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4 Leben |
Der Klang einer
fernen Glocke
Ich höre sie rufen:
Die trostlosen Tränen des Kerkers. |
Simeon
Wilenski
*1928 in Moskau bis 2016 |
211-240
Nach den exaktesten bisher vorliegenden Berechnungen bestand der Gulag zwischen 1929 und 1953 aus 476 Lagerkomplexen.(2) Aber diese Zahl ist irreführend. Jeder dieser Komplexe setzte sich nämlich aus Dutzenden, zuweilen Hunderten kleinerer Lagereinheiten zusammen. Diese - Lagpunkte genannt - sind nie gezählt worden und werden wohl auch nie gezählt werden, denn einige bestanden nur zeitweilig, andere über längere Perioden, wieder andere gehörten formal in verschiedenen Etappen zu unterschiedlichen Lagern.
Auch über die Zustände in den Lagpunkten kann kaum etwas gesagt werden, das für alle gilt. Denn selbst während Berias Herrschaft, die von 1939 bis zu Stalins Tod 1953 dauerte, gab es enorme Unterschiede in den Lebens- und Arbeitsbedingungen des Gulags, die von Jahr zu Jahr und von Ort zu Ort schwankten — und zwar selbst in einem einzigen Lagerkomplex.
»Jedes Lager war eine eigene Welt, eine eigene Stadt in einem eigenen Land«, schrieb die sowjetische Schauspielerin Tatjana Okunewskaja, »und jedes Lager hatte seinen eigenen Charakter.«3) Das Leben in einem der riesigen Industrielager im Hohen Norden war völlig anders als in einem ländlichen Kolchos-Lager in Südrussland. Die Zustände während der schlimmsten Phase des Zweiten Weltkrieges, als in allen Lagern jährlich ein Viertel der Häftlinge starb, unterschieden sich gewaltig von denen Anfang der fünfziger Jahre, als die Todesraten mit denen im ganzen Lande vergleichbar waren. Unter einem relativ liberalen Lagerchef konnte das Klima ganz anders sein als unter einem Sadisten. Außerdem variierte die Zahl der Häftlinge zwischen den einzelnen Lagpunkten gewaltig: Das reichte von einigen Dutzend bis zu einigen tausend.
Dennoch waren am Vorabend des Krieges Leben und Arbeiten in gewissen Hinsichten in fast allen Lagern gleich. Das große Auf und Ab in der Politik, das für die dreißiger Jahre so typisch war, gab es nicht mehr. Stattdessen drückte eine träge Bürokratie, die inzwischen nahezu jeden Aspekt des Lebens in der Sowjetunion beherrschte, auch dem Gulag mehr und mehr ihren Stempel auf.
Als Erstes fällt der Unterschied zwischen den wenigen und ziemlich vagen Bestimmungen der dreißiger Jahre und den viel detaillierteren Vorschriften für die Führung der Lager ins Auge, die seit 1939 unter Beria erlassen wurden. Hier scheint sich das gewandelte Verhältnis zwischen den Moskauer Führungsorganen des Gulags und den Lagerchefs in den Regionen widerzuspiegeln. Im ersten Jahrzehnt des Systems, als noch experimentiert wurde, schrieb man offenbar nicht vor, wie die Lager auszusehen hatten. Für den Umgang mit den Häftlingen gab es kaum Regeln. Erkennbar ist nur ein allgemeiner Rahmen, dessen konkrete Ausgestaltung dem Gutdünken der einzelnen Kommandanten überlassen blieb.
Nunmehr ergingen sehr genaue Weisungen, die nach der neuen Zweckbestimmung des Gulags jeden Aspekt des Lagerlebens bis in alle Einzelheiten vorgaben — von der Bauweise der Baracken bis zum Tagesablauf der Gefangenen.4 Denn unter Berias Herrschaft rückte - offenbar mit Stalins Unterstützung - seit 1939 für Moskau der wirtschaftliche Aspekt anscheinend wieder in den Vordergrund: Der Große Terror, in dessen Gefolge die Lager sich zeitweise in Todeslager verwandelt hatten, war vorbei. Nun hatten die Häftlinge im Interesse des Produktionsplanes zu funktionieren wie die Zahnräder einer Maschine.
Daher sahen die von Moskau ausgehenden Weisungen eine strenge Kontrolle und Überwachung der Lebensbedingungen der Gefangenen vor. Im Prinzip wurde jeder Einzelne, wie bereits erwähnt, nach Strafmaß, Beruf und Arbeitsfähigkeit klassifiziert. Im Prinzip wies das Lager jedem Sek eine Aufgabe und eine Norm zu, die er zu erfüllen hatte. Im Prinzip hing die Art und Weise, wie der Sek seine Grundbedürfnisse — Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Lebensraum — befriedigen konnte, davon ab, wie gut oder schlecht er seine Norm erfüllte.
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Im Prinzip war jeder Aspekt des Lagerlebens darauf ausgerichtet, die Produktionsergebnisse zu verbessern. Selbst »Kultur- und Erziehungseinrichtungen« gab es vor allem, weil die Lagerchefs glaubten, sie könnten damit ihre Häftlinge zu noch höheren Arbeitsleistungen bewegen. Inspektionen fanden im Prinzip statt, um sicherzustellen, dass alle Aspekte des Lagerlebens in diesem Sinne harmonisch ineinander griffen. Im Prinzip hatte daher auch jeder Sek das Recht, sich beim Lagerchef, in Moskau und sogar bei Stalin zu beschweren, wenn das Lager nicht nach diesen Regeln funktionierte.
In der Praxis sah es natürlich ganz anders aus. Menschen sind keine Maschinen. Die Lager waren keine sauberen, reibungslos laufenden Fabriken. Das System hat nie so funktioniert, wie es die Bestimmungen vorsahen. Die Wachmannschaften waren korrupt, die Lagerchefs arbeiteten in die eigene Tasche, und die Häftlinge fanden Wege, Befehle zu unterlaufen oder zu umgehen. Sie bauten eigene Hierarchien auf, die mit den von der Lagerführung gewollten übereinstimmten oder auch nicht. Obwohl regelmäßig Inspektoren aus Moskau auftauchten, denen dann Ermahnungen und zornige Briefe der Zentrale folgten, entsprachen nur wenige Lager dem vorgegebenen Modell. Zwar wurden Beschwerden der Häftlinge offenbar ernst genommen — ganze Kommissionen beschäftigten sich damit —, aber sie änderten kaum etwas.5)
Dieser Widerspruch zwischen den Vorstellungen Moskaus und der Realität, zwischen den Bestimmungen auf dem Papier und ihrer Umsetzung in der Praxis verlieh dem Gulag seine ganz eigenen, zuweilen surrealen Züge. In der Theorie diktierte Moskau das Leben der Häftlinge bis in die kleinsten Einzelheiten. In der Praxis spielte das Verhältnis der Gefangenen zu ihren Wärtern und untereinander ebenso eine Rolle.
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Die Zone - hinter dem Stacheldraht
Das wichtigste Instrument in der Hand der Lagerführung war die Kontrolle über den Lebensraum der Häftlinge — die Zone. Nach den Vorschriften musste sie quadratisch oder rechtwinklig angelegt sein. »Im Sinne einer besseren Überwachung« waren andere Formen nicht erlaubt.6) Innerhalb dieses Quadrats oder Rechtecks gab es wenig Bemerkenswertes zu sehen. Die Bauten eines typischen Lagpunktes sahen größtenteils gleich aus.
Auf Fotografien, die in Workuta aufgenommen sind und in Moskauer Archiven aufbewahrt werden, ist eine Ansammlung primitiver Holzhäuser zu sehen, die sich nur dadurch voneinander unterscheiden, dass sie Aufschriften wie »Strafzelle« oder »Speisesaal« tragen.7) Meist öffnete sich im Zentrum des Lagers nahe dem Tor ein weiter Platz, wo die Häftlinge zweimal täglich zum Zählappell anzutreten hatten. Draußen vor dem Haupttor standen in der Regel die Baracken für die Wachmannschaften und die Wohnblocks der Lagerführung, ebenfalls aus Holz. Was die Zone von jeder anderen Arbeitsstätte unterschied, war der Zaun, der sie umgab.
