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Gefängnis

Eine Zigeunerin liest die Karten: ein weiter Weg, 
Ein weiter Weg und ein Gefängnis. 

Vielleicht das alte Zentralgefängnis 
Erwartet mich jungen Mann schon wieder...

Altes russisches
Gefangenenlied 

177-187

Verhaftung und Verhör zermürbten die Gefangenen, zwangen sie zur Unterwerfung, verwirrten und desorientierten sie. Aber auch das sowjetische Gefängnis­system, in denen die Verhafteten vor, während und oft auch noch lange nach den Verhören bleiben mussten, übte starken Einfluss auf ihren geistigen und seelischen Zustand aus.

Die offizielle Haltung zu den Gefangenen spiegelte die wechselnden Prioritäten der Verantwortlichen wider. So gab Jagoda im August 1935, als die Verhaftung politischer Gegner gerade in Gang kam, einen Befehl aus, der klar besagte, dass das Wichtigste an einer Verhaftung das Geständnis war. Damit legte Jagoda nicht nur bestimmte »Privilegien« des Gefangenen, sondern dessen elementare Lebensbedingungen direkt in die Hand des NKWD-Offiziers, der in dem Fall ermittelte. Zeigte sich der Häftling kooperativ, was in der Regel ein Geständnis bedeutete, wurden ihm Briefe, Lebensmittelpäckchen, Zeitungen und Bücher, ein monatlicher Besuch von Verwandten und ein täglicher Spaziergang von einer Stunde gestattet. Wenn nicht, konnte man ihm das alles streichen, und das Essen noch dazu.1

Nachdem Beria — der gelobt hatte, den Gulag zu einem effizienten Wirtschaftsapparat zu machen — das Heft übernommen hatte, veränderten sich 1942 Moskaus Prioritäten. Die Lager waren jetzt ein wichtiger Faktor der Kriegsproduktion, und von den Kommandanten kamen Klagen über die vielen Häftlinge, die ganz und gar arbeitsunfähig bei ihnen eintrafen. Wenn man sie im Gefängnis hungern und im Dreck liegen ließ, wenn man ihnen jede körperliche Betätigung untersagte, dann konnten sie später bei der Kohleförderung oder beim Holzeinschlag nicht die geforderte Norm erzielen.

Also erließ Beria im Mai 1942 neue Bestimmungen für die Zeit der Verhöre. Von den Gefängnisdirektoren wurde nun gefordert, für »elementare hygienische Bedingungen« zu sorgen und die Kontrolle der Vernehmungsoffiziere über das tägliche Leben der Gefangenen einzuschränken.

Nach diesem neuen Befehl musste Häftlingen nun ein täglicher Spaziergang von »mindestens einer Stunde« gewährt werden. Ausgenommen waren Anwärter auf die Todesstrafe, deren Gesundheitszustand für die Produktionsziffern des NKWD keine Rolle spielte. Die Gefängnisverwaltungen hatten auch dafür zu sorgen, dass es einen besonderen Hof für den Ausgang gab: »Kein einzelner Häftling darf in dieser Zeit in der Zelle bleiben ... Schwachen und Alten ist von Mithäftlingen zu helfen.« Das Aufsichtspersonal wurde angewiesen, darauf zu achten, dass die Insassen (außer denen, die unmittelbar verhört wurden] acht Stunden Schlaf hatten, dass an Durchfall Erkrankte Vitamine und besseres Essen bekamen, dass die Kübel, die als Toiletten dienten, repariert wurden, wenn sie ausliefen.

