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 6 Strafe
und Belohnung

 

Wer nicht dort war, 
kommt noch an die Reihe. 

Wer dort war, 
vergisst es nie. 

Sowjetisches
Gefangenen-
Sprichwort (1)

269-282

SCHISO: die Strafzellen 

Nur wenige sowjetische Lager sind bis heute erhalten geblieben, und sei es in halb verfallenem Zustand. Bemerkenswert ist allerdings, dass eine ganze Zahl von schtrafnye isoljatory, »Strafisolatoren«, auf Russisch unter der unvermeidlichen Abkürzung SCHISO bekannt, immer noch existieren. 

Nichts erinnert mehr an Lagpunkt Nr. 7 von Uchtpetschlag außer dem Block mit den Strafzellen, der heute die Autowerkstatt eines Armeniers beherbergt. Die Gitter vor den Fenstern hat er nicht entfernt, weil er hofft, wie er sagt, dass »Solscheni-zyn mir dieses Gebäude abkaufen wird«. Nichts ist auch von dem landwirtschaftlichen Lagpunkt bei Aischerom, dem Loktschimlag, geblieben, außer dem Strafblock, in dem heute mehrere Familien wohnen. Eine ältere Frau, der ich dort begegne, lobt die stabilen Türen. Eine hat immer noch ein großes »Judasloch« in der Mitte, durch das die Wärter einst die Gefangenen beobachteten oder ihnen die Brotration reichten.

Dass die Gebäude mit den Strafzellen so lange überlebt haben, zeigt, wie solide sie gebaut sind. Oft das einzige Steinhaus in einem Lager aus lauter Holzhütten, war der Isolator eine Zone in der Zone. In seinen Mauern herrschte ein Regime im Regime.

In den vierziger Jahren erließ Moskau genaue Instruktionen darüber, wie die Strafblöcke zu bauen waren und nach welchen Regeln ihre Insassen zu leben hatten. Jeder Lagpunkt oder - wenn es sehr keine waren - mehrere zusammen hatten einen Strafblock. Dieser

lag meist außerhalb der Zone. Befand er sich auf dem Lagergelände, dann in einiger Entfernung von den anderen Bauten, und »Stacheldrahtzaun zog sich ringsherum, damit man auch gleich wußte, daß dies ein Gefängnis im Gefängnis war... Die Gefangenen machten gewöhnlich einen großen Bogen um diesen Bau und blickten nicht einmal zu den grauen Steinmauern hin, von denen einen ein kalter Hauch anwehte.«2) 

Jeder der großen Lagerkomplexe musste außerdem einen zentralen Strafblock in der Nähe seines Hauptquartiers haben, ob nun in Magadan, Workuta oder Norilsk. Der zentrale Block war oft ein riesiges Gefängnis mit Gemeinschafts- und Einzelzellen; letztere waren »besonders heimtückischen Elementen« vorbehalten. Gefangene, die in Isolationshaft saßen, durften nicht zur Arbeit gehen, man verwehrte ihnen jegliche Bewegung, Tabak, Papier und Streichhölzer. Das kam zu den »normalen« Restriktionen hinzu, die für Häftlinge in Gemeinschaftszellen galten: keine Post, keine Päckchen und keine Verwandtenbesuche.3) 

Auf den ersten Blick scheint die Existenz dieser Strafzellen den wirtschaftlichen Grundsätzen zu widersprechen, auf denen der Gu~ lag beruhte. Diese getrennt liegenden Gebäude und eigene Wachen dafür zu unterhalten war teuer. Gefangene von der Arbeit fern zu halten bedeutete Verschwendung. Aus Sicht der Lagerleitungen waren die Strafzellen allerdings keine Form zusätzlicher Quälerei der Gefangenen, sondern Bestandteil der enormen Anstrengungen, die Häftlinge zu höheren Arbeitsleistungen zu bewegen. Zusammen mit geringeren Essenrationen sollte das in den Strafzellen herrschende harte Regime Arbeitsverweigerern Angst einjagen; der Bestrafung diente es nur im Falle von Häftlingen, die im Lager Verbrechen wie Mord begingen oder einen Fluchtversuch unternahmen.

