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5 Arbeit in den Lagern |
Die Kranken taugen nichts, |
Mit eingesunkener
Brust Ziehen sie das Gefährt. Vor Erschöpfung stocken sie Oder stürzen an dem steilen Anstieg ... Die schwere Last rollt zurück. Und jeden Augenblick Wird sie sie niederwalzen ... Wer sah nicht schon ein Pferd, das strauchelte? Doch wir, wir sahen Menschen im Geschirr... |
Jelena Wladimirowa, »Kolyma« (1) |
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Rabotschaja Zona: der Arbeitsplatz
Arbeit war die Hauptfunktion der meisten Lager in der Sowjetunion. Sie war die Hauptbeschäftigung der Häftlinge und die Hauptsorge der Lagerführungen. Die Arbeit bestimmte den Tagesablauf, und die Häftlinge wurden danach behandelt, welche Leistung sie erbrachten.
Was Arbeit im Lager bedeutete, lässt sich dennoch nicht leicht verallgemeinern: Der Häftling im Schneesturm, der mit der Spitzhacke nach Gold oder Kohle gräbt, ist nur eines von vielen Klischees. Solche Gefangenen gab es zu Millionen, wie die Zahlen für die Lager an der Kolyma oder in Workuta zeigen.
Aber mittlerweile wissen wir auch, dass es Lager mitten in Moskau gab, wo Häftlinge Flugzeuge konstruierten, oder Lager in Mittelrussland, wo sie Atomkraftwerke errichteten und bedienten, Lager für Fischfang an der Pazifikküste oder Kolchoslager im Süden Usbekistans.2)
Die Wirtschaftstätigkeit im Gulag war so mannigfaltig wie in der ganzen UdSSR. Wenn man das Handbuch zum System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR, die bisher umfassendste Aufstellung der Lager, durchblättert, dann stößt man auf Lager in der Umgebung von Goldminen, Kohlengruben und Nickelbergwerken, von Straßen- und Eisenbahnbaustellen, von Rüstungs-, Chemie- und Metallbetrieben, von Kraftwerken, bei Baustellen für Flugplätze, Wohnhäuser und Abwassersysteme, bei Torfstechereien, großen Holzvorkommen und Fischfabriken.3)
Die Gulag-Zentrale hat ein Fotoalbum allein mit den Produkten angelegt, die die Häftlinge herstellten: Minen, Raketen und andere Militärtechnik; Autoteile, Türschlösser und Knöpfe; Baumstämme, die flussabwärts geflößt werden; Holzmöbel, darunter Stühle und Schränke; Telefonzellen und Fässer; Schuhe, Körbe und Textilien (mit zahlreichen Mustern); Teppiche, Lederwaren, Pelzmützen und Ledermäntel; Gläser, Lampen und Krüge; Seife und Kerzen, sogar Spielzeug — hölzerne Panzer, kleine Windmühlen und Aufzieh-Hasen, die die Trommel schlagen.4)
Arbeit innerhalb eines Lagers und in verschiedenen Lagern konnte sehr unterschiedlich sein. Sicher taten viele Häftlinge nichts als Bäume fällen. Gefangene mit einer Haftdauer unter drei Jahren waren meist in »Besserungsarbeitskolonien« beschäftigt, Lagern mit mildem Regime, die zu einer einzelnen Fabrik oder einem Gewerbe gehörten. Große Lagerkomplexe umfassten dagegen oft mehrere Industriezweige: ein Bergwerk, eine Ziegelei und ein Kraftwerk oder auch Straßen- und Wohnungsbaustellen. In solchen Lagern luden Häftlinge Güterwagen aus, steuerten LKWs, ernteten Gemüse, arbeiteten in Küchen, Krankenhäusern und Kindereinrichtungen. Inoffiziell setzte man sie auch als Kellner, Kinderfrauen oder Schneider für die Lagerkommandanten, das Wachpersonal und deren Angehörige ein.
Gefangene mit langen Haftstrafen haben in der Regel viele Tätigkeiten verrichtet, die immer wieder wechselten. Jewgenia Ginsburg musste in den fast zwanzig Jahren, die sie im Lager verbrachte, Bäume fällen, Gräben ausheben, das Gästehaus des Lagers sauber halten, Geschirr spülen, Hühner versorgen, den Frauen der Lagerchefs die Wäsche waschen oder die Kinder von Gefangenen beaufsichtigen. Am Ende arbeitete sie als Krankenschwester.5
Doch obwohl die Arbeit im Lager so abwechslungsreich sein konnte wie in der Außenwelt, wurden die Häftlinge in der Regel in zwei Hauptkategorien eingeteilt: jene, die »allgemeine Arbeit« zu verrichten hatten, und jene, die man als »Vertrauenspersonen« bezeichnen könnte. Letztere bildeten eine eigene Kaste, wie wir noch sehen werden. »Allgemeine Arbeit«, das Schicksal der meisten Häftlinge, hielt genau das, was das Wort versprach: Es war unqualifizierte, schwere körperliche Arbeit, mit einem Wort, die reine Schinderei.
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Mit Ausnahme derer, die bereits in der ersten Runde Glück hatten — meist Bauingenieure oder Vertreter anderer für das Lager nützlicher Berufe, oder solche, die sich von Anfang an als Informanten anboten —, wurde die Mehrzahl der Seks innerhalb einer Woche nach Beendigung der Quarantäne zur allgemeinen Arbeit eingeteilt. Sie wurden Brigaden zugeteilt, die zwischen vier und vierhundert Personen umfassen konnten. Eine Brigade arbeitete nicht nur gemeinsam, sondern nahm auch die Mahlzeiten zusammen ein und schlief meist in einer Baracke. Jede dieser Gruppen wurde von einem Brigadier geführt, einem vertrauenswürdigen Häftling von hohem Rang, in dessen Verantwortung es lag, die Arbeit zu verteilen und zu beaufsichtigen, vor allem aber sicherzustellen, dass die Norm erfüllt wurde.
