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7 Die
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An die Tschekisten
Eine große und
schwere Mission
Aus des Tschekisten Miene spricht Mut. |
Erzittert, erbebt, ihr Feinde! |
Gedicht des sowjetischen |
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So merkwürdig es klingen mag: Nicht alle Regeln für das Leben im Lager wurden von den Kommandanten geschrieben. Es gab auch ungeschriebene — wie man sich eine Stellung erkämpfte, wie man an Privilegien kam, wie man etwas besser lebte als die anderen. Und es gab eine heimliche Hierarchie. Wer diese ungeschriebenen Gesetze beherrschte und die Leiter der Hierarchie zu erklimmen wusste, hatte eine wesentlich größere Chance zu überleben.
Ganz oben standen der Kommandant, die Oberaufseher, die Wärter, Gefängniswärter und Wachmänner. Sie konnte man nicht als separate Kaste betrachten, die völlig getrennt von den Häftlingen existierte. Im Unterschied zu den SS-Wachen in deutschen Konzentrationslagern galten sie nicht als rassisch - also für alle Zeiten - überlegen.
Oft gehörten sie derselben Nationalität an wie die Gefangenen. Noch lebten Wachen und Häftlinge in völlig getrennten gesellschaftlichen Sphären. Einige Wärter und Verwaltungsangehörige machten mit Häftlingen hervorragende Geschäfte. Andere tranken zusammen. Viele »kohabitierten« mit Lagerinsassen, wie man im Gulag den Geschlechtsverkehr nannte.2)
Manche waren früher selbst Gefangene gewesen. In den dreißiger Jahren galt es als völlig normal, dass Häftlinge bei guter Führung in die Wachmannschaften aufsteigen konnten. Einige gelangten sogar noch weiter nach oben.3) Naftali Frenkels Karriere ist sicher das prominenteste Beispiel, aber nicht das einzige.
Jakow Kupermans Laufbahn war nicht so herausragend, aber dafür wesentlich typischer. Seine unveröffentlichten Memoiren hat er der Gesellschaft Memorial in Moskau übergeben. Er wurde 1930 verhaftet und zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Zunächst kam er nach Kem, das Transitlager für die Solowezki-Inseln. Später wurde er in die Planungsabteilung des Bauprojekts am Weißmeer-Kanal versetzt. 1932 überprüfte man seinen Fall und änderte seinen Status: Aus dem Häftling wurde ein Verbannter. Schließlich wurde er freigelassen und übernahm eine Arbeit in Bamlag an der Baikal-Amur-Eisenbahn, eine Erfahrung, an die er sich bis zu seinem Lebensende »mit Befriedigung« erinnerte.4) Sein Entschluss war nichts Ungewöhnliches. 1938 bestand über die Hälfte des Verwaltungspersonals und etwa die Hälfte der bewaffneten Wachen von Belbaltlag, dem Lager, das für den Bau des Weißmeer-Kanals zuständig war, aus ehemaligen und derzeitigen Gefangenen.5)
Ein Status konnte gewonnen werden, aber auch wieder verloren gehen. Es war relativ leicht, vom Häftling zum Wärter aufzusteigen; genauso schnell konnten aus Wärtern allerdings auch Häftlinge werden. Unter den Tausenden NKWD-Leuten, die während der Säuberungen von 1937/38 verhaftet wurden, waren viele Gulag-Angestellte und Lagerkommandanten. Auch in späteren Jahren wurden hochrangige Aufseher und Verwaltungsangestellte des Gulags immer wieder von argwöhnischen Kollegen festgesetzt. In den isolierten Lagpunkten blühten Klatsch und Tratsch: Ganze Akten in den Gulag-Archiven sind voll von Denunziationen und Gegendenunziationen, zornigen Briefen über Versäumnisse in den Lagern und den daraus resultierenden Befehlen, die Schuldigen oder Unbeliebten festzunehmen.6)
Bewaffnete Wachmänner und Angestellte wurden regelmäßig verhaftet: wegen Desertion, Trunksucht, Diebstahl, Verlust der Waffe, ja sogar wegen Misshandlung von Gefangenen.7) In den Akten des Transitlagers beim Hafen Wanino findet sich beispielsweise der Fall von W. N. Sadownikow, einem Wachmann, der eine Krankenschwester im Lager umbrachte, die er irrtümlich für seine Frau hielt; von I.M. Sobolew, der mehreren Häftlingen insgesamt 300 Rubel stahl, sich betrank und dafür aus der Partei ausgeschlossen wurde; von W. D. Suworow, der ein Trinkgelage veranstaltete und dabei mit Offizieren in Streit geriet; von anderen, die sich »um den Verstand soffen« oder zu betrunken waren, um ihren Posten zu beziehen.8)
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Das Leben in den fernen Außenlagern sei so stumpfsinnig, beklagte sich ein Angestellter in einem Brief nach Moskau, dass der Mangel an Unterhaltung »viele der Jungs dazu bringt, zu desertieren, die Disziplin zu verletzen, zu trinken und Karten zu spielen — was regelmäßig vor Gericht endet«.9)
Es war sogar möglich und kam gar nicht so selten vor, dass sich der Kreis schloss: NKWD-Offiziere konnten zu Häftlingen werden, dann wieder zu Wärtern aufsteigen und schließlich in der Gulag-Zentrale eine zweite Laufbahn starten. Viele ehemalige Häftlinge haben beschrieben, wie rasch ein in Ungnade gefallener NKWD-Offizier im Lager wieder auf die Beine kam und zu realer Macht gelangte.