Da diese zwei Arten von Vergehen in der Regel von unterschiedlichen Häftlingstypen begangen wurden, herrschte in den Strafzellen einiger Lager eine ganz merkwürdige Atmosphäre. Einerseits waren sie voll von Berufsverbrechern, die meist wegen Mordes oder Fluchtversuchs dort saßen. Andererseits kamen mit der Zeit immer mehr Häftlinge einer anderen Kategorie hinzu: männliche religiöse Gefangene oder auch »Nonnen«, die sich aus Prinzip weigerten, für den sowjetischen Satan zu arbeiten. 

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Aino Kuusinen begegnete ihnen im Lagpunkt Potma, dessen Kommandant eine besondere Strafbaracke für eine Gruppe tief religiöser Frauen bauen ließ, die »sich weigerten, Feldarbeit zu verrichten, und statt dessen ihre Zeit mit lauten Gebeten und dem Gesang von Kirchenliedern verbrachten«. Die Frauen durften nicht mit den anderen Gefangenen zusammen essen, sondern erhielten in ihrer eigenen Unterkunft die Strafration. Bewaffnete Wächter begleiteten sie zweimal täglich zur Latrine: »Gelegentlich besuchte der Kommandant die <Nonnen> mit einer Peitsche in der Hand, und dann gellten Schmerzensschreie durch die Baracke. Meist wurden diese Frauen auf ihre nackten Körper geschlagen, doch die Peiniger erreichten damit nichts, die Frauen fuhren fort, zu beten und zu fasten.« 4) 

Auch andere hartnäckige Arbeitsverweigerer landeten in den Strafzellen. Tatsächlich stellte die schiere Existenz dieser Zellen die Häftlinge vor die Wahl. Sie konnten entweder zur Arbeit gehen oder einige Tage in einer solchen Zelle verbringen, sich mit dem kümmerlichen Essen, der Kälte und der Unbequemlich­keit abfinden, mussten aber nicht im Wald die letzten Kräfte lassen. 

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Lew Rasgon schilderte Geschichte des Grafen Tyszkiewicz, eines polnischen Adligen, den man in ein Holzfällerlager in Sibirien schickte. Er erkannte bald, dass er bei der kümmerlichen Verpflegung nicht überleben würde, und weigerte sich daher zu arbeiten. So hoffte er seine Kräfte besser erhalten zu können, selbst wenn er nur die Strafration zu sich nahm.

»Jeden Morgen, wenn die Kolonnen der Seks auf dem Hof antraten, bevor sie aus dem Lager zur Arbeit marschierten, holten zwei Wärter Tyszkiewicz aus der Strafzelle. Sein Gesicht und der kahl geschorene Kopf waren von grauen Stoppeln bedeckt, er trug die Reste eines alten Mantels und Gamaschen. Der Sicherheitsoffizier des Lagers begann seine tägliche Erziehungsübung: <Also, du besch...er Graf, du elender Blödmann, gehst du nun zur Arbeit oder nicht?> - <Nein, ich kann nicht arbeiten>, antwortete der Graf beinhart. - <Du kannst also nicht, du Stück Scheiße?> Der Sicherheitsoffizier erklärte dem Grafen in aller Öffentlichkeit, was er von ihm, seinen nahen und fernen Verwandten hielt und was er bald mit ihm machen werde. Dieses Schauspiel wurde von den anderen Insassen des Lagers mit allgemeiner Befriedigung aufgenommen.«5) 

Bei Rasgon klingt die Geschichte beinahe lustig, aber das war eine äußerst riskante Strategie; das Strafregime war nicht als angenehme Einrichtung gedacht. Für die meisten Häftlinge waren das Unangenehmste daran nicht die körperliche Härte, die Isolation oder das schlechte Essen, sondern die zusätzlichen Schikanen, die die Lagerführungen sich ausdachten. Janusz Bardach wurde in eine Strafzelle geworfen, auf deren Boden das Wasser stand. Die feuchten Wände waren voller Schimmel:

»Meine Unterwäsche und mein Hemd waren immer feucht, und ich zitterte. Nacken und Schultern wurden steif und verkrampft. Das durchweichte rohe Holz faulte bereits, besonders an den Rändern der Pritsche ... Diese war so schmal, dass ich nicht auf dem Rücken liegen konnte. Wenn ich mich seitwärts darauflegte, hingen meine Beine über den Rand. Ich konnte sie nie ausstrecken. Es war eine schwierige Entscheidung, auf welche Seite ich mich legen sollte. Auf der einen berührte mein Gesicht fast die glitschige Wand, auf der anderen wurde mein Rücken nass.«6

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Die Feuchtigkeit war allgegenwärtig, ebenso die Kälte. Laut Vorschrift sollte die Temperatur in den Strafzellen nicht unter 16 Grad Celsius sinken, aber das Heizen wurde oft vernachlässigt. Gustaw Herling-Grudzinski erinnert sich, dass in seiner Strafzelle »die Fenster in den Zellen keine Scheiben hatten, ja nicht einmal ein Brett war davor, so daß die Temperatur in ihnen kaum höher war als die Außentemperatur«.7

Die Lagerkommandanten konnten auch entscheiden, ob sie es einem Häftling überhaupt erlaubten, in der Strafzelle Oberkleidung zu tragen - viele mussten dort in der Unterwäsche sitzen -, oder ob der Sträfling zur Arbeit geschickt wurde. Wenn er nicht arbeitete, ließ man ihn den ganzen Tag ohne körperliche Bewegung in der Kälte sitzen. Wenn er arbeitete, litt er großen Hunger. Da das Strafregime oft mit überraschenden Wendungen aufwartete, fürchteten die Häftlinge diese Zellen. »Manche weinten wie die Kinder und gelobten alles zu tun, was man von ihnen verlangte, wenn man sie nur herausließe«, schreibt Herling-Grudzinski.8

In den größeren Lagerkomplexen gab es nicht nur Strafzellen, sondern Strafbaracken und sogar ganze Lagpunkte, in die man zur Strafe geschickt werden konnte. Das Straflager von Dalstroi, das Ende der dreißiger Jahre entstand, war im ganzen Gulag berüchtigt: Serpantinnaja oder Serpantinka lag am Nordhang der Berge direkt über der Stadt Magadan. Sorgfältig an einem besonders kalten, düsteren Ort mit noch weniger Sonnenlicht als die Lager im Tal angelegt (die die meiste Zeit des Jahres ebenfalls kalt und dunkel waren), hatte man das Straflager stärker befestigt als normalerweise üblich. 1937/38 diente es außerdem als Hinrichtungsstätte. Schon der Name jagte den Häftlingen Schauer über den Rücken, denn nach Serpantinka geschickt zu werden kam einem Todesurteil gleich.9

Wie es in diesem Lager zuging, ist weitgehend unbekannt, da kaum einer von dort lebend zurückkehrte. Noch weniger weiß man über die Straflager anderer Komplexe, etwa über Iskitim, die Strafkolonie von Siblag, die um einen Kalksteinbruch herum angelegt wurde. Dort mussten die Häftlinge den Kalkstein ohne Maschinen und anderes Werkzeug mit den bloßen Händen brechen. Früher oder später brachte der Staub sie um, der in Lunge und Atemwege eindrang.10 Von den meisten Häftlingen - und Toten - von Iskitim weiß man nicht einmal den Namen.10)

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Ganz vergessen sind sie jedoch nicht. So stark hat das Leiden der Gefangenen die Fantasie der Bevölkerung von Iskitim bewegt, dass das Auftauchen einer neuen Frischwasserquelle an einem Berghang dicht bei dem früheren Lager Jahrzehnte später als ein Wunder begrüßt wurde. Da in der Schlucht unterhalb der Quelle - so heißt es - Massenexekutionen stattfanden, glaubt man, dies sei geheiligtes Wasser, mit dem Gott an die getöteten Menschen erinnern wolle.