Die Bedeutung des Brigadiers, der irgendwo zwischen den Häftlingen und dem Aufsichtspersonal anzusiedeln ist, war der Lagerführung durchaus bewusst. 1933 schickte der Chef von Dmitlag eine Weisung mit der Aufforderung an all seine Untergebenen, »unter unseren Stoßarbeitern die fähigen Leute zu finden, die für unsere Arbeit so notwendig sind«. »Der Brigadier«, so hieß es dort, »ist die wichtigste und bedeutendste Figur auf der ganzen Baustelle.«6
Für den einzelnen Häftling hatte das Verhältnis zum Brigadier ebenfalls höchste Priorität, wie ein Gefangener sehr anschaulich beschreibt:
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»Das Leben eines Menschen hängt in hohem Maße von seiner Brigade und seinem Brigadier ab, denn er muss Tag und Nacht in ihrer Gesellschaft verbringen. Bei der Arbeit, im Speisesaal und auf der Pritsche — immer dieselben Gesichter. Die Mitglieder der Brigade arbeiten alle gemeinsam, in kleineren Gruppen oder allein. Sie können dazu beitragen, dass du überlebst oder vernichtet wirst. Entweder Sympathie und Hilfe oder Feindschaft und Gleichgültigkeit. Nicht weniger wichtig ist, welche Rolle der Brigadier spielt. Es kommt darauf an, wer er ist, wie er seine Aufgaben und Pflichten versteht — auf deine Kosten und zu seinem eigenen Nutzen den Chefs zu dienen, seine Brigademitglieder als seine Handlanger, Diener und Lakaien zu betrachten oder ihr Leidensgenosse zu sein und alles zu tun, um den Mitgliedern seiner Brigade das Leben zu erleichtern.«7)
Manche Brigadiere bedrohten ihre Arbeiter tatsächlich und schüchterten sie ein. Am ersten Tag in der Kohlengrube von Karaganda sackte Alexander Weißberg vor Hunger und Erschöpfung zusammen: »Wie ein wild gewordener Bulle stürzte sich der Brigadier mit dem ganzen Gewicht seiner mächtigen Gestalt auf mich, versetzte mir Fußtritte und Faustschläge, wobei er mich so hart am Kopf traf, dass ich halb ohnmächtig zu Boden fiel, voller blauer Flecke und mit blutüberströmtem Gesicht...«8)
In anderen Fällen ließ der Brigadier die Brigade selbst als organisierte Gruppe von Gleichgesinnten auftreten und auf andere Gefangene Druck ausüben, noch besser zu arbeiten. Vernon Kress, der die Lager an der Kolyma erlebt hat, wurde von seinen Mithäftlingen zum Beispiel geschlagen und angeschrieen, weil er nicht mit ihnen Schritt halten konnte. Schließlich zwangen sie ihn in eine »schwache« Brigade, wo niemand je die volle Essenration erhielt.9)
Wenn man das Pech hatte, in eine »schlechte« Brigade zu geraten, und keine Möglichkeit fand, sich durch Bestechung oder sonstwie herauszuwinden, dann war man übel dran. M. B. Mindlin, der später die Gesellschaft Memorial mitbegründete, geriet an der Kolyma einmal in eine Brigade von Georgiern, die auch von einem Georgier angeführt wurde.
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Mindlin begriff schnell, dass die Mitglieder der Brigade ihren Anführer nicht weniger fürchteten als das Wachpersonal. Er als einziger Jude unter ihnen hatte erst recht nichts Gutes zu erwarten. Eines Tages strengte er sich besonders an, um einmal die höchste Brotration von 1200 Gramm zu erhalten. Der Brigadier erkannte sein Arbeitsergebnis jedoch nicht an und gestand ihm nur 700 Gramm zu. Durch Bestechung gelang es Mindlin schließlich, in eine andere Brigade zu wechseln. Hier erlebte er ein völlig neues Klima. Der Brigadier, der sich um seine Untergebenen sorgte, schob ihm in den ersten Tagen sogar leichtere Arbeit zu, damit er wieder zu Kräften kam: »Wer bei ihm arbeitete, konnte sich glücklich schätzen. Er wurde geradezu vor dem Tod gerettet.«10)
Die Haltung des Brigadiers war wichtig, weil allgemeine Arbeit durchaus ihre Bedeutung hatte. Ausnahmen von der Regel kamen natürlich vor. Zuweilen stellten dumme oder sadistische Aufseher den Häftlingen sinnlose Aufgaben. Susanna Petschora erinnert sich, dass sie mit Lehm gefüllte Eimer hin und her tragen musste, eine »völlig sinnlose Arbeit«. Einer der »Bosse« der Baustelle sagte zu ihr: »Mir geht es nicht darum, dass du arbeitest, sondern dass du leidest.« Häftlingen, die in den zwanziger Jahren auf den Solowezki-Inseln einsaßen, wären diese Worte sicher bekannt vorgekommen.11)
Meistens sollten die Häftlinge aber nicht unbedingt leiden, genauer gesagt, es kümmerte niemanden, ob sie litten oder nicht. Viel wichtiger war, dass sie sich in den Produktionsplan des Lagers einfügten und ihre Arbeitsnorm erfüllten. Das konnte alles Mögliche sein: so und so viel Kubikmeter Holz zu schneiden, Gräben auszuheben oder Kohle zu fördern. Die Norm war tödlicher Ernst. Überall im Lager mahnten Plakate zur Normerfüllung. Im Speisesaal oder auf dem Appellplatz waren in manchen Lagern riesige Tafeln aufgebaut, auf denen die Normerfüllung jeder einzelnen Brigade täglich eingetragen wurde, ebenso, wann sie das letzte Mal die Norm nicht erfüllt hatte.12)
Die Normen wurden mit großer Sorgfalt und nach wissenschaftlichen Kriterien von Normern aufgestellt, bei denen man umfangreiche Kenntnisse voraussetzte. Jacques Rossi berichtet beispielsweise, dass es beim Schneeschippen ganz verschiedene Normen gab, je nachdem, ob der Schnee frisch gefallen, leicht, wenig verdichtet oder stark verdichtet war (den man nur mit großem Kraftaufwand schaufeln konnte), oder ob er gar gefroren war, so dass man ihn mit der Spitzhacke auflockern musste. Außerdem gab es »Koeffizienten dafür, wie weit der Schnee zu transportieren und wie hoch er aufzutürmen war et cetera«.13)
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Theoretisch ein rein wissenschaftlicher Vorgang, waren sowohl bei der Festlegung der Normen als auch bei der Feststellung, wer sie erfüllt hatte und wer nicht, Korruption, Betrug und Willkür im Spiel. Zunächst einmal erhielten Gefangene in der Regel die gleichen Normen wie freie Arbeitskräfte. Sie sollten also eben solche Ergebnisse erreichen wie ausgebildete Forstarbeiter oder Bergleute. Das waren sie aber meistens nicht, ja, sie hatten oft kaum eine Vorstellung, was man da eigentlich von ihnen verlangte. Außerdem waren sie nach langem Gefängnisaufenthalt und zermürbender Fahrt in ungeheizten Viehwagen in miserablem körperlichem Zustand.
