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8  Die
Gefangenen

Der Mensch ist ein Geschöpf, 
das sich an alles gewöhnt, 
und ich glaube, 
damit ist er am treffendsten 
beschrieben.

Fjodor Dostojewski
The House
of the Dead (1)

309-330

Urkas: die Kriminellen 

Für den unerfahrenen politischen Gefangenen musste die erste Begegnung mit den Urkas, den sowjetischen Berufsverbrechern, ein bestürzendes, schockierendes und unbegreifliches Erlebnis sein. Jewgenia Ginsburg stieß zum ersten Mal auf Verbrecherinnen, als sie das Schiff zur Kolyma bestieg:

»Es waren keine gewöhnlichen Kriminellen, sondern es war die Creme der Verbrecherwelt ... Mörderinnen, Sadistinnen, Meisterinnen in sexuellen Perversionen ... Von der ersten Sekunde an terrorisierten sie die <Damen>. Sie schwelgten in dem Bewusstsein, dass es Menschen gab, die noch verächtlicher, noch verfemter waren als sie — die <Volksfeinde>!«(2) 

Die Kriminellen stürzten sich in rasender Wut kreischend und fluchend auf die übrigen Gefangenen, warfen sie im Zug oder in der Baracke von den Pritschen, nahmen ihnen weg, was ihnen an persönlichen Sachen noch geblieben war.

Aber die Verbrecherwelt war kein einheitliches Milieu, sie hatte ihre eigene Rangordnung. Es gab ganz verschiedene Arten von Kriminellen. Lassen wir Lew Rasgon erklären: »Alle waren in Kasten unterteilt, in Gemeinschaften mit eiserner Disziplin, mit einer Vielzahl von Regeln, deren Nichteinhaltung grausam geahndet wurde — im günstigsten Fall mit der völligen Verbannung aus der Gemeinschaft, oft aber auch mit dem Tod.«3) 

Karol Colonna-Czosnowski, ein polnischer Häftling, der in einem Holzfällerlager im Hohen Norden als einziger Politischer unter lauter Kriminelle geriet, stellte folgende Unterschiede fest:

»Der russische Kriminelle war zu jener Zeit überaus klassenbewusst. Die Klasse war alles für ihn. Verbrecher mit großer Karriere, die Banken oder Eisenbahnzüge überfallen hatten, gehörten der Oberklasse an. Der Schwarze Grischa, Chef der Lagermafia, war einer von ihnen. Am unteren Ende der sozialen Leiter standen die Kleinganoven wie etwa Taschendiebe. Sie durften den Großen als Lakaien oder Botengänger zu Diensten sein und fanden ansonsten kaum Beachtung. Die übrigen bildeten die Mittelklasse, aber auch dort gab es beträchtliche Unterschiede.

In vielerlei Hinsicht war diese merkwürdige Gesellschaft eine verzerrte Kopie der <normalen> Welt. Das ganze Spektrum menschlicher Tugenden und Laster war auch hier zu finden: der ehrgeizige Karrierist, der Snob, der soziale Aufsteiger, der Betrüger, aber auch der ehrbare, großzügige Mann — es gab sie alle...«(4)

An der Spitze der Hierarchie standen die Berufsverbrecher, die die Regeln für alle anderen bestimmten. Bekannt als Urkas oder, wenn sie der höchsten Elite angehörten, als <Diebe im Gesetz>, die über den Ehrenkodex der Unterwelt wachten, lebten die russischen Berufsverbrecher nach Regeln, die lange vor dem Gulag entstanden sind und ihn überdauert haben. 

Mit der großen Mehrheit der Gulaginsassen, die wegen »krimineller« Vergehen dorthin geraten waren, hatten sie allerdings nichts zu tun. Diejenigen, die man für kleine Diebstähle, Verletzung der Arbeitsdisziplin oder andere nicht politische Vergehen hart bestraft hatte, hassten die Berufsverbrecher genauso leiden­schaftlich wie die politischen Gefangenen. 

Das kann nicht verwundern, denn die Lebenswelt der Berufsverbrecher unterschied sich stark von der des sowjetischen Durchschnittsbürgers. Ihre Wurzeln sind fest in der Unterwelt des zaristischen Russland verankert, in den Gilden der Diebe und Bettler, die damals die Verbrecherwelt beherrschten.5) In den ersten Jahrzehnten der Sowjetmacht hatte sich dieses Milieu durch die Waisen aus Revolution, Bürgerkrieg und Kollektivierung, die zu Hunderttausenden zunächst als Straßenkinder und später als Diebe überlebten, stark ausgebreitet.

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Als die Lager Ende der zwanziger Jahre Massencharakter annahmen, hatten sich die Berufsverbrecher als separate Gesellschaft mit eigenem Verhaltenskodex etabliert, der es ihnen verbot, etwas mit dem Sowjetstaat zu tun zu haben. Ein echter »Dieb im Gesetz« arbeitete nicht, ließ sich keinen Pass ausstellen und verweigerte jegliche Zusammenarbeit mit den Behörden, außer es gelang ihm, sie für seine Zwecke einzuspannen.6) 

Die Indoktrinations- und Umerziehungsprogramme der frühen dreißiger Jahre zielten vor allem auf diese Häftlingskategorie, nicht auf die politischen Gefangenen. Kriminelle, die der Sowjetmacht »sozial näher« standen als die »sozial gefährlichen« Politischen, galten als umerziehbar. Ende der dreißiger Jahre scheinen die Behörden allerdings eingesehen zu haben, dass dies vergebliche Liebesmüh war. 

Nun benutzten sie die Berufsverbrecher vor allem dazu, andere Häftlinge zu überwachen und einzuschüchtern, besonders die »Konterrevolutionäre«, gegen die die Kriminellen tiefen Abscheu empfanden.7) 

Auch das war nicht neu. Bereits hundert Jahre zuvor hassten in Sibirien eingekerkerte Kriminelle die politischen Gefangenen. In den <Aufzeichnungen aus einem Totenhaus>, seinen zum Roman verarbeiteten Erfahrungen von fünf Jahren Kerker, lässt Dostojewski einen Mitgefangenen sagen: »Ja, mein Lieber, den Adligen sind sie nicht grün, vor allem den Politischen nicht; sie freuen sich, wenn sie denen das Leben schwer machen können. Und das ist auch kein Wunder. Erstens seid ihr ein anderer Menschenschlag als sie...«8) 

