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3 Transport,
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Der Hafen
Wanino fällt mir ein
Den Seks
wurde vom Schaukeln schlecht. |
Kein
Schrei, nur klägliches Stöhnen
Sowjetisches Gefangenenlied |
189-209
Im Jahr 1827 ließ Fürstin Maria Wolkonskaja, die Gattin des Dekabristen Sergej Wolkonski, Familie, Kind und gesichertes Leben in St. Petersburg zurück und folgte ihrem Mann in die sibirische Verbannung. Ihre Biografin beschreibt die Reise, die zu jener Zeit als eine nahezu unerträgliche Strapaze galt:
»Tag für Tag jagte der Schlitten auf den endlosen Horizont zu. Maria fühlte sich wie außerhalb jeder Zeit; sie befand sich in einem Zustand fiebriger Erregung. Die ganze Reise hatte etwas Unwirkliches: sie war übermüdet, weil sie zu wenig schlief und zu wenig aß. Sie hielt nur gelegentlich, um ein Glas heißen Zitronentee aus dem immer bereiten Messing-Samowar zu trinken. Die berauschende Geschwindigkeit des Schlittens, der von drei vorwärtsjagenden Pferden gezogen wurde, verschlang die leeren Weiten im Galopp. <Poidi! Weiter! Voran!> riefen die Kutscher, und die Wolken von Schnee stoben unter den Hufen der Pferde auf, und die Glöckchen am Geschirr klingelten unermüdlich Warnungen vor dem dahinrasenden Gefährt.«(1)
Im zwanzigsten Jahrhundert zogen keine Pferde in »rasendem Tempo« Schlitten über den sibirischen Schnee. An den Haltepunkten gab es keinen heißen Tee mit Zitrone aus dem Samowar. Fürstin Wolkonskaja mag auf ihrer Reise geweint haben, aber die Häftlinge, die nach ihr kamen, konnten das Wort Etappe, wie der Transport unter ihnen hieß, nicht hören, ohne dass sie kaltes Entsetzen oder gar Panik erfasste. Jede Fahrt dieser Art war ein schmerzhafter Sprung ins Ungewisse, fort von bekannten Zellengenossen und Arrangements, wie dürftig diese auch gewesen sein mochten.
Für jene, die diesen Albtraum zu ersten Mal erlebten, hatte er etwas finster Symbolisches. Mit Verhaftung und Verhör wurden die Gefangenen in das System eingeführt, aber die Zugfahrt durch Russland bedeutete für sie auch geografisch einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben. Die Emotionen schlugen hoch, wenn ein Zug aus Moskau oder Leningrad in nördlicher oder östlicher Richtung abfuhr. Thomas Sgovio, der Amerikaner, dem sein Pass abhanden gekommen war, erinnert sich, was geschah, als er in Richtung Kolyma startete: »Unser Zug verließ Moskau am Abend des 24. Juni. Es war der Anfang einer Reise nach Osten, die einen ganzen Monat dauern sollte. Den Augenblick werde ich nie vergessen. Siebzig Männer ... fingen an zu weinen.«2
Lange Transporte vollzogen sich meist in Etappen. Kamen die Häftlinge aus einem großen Stadtgefängnis, dann brachte man sie in LKWs zum Zug, deren Bauweise bereits davon sprach, wie wichtig dem NKWD Geheimhaltung war. Von außen sahen diese »schwarzen Raben« wie normale Schwerlasttransporter aus. In den dreißiger Jahren trugen sie auf beiden Seiten oft die Aufschrift »Brot«. Innen waren sie manchmal nach Aufzeichnungen einer Gefangenen »unterteilt in winzige, vollkommen dunkle Käfige«.3)
Die Kulaken und nach ihnen Balten und Polen, die als Erste den Massendeportationen aus den besetzten Gebieten zum Opfer fielen, traf es besonders hart. Man lud sie häufig »wie Sardinen« auf ganz gewöhnliche LKWs, wie ein älterer Litauer mir erzählte: Der erste Häftling musste sich auf den Boden setzen und die Beine breit machen, der nächste wurde dazwischen gesetzt und spreizte seinerseits die Beine, dann wieder der Nächste, bis der Wagen voll war.4) Diese Art des Transports war besonders unangenehm, wenn viele Menschen eingesammelt werden mussten, und die Fahrt zum Zug konnte einen ganzen Tag dauern. Bei den Deportationen aus den ehemals polnischen Gebieten im Februar 1940 froren sich Kinder zu Tode, bevor sie überhaupt die Bahn erreichten. Erwachsene holten sich schwere Erfrierungen an Armen und Beinen, die sie nie wieder loswurden.5)
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In Provinzstädten nahm man es mit der Geheimhaltung nicht so genau. Manchmal marschierten die Häftlinge dort quer durch die Stadt zum Bahnhof. Dabei konnten sie einen letzten Blick auf das zivile Leben werfen, und die Zivilbevölkerung hatte die seltene Gelegenheit, Gefangene zu sehen. Janusz Bardach beschreibt die Reaktion von Passanten in Petropawlowsk, als diese einer Kolonne von Häftlingen ansichtig wurden:
»Die meisten waren Frauen, in Schals und lange schwere Filzmäntel gehüllt. Zu meinem Erstaunen schrieen sie die Begleitmannschaften an: <Faschisten ... Mörder ... Warum kämpft ihr nicht an der Front...?> Sie bewarfen sie mit Schneebällen. Die Wachen schossen in die Luft, worauf die Frauen einige Schritte zurückwichen. Aber schreiend und fluchend begleiteten sie uns weiter. Sie steckten den Gefangenen Päckchen mit Brot, Kartoffeln und in Tücher eingewickelten Schinken zu. Eine Frau nahm Schal und Wintermantel ab und gab sie einem Mann in dünner Kleidung. Ich bekam ein Paar wollene Fausthandschuhe ab.«(6)
Ob nun zu Fuß oder per LKW — schließlich kamen die Häftlinge auf dem Bahnhof an. Manchmal fuhren sie von einem normalen Bahnsteig ab, manchmal auch von einem besonderen Haltepunkt, einem Stück Gelände, das mit Stacheldraht abgezäunt war, wie Lew Finkelstein sich erinnert.7)