Je unerfahrener und erschöpfter der Häftling war, desto mehr hatte er zu leiden. Jewgenia Ginsburg beschreibt den klassischen Fall zweier Frauen, die, beide Intellektuelle und keinerlei körperliche Arbeit gewohnt, beide von der Gefängnishaft geschwächt, nun Bäume fällen sollten:
»Drei Tage lang versuchten Galja und ich Unmögliches möglich zu machen. Die armen Bäume! Wie haben sie wohl gelitten, als sie von unseren ungeschickten Händen gefällt wurden! Wie sollten wir, unerfahren und halbtot, eine solche Arbeit bewältigen? Die Axt rutschte ab, feine Späne flogen uns ins Gesicht. Wir sägten krampfhaft, ungleichmäßig und beschuldigten uns im stillen gegenseitig der Ungeschicklichkeit, sprachen es aber niemals aus, weil wir wußten, daß Streit ein Luxus war, den wir uns nicht leisten konnten. Die Säge fraß sich immer wieder fest. Am schlimmsten war der Augenblick, wenn der verunstaltete Baum sich schließlich neigte, wir aber noch nicht wußten, nach welcher Seite er fallen würde. Einmal wurde Galja dabei von einem Ast am Kopf gestreift, aber unser Feldscher weigerte sich, die Wunde auch nur mit Jod zu bepinseln. Er meinte nur: <Alter Trick! Sie wollen gleich am ersten Tag krank geschrieben werden, was?>«
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Als die Schicht vorüber war, erklärte der Brigadier, Jewgenia und Galja hätten 18 Prozent der Norm geschafft. Dafür erhielten sie nun den gebührenden »Lohn«: »Nachdem wir die kleine Scheibe Brot, die unserer Leistung entsprach, in Empfang genommen hatten, marschierten wir am nächsten Tag in den Wald zurück und fielen buchstäblich vor Schwäche um, ehe wir unseren Arbeitsplatz erreichten.« Der Brigadier wiederholte währenddessen stur, er sei »nicht bereit, das Brot, das dem Volk gehöre, an Staatsfeinde und Saboteure zu verschwenden, die ihr Soll nicht erfüllen wollten«.14)
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In den Lagern im Hohen Norden, vor allem an der Kolyma, in Workuta und Norilsk, alle jenseits des Polarkreises, machten das Klima und das Gelände die Arbeit noch schwerer. Dabei ist — was kaum jemand weiß — der Sommer in diesen Breiten nicht leichter zu ertragen als der Winter. Die Temperatur schießt in kürzester Zeit auf über 30 Grad Celsius empor. Wenn der Schnee schmilzt, verwandelt sich die Tundra in eine Schlammwüste, in der der Mensch nur mühsam vorwärts kommt. Riesige graue Mückenschwärme tauchen auf, die so laut summen, dass fast kein anderes Geräusch mehr zu hören ist. Eine Gefangene erinnert sich:
»Die Mücken krochen in unsere Ärmel und Hosenbeine. Das Gesicht schwoll von den Stichen an. Wenn wir bei der Arbeit aßen, konnte es geschehen, dass die Suppe vor lauter Mücken aussah wie Buchweizengrütze. Sie krochen in Augen, Nase und Mund; sie schmeckten süß wie Blut. Je heftiger man sie zu verscheuchen suchte, desto aggressiver wurden sie. Am besten ignorierte man sie einfach, zog sich möglichst leicht an und trug statt einer Kopfbedeckung lieber einen Kranz aus Gras oder Birkenrinde.«15)
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Im Winter war es bitterkalt. Die Temperaturen sanken auf 30, 40 oder gar 50 Grad minus. Dichter, Romanciers und Memoirenschreiber haben versucht, in Worte zu fassen, wie es ist, bei solchem Frost arbeiten zu müssen. In den Erinnerungen eines Häftlings heißt es:
»Am gefährlichsten war es, sich nicht zu bewegen. Selbst beim Zählappell sprangen und liefen wir auf der Stelle, schlugen ständig die Arme um den Körper, um warm zu bleiben. Meine Zehen und Finger waren ständig in Bewegung ... Berührte man Metall mit der bloßen Hand, blieb sofort die Haut daran kleben.«16)
Manche allgemeine Arbeit war, was das Wetter betraf, schlimmer als andere. Isaak Filschtinski erwischte in Kargopollag eine der unangenehmsten Winterarbeiten: Er musste Holzstämme vor der Verarbeitung sortieren. Das bedeutete, den ganzen Tag im Wasser zu stehen. Das war zwar warm, denn es kam aus einem Kraftwerk, aber die Luft war eiskalt:
»Da im Winter im Gebiet Archangelsk Dauerfrost von 40 bis 45 Grad herrscht, hing über dem Sortierbecken ständig eine dicke Dunstglocke. Es war sehr feucht und zugleich sehr kalt... Die Arbeit war nicht besonders schwierig, aber nach dreißig, vierzig Minuten war der ganze Körper vom Dampf regelrecht durchdrungen. Auf Kinn, Lippen und Augenlidern lag Reif Wegen der jämmerlichen Lagerkleidung drang der Frost durch bis auf die Knochen.«17)
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Am schlimmsten war im Winter jedoch die Waldarbeit. Denn in der Taiga war es nicht nur kalt, sondern dort konnte jeden Augenblick ein schwerer Schneesturm — Buran oder Purga genannt — losbrechen. Dmitri Bystroletow beschreibt eine solche Situation, die er in Siblag erlebte:
»Der Wind heulte plötzlich wild auf und zwang uns zu Boden. Schnee fegte durch die Luft, und alles verschwand — die Lichter des Lagers, die Sterne, das Nordlicht. Wir waren ganz allein in weißen Nebel gehüllt. Mit ausgebreiteten Armen, stolpernd, rutschend und fallend, einander stützend, suchten wir so schnell wie möglich den Weg zurück zu finden. Plötzlich ertönte ein Donnerschlag über unseren Köpfen. Ich konnte mich gerade noch an meinen Nebenmann klammern, als ein heftiger Schwall von Eis, Schnee und Steinen auf uns niederging. In den rasenden Schneeschauern konnte man nichts sehen, ja kaum noch atmen...«18)
Janusz Bardach erlebte einen Buran an der Kolyma bei der Arbeit im Steinbruch. Gemeinsam mit den Wachen ließen sich die Häftlinge von den Hunden zum Lager zurückführen, wobei sie sich alle an einem einzigen Seil festhielten:
»Hinter Juris Rücken konnte ich nichts sehen und klammerte mich an das Seil wie an einen Rettungsring... Da man von der vertrauten Umgebung nichts erkennen konnte, hatte ich keine Ahnung, wie weit es noch bis zum Lager war. Ich glaubte, wir würden es nie erreichen. Plötzlich ttat mein Fuß auf etwas Weiches. Es war ein Häftling, der das Seil losgelassen hatte. >Anhalten!<, schrie ich. Aber niemand blieb stehen. Keiner hörte mich. Ich beugte mich herunter und klemmte ihm das Seil unter die Achsel. <Hier> Ich versuchte seine Hand um das Seil zu legen. >Halt fest!< Es hatte keinen Zweck. Als ich losließ, fiel der Arm des Mannes wieder leblos zu Boden. Juri befahl mir barsch, weiterzugehen...«
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Erdarbeiten am Fergana-Kanal
Als Bardachs Brigade endlich das Lager erreicht hatte, fehlten drei Mann. »Die Leichen der Gefangenen, die verloren gingen, wurden erst im Frühling gefunden, manche kaum hundert Meter vom rettenden Lager entfernt.«19)
Die Kleidung, die die Gefangenen erhielten, schützte kaum vor diesem Wetter. 1943 ordnete die Gulag-Zentrale an, dass die Häftlinge unter anderem eine wattierte Winterjacke (musste zwei Jahre halten), wattierte Winterhosen (achtzehn Monate), ein Paar Filzstiefel (zwei Jahre) und Unterwäsche (neun Monate) bekommen sollten.20)