In der Sowjetunion setzten die Lagerleitungen von 1937 bis Kriegsende ganz offen kleine Gruppen von Berufsverbrechern zur Kontrolle ihrer Mithäftlinge ein. In dieser Zeit brauchten ihre obersten Chargen nicht zu arbeiten, sorgten aber dafür, dass die anderen Gefangenen es taten.9) Dazu noch einmal Lew Rasgon:

»Sie arbeiteten nicht, bekamen aber den vollen Lohn zugeschrieben. Sie belegten alle, die arbeiteten ..., mit einer Geldabgabe. Sie eigneten sich die Hälfte der Paketsendungen, der Einkäufe im Laden an, sie plünderten die neuen Häftlingstransporte aus, knöpften den Neuen die besten Kleidungsstücke ab ... Dafür wurden sie von den übrigen Lagerinsassen, die die Mehrheit bildeten, blindwütig gehasst.«10) 

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Manchen politischen Gefangenen gelang es, sich mit den Berufsverbrechern zu arrangieren. Das war vor allem nach Kriegsende möglich. Einige der Mafia-Bosse schmückten sich gerne mit Politischen als Glücksbringern oder Kumpanen. Weil er einmal einen Kriminellen in einem Faustkampf geschlagen hatte, fiel Marien Korallow, ein junger politischer Gefangener, der später die Gesellschaft <Memorial> mitbegründen sollte, dem Verbrecherboss des Lagers, Nikola, auf, der es ihm daraufhin erlaubte, in der Baracke in seiner Nähe zu sitzen. Das änderte Marlens Status im Lager sofort. Er stand nun unter Nikolas Schutz und erhielt einen wesentlich besseren Schlafplatz: »Das Lager wusste: War ich erst einmal Mitglied der <Troika> um Nikola, dann gehörte ich zur Lagerelite ... Alle verhielten sich plötzlich ganz anders zu mir.«11) 

In der Regel übten die Kriminellen allerdings die absolute Herrschaft über die Politischen aus. Ihr Status erklärt auch, weshalb sie sich, wie es ein Kriminologe formuliert hat, in den Lagern »wie zu Hause fühlten«. Sie lebten besser als andere Gefangene und übten ein Maß an realer Macht aus, die sie draußen nicht hatten.12) 

Korallow berichtet zum Beispiel, dass Nikola in dem »einzigen Metallbett« der Baracke schlief, das man in eine Ecke gerückt hatte. Kein anderer durfte sich dort niederlassen; darauf achteten Nikolas Leute streng. Sie verhängten das Bett mit Decken, damit ihr Chef dahinter ungestört war. Der Zugang zu ihm wurde strikt kontrolliert. Gefangene wie er betrachteten ihre langen Strafen sogar mit einer Art Macho-Stolz.13)

Der Rang und die bessere Behandlung der Verbrecherwelt machte diese für jüngere Häftlinge attraktiv, die zuweilen nach einem komplizierten Initiationsritual in die Bruderschaft aufgenommen wurden. Laut Berichten von Geheimpolizei und Gefängnisleitungen aus den fünfziger Jahren musste jedes neue Mitglied schwören, ein »würdiger Dieb« zu sein und die strengen Gesetze seines Standes zu achten. Die Aufnahme wurde über ein eigenes Kontaktnetz im ganzen Lagersystem verbreitet, so dass der Status des neuen Bruders auch erhalten blieb, wenn er in einen anderen Lagpunkt versetzt wurde.14) 

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Das war das System, das Nikolai Medwedjew (der zu den bekannten Moskauer Intellektuellen in keiner Beziehung steht) 1946 vorfand. Als Jugendlicher verhaftet, weil er in einem Kolchos Getreide gestohlen hatte, genoss er bereits auf dem Transport den Schutz eines Verbrecherbosses, der ihn Schritt für Schritt in seine Welt einführte. In Magadan angekommen, wurde Medwedjew wie die anderen Häftlinge zur Arbeit eingeteilt. Er sollte den Speiseraum säubern, was wahrlich kein schwerer Job war. Aber sein Mentor befahl ihm, damit aufzuhören: »Also habe ich nicht mehr gearbeitet, wie alle Berufs­verbrecher.« Die Arbeit taten andere Häftlinge für ihn.15) 

Wie Medwedjew erläutert, interessierte es die Lagerführung nicht sonderlich, ob ein bestimmter Häftling arbeitete oder nicht. »Für sie galt nur eins: Die Mine musste Gold fördern, so viel Gold wie möglich, und im Lager musste Ordnung herrschen.« Und, so schreibt er durchaus zustimmend, die Verbrecher sorgten für Ordnung. Was an Arbeitsstunden verloren ging, wurde an Disziplin gewonnen. »Wenn jemand einem anderen etwas antat, ging der mit seiner Klage zum Verbrecherboss«, nicht zur Lagerführung. So, behauptet Medwedjew, wurden Streit und Gewalt, die sonst in beängstigender Weise eskaliert wären, auf niedrigem Niveau gehalten.16) 

Nikolai Medwedjews positiver Bericht über das Verbrecherregiment in den Lagern ist ungewöhnlich. Er beschreibt diese Welt von innen — viele der Urkas waren Analphabeten, und kaum einer hat Memoiren hinterlassen —, und er lässt Sympathie für sie erkennen. Die meisten »klassischen« Chronisten des Gulags, die mit Schrecken erlebten, wie die kriminellen Häftlinge andere Lagerinsassen beraubten und malträtierten, hassten diese aus tiefster Seele. Schalamow schreibt rundheraus: »Die Kriminellen haben nichts Menschliches an sich. Ihre Schandtaten in den Lagern sind nicht zu zählen«.17) 

Schigulin schildert sehr plastisch, wie die Kriminellen »für Ordnung sorgten«. Als er einmal in dem fast leeren Speiseraum saß, hörte er zwei Häftlinge um einen Löffel streiten. Plötzlich stürzte Desemia, der erste »Stellvertreter« des Mafiabosses, herein:

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»<Was soll der Radau? Im Speiseraum hat Ruhe zu herrschen!> — <Der hat meinen Löffel genommen und vertauscht. Meiner war ganz, und er will mir einen zerbrochenen andrehen!...> — <Ihr bekommt beide eins ab, damit ihr euch versöhnt>, gluckste Desemia. Es folgten zwei rasche Hiebe mit seiner Picke. Wie der Blitz hatte er jedem der Streithähne ein Auge ausgeschlagen.«18) 

