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Teil 2    Leben und Arbeit in den Lagern

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Verhaftung

Wenn wir von einer neuen Verhaftung hörten, fragten wir nie:
»Wofür ist er verhaftet worden?« Aber wir waren die Ausnahme. 

Die meisten Menschen, fast wahnsinnig vor Angst, stellten diese Frage,
um sich selbst ein wenig Hoffnung zu machen: Wenn es bei anderen einen Grund gab,
dann konnte ihnen nichts passieren, denn sie hatten ja nichts getan. 

»Wofür?«, schrie Anna Achmatowa empört auf, wenn tatsächlich jemand aus unserem
Kreis sich von der drückenden Atmosphäre anstecken ließ und diese Frage stellte.
»Was soll das heißen — wofür? Begreift doch endlich,
dass hier Menschen verhaftet werden — für nichts!« 

 

/ Nadeschda Mandelstam, Hope Against Hope (1) 

wikipedia  Nadeschda J Mandelstam  1899-1980

wikipedia  Anna A Achmatowa  1889-1966

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Anna Achmatowa, die Dichterin, die hier von der Witwe eines Dichters zitiert wird, hatte Recht und Unrecht zugleich. Seit das Repressionssystem Mitte der zwanziger Jahre aufgebaut war, holten die Sowjetbehörden Menschen nicht mehr ohne jeden Grund und ohne jede Erklärung von der Straße und warfen sie ins Gefängnis. Es gab Verhaftungen, Verhöre, Prozesse und Urteile. Andererseits waren die »Verbrechen«, für die man die Menschen verhaftete, verhörte und aburteilte, unsinnig, die Verfahren absurd, zum Teil geradezu surreal.

Im Rückblick ist dies eines der einzigartigen Aspekte des sowjetischen Lagersystems: Seine Insassen wurden zum größten Teil von der Justiz dort eingeliefert. Die Mehrheit war verhört worden (wie flüchtig auch immer), hatte ihren Prozess gehabt (wie farcehaft auch immer) und war schuldig gesprochen worden (was in vielen Fällen kaum eine Minute in Anspruch nahm). Zweifellos war die Überzeugung, im Rahmen des Rechts zu handeln, eines der Motive für jene, die in den Sicherheitsorganen tätig waren, ebenso wie für das Wach- und Verwaltungspersonal, das später das Leben der Gefangenen in den Lagern bestimmte.

Aber ich wiederhole: Die Tatsache, dass das Repressionssystem legal war, bedeutet nicht, dass es auch logisch war. Im Gegenteil, 1947 war es nicht leichter als 1917 vorauszusagen, wen die Verhaftung treffen würde. Ahnen konnte man es allerdings schon. Besonders während der großen Terrorwellen wurden die Opfer zumeist ausgewählt, weil sie einer Bevölkerungsgruppe angehörten, die gerade unter Verdacht stand.

Einige dieser Gruppen waren klar abgegrenzt — Ingenieure und Techniker Ende der zwanziger Jahre, Kulaken 1931 oder Polen und Balten in den im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten —, andere blieben äußerst vage. So wurden beispielsweise während der ganzen dreißiger und vierziger Jahre »Ausländer« misstrauisch beäugt. Damit meine ich Bürger anderer Staaten oder Menschen, die in einer wirklichen oder auch nur angenommenen Beziehung zu einem anderen Land standen. Was immer sie taten, man hatte sie im Visier, insbesondere solche, die in irgendeiner Hinsicht auffielen. Robert Robinson, einer der wenigen schwarzen amerikanischen Kommunisten, die in den dreißiger Jahren nach Moskau gingen, schrieb später: »Jeder Schwarze aus meiner Bekanntschaft, der Anfang der dreißiger Jahre Sowjetbürger wurde, verschwand binnen sieben Jahren aus Moskau.«2) 