Trotz dieser sehr detaillierten Vorgaben blieben enorme Unterschiede zwischen den einzelnen Gefängnissen. Das hatte schon mit dem Standort zu tun. In der Regel waren Gefängnisse in der Provinz schmutziger, aber weniger streng als jene in Moskau, die zwar sauberer waren, dafür aber mörderischer. Doch selbst die drei Hauptgefängnisse der Hauptstadt hatten ihre Eigenheiten. In die berüchtigte Lubjanka, die noch heute einen großen Platz mitten in Moskau beherrscht und das Hauptquartier des FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB, beherbergt, wurden die prominentesten politischen Häftlinge zum Verhör eingeliefert. Es hatte relativ wenig Zellen — in einem Dokument von 1955 ist von 118 die Rede, darunter 94 sehr kleine für ein bis vier Häftlinge.2 Da dort einst eine Versicherungsgesellschaft gesessen hatte, gab es in einigen Zellen sogar Parkett, das die Insassen jeden Tag wischen mussten. A. M. Garassewa, eine Anarchistin, die später Solschenizyns Sekretärin wurde, saß 1926 in der Lubjanka ein. Sie erinnert sich, dass damals das Essen noch von Kellnerinnen in Uniform gebracht wurde.3

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Im Unterschied dazu war Lefortowo, das ebenfalls für Verhöre diente, ein Militärgefängnis aus dem neunzehnten Jahrhundert. Die Zellen hier, die nie für eine große Zahl von Häftlingen gedacht waren, waren dunkler, schmutziger und beengter. Lefortowo ist geformt wie der Buchstabe K, und in seinem Zentrum, erinnert sich Dmitri Panin in seinen Memoiren, stand »ein Wärter mit einer Flagge und steuert den Strom der Häftlinge, die zum Verhör und zurück geführt werden«.4 Ende der dreißiger Jahre war Lefortowo so überfüllt, dass das NKWD eine »Nebenstelle« im Suchanowski-Kloster außerhalb von Moskau eröffnete. Offiziell »Objekt 110« genannt, unter den Gefangenen aber nur als »Suchanowka« bekannt, stand diese bald in dem üblen Ruf, eine Folterhölle zu sein. Beria unterhielt dort ein Büro und wohnte manchen Folterungen persönlich bei.5

Das Butyrka-Gefängnis, das älteste von allen, stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert. Ursprünglich als Palast gebaut, wurde es schon bald zum Gefängnis umfunktioniert. In die Butyrka kamen in der Regel Häftlinge, die das Verhör bereits hinter sich hatten und auf den Transport warteten. Die Butyrka war ebenfalls überfüllt und schmutzig, aber es ging etwas lockerer zu. Garassewa berichtet, dass die Wärter in der Lubjanka die Gefangenen zwangen, in einem engen Kreis zu gehen, während man »in der Butyrka beim Hofgang tun konnte, was man wollte«.6

Die Verhältnisse in den Haftanstalten unterlagen außerdem dem Wandel der Zeiten. Anfang der dreißiger Jahre wurden Häftlinge in großer Zahl zu monate-, ja sogar jahrelanger Einzelhaft verurteilt. Boris Tschetwerikow musste das sechzehn Monate lang erdulden. Er verlor nur deshalb nicht den Verstand, weil er sich ununterbrochen beschäftigte — er wusch seine Kleider, wischte Fußboden und Wände ab und sang dabei alle Opernarien und Lieder, die er kannte.7 Jewgenia Ginsburg saß fast zwei Jahre lang im Isolationsgefängnis von Jaroslawl in Zentralrussland, einen großen Teil davon m absoluter Einzelhaft: »Noch heute sehe ich, wenn ich die Augen schließe, jede Erhebung, jeden Kratzer an diesen Wänden vor mir, die bis zur Hälfte blutrot gestrichen waren, in der bevorzugten Farbe aller Gefängnisse, und oben schmutzig weiß.8