In seinen Memoiren schildert Lew Rasgon die Begegnung mit einem niederen NKWD-Beamten namens Korabelnikow, den er auf der Fahrt von Moskau traf. Dieser erzählte ihm: »Einmal habe ich im Suff meinem besten Freund was ausgeplaudert, habe ihm von einer Geldsache des Natschalniks erzählt... Fünf Jahre als sozial gefährliches Element haben sie mir aufgebrummt, und ab in die allgemeine Etappe. Die Etappe wie für alle ...« Aber Korabelnikow war nicht wie alle. Einige Monate später begegnete Rasgon ihm erneut. Da trug er schon wieder eine schicke Uniform. Er hatte einen »guten« Job, war jetzt Chef des Straflagers von Ustwymlag.10)
Rasgons Geschichte gibt eine Realität wieder, die von Archivdokumenten bestätigt wird. In der Tat waren viele Offiziere des Gulags vorbestraft. Man kann fast den Eindruck gewinnen, dass die Gulag-Administration innerhalb des NKWD so etwas wie ein Auffangbecken für in Ungnade gefallene Mitarbeiter der Geheimpolizei war.11) Einmal an der Peripherie des Imperiums angekommen, fanden diese Offiziere nur selten den Weg in eine andere NKWD-Dienststelle oder gar nach Moskau zurück. Um ihren Status sichtbar zu machen, trugen die im Gulag Beschäftigten andere Uniformen und Abzeichen, die leicht abgewandelte Ränge symbolisierten.12) Auf Parteiversammlungen beschwerten sie sich über ihr geringes Ansehen. »Der Gulag wird als eine Verwaltungsform angesehen, von der alles verlangt werden kann, die aber nichts erhält«, nörgelte ein Offizier. »Diese übertrieben bescheidene Denkweise — dass wir schlechter seien als alle anderen — ist nicht richtig. Von daher stammen die Ungerechtigkeiten bei Gehalt, Unterkunft und so weiter.«13)
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Diesen relativ niedrigen Status hatten die Lagerkommandanten von Anfang an. In einem Brief, der in den frühen zwanziger Jahren aus Solowezki herausgeschmuggelt wurde, schrieb ein Gefangener, die Lagerführung bestehe fast ausschließlich aus degradierten Tschekisten, die »für Diebstahl, Veruntreuungen u. a. verurteilt worden sind«.14 In den dreißiger und vierziger Jahren wurde der Gulag zur Endstation für NKWD-Beamte, deren Biografien nicht in die Zeit passten: Entweder war ihre Herkunft nicht ausreichend proletarisch, oder ihre polnische, jüdische oder baltische Nationalität ließ sie zu Zeiten unzuverlässig erscheinen, da diese ethnischen Gruppen besonders verfolgt wurden. Der Gulag war außerdem letzte Zuflucht für jene, die einfach dumm und unfähig oder dem Alkohol verfallen waren. 1937 klagte der damalige Chef des Gulags, Israil Pliner:
»Wir haben Abgänger aus anderen Abteilungen bekommen, und man schickte sie uns nach dem Prinzip: >Ihr könnt haben, was wir nicht brauchen.; Im besten Fall gab man uns hoffnungslose Trunkenbolde. Wenn ein Mann erst Trinker geworden war, schob man ihn in den Gulag ab ... Wenn jemand ein Vergehen verübt hat, ist es aus Sicht des NKWD-Apparates die höchste Strafe, ihn zur Arbeit ins Lager zu schicken.«15
1945 sandte Gulag-Chef Wassili Tschernyschew ein Memorandum an alle Lagerkommandanten und regionalen Leiter des NKWD, in dem er seine Entrüstung über das niedrige Niveau der Wachmannschaften in den Lagern zum Ausdruck brachte: Es gebe zahlreiche Fälle von »Selbstmord, Desertion, Waffenverlust und -diebstahl, Trunksucht und anderen unmoralischen Verhaltensweisen« sowie häufige »Verstöße gegen das revolutionäre Recht«.16
Die gulageigenen Archive bestätigen auch, was eine ehemalige Gefangene sehr delikat ausdrückte, dass es sich nämlich beim Wach- und Verwaltungspersonal »meist um sehr beschränkte Leute« handelte.17) Von den elf Männern, die sich »Kommandant des Gulags« nennen durften und zwischen 1930 und 1960 an der Spitze des ganzen Systems standen, hatten nur fünf irgendeine höhere Schulbildung genossen, während drei nicht über die Grundschule hinausgekommen waren.18)
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Wenn man das untere Ende der NKWD-Hierarchie betrachtet, dann geht aus den Personalakten der vierziger Jahre hervor, dass selbst die Elite des Lagerpersonals, die Mitglieder und Kandidaten der Partei, fast ausschließlich bäuerlicher Herkunft mit minimalem Bildungsstand war. Einige hatten ganze fünf Jahre die Schule besucht, manche sogar nur drei.19)
Die bewaffneten Wachmannschaften, wegen der sowjetischen Vorliebe für Abkürzungen Wochr für Wojennisirowannaja ochrana genannt, bewegten sich noch unter diesem Bildungsniveau. Das waren die Männer, die am Lagerzaun patrouillierten, die Häftlinge zur Arbeit begleiteten und die Transportzüge bewachten — oft nur mit einer sehr vagen Vorstellung von dem, was sie da taten. In einem Bericht aus Kargopollag heißt es dazu sehr charakteristisch: »Es scheint, dass die Wachleute nicht einmal die Namen der Mitglieder des Politbüros oder anderer Parteiführer kennen.«20 In einem anderen Dokument sind Vorfälle aufgelistet, da bewaffnete Posten ihre Waffe missbrauchten. Einer habe drei Häftlinge verletzt, »weil er nicht wusste, wie sein Gewehr funktioniert«.21 Moskau drängte die Lagerkommandanten immer wieder, der »Kultur- und Erziehungsarbeit« mit dem Wachpersonal mehr Zeit zu widmen.22
Aber selbst mit den »Abgängern« und »hoffnungslosen Trunkenbolden« aus anderen Abteilungen des NKWD konnte der Bedarf des Gulags an Dienstpersonal nicht gedeckt werden. Die meisten sowjetischen Institutionen litten an chronischem Personalmangel, was sich im Gulag besonders stark bemerkbar machte. Selbst das NKWD konnte nicht genügend straffällige Beamte aufbieten, um den in die Höhe schnellenden Bedarf zu decken, der von 1930 bis 1939 auf das 18-Fache anstieg. Zwischen 1939 und 1941 mussten noch einmal 150.000 Leute eingestellt werden. Nach dem Krieg expandierte der Gulag weiter. 1947 dienten allein in den bewaffneten Wachmannschaften 157.000 Menschen, und doch waren 40.000 Stellen unbesetzt.23