Häufig wurden Kommunisten aus dem Ausland zur Zielscheibe der Verdächtigungen. Im Februar 1937 erklärte Stalin Georgi Dimitroff, dem Generalsekretär der Kommunistischen Internationale, der Organisation, die die Weltrevolution schüren sollte, drohend: »Ihr alle dort in der Komintern arbeitet dem Feind in die Hände.«  

Von den 394 Mitgliedern, die im Januar 1936 dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) angehörten, blieben im April 1938 noch 171 übrig. Die anderen waren entweder erschossen worden oder saßen im Lager — Deutsche, Österreicher, Jugoslawen, Italiener, Bulgaren, Finnen, Balten, Briten und Franzosen. Besonders hart traf es Juden. Am Ende hatte Stalin mehr Mitglieder des Politbüros der Kommunistischen Partei Deutschlands aus der Zeit von vor 1933 umgebracht als Hitler. Von den 68 führenden deutschen Kommunisten, die nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in die Sowjetunion flüchteten, starben 41 — durch Hinrichtung oder im Lager.3) 

Man musste aber nicht unbedingt Mitglied einer ausländischen kommunistischen Partei sein, um in Verdacht zu geraten: Stalin nahm auch ausländische Mitläufer ins Visier, darunter als mit Sicherheit größte Gruppe die 25.000 »amerikanischen Finnen«. Diese Finnen von Nationalität waren entweder nach Amerika ausgewandert oder bereits dort geboren. Sie kamen während der Großen Depression in den USA Anfang der dreißiger Jahre in die Sowjetunion. 

* (d-2014:)  wikipedia  Georgi_Dimitrow  (1882-1949)  "Held von Leipzig" 

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Meist handelte es sich um Fabrikarbeiter, die in Amerika arbeitslos geworden waren. Sowjetische Werber zogen durch ihre Gemeinschaften und schwärmten ihnen von den wundervollen Lebensbedingungen und Arbeitsmöglichkeiten in der UdSSR vor. Sie folgten diesem Ruf und ließen sich in der Finnisch sprechenden Karelischen ASSR nieder. Den Behörden dort bereiteten sie von Anfang an Probleme. 

Schnell stellte sich heraus, dass Karelien den USA überhaupt nicht ähnlich war. Viele sagten das laut zu jedem, der es hören wollte, und versuchten dann, nach Amerika zurückzukommen. Stattdessen landeten sie Ende der dreißiger Jahre im Gulag.4)

Nicht weniger verdächtig waren Sowjetbürger mit Verbindungen ins Ausland. Als erste gerieten die »Nationalitäten in der Diaspora« ins Visier: Polen, Deutsche und Karelo-Finnen, die Verwandte jenseits der sowjetischen Grenzen hatten, ebenso Balten, Griechen, Iraner, Koreaner, Afghanen, Chinesen und Rumänen, die überall in der UdSSR verstreut lebten. Den Akten des NKWD zufolge wurden von Juli 1937 bis November 1938 in »national« gefärbten Operationen 335.513 Personen abgeurteilt.5) 

Dabei musste man nicht einmal eine Fremdsprache sprechen, um in Verdacht zu geraten. Jeder, der irgendwann mit dem Ausland in Berührung gekommen war, konnte ein Spion sein, ob er nun Briefmarken sammelte, sich für Esperanto interessierte, einen Briefpartner oder Verwandte im Ausland hatte. Das NKWD verhaftete auch alle Sowjetbürger, die an der Ostchinesischen Eisenbahn gearbeitet hatten, einer Bahnlinie durch die Mandschurei, die aus der Zarenzeit stammte. Ihnen warf man Spionage für Japan vor. In den Lagern waren sie als die »Harbiner« bekannt, da viele in dieser Stadt in Nordostchina gelebt hatten.6) 

Allerdings bekam es nicht jeder Ausländer mit der Polizei zu tun. Und nicht jeder, dem man Verbindungen ins Ausland vorwarf, hatte diese tatsächlich. Es kam vor, dass hinter der Festnahme ganz andere Gründe standen.7) Die Frage »Wofür?«, die Anna Achmatowa so heftig ablehnte, konnte also eine erstaunlich breite Palette vorgeschobener Gründe ans Licht bringen.