Den Eisenbahnwaggons sah man von außen nicht an, dass sie Gefangene transportierten. Sie waren nur besser abgesichert. Edward Buca, den man in Polen verhaftet hatte, schaute sich seinen Waggon mit dem Blick eines Mannes an, der sich noch mit Fluchtgedanken trug. Er erinnert sich, dass »jeder Wagen mit mehreren Lagen Stacheldraht umwickelt war. Außen gab es hölzerne Plattformen für die Wachen. An Dach und Boden waren Lampen installiert und die kleinen Fenster mit dicken Eisenstäben vergittert.« Buca prüfte selbst den Wagenboden. Auch der war vergiftett.8
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Es gab im Wesentlichen zwei Arten von Zügen. Da waren zunächst die Stolypinki (Stolypin-Waggons), ironischerweise nach dem reformorientietten Ministerpräsidenten des Zaren Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts benannt, der sie eingeführt haben soll. Stolypinki waren normale Güterwaggons, die man für den Transport von Häftlingen etwas hergerichtet hatte. Sie konnten zu langen Zügen zusammengestellt oder ein, zwei von ihnen an normale Züge angekoppelt werden. Ein Gefangener, der darin transportiert wurde, beschreibt sie so:
»Eine Stolypinka erinnert an einen gewöhnlichen russischen Liegewagen 3. Klasse, nur hat er zahlreiche Eisenstäbe und Gitter. Die Fenster sind natürlich versperrt. Zwischen den Abteilen sind anstelle von Wänden Stahlnetze angebracht, so dass sie wie Käfige wirken. Ein langes Eisengitter trennt die Abteile vom Gang.«9
Die Waggons waren total überfüllt, aber sie hatten noch einen weiteren wichtigen Nachteil. Die Wärter konnten die Gefangenen rund um die Uhr im Auge behalten, sehen, was sie aßen, ihre Gespräche mithören und danach entscheiden, wann diese sich zu erleichtern hatten. In nahezu allen Memoiren werden die Schrecken der kleinen und großen Notdurft beschrieben. Manchmal gar nicht, manchmal ein oder zwei Mal am Tag wurden die Gefangenen zur Toilette geführt oder bei einem kurzen Halt einfach aus dem Wagen gelassen, damit sie ihr Geschäft im Freien verrichten konnten. Besonders schwer hatten es dabei Häftlinge mit Magenbeschwerden oder anderen gesundheitlichen Problemen: »Gefangene, die nichts mehr halten konnten, machten sich wimmernd in die Hosen und beschmutzten oft auch den Nebenmann. Obwohl alle zu leiden hatten, fiel es manchem schwer, einen solchen Unglücklichen nicht zu hassen.«10
Aus diesem Grunde zogen es einige Gefangene vor, in Viehwagen transportiert zu werden. Das waren leere Waggons, nicht unbedingt für den Transport von Menschen eingerichtet, manchmal mit einem kleinen Öfchen in der Mitte, zuweilen auch mit Schlafkojen. Sie waren zwar primitiver als die Stolypin-Wagen, aber ohne Abteile, so dass die Gefangenen etwas mehr Bewegungsfreiheit hatten. Es gab sogar »Toiletten« — einfache Löcher im Boden —, die die Häftlinge von der Notlage befreiten, entweder die Wärter um einen Toilettengang anzuflehen oder sich selbst zu beschmutzen.11
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Am meisten litten die Gefangenen jedoch nicht an der Überfüllung, den fehlenden Toiletten und den damit verbundenen Peinlichkeiten, sondern daran, dass Essen und vor allem Wasser äußerst knapp waren. Gewöhnlich erhielt ein Häftling eine Brotration als Reiseproviant, die entweder in kleinen Portionen von 300 Gramm pro Tag oder auch als Zwei-Kilo-Laib verteilt wurde — der musste dann allerdings für eine Fahrt von 34 Tagen reichen.
Dazu gab es gewöhnlich gesalzenen Fisch, der die Häftlinge durstig machen sollte.12 Trotzdem erhielten sie selten mehr als einen Becher Wasser am Tag, und das selbst im Sommer. So üblich war diese Praxis, dass Geschichten von dem schrecklichen Durst, den die Häftlinge auf dem Transport erdulden mussten, immer wieder auftauchen. »Einmal erhielten wir drei Tage lang kein Wasser. Am Silvesterabend von 1939 leckten wir irgendwo in der Nähe des Baikalsees an den schwarzen Eiszapfen, die vom Wagendach herabhingen«, schrieb ein ehemaliger Sek.13)
Aber selbst jene, die einen Becher Wasser am Tag erhielten, litten schwer. Jewgenia Ginsburg erinnert sich, welch quälender Entschluss es war, den ganzen Becher am Morgen hinunterzustürzen oder etwas für den Tag aufzuheben. »Diejenigen, die ihr Wasser schlückchenweise über den ganzen Tag verteilten, hatten nicht einen Moment lang Ruhe. Mit Argusaugen bewachten sie von morgens bis abends ihren Becher.«14
An noch Schlimmeres erinnert sich Nina Gagen-Torn. Sie saß in einem Transport, der in der Nähe von Nowosibirsk mitten im Sommer drei Tage stehen blieb, weil das Transitgefängnis der Stadt überfüllt war: »Wir hatten Juli. Es war sehr heiß. Die Dächer der Stolypin-Waggons begannen zu glühen, und wir lagen auf unseren Pritschen wie die Brötchen im Backofen.« Ihre Wagenbesatzung beschloss, in den Hungerstreik zu treten, obwohl die Wachen ihnen dafür längere Haftstrafen androhten. »Wir wollen nicht die Ruhr kriegen«, riefen die Frauen ihnen zu: »Vier Tage lang liegen wir jetzt schon in unserer eigenen Scheiße.« Widerwillig gestattete ihnen das Wachpersonal schließlich, etwas zu trinken und sich zu waschen.15)
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Am meisten litten die Jüngsten und die Ältesten. Barbara Armonas, eine Litauerin, die einen Amerikaner geheiratet hatte, wurde zusammen mit einer großen Gruppe Litauer — Männer, Frauen und Kinder — deportiert. Darunter war eine gelähmte 83-Jährige, die man nicht mehr sauber halten konnte. »Bald stank alles in ihrer Umgebung, und sie war von offenen Wunden bedeckt.« In dem Waggon fuhren auch drei Babys mit:
»Ihre Eltern hatten große Schwierigkeiten mit den Windeln, da es unmöglich war, sie regelmäßig zu waschen. Wenn der Zug manchmal nach einem Regen hielt, sprangen die Mütter hinaus, um die Windeln in den Gräben zu waschen. Um diese Wassergräben entbrannten Kämpfe, weil einige Teller, andere das Gesicht, wieder andere die schmutzigen Windeln reinigen wollten, und alle gleichzeitig ...«16)
Für verhaftete »Feinde« wurden im Unterschied zu gewöhnlichen Deportierten zuweilen Sondermaßnahmen getroffen. Das machte die Sache aber nicht besser. Maria Sandrazkaja wurde verhaftet, als ihr Baby zwei Monate alt war. Sie ging gemeinsam mit zahlreichen stillenden Müttern auf Transport. Achtzehn Tage lang fuhren 65 Frauen mit 65 Babys in zwei praktisch ungeheizten Viehwaggons, denn in jedem stand nur ein kleines, stark rauchendes Öfchen. Es gab keine Sonderrationen, kein warmes Wasser, um die Kinder zu baden oder die Windeln zu waschen, die bald »grün vor Schmutz« waren. Zwei der Frauen nahmen sich das Leben, indem sie sich mit einer Glasscherbe die Kehle durchschnitten. Eine verlor den Verstand. Ihre drei Babys würden von den anderen Müttern betreut. Sandrazkaja selbst »adoptierte« eines. Bis zum Ende ihres Lebens blieb sie überzeugt, dass nur die Muttermilch ihr eigenes Baby gerettet hatte, das an Lungenentzündung erkrankte. Medikamente gab es natürlich nicht.17)
Alle Transportzüge hielten von Zeit zu Zeit, was den Häftlingen aber nicht unbedingt Erleichterung verschaffte. Sie wurden aus den Waggons auf LKWs geladen und in Transitgefängnisse gebracht. Das Regime dort erinnerte an die Untersuchungsgefängnisse, nur hatten die Wärter hier noch weniger Interesse daran, wie es den Insassen ging, denn die sahen sie niemals wieder. Daher waren die Bedingungen dort völlig unvorhersehbar.
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Die primitivsten Transitgefängnisse waren wahrscheinlich jene an der Pazifikküste, wo die Gefangenen einen Zwischenstopp einlegten, bevor sie das Schiff zur Kolyma bestiegen. In den dreißiger Jahren gab es davon nur eines: Wtoraja Retschka bei Wladiwostok. Es war aber bald so überfüllt, dass 1938 zwei Transitlager errichtet werden mussten — Nachodka-Bucht und Wanino —, doch selbst dort reichten die Baracken für die Tausenden von Gefangenen nicht aus, die auf die Überfahrt warteten.18 Ein Gefangener kam Ende Juli 1947 in die Nachodka-Bucht: »Unter freiem Himmel kampierten hier zwanzigtausend Menschen. Von Gebäuden keine Rede: Man saß, lag und lebte auf dem nackten Boden.«19
Auch die Wasserversorgung war hier kaum besser als im Zug, obwohl die Gefangenen im Hochsommer nach wie vor Salzfisch zu essen bekamen: »Überall standen Schilder mit der Aufschrift: <Trinke kein unabgekochtes Wasser.> Im Lager gingen zwei Seuchen um — Typhus und Ruhr. Die Häftlinge kümmerten sich nicht um die Schilder und tranken jeden Tropfen, der hier und da aus dem Boden sickerte ... Daran kann man sehen, wie begierig wir auf Wasser waren, um unseren Durst zu stillen.«20
Für Gefangene, die man viele Wochen lang transportiert hatte — manche erinnern sich an Zugfahrten von 47 Tagen bis zur Nachodka-Bucht21) —, waren die Bedingungen in den Transitlagern an der Pazifikküste nahezu unerträglich. Einer berichtete, dass siebzig Prozent seiner Kameraden an Nachtblindheit, einem Symptom für Skorbut, und an Durchfall litten, als sein Transport endlich am Zielort eintraf.22) Medizinische Versorgung gab es im Grunde nicht. Da er nicht behandelt wurde und auch keine Medikamente bekam, starb der russische Dichter Ossip Mandelstam im Oktober 1938 in Wtoraja Retschka in geistiger Umnachtung.23)
Wer noch nicht völlig entkräftet war, konnte sich im Transitlager eine kleine Extraration Brot verdienen, indem er Betonkübel schleppte, Güterwaggons entlud und Latrinengruben aushob.24 Einige erinnern sich an Nachodka-Bucht als das »einzige Lager, wo die Häftlinge um Arbeit bettelten«. Eine Polin berichtete: »Zu essen bekommt nur, wer arbeitet. Da aber mehr Häftlinge da sind als Arbeit, sterben einige vor Hunger ... Die Prostitution blüht wie die Iris auf sibirischen Wiesen.«25
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Laut Thomas Sgovio lebten manche auch vom Tauschhandel:
»Im Lager gab es einen großen, freien Platz, den alle nur den Basar nannten. Dort kamen die Gefangenen zusammen, um zu feilschen ... Geld hatte keinen Wert. Am meisten gefragt waren Brot, Tabak und Zeitungspapier, das wir zum Zigarettendrehen verwendeten. Einige nicht Politische hielten das Geschäft in Gang. Sie gaben Brot und Tabak für die Kleider von Neuankömmlingen her. Dann verkauften sie diese an Bürger außerhalb des Lagers für Rubel, um Geld für das Leben nach der Lagerhaft anzusparen. Tagsüber war der Basar der belebteste Ort im Lager. In diesem kommunistischen Höllenloch konnte ich das freie Unternehmertum in seiner brutalsten Form studieren.«26
Mit den Zügen und Transitlagern waren die Schrecken des Transports noch nicht zu Ende. Bis zur Kolyma stand den Häftlingen noch eine Schiffsreise bevor. Die Schiffe selbst waren nichts Besonderes: alte Frachter aus Holland, Schweden, England und Amerika, bei deren Bau niemand daran gedacht hatte, Fahrgäste zu befördern. Für die neue Bestimmung hatte man sie etwas umgerüstet, aber das waren meist Veränderungen kosmetischer Art. Am Schornstein trugen sie die Buchstaben D.S. (für Dalstroi), auf den Decks waren Maschinengewehrstellungen aufgebaut, im Laderaum hatte man rohe Holzpritschen aufgestellt, die gruppenweise durch Stahlgitter voneinander getrennt waren. Das größte Schiff der Dalstroi-Flotte, ein ehemaliger Kabeltransporter, trug zunächst den Namen Nikolai Jeschow. Als der NKWD-Chef in Ungnade fiel, wurde es auf Feliks Dzierzynski umgetauft, was beim internationalen Schiffsregister beträchtliche Kosten verursachte.27)