In der Praxis waren selbst diese armseligen Sachen nie in ausreichender Menge vorhanden. Im Bericht einer Inspektionsreise durch 23 Lager im Jahr 1948 wird die Versorgung mit »Kleidung, Unterwäsche und Schuhen als unbefriedigend« bezeichnet. Das war offenbar eine Untertreibung. In Norilsk im Hohen Norden hatten nur 75 Prozent der Häftlinge warme Schuhe und nur 86 Prozent Winterkleidung. In Workuta besaßen ganze 25 bis 30 Prozent der Häftlinge Unterwäsche und nur 48 Prozent warme Schuhe.21)
Wenn sie keine Schuhe hatten, mussten die Gefangenen improvisieren. Sie fertigten sich Schuhwerk aus Birkenrinde, Stofffetzen oder alten Gummireifen an. In diesen Dingern konnte man kaum gehen, besonders im tiefen Schnee. Vor allem aber waren sie undicht, was fast immer Erfrierungen bedeutete.22)
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Bei extremer Kälte mussten die Lagerführungen Zugeständnisse machen. Nach der Vorschrift standen Häftlingen in bestimmten Lagern des Nordens Sonderrationen zu; einem Dokument aus dem Jahr 1944 zufolge konnten damit 50 Gramm Brot mehr am Tag gemeint sein. Mit diesen kärglichen Bissen war gegen die schlimme Kälte wohl kaum etwas auszurichten.23) Theoretisch musste die Arbeit ausfallen, wenn es zu kalt war oder sich ein Schneesturm ankündigte. Wladimir Petrow berichtet, dass die Häftlinge an der Kolyma zu Bersins Zeiten die Arbeit einstellten, wenn die Temperatur 50 Grad Frost erreichte. Im Winter 1938/39, als Bersin bereits abgesetzt war, mussten es 60 Grad Frost werden, bevor man die Häftlinge ins Lager zurückholte. Selbst diese Regel wurde nicht immer eingehalten, schreibt Petrow, denn das einzige Thermometer auf dem ganzen Goldfeld befand sich beim Lagerkommandanten.24)
Aber nicht nur das Wetter hinderte die Häftlinge daran, ihre Norm zu erfüllen. In vielen Lagern wurde sie viel zu hoch angesetzt. Das war zum Teil eine Nebenwirkung der planwirtschaftlichen Logik, die vorschrieb, dass die Unternehmen ihre Produktion jedes Jahr zu steigern hatten. Elinor Olizkaja erinnert sich, wie ihre Mithäftlinge die Normen in der Näherei zu erfüllen versuchten, weil sie die Arbeit im warmen Haus behalten wollten. Wenn sie sie aber erfüllten, erhöhte die Lagerleitung die Normen sofort und machte sie damit unerfüllbar.25)
Zum Teil wurden die Normen auch deshalb unablässig hochgesetzt, weil sowohl Häftlinge als auch Normer betrogen und bewusst überschätzten, wie viel Arbeit bereits getan war und überhaupt getan werden konnte. So kamen mit der Zeit astronomische Werte zustande. Alexander Weißberg stellt im Rückblick fest, dass selbst bei Arbeiten, die als leicht galten, die Normen kaum zu erfüllen waren: »Allen wurden nahezu unmögliche Aufgaben gestellt. Die beiden Männer in der Wäscherei sollten in zehn Tagen die Kleidung von 800 Personen waschen.«26)
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Unter solchen Bedingungen — lange Arbeitszeiten, wenig freie Tage und kaum Pausen während der Schicht — waren Unfälle an der Tagesordnung. Die Erschöpfung und das Wetter erwiesen sich oft als tödliche Kombination, wie Alexander Dolgun bezeugt:
»Die kalten, tauben Finger konnten Griffe und Hebel, Balken oder Körbe nicht halten, so dass es häufig zu Unglücken kam, oft mit tödlichem Ausgang. Ein Mann wurde erschlagen, als wir Stämme von einem flachen Wagen abluden und dabei zwei von ihnen als Rampe benutzten. Als zwanzig oder mehr Stämme plötzlich herunter rollten, war er nicht schnell genug und wurde unter ihnen begraben.«27)
Moskau führte genau Buch über solche Vorkommnisse, über die Lagerkommandanten und Inspektoren zuweilen in heftigen Streit gerieten. Eine solche Aufstellung für das Jahr 1945 nennt 7124 Unfälle allein für die Kohlengruben von Workuta, davon 482 mit Schwerverletzten und 137 mit tödlichem Ausgang. Die Inspektoren machten dafür den Mangel an Grubenlampen, Kurzschlüsse in der Elektrik, fehlende Erfahrung der Arbeiter und den hohen Grad an Fluktuation verantwortlich. Äußerst kritisch wurde berechnet, dass dadurch 61.492 Arbeitstage verloren gingen.28)
Schlechte Organisation und schlampige Betriebsführung behinderten ebenfalls die Arbeit. Zwar wurden auch normale sowjetische Unternehmen schlecht geführt, aber im Gulag war die Situation noch schlimmer, weil Leben und Gesundheit der Arbeitskräfte nichts galten und die Lieferung von Ersatzteilen wegen des Wetters und der großen Entfernungen häufig stockte. Die Holzfäller hatten »keine Kettensägen, keine Zugmaschinen und keine Verladetechnik«.29)
In den Textilfabriken waren die »Gerätschaften nicht ausreichend oder unzweckmäßig«. Das bedeutete nach Aussage einer Gefangenen, dass »alle Nähte mit einem bleischweren Bügeleisen von über zwei Kilo Gewicht geplättet werden mussten. Wenn man damit 426 Hosen in einer Schicht gebügelt hatte, war der Arm taub, waren die Beine geschwollen und schmerzten.«30)
Auch dass vorhandene Maschinen dauernd stehen blieben, fand bei der Festlegung der Normen offenbar keine Beachtung. In der genannten Textilfabrik »mussten ständig die Schlosser gerufen werden. Auch das waren meist weibliche Häftlinge. Eine Reparatur dauerte Stunden, weil die Frauen nicht die nötige Ausbildung hatten. Wir konnten die vorgeschriebene Arbeit unmöglich leisten. Dafür wurde uns dann die Brotration gekürzt.«31)
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Das Thema der versagenden Technik taucht in den Annalen der Zentralbehörde des Gulags immer wieder auf In einem Brief an den zuständigen stellvertretenden Innenminister von 1938 wird beispielsweise daraufhingewiesen, dass »40 bis 50 Prozent der Traktoren still stehen«. Aber auch einfachere Arbeitsmittel verweigerten oft den Dienst. So heißt es in einem Brief aus dem Jahr zuvor, dass von den 3649 Pferden, die der Gulag besaß, 25 Prozent nicht arbeitsfähig seien.32
Der Mangel an Ingenieuren und Verwaltungspersonal machte sich ebenfalls empfindlich bemerkbar. Nur wenige ausgebildete Techniker arbeiteten freiwillig im Gulag. Die sich meldeten, hatten meist nicht die nötige Qualifikation. Jahrelang wurde viel getan, um freie Arbeitskräfte für die Lager zu werben. Die Anreize waren enorm. Bereits Mitte der dreißiger Jahre zogen Werber von Dalstroi durch das Land und boten jedem, der einen Arbeitsvertrag für zwei Jahre unterschrieb, besondere Privilegien an: Zwanzig Prozent mehr Lohn als im sowjetischen Durchschnitt in den ersten beiden Jahren und weitere zehn Prozent mehr in der Folgezeit, bezahlter Urlaub, Sonderzuteilungen bei Lebensmitteln und Industriewaren sowie eine großzügige Rente.33 Auch die sowjetische Presse versuchte mit großem Enthusiasmus, Fachleuten die Lager im Norden schmackhaft zu machen. Aber die Wirkung war gering. Der Gulag musste sich mehr oder weniger mit denen begnügen, die sich zufällig unter den Häftlingen fanden.