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Nadeschda Mandelstams Ehemann, der Dichter Ossip Mandelstam, wurde zum Beispiel verhaftet, weil er Stalin in einem Epigramm angegriffen hatte:

»Und wir leben, doch die Füße, sie spüren keinen Grund, 
Auf zehn Schritt nicht mehr hörbar, was er 
Spricht, unser Mund,
Doch wenn's reicht für ein Wörtchen, ein kleines — 
Jenen Bergmenschen im Kreml, ihn meint es...

Seine Finger wie Maden so fett und so grau, 
Seine Worte wie Zentnergewichte genau.

Lacht sein Schnurrbart dann — wie Küchenschaben, 
Und sein Stiefelschaft glänzt hocherhaben.

Um ihn her — seine Führer, die schmalhalsige Brut,
Mit den Diensten von Halbmenschen spielt er, mit Blut.«8)

Für die Verhaftung von Tatjana Okunewskaja, eine der damals beliebtesten Filmschauspielerinnen des Landes, wurden offiziell andere Gründe angegeben, aber sie ist überzeugt, dass dies geschah, weil sie es ablehnte, mit Viktor Abakumow zu schlafen, dem sowjetischen Abwehrchef der Kriegszeit. Damit sie auch begriff, dass das der eigentliche Grund war, wurde ihr (wie sie behauptet) der Haftbefehl mit seiner Unterschrift vorgelegt.(9)

Die vier Gebrüder Starostin, allesamt hervorragende Fußballspieler, wurden 1942 festgenommen. Nach ihrer festen Überzeugung mussten sie dafür büßen, dass ihre Mannschaft »Spartak« Lawrenti Berias Lieblingsteam »Dynamo« etwas zu klar besiegt hatte.(10) 

Aber dieses Schicksal traf nicht nur Prominente. Ljudmila Chatschaturjan wurde verhaftet, weil sie einen Ausländer, einen jugoslawischen Soldaten, heiratete. Lew Rasgon erzählt die Geschichte eines Bauern, Serjogin, der auf die Nachricht, man habe Kirow umgebracht, antwortete: »Zum Kuckuck mit ihm.« Er hatte noch nie von Kirow gehört und glaubte, es sei von einer Schlägerei im Nachbardorf die Rede. Für diesen Irrtum bekam er zehn Jahre.(11) 

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1939 genügte es, einen Witz über Stalin zu erzählen oder auch nur dabei zuzuhören, zu spät zur Arbeit zu kommen, von einem verängstigten Freund oder einem missgünstigen Nachbarn als »Mitverschwörer« in einem nicht existierenden »Komplott« denunziert zu werden, in einem Dorf vier Kühe zu besitzen, wo die meisten nur eine hatten, ein Paar Schuhe zu stehlen oder der Cousin von Stalins Frau zu sein, um, wenn die Umstände passten, ins Lager geschickt zu werden. Nach einem Gesetz aus dem Jahr 1940 waren die Verwandten einer Person zu verhaften, die versucht hatte, illegal die sowjetische Grenze zu überschreiten, gleichgültig, ob sie von dem Fluchtversuch wussten oder nicht.(12) 

Wie die Gründe so variierten auch die Methoden der Verhaftung.