 

Potschtowy Jaschtschik: der Briefkasten 

Der SCHISO war die höchste Strafe, die ein Häftling erhalten konnte. Im Gulag gab es aber auch die Belohnung - zur Peitsche das Zuckerbrot. Neben der Ernährung, dem Schlaf und dem Lebensraum kontrollierte das Lager auch die Verbindung des Gefangenen zur Außenwelt. Jahraus, jahrein kamen aus der Moskauer Gulag-Zentrale genaue Weisungen, wie viele Briefe, Päckchen und Geldüberweisungen ein Häftling erhalten durfte, wann und wie man ihn besuchen konnte. 

Insgesamt wurde der Kontakt nach außen mit der Zeit immer mehr eingeschränkt. In den Vorschriften zum Regime von 1930 hieß es lediglich, dass es den Gefangenen erlaubt sei, zu schreiben und eine nicht näher bezeichnete Anzahl von Briefen und Päckchen zu empfangen. Auch für Verwandtenbesuche gab es keine besonderen Einschränkungen. Allerdings hing deren Häufigkeit - was nicht in den Bestimmungen stand - davon ab, wie sich der Häftling führte.12) 

1939 galten bereits wesentlich detailliertere Regeln. Nun war ausdrücklich festgelegt, dass nur Gefangene, die die Norm erfüllten, Verwandtenbesuche empfangen durften, und auch das nur alle sechs Monate. Wer die Norm übererfüllte, konnte jeden Monat Besuch erhalten. Die Zahl der Päckchen wurde ebenfalls begrenzt: Erlaubt war eines pro Monat, wer eine Strafe wegen konterrevolutionärer Verbrechen verbüßte, bekam nur alle drei Monate eines.13

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Für das Senden und Empfangen von Briefen hatte man mittlerweile ein ganzes Regelwerk aufgestellt. Zensoren verboten den Häftlingen ausdrücklich, bestimmte Themen zu berühren: Sie durften die Zahl der Häftlinge in ihrem Lager nicht nennen, den Tagesablauf nicht beschreiben, das Wachpersonal nicht erwähnen, keine Angaben über die Arbeit im Lager machen. Briefe, in denen solche Dinge vorkamen, wurden von den Lagerzensoren nicht nur eingezogen, sondern auch in die Häftlingsakte aufgenommen - vermutlich als Beweis für »Spionage«.14) 

Die Vorschriften wurden immer wieder verändert, ergänzt und den Umständen angepasst. In den Kriegsjahren fielen alle Einschränkungen für Lebensmittel­sendungen weg. Offenbar hofften die Behörden, dass die Verwandten so zur Verpflegung der Häftlinge beitragen würden. Das NKWD sah sich dazu kaum mehr in der Lage. 

Da die Bestimmungen so kompliziert waren und sich ständig änderten, blieb der Kontakt zur Außenwelt in der Praxis fast völlig dem Gutdünken der Lagerkommandanten überlassen. Briefe und Päckchen erreichten den Häftling nie, wenn er in einer Strafzeile, Strafbaracke oder in einem Straflager saß. Sie erreichten auch einen Gefangenen nicht, den die Lagerbehörden aus irgendeinem Grunde nicht mochten. Es gab Lager, die so abgelegen waren, dass dort keine Post hinkam.15 In anderen wurde sie nicht verteilt, so chaotisch ging es dort zu. Ein empörter Inspektor des NKWD bemängelte, dass »Päckchen, Briefe und Geldüberweisungen den Häftlingen nicht ausgehändigt werden, sondern zu Tausenden in den Magazinen der Außenstellen liegen«.16 Ob eine Sendung gestohlen wurde oder verloren ging, konnte niemand sagen. Andererseits gelangten Briefe entgegen allen Bemühungen der Lagerführungen zuweilen zu Gefangenen, denen dies strikt verboten war.17) 

Es gab auch Lagerzensoren, die Briefe ungeöffnet durchgehen ließen. Dmitri Bystroletow erinnert sich an eine junge Komsomolzin, ein Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes, die dies tat: »Damit riskierte sie nicht nur ihr täglich Brot, sondern ihre Freiheit, denn darauf standen zehn Jahre Lager.«18) 