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Dieses Dilemma begleitete den Gulag bis zu seiner Auflösung. Mit Ausnahme einiger sehr hoher Posten galt die Arbeit in den Lagern nicht als angesehen oder attraktiv, waren die Lebensbedingungen — insbesondere auf den kleinen, fernen Außenposten im Hohen Norden — alles andere als komfortabel. Die ständige Nahrungsmittelknappheit bedeutete, dass das Wach- und Verwaltungspersonal rationierte Lieferungen bezog, die von der eigenen Stellung abhängig waren.24 Nach einer Inspektionsreise durch die Lager im Workuta-Gebiet prangerte ein Gulag-Kontrolleur die schlechten Lebensbedingungen der Wachleute an, die vierzehn bis sechzehn Stunden täglich unter »den schweren klimatischen Bedingungen des Nordens« Dienst taten, nicht immer Kleidung und Schuhwerk erhielten, wie es nötig gewesen wäre, und in schmutzigen Baracken hausen mussten. Einige litten an Skorbut, Pellagra und anderen Mangelkrankheiten wie die Häftlinge auch.25) Ein anderer schrieb, dass in Kargopollag 26 Angehörige der Wochr vor Gericht gestellt und bestraft wurden, weil sie auf ihrem Posten eingeschlafen waren.26)
Seit Stalins Tod haben frühere Angehörige des Lagerpersonals immer wieder versucht, ihre Tätigkeit mit den Erschwernissen und der Härte des Dienstes zu rechtfertigen. Olga Wassiljewa, die Straßenbaulager des Gulags inspizierte, setzte mir bei einer Begegnung Geschichten vom harten Leben der Gulag-Mitarbeiter vor. In ihrer ungewöhnlich großen Moskauer Wohnung, einem Geschenk der dankbaren Partei, erzählte sie mir, wie sie einmal beim Besuch eines entfernten Lagers in das Haus des Kommandanten eingeladen wurde, wo sie im Bett seines Sohnes schlafen durfte. In der Nacht wurde ihr heiß, und es juckte überall. Sie glaubte, sie werde krank, und schaltete das Licht ein. »Auf seiner grauen Soldatendecke wimmelte es von Läusen. Die hatten nicht nur die Häftlinge, sondern auch die Chefs.«
In ihren Augen war die Aufgabe eines Lagerkommandanten extrem schwierig: »Es war kein Spaß, für Hunderte, ja Tausende Häftlinge verantwortlich zu sein, darunter Rückfalltäter und Mörder, Schwerverbrecher, von denen man alles erwarten konnte. Er musste ständig auf der Hut sein.« Einerseits wurde er gedrängt, das reibungslose Funktionieren des Lagers zu organisieren, aber er hatte auch noch alle möglichen anderen Probleme zu lösen:
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»Der Chef eines Bauvorhabens war zugleich der Lagerkommandant. Sechzig Prozent seiner Zeit musste er dem Lager widmen, nicht den Bauarbeiten, der Planung und den damit verbunden Problemen. Jemand wurde krank, was bedeutete, es konnte eine Epidemie im Anzug sein. Irgendwo war ein Unfall passiert, jemand musste ins Krankenhaus gebracht werden, ein anderer brauchte Pferd und Wagen oder einen Karren.«27
1930, als das Lagersystem noch als Teil der wirtschaftlichen Entwicklung der UdSSR aufgefasst wurde, warb die OGPU intern mit regelrechten Kampagnen für die neuen Lager im Hohen Norden:
»Die Tschekisten haben mit ihrem Enthusiasmus und ihrer Energie die Lager auf den Solowezki-Inseln gegründet und aufgebaut. Sie spielen eine wichtige, positive Rolle bei der industriellen und kulturellen Entwicklung im Hohen Norden des europäischen Teils unseres Landes. Solchen neuen Lagern wie Solowezki kommt eine umgestaltende Rolle in der Wirtschaft und Kultur der entlegenen Gebiete zu. Für diese Verantwortung ... brauchen wir besonders standhafte Tschekisten, Freiwillige, die harte Arbeit nicht scheuen...«
Freiwilligen bot man unter anderem ein bis zu fünfzig Prozent höheres Gehalt als üblich, zwei Monate Urlaub im Jahr und nach drei Jahren eine Prämie in Höhe von drei Monatsgehältern sowie einen dreimonatigen Urlaub an. Außerdem sollte das höhere Führungspersonal monatlich ein kostenloses Lebensmittelpaket sowie Zugang zu »Rundfunk, Sport- und Kultureinrichtungen« erhalten.28
Später, als jeder echte Enthusiasmus verschwunden war (wenn es ihn überhaupt je gab), wurden die Anreize systematischer verteilt. Man führte eine Rangfolge der Lager nach Entfernung und Schwere der Bedingungen ein. Je entlegener das Lager und je härter die Umstände, desto höher die Entlohung eines NKWD-Offiziers. Mancherorts organisierte man Sportwettkämpfe und andere Zerstreuungen für die Beschäftigten. In Sotschi am Schwarzen Meer und in Kislowodsk im Kaukasus baute das NKWD eigene Sanatorien, so dass die ranghöchsten Offiziere ihren langen Urlaub in warmem Klima und komfortabler Umgebung verbringen konnten.29)
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Die Gulag-Zentrale richtete Schulen ein, wo Offiziere aus den Lagern zwecks Beförderung ihre Qualifikation verbessern konnten. In einer solchen Einrichtung in Charkow wurden nicht nur die obligatorischen Lehrgänge in »Geschichte der Partei« und »Geschichte des NKWD«, sondern auch Strafrecht, Lagerführung, Verwaltung, Buchhaltung und militärische Fächer angeboten.30)
Das Geld und die anderen Vorteile waren für manchen Beschäftigten der unteren Ebenen durchaus attraktiv. Viele sahen im Gulag einfach die beste aller schlechten Möglichkeiten. In Stalins Sowjetunion, gezeichnet von Hunger und Krieg, als Wachmann oder Gefängniswärter zu arbeiten, versprach sozialen Aufstieg. Susanna Petschora erinnert sich aus den fünfziger Jahren an eine Aufseherin, die im Lager arbeitete, weil das die einzige Möglichkeit war, der Armut im Kolchos ihres Heimatdorfes zu entkommen: »Mit ihrem Lagergehalt ernährte sie ihre sieben Brüder und Schwestern.«31)
Aber auch die Aussicht auf ein hohes Einkommen, langen Urlaub und sozialen Aufstieg reichte nicht immer aus, um genügend Personal in den Gulag zu bringen, insbesondere für niedere Arbeiten. Wenn der Bedarf zu groß wurde, sandten die Arbeitsämter Menschen einfach dorthin, wo sie gebraucht wurden, ohne ihnen genau zu sagen, worum es sich handelte. Soja Jeremenko, eine ehemalige Krankenschwester im Gulag, wurde direkt von der Schwesternschule an einen Ort geschickt, der eine Baustelle sein sollte. Bei der Ankunft stellte sie fest, dass es sich um das Lager Krasnojarsk 26 handelte. »Zunächst waren wir überrascht und verängstigt, aber als wir uns umgesehen hatten, stellten wir fest, dass die Leute und die Arbeit <dort> so waren, wie wir es auf Grund unserer Ausbildung erwarten konnten«, erinnert sie sich.32
Besonders tragisch war das Schicksal derer, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Arbeit in den Lagern gezwungen wurden. Tausende Soldaten der Roten Armee, die kämpfend bis nach Deutschland gekommen waren, Zivilisten, die während des Krieges »im Ausland« gelebt hatten, weil sie deportiert worden waren oder flüchten mussten, wurden bei der Rückkehr in die Sowjetunion an der Grenze festgenommen und in »Filtrationslager« gebracht, wo man sie gründlich verhörte.