Manche erhielten vorher mehrere Warnungen. Galina Serebrjakowa, die Verfasserin des Buches Der junge Marx und Ehefrau eines hohen Funktionärs, wurde Abend für Abend in die Lubjanka »vorgeladen«, wo man sie bis drei Uhr morgens warten ließ, verhörte und gegen fünf wieder nach Hause brachte. Das Gebäude, in dem sie wohnte, war von Spitzeln umstellt, und eine schwarze Limousine folgte ihr, wohin sie auch ging. Sie war so überzeugt von ihrer baldigen Verhaftung, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollte. Monatelang ertrug sie diese Schikanen, bis man sie schließlich tatsächlich festnahm.(13) 

Als die Massenverhaftungen einsetzten, wussten viele, dass sie bald an der Reihe waren, weil es all ihren Bekannten ebenso erging. Elinor Lipper, eine holländische Kommunistin, die in den dreißiger Jahren nach Moskau kam, wohnte 1937 im Hotel Lux, das ausländischen Revolutionären vorbehalten war: »Aus dem Hotel ... verschwanden allnächtlich ein paar Menschen. Am Morgen klebte ein großes, rotes Siegel außen an der Tür.«14) 

Andere waren bei ihrer Festnahme völlig ahnungslos. Der polnische Schriftsteller Aleksander Wat, der damals im besetzten Lwow lebte, erhielt mit einer ganzen Gruppe weiterer Autoren eine Einladung zu einer Party in einem Restaurant. Er fragte den Gastgeber, was der Anlass sei. »Du wirst schon sehen«, bekam er zur Antwort. Es gab ein großes Gelage, an dessen Ende er verhaftet wurde.15

Solschenizyn gibt die möglicherweise zweifelhafte Geschichte einer Frau wieder, die ihr Freund, ein Untersuchungsrichter, zunächst ins Bolschoi Theater ausführte, um sie von dort direkt in die Lubjanka zu bringen.16

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Die ehemalige Gefangene Nina Gagen-Torn berichtet in ihren Memoiren von einer Frau, die verhaftet wurde, als sie auf dem Hof ihres Leningrader Wohnhauses die Wäsche von der Leine nahm. Sie trug nur einen Bademantel, und ihr Baby war allein in der Wohnung. Sie flehte, es holen zu dürfen, aber vergeblich.17

Offenbar gingen die Behörden bewusst sehr unterschiedlich vor. Manche Menschen wurden in den eigenen vier Wänden verhaftet, andere am Arbeitsplatz, einige auf offener Straße oder im Zug. In einem Bericht an Stalin vom 17. Juli 1947 erläuterte Viktor Abakumow, das Überraschungsmoment spiele immer eine Rolle, um die zu verhaftende Person daran zu hindern zu fliehen, Widerstand zu leisten oder andere konterrevolutionäre »Mitverschworene« zu warnen. In manchen Fällen, so hieß es dort, »wird unauffällig auf der Straße verhaftet«.18

Die typische Festnahme erfolgte jedoch in der Wohnung, und das zumeist in tiefer Nacht. Als die Massenverhaftungen rollten, war die Furcht vor dem Klopfen an der Tür um Mitternacht weit verbreitet. In einem sehr alten sowjetischen Witz heißt es, Iwan und seine Frau Mascha seien zu Tode erschrocken, als es nachts an ihrer Tür klopfte. Zu ihrer Erleichterung war es nur der Nachbar, der ihnen sagte, ihr Haus stehe in Flammen. Und eine sowjetische Spruchweisheit lautet: »Diebe, Prostituierte und das NKWD arbeiten meistens nachts.«19

Die Massenfestnahmen unter bestimmten Nationalitäten, wie sie beispielsweise in Ostpolen und den baltischen Staaten nach deren Besetzung durch die Rote Armee in den Jahren 1939 bis 1941 stattfanden, trugen noch willkürlicheren Charakter. Janusz Bardach, ein jüdischer Jugendlicher in der polnischen Stadt Wlodzimierz-Wolynski, wurde bei einer solchen Aktion gezwungen, als ziviler »Zeuge« zu agieren. Er musste eine Gruppe betrunkener NKWD-Schläger begleiten, die in der Nacht des 5. Dezember 1939 von Haus zu Haus zogen und Menschen mitnahmen, die entweder verhaftet oder deportiert werden sollten. 