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Als in den vierziger Jahren wie am Fließband verhaftet wurde, konnten die Gefängnisse selbst Neuzugänge kaum auch nur für einige Stunden isolieren. Lew Finkelstein gelangte 1947 zunächst in den »Bahnhof« des Gefängnisses, »eine riesige Gemeinschaftszelle ohne jede Einrichtungen, in die jeder Verhaftete erst einmal geworfen wird. Von dort wird langsam aussortiert, man kommt ins Bad und dann in die eigentliche Zelle.«9 Für viele wurde dabei eher die überfüllte Gemeinschaftszelle als die Einsamkeit der Isolierung zur prägenden Erinnerung. So saßen im Hauptgefängnis der Stadt Archangelsk, ausgelegt für 740 Häftlinge, 1941 zwischen 1661 und 2380 Menschen ein.10

An der Peripherie des Landes ging es noch schlimmer zu. So musste das Gefängnis von Stanislawow im neu besetzten Ostpolen 1940 sage und schreibe 1709 Häftlinge aufnehmen. Es war aber nur für 472 eingerichtet und besaß nur 150 Bettlaken.11 Im Februar 1941 saßen 6353 Personen in der Tatarischen Autonomen Sowjetrepublik in Gefängnissen ein, die nicht mehr als 2710 Häftlinge verkraften konnten.12 Die Situation war für die Gefangenen besonders hart, die gerade verhört wurden. Jede Nacht unterzog man sie quälenden Befragungen, und den Tag mussten sie in der überfüllten Gemeinschaftszelle verbringen. Ein Häftling beschreibt die Wirkung so:

»Der Verfall der Persönlichkeit fand vor aller Augen statt. Man konnte sich nirgendwohin zurückziehen; selbst seine Notdurft musste man auf der offenen Toilette verrichten, die mitten im Raum stand. Wer weinen wollte, musste das vor allen tun, und die Scham darüber steigerte noch die Qual. Wer sich umbringen wollte, indem er sich nachts unter der Decke die Venen aufbiss, wurde von irgendeinem, der gerade nicht schlafen konnte, bald entdeckt und daran gehindert, sein Werk zu vollenden.«13

In Anbetracht der Überfüllung taten die Gefängnisleitungen alles, um jede Andeutung von Solidarität unter den Gefangenen zu unterbinden. Jagoda verbot in einem Befehl von 1935 den Gefangenen, miteinander zu sprechen, sich etwas zuzurufen, zu singen, an die Zellenwände zu schreiben oder andere Zeichen oder Hinweise zu

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hinterlassen, am Zellenfenster zu stehen oder mit Häftlingen in anderen Zellen Kontakt aufzunehmen.14 Erzwungenes Schweigen wird in Erinnerungen aus den dreißiger Jahren häufig erwähnt: »Keine sprach ein lautes Wort, viele verständigten sich durch Zeichen«, schrieb Margarete Buber-Neumann über das Gefängnis Butyrka, wo »manche Leiber« durch das fehlende Tageslicht »bläulich blaß« waren.15

In manchen Gefängnissen musste bis ins folgende Jahrzehnt absolutes Schweigen bewahrt werden, in anderen nicht. Ein ehemaliger Häftling berichtet zum Beispiel von »absoluter Stille« 1949 in der Lubjanka. Im Vergleich damit »wirkte die Zelle Nr. 106 in der Butyrka, wie wenn man von einem kleinen Geschäft plötzlich auf einen riesigen Basar gerät«.16 Aus einem Gefängnis in der mittelrussischen Stadt Kasan wird berichtet: Wenn die Insassen auch nur miteinander flüsterten, »flog die Essenklappe in der Tür auf und jemand zischte: )Schschk«17

In dem erzwungenen Schweigen war selbst der Gang zum Verhör eine Nervenprobe. Alexander Dolgun erinnert sich, wie man ihn über die mit Teppich belegten Korridore der Lubjanka führte: »Ein Geräusch gab es nur, wenn der Wärter mit der Zunge schnalzte ... Alle diese Eisentüren, die sich auf den Gängen endlos wiederholten, waren im Grau von Kriegsschiffen gestrichen; die Stille, das düstere Licht, die grauen Türen und die Schatten verschmolzen miteinander — es war bedrückend und entmutigend.«18