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Wer nicht sofort festgenommen wurde, konnte durchaus beim Wachdienst von Gefängnissen und Lagern landen. Anfang 1946 betraf das 31.000 Personen. In manchen Lagern stellten sie bis zu achtzig Prozent der Wachmannschaften.33 Waren sie einmal dort, gab es kaum ein Entrinnen. Ihre Dokumente — Pass, Aufenthaltserlaubnis und Belege für den Militärdienst — hatten die Behörden eingezogen. Ohne diese konnten sie das Lager nicht verlassen und sich auch keine neue Arbeit suchen. Drei- bis vierhundert begingen jedes Jahr Selbstmord.34)
Andere ließen sich einfach gehen. Karlo Stajner, ein jugoslawischer Kommunist, der während des Krieges und danach in Norilsk einsaß, erinnert sich, dass solche Wärter »sich stark von jenen [unterschieden], die nicht gekämpft hatten«.
Bei ihnen war
»eine gewisse Demoralisierung festzustellen, die sich darin ausdrückte, daß sie bereit waren, sich von den weiblichen Gefangenen bestechen zu lassen oder von der Willigkeit der hübschen unter ihnen selbst Gebrauch zu machen und auch sonst Dinge zu tun, für die sie vor dem Krieg keinesfalls zu haben gewesen wären. Die strenge Bestrafung, die ihnen drohte, wenn das Kommando davon erfuhr, schreckte sie nicht ab. Oft erlaubten sie den Kriminellen, die Brigade zu verlassen, um in die Wohnungen der Freien einzubrechen; die Beute wurde dann geteilt.«35)
Nur wenige protestierten. In den Archiven findet sich der Fall eines Rekruten namens Daniljuk, der sich entschieden weigerte, zu den bewaffneten Wachmannschaften zu gehen. »Ich will grundsätzlich nicht in den Organen des MWD [Innenministeriums] dienen«, lautete seine Begründung. Dabei blieb er trotz »Überprüfung«, womit die Amtssprache gewöhnlich Einschüchterung, möglicherweise auch Schläge über einen langen Zeitraum umschrieb. Schließlich wurde er entlassen — zumindest in seinem Fall zahlte unbeirrbare und ausdauernde Verweigerung sich aus.36)
Am Ende belohnte das System jedoch seine effizientesten und treuesten Bediensteten. Vor allem jene, die dem Staat mit der Arbeit ihrer Gefangenen große Mengen Gold oder Holz lieferten, konnten mehr erwarten als nur eine erfolgreiche Laufbahn und bessere Verpflegung. Während es sich im gewöhnlichen, abgelegenen Lagpunkt selbst für die Führung niemals angenehm lebte, richtete man sich in den Hauptquartieren der großen Lager mit der Zeit sehr komfortabel ein.
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In den vierziger Jahren hatten sich die Mittelpunkte solcher Lagerkomplexe wie Magadan, Workuta, Norilsk oder Uchta zu pulsierenden Städten mit Geschäften, Theatern und Parks gemausert. Seit den frühen Tagen der Gulag-Pioniere hatten sich die Lebensbedingungen enorm verbessert. Die Lagerkommandanten erhielten hier wesentlich höhere Gehälter, mehr Zuwendungen und längeren Urlaub als im übrigen Land. Sie kamen leichter an Lebensmittel und Konsumgüter als der Durchschnitt. »Das Leben in Norilsk war besser als anderswo in der Sowjetunion«, erinnert sich Andrej Tscheburkin, ein Vorarbeiter in Norilsk und späterer Beamter in der Stadtverwaltung:
»Alle Chefs hatten Hausmädchen, die sie sich aus dem Lager holten. Dann war das Essen ganz hervorragend. Es gab jede Sorte Fisch. Den konnte man selber in den Seen fangen. Während man in der Sowjetunion noch auf Lebensmittelkarten einkaufte, brauchten wir die dort kaum. Fleisch und Butter gab es zur Genüge. Sekt, wenn man wollte, auch Krabben in Hülle und Fülle. Kaviar ... Überall Fässer davon. Ich rede natürlich von den Chefs. Nicht von den Arbeitern. Aber die Arbeiter waren damals Gefangene...«37
Tscheburkins erster Punkt — »alle Chefs hatten Hausmädchen« — war der entscheidende, denn er betraf nicht nur die Chefs, sondern praktisch alle freien Angestellten. Nach den Bestimmungen durften Häftlinge nicht als Hausangestellte eingesetzt werden. Dennoch passierte es ständig und war den vorgesetzten Behörden bekannt. Wiederholte Versuche, dem ein Ende zu setzen, fruchteten nichts.38)
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Thomas Sgovio arbeitete als persönliche Ordonnanz bei einem höheren Lageraufseher an der Kolyma. Er musste dessen Essen kochen und Alkohol für ihn beschaffen. Der Mann fasste Vertrauen zu ihm. »Thomas, mein Junge«, pflegte er zu sagen, »merk dir eins: Pass' auf mein Parteibuch auf. Achte darauf, dass es nicht verloren geht, wenn ich betrunken bin. Du bist mein Diener. Wenn es jemals verschwindet, muss ich dich wie einen Hund erschießen... Und das will ich nicht.«39)
Für die wirklich hohen Bosse war Dienstpersonal nur der Anfang. Iwan Nikischow, der 1939 im Gefolge der Säuberungen Chef von Dalstroi wurde und es bis 1948 blieb, war dafür berüchtigt, dass er inmitten von tiefster Armut Reichtümer anhäufte. Nikischow war eine andere Generation als Bersin, unberührt von den mageren, aber leidenschaftlichen Jahren der Revolution und des Bürgerkrieges. Vielleicht hatte er deshalb keine Hemmungen, seine Position zu nutzen, um sich ein schönes Leben zu machen. Er umgab sich mit einer »vielköpfigen Leibwache, Luxusautos, großen Büros und einem prachtvollen Landhaus an der Küste des Stillen Ozeans«,40 das nach Aussagen von Häftlingen mit Orient-Teppichen, Bärenfellen und Kristalllüstern ausgestattet war.