Es gab nur wenige Zugeständnisse an die menschliche Fracht, die auf dem ersten Teil der Reise, wenn die Schiffe der japanischen Küste relativ nahe kamen, permanent unter Deck ausharren musste. In diesen Tagen blieben alle Luken auf Deck fest verschlossen, weil ab und zu japanische Fischfangschiffe in Sicht kamen.28
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Die Fahrten unterlagen absoluter Geheimhaltung. Als die Indigirka, ein Dalstroi-Schiff mit 1500 Passagieren an Bord, überwiegend Häftlinge, die aufs Festland zurückkehrten, 1939 vor der japanischen Insel Hokkaido auf ein Riff lief, ließ die Mannschaft den größten Teil der Menschen lieber sterben, als Hilfe herbeizuholen. Natürlich gab es keine Rettungsboote an Bord. Fremde Schiffe, obwohl in der Nähe, wurden nicht gerufen, damit nicht herauskam, was für eine Ladung das »Frachtschiffe wirklich beförderte. Japanische Fischerboote eilten auf eigene Initiative herbei, aber zu spät. Über tausend Häftlinge versanken in den Fluten.29
Doch auch ohne Schiffbruch litten die Gefangenen unter der Geheimhaltung, weil sie hermetische Abriegelung bedeutete. Die Wachmannschaften warfen das Essen einfach durch die Luke, und unten spielten sich dann heftige Kämpfe ab. Das Wasser wurde in Eimern herabgelassen. Essen und Wasser waren stets äußerst knapp, ebenso Luft. Jewgenia Ginsburg war schon übel, bevor sie in den Laderaum hinabsteigen musste: »Mir scheint, ich halte mich nur deshalb auf den Beinen, weil kein Platz zum Hinfallen da ist... Die Beine schliefen ein. Vor Hunger und von der ungewohnten Seeluft drehte sich alles vor den Augen. Eine leichte Übelkeit ließ die ganze Zeit nicht nach.« Im Laderaum selbst war die Situation natürlich nicht besser: »Wir sind viele, sehr viele. Es ist so eng, daß man sich kaum rühren kann. Wir sitzen und liegen fast übereinander, direkt auf dem schmutzigen Boden.«30
Wenn die japanische Küste am Horizont verschwunden war, ließ man die Häftlinge manchmal an Deck, damit sie die wenigen Toiletten des Schiffes benutzen konnten, die für Tausende Menschen natürlich nicht ausreichten. Thomas Sgovio hat sie beschrieben:
»Eine merkwürdige kastenförmige Bretterkonstruktion war außenbords am Schiff angebracht... Es war ein ziemlich waghalsiges Unterfangen, auf dem schaukelndem Schiff von Deck über die Reling hinweg dort hineinzusteigen. Ältere Gefangene oder solche, die noch nie zur See gefahren waren, trauten sich nicht. Ein Stoß von einem Wachmann und die Not, sich erleichtern zu müssen, halfen ihnen schließlich, die Angst zu überwinden. Während der ganzen Reise riss die Schlange an der Treppe nie ab. Nur zwei Mann wurden gleichzeitig in den Kasten gelassen.«31
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Die körperlichen Leiden auf der Überfahrt wurden aber noch von den Qualen übertroffen, die sich die Häftlinge selbst ausdachten, genauer gesagt, die Kriminellen unter ihnen. Das war besonders Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre der Fall, als deren Einfluss im Lagersystem ihren Höhepunkt erreichte, weil Politische und Kriminelle bedenkenlos miteinander vermischt wurden. Elinor Lipper, die Ende der dreißiger Jahre zur Kolyma fuhr, beschreibt, wie die Politischen »zusammengepfercht auf dem teerbeschmierten Boden des Laderaums [lagen], während sich die Kriminellen auf den Brettern breitmachten. Wenn wir es nur wagten, den Kopf herauszustrecken, hagelte es von oben Heringsköpfe und Eingeweide. Die Seekranken erbrachen sich von oben herunter.«32
Besonders ins Visier gerieten Häftlinge aus Polen und dem Baltikum, die besser gekleidet waren und wertvollere Sachen hatten als ihre Mitgefangenen aus der Sowjetunion. Einmal schalteten die Kriminellen das Licht aus und überfielen eine Gruppe Polen. Sie raubten sie völlig aus und brachte einige von ihnen sogar um.33
Noch schlimmer waren die Konsequenzen, wenn Männer und Frauen zusammen befördert wurden. Eigentlich war das verboten, auf den Schiffen herrschte strenge Geschlechtertrennung. In der Praxis ließen die Wachen Männer gegen Bestechung in die Frauenabteilung — mit schrecklichen Folgen. Die »Kolyma-Tram«, wie die Gruppenvergewaltigungen auf den Schiffen zur Kolyma umschrieben wurden, war Gesprächsthema im ganzen Gulag. Jelena Glink hat sie so erlebt:
»Die Vergewaltigung begann auf Kommando des <Schaffners>... Auf den Ruf <Schluss mit lustig> zog sich der Kerl widerwillig zurück und machte Platz für den nächsten, der schon in voller Bereitschaft dastand ... Tote Frauen wurden an den Beinen zur Tür geschleift und über die Schwelle geworfen. Wer das Bewusstsein verlor, wurde mit einem Schwall Wasser wieder zu sich gebracht. Und die Reihe rückte weiter vor. Im Mai 1951 wurden auf der Minsk [die überall auf der Kolyma für ihre <große Tram> berüchtigt war] die toten Frauen kurzerhand über Bord geworfen. Die Wärter notierten nicht einmal die Namen der Verstorbenen...«34)
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Soweit Glink weiß, wurde auf den Schiffen nie jemand für Vergewaltigung bestraft. Das bestätigt auch Janusz Bardach, ein junger Pole, der 1942 per Schiff zur Kolyma fuhr. Er erlebte, wie eine Gruppe Krimineller einen Überfall auf die Frauenabteilung plante und dann ein Loch in den Maschendraht schnitt, der die Geschlechter voneinander trennte.