In seinem Gulag-Handbuch schreibt Jacques Rossi, dass dieser
"... gewöhnlich aus Holzpfosten besteht, die bis zu einem Drittel in den Boden gerammt werden. Die Höhe beträgt je nach den örtlichen Bedingungen 2,5 bis 6 Meter. Zwischen den Pfosten, die etwa 6 Meter auseinander stehen, sind sieben bis 15 Reihen Stacheldraht gespannt. Darüber laufen diagonal zwei weitere Reihen.«8)
Befand sich das Lager oder die Arbeitskolonie in der Nähe oder innerhalb einer Stadt, dann war es nicht von Stacheldraht, sondern von einer Ziegelmauer oder einem hölzernen Plankenzaun umgeben, damit niemand hineinsehen konnte.
Wer hinein oder heraus wollte — gleich, ob Häftlinge oder Wärter —, musste durch die Wachta, das Torhaus. Tagsüber kontrollierten dort Posten jeden, der das Lager betreten oder verlassen wollte. Freie Arbeiter und die Begleitmannschaften, die die Gefangenen hinaus- oder hineinbrachten, mussten ihren Ausweis zeigen. Im Lager Perm-36, das im Originalzustand wiederhergestellt worden ist, besteht die Wachta aus einer Schleuse mit zwei Toren. In dem engen Raum dazwischen wurden die Häftlinge kontrolliert und durchsucht.
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Aber Stacheldraht und Mauern genügten in der Regel nicht. In den meisten Lagern wurden die Häftlinge von bewaffneten Posten auf hohen hölzernen Türmen bewacht. Mancherorts gab es Hunde an der Außenseite des Zaunes, deren Kette an einem Metalldraht lief, der den gesamten Zaun umspannte. Sie wurden von Hundeführern betreut und waren darauf abgerichtet anzuschlagen, wenn ein Häftling sich näherte, sowie seine Spur zu verfolgen, sollte er einen Fluchtversuch unternehmen. Er wurde also gesehen, gerochen oder gehört, selbst wenn es ihm gelang, Mauer und Stacheldraht zu überwinden.
In seinen Vorschriften von 1939 wies Beria die Lagerkommandanten an, vor dem Lagerzaun ein Niemandsland von mindestens fünf Metern Breite anzulegen.9 Dieser Streifen nackten Bodens wurde im Sommer regelmäßig geharkt und die Schneedecke darauf im Winter unberührt gelassen, damit bei einem Fluchtversuch Fußspuren deutlicher zu sehen waren.
Und doch waren Zäune und Mauern, Hunde und Hindernisse, die die Lagpunkte umgaben, nicht vollkommen unüberwindlich. Zum einen wurden die Häftlinge in der Sowjetunion in »bewachte« und »unbewachte« eingeteilt. Die kleine Minderheit der »Unbewachten« durfte ohne Begleitung im Lager aus und ein gehen, führte Botengänge für das Wachpersonal aus, arbeitete am Tage bei der Eisenbahn und durfte zum Teil sogar privat außerhalb der Zone wohnen. Dieses Privileg hatte sich unter den chaotischen Umständen Anfang der dreißiger Jahre eingebürgert.10 Zwar wurde es später mehrfach verboten, konnte aber nicht völlig ausgerottet werden, auch wenn es zum Beispiel in einer Weisung von 1939 hieß: »Den Häftlingen ist es ausnahmslos untersagt, außerhalb der Zone in Dörfern, Privatunterkünften oder zum Lager gehörenden Gebäuden zu wohnen.«11)
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Die Vorschrift wurde regelmäßig missachtet, wie die Akten deutlich machen. Das Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau warf etwa den Kommandanten eines Lagers bei der fernöstlichen Stadt Komsomolsk schriftlich vor, sie hätten nicht weniger als 1763 Häftlingen den »unbewachten« Status gewährt. Daher, so hieß es in dem Brief zornig, »begegnet man in der Stadt, in jeder Einrichtung und sogar in Privatwohnungen auf Schritt und Tritt Gefangenen«.12) Ein anderes Lager wurde beschuldigt, es habe 150 Häftlinge in Privathäusern untergebracht, eine Verletzung der Vorschriften, die bereits zu »Fällen von Trinkgelagen, Schlägereien und Diebstählen bei der örtlichen Bevölkerung« geführt habe.13)
Zum anderen konnte man den Gefangenen nicht jede Bewegungsfreiheit nehmen. Das ist gerade eine der Eigenarten des Lagers, die es von einem Gefängnis unterscheidet: Wenn die Häftlinge nicht arbeiteten und nicht schliefen, durften sie in der Regel in ihren Baracken frei ein und aus gehen. Innerhalb bestimmter Grenzen konnten sie selbst entscheiden, wie sie ihre freie Zeit verbrachten.
Häftlinge, die aus den engen sowjetischen Gefängnissen ins Lager kamen, waren angesichts dieser Veränderung häufig überrascht und erleichtert. So erklärte ein Sek bei der Ankunft in Uchtpetschlag: »Wir waren in Hochstimmung, weil wir endlich an die frische Luft kamen.«14 Olga Adamowa-Sljosberg erinnert sich, dass die Gefangenen bei der Ankunft in Magadan »vom Morgen bis zum Abend über die Vorzüge des Lagerlebens gegenüber dem Gefängnis redeten«:
»Die Zahl der Insassen (etwa eintausend Frauen) kam uns gewaltig vor: so viele Menschen, so viele Gespräche, so viele mögliche Freunde! Und dann die Natur. Auf dem Lagergelände, das von Stacheldraht umgeben war, konnten wir uns frei bewegen, den Himmel und die Berge in der Ferne betrachten, zu den kümmerlichen Bäumen gehen und sie mit der Hand berühren. Wir sogen die feuchte Seeluft ein, spürten den Nieselregen des August auf dem Gesicht, setzten uns ins nasse Gras und ließen die Erde durch die Finger rieseln. Vier Jahre lang hatten wir ohne all das leben müssen. Jetzt entdeckten wir, wie wichtig es für uns war: Ohne das konnte man sich nicht als normaler Mensch fühlen.«15)
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Mit der Zeit verlor diese vermeintliche »Freiheit« des Lagerlebens allerdings ihren Reiz. Solange man im Gefängnis saß, schrieb Kazimierz Zarod, ein polnischer Häftling, konnte man noch glauben, das Ganze sei ein Irrtum und man werde bald wieder frei sein. Schließlich »waren wir immer noch von den Symbolen der Zivilisation umgeben, denn das Gefängnis lag in einer großen Stadt«. Im Lager dagegen irrte er ziellos
»in einer merkwürdigen Menge umher... Ich verlor jedes Gefühl für Normalität. Mit jedem Tag wuchs meine Panik, die langsam in Verzweiflung überging. Zwar versuchte ich diesen Gedanken tief in mein Unterbewusstsein zu verdrängen, aber mir wurde immer klarer, dass ich Opfer einer zynischen Ungerechtigkeit geworden war, aus der es offenbar kein Entrinnen gab...«16)
Die neu gewonnene Bewegungsfreiheit konnte leicht in Anarchie umschlagen. Am Tage waren Wärter und Lagerpersonal im Lagpunkt stets in großer Zahl präsent, bei Nacht dagegen verschwanden sie fast völlig von der Bildfläche. Ein oder zwei hatten Dienst am Tor, aber alle anderen zogen sich nach draußen zurück. Nur wenn ein Häftling um sein Leben fürchtete, wandte er sich manchmal an die Wachen am Tor. Ein Überlebender schreibt in seinen Erinnerungen, dass nach einer wüsten Schlägerei zwischen Politischen und Kriminellen, wie sie in der Nachkriegszeit häufig vorkamen, die Kriminellen, denen die Niederlage drohte, »zum Tor rannten« und um Hilfe riefen. Schon am nächsten Tag gingen sie auf Transport in ein anderes Lager. Der Kommandant wollte verhindern, das sich die Häftlinge gegenseitig totschlugen.17) Eine Frau, die fürchtete, von einem Kriminellen vergewaltigt und vielleicht sogar ermordet zu werden, »fand sich am Tor ein« und bat darum, zu ihrem Schutz die Nacht in der Strafzelle verbringen zu dürfen.18)
Aber auch im Torhaus war es nicht sicher. Die Posten, die dort Wache standen, mussten auf die Bitte eines Häftlings nicht unbedingt eingehen. Aus offiziellen Dokumenten wie aus Memoiren geht hervor, dass die bewaffneten Wachmänner Gefangene häufig abwiesen oder auslachten, selbst wenn es um Mord, Folter oder Vergewaltigung ging. Gustaw Herling-Grudzinski beschreibt eine Massenvergewaltigung, die eines Nachts in einem Lagpunkt von Kargopollag geschah:
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»Erst als der vierte die Frau gleichfalls zu vergewaltigen versuchte, gelang es ihr kurz, ihren Kopf zu befreien, und ein kurzer, erstickter Schrei hallte durch die eisige Stille. Eine verschlafene Stimme rief vom nächsten Wachturm: <Aber, Männer, was macht ihr denn da? Schämt ihr euch nicht?> Die acht zogen die Frau darauf von der Bank und zerrten sie wie eine Stoffpuppe um die Baracke herum zur Latrine.«19)
In der Theorie waren die Vorschriften eindeutig: Die Gefangenen hatten innerhalb der Zone zu bleiben. In der Praxis wurden sie oft gebrochen. Und ein Verhalten, das die Regeln formal nicht verletzte, wie gewalttätig und folgenschwer es auch sein mochte, wurde nicht unbedingt bestraft.