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In dem luxuriösen Esszimmer, so heißt es, ließen er und seine zweite Frau, eine junge, ehrgeizige Lagerkommandantin namens Gridassowa, es sich bei Bärenfleisch, Wein aus dem Kaukasus, aus dem Süden eingeflogenen Beeren, frischen Tomaten und Gurken aus privaten Gewächshäusern wohl sein.41
Häufig mussten Gefangene dabei mithelfen, derartige Launen zu befriedigen. Dem Lagerarzt Isaac Vogelfanger fehlte es ständig an medizinischem Alkohol, weil sein Pharmazeut daraus Kognak herstellte, mit dem der Lagerchef zu Besuch kommende Würdenträger beeindrucken wollte: »Je mehr Alkohol sie bekommen, desto besser ist ihre Meinung über Sevurallag.« Vogelfanger war auch dabei, als der Lagerkoch mit eigens abgezweigten Leckerbissen ein »Bankett« für solche Besucher zubereitete. Auf den Tisch kamen »Kaviar, Räucheraal, Pasteten mit Pilzfüllung, arktische Forelle in Zitronenaspik, Gänsebraten und Spanferkel«.42
Zu dieser Zeit — es waren die vierziger Jahre — sahen sich Chefs wie Nikischow nicht mehr als reine Kerkermeister. Sie fingen sogar an, miteinander zu konkurrieren. Jeder wollte das beste Lagertheater, das beste Orchester und die besten Künstler haben. Lew Kopelew erlebte 1946 in Unschlag, dass der Lagerchef bereits im Gefängnis nach »Schauspielern, Musikern und Malern Ausschau halten« ließ, die er dann »als Genesende oder Sanitäter im Krankenhaus« beschützte. Das Lager wurde als »Zufluchtsstätte der Bühnenkunst« bekannt.43
Lew Rasgon berichtet, dass der Kommandant von Uchtischemlag »ein richtiges Operettenensemble besaß«. Außerdem waren bei ihm eine berühmte Ballerina des Bolschoi-Theaters, bekannte Sänger und Musiker »angestellt«.
»Mitunter stattete der Natschalnik vom Uchtinsker Lager dem Nachbarlager einen Besuch ab. Obwohl sich das ganz prosaisch <Erfahrungsaustausch> nannte, wurde eine solche Visite nach allen Regeln des Protokolls wie bei Besuchen von Staatsoberhäuptern abgewickelt. Die Obrigkeit umgab sich mit einer großen Suite von Abteilungsleitern, für die im Gästehaus Plätze reserviert wurden, Rundreisen wurden organisiert. Der geladene Natschalnik führte zwei seiner besten Künstler bei sich, damit die Gastgeber sahen, dass es auch bei ihm nicht schlecht um die Kunst bestellt war, vielleicht sogar noch besser.«44)
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Bis heute ist das ehemalige Theater von Uchtischemlag, ein riesiges, weiß getünchtes Bauwerk mit Säulen und Theatersymbolen am Giebel, eines der solidesten Gebäude der Stadt Uchta.
Aber nicht nur die Bewunderer der schönen Künste lebten ihre Neigungen aus. Wer den Sport bevorzugte, hatte ebenfalls Gelegenheit, eine eigene Fußballmannschaft zu gründen, die in heftigen Wettstreit mit anderen trat. Nikolai Starostin, der Fußballstar, der verhaftet worden war, weil seine Mannschaft das Pech hatte, Berias Lieblingsteam zu schlagen, wurde ebenfalls nach Uchta gebracht, wo man ihn schon am Bahnhof erwartete. Man geleitete ihn sofort zum Leiter der örtlichen Fußballmannschaft, der ihn höflich empfing und ihm erklärte, dass der Lagerchef ihn angefordert habe: »Das Herz des Generals schlägt für den Fußball. Er hat Sie hierher geholt.« Starostin verbrachte den größten Teil seiner Lagerhaft damit, Fußballmannschaften für das NKWD zu trainieren, wofür er von Lager zu Lager wanderte, je nachdem, welcher Kommandant ihn gerade brauchte.45
Gelegentlich, aber nur selten, lösten Nachrichten von solchen Eskapaden in Moskau Unruhe, zumindest aber Interesse aus. Vielleicht als Reaktion auf Klagen, die ihm zu Ohren kamen, ordnete Beria eine interne Untersuchung von Nikischows luxuriösem Lebensstil an. Der Bericht bestätigte unter anderem, dass dieser einmal für 15.000 Rubel — damals eine gewaltige Summe — ein Bankett ausgelichtet hatte, um das Gastspiel des Operettentheaters Chabarowsk zu feiern.46 In dem Bericht wird kritisiert, dass im Umfeld des Ehepaars ein »Klima der Speichelleckerei« herrsche: »Gridassowas Einfluss ist so groß, dass selbst Nikischows Stellvertreter zugeben, sie seien ihrer Positionen nur so lange sicher, wie die Frau des Kommandanten ihnen gut gesonnen sei.«47 Beria unternahm nichts. Gridassowa und Nikischow konnten ihren Lebensstil ungestört weiter pflegen.
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In den letzten Jahren ist es Mode geworden, darauf hinzuweisen dass man, im Widerspruch zu ihren späteren Erklärungen, nur wenige Deutsche zwingen musste, in KZs oder Erschießungskommandos tätig zu werden. Ein amerikanischer Wissenschaftler hat behauptet, die meisten hätten das aus freiem Willen getan, und damit eine Kontroverse ausgelöst.48 In Russland und anderen postsowjetischen Staaten liegt die Sache anders. Häufig hatten die Beschäftigten in den Lagern wie die meisten Sowjetbürger kaum eine andere Wahl. Das Arbeitsamt wies ihnen eine Arbeitsstelle zu, bei der sie zu erscheinen hatten. Keine Wahl zu haben gehörte zum Kern des sowjetischen Wirtschaftssystems.
Gleichwohl kann man nicht behaupten — wie manche das versuchen —, den Offizieren und Wachleuten des NKWD sei es »nicht besser gegangen als den Häftlingen, die ihnen unterstanden«, beide seien Opfer desselben Systems gewesen. Zwar hätten viele sicher gern anderswo gearbeitet, aber wenn man einmal im Gulag beschäftigt war, hatte man durchaus Entscheidungsfreiräume, vielleicht mehr als in den nationalsozialistischen Lagern, wo derartige Tätigkeit viel strikter reglementiert war. Den Angestellten des Gulags blieb es selbst überlassen, ob sie brutal oder freundlich waren. Sie konnten entscheiden, ob die Häftlinge sich zu Tode schinden mussten oder ob man so viele wie möglich am Leben erhielt. Sie konnten mit den Gefangenen mitfühlen, deren Schicksal sie vielleicht einst geteilt hatten und durchaus wieder teilen konnten, oder ihre zeitweilige Glückssträhne voll nutzen.