Um die Gefangenen in einer Zelle daran zu hindern, die Namen der Insassen anderer Zellen zu erfahren, wurden sie zum Verhör oder zum Transport nicht beim Nachnamen, sondern nur bei dessen Anfangsbuchstaben aufgerufen. Wenn der Wärter beispielsweise »G« rief, mussten alle betroffenen Häftlinge aufstehen, ihren Vor- und Vatersnamen nennen.19

Die Ordnung wurde durch die strenge Reglementierung des Tagesablaufs aufrechterhalten. Sajara Wesjolaja, die Tochter eines berühmten russischen Schriftstellers und »Volksfeindes«, beschreibt in ihren Memoiren einen normalen Tag in der Lubjanka. Er begann mit dem Gang zur Toilette:

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»>Fertig machen zur Toilettek, rief die Wärterin, und die Frauen stellten sich schweigend paarweise an. Dort gab man ihnen zehn Minuten — nicht nur, um ihre Notdurft zu verrichten, sondern auch, um sich und ein paar Kleidungsstücke zu waschen. Dann folgte das Frühstück: heißes Wasser, manchmal mit etwas darin, das entfernt an Tee oder Kaffee erinnern sollte, dazu die tägliche Brotration und zwei, drei Stückchen Zucker. Danach die Kontrolle durch die Wärter, wo man um einen Arztbesuch bitten konnte. Schließlich die >Hauptaktion des Tages«, ein Gang von zwanzig Minuten in einem winzigen geschlossenen Hof, einzeln hintereinander immer an der Mauer entlang«

Nur einmal wurde dieser Ab lauf unterbrochen. Eines Abends brachte man Wesjolaja, ohne ihr zu erklären, warum, nach Beginn der Nachtruhe auf das Dach des Lubjanka-Gebäudes, das mitten in Moskau liegt. Die Stadt konnte sie nicht sehen, aber zumindest ihre Lichter. Sie kamen ihr vor wie von einem anderen Stern.20

Normalerweise bestand der Rest des Tages jedoch nur aus Wiederholungen: Mittagessen — die übliche Gefängnissuppe aus Innereien oder Graupen und verrottetem Kohl — und das Gleiche noch einmal am Abend. Dann ein weiterer Gang zur Toilette. Dazwischen flüsterten die Gefangenen miteinander, saßen auf ihren Pritschen, manche lasen Bücher. Wesjolaja erinnert sich, dass sie ein Buch in der Woche zugeteilt bekam. Das wurde in Abhängigkeit von der Qualität der Gefängnisbibliotheken unterschiedlich gehandhabt; zuweilen waren diese ausgezeichnet. Es gab auch Gefängnisse, wo die Insassen sich im »Kommissionsgeschäft« etwas Essbares kaufen durften, wenn ihre Verwandten ihnen Geld schickten.

Aber die Gefangenen litten nicht nur unter der Langeweile und dem schlechten Essen. Allen war es strikt verboten, am Tag zu schlafen, nicht nur denen, die gerade verhört wurden. Die Wärter spähten ständig durch das »Judasloch« in die Zelle, um sicherzugehen, dass das Verbot auch eingehalten wurde. Ljubow Berschadskaja erinnert sich: »Zwar wurden wir um sechs Uhr morgens geweckt, durften aber bis elf Uhr abends nicht einmal auf dem Bett sitzen. Man konnte also nur umhergehen oder auf dem Hocker sitzen, ohne sich an die Wand zu lehnen.«21

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Nachts war es auch nicht besser. Schlafen war schwierig oder ganz unmöglich, da das grelle Licht in den Zellen nie ausgeschaltet wurde und es den Häftlingen verboten war, ihre Arme unter die Bettdecke zu stecken. Wesjolaja versuchte anfangs, damit fertig zu werden: »Es war schrecklich unbequem, und ich konnte nicht einschlafen ... Wenn ich eindämmerte, zog ich die Decke automatisch bis zum Kinn hoch. Sofort knirschte der Schlüssel im Schloss, und die Wärterin rüttelte an meinem Bett: >Arme raus!<«22

