und der Tschechoslowakei in Lagern, die die örtlichen Geheimdienste auf sowjetische Empfehlung einrichteten, nachdem die kommunistischen Parteien in Prag 1948 und in Budapest 1949 ihre Herrschaft konsolidiert hatten. Das tschechische Lagersystem war dabei von besonderer Art: Achtzehn Lagpunkte gruppierten sich um die Uranschächte von Jachymov. Aus heutiger Sicht scheint klar, dass politische Gefangene mit langen Haftstrafen — das Gegenstück zu den sowjetischen Katorga-Urteilen — dorthin geschickt wurden, um zu sterben. Obwohl sie Uranerz für das Projekt der neuen sowjetischen Atombombe abbauten, traf man für sie keinerlei Schutzmaßnahmen. Die Todesraten in diesen Lagern waren hoch, wenn man auch noch keine exakten Zahlen kennt.23)
In Polen war die Lage komplizierter. Bei Kriegsende befand sich ein beträchtlicher Teil der polnischen Bevölkerung in Lagern verschiedener Art: für Flüchtlinge (Juden, Ukrainer und ehemalige Zwangsarbeiter im nationalsozialistischen Machtbereich), für Internierte (Deutsche und Volksdeutsche, Polen, die deutsche Vorfahren angegeben hatten) oder für Kriegsgefangene. Die Rote Armee hatte einige ihrer Kriegsgefangenenlager direkt auf polnischem Boden eingerichtet, wo nicht nur Deutsche, sondern auch Mitglieder der polnischen Heimatarmee bis zu ihrer Deportation in die Sowjetunion einsaßen. 1954 gab es in Polen außerdem nach wie vor 84.200 politische Gefangene.24)
Lager gab es auch in Rumänien, in Bulgarien und ungeachtet seines »antisowjetischen« Rufs selbst in Titos Jugoslawien. Wie die Lager in Mitteleuropa ähnelten die auf dem Balkan zunächst dem Gulag. Mit der Zeit veränderten sie sich allerdings. Die meisten waren zunächst von örtlichen Polizeikräften unter sowjetischer Anleitung eingerichtet worden.
480
Die rumänische Geheimpolizei Securitate scheint unter direktem Befehl der sowjetischen Partner gestanden zu haben. Möglicherweise ist das der Grund, warum diese Lager dem Gulag am ähnlichsten sind. Selbst solche absurden, überspannten Projekte, wie Stalin sie in der Sowjetunion forcierte, waren dort zu finden. Das berühmteste, der Donau-Schwarzmeer-Kanal, scheint keine reale wirtschaftliche Funktion gehabt zu haben. Bis heute liegt er genauso leer und verlassen da wie der Ostsee-Weißmeer-Kanal, dem er so sehr gleicht. Eine zeitgenössische Propagandalosung lautete: »Der Donau-Schwarzmeer-Kanal ist das Grab der rumänischen Bourgeoisie!« Da bei seinem Bau etwa 200.000 Menschen ihr Leben lassen mussten, war das vielleicht tatsächlich der eigentliche Zweck des Projektes.25
Die bulgarischen und jugoslawischen Lager folgten anderen Vorstellungen. Die bulgarische Polizei scheint weniger an der Erfüllung von Produktionsplänen und mehr an der Bestrafung der Häftlinge interessiert gewesen zu sein.