Die Kriminellen übten starken Einfluss auf das Lagerleben aus. Ihr Slang, der vom normalen Russisch so stark abweicht, dass er wie eine eigene Sprache klingt, wurde zum wichtigsten Kommunikationsmittel. Vor allem bekannt für seine reiche Auswahl an Flüchen, findet man in einer in den achtziger Jahren erstellten Liste (die meisten Ausdrücke dürften sich seit den Vierzigern kaum verändert haben) Hunderte Bezeichnungen für Alltagsobjekte wie Kleidung, Körperteile und andere Gegenstände, die sich vom Russischen beträchtlich unterscheiden. Für Objekte, die besonders interessierten — Geld, Prostituierte, Diebstahl und Diebe —, gibt es Dutzende Synonyme.19) 

Blatnoje slowo — Rotwelsch — zu lernen, war ein Ritual, dem sich die meisten Häftlinge unterzogen, wenn auch nicht immer freiwillig. Einige konnten sich nie daran gewöhnen. Dazu eine ehemalige politische Gefangene:

»Am schwersten war es, die ständigen Kraftausdrücke, Schmähungen und Flüche auszuhalten ... Die Sprache, die die Verbrecherinnen führen, ist so obszön, dass man es kaum ertragen kann. Sie scheinen auf der niedrigsten und brutalsten Ebene miteinander zu verkehren. Wenn sie zu kreischen und zu fluchen anfingen, war uns das so zuwider, dass wir zueinander sagten: <Und wenn so eine neben mir verdurstet, von mir bekommt sie keinen Tropfen Wasser.>«20) 

Von Zeit zu Zeit versuchte manche Lagerleitung etwas gegen den Slang zu tun. So wies der Kommandant von Dmitlag seine Untergebenen 1933 an, »etwas zu unternehmen«, um die Benutzung der Verbrechersprache durch Häftlinge, Aufseher und Verwaltungspersonal zu unterbinden, die jetzt »überall in Gebrauch ist, selbst in offiziellen Reden und Briefen«.21) Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass er damit Erfolg hatte.

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Die höchsten Chargen der Kriminellen sprachen nicht nur anders, sie sahen auch anders aus als gewöhnliche Häftlinge. Mehr noch als an der Sprache waren sie an ihrer bizarren Kleidung als besondere Kaste zu erkennen, womit sie auf die übrigen Häftlinge noch beängstigender wirkten. So trugen sie laut Schalamow in den vierziger Jahren allesamt Kreuze aus Aluminium um den Hals, die aber keinerlei religiöse Bedeutung hatten: »Für sie war das eine Art Markenzeichen.«22) 

Georgi Feldgun, der in den vierziger Jahren im Lager saß, erinnert sich, dass die Kriminellenprominenz mit einem besonderen Gang daher kam — »leicht breitbeinig, mit kurzen Schritten« — und dass ihre Zähne mit Gold oder Silber überkront waren, was für sie eine Art Mode bedeutete: 

»Der Verbrecherboss von 1943 trug in der Regel einen dunkelblauen Dreiteiler, dessen Hosen in die Rindlederstiefel gesteckt waren. Das Hemd schaute unter der Weste hervor. Dazu eine Mütze, tief ins Gesicht gezogen. Und Tätowierungen, meist sehr sentimentale: <Unvergessen: meine geliebte Mutter>. <Es gibt kein Glück im Leben...>«23) 

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An diesen Tattoos, die viele erwähnen, waren die Mitglieder der Bruderschaft von den gewöhnlichen Kriminellen zu unterscheiden. Außerdem ließen sie erkennen, welchen Rang der Betreffende in dieser besonderen Welt hatte. Ein Lagerhistoriker schreibt, dass es verschiedene Tattoos für Homosexuelle, Rauschgiftsüchtige, Vergewaltiger und Mörder gab.24) Noch deutlicher wird Solschenizyn:

»Ihre bronzene Haut ist fürs Tätowieren wie geschaffen, eine dauernde Befriedigung ihrer künstlerischen, erotischen und sogar moralischen Bedürfnisse wird dadurch erzielt; ein Bilderbuch tragen sie auf Brust, Bauch und Rücken, zu ihrem und der Kumpane lebhaftem Ergötzen: mächtige Adler, auf Felsen sitzend, in den Lüften schwebend; die Sonne mit Strahlen rundherum; Frauen und Männer sich paarend; die einzelnen Organe ihrer Lust; und plötzlich, überm Herzen — ein Lenin, ein Stalin oder sogar beide zugleich ... Und da, sie kugeln sich: Ein komischer Heizer schaufelt Kohle direkt in den Hintern; ein Affe onaniert. Zu lesen gibt's auch was, altbekannte, aber durch Wiederholung um so teurere Inschriften: <Alle Nutten vögle ich ins Maul!> ... Oder auf dem Bauch einer Unterweltsmaid: <Mein Leben für 'nen heißen Fick!>«25) 

Die Verbrecherbosse frönten außerdem besonderen Arten von Unterhaltung. Vor allem ihre Kartenspiele waren mit komplizierten Riten verknüpft. Die Spiele bedeuteten stets ein hohes Risiko. Zum einen ging es um enorme Einsätze, zum anderen standen auf Kartenspiel im Lager hohe Strafen.26) Die Bräuche der Kriminellen verbreiteten unter den übrigen Gefangenen Angst und Schrecken. Beim Spiel setzten sie Geld, Brot und Kleidung. Hatte einer alles Eigene verloren, dann kamen Geld, Brot und Kleidung anderer Häftlinge an die Reihe. 

Eine Gefangene wohnte in einer Frauenbaracke, die auf diese Weise als Ganzes »verspielt« worden war. Als die Insassinnen das hörten, verbrachten sie mehrere Tage in angstvoller Erwartung, bis dann eines Nachts der Angriff kam: »Es gab einen schrecklichen Aufruhr — die Frauen schrieen das ganze Lager zusammen, bis ihnen Männer zu Hilfe eilten ... Am Ende fehlten nur einige Kleiderbündel, und die Barackenälteste lag erstochen am Boden.«27) 

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Aber das Kartenspiel konnte auch den Akteuren selbst gefährlich werden. General Gorbatow begegnete einem Kriminellen an der Kolyma, der an der linken Hand nur noch zwei Finger hatte. Der erzählte mit einem gewissen Stolz:

»Wir haben Karten gespielt, und ich habe verloren. Ich hatte kein Geld mehr, so habe ich eben einen guten Anzug gesetzt — nicht meinen, sondern den von einem Politischen. Den wollte ich ihm abnehmen, wenn der sich ausgezogen und schlafen gelegt hatte. Am nächsten Morgen vor acht sollte ich ihn bringen. Aber gerade an dem Tag wurde der Politische in ein anderes Lager verlegt. Unser Ältestenrat trat zusammen, um mein Urteil zu sprechen. Der Kläger wollte, dass mir alle Finger der linken Hand abgehackt werden. Die Ältesten schlugen zwei vor. Man handelte ein bisschen und einigte sich auf drei. Ich habe also meine Hand auf den Tisch gelegt, und der Mann, gegen den ich verloren hatte, haute mir mit fünf Knüppel­schlägen drei Finger ab.«28) 

Die Behörden wussten von diesen Ritualen und versuchten gelegentlich einzugreifen, meist mit wenig Erfolg. Einmal verurteilte ein Kriminellengericht einen Dieb namens Jurilkin zum Tode. Die Lagerbehörden hörten davon und verlegten Jurilkin zunächst in ein anderes Lager, dann in ein Transitgefängnis, schließlich in ein drittes Lager in einer weit entfernten Gegend des Landes. Zwei Mitglieder der Bruderschaft fanden ihn und vollstreckten das Urteil — vier Jahre später.29) 

Die Kriminellengerichte konnten auch Urteile über Außenstehende fällen. Das erklärt, weshalb sie so große Furcht verbreiteten. Lew Finkelstein, der Anfang der fünfziger Jahre politischer Gefangener war, erinnert sich an einen solchen Fememord:  

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»... Ich persönlich habe nur einen Mord erlebt, aber der war sehr spektakulär. Wissen Sie, was eine große Eisenfeile ist? Wenn man sie an einem Ende anschleift, wird sie zur tödlichen Waffe... — Wir hatten einen Narjadschik, das ist der Mann, der die Gefangenen zur Arbeit einteilt. Wessen er sich schuldig gemacht hat, weiß ich nicht. Aber die Verbrecherbosse entschieden, dass er sterben müsse. Es passierte, als wir vor dem Abmarsch zur Arbeit beim Zählappell standen — jede Brigade getrennt für sich. Der Narjadschik hatte sich vor uns aufgebaut. Er hieß Kasakow, war ein großer, schwerer Mann mit einem dicken Bauch. Plötzlich sprang einer der Kriminellen aus der Reihe vor und rammte ihm die Feile in den Wanst. Wahrscheinlich war es ein Berufskiller. Er wurde sofort gefasst, aber er war bereits zu 25 Jahren verurteilt. Natürlich gab es einen neuen Prozess, und er erhielt noch einmal die gleiche Strafe. Er musste also länger sitzen, aber wen kümmerte das schon...«30) 

Es kam allerdings ziemlich selten vor, dass die Kriminellen »Justiz« an Mitgliedern der Lagerverwaltung übten. In der Regel waren sie zwar nicht gerade loyale Sowjetbürger, aber durchaus zufrieden damit, dass ihnen die Behörden die Aufgabe überließen, die Politischen zu beherrschen, jene Gruppe, die, um noch einmal Jewgenia Ginsburg zu zitieren, »noch verächtlicher, noch verfemter waren als sie«. 

 

Kontras und Bytowye:  die politischen Gefangenen und die anderen  

 

Die Berufsverbrecher mit ihrem eigenen Slang, ihrer besonderen Kleidung und bizarren Kultur waren leicht zu erkennen und sind einfach zu beschreiben. Viel schwieriger ist es, sich zusammenfassend zu den übrigen Gefangenen zu äußern, die den größten Teil der Arbeitskräfte im Gulag darstellten. Sie kamen aus allen Schichten der sowjetischen Gesellschaft. Unsere Vorstellung, wer eigentlich die Mehrheit der Lagerhäftlinge stellte, ist lange Zeit davon beeinflusst gewesen, dass wir uns zu sehr auf Memoiren stützten, besonders auf solche, die außerhalb der Sowjetunion erschienen. Diese stammen in der Regel von Intellektuellen, häufig von Ausländern und fast ausschließlich von politischen Gefangenen.

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Seit Gorbatschows Glasnost Ende der achtziger Jahre sind Erinnerungen und Archivdokumente in größerer Zahl und Vielfalt zugänglich geworden. Nach den Daten aus den Archiven, die allerdings mit Vorsicht zu behandeln sind, entsteht jetzt der Eindruck, dass die große Mehrzahl der Häftlinge überhaupt keine Intellektuellen waren. Das heißt, keine Angehörigen der wissenschaftlichen und technischen Intelligenz, die in der Sowjetunion eine besondere soziale Klasse darstellten, sondern Arbeiter und Bauern. 

Einige Zahlen für die dreißiger Jahre, da im Gulag vor allem Kulaken saßen, sind in dieser Hinsicht besonders aufschlussreich. 1934 verfügten ganze 0,7 Prozent der Lagerinsassen über höhere Bildung. 39,1 Prozent gaben Grundschulbildung an. 42,6 Prozent wurden als »Halbanalphabeten« und 12 Prozent als des Lesens und Schreibens völlig unkundig eingestuft. Selbst 1938, als unter den Intellektuellen von Moskau und Leningrad der Große Terror wütete, machten Menschen mit höherer Bildung nur 1,1 Prozent der Lagerhäftlinge aus, während über die Hälfte nur Grundschulbildung hatten und ein Drittel Halbanalphabeten waren.31) 

Vergleichszahlen zur sozialen Herkunft der Häftlinge liegen bisher nicht vor, aber es ist interessant festzustellen, dass 1948 weniger als ein Viertel der Gulaginsassen politische Gefangene waren, das heißt solche, die nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches wegen »konterrevolutionärer« Verbrechen verurteilt waren. Diese Zahl fügt sich in einen längeren Trend ein. Die Politischen stellten in den Terrorjahren 1937 und 1938 zwischen 12 und 18 Prozent aller Gefangenen, bewegten sich während des Krieges bei 30 bis 40 Prozent und stiegen 1946 auf fast 60 Prozent an, da die Kriminellen weitgehend unter die nach dem Sieg über Deutschland verkündete Amnestie fielen. Dann füllten sich die Lager wieder, und bis zu Stalins Tod pendelte der Anteil der Politischen zwischen einem Viertel und einem Drittel aller Häftlinge.32) 

Wenn man das neue Memoirenmaterial analysiert, das sich in Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion angesammelt hat, dann wird klar, dass viele nicht wirklich politische Gefangene in dem Sinne waren, wie wir sie heute definieren. In den zwanziger Jahren saßen tatsächlich Mitglieder antibolschewistischer Parteien in den Lagern, die sich selbst »Politische« nannten. Auch in den dreißiger Jahren fanden sich dort noch einige echte Trotzkisten, die Trotzki gegen Stalin unterstützt hatten. In den vierziger Jahren schwemmten die Massenverhaftungen in der Ukraine, im Baltikum und in Polen ernsthaft antisowjetische Aktivisten in die Lager. Anfang der fünfziger Jahre wurde eine Hand voll antistalinistischer Studenten inhaftiert.