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Manchmal waren das wohlhabende Bürger mit guten Verbindungen, die auf einer Liste standen, manchmal fielen sie auch einfach über »Flüchtlinge« her, gewöhnlich Juden, die aus dem von den Nationalsozialisten besetzten Westpolen in den Ostteil des Landes geflohen waren, den nun die Sowjetunion besetzt hielt. Man nahm sie mit, ohne auch nur ihre Namen zu notieren. In einem Haus wehrten sich Flüchtlinge mit dem Argument, sie seien Mitglieder des Bundes, der jüdischen sozialistischen Bewegung. Als aber Gennadi, der Anführer der Gruppe, hörte, dass sie aus Lublin kämen, das von den Deutschen besetzt war, begann er zu brüllen:

»<Ihr dreckigen Flüchtlinge! Nazi-Spione!> Die Kinder begannen zu weinen, was Gennadi noch mehr in Wut brachte. <Stopft ihnen das Maul! Oder soll ich das machen?> — Die Mutter zog die Kinder an sich, aber sie hörten nicht auf zu weinen. Da packte Gennadi einen kleinen Jungen am Arm, riss ihn der Mutter weg und warf ihn zu Boden. <Maul halten, habe ich gesagt!> Die Mutter schrie auf. Der Vater wollte dazwischengehen, schnappte aber nur hilflos nach Luft. Gennadi ergriff den Jungen, hob ihn hoch, blickte ihm starr ins Gesicht und schmetterte ihn dann mit voller Kraft gegen die Wand...«

Die Männer, die solche Operationen durchführten, gehörten meist zu den Begleitmannschaften, die die Deportierten zu bewachen hatten. Sie waren weit schlechter ausgebildet als die NKWD-Angehörigen, die »normale« Verhaftungen »normaler« Krimineller vornahmen. Gewalt mag nicht offiziell angeordnet worden sein, aber da hier Sowjetsoldaten »Kapitalisten im reichen Westen« festnahmen, wurden Alkohol, Ausschreitungen und selbst Vergewaltigungen offenbar geduldet, wie es auch später der Fall war, als die Rote Armee durch Polen und Deutschland zog.20) 

Bestimmte Verhaltensweisen gehen aber eindeutig auf Weisung von oben zurück. Bis November 1940 wurde den Soldaten befohlen, den Verhafteten nicht zu sagen, wohin es ging und wie lange sie festgehalten würden. In der Regel hieß es: »Wozu machen Sie sich Sorgen? Sie brauchen überhaupt nichts mitzunehmen. Es geht nur um em kurzes Gespräch.« Manchmal wurde den zu Deportierenden auch gesagt, man bringe sie lediglich »zu ihrem eigenen Schutz« in eine andere Gegend weiter weg von der Grenze.21 

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Man wollte die Betroffenen nicht erschrecken, damit sie sich nicht wehrten oder zu fliehen versuchten. Damit raubte man den Menschen aber die Möglichkeit, das Nötigste mitzunehmen, um in einem harten, ungewohnten Klima zu überleben.

Polnischen Bauern, die zum ersten Mal mit dem Sowjetregime in Kontakt kamen, konnte man sicher nachsehen, dass sie solche Lügen glaubten. Aber sie funktionierten auch bei Moskauer oder Leningrader Intellektuellen und Parteifunktionären, die fest von ihrer Unschuld überzeugt waren. Als Jewgenia Ginsburg, damals Parteifunktionärin in Kasan, verhaftet wurde, sagte man ihr, sie werde »vielleicht vierzig Minuten, vielleicht eine Stunde« fort sein. Sie verabschiedete sich nicht einmal von ihren Kindern.22) 