Das Regime: die Regeln für den Alltag
Die Zone definierte den Raum, in dem die Gefangenen sich bewegen durften.20 Das Regime — die Regeln und Verfahren, nach denen das Lager funktionierte — kontrollierte ihre Zeit.
Das Regime war von Lagpunkt zu Lagpunkt strenger oder milder, je nachdem, welche Prioritäten gerade herrschten und was für Gefangene im jeweiligen Lager einsaßen. Es gab Lager mit leichtem Regime für Invaliden, Lager mit normalem Regime, mit Sonderregime und Strafregime. In den Grundzügen war es allerdings überall das Gleiche. Das Regime bestimmte, wann und wie der Gefangene geweckt wurde, wie er zur Arbeit gelangte, wann und wie er verpflegt wurde, wann und wie lange er schlafen durfte.
In den meisten Lagern begann der Tag mit dem Antreten der Häftlinge nach Brigaden und dem Marsch zur Arbeit. Zuvor wurden sie von einer Sirene oder einem anderen Signal geweckt. Wenn die Sirene zum zweiten Mal heulte, musste das Frühstück beendet werden, und die Arbeitszeit begann. Die Häftlinge traten auf dem Platz hinter dem Lagertor zum Morgenappell an.
Moskau hatte festgelegt, dass dieser nicht länger als fünfzehn Minuten dauern durfte.21) Wie Kazimierz Zarod schreibt, zog er sich aber häufig länger hin, auch wenn das Wetter schlecht war:
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»Morgens um 3.30 Uhr hatten wir uns in Fünferreihen mitten auf dem Platz zur Zählung anzustellen. Die Wärter verzählten sich oft und mussten immer wieder von vorn anfangen. Eines Morgens schneite es, sie fanden und fanden kein Ende. Wenn das Personal ausgeschlafen und konzentriert war, nahm das Zählen etwa dreißig Minuten in Anspruch. Wenn es sich irrte, konnten wir auch über eine Stunde auf dem Platz stehen.«22
In einigen Lagern suchte man nach Wegen, um »die Stimmung der Gefangenen zu heben«. Auch Kazimierz Zarod berichtet von der merkwürdigen Einrichtung einer Morgenkapelle, die aus Häftlingen — Berufsmusikern und Laien — bestand:
»Jeden Morgen spielte die <Kapelle> am Tor Militärmärsche, damit wir <stark und glücklich> zu unserem Tagewerk ausrückten. Wenn das Ende der Kolonne das Tor passiert hatte, setzten die Musiker ihre Instrumente ab, reihten sich ein und zogen mit allen anderen in den Wald.«23)
Vor dem Gang zur Arbeit ertönte die tägliche Warnung: »Ein Schritt nach rechts oder links gilt als Fluchtversuch! Die Wachen schießen ohne Warnung! Marsch!« Und los ging's in Fünferreihen zum Einsatzort. Lag dieser weit entfernt, führten die Wachmänner Hunde mit. Am Abend ging es in derselben Marschordnung zurück. Eine Stunde wurde den Häftlingen für das Abendbrot eingeräumt, dann hieß es wieder: Zählappell — kurz, wenn die Gefangenen Glück hatten, und endlos, wenn nicht. Die Moskauer Bestimmungen sahen für den Abendappell etwas mehr Zeit vor, dreißig bis vierzig Minuten. Wahrscheinlich ging man davon aus, dass Fluchtversuche vor allem während der Arbeit vorkamen.24 Sobald die Sirene ertönte, war Schlafenszeit.
Diese Abläufe waren nicht unveränderlich. Im Gegenteil: Das Regime wechselte, wurde aber in der Tendenz immer härter. Jacques Rossi ist der Meinung, dass »der wichtigste Charakterzug des sowjetischen Strafregimes seine systematische Verschärfung, das allmähliche Einsickern eines willkürlichen Sadismus in das Recht« sei. Dem kann kaum widersprochen werden.25)
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In den vierziger Jahren wurden das Lagerregime immer strenger, der Arbeitstag länger und die Ruhezeit kürzer. 1931 arbeiteten die Häftlinge der Waigatsch-Expedition, einem Teil der Uchta-Expedition, sechs Stunden täglich in drei Schichten. Auch an der Kolyma gab es Anfang der dreißiger Jahre noch normale Arbeitszeiten, die im Winter kürzer und im Sommer länger waren.26 Im Laufe der dreißiger Jahre wurde die Schicht auf das Doppelte ausgedehnt. Ende der dreißiger Jahre arbeiteten Frauen in einer Näherei, wie Elinor Olizkaja berichtet, »zwölf Stunden in einer ungelüfteten Halle«. Auch an der Kolyma wurde inzwischen zwölf Stunden am Stück gearbeitet.27 Später war Olizkaja einer Baubrigade zugeteilt, die vierzehn bis sechzehn Stunden täglich schuften musste. Lediglich um 10.00 Uhr und 16.00 Uhr gab es fünf Minuten Pause, außerdem eine Stunde für das Mittagessen.28)
Das waren keine Einzelfälle. Im Jahr 1940 wurde der Arbeitstag im Gulag offiziell auf elf Stunden verlängert.29 Im März 1942 erhielten alle Lagerkommandanten einen wütenden Brief aus der Moskauer Zentrale, der sie daran erinnerte, dass »Häftlinge mindestens acht Stunden Schlaf haben müssen«. Viele Lagerchefs hätten diese Regel ignoriert, hieß es in dem Schreiben, und ihren Häftlingen nur noch vier oder fünf Stunden Schlaf gegönnt. Dadurch, so beschwerte sich die Zentrale, »verlieren die Häftlinge an Arbeitskraft, bringen schlechte Leistungen und werden schließlich zu Invaliden«.30)
Als die Produktionsziele in den Kriegsjahren nach oben schnellten, hielt sich überhaupt niemand mehr an diese Regel. Nach dem Einmarsch der Deutschen verlängerte die Gulag-Zentrale im September 1942 den Arbeitstag für Häftlinge, die Flugplätze bauten, auf zwölf Stunden mit einer einstündigen Mittagspause. Das war in der ganzen Sowjetunion gang und gäbe. Für Wjatlag wurden während des Krieges Sechzehn-Stunden-Tage verzeichnet.31) Sergej Bondarewski, der während des Krieges als Gefangener in einer Scharaschka tätig war, erinnert sich, dass man auch in diesen geheimen Labors mit kurzen Pausen bis zu elf Stunden täglich arbeitete.32) Ein Sek, der einer Brigade von Goldwäschern an der Kolyma angehörte, hatte in einer Schicht 150 Schubkarrenladungen Sand zu waschen. Wer das bis zum Ende des Arbeitstages nicht schaffte, musste länger bleiben, bis die Arbeit getan war. Darüber konnte es Mitternacht werden. Dann ging es ins Lager zurück, zu einer dünnen Suppe. Die nächste Schicht begann am nächsten Morgen um 5.00 Uhr.33)
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Auch während des Arbeitstages waren die Pausen kurz, wie ein Gefangener berichtet, der zur Kriegszeit in einer Textilfabrik eingesetzt war:
»Um sechs Uhr morgens mussten wir in der Fabrik sein. Um zehn gab es fünf Minuten Pause, gerade genug, um eine Zigarette zu rauchen. Dafür musste man aber zu einem Keller in knapp 200 Meter Entfernung laufen, dem einzigen Ort in der ganzen Fabrik, wo das gestattet war. Wer die Regel verletzte, konnte mit zwei Jahren Haftverlängerung rechnen. Gegen ein Uhr folgte eine halbe Stunde Mittagspause. Mit einer kleinen irdenen Schüssel in der Hand musste man zur Kantine stürzen, in einer langen Reihe stehen, ein paar Sojabohnen fassen, die den meisten zuwider waren, und um jeden Preis wieder in der Fabrik sein, wenn die Maschinen eingeschaltet wurden. Dort ging die Arbeit ohne Pause bis sieben Uhr abends weiter.«34
Die Zahl der freien Tage war ebenfalls per Gesetz festgelegt. Gewöhnliche Häftlinge erhielten einen Tag wöchentlich, die mit verschärftem Regime zwei Tage im Monat. Aber auch diese Regel variierte in der Praxis. Bereits 1933 hatte die Moskauer Gulag-Zentrale eine Weisung verschickt, die die Lagerkommandanten daran erinnerte, wie wichtig freie Tage, die man in der Hektik der Planerfüllung weitgehend abgeschafft hatte, für die Häftlinge seien.35 Zehn Jahre später hatte sich daran kaum etwas geändert. Gustaw Herling-Grudzinski erinnert sich:
»Nach den Bestimmungen stand den Gefangenen nach zehn Arbeitstagen ein Ruhetag zu. Aber die Praxis zeigte, dass selbst nur bei einem Ruhetag im Monat das Produktionssoll sich kaum erfüllen ließ; darum war es üblich geworden, dem Lager erst, wenn es seinen vorgeschriebenen Vierteljahresproduktionsplan übererfüllt hatte, zum Lohn einen Ruhetag zuzubilligen ... Natürlich war uns jeder Einblick in die Berechnungen der Arbeitsleistung und den Produktionsplan versagt; dadurch konnte man uns täuschen, und wir waren so einzig und allein der Gnade der Lagerverwaltung preisgegeben.«36)
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Aber auch an den seltenen freien Tagen kam es manchmal vor, dass die Häftlinge zu Aufräumarbeiten im Lager gezwungen wurden, die Baracken und die Toiletten reinigen oder im Winter Schnee schippen mussten.37 Vor diesem Hintergrund ist die folgende Weisung des Kommandanten von Dmitlag, Kogan, besonders bitter. »Die wachsende Zahl von Krankheiten und Zusammenbrüchen bei Pferden hat mehrere Ursachen«, hieß es da, »die Überlastung der Zugtiere, die schlechten Wege und das Fehlen von Ruhetagen, an denen die Pferde Kräfte sammeln können.« Dem folgte die Weisung:
»1. Der Arbeitstag der Lagerpferde darf zehn Stunden nicht überschreiten, die obligatorische zweistündige Pause zum Fressen und Erholen nicht mitgerechnet.
2. Pferde dürfen im Durchschnitt nicht mehr als 32 Kilometer täglich laufen.
3. Den Pferden ist regelmäßig alle acht Tage ein Tag zur Erholung zu gewähren, an dem vollkommene Ruhe herrschen muss.«38)Dass auch die Gefangenen nach acht Tagen regelmäßig einen Ruhetag brauchten — davon war keine Rede.
Die Baracken: der Lebensraum
In den meisten Lagern waren die Häftlinge in Baracken untergebracht. Nur selten kam es vor, dass diese bereits standen, wenn die Gefangenen eintrafen. Jene, die das Pech hatten, als Baubrigade eingesetzt zu werden, mussten zunächst mit Zelten vorlieb nehmen oder hatten gar kein Dach über dem Kopf.
Janusz Sieminski, ein polnischer Häftling, der in der Nachkriegszeit an der Kolyma einsaß, wurde einmal einem Trupp zugeteilt, der mitten im Winter auf blanker Erde einen neuen Lagpunkt zu errichten hatte. Viele der dort eingesetzten Häftlinge starben, besonders jene, die den Kampf um einen Schlafplatz nahe beim Lagerfeuer verloren.39)
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Wenn die Häftlinge Baracken aufstellten, dann waren das stets sehr primitive Holzbauten. Da ihre Konstruktion von Moskau vorgegeben war, gleichen alle Beschreibungen von Gefangenen einander. Es waren lange, rechteckige Holzhütten mit unverputzten Wänden, die Risse mit Schlamm verschmiert. Drinnen standen primitive Holzpritschen in endlosen Reihen. Manchmal gab es einen unbehauenen Tisch, manchmal nicht. Einige der Baracken hatten Bänke zum Sitzen, andere nicht.40) An der Kolyma und in anderen Gegenden, wo Holz knapp war, bauten die Häftlinge einfachste Baracken aus Stein.
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Andere waren in Erdhütten untergebracht. A. P. Jewstonitschew lebte Anfang der vierziger Jahre in Karelien in einem solchen Unterstand:
»Eine Erdhütte war ein vom Schnee gesäuberter Fleck, wo man die oberste Erdschicht entfernt hatte. Wände und Dach wurden aus rohen runden Baumstämmen gefertigt. Auf diese Konstruktion kam die vorher entfernte Schicht Erde und Schnee. Der Zugang zu dieser Grube wurde mit einer Zeltplane geschlossen... In einer Ecke stand ein Fass Wasser, in der Mitte ein kleiner eiserner Ofen, dessen Metallrohr durch das Dach führte, daneben ein Fass Petroleum.«41)
In den Behelfs-Lagpunkten, die für den Bau von Straßen und Eisenbahnstrecken eingerichtet wurden, waren Erdhütten die übliche Unterkunft. Manchmal lebten die Häftlinge auch in Zelten. Einer beschreibt in seinen Erinnerungen aus der Anfangszeit von Workutlag, wie in drei Tagen »fünfzehn Zelte mit Dreifachstockbetten« für je hundert Gefangene aufgebaut wurden, dazu eine Zone mit Stacheldrahtzaun und vier Wachtürmen.42)
Aber auch echte Baracken erreichten nur selten die niedrigen Standards, die von Moskau vorgegeben wurden. Meist waren sie hoffnungslos überfüllt, selbst als sich das Chaos der späten dreißiger Jahre langsam legte. Von einer Inspektionsreise durch 23 Lager aus dem Jahr 1948 wird berichtet, dass in den meisten »den Gefangenen nicht mehr als eineinhalb Quadratmeter Lebensraum pro Person zur Verfügung steht«. Selbst dieser war in unhygienischem Zustand: »Die Häftlinge haben keinen eigenen Schlafplatz, keine eigenen Decken und Laken.«43)
Gewöhnliche Gefangene hatten Anspruch auf eine Liegestatt, die denen in Schlafwagen dritter Klasse ähnelte, weshalb man sie Wagonki nannte: Doppelstockbetten, in denen auf jeder Ebene zwei Häftlinge schliefen. In vielen Lagern musste man aber mit Einfacherem vorlieb nehmen. Am häufigsten vertreten war das lange, hölzerne Brettergestell, das nicht einmal in einzelne Schlafplätze unterteilt war. Die Häftlinge legten sich in einer langen Reihe nebeneinander darauf nieder.