Das beste Mittel, zu verhindern, dass sich die Häftlinge in dieser Umgebung zu wohl fühlten, waren indes die Informanten, die es in allen Lebensbereichen gab. Sie sollten auch in den Lagern eine wichtige Rolle spielen, doch dort konnte man sie leichter meiden. Im Gefängnis lebte man mit ihnen auf engstem Raum und war daher gezwungen, jedes Wort sorgfältig abzuwägen. Buber-Neumann erinnert sich, dass sie, abgesehen von einer Ausnahme, »während der ganzen Zeit in der Butyrka von keinem russischen Mitgefangenen ein Wort der Kritik an der Sowjetregierung gehört« hat.23

Die Häftlinge gingen davon aus, dass es in jeder Zelle mindestens einen Informanten gab. Wenn man nur zu zweit einsaß, verdächtigte einer den anderen. In größeren Zellen war der Informant bald erkannt und wurde von den anderen Häftlingen gemieden. Als Olga Adamowa-Sljosberg zum ersten Mal in die Butyrka kam, entdeckte sie einen freien Platz am Fenster. Du kannst ruhig dort schlafen, sagte man ihr, »aber du wirst nicht gerade die beste Nachbarin haben«. Die Frau, die man so mied, war offenbar eine Informantin, die ständig »Berichte über jeden in der Zelle schreibt. Niemand spricht mehr mit ihr.«

Nicht immer war es so leicht, einen Informanten zu erkennen. Dann breitete sich eine paranoide Atmosphäre aus, in der jedes ungewöhnliche Verhalten zu feindseligen Reaktionen führen konnte.24 Der Schriftsteller Warlam Schalamow beschreibt die Verlegung von einer Zelle in eine andere als »nicht sehr angenehmes Erlebnis. Die Mitgefangenen sind stets auf der Hut, weil sie annehmen, der Neue sei ein Informant.«23

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Zweifellos war das System starr, unflexibel und unmenschlich. Aber es gab immer Gefangene, die sich gegen die Langeweile, die ständigen kleinen Demütigungen oder die Versuche zur Wehr setzten, sie gegeneinander auszuspielen und in die Isolierung zu treiben. Viele haben darüber geschrieben, dass die Solidarität in den Gefängnissen stärker war als später in den Lagern. In Letzteren konnten die Lagerverwaltungen leichter nach dem Teile-und-herrsche-Prinzip vorgehen. Um einen Keil zwischen die Häftlinge zu treiben, versprach man Einzelnen Beförderung in der Lagerhierarchie, besseres Essen oder leichtere Arbeit.

Im Gefängnis dagegen waren alle mehr oder weniger gleich. Zwar gab es auch hier die Verlockung zur Kollaboration, aber die war wesentlich geringer. Für viele Gefangene waren die Tage oder Monate im Gefängnis vor der Deportation eine Art Grundkurs in Überlebenstaktik. Trotz aller gegenteiligen Bemühungen der Behörden sammelten sie auch erste Erfahrungen, wie man sich gemeinsam gegen sie zur Wehr setzen konnte.

Manche lernten von ihren Mitgefangenen, wie man elementare Hygiene aufrechterhielt und seine Würde bewahrte. In ihrer Gefängniszelle erfuhr Inna Schichejewa-Gaister zum Beispiel, wie man Knöpfe aus gekautem Brot herstellt, um die Kleider zusammenzuhalten, oder wie man Fischgräten zu Nadeln umfunktioniert.26 Dmitri Bystroletow, ein ehemaliger sowjetischer Spion im Westen, lernte, wie man aus alten Socken »Garn« gewann. Die Socken wurden aufgetrennt und die Enden der Fäden mit Seife gehärtet. Das Garn wie auch die Nadeln, die er aus Streichhölzern herstellte, konnte man im Lager gegen Essen tauschen.27