Sofja Alexandrowa, die frühere Frau des Tschekisten Gleb Boki, sollte nicht einmal einen Sommermantel mitnehmen, als das NKWD sie holte. »Der Abend ist warm, und wir sind spätestens in einer Stunde zurück«, hieß es. Ihr Schwiegersohn, der Schriftsteller Lew Rasgon, konnte diese merkwürdige Grausamkeit des Systems nicht begreifen: »Warum gestattete man einer nicht mehr jungen kränkelnden Frau bei der Inhaftierung nicht einmal, Wäsche und Toilettenutensilien mitzunehmen, die bei sich zu führen immer gestattet war seit den Zeiten der Pharaonen.«23) 

Die Frau des Schauspielers Georgi Schenow hatte die Geistesgegenwart, für ihren Mann einige Sachen zusammenzupacken. Als man ihr sagte, er komme bald wieder, gab sie zurück: »Wer in eure Hände fällt, kommt so bald nicht wieder.«24) Sie war der Wahrheit sehr nahe. Wenn ein Verhafteter einmal hinter den schweren Eisentoren eines sowjetischen Gefängnisses verschwunden war, dauerte es meist viele Jahre, bis er seine Lieben wiedersah.

Waren die Verhaftungsmethoden in der Sowjetunion zeitweise völlig unberechenbar, so blieben die Rituale, die der Verhaftung folgten, seit den vierziger Jahren nahezu konstant. Hatte ein Verhafteter einmal das Gefängnistor passiert, war der weitere Ablauf programmiert. In der Regel wurde er zunächst registriert, fotografiert, wurden seine Fingerabdrücke genommen, bevor man ihm überhaupt sagte, weshalb er festgenommen sei und was mit ihm weiter geschehen werde. In den ersten Stunden, zuweilen auch Tagen kam er nur mit gewöhnlichen Wärtern in Berührung, die seinem Schicksal absolut gleichgültig gegenüberstanden, keine Ahnung hatten, welches Vergehen man ihm vorwarf, und auf alle Fragen nur mit einem stummen Achselzucken antworteten.

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Viele ehemalige Häftlinge glauben, diese ersten Stunden seien dafür gedacht gewesen, sie zu schockieren und davon abzuhalten, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Inna Schichejewa-Gaister, die man als »Tochter eines Volksfeindes« festnahm, notierte folgende Eindrücke von ihren ersten Stunden in der Lubjanka:

»Hier in der Lubjanka bist du kein Mensch mehr. Du bist auch nicht von Menschen umgeben. Völlig mechanisch fuhren sie dich den Korridor entlang, fotografieren dich, entkleiden und durchsuchen dich. All das geschieht absolut unpersönlich. Du suchst nach einem menschlichen Blick — von einer menschlichen Stimme gar nicht zu reden —, nur einem Blick, aber du findest keinen. Du stehst völlig aufgelöst vor dem Fotografen, versuchst irgendwie deine Kleidung zu ordnen. Man zeigt dir mit dem Finger, wo du zu sitzen hast, und eine hohle Stimme sagt <von vorn> und <von der Seite>. Sie sehen dich nicht als Menschen an! Du bist zur Sache geworden...«25) 

Die Leibesvisitation war schlimmer. In seinem Roman Im ersten Kreis beschreibt Alexander Solschenizyn, wie Innokenti, ein sowjetischer Diplomat, verhaftet wird. Nur Stunden nach seinem Eintreffen in der Lubjanka kontrollierte ein Wärter jede Öffnung seines Körpers:

»Wie beim Kauf eines Pferdes zog Innokenti mit unsauberen Händen zuerst die eine Backe und dann die andere zur Seite, darauf ein Augenlid und dann das andere herunter, um festzustellen, ob nicht unter der Zunge, in den Backentaschen oder in den Augen irgend etwas versteckt sei. Anschließend bog der Wächter mit hartem Griff den Kopf Innokentis so zurück, daß etwas Licht in die Nasenlöcher fiel, überprüfte beide Ohren, indem er die Muscheln hart anzog, befahl ihm, die Finger zu spreizen und, als er dort nichts finden