»Sobald sie die erste Frau durch das Loch gezerrt hatten, rissen sich die Männer die Kleider vom Leib. Dann warfen sich gleich mehrere auf sie. Ich sah, wie die weißen Körper der Opfer zuckten, wie sie mit den Beinen schlugen und ihre Fingernägel in die Gesichter der Männer krallten. Die Frauen bissen, schrien und jammerten. Die Angreifer schlugen zurück. Wenn keine Frauen mehr zu greifen waren, suchten sich die stärkeren Kerle junge Männer. Auch sie wurden gnadenlos zugerichtet, lagen aber meist ruhig auf dem Bauch, bluteten und weinten still vor sich hin.«
Keiner der Mitgefangenen versuchte die Bande aufzuhalten: »Hunderte Männer hingen von den Pritschen und sahen zu, aber nicht ein Einziger griff ein.« Die Sache war erst zu Ende, so schreibt Bardach, als die Wärter von oben Wasser auf die Menge gossen. Anschließend wurden mehrere tote und schwer verletzte Frauen hinausgezerrt. Strafen gab es nicht.35
»Jeder«, schrieb ein Überlebender, »der Dantes Hölle erlebt hat, wird sagen, dass sie nichts war im Vergleich zu dem, was auf diesem Schiff passierte.«36
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Vom Transport werden viele Geschichten erzählt, manche so tragisch, dass man sie kaum wiedergeben mag. Natürlich gibt es keine Belege dafür, dass das Begleitpersonal angewiesen war, die Häftlinge unterwegs zu quälen. Im Gegenteil: Es hatte detaillierte Anweisungen, wie Gefangenentransporte zu schützen waren. Dass die Instruktionen häufig gebrochen wurden, erzeugte bei den zentralen Behörden viel Unmut. In einem Dekret vom Dezember 1941 »Über die Verbesserung der Organisation des Gefangenentransports« wurden »Verantwortungslosigkeit« und »kriminelles« Verhalten einiger Angehöriger des Begleitpersonals und der Lagerverwaltungen scharf gerügt: »Dadurch kommen Gefangene halb verhungert am Bestimmungsort an und können für eine gewisse Zeit nicht zur Arbeit eingesetzt werden.«37)
In einem offiziellen Dokument vom 25. Februar 1940 wird voller Empörung kritisiert, dass nicht nur kranke und behinderte Gefangene in Züge zu den Lagern im Norden verladen wurden — was verboten war —, sondern auch, dass viele keine Verpflegung oder Wasser erhielten, dass man sie nicht entsprechend der Jahreszeit eingekleidet hatte und nicht einmal ihre Personalakten mitschickte, die dadurch verloren gingen. Das bedeutet, in den Lagern trafen Gefangene ein, von denen keiner wusste, wofür man sie verurteilt hatte und welche Strafe sie im Lager absitzen sollten.
Im November 1939 transportierte man zum Beispiel 272 Häftlinge ohne Wintermäntel über fünfhundert Kilometer auf offenen Lastwagen. Viele erkrankten, einige starben. Über solche Vorkommnisse wurde mit Empörung berichtet, und die fahrlässigen Wachen wurden bestraft.38
Auch die Zustände in den Transitgefängnissen waren durch zahlreiche Vorschriften geregelt. Am 26. Juli 1940 erschien beispielsweise eine Weisung über Transitgefängnisse, die die Kommandanten aufforderte, Bäder, Desinfektionsstellen und funktionierende Küchen einzurichten.39 Nicht weniger wichtig nahm man die Sicherheit bei der Dalstroi-Flotte. Als es im Dezember 1947 auf zwei Schiffen, die im Hafen von Magadan lagen, zu Explosionen kam, wobei 97 Häftlinge starben und 224 schwer verletzt wurden, warf Moskau dem Hafen »verbrecherische Schlamperei« vor. Die Verantwortlichen wurden vor Gericht gestellt und erhielten Freiheitsstrafen.40
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Aber trotz all des Getöses veränderte sich das Transportsystem über die Jahre nur wenig. Weisungen wurden erteilt, Beschwerden eingereicht. Aber am 24. Dezember 1944 traf wieder ein Transport auf dem Bahnhof der Stadt Komsomolsk am Amur in einem Zustand ein, den selbst der stellvertretende Staatsanwalt des Gulags als entsetzlich bezeichnete. Sein offizieller Bericht über das Schicksal von »Zug SK 950«, der aus 51 Waggons bestand, beschreibt wohl einen der Tiefpunkte in der Schreckensgeschichte der Gulagtransporte:
»Die Häftlinge kamen in ungeheizten Waggons an, die nicht für den Gefangenentransport eingerichtet waren. Jeder enthielt zehn bis zwölf Pritschen, auf denen nicht mehr als achtzehn Personen Platz hatten. Die Wagen waren aber mit 48 Personen belegt. Sie waren nicht ausreichend mit Wasserkanistern ausgestattet, weshalb die Wasserversorgung manchmal ganze Tage und Nächte zusammenbrach. Die Häftlinge erhielten gefrorenes Brot. Zehn Tage lang bekamen sie überhaupt nichts zu essen. Sie trafen in Sommerkleidung, völlig verschmutzt und verlaust, mit eindeutigen Anzeichen von Erfrierungen ein... Kranke Häftlinge ließ man ohne jede medizinische Hilfe auf dem Waggonboden liegen, wo sie verstarben. Die Leichen wurden lange nicht aus den Wagen entfernt...«
Von den 1402 Personen, mit denen »Zug SK950« beladen war, kamen 1291 lebend an. 53 waren unterwegs gestorben, 66 hatte man in Krankenhäusern zurücklassen müssen. Bei der Ankunft wurden weitere 335 mit Erfrierungen dritten oder vierten Grades, Lungenentzündung und anderen Erkrankungen ins Krankenhaus gebracht. Der Transport war circa 60 Tage unterwegs gewesen, 24 davon hatte er »wegen schlechter Organisation« auf Nebengleisen gestanden. Der Kommandant des Zuges, ein gewisser Genosse Chabarow, erhielt lediglich eine »Rüge mit Verwarnung«.41