Eine gewisse Kontrolle über ihr Leben konnten die Gefangenen über den Starosta, den Zellenältesten, behalten. Einerseits war dieser im Gefängnis, auf dem Transport oder im Lager eine offiziell anerkannte Figur, deren Funktionen selbst in amtlichen Dokumenten festgehalten sind. Andererseits erforderten es die vielen Pflichten des Ältesten, vom Sauberhalten der Zelle bis zum geordneten Gang zur Toilette, dass alle seine Autorität akzeptieren mussten.28 Daher waren Informanten und andere Favoriten des Wachpersonals nicht unbedingt die besten Kandidaten. 

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Alexander Weissberg-Cybulski schreibt, dass in den größeren Zellen, die mit zweihundert oder mehr Gefangenen belegt sein konnten, »ohne den Starosta und seine Gehilfen das normale Leben der Gefangenen einfach unmöglich« war. Da die Geheimpolizei aber eine Selbstorganisation der Häftlinge in keiner Form duldete (»eine Organisation von Konterrevolutionären ist eine konterrevolutionäre Organisation«), fand man laut Weissberg-Cybulski eine typisch sowjetische Lösung: »Der Starosta wurde geheim von der ganzen Zelle gewählt. Der Gefängnisdirektor oder der Blockkommandant erfuhr es über seine Spitzel in der Zelle. Dann ging er hin und ernannte den Gewählten zum Zellenältesten.«29

In den total überfüllten Zellen war es die Hauptaufgabe des Ältesten, Neuankömmlinge in Empfang zu nehmen und dafür zu sorgen, dass jeder einen Schlafplatz hatte. Fast überall mussten die Neuen zunächst dicht bei der Parascha, dem Toilettenkübel, schlafen und rückten dann allmählich in Richtung Fenster vor, wenn sie in der Zellenhierarchie aufstiegen, »wobei... weder für Kranke noch Alte eine Ausnahme gemacht wird«, wie Elinor Lipper notierte.30 Der Älteste schlichtete Streitigkeiten und sorgte für Ordnung in der Zelle, eine alles andere als leichte Aufgabe.

Den größten Ideenreichtum entwickelten die Gefangenen zweifellos, wenn es darum ging, die härteste Vorschrift — das strikte Verbot jeglicher Verbindung zwischen den Zellen und zur Außenwelt — zu umgehen. Die höchste Form dieser Kommunikation war wahrscheinlich das interne Morsealphabet, das an die Zellenwand oder an ein Wasserrohr geklopft wurde. Es stammt aus der Zarenzeit; Warlam Schalamow schreibt es einem Dekabristen zu.31 Elinor Olizkaja kannte es schon von ihren Genossen bei den Sozialrevolutionären, lange bevor sie 1924 zum ersten Mal ins Gefängnis kam.32 Die russische Revolutionärin Vera Figner hat es in ihren Memoiren beschrieben, wo Jewgenia Ginsburg zum ersten Mal daraufstieß. Als sie dann verhört wurde, wusste sie noch so viel davon, dass sie sich mit der Nachbarzelle verständigen konnte.33 Das Morsealphabet hat seine eigene einfache Logik. 

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Die Buchstaben des russischen Alphabets sind in fünf Sechserreihen angeordnet:

(od 2011: russ. alphabet:)

A

B

B

r

A

E

X

3

H

K

Jl

M

H

O

n

p

c

T

y

<D

X

^

H

in

m

t

BI

3

K>

h

Jeder Buchstabe wird in Klopfzeichen umgesetzt, wobei das erste jeweils die Reihe und das zweite den Platz in der Reihe markiert.