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konnte, mit den Armen zu wedeln, um sicher zu sein, daß in den Achselhöhlen ebenfalls nichts verborgen sei. Dann befahl er mit derselben maschinell-unbeugsamen Stimme: <Nehmen Sie Ihren Penis in die Hand! Ziehen Sie die Vorhaut zurück! Noch weiter! Das genügt. Heben Sie den Penis nach rechts oben, jetzt nach links oben! Gut. Lassen sie ihn runter! Drehen Sie sich um! Spreizen Sie die Beine! Breiter! Beugen Sie sich nach vorn zum Fußboden! Die Beine noch breiter! Ziehen Sie die Gesäßbacken auseinander! So! Gut. Jetzt hocken Sie sich nieder! Schnell! Noch einmal!>«

Wenn sich Innokenti früher eine Verhaftung ausgemalt hatte, stand ihm immer ein unbändiger geistiger Zweikampf vor Augen. Er war innerlich angespannt und bereit zu einer hochfliegenden Verteidigung seines Schicksals und seiner Überzeugungen. Nie hatte er sich aber vorgestellt, daß alles so einfach, so stumpf und so unabänderlich sein könnte. Den Leuten, die er hier in der Lubjanka traf, beschränkt und untergeordnet, waren seine Individualität sowie das Vergehen, das ihn ins Gefängnis gebracht hatte, völlig gleichgültig.«26

Solche Untersuchungen waren für Frauen eine besondere Tortur. Während der zwölf Monate, da die Schriftstellerin T. Miljutina im Zentralgefängnis Alexandrowski einsaß, wurde sie mehrfach untersucht. In ihren Memoiren beschreibt sie, wie die Frauen aus ihrer Zelle jeweils zu fünft in ein ungeheiztes Treppenhaus geführt wurden. Dort mussten sie sich völlig nackt ausziehen, ihre Kleidung auf den Boden legen und die Arme heben. Hände fuhren »in unsere Haare, in unsere Ohren, unter die Zunge und auch zwischen unsere Beine« — im Stehen und im Sitzen. Nach der ersten derartigen Prozedur "brachen viele in Tränen aus, andere bekamen hysterische Anfälle..."27)

Nach der Durchsuchung wurden manche Verhaftete isoliert. »Der zerstörerische Sinn der ersten Gefängnisstunden liegt darin«, fährt Solschenizyn fort, »den Eingelieferten so von allen anderen Häftlingen zu isolieren, dass keiner ihn aufmuntern kann und dass sich das System mit seinem weitverzweigten, vieltausendköpfigen Apparat in seiner vollen Schwere auf ihn legt«.28) 

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»Ein Mann betritt zum ersten Mal eine Gefängniszelle«, Zeichnung von Thomas Sgovio, angefertigt nach seiner Entlassung.

Es war durchaus üblich, dass man wie Alexander Dolgun, ein Angestellter der amerikanischen Botschaft, in den ersten Stunden in eine Box gesteckt wurde, eine Zelle, »1,20 x 3 m groß, in der nur eine Bank stand«. Dort konnte man mehrere Stunden, aber auch mehrere Tage festgehalten werden.29 Ljubow Berschadskaja, eine Überlebende der Lager, die später in Workuta einen Häftlingsstreik mit organisierte, saß während der ganzen Zeit, da sie verhört wurde, in Einzelhaft — insgesamt neun Monate. Sie schreibt, dass sie sich am Ende nach dem Verhör sehnte, um wenigstens mit jemandem reden zu können.30) 

Für einen Neuankömmling konnte eine überfüllte Gefängniszelle aber ein noch schrecklicherer Ort sein. Olga Adamowa-Sljosbergs Beschreibung ihrer ersten Unterkunft in der Butyrka liest sich wie eine Szene von Hieronymus Bosch: 