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Aber die große Mehrheit der Hunderttausenden von Leuten, die in den Lagern als politische Gefangene behandelt wurden, waren weder Dissidenten noch Geistliche, die heimlich Gottesdienste abgehalten hatten, noch hohe Parteifunktionäre. Den Massenverhaftungen fielen in der Mehrzahl ganz gewöhnliche Menschen zum Opfer, die noch nicht einmal besonders ausgeprägte politische Ansichten vertraten. Dazu schreibt Olga Adamowa-Sljosberg, einst Angestellte in einem Moskauer Industrieministerium: »Vor meiner Verhaftung führte ich ein ganz normales Leben, wie es für eine sowjetische Frau mit Berufsausbildung, die nicht der Partei angehörte, typisch war. Ich arbeitete fleißig, war aber politisch nicht besonders aktiv. Mein eigentliches Interesse galt meinem Heim und meiner Familie.«33) 

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Wenn die politischen Gefangenen gar nicht unbedingt politisch waren, so trifft Ähnliches auch auf die Kriminellen zu. Zwar gab es Berufsverbrecher unter ihnen, und während des Krieges kamen einige echte Kriegsverbrecher und Kollaborateure mit den Nationalsozialisten hinzu, doch die meisten waren wegen so genannter »gewöhnlicher« oder nicht politischer Vergehen verurteilt, die in einer anderen Gesellschaft unter Umständen gar nicht strafbar gewesen wären. So kam der Vater von Alexander Lebed, dem ehemaligen russischen General und Politiker, zwei Mal zehn Minuten zu spät zur Arbeit in die Fabrik. Dafür erhielt er fünf Jahre Lagerhaft.34) 

Im hauptsächlich Kriminellen vorbehaltenen Lager Poljanski in der Nähe von Krasnojarsk-26, dem Standort sowjetischer Atomreaktoren, galt einer als kriminell, weil er einen einzelnen Gummischuh auf einem Basar gestohlen hatte. Er büßte mit sechs Jahren Lagerhaft. Ein anderer bekam zehn Jahre für die Entwendung von zehn Laib Brot. Ein dritter, ein LKW-Fahrer, der zwei Kinder allein aufziehen musste, wurde zu sieben Jahren Lagerhaft verurteilt, weil er von dem Wein, den er ausfuhr, drei Flaschen hatte mitgehen lassen. Wieder ein anderer bekam fünf Jahre für »Spekulation«, was bedeutete, dass er Zigaretten an einer Stelle gekauft und an einer anderen weiterverkauft hatte.35) In der Welt des Gulags, wo die Verhältnisse auf dem Kopf standen, mussten kriminelle Häftlinge ebenso wenig Verbrecher sein wie politische Gefangene aktive Gegner des Regimes.

Mit anderen Worten: Kriminelle waren nicht immer Menschen, die tatsächlich ein Verbrechen begangen hatten. Und noch seltener hatten Politische sich ein politisches Vergehen zu Schulden kommen lassen. Die Politischen wurden danach eingestuft, auf welchen Absatz von Artikel 58 Strafgesetzbuch sich ihr Urteil stützte. Jewgenia Ginsburg stellte fest, dass es das Beste war, für Absatz 10 — »antisowjetische Agitation« (ASA) — bestraft worden zu sein. Das waren die »Schwätzer«: Sie hatten einen verunglückten Witz gegen die Partei erzählt, ihnen war eine kritische Bemerkung über Stalin oder den örtlichen Parteichef herausgerutscht, oder ein missgünstiger Nachbar hatte sie dessen beschuldigt. Selbst die Lagerbehörden gingen stillschweigend davon aus, dass diese Leute eigentlich gar nichts verbrochen hatten, weshalb wegen ASA Verurteilte gelegentlich mit leichterer Arbeit bedacht wurden.

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Danach kamen diejenigen, denen man »konterrevolutionäre Tätigkeit« (KRD) vorwarf Die nächste Kategorie waren Gefangene mit »konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit« (KRTD). Das zusätzliche T konnte in einigen Lagern bedeuten, dass einen Häftling ausschließlich schwere »allgemeine Arbeit« erwartete, also Holzeinschlag, Bergwerk oder Straßenbau. Das galt besonders dann, wenn der Betreffende wegen KRTD zehn, fünfzehn oder mehr Jahre Lagerhaft erhalten hatte.35) 

Aber man konnte auch noch tiefer sinken. Nach KRTD rangierte noch KRTTD, was nicht nur trotzkistische, sondern »konterrevolutionäre trotzkistische terroristische Tätigkeit« bedeutete. Dazu Lew Rasgon: »Ich kannte Fälle, wo das zusätzliche <T> in den Unterlagen nach einem Streit mit dem Diensthabenden oder dem Arbeitsverteiler, beides Kriminelle, auftauchte.«37) Ein kleiner Unterschied wie dieser konnte über Leben und Tod entscheiden, denn einem Gefangenen der Kategorie KRTTD durfte jeder Brigadier nur den schlimmsten Job geben.

Der Platz der politischen Häftlinge in der Lagerhierarchie wurde allerdings nicht ausschließlich davon bestimmt, wozu man sie offiziell verurteilt hatte. Zwar hatten sie keinen strengen Verhaltenskodex wie die Kriminellen und auch keine gemeinsame Sprache, aber auch sie teilten sich in deutlich voneinander unterscheidbare Gruppen. Diese politischen Clans hielten aus Kameradschaft zusammen, um sich gegenseitig zu schützen oder weil sie der gleichen Weltanschauung anhingen. Zuweilen überlappten sie sich gegenseitig und auch mit Clans der nichtpolitischen Gefangenen. Es gab sie nicht in jedem Lager. Aber wo es sie gab, konnten sie für das Überleben des Einzelnen entscheidend sein.

 

Die wichtigsten und letzten Endes auch mächtigsten politischen Clans bildeten sich nach Nationalität oder Herkunftsort, ein Merkmal, das vor allem während und nach dem Zweiten Weltkrieg Bedeutung erlangte, als die Zahl der ausländischen Häftlinge dramatisch anstieg. Dass diese zueinander strebten, war ganz natürlich. Wenn ein neuer Häftling eintraf, suchte er seine Baracke zunächst nach estnischen, ukrainischen oder in ganz seltenen Fällen auch amerikanischen Landsleuten ab.