Ganze Großprojekte, mit Tausenden Menschen und enormen Ressourcen in Gang gesetzt, erwiesen sich als kostspielige Fehlplanungen. Das berühmteste Beispiel ist sicher der Versuch, eine Eisenbahnlinie von Workuta zur Mündung des Flusses Ob zu bauen. Im April 1947 von der sowjetischen Regierung beschlossen, wurden Erkundung, Planung und Bauarbeiten für das Projekt bereits einen Monat später in Angriff genommen. Häftlinge begannen außerdem schon mit den Arbeiten für einen neuen Seehafen am Kap Kamenny, der Trichtermündung des Ob.
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Gegen Ende des Jahres stellte die Erkundungsexpedition fest, dass Kap Kamenny sich kaum als Standort für den Hafen eignete: Das Wasser war für große Schiffe nicht tief genug und der Untergrund zu Lande für schwere Industriebauten zu instabil. Im Januar 1949 hielt Stalin eine seiner Mitternachtssitzungen ab, und die sowjetische Führung entschied, den Verlauf der Eisenbahnstrecke zu ändern. Letztere sollte jetzt den Ob nicht mit Workuta im Westen, sondern mit dem Jenissej im Osten verbinden. Wieder baute man zwei neue Lager — die Baustellen Nr. 501 und 503. Sie begannen von zwei Seiten mit der Verlegung der Eisenbahnstrecke und sollten sich in der Mitte treffen. Zwischen ihnen lagen etwa 1300 Kilometer.
Die Arbeiten schritten voran. In der Hochphase waren dort laut einer Quelle 80.000, einer anderen zufolge 120.000 Menschen beschäftigt. Das Projekt wurde unter dem Namen »Todesstrecke« bekannt. In der arktischen Tundra war das Bauen nahezu unmöglich. Wenn sich der winterliche Dauerfrostboden im Sommer für kurze Zeit in Schlamm verwandelte, musste sehr aufwendig dafür gesorgt werden, dass die Gleise nicht wegsackten oder völlig versanken. Trotz aller Anstrengungen entgleisten immer wieder Züge. Wegen Nachschubproblemen benutzten die Häftlinge beim Eisenbahnbau Holz statt Stahl, womit das Scheitern des Projektes programmiert war. Als Stalin 1953 starb, war man von dem einen Ausgangspunkt 500 Kilometer und vom anderen 200 Kilometer vorangekommen. Der Hafen existierte nur auf dem Papier. Wenige Wochen nach Stalins Begräbnis wurde das Projekt, das inzwischen 40 Milliarden Rubel und Zehntausende Menschenleben verschlungen hatte, endgültig aufgegeben.34)
In kleineren Dimensionen kamen solche Geschichten im Gulag alle Tage vor. Aber trotz schwieriger Wetterverhältnisse, Mangel an Erfahrung und schlechter Organisation blieb der Druck auf die Lagerleitungen unverändert. Diese gaben ihn prompt an die Häftlinge weiter. Ständig hatten die Chefs mit Inspektionen und Überprüfungen zu kämpfen, permanent verlangte man von ihnen höhere Leistungen. Wie fiktiv sie auch waren, die Ergebnisse zählten. Wie lächerlich diese den Häftlingen, die genau wussten, wie schlecht die Arbeit getan war, auch häufig vorkommen mochten, das Spiel, das hier lief, war todernst. Viele sollten es nicht überleben.
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KWT: die Abteilung Kultur und Erziehung
Wäre da nicht der deutlich sichtbare Stempel des NKWD, könnte der uneingeweihte Beobachter denken, auf den Fotos von Bogoslawlag, die in einem sorgfältig gestalteten Album von 1945 präsentiert werden, sei gar kein Lager zu sehen. Sie zeigen gepflegte Gärten, Blumen, Sträucher, einen Springbrunnen und sogar einen Aussichtspavillon, in dem die Häftlinge sitzen und die Gegend betrachten können. Über dem Lagertor prangt ein roter Stern mit der Losung: »All unsere Kraft für die künftige Größe des Vaterlandes!« Auch die Aufnahmen von Häftlingen, die ein weiteres Album zieren, passen überhaupt nicht zur landläufigen Vorstellung vom Gulag. Da ist ein strahlender Mann mit einem Kürbis zu sehen, Kühe ziehen einen Pflug, ein lächelnder Lagerkommandant pflückt sich einen Apfel. Neben den Bildern Diagramme. Auf einem ist der Produktionsplan und auf dem anderen der Erfüllungsstand festgehalten.35
All diese so sorgfältig geklebten und beschrifteten Alben wurden von ein und derselben Institution erstellt: der Abteilung Kultur und Erziehung des Gulags, russisch Kulturno-Wospitatelnaja Tschast, den Häftlingen nur unter der Abkürzung KWT bekannt. Die Propagandaabteilung KWT beziehungsweise ihre Vorläuferin gab es so lange wie den Gulag. Zweck der Propaganda im Lager waren zumeist bessere Produktionsergebnisse. Das galt selbst beim Bau des Weißmeer-Kanals, als, wie wir gesehen haben, die »Umerziehungs«-Propaganda am lautesten und vielleicht auch am aufrichtigsten war und der Kult um die Stoßarbeiter landesweit seinen Höhepunkt erreichte. Lagerkünstler malten Porträts von den Bestarbeitern des Kanals, Lagerschauspieler und Musiker arrangierten für sie Kulturprogramme. Die Stoßarbeiter wurden zu Großveranstaltungen mit Gesang und Reden eingeladen. Auf eine solche Zusammenkunft am 21. April 1933 folgte ein zweitägiger »Arbeitssturm«: 48 Stunden lang verließ keiner der 30.000 Stoßarbeiter seinen Arbeitsplatz.36
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Ende der dreißiger Jahre, als Häftlinge zu »Feinden« wurden, die keine »Stoßarbeiter« mehr sein durften, wurden solche Veranstaltungen abrupt eingestellt. Mit Berias Kontrolle über die Lager seit 1939 kehrte die Propaganda langsam wieder zurück. Zwar würde es nie wieder ein Gulag-Bauvorhaben wie den Weißmeer-Kanal geben, dessen »Erfolge« in die Welt hinausposaunt wurden, aber die Sprache der Umerziehung tauchte wieder auf.