Nichts in ihrem bisherigen Leben konnte unabänderlich vorausbestimmen, wie ihr weiterer Weg sich gestaltete, denn sowohl die Lagerleitung als auch gewöhnliche Aufseher kamen aus ebenso vielen ethnischen Gruppen und sozialen Milieus wie die Gefangenen. Überlebende des Gulags, die den Charakter ihrer Bewacher beschreiben sollen, erklären immer wieder, dass es enorme Unterschiede gab. Wie Anna Andrejewa berichtet, waren unter ihnen »krankhafte Sadisten, aber auch ganz normale, gute Menschen«. Sie erinnert sich, wie der Hauptbuchhalter ihres Lagers wenige Tage nach Stalins Tod plötzlich in die Buchhaltung gestürzt kam, wo sie mit anderen Häftlingen arbeitete, sie umarmte und rief: »Nehmt die Nummern ab, Mädels, ihr könnt jetzt wieder eure eigenen Kleider tragen!«49
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Irina Arginskaja erzählte mir, ihre Aufseher seien nicht nur »sehr verschiedene Leute gewesen«, sondern hätten sich mit der Zeit auch verändert. Besonders die jungen Wehrpflichtigen, die neu ins Lager kamen, hätten gewütet »wie die Tiere«, weil sie noch mit Propaganda vollgepumpt waren. Aber »mit der Zeit begriffen sie, was vorging — nicht alle, aber ein großer Teil —, und verhielten sich ganz anders.«50)
Die Behörden drängten Wachpersonal und Lagerleitung natürlich, gegenüber den Häftlingen nicht entgegenkommend zu sein. Im Archiv der Gulag-Inspektion liegt der Fall Levin aus dem Jahr 1937: Gegen den Chef des Versorgungsdienstes einer Dienststelle von Dmitlag wurde wegen Nachsicht ermittelt. Man warf ihm vor, zu den Seks insgesamt zu freundlich zu sein, besonders zu einer Gruppe, die als Menschewiken galten.51)
Derartige Kritik hatte in der Regel jedoch keine schwerwiegenden Folgen. Mehrere hohe Lagerkommandanten waren sogar für ihre gute Behandlung der Häftlinge bekannt. In seinem Buch Das Urteil der Geschichte, seiner Abrechnung mit dem Stalinismus, berichtet der Dissident, Historiker und Publizist Roy Medwedjew von dem Lagerkommandanten W. A. Kundusch, der während der Kriegszeit die Forderung nach Produktionssteigerung ernst nahm. Er setzte politische Gefangene, die erfahrene Produktionsleiter waren, auf die entsprechenden Posten und verbesserte die Lebensbedingungen für die Gefangenen. Er erreichte für einige sogar die vorzeitige Entlassung. Sein Unternehmen erhielt das »Rote Banner für gute Betriebsführung«. Bei Kriegsende wurde allerdings auch er verhaftet, vielleicht, weil er um besserer Produktionsergebnisse willen zu human gehandelt hatte.52
Genrich Gortschakow, ein russischer Jude, den man 1945 verhaftete, kam auf seinem langen Weg durch den Gulag in ein Invalidenlager von Siblag. Der Kommandant, ein ehemaliger Frontoffizier, war neu in seinem Amt. Nach dem Krieg hatte er keine andere Arbeit finden können. Er nahm seine Aufgabe ernst, ließ neue Baracken bauen, sorgte dafür, dass die Gefangenen Matratzen und sogar Betttücher erhielten, und organisierte die Arbeit um. Bald war das Lager nicht mehr wiederzuerkennen.53
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Es gab auch direktere Formen von Freundlichkeit. Galina Lewinson schreibt in ihren Memoiren über einen Lagerkommandanten, der einer Gefangenen die Abtreibung ausredete: »Wenn du aus dem Lager kommst, wirst du allein sein«, ermahnte er sie. »Wie gut wäre es dann für dich, ein Kind zu haben.« Die Frau war ihm bis an ihr Lebensende dankbar.54
Auch Anatoli Schigulin schildert einen »guten« Lagerchef, der »Hunderten Menschen das Leben rettete«, seine Untergebenen entgegen der Regel mit »Genossen Häftlinge« ansprach und der Küche befahl, besseres Essen zu kochen. Sicher, so bemerkt Schigulin, »kannte er die gängige Praxis noch nicht«.55
Maria Sandrazkaja, die als Ehefrau eines »Feindes« einsaß, berichtet ebenfalls von einem Lagerkommandanten, der den Müttern unter den Häftlingen besondere Aufmerksamkeit schenkte. Er sorgte dafür, dass die Kinderstation gut geführt wurde, dass stillende Mütter genug zu essen bekamen und Frauen mit Kindern nicht zu schwer arbeiten mussten.56
Freundlichkeit war möglich: Auf allen Ebenen gab es Menschen, die sich von der Propaganda, alle Häftlinge seien Feinde, nicht beeindrucken ließen, die durchschauten, was wirklich vorging. Erstaunlich viele ehemalige Häftlinge erwähnen in ihren Erinnerungen ein derartiges Erlebnis mit einem ihrer Bewacher, einen Moment der Nachdenklichkeit. »Ich habe keinen Zweifel«, schreibt Jewgeni Gnedin, »dass es in dem riesigen Heer von Lageraufsehern aufrichtige Menschen gab, die ihre Rolle als Bewacher völlig Unschuldiger sehr bedrückte.«57 Alle stimmen aber auch darin überein, dass es sich um Ausnahmen handelte. Denn trotz der genannten Gegenbeispiele waren saubere Gefängnisse nicht die Norm, waren viele Lager mörderisch, behandelte die Mehrheit des Aufsichtspersonals die ihnen anvertrauten Menschen im besten Falle mit Gleichgültigkeit, im schlechtesten mit unverhüllter Brutalität.