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Walter Warwick, einer der amerikanischen Finnen, die Ende der dreißiger Jahre in die Lager kamen, hat für seine Familie aufgeschrieben, wie sich die Finnisch sprechenden Gefangenen in seinem Lager zusammenfanden, um sich vor Raub und Übergriffen der Urkas zu schützen: »Wenn wir wollten, dass sie uns in Ruhe ließen, dann mussten wir selbst eine Bande gründen. Wir organisierten uns also, um uns gegenseitig zu helfen. Wir waren sechs — zwei Amerika-Finnen, ... zwei Finnen aus Finnland ... und zwei Finnen aus dem Leningrader Gebiet...«38) 

Nicht jeder nationale Clan war gleich. So gibt es zum Beispiel verschiedene Meinungen darüber, ob die jüdischen Gefangenen ein eigenes Netzwerk hatten oder in der Masse der Russen aufgingen. Viele Juden, die Ende der dreißiger Jahre im Zuge der Repressalien gegen hohe Funktionäre von Partei und Armee verhaftet wurden, sahen sich in erster Linie als Kommunisten und erst dann als Juden. Als in der Kriegszeit aber immer mehr Juden und Polen eingeliefert wurden, scheinen sie erkennbare ethnische Netzwerke gebildet zu haben. 

Ada Federolf, die ihre Memoiren zusammen mit Ariadna Efron, der Tochter der Schriftstellerin Marina Zwetajewa, geschrieben hat, berichtet von einem Lager, dessen Schneiderwerkstatt — für Lagerverhältnisse ein luxuriöser Arbeitsplatz — von einem Häftling namens Lieberman geleitet wurde. Wenn ein neuer Transport ankam, soll er durch die Menge gegangen sein und gerufen haben: »Sind Juden hier?« Wenn er welche fand, sorgte er dafür, dass sie in seinen Werkstätten angestellt wurden und bewahrte sie auf diese Weise vor der Arbeit im Wald. Lieberman hatte geniale Einfälle, wenn es darum ging, Rabbinern den nötigen Freiraum zu verschaffen, damit sie den ganzen Tag beten konnten. Er richtete heimlich ein kleines Hinterzimmer für einen Rabbi ein, damit niemand bemerkte, dass er nicht arbeitete. Für einen anderen Rabbi erfand er das Amt des »Qualitätskontrolleurs«. So konnte der Mann den ganzen Tag die Reihen der nähenden Frauen auf und ab schreiten, ihnen zulächeln und still für sich beten.39) 

Da sie so wenige waren, konnten die Westeuropäer und Nordamerikaner in den Lagern keine tragfähigen Netzwerke bilden. Sie waren kaum in der Lage, einander überhaupt zu helfen: Das Lagerleben hatte sie total desorientiert, sie sprachen kein Russisch, fanden das Essen ungenießbar und die Lebensbedingungen unerträglich.

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Nachdem Nina Gagen-Torn eine ganze Gruppe deutscher Frauen in einem Transitlager bei Wladiwostok hatte sterben sehen, obwohl diese sogar abgekochtes Wasser zu trinken bekamen, schrieb sie, nur halb ironisch: »Wenn die Baracken mit Sowjetbürgern gefüllt sind, die das Essen kennen, dann ertragen die den Salzfisch, selbst wenn er schon verdorben ist. Wenn dagegen ein großer Transport von verhafteten Mitgliedern der Dritten Internationale ankommt, dann haben gleich alle die Ruhr.«40) 

Ein paar Vorteile hatten die Westler, zu denen auch Polen, Tschechen und andere Osteuropäer zählten, dennoch. Sie wurden besonders fasziniert und interessiert beobachtet, was zuweilen nützliche Kontakte, etwas besseres Essen und freundlichere Behandlung zur Folge hatte. So spielte Flora Leipman aus Schottland, deren russischer Stiefvater die Familie zum Umzug in die Sowjetunion überredet hatte, die »Schottin«, um ihre Mitgefangenen ein wenig aufzuheitern:

»Ich steckte meinen Rock bis über die Knie auf, damit er wirkte wie ein Kilt, und ließ die Strümpfe bis auf die Waden rutschen. Ich warf mir eine Decke über die Schulter und trug meinen Hut vor mir her wie eine Felltasche. Mit vor Stolz heiserer Stimme sang ich dann <Annie-Laurie>, <Ye Banks and Braes o'Bonnie Doon> und am Ende unbedingt <God Save the King> Eine Übersetzung war nicht nötig.«41) 

John Noble, ein Amerikaner, den man in Dresden festgenommen hatte, wurde zum »VIP von Workuta«. Er ergötzte seine Mitgefangenen mit Geschichten aus dem amerikanischen Alltagsleben, die sie unglaublich fanden. »Also, Johnny«, sagte einer zu ihm, »du wirst uns noch weismachen wollen, dass die amerikanischen Arbeiter im eigenen Auto herumfahren.«42) Letzten Endes aber hinderte ihr Anderssein die Ausländer daran, sich so eng an andere anzuschließen, dass es ihnen das Leben rettete. Dazu Flora Leipman: »Selbst meine neuen <Freundinnen> im Lager hielten sich zurück, weil sie in mir eine Fremde sahen.«43) 

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In noch schlechterer Lage waren die Muslime und andere Gefangene aus Zentralasien und den kaukasischen Republiken. Ebenso desorientiert wie die Westler, waren sie meist nicht in der Lage, bei den Russen ähnliches Interesse zu erwecken. Als Nazmeny (Angehörige nationaler Minderheiten) gehörten sie seit Ende der zwanziger Jahre zum Bild der Lager. Während der Befriedung und Sowjetisierung Zentralasiens und des Nordkaukasus wurden sie in großer Zahl verhaftet und an den Weißmeer-Kanal geschickt. Nach 1933 arbeiteten viele von ihnen auch am Moskwa-Wolga-Kanal. Gustaw Herling-Grudzinski begegnete ihnen in einem Holzfällerlager im Norden. Er erinnert sich, dass er sie jeden Abend in der Krankenstation sah, wo sie den Arzt aufsuchen wollten:

»Schon hier im Warteraum hielten sie sich schmerzgekrümmt den Bauch, und sobald sie hinter die Sperrholzwand traten, brachen sie in Stöhnen und Wimmern aus, das mit Klageworten in einem seltsam gebrochenen Russisch abwechselte. Es gab kein Mittel für ihr Leiden ... Sie starben an Heimweh, an der unstillbaren Sehnsucht nach ihrer Heimat, an Hunger und Kälte, die ihre letzte Kraft verzehrten. Ihre Schlitzaugen, die an das nördliche Klima nicht gewöhnt waren, tränten unaufhörlich, und ihre Augenlider waren von einer schmalen gelben Eiterkruste verklebt. An den seltenen freien Tagen versammelten sich die Usbeken, Turkmenen und Kirgisen in einer Ecke der Baracke, mit Festtagsstaat aus langen bunten Seidengewändern und bestickten Kappen angetan, und niemand vermochte zu erraten, worüber sie so erregt sprachen. Sie gestikulierten dabei wild, überschrieen sich gegenseitig oder nickten sich traurig zu — eins ist sicher, sie sprachen nicht über das Lager.« 44)

Den Koreanern, eigentlich Sowjetbürgern koreanischer Herkunft, ging es nicht viel besser. Ebenso wenig den Japanern, von denen 600.000 Mann bei Kriegsende völlig erschöpft im Gulag und in den Kriegsgefangenenlagern ankamen. Sie litten vor allem an dem Essen, das ihnen nicht nur kärglich, sondern völlig fremd und ungenießbar vorkam. Stattdessen jagten und aßen sie Dinge, die ihre Mitgefangenen entsetzten: Wildkräuter, Insekten, Käfer, Schlangen und Pilze, die kein Russe angerührt hätte. Gelegentlich nahmen ihre Beutezüge aber auch ein schlimmes Ende: In den Akten finden sich Beispiele von japanischen Gefangenen, die sich mit unbekannten Pflanzen vergifteten.45) 

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Andere Nationen aus dem Fernen Osten erwiesen sich als anpassungsfähiger. In einigen Memoiren wird die straffe Organisation der Chinesen erwähnt, die zum Teil Sowjetbürger chinesischer Herkunft, in der Mehrzahl aber in den zwanziger Jahren legal zur Arbeit Eingewanderte oder Pechvögel waren und irgendwann per Absicht oder Zufall auf die andere Seite der langen chinesisch-sowjetischen Grenze gerieten.46) 

In den Lagern, so erinnert sich Dmitri Panin, ein Mithäftling Solschenizyns, »blieben die Chinesen immer unter sich. Wenn wir sie etwas fragten, schauten sie uns nur verständnislos an.«47) Karol Stajner erinnert sich, dass sie sich gegenseitig Jobs zuschoben: »In Europa kennt man Chinesen als Jongleure, im Lager aber waren die meisten als Wäscher beschäftigt. Ich erinnere mich nicht, auch nur in einem der vielen Lager, die ich passierte, nichtchinesische Wäscher angetroffen zu haben.«48) 

Die einflussreichsten ethnischen Gruppen aber waren die Balten und Westukrainer, die es während des Krieges und danach in Massen in die Lager verschlug. Davon wird später noch die Rede sein. Nicht ganz so zahlreich, aber ebenfalls von starkem Einfluss waren die Polen, besonders die antikommunistischen Partisanen, die Ende der vierziger Jahre auftauchten. Zu beachten sind auch die Tschetschenen, die Solschenizyn als »eine Nation, die der Psychologie der Unterwerfung standgehalten hatte«, beschreibt. Sie unterschieden sich gleich in mehrfacher Hinsicht von den anderen Kaukasiern.49) 

Die Stärke dieser Gruppen lag in ihrer Zahl und in ihrer klaren Gegnerschaft zur Sowjetunion, deren Einmarsch in ihre Heimat sie als illegal ansahen. Polen, Balten und Ukrainer hatten militärische Erfahrungen als Partisanen und konnten ihre Organisationen in den Lagern zum Teil erhalten. Unmittelbar nach dem Krieg richtete der Generalstab der UPA, der ukrainischen Rebellenarmee — einer von mehreren Gruppen, die um die Kontrolle der Ukraine kämpften —, eine Erklärung an alle Ukrainer in Lagern oder Verbannung: »Wo ihr euch auch befindet, in Bergwerken, in den Wäldern oder im Lager, bleibt, was ihr seid — treue Ukrainer — und setzt unseren Kampf fort.«

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In späteren Jahren, als Polen, Balten und Ukrainer wie auch Georgier, Armenier und Tschetschenen den Alltag im Lager immer stärker in ihrem Sinne lenken konnten, bildeten sie eigene nationale Brigaden, wohnten in getrennten Baracken und organisierten sogar Feiern aus Anlass nationaler Feiertage. Zuweilen kooperierten die mächtigen Clans miteinander. Der polnische Schriftsteller Aleksander Wat schreibt, dass Ukrainer und Polen, erbitterte Gegner während des Krieges, die um jeden Zentimeter der westlichen Ukraine kämpften, sich in den sowjetischen Gefängnissen »in gewisser Weise reserviert, aber unglaublich loyal [begegneten]. Wir sind zwar Feinde, aber hier gilt das nicht.«50) 

Dann wieder lagen die ethnischen Gruppen untereinander und mit den Russen in heftiger Konkurrenz. Den nationalen Widerstand, schreibt ein Beobachter, »charakterisiert einerseits Gegnerschaft zum Regime und andererseits zu den Russen«. Edward Buca erinnert sich an noch grundsätzlichere Feindschaft: »Es war nicht üblich, dass man einem Gefangenen anderer Nationalität half.«51) 

Als verschiedene nationale Abteilungen Ende der vierziger Jahre von den Kriminellen die Rolle der informellen Lagerpolizei übernahmen, kam es zwischen ihnen zum Gerangel. Marien Korallow erinnert sich, dass »sie anfingen, um die Macht zu kämpfen, was damals viel bedeutete. Zum Beispiel war sehr wichtig, wer den Speiseraum kontrollierte, denn der Koch arbeitete direkt für seinen Herrn.« Laut Korallow war das Kräfteverhältnis zwischen den einzelnen Gruppen damals sehr labil und konnte mit jeder Ankunft eines neuen Transports kippen. Als beispielsweise eine Gruppe Tschetschenen in seinem Lagpunkt eintraf, kamen sie in die Baracke und »warfen alles, was auf den unteren Etagen der Stockbetten lag« — in jenem Lager die »Aristokratenebene« — »auf den Boden. Dann machten sie sich dort mit ihren Sachen breit.«52) 

Auch wenn es merkwürdig klingen mag: In den meisten Lagern gab es keinen Clan für Russen, obwohl sie laut den Gulag-Statistiken in all den Jahren stets die überwiegende Mehrheit der Häftlinge stellten.53) Die Russen schlossen sich höchstens danach zusammen, aus welcher Stadt oder welcher Gegend des Landes sie kamen. Moskauer fanden Moskauer, Leningrader Leningrader et cetera. 