1,1

1,2

1,3

1,4

1,5

1,6

2,1

2,2

2,3

2,4

2,5

2,6

3,1

3,2

3,3

3,4

3,5

3,6

4,1

4,2

4,3

4,4

4,5

4,6

5,1

5,2

5,3

5,4

5,5

5,6

Wer noch nie von diesem Alphabet gehört hatte, lernte es von seinen Mithäftlingen. Manche kamen von selbst darauf, denn es gab eine feststehende Lehrmethode. Wer es kannte, klopfte zunächst immer wieder nur das Alphabet. Später hängte er ein, zwei einfache Fragen an und hoffte darauf, dass der unsichtbare Empfänger die Sache begriff. So lernte Alexander Dolgun das Alphabet im Moskauer Lefortowo-Gefängnis. Streichhölzer dienten ihm als Gedächtnisstütze, und als er endlich so weit war, mit dem Mann in der Nebenzelle »sprechen« zu können, begriff er, dass dieser ihm die einfache Frage sendete: »Wer bist du?« — »Eine Welle der Liebe für den Mann durchflutete mich, der mich drei Monate lang gefragt hatte, wer ich sei.«34)

Je nach Ort und Zeit entwickelte sich die Selbstorganisation der Gefangenen zu höheren Formen. Eine beschreibt Warlam Schalamow in seiner Kurzgeschichte »Das Armutskomitee«. Auch andere erwähnen sie.35) Ihr Ursprung liegt in einer als zutiefst ungerecht empfundenen Vorschrift. Irgendwann Ende der dreißiger Jahre entschieden die Behörden, Gefangene dürften während der Zeit ihres Verhörs keinerlei Paketsendungen von ihren Angehörigen mehr empfangen. Die Begründung lautete, dass »selbst zwei Brötchen, fünf Äpfel und eine alte Hose geeignet sind, eine Nachricht ins Gefängnis zu schmuggeln«. 

Nur Geld durfte noch geschickt werden, und auch nur runde Summen, damit die Zahl nicht als Geheimcode benutzt werden konnte. Aber nicht jede Familie war in der Lage, Geld zu überweisen. Entweder war sie zu arm, lebte zu weit weg oder hatte ihren Verwandten gar selber denunziert. So hatten also einige Zugang zum »Kommissionsgeschäft« der Haftanstalt — zu Butter, Käse, Tabak, Weißbrot und Zigaretten —, während andere mit der schmalen Gefängniskost vorlieb nehmen mussten. Vor allem aber waren sie vom allgemeinen Festtag im Gefängnis, dem »Tag des Kommissionsgeschäfts«, ausgeschlossen.

Um das Problem zu lösen, entsannen sich Häftlinge in der Butyrka einer Losung aus der Frühzeit der Revolution und organisierten »Armutskomitees«. Jeder Gefangene spendete dem Komitee zehn Prozent seines Geldes. Damit kaufte dieses für diejenigen ein, die kein Geld bekamen. Das System hatte jahrelang Bestand, bis die Behörden Gefangene mit verschiedenen Vergünstigungen lockten, wenn sie sich nicht daran beteiligten. Die Zellen wehrten sich, indem sie die Abtrünnigen mit Missachtung straften. Dazu Schalamow: »Wer wollte schon riskieren, die ganze Gruppe gegen sich zu haben, mit der man rund um die Uhr zusammen war, wo man nur im Schlaf den feindseligen Blicken der anderen entfliehen konnte?«

Diese Kurzgeschichte ist eine der wenigen in Schalamows umfangreichem Werk, die mit einem positiven Satz endet: »Anders als in der <freien> Welt <draußen> oder im Lager ist die Gesellschaft im Gefängnis sich stets einig. In den Komitees fand diese Gesellschaft eine Möglichkeit, das Recht jedes Menschen zu bekräftigen, sein eigenes Leben zu leben.«36) 

Dieser sonst so pessimistische Autor hatte in der organisierten Form von Häftlingssolidarität ein Fünkchen Hoffnung entdeckt. Das Trauma des Transports und der Schrecken der ersten schockierenden Tage im Lager sollten es bald wieder zerstören. 

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