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Dabei — das betone ich noch einmal — wurde Grausamkeit nicht von oben angeordnet. Im Gegenteil: Wer sie bewusst anwandte, musste mit Kritik der Gulag-Zentrale rechnen. Lageraufseher und -verwalter, die Gefangene unnötig hart behandelten, konnten bestraft werden, was auch oft geschah. In den Archiven von Wjatlag gibt es Berichte darüber, dass Angehörige des Wachpersonals zur Rechenschaft gezogen wurden, weil sie »Seks regelmäßig prügelten«, bestahlen oder weibliche Häftlinge vergewaltigten.58 Das Archiv von Dmitlag enthält Dokumente über Strafurteile gegen Lagerchefs, die in trunkenem Zustand Häftlinge schlugen.59
Aber die Grausamkeiten hörten nicht auf. Zuweilen nahmen sie wahrhaft sadistische Züge an. Viktor Bulgakow, der in den fünfziger Jahren in Lagern saß, erinnert sich an einen Wachmann, einen des Lesens und Schreibens unkundigen Kasachen, der offenbar Vergnügen daran fand, die Gefangenen stundenlang im Schnee frieren zu lassen. Ein anderer prügelte Häftlinge ohne jeden Grund, »um seine Stärke zu beweisen«.60
Häufiger kam Eigennutz als Motiv für Brutalität vor. Wachleute, die Gefangene auf der Flucht erschossen, erhielten eine Geldprämie oder gar Heimaturlaub. Daher konnten manche der Versuchung nicht widerstehen, »Fluchtversuche« selbst zu inszenieren. Schigulin beschreibt einen solchen Fall:
<Aber das liegt doch hinter dem Zaun ...> — <Macht nichts. Los!>»Der Wachmann rief einem in der Kolonne zu: <He, hol mir mal das Brett dort!>
Der Gefangene tat, wie ihm geheißen. Und schon ratterte das Maschinengewehr.«61)
Solche Szenen kamen nicht selten vor, wie die Archive beweisen. 1938 wurden zwei Männer der bewaffneten Wachmannschaften von Wjatlag für die Erschießung von zwei Häftlingen verurteilt, deren Flucht sie selbst provoziert hatten. Dabei stellte sich heraus, dass sich auch ihr Divisionskommandeur und sein Mitarbeiter am Eigentum der Häftlinge vergangen hatten.62) Selbst der Schriftsteller Boris Djakow erwähnt derartige Praktiken in seinen prosowjetischen Memoiren über den Gulag, die 1964 in der UdSSR erschienen.63)
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Angehörige der bewaffneten Wachmannschaften mit Hunden

Meist entsprach die Grausamkeit sowjetischer Lagerwachen jedoch der gedankenlosen, stupiden Grausamkeit, mit der man Vieh behandelt. Zwar wurde das Personal nicht ausdrücklich angewiesen, Häftlinge zu misshandeln, aber ebenso wenig dazu angehalten, sie, besonders die Politischen, als vollwertige Menschen zu sehen. Im Gegenteil: Der Hass auf sie wurde regelrecht geschürt, da man sie ständig als »gefährliche Verbrecher, Spione und Saboteure« beschimpfte, die es darauf angelegt hätten, »das sowjetische Volk zu vernichten«.
Derartige Propaganda zeigte bei Menschen starke Wirkung, die ohnehin über ihr Schicksal, die ungeliebte Tätigkeit und die schlechten Lebensbedingungen frustriert waren.64) Sie beeinflusste auch die Haltung der freien Arbeitskräfte aus der Umgebung, die nicht dem NKWD angehörten, und der bewaffneten Wachen, wie sich eine Gefangene erinnert:
»Zwischen uns und den freien Arbeitern stand eine Mauer des Misstrauens ... Unsere grauen Gestalten, die stets in Reih und Glied marschierten und manchmal sogar von Hunden begleitet wurden, waren für sie wahrscheinlich etwas sehr Unangenehmes, an das sie möglichst nicht denken wollten.«65)
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Brutalen Umgang mit Häftlingen gab es bereits in den zwanziger Jahren, als die Wachen von Solowezki frierende Gefangene zwangen, auf den Ruf »Delphin!« in den Fluss zu springen. Noch schlimmer wurde es in den dreißiger Jahren, als man die politischen Gefangenen als »Volksfeinde« abstempelte und das Lagerregime sich insgesamt verschärfte.
Selbst als der Große Terror vorüber war, ließ die Propaganda nicht wirklich nach. Auch in den vierziger und fünfziger Jahren galten Häftlinge als Verbrecher und Kollaborateure, Verräter und Spione. Als nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr ukrainische Nationalisten in den Lagern auftauchten, bezeichnete man sie abwechselnd als »Kettenhunde der Nazihenker«, »ukrainisch-deutsche Faschisten« oder »Agenten ausländischer Geheimdienste«. Nikita Chruschtschow, damals der erste Mann in der Ukraine, sagte vor einem Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, die ukrainischen Nationalisten hätten »selbst gemordet, um Hitler, ihrem Herrn, zu gefallen und für ihre hündischen Dienste einen kleinen Teil der Beute abzubekommen«.66
In der Kriegszeit hießen die politischen Gefangenen bei den Wachmannschaften in der Regel nur »Faschisten«, »Hitler-Leute« oder »Wlassow-Anhänger« (nach General Wlassow, der von der Roten Armee desertierte und zu Hitler überlief).
Das war besonders bitter für Juden, für Kriegsveteranen, die mutig gegen die Deutschen gekämpft hatten, aber auch für ausländische Kommunisten, die vor dem Faschismus in ihren eigenen Ländern hatten fliehen müssen.67 Margarete Buber-Neumann, die Ehefrau des hohen KPD-Funktionärs Heinz Neumann, die man aus dem Gulag entließ, um sie den Deutschen zu übergeben, die sie auf direktem Wege ins KZ Ravensbrück brachten, schreibt ebenfalls, dass man sie mehrfach als »deutsche Faschistin« bezeichnete.68 Als Michail Schreider, ein verhafteter Mitarbeiter des NKWD, beim Verhör betonte, als Jude werde er wohl kaum mit Hitler kollaboriert haben, erklärte man ihm, er sei kein Jude, sondern ein »als Jude verkappter Deutscher«.69
Diese Beschimpfungen waren alles andere als ein törichtes Spiel, wenn sie die Häftlinge als »Feinde« oder »Untermenschen« titulierten, dann suchten die Wachleute damit ihr eigenes Handeln zu rechtfertigen. Das Gerede von den »Feinden« war allerdings nur ein Teil der Ideologie, mit der die Gulag-Kader ihr Tun begründeten.
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Der andere Teil — soll man ihn »Staatssklaverei« nennen? — war das unablässige Trommelfeuer, wie wichtig Arbeit und steigende Produktionszahlen für die Existenz der Sowjetunion seien. Im Grunde war alles erlaubt, wenn man nur mehr Gold aus dem Boden holte. Diesen Gedanken hat Alexej Loginow, einstmals Produktions- und Lagerleiter in Norilsk, in einem Interview mit einem britischen Dokumentarfilmer sehr plastisch formuliert:
»Wir wussten von Anfang an, dass die Welt unserer sowjetischen Revolution keinen Frieden gönnen wird. Das wusste nicht nur Stalin, sondern jedes Parteimitglied, und jeder normale Mensch begriff, dass wir unser Land in voller Erwartung eines baldigen Krieges aufbauten. Daher wurde auf meinem Gebiet der Gewinnung von Rohstoffen wie Kupfer, Nickel, Aluminium oder Eisen mit enormer Intensität nach neuen Lagerstätten gesucht. Wir wussten, dass es bei Norilsk riesige Vorkommen gab, aber wie sollte man sie in der Arktis erschließen? So kam das ganze Projekt in die Hände des NKWD, des Innenministeriums. Wer sonst hätte diese Aufgabe bewältigen können? Sie wissen, wie viele Menschen verhaftet waren. Dort oben wurden Zehntausende gebraucht...«70)
Das sagte Loginow in den neunziger Jahren. Da war Norilsk seit fast einem halben Jahrhundert kein Lagerkomplex mehr.