In den vierziger Jahren hatte jedes Lager theoretisch mindestens einen KWT-Instrukteur, eine kleine Bibliothek und einen »Klub«, wo Theatervorstellungen und Konzerte, politische Vorträge und Diskussionen stattfanden. Thomas Sgovio beschreibt eine solche Einrichtung: »Der größte Raum, der etwa 30 Personen fasste, hatte grellbunt gestrichene Holzwände. Einige Tische standen darin, wahrscheinlich, um daran lesen zu können. Aber es gab keinerlei Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften. Woher auch? Zeitungspapier wurden mit Gold aufgewogen. Wir benutzten es zum Rauchen.«37
Auf den ersten Blick propagierten die Instrukteure für Kultur- und Erziehungsarbeit in den Lagern den Wert der Arbeit in gleicher Weise, wie es die Funktionäre der Kommunistischen Partei draußen im Lande taten. In größeren Lagern gab die KWT eine eigene Zeitung mit Berichten und langen Artikeln über die Erfolge des Lagers sowie »Selbstkritik« — Kommentare zu dem, was im eigenen Umfeld vorging — heraus. Nach diesem Muster war jede sowjetische Zeitung gestrickt. Mit Ausnahme einer kurzen Phase zu Beginn der dreißiger Jahre waren diese Zeitungen allerdings in der Hauptsache für die freien Arbeiter und das Lagerpersonal gedacht.38
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Für die Gefangenen gab es wegen des allgemeinen Papiermangels »Wandzeitungen«, die an besonderen Aushangtafeln angeschlagen wurden. Diese für die Sowjetunion so typische Erscheinung beschrieb ein Gefangener mit den Worten: »Keiner las sie, aber sie erschien regelmäßig.«39
Die Gulag-Zentrale in Moskau nahm die Wandzeitungen sehr ernst. Laut einer Direktive sollten sie »Beispiele guter Arbeit herausstellen, die Stoßarbeiter populär machen und die Drückeberger an den Pranger stellen«; Stalinbilder hingegen waren nicht gestattet. Schließlich saßen hier Verbrecher ein, nicht »Genossen«. Nach wie vor vom sowjetischen Leben ausgeschlossen, war es den Gulaghäftlingen untersagt, den Führer der Sowjetunion auch nur anzublicken.40
Die Abteilung Kultur und Erziehung sorgte außerdem für Filmvorführungen. Gustaw Herling-Grudzinski erinnert sich an ein amerikanisches Musical mit Frauen in eng anliegenden Blusen und Männern in knappen Jacketts mit schrillen Krawatten sowie an einen Propagandafilm, der mit dem »Triumph der Rechtschaffenheit« endete: »Der tolpatschige Student wurde bei dem sozialistischen Arbeitswettbewerb der Gruppe Erster und hielt mit glänzenden Augen eine Lobrede auf den Staat, der der Handarbeit den höchsten Ehrenplatz eingeräumt hat.«41)
Die KWT organisierte Fußballspiele, Schachwettbewerbe, Konzerte und Veranstaltungen, die feierlich als »künstlerische Selbstbetätigung« bezeichnet wurden. Ein Gesangs- und Tanzensemble des NKWD tourte beispielsweise mit durch die Lager:
11. Hymne über Stalin
12. Kosaken denken an Stalin
13. Berias Lied
14. Lied des Vaterlandes
15. Kampf fürs Vaterland
16. Alles fürs Vaterland
17. Lied der NKWD-Kämpfer
18. Lied der Tschekisten
19. Lied des fernen Grenzpostens
10. Marsch der Grenzposten. 42)
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Auch einige Stücke von Tschechow kamen zur Aufführung. Insgesamt sollte die Kunst, zumindest in der Theorie, der Aufklärung der Häftlinge, nicht ihrer Unterhaltung dienen. In einer Weisung aus Moskau vom Jahr 1940 heißt es: »Jede Vorstellung muss die Häftlinge erziehen, ihr Arbeitsethos stärken.«43 Wie wir noch sehen werden, zogen die Häftlinge aus diesen Vorstellungen für ihr Überleben ebenfalls Nutzen.
Aber »künstlerische Selbstbetätigung« war nicht das einzige Anliegen der Abteilung für Kultur und Erziehung, noch war sie für die Häftlinge die einzige Möglichkeit, an leichtere Arbeit zu kommen. Der KWT oblag es unter anderem, Vorschläge zur Verbesserung oder »Rationalisierung« der Häftlingsarbeit zu sammeln. Diese Aufgabe nahm sie sehr ernst. In einem Halbjahresbericht nach Moskau behauptete ein Lager in Nischne-Amursk ohne jede Ironie, dort seien 302 Rationalisierungsvorschläge eingegangen, von denen man 157 umgesetzt und dadurch 812.332 Rubel eingespart habe.44
Isaak Filschtinski schildert mit großem Vergnügen, wie einige Häftlinge es bald lernten, aus dieser Politik Vorteil zu schlagen. So behauptete ein ehemaliger Chauffeur, er sei in der Lage, einen Mechanismus zu bauen, mit dessen Hilfe Autos mit reinem Sauerstoff betrieben werden könnten. Von der Aussicht fasziniert, eine wirklich bedeutende »Rationalisierung« zu bewerkstelligen, gaben ihm die Lagerchefs ein Laboratorium, wo er an seiner Idee arbeiten durfte: »Ich kann nicht sagen, ob sie ihm wirklich geglaubt haben oder nicht. Sie handelten einfach, wie Moskau ihnen geheißen hatte. In jedem Lager sollte es Erfinder und Rationalisierer geben... Wer weiß, vielleicht erfand Wdowin ja wirklich etwas, wofür sie dann alle den Stalin-Preis bekämen!« 45)
Wie in der Freiheit, so gab es auch in den Lagern weiterhin den »sozialistischen Wettbewerb« um bessere Produktionsergebnisse. Man ehrte die Stoßarbeiter, die angeblich die Norm zu 300 und 400 Prozent übererfüllten. Im vierten Kapitel habe ich eine solche Kampagne aus den frühen dreißiger Jahren beschrieben. In den Vierzigern gab es so etwas auch noch, allerdings mit wesentlich weniger Enthusiasmus und noch absurderen Propagandalosungen.