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Meist waren diese Verbindungen aber schwach. Sie kannten vielleicht die Straße, in der sie gewohnt, oder die Schule, die sie besucht hatten. Während die anderen Nationalitäten Netzwerke zur gegenseitigen Unterstützung bildeten, Neuankömmlinge mit Schlafplätzen in der Baracke versorgten, ihnen halfen, bessere Jobs zu finden, taten die Russen nichts von alledem. Ariadna Efron beschreibt, wie sie und ihre Mitgefangenen bei der Ankunft in Turuchansk, wohin sie am Ende ihrer Lagerhaft in die Verbannung geschickt wurde, von Leidensgefährten vor Ort empfangen wurden:

»Ein Jude nahm die jüdischen Frauen aus unserer Gruppe beiseite, gab ihnen Brot zu essen und erklärte ihnen, was sie zu tun hätten. Dann holte ein Georgier die georgischen Frauen ab. Nach einer Weile blieben nur noch wir zehn bis fünfzehn Russinnen übrig. Niemand erwartete uns, bot uns Brot an oder gab uns einen Ratschlag.«54) 

Die russischen Häftlinge unterschieden sich eher nach ideologischen als nach ethnischen Merkmalen. Dazu Nina Gagen-Torn: »Die Mehrheit der Frauen in den Lagern betrachtete ihr Schicksal und ihre Leiden als zufälliges Missgeschick und fragte nicht nach den Ursachen. Wer für sich selbst eine Erklärung fand, was da geschah, und diese zu seiner Überzeugung machte, hatte es leichter.«55) 

Zu denen, die eine solche Erklärung hatten, gehörten vor allem die Kommunisten, jene Häftlinge, die weiterhin ihre Unschuld beteuerten, der Sowjetunion die Treue hielten und gegen allen Augenschein immer noch glaubten, alle anderen seien ihre Gegner und müssten gemieden werden.56) Susanna Petschora beschreibt die Ankunft einer solchen Gruppe Anfang der fünfziger Jahre in Minlag: »Sie saßen in einer Ecke und redeten miteinander: <Wir sind ehrliche Sowjetmenschen, es lebe Stalin, wir haben keine Schuld, unser Staat wird uns bald aus der Gesellschaft all dieser Feinde befreien>.« 57)

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Solschenizyn widmet ein ganzes Kapitel seines Archipel Gulag den Kommunisten, die er nicht sehr freundlich als die »Wohlmeinenden« tituliert. Er staunt darüber, wie sie es fertig bringen, sich ihre eigene Verhaftung, Folter und Einkerkerung als »das äußerst geschickt eingefädelte Werk fremder Spionagedienste« zu erklären, als »ein Schädlingskomplott von gigantischem Ausmaß«, als »einen Streich der lokalen NKWDler« oder einfach als »Verrat«. Manche verstiegen sich gar zu der Behauptung, die Repressalien seien »eine historische Notwendigkeit in der Entwicklung unserer Gesellschaft«.58) 

Die einzige Gruppe, die die Kommunisten in ihrem festen Glauben noch übertraf, waren die Orthodoxen wie auch Mitglieder verschiedener russisch-protestantischer Sekten, die in der Sowjetunion politisch verfolgt wurden: Baptisten, Zeugen Jehovas und andere. Anna Andrejewa erinnert sich, dass Ende der vierziger Jahre in einem Frauenlager in Mordowien »die Mehrheit der Häftlinge Gläubige waren«, die sich so organisierten, dass »an den jeweiligen religiösen Festtagen die Katholiken den Orthodoxen Dienste leisteten und umgekehrt«.59) 

Wie bereits erwähnt, weigerten sich einige dieser Sekten strikt, mit dem sowjetischen Satan in Kontakt zu treten, wollten nicht arbeiten und unterschrieben keinerlei offizielle Dokumente. Gagen-Torn berichtet von einer gläubigen Frau, die aus Krankheitsgründen freikommen sollte, aber das Lager nicht verlassen wollte. »Ich erkenne eure Autorität nicht an«, erklärte sie dem Wärter, der ihr die notwendigen Dokumente ausstellen und sie nach Hause schicken wollte. »Eure Macht ist nicht legitim, auf euren Pässen ist der Antichrist abgebildet ... Wenn ich freigelassen werde, verhaftet ihr mich sowieso bald wieder. Es hat keinen Sinn, dass ich gehe.«60) 

Solschenizyn erzählt die Geschichte einer Gruppe von Sektenanhängern, die 1930 in Solowezki eintraf. Sie kommt in abgewandelter Form auch bei anderen vor. Sie wiesen alles zurück, was vom »Antichrist« kam, selbst sowjetische Pässe oder Geld. Zur Strafe schickte man sie auf eine kleine Insel im Solowezker Archipel, wo man ihnen Essen versprach, wenn sie dafür unterschrieben. Das lehnten sie ab. Nach zwei Monaten waren alle verhungert. Das nächste Schiff, das an der Insel anlegte, erinnert sich ein Augenzeuge, »fand nur zerpickte Leichen«.61) 

Diese fanatischen Gläubigen lösten bei den anderen Häftlingen gemischte Gefühle aus. Irina Arginskaja, eine entschiedene Atheistin, erinnert sich, dass »wir uns alle vor ihnen ekelten«, besonders vor jenen, die sich aus religiösen Gründen weigerten zu baden.62)

In gewisser Weise waren Männer oder Frauen, die sich bei der Ankunft im Lager sofort einem Clan oder einer Sekte anschließen konnten, glücklich zu nennen. Denn Verbrecherbanden, militante nationale Gruppen, wahre Kommunisten und religiöse Sekten boten ihnen eine Gemeinschaft, Kameradschaft und Unterstützung.

Die meisten politischen Gefangenen und »gewöhnlichen« Kriminellen — die die große Mehrheit der Insassen des Gulags stellten — fanden dagegen nicht so leicht Anschluss bei der einen oder anderen Gruppe. Ihnen fiel es viel schwerer, das Leben im Lager zu begreifen, mit der ihnen fremden Moral und Hierarchie zurechtzukommen. Ohne ein Netz von Kontakten mussten sie ganz allein lernen, wie man im Lager vorankam.

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