Aus Treue zur Sowjetunion und ihren wirtschaftlichen Zielen erschien Härte, eingesetzt, um Produktionspläne zu erfüllen, den Tätern geradezu bewundernswert. Das gab ihnen die Möglichkeit, das wahre Wesen der Grausamkeit wie auch das der Lager mit wirtschaftlicher Rhetorik zu überdecken.
Die Bürokraten der höchsten Ebene sprachen von den Gefangenen, als seien sie nichts als Maschinen oder Werkzeuge, die man für eine Aufgabe benötigte. Man betrachtete sie als billige Arbeitskräfte, so notwendig wie Zement oder Stahl. Dazu noch einmal Loginow:
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»Hätten wir Zivilisten [nach Norilsk] geschickt, dann hätten wir zuerst einmal Häuser bauen müssen, in denen sie wohnen konnten. Wie aber sollten Zivilisten dort überhaupt leben? Bei Gefangenen ist das einfach: Alles, was man braucht, sind eine Baracke, ein Ofen und ein Schornstein. So können sie überleben. Und später vielleicht einen Ort, wo sie ihr Essen einnehmen. Kurz gesagt, Gefangene waren unter den damaligen Umständen die einzigen, die man in so großer Zahl dort einsetzen konnte. Wäre mehr Zeit gewesen, dann hätten wir es vielleicht anders gemacht...«71
Der Wirtschaftsjargon half den Lagerleitungen, alles zu rechtfertigen, selbst den Tod. In den Archiven findet sich die folgende Bemerkung, die bei einer Besprechung der Offiziere von Wjatlag im Januar 1943 fiel. In der völlig neutralen Sprache der Statistik erläuterte Genosse Awruzki folgenden Vorschlag: »Die notwendigen Arbeitskräfte sind zu hundert Prozent vorhanden, aber wir können den Plan nicht erfüllen, weil Gruppe B immer weiter wächst. Wenn wir die Verpflegung, die wir jetzt an Gruppe B verwenden, auf ein anderes Kontingent umlegen könnten, dann gäbe es Gruppe B bald nicht mehr, und wir könnten den Plan erfüllen ...«72) Mit »Gruppe B« waren die schwächeren Gefangenen gemeint. Um sie wäre es natürlich sofort geschehen gewesen, wenn man ihnen überhaupt nichts mehr zu essen gegeben hätte.
Wenn die Lagerkommandanten es sich leisten konnten, solche Entscheidungen fern von den Menschen zu fällen, die davon betroffen waren, so konnten die Gefangenen auch von denen weiter unten in der Hierarchie kaum Mitgefühl erwarten. Kazimierz Zarod, ein polnischer Gefangener, marschierte mit einer Kolonne zu einem neuen Lager. Da es unterwegs so gut wie nichts zu essen gab, wurden die Häftlinge immer schwächer. Einer sank schließlich zu Boden und konnte nicht mehr weiter. Ein Wachmann richtete sein Gewehr auf ihn. Ein zweiter wollte gleich schießen:
»<Um Gottes willen>, hörte ich den Mann flehen, <lasst mich nur ein bisschen verschnaufen, dann geht es wieder weiter.> — <Du gehst oder stirbst!>, erklärte der erste Soldat... Ich sah noch, wie er seine Waffe hob und zielte. Ich konnte einfach nicht glauben, dass er schießen würde. Inzwischen verdeckten die Männer in der Kolonne hinter mir, was weiter geschah. Plötzlich hörte ich einen Schuss, dann einen zweiten. Nun wusste ich, dass der Mann tot war.«
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Zarod berichtet aber auch, dass nicht alle, die auf dem Marsch zu Boden gingen, erschossen wurden. Wenn sie jung waren, dann hob man die Erschöpften auf und warf sie auf einen Wagen, wo sie
»lagen wie Säcke, bis sie sich wieder erholt hatten. Man ging offenbar davon aus, dass die Jungen wieder zu Kräften kommen und noch arbeiten konnten, während von den Alten nichts mehr zu erwarten war. Die man wie Kleiderbündel auf den Wagen warf, lagen dort nicht aus humanitären Gründen. Die Wachen, selbst junge Männer, hatten diese Strecke bereits mehrmals zurückgelegt und waren bar jeden menschlichen Gefühls.«73)
Auch wenn die Memoirenschreiber nichts davon erwähnen, war diese Haltung mit Sicherheit auch in den obersten Etagen des Lagersystems weit verbreitet. In den bisherigen Kapiteln habe ich regelmäßig aus den Akten der Gulag-Inspektion zitiert, die zum Apparat der sowjetischen Generalstaatsanwaltschaft gehörte. Diese Berichte, die sehr regelmäßig und exakt abgefasst wurden, sind von erstaunlicher Aufrichtigkeit. Sie beschreiben Typhus-Epidemien, Engpässe in der Lebensmittelversorgung und den Mangel an Kleidung. Sie melden Lager, wo die Todesraten »zu hoch« waren. Sie gehen mit Lagerkommandanten ins Gericht, die den Häftlingen unerträgliche Lebensbedingungen zumuteten. Sie zählen die »Arbeitstage« zusammen, die durch Krankheit, Unfälle und Tod verloren gingen. Wenn man sie liest, kann man sich davon überzeugen, dass die Moskauer Gulag-Chefs genau wussten, was in den Lagern vorging. In den Akten steht alles schwarz auf weiß — nicht weniger offen als bei Solschenizyn und Schalamow.74
Zwar änderte sich manchmal etwas, zwar wurden Lagerkommandanten gelegentlich bestraft, und doch ist es erstaunlich zu sehen, wie sich die Klagen in den Berichten wiederholen. Die absurde Kultur falscher Inspektionen fällt einem ein, die Nikolai Gogol im neunzehnten Jahrhundert so meisterhaft schilderte. Der Form war Genüge getan, die Berichte waren abgeheftet, behördlicher Ärger zum Ausdruck gebracht. Aber ob all das eine Wirkung auf die betroffenen Menschen hatte, interessierte kaum. Die Lagerkommandanten wurden regelmäßig dafür gerügt, dass sie die Lebensbedingungen nicht verbesserten. Die Lebensbedingungen veränderten sich trotzdem nicht, und damit war die Sache erledigt.
Schließlich zwang niemand das Wachpersonal, die Jungen am Leben zu lassen und die Alten zu töten. Niemand zwang auch die Lagerkommandanten, Kranke sterben zu lassen. Niemand veranlasste die Moskauer Gulag-Chefs zu ignorieren, was die Berichte der Inspektoren aussagten. Und doch entschieden sich Wachposten und Bürokraten Tag für Tag dafür, genau so zu handeln, offenbar überzeugt, dass sie das Recht dazu hatten.
Die Ideologie der Staatssklaverei wirkte nicht nur bei den Herren des Gulags. Gefangene wurden ebenfalls zum Mittun aufgefordert, und manche gingen darauf ein.
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