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Wer sich an einem solchen Wettbewerb beteiligte, konnte viele verschiedene Preise gewinnen, darunter höhere Rationen oder bessere Lebensbedingungen. Andere Belohnungen waren weniger greifbar. 1942 etwa konnte man durch gute Ergebnisse in den Besitz eines Büchleins des ausgezeichneten Arbeiters gelangen: ein kleiner Kalender, in den man die tägliche Normerfüllung eintragen konnte, ergänzt durch freie Seiten für »Rationalisierungsvorschläge«, eine Aufstellung der Rechte des Inhabers (den besten Platz in der Baracke zu erhalten, die beste Kleidung, die Erlaubnis für den uneingeschränkten Empfang von Paketen et cetera) und das Stalin-Wort: »Ein Mensch, der hart arbeitet, fühlt sich als freier Bürger seines Staates, als Aktivist seiner Gesellschaft. Wenn er durch seine Arbeit der Gesellschaft gibt, was er vermag, ist er ein Held der Arbeit.« 46)
Die KWT-Instrukteure waren schließlich auch dafür verantwortlich, »Verweigerer« davon zu überzeugen, dass es für sie besser sei zu arbeiten, als in der Strafzelle zu sitzen oder mit der Minimalration auskommen zu wollen. Natürlich nahm ihre Vorhaltungen kaum jemand ernst - es gab genügend andere Möglichkeiten, Häftlinge zum Arbeiten zu bewegen -, aber bei manch einem funktionierte es doch. Die Gulag-Zentrale in Moskau hörte dies mit Freude und veranstaltete regelmäßig Konferenzen für die KWT-Instrukteure, wo Fragen diskutiert wurden wie: »Was sind die Hauptmotive derer, die nicht arbeiten wollen?« oder »Wie wirkt sich die Abschaffung des freien Tages der Häftlinge in der Praxis aus?«
Auf einer dieser Tagungen, mitten im Zweiten Weltkrieg, tauschten die Anwesenden Erfahrungen aus. Einer räumte ein, manche »Drückeberger« könnten gar nicht arbeiten, weil sie von den kümmerlichen Rationen zu geschwächt seien. Aber selbst Hungernde könne man motivieren: Er habe einem Drückeberger gesagt, sein Verhalten sei ein »Dolchstoß in den Rücken seines Bruders, der an der Front kämpft«. Das habe genügt, um den Mann zu überzeugen, trotz seines Hungers noch härter zu arbeiten. Ein anderer berichtete, in seinem Lager gestatte man den besten Brigaden, ihre Baracken zu schmücken. Die besten Arbeiter dürften auf einem kleinen Stück eigenen Bodens Blumen pflanzen. Im Protokoll der Versammlung, das im Archiv aufbewahrt wird, ist der Ausruf eines begeisterten Zuhörers vermerkt: »Ausgezeichnet!« 47)
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Dieser Erfahrungsaustausch wurde für so wichtig erachtet, dass die zentrale Abteilung für Kultur und Erziehung in Moskau sich die Mühe machte, darüber eine Broschüre mit dem religiös anmutenden Titel Rückkehr ins Leben zu verfassen. Der Verfasser, ein Genosse Loginow, beschreibt verschiedene Begegnungen mit »Drückebergern« in den Lagern. Psychologisch geschickt überzeugte er sie alle vom Wert fleißiger Arbeit. Die Geschichten laufen ab, wie man es sich vorstellt. In einer erklärt Loginow zum Beispiel Jekaterina Sch., der gebildeten Frau eines Mannes, der 1937 wegen »Spionage« zum Tode verurteilt wurde, ihr ruiniertes Leben könne in der Kommunistischen Partei wieder einen Sinn erhalten. Einem anderen Gefangenen, Samuel Goldstein, erzählt Loginow von Hitlers Rassentheorien und erklärt ihm, was dessen »Neuordnung Europas« für ihn bedeuten würde. Goldstein ist von diesem Appell an sein Judentum (in der UdSSR) so angetan, dass er sofort an die Front gehen will. Loginow erklärt ihm, dass »seine Waffe gegenwärtig die Arbeit« sei, und überzeugt ihn, sich hier mehr anzustrengen. 48)
Genosse Loginow war zweifellos stolz auf seine Arbeit, die er mit Hingabe verrichtete. Seine Begeisterung war echt, die seiner Vorgesetzten auch: W.G. Nasedkin, damals Chef des ganzen Gulags, erließ Order, die Flugschrift allen Lagern zuzusenden. Loginow erhielt eine Prämie von 1000 Rubel. Ob Loginow und seine Drückeberger wirklich an das glaubten, was er erzählte, ist weniger greifbar. Wir wissen nicht, ob Loginow klar war, dass viele der Menschen, die er »ins Leben zurückholen« wollte, keinerlei Verbrechen begangen hatten.
Wir können auch nicht sagen, ob Menschen wie Jekaterina Sch. (wenn es sie überhaupt gab) wirklich zu den sowjetischen Werten bekehrt wurde oder ob sie nur begriff, dass sie besseres Essen, bessere Behandlung und eine leichtere Arbeit erwarten konnte, wenn sie tat, was man von ihr verlangte. Beide Varianten müssen sich nicht einmal ausschließen. Menschen, die der tiefe Sturz vom nützlichen Bürger zum verachteten Gefangenen schockiert und desorientiert hatte, kann dieses Erlebnis vom »Licht am Ende des Tunnels«, kann die Aussicht, wieder in die sowjetische Gesellschaft aufgenommen zu werden, geholfen haben, sich psychisch aufzurichten, während sie gleichzeitig ihre Umstände verbesserten und damit ihr Leben retteten.
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Die Frage, ob sie tatsächlich an das, was sie taten, glaubten, ist eigentlich nur Teil des viel größeren Problems, das direkt an das Wesen der Sowjetunion rührt: Haben deren Führer je an das geglaubt, was sie verkündeten? Zwischen Propaganda und Wirklichkeit herrschte in der Sowjetunion stets ein merkwürdiges Verhältnis: Die Fabriken funktionierten kaum, in den Läden gab es nichts zu kaufen, alte Frauen konnten es sich nicht leisten, die Wohnung ordentlich zu heizen, aber auf der Straße verkündeten Spruchbänder den »Sieg des Sozialismus« und die »heroischen Errungenschaften des sowjetischen Vaterlandes«.