Natürlich gab es Wege, die Zensur und die Postbeschränkungen zu umgehen. Anna Rosina erhielt einen Brief von ihrem Ehemann, der in einem Kuchen eingebacken war. Als er bei ihr eintraf, hatte man den Absender bereits hingerichtet.19) 

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General Gorbatow beschreibt, wie er aus dem Transportzug einen unzensierten Brief an seine Frau schickte. Diese Methode wird auch bei anderen erwähnt. Zunächst musste er sich von einem Kriminellen einen Bleistiftstummel beschaffen:

»... ich gab dem Kriminellen den Tabak und nahm dafür den Bleistift, mit dem ich auf dünnen Blättchen einen langen Brief schrieb. Die Seiten numerierte ich durch, machte aus dem Papier, in das der Tabak eingewickelt gewesen war, einen Umschlag und klebte ihn mit Brot zu. Damit der Wind den Brief nicht forttrug, beschwerte ich ihn mit einem Stück Brotrinde und befestigte es mit Fäden, die ich aus dem Handtuch gezogen hatte. Zwischen die Brotrinde und den Brief klemmte ich einen Rubel und vier Zigarettenblättchen, auf die ich schrieb: <Ich bitte denjenigen, der den Umschlag findet, eine Marke auf den Brief zu kleben und ihn in den Briefkasten zu werfen!> Nach einer größeren Station stellte ich mich ans Waggonfenster und warf den Brief aus dem Zug...«20)

Wenig später erreichte der Brief die Empfängerin.

Manche Einschränkungen des Postverkehrs sind in den Vorschriften nicht erwähnt. Es war zwar schön und gut, schreiben zu dürfen, aber nicht immer fand der Häftling etwas, womit oder worauf er schreiben konnte, wie sich Bystroletow erinnert: »Papier ist im Lager eine Kostbarkeit, denn jeder Häftling braucht es, aber wo soll er es hernehmen? Was bedeutet schon der Ruf: <Posttag! Briefe abgeben!>, wenn man nichts hat, worauf man schreiben kann? Wenn nur wenige Glückliche eifrig kritzeln und der Rest deprimiert auf der Pritsche liegt?«21) 

Ein Häftling berichtet, wie er Brot gegen zwei Seiten tauschte, die jemand aus Stalins Buch Fragen des Leninismus gerissen hatte. Den Brief an seine Familie schrieb er zwischen die Zeilen.22 Selbst die Verwaltungen kleinerer Lagpunkte mussten sich etwas einfallen lassen. Der Buchhalter von Kedrowy Schor verwendete für offizielle Berichte gebrauchte Tapete.23

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Für Päckchen galten noch kompliziertere Regeln. Die Lagerkommandanten hatten die strikte Anweisung, dass diese nur in Anwesenheit des Wachpersonals geöffnet werden durften, damit eventuell verbotene Dinge sofort eingezogen werden konnten.24 Der Empfang eines Päckchens war ohnehin eine regelrechte Zeremonie. Zunächst wurde der Häftling über sein Glück benachrichtigt. Dann führte man ihn ins Magazin, wo seine persönlichen Habseligkeiten aufbewahrt wurden. Hatte er die Sendung geöffnet, beäugten die Wärter jeden Gegenstand oder schnitten ihn auf, sei es nun eine Zwiebel oder eine Wurst. Damit sollte sichergestellt werden, dass keine Kassiber, als Waffen taugliche Gegenstände oder Geld darin versteckt waren. Gab es nichts zu beanstanden, durfte der Häftling etwas aus dem Päckchen mitnehmen. Der Rest blieb im Magazin, bis er das nächste Mal eine Genehmigung erhielt.