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Da diese Massenschlafplätze als unhygienisch galten, wurden sie bei Lagerinspektionen immer wieder beanstandet. 1948 ordnete die Gulag-Zentrale an, alle diese Schlafstellen durch Wagonki zu ersetzen.44 Trotzdem schlief Anna Andrejewa, die Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre in Mordowien im Lager saß, auf einem solchen Gestell. Sie erinnert sich, dass viele Häftlinge sogar auf dem nackten Boden schlafen mussten.45
Auch Bettwäsche war durchaus nicht der Normalfall. Obwohl Moskau diesbezüglich ebenfalls strikte (und ziemlich bescheidene) Vorschriften erlassen hatte, war die Situation von Lager zu Lager verschieden. Die Bestimmung lautete, dass jedem Häftling pro Jahr ein neues Handtuch, alle vier Jahre ein neuer Kissenbezug, alle zwei Jahre neue Bettlaken und alle fünf Jahre eine neue Bettdecke zustanden.46 In der Praxis, so schreibt Elinor Lipper, gehörte »zum Bett eines jeden Gefangenen... ein sogenannter Strohsack«: In diesem gab es allerdings
»kein Stroh ..., was es dort nicht gibt, auch selten Heu, weil es nicht einmal für das Vieh ausreicht, sondern zum Beispiel Hobelspäne oder irgend welche privaten Kleidungsstücke, falls man solche noch besitzt. Außerdem eine wollene Decke und ein Kissenüberzug, in den man ebenfalls hineintun kann, was man will, denn Kissen gibt es keine.«47
Die Baracken waren stets von »schrecklichem Gestank« erfüllt, weil überall, wo sich die Gelegenheit dazu bot — an Bettgestellen, Tischen und Bänken —, Unmengen schmutziger, schimmelnder Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt waren. In den Baracken der Sonderlager, wo man nachts Türen und Fenster verbarrikadierte, »blieb kaum noch Luft zum Atmen«.48)
Dass es keine richtigen Toiletten gab, machte die Sache noch schlimmer. In den Lagern, wo die Häftlinge nachts in den Baracken eingeschlossen wurden, mussten sie wie im Gefängnis ihre Notdurft auf der Parascha, dem Kübel, verrichten. Eine Gefangene schreibt, dass es am Morgen »unmöglich war, die Parascha hinauszutragen, weshalb sie über den glitschigen Boden gezerrt wurde. Dabei schwappte sie unweigerlich über.«49
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Schmutz und Überfüllung der Unterkünfte waren aber nicht nur ein ästhetisches Problem. Das Gedränge in den Baracken konnte tödliche Folgen haben, besonders in Lagern, in denen rund um die Uhr gearbeitet wurde. Ein Häftling schreibt in seinen Erinnerungen über ein Lager, in dem Tag und Nacht der Drei-Schicht-Betrieb lief:
»Zu jeder Tageszeit versuchte jemand in der Baracke zu schlafen. Auseinandersetzungen darum waren Kämpfe auf Leben und Tod. In Streitereien wegen Schlaf verfluchten sich die Leute gegenseitig, prügelten sich und brachten sich sogar gegenseitig um. Die ganze Zeit über lief der Lautsprecher in der Baracke in voller Lautstärke, weshalb er bei allen verhasst war.«50
Da die Frage, wo man einen Schlafplatz fand, so entscheidend war, galten die Schlafbedingungen stets als wichtiges Instrument zur Kontrolle der Häftlinge, und die Lagerleitungen machten auch bewusst davon Gebrauch. Im Zentralarchiv des Gulags in Moskau liegen Fotografien von verschiedenen Barackentypen, die für unterschiedliche Arten von Häftlingen gedacht waren. Die Baracken der »Stoßarbeiter« hatten Einzelbetten mit Matratzen und Decken, Holzdielen und Bilder an den Wänden. Die Häftlinge auf den Fotos sehen zwar nicht gerade lächelnd in die Kamera, lesen aber zumindest Zeitung und sehen gut genährt aus. In den Strafbaracken für schlechte oder widerspenstige Arbeiter stehen anstelle von Betten Holzgestelle und rohe Pritschen. Selbst auf den Fotos, die man für Propagandazwecke aufnahm, sind keine Matratzen zu sehen, und mehrere Häftlinge müssen sich eine Decke teilen.51
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In manchen Lagern entwickelte sich eine regelrechte Schlafetikette. Raum war so wichtig, dass dieser und ein wenig Privatsphäre als hohe Privilegien galten, die nur der Lageraristokratie gewährt wurden. Hochrangige Häftlinge — Brigadeführer, Normer und andere — durften häufig in kleineren Baracken mit geringer Belegung schlafen. Solschenizyn, der bei seinem Eintreffen in einem Lager bei Moskau zunächst als »Vorarbeiter« eingestuft wurde, erhielt seinen Schlafplatz in einer Baracke, in der
»richtige Betten standen darin statt der Bretterliegen und Nachttische, je einer für zwei Mann, nicht gleich für die ganze Brigade; tagsüber wurde die Tür versperrt, man konnte seine Habe zu Hause lassen; schließlich gab es eine halblegale Elektrokochplatte, man sparte sich das Gedränge um den großen gemeinsamen Herd im Hofe.52)
Das alles galt als seltener Luxus. Häftlinge mit gesuchten Berufen — Zimmerleute oder Werkzeugschlosser — erhielten zuweilen die Sondererlaubnis, in ihrer Werkstatt nächtigen zu dürfen. Ärzte unter den Gefangenen konnten in fast jedem Lager allein schlafen, ein Privileg, das ihren Sonderstatus kenntlich machte. Der Chirurg Isaac Vogelfanger fühlte sich bevorzugt, weil er auf einer Pritsche »in einem kleinen Raum neben der Aufnahme« seiner Krankenstation schlafen durfte: »Der Mond lächelte mir zu, wenn ich mich zur Ruhe legte.«53)
In den Baracken schufen sich die Gefangenen oft eine eigene Hackordnung. Die schwierige Entscheidung, wer wo schlafen durfte, fällten in der Regel die Häftlingsgruppen, die am stärksten und am einigsten waren. Bevor Ende der vierziger Jahre die großen nationalen Landsmannschaften von Ukrainern, Balten, Tschetschenen oder Polen in den Lagern eintrafen, waren die Kriminellen am besten organisiert, wie wir noch sehen werden.
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Daher schliefen sie meist oben in den Stockbetten, wo mehr Platz war. Wer sich dagegen wehrte, wurde beiseite gedrängt. Auf den unteren Etagen schliefen die Häftlinge von geringerer Stellung. Am meisten litten jene, die nur noch einen Platz auf dem Fußboden fanden, wie ein Häftling berichtet:
»Diese Ebene hieß nur der <Kolchos>. Dorthin zwangen die Kriminellen die Kolchosniki: betagte Intellektuelle und Geistliche sowie einige aus ihren eigenen Reihen, die gegen ihre Ganovenmoral verstoßen hatten. Auf sie wurden nicht nur alle möglichen Dinge von den oberen und unteren Bettstellen geworfen, sondern man goss auch Wasser oder die Suppe vom vergangenen Tag über ihnen aus. Die Kolchosbauern mussten das alles ertragen, denn wenn sie Widerworte gaben, wurde es nur schlimmer ... Die Menschen wurden krank, rangen nach Luft, verloren das Bewusstsein, wurden wahnsinnig, starben an Ruhr oder Typhus, wenn sie sich nicht selbst das Leben nahmen.«54)
Die Banja: das Badehaus
In den vierziger Jahren hatten die Herren des Gulags erkannt, welch tödliche Gefahr von Typhus ausging. Da Läuse die Krankheit übertrugen, wurde ein ständiger Kampf gegen diese Parasiten geführt. Ein Bad alle zehn Tage war Pflicht. Die Desinfektion der Kleider bei der Ankunft im Lager war obligatorisch und sollte in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, um das Ungeziefer auszurotten.55 Wie bereits erwähnt, wurden Männer und Frauen beim Eintritt ins Lager am ganzen Körper rasiert und ihnen immer wieder der Kopf kahl geschoren. Seife sollte, wenn auch in winzigen Stückchen, regelmäßig an die Häftlinge ausgegeben werden. 1944 betrug die Zuteilung zum Beispiel 200 Gramm pro Monat. Das musste für Körperpflege und Wäsche ausreichen.56
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Aber nicht jeder war davon überzeugt, dass die Entlausung im Lager wirklich funktionierte. Warlam Schalamow schreibt dazu: »In dieser Kammer werden keine Läuse getötet. Es handelt sich um eine Formalität, durch die man die Häftlinge noch mehr quälen kann.«57)
Sachlich hatte Schalamow Unrecht. Die Einrichtung war nicht geschaffen worden, um die Häftlinge zu quälen. Die Zentrale des Gulags in Moskau wies die Lagerkommandanten tatsächlich streng an, das Ungeziefer zu bekämpfen. In unzähligen Inspektionsberichten wurden ihnen Vorhaltungen gemacht, wenn sie dabei versagten. Ein Untersuchungsbericht über mehrere Lager im Norden enthält zornige Sätze über »Läuse in den Baracken und Betten, die die Erholung der Häftlinge beeinträchtigen«. Aus einem Besserungsarbeitslager in Nowosibirsk wurde gemeldet, dass »die Häftlinge zu hundert Prozent verlaust sind ... Wegen der schlechten sanitären Verhältnisse leiden viele an Hautkrankheiten und Magenbeschwerden ... Das bedeutet, dass die schlechte Hygiene im Lager ausgesprochen kostspielig ist.«
In einem anderen Lagpunkt war bereits zwei Mal Typhus ausgebrochen, woanders fand man die Häftlinge »schwarz vor Schmutz«, wie die Inspektoren entrüstet schrieben.58)
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Klagen über Läuse und ärgerliche Anweisungen, ihnen endlich den Garaus zu machen, finden sich jahraus, jahrein in den Inspektionsberichten, die die Staatsanwälte des Gulags vorlegten.59 Nach einer Typhusepidemie im Jahr 1937 in Temlag wurden sowohl der Chef des Lagpunktes als auch der stellvertretende Leiter des medizinischen Dienstes entlassen, »verbrecherischer Nachlässigkeit und Tatenlosigkeit« angeklagt und vor Gericht gestellt.60 Belohnung gab es auch: 1933 erhielten die Häftlinge einer Baracke in Dmitlag zusätzliche freie Tage, weil sie die Wanzen aus ihren Betten vertrieben hatten.61
Aber völlig Unrecht hatte Schalamow mit seiner zynischen Beschreibung der Hygienevorschriften dennoch nicht. Denn selbst wenn die Lagerverwaltungen die Bestimmungen über das Baden ausführten, dann häufig als leeres Ritual ohne wirkliches Interesse am Ergebnis. Entweder war nicht genug Kohle da, damit der Desinfektionsapparat heiß genug wurde. Oder man hatte monatelang keine Seife ausgegeben, weil sie gestohlen worden war.