Viele, die solche Transporte überlebten, haben die groteske Misshandlung der Häftlinge durch die meist jungen und unerfahrenen Begleitsoldaten zu erklären versucht, die ja durchaus nicht die geübten Killer waren, wie man sie in den Gefängnissen antreffen konnte. Nina Gagen-Torn vermutet, dass »bei den Begleitmannschaften nicht Bosheit, sondern absolute Gleichgültigkeit im Spiel war. Für sie waren wir keine Menschen, sondern lebende Fracht.«42 Auch Antoni Ekart, ein Pole, der nach dem sowjetischen Einmarsch von 1939 verhaftet wurde, ist dieser Meinung:
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»... Dass es so wenig Wasser gab, lag nicht daran, dass die Wachen uns quälen wollten; es hätte sie einfach zusätzliche Mühe gekostet, mehr Wasser heranzuschaffen. Das aber taten sie nicht ohne Befehl. Den Transportkommandanten interessierte das schlicht nicht, und die Wachen dachten nicht daran, die Häftlinge auf den Haltestationen mehrmals täglich zu Wasserstellen zu führen und dabei Fluchtversuche zu riskieren.«43
Manche schildern allerdings nicht nur Gleichgültigkeit: »Morgens kam der Zugkommandant in den Gang... Er drehte uns den Rücken zu, schaute zum Fenster hinaus und fluchte: <Wie satt ich euch habe!>«44)
Überdruss, gemischt mit Ärger darüber, einen so miserablen Job machen zu müssen, war auch Solschenizyns Erklärung für dieses ansonsten schwer verständliche Phänomen. Er versuchte sogar, sich in die Psyche der Wachmannschaften hineinzuversetzen. Da waren sie, gestresst und unterbesetzt, und »das Wasser in Eimern von weit her zu schleppen, ist nicht nur beschwerlich, auch kränkend: Warum soll sich ein sowjetischer Krieger für die Feinde des Volkes wie ein Maulesel abrackern?«45)
Was immer die Motive gewesen sein mögen — Gleichgültigkeit, Widerwille, Ärger oder verletzter Stolz —, die Folgen für die Gefangenen waren verheerend. In der Regel kamen sie nicht nur durch Gefängnis und Verhör verwirrt und erniedrigt, sondern auch noch körperlich ausgezehrt an ihrem Bestimmungsort an. Damit waren sie reif für die nächste Etappe ihrer Reise zum Gulag: die Aufnahme ins Lager.
Wenn das Licht es erlaubte, wenn die Häftlinge nicht krank und noch interessiert genug waren, um den Kopf zu heben, dann erblickten sie als erstes das Lagertor. Oft trug es eine Losung. Über dem Eingang eines der Lager an der Kolyma »war ein Regenbogen aus Sperrholz angebracht, und ein Spruchband verkündete: <In der UdSSR bedeutet Arbeit Ruhm, Ehre, Mut und Heldentum!>«46)
Barbara Armonas wurde bei Irkutsk mit dem Transparent empfangen: »Nur durch Arbeit werde ich meinem Vaterland meine Schuld abzahlen«.47
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Ein anderer Häftling sah 1933 bei seiner Ankunft auf den Solowezki-Inseln — inzwischen hatte man dort ein Hochsicherheitsgefängnis eingerichtet — die Aufschrift: »Mit eiserner Faust führen wir die Menschheit ins Glück!«48 Auch Juri Tschirkow, den man bereits mit vierzehn Jahren verhaftete, wurde auf den Solowezki-Inseln mit einem Spruchband begrüßt, das lautete: »Freiheit durch Arbeit!« Näher kann man der Devise von Auschwitz — »Arbeit macht frei« — kaum kommen.49)
Auch die Ankunft im Lager war von Ritualen begleitet: Menschen, die bisher nur Gefängnishaft kannten, mussten zu Seks — Arbeitssklaven — erzogen werden. »Beim Eintreffen im Lager«, erinnert sich Karol Colonna-Czosnowski, ein polnischer Gefangener,
»wurden wir erst einmal lange Zeit gezählt... Der Abend wollte kein Ende nehmen. Unzählige Male mussten wir uns in Fünferreihen aufstellen und dann als ganze Reihe jeweils drei Schritt vortreten. Mehrere besorgt dreinschauende NKWD-Beamte zählten laut: <Odin, dwa, tri...> Jede Zahl wurde sorgfältig in den großen Notizblock geschrieben. Offenbar ergab die Anzahl derer, die lebend eingetroffen waren, addiert mit denen, die sie unterwegs erschossen hatten, nicht die erwartete Summe.«50
Nach dem Zählappell wurden Männer und Frauen ins Bad geführt und dort am ganzen Körper rasiert. Diese Prozedur, die auf zentralen Befehl und, wie die Betroffenen zu Recht annahmen, aus hygienischen Gründen vorgenommen wurde51 — schließlich waren Häftlinge, die aus sowjetischen Gefängnissen eintrafen, meist völlig verlaust —, hatte zugleich auch eine wichtige rituelle Funktion. Frauen beschreiben sie mit besonderem Abscheu und Schrecken. Oft mussten sie sich splitternackt ausziehen und dann unter den Blicken männlicher Soldaten lange auf das Rasieren warten. Olga Adamowa-Sljosberg war bereits in einem Transitgefängnis durch diesen Albtraum gegangen:
»Wir hatten uns bereits ausgezogen, unsere Kleider abgegeben und wollten gerade nach oben in den Waschraum gehen, als wir sahen, dass auf der ganzen Treppe Wachposten aufgereiht standen. Wir liefen vor Scham rot an, senkten die Köpfe und drängten uns zusammen. Als ich aufschaute, begegnete mein Blick dem des kommandierenden Offiziers. Er schaute mich verdrossen an. <Los, los!>, rief er. <Bewegt euch!> - Mir war etwas leichter, ja fast kam mir die Situation komisch vor. Zum Teufel mit ihnen, dachte ich. Die bedeuten mir als Männer auch nicht mehr als der Bulle Waska, vor dem ich Angst hatte, als ich ein Kind war.«52)
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Nachdem die Gefangenen gewaschen und rasiert waren, kam der zweite Schritt, um aus Männern und Frauen anonyme Seks zu machen: das Verteilen der Kleidung. Ob die Gefangenen ihre eigenen Sachen tragen durften oder nicht, war von Ort zu Ort und von Lager zu Lager verschieden. Häufig spielte es gar keine Rolle, denn bis sie dort angekommen waren, trugen sie ohnehin nur noch Fetzen auf dem Leib, wenn man ihnen nicht schon alles gestohlen hatte.