Das Verfahren war aber nicht überall gleich. Dmitri Bystroletow saß in einem Lagpunkt, wo es gar kein Magazin gab. Daher musste er sich etwas einfallen lassen:

»Ich arbeitete damals auf der Baustelle einer Fabrik in der Tundra und wohnte in einer Baracke, in der man nichts zurücklassen konnte. Aber etwas zur Arbeit mitzunehmen war genauso unmöglich, denn die Wachen am Lagertor nahmen einem alles weg, was sie finden konnten, und aßen es selbst. Was man zurückließ, wurde sofort von den Häftlingen, die die Unterkünfte reinigten, gestohlen und verspeist. Man musste also alles Essbare sofort verbrauchen. Ich zog einen Nagel aus der Pritsche und stach damit zwei Löcher in eine Büchse Kondensmilch. Dann versuchte ich sie unter der Decke auszusaugen. Ich war aber so erschöpft, dass ich darüber einschlief. Die kostbare Flüssigkeit tropfte nutzlos in den schmutzigen Strohsack.«25

Da nicht jeder Päckchen bekam, stellte sich stets auch die moralische Frage: Sollte man mit den anderen teilen oder nicht? Mancher gab jedem etwas ab, weil er nett war oder die anderen für sich einnehmen wollte. Andere bedachten nur wenige gute Freunde. »Es kam aber auch vor, dass eine ihre Kekse nachts im Bett aß, weil es ihr vor den anderen unangenehm war«, erinnert sich eine Gefangene.26

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In den schlimmsten Kriegsjahren und in den härtesten Lagern im Norden konnten Päckchen über Leben und Tod entscheiden. Der Filmregisseur Georgi Schenow ist der Meinung, dass ihm zwei solche Sendungen das Leben gerettet haben. Seine Mutter schickte sie 1940 in Leningrad ab. Sie erreichten ihn drei Jahre später »im kritischsten Augenblick, als ich hungerte, schon alle Hoffnung aufgegeben hatte und langsam an Skorbut einging ...« Schenow arbeitete damals im Badehaus eines Lagpunktes an der Kolyma, weil er zum Holzfällen zu schwach war. Als er hörte, er habe zwei Päckchen bekommen, wollte er es zuerst nicht glauben. Da man es aber bestätigte, bat er seinen Vorgesetzten um die Erlaubnis, die zehn Kilometer zum Hauptlager zu gehen, wo sich das Magazin befand. Nach zweieinhalb Stunden Marsch wollte er umkehren: »Ich hatte mit Mühe einen Kilometer geschafft.« Da kamen einige Lagerchefs auf einem Schlitten angefahren. »Eine fantastische Idee schoss mir durch den Kopf: Vielleicht sollte ich sie bitten, mich mitzunehmen?« Sie sagten ja, und was dann geschah, war »wie ein Traum«. Schenow stieg auf, fuhr die zehn Kilometer mit, die Chefs halfen ihm beim Absteigen, er schaffte es zum Magazin, empfing seine drei Jahre alten Päckchen und öffnete sie:

»Der gesamte Inhalt - Zucker, Wurst, Schmalz, Bonbons, Zwiebeln, Knoblauch, Kekse, Zigaretten, Schokolade - samt der jeweiligen Verpackung hatte sich in den drei Jahren, da die Sendungen mir von Adresse zu Adresse nachgeschickt wurden, miteinander vermischt wie in einer Waschmaschine und war schließlich zu einer harten Masse verschmolzen, die süßlich nach Moder und Verfall, nach Tabak und Bonbons roch... Ich trat an den Tisch, schnitt mit einem Messer ein Stück ab und schlang es vor aller Augen, fast ohne zu kauen, hastig hinunter. Ich spürte weder Geruch noch Geschmack, denn ich hatte panische Angst, jemand könnte eingreifen und es mir wegnehmen...«27)

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  Dom Swidanij:  das Haus der Begegnungen  

Die größte Erregung oder die schlimmsten Qualen lösten bei den Gefangenen allerdings nicht Briefe und Päckchen aus. Viel aufwühlender waren Begegnungen mit Verwandten, meist der Ehefrau oder Mutter. Nur Häftlingen, die die Norm erfüllt und alle Regeln des Lagers gehorsam befolgt hatten, waren Besuche gestattet: In den offiziellen Dokumenten werden sie unumwunden als Belohnung für »gute, engagierte Arbeit mit hohen Ergebnissen« bezeichnet.28) Die Aussicht, Verwandtenbesuch empfangen zu dürfen, war in der Tat ein starkes Motiv für Wohlverhalten.  