Häufig hatten die Wärter einfach keine Lust, viel Zeit für das Baden aufzuwenden. Sie gaben den Häftlingen nur wenige Minuten, um die Sache abhaken zu können.62 In einem Lagpunkt von Siblag stellte ein Inspektor 1941 empört fest, dass »die Häftlinge zwei Monate lang nicht ins Bad geführt wurden«, weil das Personal schlicht kein Interesse daran hatte.63 In den schlimmsten Lagern, wo man sich offen weigerte, die Gefangenen als Menschen zu betrachten, wurde das Bad zu einer wahren Tortur.
Viele beschreiben sie, aber keiner so eindringlich wie Schalamow, der den Schrecken des Badens an der Kolyma eine ganze Kurzgeschichte widmet. Obwohl sie völlig erschöpft waren, mussten die Häftlinge stundenlang warten, bis sie an die Reihe kamen:
»Der Gang ins Badehaus ... findet entweder vor oder nach der Arbeit statt. Nach vielen Arbeitsstunden in der Kälte (und auch im Sommer ist es nicht leichter), wenn sich alle Gedanken und Hoffnungen darauf richten, so schnell wie möglich die Pritsche zu erreichen, etwas zu essen und zu schlafen, ist die Verzögerung durch das Bad fast unerträglich.«
Zunächst hatten die Seks draußen in der Kälte anzustehen. Dann jagte man sie in Umkleideräume, die für zehn bis fünfzehn Menschen vorgesehen waren, wo sich aber Hunderte drängten.
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In der Zwischenzeit wurde ihre Wohnbaracke gesäubert und durchsucht, wobei ihre wenigen Habseligkeiten, zusätzliche Fußlappen oder Geschirr, regelmäßig verschwanden:
»Es ist typisch für den Menschen, sei er ein Bettler oder ein Nobelpreisträger, dass er rasch Kleinigkeiten ansammelt... Das gilt auch für den Häftling. Er ist schließlich Arbeiter und benötigt eine Nadel und Stoff für Flicken und vielleicht eine zweite Schüssel. Das alles wird beim Gang ins Badehaus fortgeworfen und danach wieder angesammelt, wenn man es vorher nicht irgendwo im Schnee verborgen hat.«
Im Bad selbst war das Wasser oft so knapp, dass man sich damit nicht sauber waschen konnte:
»Jeder bekommt einen Holzkübel mit nicht sehr heißem Wasser ... Zusätzliches Wasser ist nicht da und kann auch nicht gekauft werden... Meistens ist es im Badehaus einfach zu kalt. Dieses Gefühl wird durch die Zugluft verstärkt, die unter den Türen und aus tausend Spalten hervordringt... Es herrscht ein ständiges Durcheinander, begleitet von Dampf, Geschrei und Gedränge (es gibt sogar eine entsprechende Redewendung: <Brüllen wie im Badehaus>).«64)
Nach dem Bad folgte die Zuteilung sauberer Unterwäsche, für die Häftlinge ein lebenswichtiger Vorgang: »Lange vor der Ausgabe versammeln sich die Männer, die sich gewaschen haben, vor dem bewußten Fenster. Sie diskutieren in allen Einzelheiten, welche Unterwäsche sie beim letzten Mal bekommen haben, welche Unterwäsche vor fünf Jahren in anderen Lagern ausgegeben wurde.«65)
Auch das Recht auf ein Bad wurde bald als Privileg genutzt. In Temlag hatten zum Beispiel Häftlinge, die besondere Arbeiten ausführten, das Recht, häufiger zu baden.66 Im Badehaus selbst zu arbeiten, was bedeutete, stets sauberes Wasser zur Verfügung zu haben und dieses Recht anderen gewähren oder verweigern zu können, galt als Traumjob. Am Ende war auch diese Annehmlichkeit für die Gefangenen, waren ihre Hygiene und Gesundheit trotz strenger und drastischer Weisungen aus Moskau völlig von den lokalen Umständen abhängig.
So wurde ein weiterer Aspekt des normalen Lebens auf den Kopf gestellt. Aus purem Vergnügen wurde, wie Schalamow es nennt, »ein negatives Ereignis für den Gefangenen, eine Belastung seines Lebens ... eine Verschiebung der Werte, die das Lager den Insassen auferlegt«.67)
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Die Stolowaja: der Speisesaal
Die umfangreiche Literatur über den Gulag hält viele verschiedene Beschreibungen der Lager bereit und spiegelt die Erfahrungen ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten wider. Ein Aspekt bleibt jedoch von Lager zu Lager, von Jahr zu Jahr und in der Erinnerung ganz unterschiedlicher Menschen immer gleich: die Beschreibung der Balanda, der Suppe, die den Häftlingen ein oder zwei Mal täglich vorgesetzt wurde.
Alle sind sich darin einig, dass der Geschmack dieses halben Liters Suppe einfach widerwärtig war; sie war wässrig, und verdächtige Dinge schwammen darin. Galina Lewinson meint, es seien »verfaulter Kohl und Kartoffeln gewesen, manchmal ein Stückchen Schweinefett, manchmal Heringsköpfe«.68 Es gab, berichtet Barbara Armonas in ihrer Erinnerung, Suppe mit »Fisch oder Lunge und einige Kartoffeln«.69
Ein anderer Häftling etinnert sich, dass die Suppe aus Hundefleisch gekocht wurde, was einer seiner Mithäftlinge, ein Franzose, nicht herunterbekam: »Ein Mensch aus einem westlichen Land kann gewisse psychologische Hürden nicht überwinden, selbst wenn er hungert«, war seine Schlussfolgerung.70 Sogar Lasar Kogan, der Chef von Dmitlag, musste einmal eingestehen: »Manche Köche arbeiten so, als kochten sie kein sowjetisches Essen, sondern Schweinefutter.«71)
Aber Hunger war auch hier der beste Koch. Eine Suppe, die unter normalen Umständen ungenießbar gewesen wäre, wurde von den Häftlingen, die immer Hunger hatten, mit Genuss geschlürft. Der Hunger war kein Zufall: Man gab den Häftlingen bewusst wenig zu essen, denn neben der Zeit und dem Lebensraum über das Essen der Häftlinge zu bestimmen, war eines der wirksamsten Mittel, mit denen die Lagerführung sie unter Kontrolle hielt.
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Aus diesem Grund entwickelte sich die Essenausgabe zu einer wahren Wissenschaft. Moskau setzte für alle Kategorien von Gefangenen und Beschäftigten in den Lagern exakte Rationen fest, die noch dazu häufig wechselten. Die Lagerleitungen betrieben ausgeklügelte Feinabstimmung bei der Berechnung, welches Minimum an Nahrung notwendig war, damit die Häftlinge ihre Arbeit verrichten konnten. Immer wieder trafen bei den Lagerchefs neue Weisungen ein. Es waren lange, komplizierte Dokumente in einer öden Bürokratensprache.
Ein typisches Beispiel ist eine Order der Gulag-Zentrale vom 30. Oktober 1944. Dort waren als »garantierte« Grundrationen für die Gefangenen 550 Gramm Brot, 8 Gramm Zucker und eine Reihe weiterer Lebensmittel vorgesehen, woraus theoretisch die Balanda zu Mittag sowie die Kascha, der »Brei«, zum Frühstück und Abendbrot zubereitet werden sollten: 75 Gramm Buchweizen oder Nudeln, 15 Gramm Fleisch oder Fleischprodukte, 55 Gramm Fisch oder Fischprodukte, 10 Gramm Fett, 500 Gramm Kartoffeln oder Gemüse, 15 Gramm Salz und 2 Gramm »Tee-Ersatz«.