Wer nichts Eigenes hatte, musste die Lagerkleidung tragen, die stets alt, verschlissen, schlecht genäht war und nicht passte. Vor allem den Frauen kam es oft so vor, dass man ihnen solche Lumpen gab, um sie bewusst zu demütigen. Anna Andrejewa, die Ehefrau des Autors und Spiritualisten Daniil Andrejew, saß zunächst in einem Lager, wo die Häftlinge ihre eigene Kleidung tragen durften. 1948 wurde sie an einen anderen Ort verlegt, wo das nicht erlaubt war. Sie empfand diese Veränderung als sehr erniedrigend: »Sie hatten uns alles genommen, unseren Namen, jeden Hinweis auf die Persönlichkeit, und nun steckten sie uns in unbeschreibliche, völlig formlose Sachen...«53)
Mit ähnlichem Abscheu beschreibt eine andere Gefangene die »Lagermode«: Wir erhielten »kurze, geflickte Mäntel, geflickte Strümpfe bis zum Knie und Schuhe aus Birkenrinde. Wir sahen aus wie Monster. Von unserem Eigenen war uns fast nichts geblieben. Wir hatten bereits alles an die Kriminellen verkauft, genauer gesagt, für Brot eingetauscht. Strümpfe und Tücher aus Seide erregten solche Bewunderung, dass wir sie einfach verkaufen mussten. Sich zu weigern wäre zu gefährlich gewesen.«54
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Da die zerlumpten Sachen den Häftlingen die Würde rauben sollten, gaben sich viele große Mühe, sie etwas zu verschönern. Eine Gefangene erinnert sich, dass ihr die »alten, verschlissenen« Sachen, die man ihr gab, anfangs völlig gleichgültig waren. Später begann sie jedoch die Löcher zu stopfen, Taschen einzunähen und alle möglichen Verbesserungen anzubringen »wie andere Frauen auch«, um nicht völlig abgerissen herumzulaufen.55 Warlam Schalamow verstand durchaus, welche Bedeutung diese kleinen Veränderungen hatten:
»Im Lager gibt es <individuelle> und <allgemeine> Unterwäsche. Dies sind Perlen des bürokratischen Sprachgebrauchs. Die <individuelle> Unterwäsche ist neuer und etwas besser; sie ist für Kalfakter, Häftlingsvorarbeiter und andere Privilegierte reserviert ... Die <allgemeine> Unterwäsche gehört allen gemeinsam. Sie wird im Badehaus sofort nach dem Waschen gegen schmutzige Unterwäsche ausgehändigt, die man vorher sammelt und zählt. Niemand hat Gelegenheit, sich etwas nach seiner Größe auszusuchen. Saubere Unterwäsche wird wie nach einem Lotteriesystem verteilt, und ich spürte einen tiefen Schmerz, wenn ich erwachsene Männer sah, die vor Wut weinten, weil man ihre schmutzige derbe Unterwäsche gegen saubere durchlöcherte eintauschte. Nichts kann den Menschen von den Unannehmlichkeiten ablenken, die auch zum Leben gehören.«56
Der Schock, gewaschen, rasiert und als Seks eingekleidet zu werden, war aber nur der erste Schritt einer langen Initiation. Bald darauf mussten sich die Neuankömmlinge dem kritischsten Verfahren unterziehen — der Selektion und Einteilung in die verschiedenen Kategorien von Arbeitskräften. Diese Auswahl bestimmte alles Weitere im Lagerleben — den Status des Häftlings, die Art der Unterkunft und der Arbeit, die ihm zugeteilt wurden — Dinge, die über Leben und Tod entschieden.
Geschwächte Gefangene erhielten eine »Quarantänezeit«, um einerseits sicherzustellen, dass sie keine Krankheiten einschleppten, und ihnen andererseits Gelegenheit zu geben, nach Monaten üer Entbehrungen im Gefängnis und auf dem Transport wieder etwas zu Kräften zu kommen. Dieses Erfordernis scheinen die Lagerkommandanten ernst genommen zu haben, was Gefangene bestätigen.57
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Alexander Weißberg erhielt gutes Essen und durfte sich erholen, bevor man ihn ins Bergwerk schickte.58 In Jewgenia Ginsburgs Erinnerung waren die ersten Tage in Magadan, der Hauptstadt der Kolyma-Region, »ein dichtes Knäuel von Bewußtlosigkeit, Schmerz, der Dunkelheit des Nichtseins«. Sie war, wie andere auch, von der Dschurma direkt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Hier genas sie nach zwei Monaten. Einige waren skeptisch. »Ein Opferkalb«, meinte Lisa Scheweljowa, eine andere Gefangene: »Wozu diese Aufpäppelung? Wenn man hier entlassen wird, kommt man sofort wieder zur Arbeit. Innerhalb einer Woche sind Sie wieder eine Leiche, wie auf der >Dschurma«<59
Hatten sie sich wieder erholt, wenn man ihnen das überhaupt zugestand, und waren sie eingekleidet, wenn man ihnen neue Kleider genehmigte, dann wurde es Ernst mit Selektion und Einstufung. Im Prinzip war es ein genau festgelegtes Verfahren. Bereits 1930 hatte die Zentrale des Gulags strenge und recht komplizierte Weisungen für die Einteilung der Gefangenen erlassen. Theoretisch musste diese nach zwei Arten von Kriterien erfolgen: Unter Berücksichtigung ihrer »sozialen Herkunft« und ihrer Strafe sowie ihres Gesundheitszustands. In jenen frühen Tagen wurden die Gefangenen in drei Kategorien eingeteilt: »aus der Arbeiterklasse Stammende«, die nicht wegen konterrevolutionärer Vergehen verurteilt waren und höchstens fünf Jahre abzusitzen hatten; »aus der Arbeiterklasse Stammende«, die nicht wegen konterrevolutionärer Vergehen verurteilt waren, aber mehr als fünf Jahre Freiheitsstrafe erhalten hatten; schließlich jene, denen konterrevolutionäre Vergehen zur Last gelegt wurden.