Im Unterschied zum Gulag blieben die Lager in den osteuropäischen Staaten jedoch nicht lange bestehen. Viele wurden sogar noch vor Stalins Tod wieder aufgelöst. Die Sonderlager in Ostdeutschland gab es bereits 1950 nicht mehr, weil sie dem Ansehen der SED schadeten. Um das Image der neuen Staatsmacht aufzubessern und die Deutschen von der Flucht in den Westteil des Landes abzuhalten, die damals noch möglich war, päppelten die DDR-Behörden die Gefangenen vor der Entlassung auf und statteten sie mit neuer Kleidung aus. Aber nicht alle kamen frei. Die gefürchtetsten politischen Gegner der neuen Ordnung wurden wie die Polen zu jener Zeit in die Sowjetunion deportiert. Dasselbe galt für Angehörige der Totengräberbataillone in den Sonderlagern, die über die Existenz und die Standorte von Massengräbern hätten Auskunft geben können. So wurden sie erst in den neunziger Jahren gefunden und die sterblichen Überreste exhumiert.26
Auch die Lager in der Tschechoslowakei waren nicht von langer Dauer. Sie erreichten ihre größte Ausdehnung im Jahr 19451 und schrumpften dann zusehends, bevor sie ganz verschwanden. Der ungarische Ministerpräsident Imre Nagy löste die Lager in seinem Land unmittelbar nach Stalins Tod im Juli 1953 auf In Bulgarien dagegen gab es Zwangsarbeitslager noch bis weit in die siebziger Jahre, als das sowjetische Lagersystem bereits beseitigt war.27
481/482
Die dauerhafteste Wirkung hatte der Export des Gulags außerhalb Europas. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre, der Zeit der engsten Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und China, halfen sowjetische »Experten« dabei, mehrere Lager im Land verstreut und Zwangsarbeitsbrigaden in einer Kohlengrube bei Fushun einzurichten. Die chinesischen Lager mit der Bezeichnung Laogai (Umerziehung durch Arbeit) gibt es heute noch, wenn sie auch kaum an die Stalinschen Einrichtungen erinnern, denen sie einst nachempfunden waren. Sie sind immer noch Arbeitslager, und auf eine Haftstrafe dort folgt häufig eine Zeit der Verbannung wie unter Stalin, aber die Lagerchefs scheinen sich weniger um Normen und zentrale Produktionspläne zu kümmern. Stattdessen konzentrieren sie sich mehr auf rigide »Umerziehungs«-Maßnahmen. Ein demütiges Schuldeingeständnis der Häftlinge gegenüber der Partei scheint den Behörden mindestens so viel zu bedeuten wie die Waren, die die Häftlinge herstellen — wenn nicht mehr.28
Wie es sich in den Lagern dieser Verbündeten der Sowjetunion lebte und welche konkreten Ziele mit ihnen verfolgt wurden, wie lange es sie gab, wie straff geführt oder desorganisiert sie waren, wie grausam oder liberal sie wurden — all das hing von dem einzelnen Land und seiner Kultur ab. Offenbar war es für andere Länder verhältnismäßig einfach, das sowjetische Modell ihren eigenen Erfordernissen entsprechend abzuwandeln.
Eine Menschenrechtsgruppe in Seoul schätzt, dass heute noch immer etwa 200.000 Nordkoreaner in Lagern sitzen, weil sie das »Verbrechen« begangen haben, eine ausländische Zeitung zu lesen oder einen ausländischen Sender zu hören, mit einem Ausländer zu sprechen oder die nordkoreanische Führung auf irgendeine Weise zu »beleidigen«. Man nimmt weiter an, dass etwa 400.000 Menschen in solchen Lagern umgekommen sind.29
Außerdem sind die nordkoreanischen Lager offenbar nicht auf Nordkorea beschränkt. Im Jahr 2001 berichtete die »Moscow Times«, die nordkoreanische Regierung zahle Schulden an Russland zurück, indem sie Arbeitsbrigaden in schwer bewachten Bergwerks- und Holzfällerlagern in entlegenen Teilen Sibiriens einsetze. Diese Lager, ein Staat im Staate, haben ihre eigene Lebensmittelversorgung, ihre eigenen Strafeinrichtungen und Wachdienste. Insgesamt soll es um circa sechstausend Arbeiter gehen. Ob sie Lohn erhalten oder nicht, ist unklar. Aber mit Sicherheit können sie die Gegend nicht auf eigenen Wunsch verlassen.30
482-483
#
www.detopia.de ^^^^
Applebaum-2003