Bei weitem nicht alle Häftlinge konnten auf dieses Glück hoffen. Zunächst musste die Familie couragiert genug sein, um zu dem »Volksfeind« weiter Kontakt zu halten. Dann forderte eine Reise an die Kolyma, nach Workuta, nach Norilsk oder Kasachstan auch einem freien Bürger beträchtlichen Mut ab. Man musste nicht nur eine endlose Zugfahrt an einen fernen, primitiven Ort auf sich nehmen, sondern hatte unter Umständen lange Fußmärsche oder eine Fahrt mit dem LKW über holprige Wege zum Lagpunkt zu überstehen. Dann musste der Besuch oft mehrere Tage, manchmal auch länger warten und arrogante Kommandanten anflehen, den Verwandten sehen zu dürfen. Eine Ablehnung ohne jeden Grund war durchaus möglich. Dann folgte die lange, ebenso abenteuerliche Heimreise. 

Neben den körperlichen Strapazen konnte auch die psychische Belastung durch solche Treffen fast unerträglich sein. Die Frauen, die ihre Männer besuchen kamen, schreibt Herling-Grudzinski, »fühlen deren grenzenloses Elend mit, ohne es ganz begreifen oder ihnen auch nur ein wenig helfen zu können. In den langen Jahren der Trennung sind ihnen ihre Männer fremd geworden ... Außerdem warf das Lager, obwohl es ihnen versperrt blieb, seine drohenden Schatten auf sie. Zwar waren sie nicht Gefangene, aber mit Feinden des Volkes verwandt.«29) 

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In Gefängnissen und bestimmten Lagern waren solche Begegnungen kurz, und stets saß ein Wärter dabei - eine Regel, die ebenfalls enorme Anspannung verursachte. »Ich wollte so viel reden, alles erzählen, was mit mir in diesem Jahr passiert war«, erinnert sich ein Häftling an die einzige Begegnung mit seiner Mutter. Ich suchte nach Worten, »und wenn ich dann etwas sagen wollte, fuhr der Wärter dazwischen: <Das ist verboten!>«30

Noch tragischer ist die Geschichte Dmitri Bystroletows, der seine Frau 1941 mehrmals sehen durfte. Immer war allerdings ein Wachmann anwesend. Sie kam aus Moskau, um ihm Lebewohl zu sagen. Nach seiner Verhaftung war sie an Tuberkulose erkrankt und hatte nicht mehr lange zu leben. Als sie sich von ihm verabschiedete, streckte sie die Hand aus und wollte sie um seinen Nacken legen, was nicht gestattet war. Besucher durften keinen Körperkontakt mit den Gefangenen haben. Der Wachmann riss ihren Arm grob zurück, sie stürzte zu Boden und hustete Blut. Bystroletow schreibt, er habe »den Kopf verloren« und sei auf den Wärter losgegangen, der nun ebenfalls blutete. Nur die Tatsache, dass an jenem Tag der Krieg ausbrach, rettete ihn vor schwerer Strafe. In dem Chaos, das dann folgte, wurde seine Attacke auf den Wachmann vergessen. Er sah seine Frau nicht wieder.31

Nicht immer waren Wachen zugegen. In den größeren Lagpunkten gestattete man Gefangenen manchmal längere gemeinsame Aufenthalte ohne dritte Personen. In den vierziger Jahren fanden diese in der Regel in einem besonderen »Haus der Begegnungen« statt, das zu diesem Zweck am Rand des Lagers eingerichtet wurde. Hier Herling-Grudzinskis Beschreibung:

»Von der Straße her, die vom Lager zum Dorf führte, wirkte das Haus freundlich und einladend. Es war aus rohem Tannenholz gebaut; die Lücken zwischen den Balken hatte man mit Werg ausgestopft, das Dach bestand aus schönen Dachziegeln ... Zu der einen, sich jenseits des Stacheldrahtes befindenden Eingangstür führten ein paar Holzstufen hinauf Nur die Besucher von auswärts durften diese Tür benutzen. Vor den mit baumwollenen Vorhängen umrahmten Fenstern standen Blumenkästen. Jedes Zimmer war mit zwei sauberen Betten, einem großen Tisch, zwei Bänken, einem Waschständer und einer Wasserkanne, einem Kleiderschrank und einem eisernen Ofen möbliert, und die elektrische Birne war sogar von einem kleinen Schirm verdeckt. Was konnte ein Gefangener, der jahrelang auf einer gewöhnlichen Pritsche in einer schmutzigen Baracke geschlafen hatte, sich mehr an kleinbürgerlicher Behaglichkeit wünschen? Wir alle erträumten uns von unserem Leben in der Freiheit nichts anderes als solch einen bescheidenen Raum.«32

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Und doch fühlten sich jene, die den »Traum vom Leben in Freiheit« so herbeigesehnt hatten, danach oft noch schlechter, wenn die Begegnung missglückte, was häufig geschah. Männer, die nach Jahren ihre Frau zum ersten Mal wiedersahen, wurden plötzlich von sexuellen Ängsten gepackt, wie Herling-Grudzinski schreibt:

»Die langen Jahre der schweren Arbeit und des Hungers hatten ihre Manneskraft untergraben, und darum erfüllte sie der Gedanke an ein intimes Zusammensein mit der ihnen fast fremd gewordenen Frau neben scheuer Erregung mit nervöser Angst, ja Verzweiflung. Ein paar Mal hörte ich Männer nach einem Besuch prahlerisch von ihren sexuellen Fähigkeiten berichten, aber meistens wurde schamhaft darüber geschwiegen.«33

Die Frauen, die zu Besuch kamen, erzählten außerdem von ihren eigenen Schwierigkeiten. Meist hatten sie unter der Haft ihrer Männer schwer zu leiden. Sie fanden keine Arbeit, wurden nicht zum Studium zugelassen, mussten ihre Partnerschaft vor neugierigen Nachbarn geheim halten.

Zuweilen konnte ein solcher Besuch daher schlimmer sein als gar keiner. Israil Masus, der in den fünfziger Jahren verhaftet wurde, berichtet von einem Gefangenen, der den Fehler beging, seinen Kameraden zu erzählen, dass seine Frau eingetroffen sei. Während er all die Prozeduren durchlief, die für einen Häftling vor dieser Begegnung vorgeschrieben waren - baden, Haare schneiden, im Lagerraum Zivilkleidung empfangen -, hänselten ihn seine Mitgefangenen ununterbrochen und neckten ihn mit dem quietschenden Bett im Haus der Begegnungen.34 Am Ende ließ man ihn dort keine Minute mit seiner Frau allein. Was für ein »Traum von Freiheit« sollte das sein?

Kontakte zur Außenwelt waren stets kompliziert, wegen all der Erwartungen, der Wünsche und der Vorfreude. Dazu noch einmal Herling-Grudzinski:

»Ob der Gefangene nun enttäuscht war, weil die Freiheit, der er in den drei Tagen teilhaftig geworden, einer idealisierten Vorstellung nicht entsprochen hatte, oder weil die Tage wie ein Traum vergangen waren und nur eine um so größere Leere in ihm zurückgelassen hatten; weil es für ihn nichts mehr gab, auf das er sich noch freuen konnte - einer wie der andere war nach den Besuchen still und bedrückt, ganz zu schweigen von denen, bei denen der Besuch der Frau nur den Sinn gehabt hatte, die Einwilligung in die Scheidung zu erlangen. Krestynski... hatte zweimal nach einem Gespräch mit seiner Frau, in dem sie ihn zur Scheidung drängte und von ihm die Zustimmung verlangte, die Kinder im Städtischen Kinderheim unterzubringen, versucht, sich zu erhängen.«

Als Ausländer konnte Herling-Grudzinski nie mit Besuch im Haus der Begegnungen rechnen. Daher sah er die Bedeutung dieses Ortes wohl klarer als viele sowjetische Zeugen: »Ich glaube, wenn die Hoffnung das einzige ist, was dem Leben noch einen Sinn gibt, kann ihre Erfüllung oft zu einer unerträglichen Qual werden.« 35)  

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