Den drei Kategorien wurden nun verschiedene Haftarten zugeordnet: das privilegierte, das leichte oder das schwere Lagerregime. Danach mussten die Gefangenen einer Ärztekommission vorgestellt werden, die entschied, ob sie für schwere oder leichte Arbeit tauglich waren. Wenn alle diese Angaben vorlagen, wies die Lagerführung jedem Häftling eine Arbeit zu. Je nachdem, wie gut er dort seine Norm erfüllte, erhielt er eine der vier Verpflegungsrationen: für die Grundversorgung, für Arbeiter, für Schwerarbeiter oder für Straffällige.60
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Die Kategorien wurden immer wieder verändert. Nach Berias Befehl von 1939 teilte man die Häftlinge zum Beispiel in »für schwere Arbeit tauglich«, »für leichte Arbeit tauglich« und »Invaliden« ein (auch Gruppe A, B oder C genannt). Die entsprechenden Zahlen wurden von der Gulag-Zentrale in Moskau sorgfältig überwacht. Lager, die zu viele Invaliden unter ihren Gefangenen hatten, mussten mit harter Kritik rechnen.61
In der Praxis lief das Verfahren jedoch selten nach diesen Regeln ab. Es hatte seine offiziellen Aspekte, die von den Lagerkommandanten festgelegt wurden. Daneben aber gab es die informelle Seite, Korrekturen, die die Gefangenen untereinander aushandelten.
Jerzy Gliksman beschreibt, wie die Einteilung der Häftlinge in Kotlas, dem Transitlager für alle Lager nördlich von Archangelsk, vor sich ging. Dort rissen die Wärter die Gefangenen mitten in der Nacht aus dem Schlaf und befahlen ihnen, am Morgen mit ihrem kümmerlichen Hab und Gut anzutreten. Alle hatten zu erscheinen, selbst die Schwerkranken. Dann marschierten sie aus dem Lager in den Wald. Nach einer Stunde erreichten sie eine große Lichtung, wo sie in Sechzehnerreihen antreten mussten:
»Den ganzen Tag lang liefen nun unbekannte Beamte in Uniform und in Zivil zwischen den Häftlingen umher, befahlen einigen, ihre Fufaikas [Wattejacken) auszuziehen, betasteten ihre Arme und Beine, ließen sich die Handflächen zeigen oder verlangten, dass sie sich nach vorn beugten. Manchmal ließen sie einen Häftling den Mund aufmachen und besahen sich seine Zähne wie Pferdehändler auf dem Jahrmarkt... Einige suchten Ingenieure, erfahrene Schlosser oder Dreher, wieder andere fragten nach Zimmerleuten. Aber alle wollten körperlich starke Männer zum Holzfällen, für die Landwirtschaft, für die Kohlengruben und die Erdölfelder.«62
Von Anfang an war auch klar, dass Regeln da waren, um gebrochen zu werden. Nina Gagen-Torn musste 1947 im Lager Temnikowski eine besonders demütigende Selektion über sich ergehen lassen, die sich aber für sie zum Guten wendete. Ihre Kolonne wurde sofort nach ihrem Eintreffen im Lager zum Duschen geschickt, während man ihre Kleidung desinfizierte.
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Tropfnass führte man die nackten Frauen in einen Raum zur »Gesundheitskontrolle«. »Ärzte« sollten sie untersuchen. Das taten sie auch — zusammen mit dem Produktionsleiter des Lagers und den Wärtern:
»Der Major ging die Reihe entlang und prüfte die Statur der angetretenen Frauen. Die knappen Befehle kamen wie aus der Pistole geschossen: In die Näherei! In den Kolchos! In die Zone! Ins Krankenhaus! Der Produktionsleiter schrieb die Namen auf Als er ihren Namen hörte, blickte der Major auf und fragte: <In welchem Verhältnis stehen Sie zu Professor Gagen-Torn?> - <Ich bin seine Tochter.> - >Steckt sie ins Hospital, sie hat die Krätze, das sieht man an den roten Flecken auf ihrem Bauch.>«
Da sie keine roten Flecken auf dem Bauch hatte, nahm sie an — zu Recht, wie sich später herausstellte, der Mann müsse ihren Vater gekannt und bewundert haben und wollte ihr jetzt — zumindest zeitweilig — schwere Arbeit ersparen.63
Wie sich die Häftlinge in den ersten Tagen ihres Lagerlebens während und nach der Selektion verhielten, konnte sich entscheidend auf ihr weiteres Schicksal auswirken. Der polnische Romancier Gustaw Herling-Grudzinski nutzte die ersten drei Ruhetage nach seiner Ankunft in Kargopollag. »Ich verkaufte meine hohen Offiziersstiefel für den angemessenen Preis von 900 g Brot an einen Urka [einen Kriminellen], der bei der Eisenbahnbrigade arbeitete.« Als Gegenleistung verschaffte der Häftling über seine Verbindungen zur Lagerverwaltung Herling einen Job als Träger bei der Nahrungsmittelzentrale. Das sei schwere Arbeit, erklärte er Herling, aber er komme an Sonderrationen heran, was dann auch der Fall war.64
Handel und Wandel gab es in verschiedener Form. Als Gliksman in Uchtischemlag eintraf, war ihm sofort klar, dass die Berufsbezeichnung »Fachmann«, die man ihm im Transitlager Kotlas verliehen hatte — er war ausgebildeter Ökonom —, in diesem Lager ohne Bedeutung war. Zugleich beobachtete er schon in den ersten Tagen, dass seine cleveren russischen Bekannten sich nicht lange mit Formalitäten aufhielten:
»Die meisten <Fachleute> nutzten die ersten drei freien Tage, um alle Büros und Dienststellen des Lagers abzuklappern, wo sie nach Bekannten forschten oder mit einigen Angestellten verdächtige Unterredungen führten. Alle waren damit voll beschäftigt. Jeder hatte seine Geheimnisse und achtete darauf, dass kein anderer ihm den besseren Job vor der Nase wegschnappte. Im Handumdrehen wussten alle diese Leute, an wen sie sich zu wenden, an welche Tür sie zu klopfen und was sie dort vorzubringen hatten.«
So kam es, dass man einen hoch qualifizierten polnischen Arzt zum Holzfällen in den Wald schickte, während ein ehemaliger Zuhälter als Buchhalter eingestellt wurde, »obwohl er nicht die geringste Ahnung von dieser Tätigkeit hatte und zudem fast Analphabet war«.(65)
Häftlinge, denen es auf diese Weise gelang, körperliche Arbeit zu umgehen, hatten damit den ersten Schritt zu ihrem Überleben getan. Aber das war erst der Anfang. Jetzt mussten sie sich mit den Regeln vertraut machen, nach denen der Lageralltag ablief.
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Applebaum-2003