In den Lagern wurde diesen Paradoxien lediglich noch eine weitere hinzugefügt. Obwohl man im Gulag die Gefangenen permanent als »Feinde« ansprach, ihnen verbot, das Wort »Genosse« zu gebrauchen und ein Stalin-Bild auch nur anzublicken, erwartete man ernsthaft von ihnen, für den Ruhm des sozialistischen Vaterlandes zu arbeiten, als seien sie freie Menschen, sich an »künstlerischer Selbstbetätigung« zu beteiligen, als täten sie das aus reiner Liebe zur Kunst. Dabei wussten alle, wie absurd das war. Anna Andrejewa wurde irgendwann in ihrer Lagerkarriere »Lagerkünstlerin«, was bedeutete, dass sie die genannten Losungen zu malen hatte. Diese Tätigkeit, für Lagerverhältnisse eine sehr leichte, rettete ihr die Gesundheit und vielleicht sogar das Leben. Aber Jahre später konnte sie sich nicht einmal mehr an den Wortlaut der Losungen erinnern. Sie meint, dass »die Lagerchefs sie sich ausgedacht haben. Es waren Sachen wie <All unsere Kraft für die Arbeit> oder so ähnlich ... Ich habe sie sehr schnell und technisch sehr gut hergestellt, aber ich habe absolut vergessen, was ich da schrieb. Es war eine Art Schutzmechanismus.« 49)
Auch Leonid Trus, der Anfang der fünfziger Jahre im Lager saß, war von der Sinnlosigkeit der Losungen überrascht, die überall an den Baracken prangten und ohne Unterlass aus den Lautsprechern tönten:
»Im Lager gab es ein Netz von Lautsprechern, die regelmäßig über unsere Arbeitserfolge berichteten und diejenigen anprangerten, die schlecht arbeiteten. Das war sehr plumpe Propaganda, aber sie erinnerte mich an Sendungen, die ich in Freiheit gehört hatte. Ich stellte fest, dass es kaum einen Unterschied gab, außer dass draußen offenbar begabtere Leute am Werke waren, die die Dinge gefälliger darbieten konnten...« 50)
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Ausländern, die nicht an Losungen und Spruchbänder gewöhnt waren, kam die Tätigkeit der »Umerzieher« noch merkwürdiger vor. Der Pole Viktor Ekart beschreibt eine typische Zusammenkunft zur politischen Indoktrinierung:
»Man ging folgendermaßen vor: Ein Vertreter der KWT, ein Berufsagitator mit der Mentalität eines Sechsjährigen, verbreitete sich vor den Gefangenen darüber, wie ehrenhaft es sei, alle Kraft in die Arbeit zu stecken. Er behauptete, alle guten Menschen seien Patrioten, alle Patrioten liebten Sowjetrussland, das beste Land auf der Welt für die arbeitenden Menschen, die Sowjetbürger seien stolz, in diesem Lande zu leben, et cetera et cetera. So ging das zwei Stunden lang vor Häftlingen, die der lebende Beweis für die Absurdität und Heuchelei derartiger Aussagen waren. Aber den Redner stört die kühle Reaktion auf seine Worte nicht, er redet weiter und weiter. Schließlich verspricht er allen <Stoßarbeitern> bessere Bezahlung, höhere Rationen und günstigere Lebensbedingungen. Wie das auf Menschen wirkte, die vor allem der Hunger disziplinierte, kann man sich vorstellen.«51)
Gustaw Herling-Grudzinski, ein anderer Pole, bezeichnet die Kulturarbeit in seinem Lager als »ein Überbleibsel der bei Einrichtung der Lager von Moskau erlassenen Bestimmungen: damals sah man sie nämlich noch wirklich teilweise als Besserungs- und Erziehungsanstalten an. Dieser blinde Gehorsam bei der Aufrechterhaltung einer offiziellen Fiktion, die der gesamten Lagerpraxis widersprach, erinnerte ein wenig an Gogol - an die Erziehung von <toten Seelen>.«52)
Das ist keine Einzelmeinung. Sie kommt in zahlreichen Memoiren immer wieder vor, obwohl die KWT dort kaum erwähnt oder höchstens mit Spott bedacht wird. Daher ist es schwierig festzustellen, welche Bedeutung die Propaganda für die Gulag-Zentrale wirklich hatte.
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Einerseits kann durchaus argumentiert werden (was viele auch tun), dass die Propaganda im Lager wie in der ganzen Sowjetunion eine reine Farce war, an die ohnehin niemand glaubte, dass sie von den Lagerleitungen lediglich betrieben wurde, weil sie die Häftlinge - allerdings auf ziemlich unbedarfte und durchsichtige Weise - zum Narren halten wollten. Wenn aber die Propaganda, die Plakate und die Versammlungen zur politischen Indoktrinierung tatsächlich nur eine Farce waren, an die niemand glaubte, weshalb wurde dann so viel Zeit und Geld darauf verwendet? In den Akten der Gulag-Zentrale finden sich Hunderte von Dokumenten, die bezeugen, wie angestrengt dieses Feld beackert wurde.
Die Kulturinstrukteure der Lager mussten viertel- oder halbjährlich über ihre Arbeit Bericht erstatten, und sie taten das oft in großer Ausführlichkeit. Der KWT-Instrukteur von Wosturallag, wo damals 13.000 Häftlinge einsaßen, schickte 1943 einen 21 Seiten langen Bericht nach Moskau, der mit dem Bekenntnis beginnt, dass der Plan der Industrieproduktion im ersten Halbjahr 1943 »nicht erfüllt« wurde. Im zweiten Halbjahr ergriff man daher entsprechende Maßnahmen: Die Abteilung für Kultur und Erziehung trug dazu bei, die Häftlinge »zur Erfüllung und Übererfüllung der von Genosse Stalin gestellten Produktionsaufgaben zu mobilisieren«, »die Gefangenen gesünder zu machen, auf den Winter vorzubereiten« und »Unzulänglichkeiten in der Kultur- und Erziehungsarbeit zu beseitigen«.53
Die KWT, listet der Verantwortliche großartig auf, hielt im zweiten Halbjahr 762 politische Reden vor 70.000 Zuhörern (wahrscheinlich hatten manche Häftlinge mehrfach teilgenommen), führte 444 politische Informationsveranstaltungen durch, bei denen 82.400 Gefangene anwesend waren, gab 5046 »Wandzeitungen« heraus, die 350.000 Häftlinge lasen, organisierte 232 Konzerte und Theateraufführungen sowie 69 Filmvorstellungen und stellte 38 Theatergruppen zusammen. Eine dieser Schöpfungen schrieb sogar selbst ein Lied, das in dem Bericht stolz zitiert wird:
»Unsere Brigade ist freundlich,
Uns ruft die Pflicht,
Unsere Baustelle wartet,
Die Front braucht unsere Arbeit.« 54)
Es gibt mehrere Möglichkeiten, diese gewaltigen Anstrengungen zu erklären. Vielleicht spielten die Abteilungen für Kultur- und Erziehungsarbeit in der Gulag-Bürokratie die Rolle des bequemen Sündenbocks? Wenn der Plan nicht erfüllt wurde, lag das nicht an schlechter Organisation und Unterernährung, nicht an der stumpfsinnigen, grausamen Arbeitsverteilung oder an fehlenden Filzstiefeln, sondern an ungenügender Propaganda. Vielleicht ist auch nur die starre Disziplin dieser Bürokratie daran schuld: Da die zentrale Führung entschieden hatte, dass Propaganda sein musste, versuchte jeder die Weisung auszuführen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie absurd sie eigentlich war. Vielleicht hatte aber auch die Führung in Moskau so wenig Kontakt zu den Lagern, dass sie wirklich glaubte, 444 Informationsveranstaltungen und 762 politische Reden könnten hungernde Menschen veranlassen, mehr zu arbeiten. Wenn sie allerdings die vorliegenden Inspektionsberichte zur Kenntnis nahm, dann ist das kaum vorstellbar.
Vielleicht gibt es gar keine plausible Erklärung. Wladimir Bukowski, der sowjetische Dissident, der später selbst Häftling wurde, zuckte nur mit den Achseln, als ich ihm diese Frage stellte. Dieses Paradox, so meinte er, habe den Gulag so einzigartig gemacht: »In unseren Lagern sollte man nicht nur Zwangsarbeiter sein, sondern auch noch bei der Arbeit singen und lachen. Sie wollten uns nicht einfach unterdrücken, sie wollten, dass wir ihnen dafür auch noch Dank sagen.« (55)
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