DieserAufstellungvon Lebensmitteln folgten einige Anmerkungen. Die Lagerführungen wurden angewiesen, für Häftlinge, die die Norm nur zu 75 Prozent erfüllten, die Brotration um 50 Gramm zu kürzen. Wer die Norm nur zur Hälfte erfüllte, sollte auf 100 Gramm Brot verzichten müssen. Die Häftlinge, die den Plan übererfüllten, waren unter anderem mit zusätzlichen 50 Gramm Buchweizen, 25 Gramm Fleisch und 25 Gramm Fisch zu belohnen.72
Im Vergleich dazu erhielt das Wachpersonal im Jahre 1942, einem ausgesprochenen Hungerjahr, 700 Gramm Brot, etwa ein Kilogramm frisches Gemüse und 75 Gramm Fleisch. Für Beschäftigte in Lagern hoch über dem Meeresspiegel gab es noch etwas mehr.73 Häftlinge, die während der Kriegszeit in den Scharaschki arbeiteten, wurden generell besser verpflegt. Theoretisch standen ihnen 800 Gramm Brot und 50 Gramm Fleisch zu. Zum Vergleich: Gewöhnliche Häftlinge erhielten 15 Gramm. Außerdem gab es für sie täglich fünfzehn Zigaretten und Streichhölzer.74 Schwangeren Frauen, Jugendlichen, Kriegsgefangenen, freien Arbeitern und Kindern in den Kindereinrichtungen der Lager gewährte man im Allgemeinen etwas höhere Rationen.75
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Man kann sich vorstellen, dass die Zuteilung der richtigen Mengen, die noch dazu fast täglich wechselten, einen bürokratischen Aufwand erforderte, den viele Lager einfach nicht leisten konnten. Sie mussten dicke Akten führen, in denen genau verzeichnet war, welche Häftlingskategorie in welcher Situation was zu erhalten hatte. Selbst im kleinsten Lagpunkt wurde akribisch Buch darüber geführt, wie jeder einzelne Gefangene täglich die Norm erfüllte und was ihm dafür zustand. In dem kleinen Lagpunkt Kedrowy Schor, einem Kolchos, der zu Intlag gehörte, gab es 1943 mindestens dreizehn verschiedene Essenrationen. Dem Buchhalter, wahrscheinlich selbst ein Häftling, oblag es festzulegen, welche Ration jeder Einzelne der tausend Häftlinge zu erhalten hatte. Auf langen Bogen Papier zog er zunächst mit dem Bleistift Linien, wo er dann mit Tinte jeden Namen, jede Häftlingsnummer und Seite fiir Seite seine Berechnungen eintrug.76
In größeren Lagern war es noch schlimmer. Ein ehemaliger Hauptbuchhalter des Gulags, A. S. Narinski, hat beschrieben, wie der Verwalter eines Lagers, das eine Eisenbahnlinie im Hohen Norden baute, auf die Idee kam, Essenmarken an die Häftlinge auszugeben, um so sicherzustellen, dass sie jeden Tag die richtige Ration erhielten. Angesichts des chronischen Papiermangels war die Realisierung jedoch schwierig. In Ermangelung von etwas Besserem entschied er, Busfahrscheine zu benutzen, deren Beschaffung jeweils drei Tage dauerte, was »das ganze Verteilungssystem durcheinander zu bringen drohte«.77
Schon der Transport von Lebensmitteln zu entfernten Lagpunkten konnte im Winter zu einem Problem werden, vor allem für Lager, die keine eigene Bäckerei besaßen. »Selbst Brot, das noch warm war«, schreibt Narinski, »gefror während des Transports per LKW über 400 Kilometer bei 50 Grad Frost so hart, dass es nicht mehr zum Essen taugte, ja nicht einmal als Brennmaterial.«78
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Da es an frischen Lebensmitteln fehlte, litten die Häftlinge nahezu permanent an Vitaminmangel, selbst wenn sie nicht hungerten - ein Problem, das die Lagerführungen mehr oder weniger ernst nahmen. An Vitamintabletten war nicht zu denken, daher zwang man die Häftlinge zuweilen, Chwoja zu trinken, ein faulig schmeckendes Gebräu aus Kiefernnadeln mit zweifelhafter Wirkung.79 Zum Vergleich sei gesagt, dass für »Offiziere der Streitkräfte« ausdrücklich Vitamin C und Trockenfrüchte vorgeschrieben waren, um den Vitaminmangel in der täglichen Nahrung auszugleichen. Generale und Admirale erhielten zusätzlich Käse, Kaviar, Dosenfisch und Eier.80)
Selbst die Ausgabe der Suppe, ob nun mit oder ohne Vitamine, konnte in der Kälte des nordischen Winters schwierig sein, vor allem wenn das mittags am Einsatzort geschah. 1939 beschwerte sich ein Arzt von der Kolyma offiziell beim Lagerkommandanten darüber, dass man die Gefangenen zwang, ihre Mahlzeit unter freiem Himmel einzunehmen, wo sie noch während des Essens gefror.81)
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Die Lebensmittelversorgung brach auch aus Gründen ab, die außerhalb der Verantwortung der Lager lagen: Während des Zweiten Weltkrieges passierte das häufiger. Die schlimmsten Jahre waren 1942 und 1943, als deutsche Truppen einen großen Teil der sowjetischen Westgebiete besetzt hielten und der Rest des Landes gegen sie kämpfte. Überall in der Sowjetunion wurde damals gehungert, und der Gulag genoss keinerlei Priorität. Wladimir Petrow, ein Gefangener an der Kolyma, erinnert sich, dass fünf Tage lang überhaupt keine Lebensmittel im Lager eintrafen: »Im Bergwerk wurde gehungert. Fünftausend Männer hatten nicht einmal einen Kanten Brot.«82
Geschirr und Besteck waren ebenfalls ständig Mangelware. Eine Gefangene ist überzeugt, sie habe nur deswegen überlebt, weil sie »eine Halbliter-Emailleschüssel für Brot eintauschte«: »Wenn du deine eigene Schüssel hast, bekommst du eine der ersten Portionen, und das Fett schwimmt immer oben. Die anderen müssen warten, bis deine Schüssel frei wird. Du isst, gibst sie weiter, und so geht es immer fort...«83
Manche Häftlinge schnitzten sich Schüsseln und Löffel aus Holz. Das kleine Museum im Haus der Gesellschaft Memorial in Moskau zeigt mehrere solcher selbst gefertigter Gegenstände, anrührende Dinge.84 Wie immer wusste man in der Hauptstadt genau, woran es in den Lagern fehlte, und versuchte gelegentlich, etwas daran zu ändern. Ein Lager wurde dafür gelobt, dass es leere Konservenbüchsen geschickt für diesen Zweck umfunktionierte.85
Aus all diesen Gründen sind die zentral angeordneten Normen für die Essenrationen, die bereits als Überlebensminimum kalkuliert waren, nicht verlässlich, wenn man wissen will, was die Häftlinge wirklich zu essen bekamen. Man braucht auch nicht in deren Erinnerungen zu blättern, um zu wissen, dass sie permanent Hunger litten. Die Lager wurden regelmäßig inspiziert, und in den Berichten ist akribisch festgehalten, wie weit Theorie und Praxis auseinander klafften. Die kaum begreifliche Lücke zwischen den in Moskau erstellten Listen und den Ergebnissen der Inspektionen ist erschütternd.
So wird in einem Bericht über ein Lager von Wolgostroi im Jahr 1942 festgestellt, dass der Inspektor dort auf achtzig Fälle von Pellagra, einer Mangelerkrankung, traf: »Die Menschen sterben vor Hunger«, heißt es klipp und klar.
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In Siblag, dem großen Lagerkomplex in Westsibirien, fand ein stellvertretender Generalstaatsanwalt heraus, dass die Verpflegungsnormen im ersten Quartal 1941 »regelmäßig unterlaufen werden: Fleisch, Fisch und Fett werden äußerst selten ausgegeben... Zucker überhaupt nicht.«86
Manche Gefangene bekamen nichts zu essen, weil das Lager nicht korrekt beliefert wurde. Das war ein ständiges Problem. In Kedrowy Schor stellten die Buchhalter eine Liste von Dingen zusammen, durch die ausbleibende Lebensmittel ersetzt werden konnten: trockene Kekse anstelle von Brot, Waldpilze statt Fleisch und wild wachsende Beeren statt Zucker.87 Es kann kaum überraschen, dass die Häftlinge etwas ganz anderes zu essen bekamen, als in den Papieren aus Moskau stand.
In einem Inspektionsbericht über Birlag aus dem Jahre 1940 heißt es: »Das ganze Mittagessen eines arbeitenden Seks besteht aus Wasser plus 130 Gramm Getreidekörnern, dazu 100 Gramm Schwarzbrot. Zum Frühstück und Abendbrot wird die gleiche Suppe aufgewärmt.« Im Gespräch mit dem Lagerkoch erfuhr der Inspektor, dass »die theoretischen Normen nie erfüllt werden«, dass das Lager weder Fisch und Fleisch noch Gemüse oder Fette erhielt.
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Das Lager selbst, so schließt der Report, »hat kein Geld, um Lebensmittel oder Kleidung zu kaufen ... Aber ohne Geld will keine Versorgungseinrichtung mit ihm kooperieren.« Als Folge stellte der Inspektor über fünfhundert Fälle von Skorbut fest.88)
Ebenso häufig kam es vor, dass im Lager eintreffende Lebensmittel sofort unterschlagen wurden. Das geschah auf allen Ebenen, vor allem aber in der Küche oder im Vorratslager. Jobs, die den Gefangenen Kontakt zu Essen ermöglichten - Kochen, Geschirrspülen oder das Verladen von Waren -, waren äußerst begehrt, weil man dabei zusätzlich etwas für sich ergattern konnte. Jewgenia Ginsburg beschreibt, dass das Tellerwaschen im Speisesaal der Männer ihre »Rettung« war. Nun konnte sie »echte Fleischsuppe« essen »und die berühmten in Sonnenblumenöl gebackenen Pfannkuchen«. Zudem stellte sie fest, dass andere Gefangene ihr geradezu mit Ehrfurcht begegneten. Einer sprach sie an, und »seine Stimme zitterte plötzlich vor glühendem Neid, gemischt mit demütiger Bewunderung gegenüber denen, die es verstanden hatten, sich eine solche Schlüsselposition im Leben zu schaffen. In der Küche!«89)
Später in ihrem Lagerleben hatte Ginsburg die Hühner zu versorgen, die auf dem Tisch der Lagerchefs landeten. Diese Situation nutzten sie und ihre Mitgefangene natürlich voll aus: »Wir gossen Lebertran, den wir von der Hühnerration genommen hatten, in den Lagerbrei. Wir kochten Hafergrütze aus dem für das Geflügel bestimmten Hafer. Schließlich aßen wir täglich drei Eier: Eines schlugen wir in die Suppe, und dann aß jede noch ein rohes Ei als Leckerbissen. (Mehr wollten wir nicht nehmen, damit die Legeleistung nicht zu sehr absank, denn danach wurde unsere Arbeit bewertet.)«90)
Es kam auch zu größeren Unterschlagungen, besonders in den Lagerstädten im Hohen Norden, wo die allgemeine Lebensmittelknappheit die Diebstähle auch für freie Arbeiter und das Lagerpersonal zu einem lohnenden Geschäft machte. So sind zum Beispiel im Bericht eines Staatsanwalts aus dem Jahr 1947 zahlreiche Fälle von Diebstahl aufgelistet, darunter einer aus Wjatlag, wo zwölf Personen, unter anderem der Chef des Vorratslagers, Lebensmittel und Gemüse im Wert von 170.000 Rubel entwendet hatten.
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In einem anderen Bericht wird geschätzt, dass allein im zweiten Quartal 1946 in 34 kontrollierten Lagern insgesamt 70.000 Kilogramm Brot, 132.000 Kilogramm Kartoffeln und 17.000 Kilogramm Fleisch verschwunden waren. Dazu der Kommentar des Inspektors: »Das komplizierte System der Häftlingsversorgung schafft die Voraussetzungen dafür, dass Brot und andere Lebensmittel leicht gestohlen werden können.« Mitverantwortlich seien außerdem das »System der Verpflegung der freien Arbeitskräfte auf Rationierungskarten« und die Inspektoren im Lager selbst, die er als durch und durch korrupt einschätzte.91
Es mussten also nicht alle hungern. Und wenn die meisten Lebensmittel auch verschwanden, bevor sie in der Suppe landeten, war eines in der Regel vorhanden: Brot. In den am schlechtesten versorgten Lagern und in den Hungerjahren wurde Brot geradezu ein geheiligter Gegenstand. Konnten Lagerdiebe fast alles entwenden, ohne dafür bestraft zu werden, so galt Brot zu stehlen als besonders heimtückisches und unverzeihliches Vergehen. Wladimir Petrow stellte auf seiner langen Zugfahrt zur Kolyma fest, dass »Diebstahl erlaubt war und man fast alles nehmen durfte, was man mit etwas Glück an sich bringen konnte. Es gab nur eine Ausnahme - Brot. Brot war heilig und unantastbar, wie die Wagenbesatzung auch immer beschaffen sein mochte.«
Als gewählter Ältester des Waggons musste Petrow einen Dieb mit Schlägen bestrafen, der Brot gestohlen hatte. Diese Pflicht erfüllte er gewissenhaft.92 Thomas Sgovio bestätigt, dass es selbst für die Kriminellen an der Kolyma ungeschriebenes Gesetz war: »Stiehl alles außer der heiligen Brotration.« Mehr als einmal erlebte er, dass »ein Gefangener, der gegen diese Tradition verstoßen hatte, zu Tode geprügelt wurde«.93)
Bei Panin wie bei vielen anderen, die die Hungerjahre des Krieges überlebten, findet sich eine eindrucksvolle Beschreibung der Rituale, mit denen manche Häftlinge ihr Brot verzehrten. Wenn sie täglich nur eine Portion am Morgen erhielten, dann standen sie vor der schweren Entscheidung, sofort alles aufzuessen oder etwas für die zweite Tageshälfte aufzuheben. Letzteres barg das Risiko, dass der kostbare Kanten gestohlen werden konnte.
Andererseits hatte man dann etwas, worauf man sich den ganzen Tag freuen konnte. Panin warnt davor, und seine Erläuterung kann als einzigartiges Zeugnis dafür gelten, welchen Erfindungsreichtum der Mensch gegen den Hunger entwickeln kann:
"Wenn du deine Ration erhältst, wird der Wunsch übermächtig, den Genuss des Essens so lange wie möglich hinzuziehen. Du schneidest dein Brot sorgfältig in gleiche Stückchen, rollst die Krümel zu Kügelchen zusammen. Aus Stöckchen und Fäden hast du dir eine kleine Waage gebastelt, mit der du jedes Stück abwiegst. So könntest du das Essen auf drei Stunden oder noch länger ausdehnen. Aber diese Prozedur grenzt an Selbstmord!
Nimm dir nie mehr als eine halbe Stunde Zeit, um deine Ration zu essen. Kaue jedes Stückchen sorgfältig, damit der Magen es so leicht wie möglich verdaut und maximale Energie an den Körper abgibt ... Wenn du deine Ration regelmäßig einteilst und etwas für den Abend aufhebst, ist das dein Ende. Iss sie in einem Zug. Wenn du sie aber zu schnell hinunterschlingst, wie es ein Hungriger unter normalen Umständen tut, dann wirst du auch damit dein Leben verkürzen..."94)Die Seks waren nicht die einzigen Bewohner der Sowjetunion, die sich so intensiv mit Brot und dessen Verzehr beschäftigten. Susanna Petschora, die in den fünfziger Jahren in Minlag einsaß, lauschte dort einer Unterhaltung zweier russischer Bauersfrauen, die wussten, wie es außerhalb des Lagers aussah:
"Eine hielt ein Stück Brot in der Hand und streichelte es. <Ach du mein liebes Brot>, murmelte sie dankbar, <sie geben dich uns jeden Tag.> Die Andere meinte: <Wir könnten es trocknen und den Kindern schicken, die sind sicher auch hungrig. Aber ich glaube nicht, dass wir das dürfen...>"95
Danach, so erklärte mir Petschora, überlegte sie es sich zwei Mal, bevor sie sich über das karge Essen im Lager beklagte.
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