»Die Zelle war riesig. Von der gewölbten Decke tropfte es. An den Wänden zogen sich niedrige, durchgehende Bretterpodeste entlang, auf denen sich Körper drängten. Dazwischen blieb nur ein schmaler Durchgang frei. An Leinen über den Köpfen trockneten zerschlissene Lumpen. Die Luft war zum Schneiden dick vom stinkenden Rauch billigen Tabaks und erfüllt von Gezänk, Schreien und Schluchzen.«31

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Aino Kuusinen, finnischer Nationalität und Frau des bekannten Komintern-Funktionärs Otto Kuusinen, glaubte, man habe sie in der ersten Nacht absichtlich so untergebracht, dass sie die Befragung von Gefangenen mit anhören konnte:

»... noch heute, nach fast dreißig Jahren, ist es mir kaum möglich, das in Worte zu fassen. Die Zelle war so beschaffen, daß alle Geräusche von außen zu mir hereindrangen. Wie ich später entdeckte, befand sich unterhalb meiner Zelle ein niedriges Gebäude, das euphemistisch die >Verhörabteilung< genannt wurde. Es war die Folterkammer ... Kaum menschenähnliche gellende Schreie — begleitet vom unaufhörlichen Knallen von Peitschen ... Könnte ein gequältes Tier in höchster Not so grauenvoll brüllen wie diese Männer, die stundenlang Peitschenhieben, Drohungen und wilden Flüchen ausgesetzt waren?«32

Aber wo immer ein Verhafteter sich in der ersten Nacht auch wiederfand — in einem alten Zarengefängnis, einem Bahnhof, einer entweihten Kirche oder einem Kloster —, jeder musste sich zuerst der Aufgabe stellen, den Schock zu überwinden, sich auf die Regeln des Gefängnislebens einzulassen und die Verhöre zu überstehen. Wie rasch ihm das gelang, sollte darüber entscheiden, wie gut oder wie schlecht er das Verfahren bewältigte und wie er später im Lager zurechtkam.

Die »Ermittlungen«, die die sowjetische Geheimpolizei führte, waren einzigartig, wenn nicht wegen ihrer Methoden, dann wegen ihres Massencharakters. Zu manchen Zeiten wurden Hunderte Personen, die man überall in der Sowjetunion festgenommen hatte, willkürlich in einen »Fall« eingebunden. Typisch dafür ist ein Bericht der Gebietsbehörde Orenburg des NKWD »über die operationellen Maßnahmen zur Liquidierung der trotzkistischen und bucharinischen Geheimorganisationen sowie der anderen konterrevolutionären Gruppen in der Zeit vom 1. April bis zum 18. September 1937«. 

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Danach hatte das Orenburger NKWD 420 Mitglieder einer »Trotzkisten«-Verschwörung und 120 »Rechtsabweichler«, dazu über zweitausend Mitglieder einer »rechtsgerichteten, militaristisch-japanischen Kosakenorganisation«, mehr als 1500 Offiziere und Beamte der Zarenzeit, die 1935 aus St. Petersburg verbannt worden waren, 250 Personen, die in einen Fall gegen »polnische Spione« verwickelt waren, 95 Personen, die bei der ostchinesischen Eisenbahn in Harbin gearbeitet hatten und als japanische Spione galten, 3290 ehemalige Kulaken und 1399 »kriminelle Elemente« festgenommen.

Damit hatte allein dieses Organ in kaum fünf Monaten über 7500 Personen verhaftet. Da blieb nicht viel Zeit für die sorgfältige Prüfung von Beweisen. Die spielten auch kaum eine Rolle, denn die Ermittlungen in all diesen Fällen von konterrevolutionärer Verschwörung waren von Moskau in Gang gesetzt worden. Das örtliche NKWD tat nur seine Pflicht, indem es die Quoten erfüllte, die ihm von oben vorgegeben wurden.33

Wegen der riesigen Zahl von Verhaftungen mussten Sonderverfahren eingeführt werden. Das bedeutete nicht immer besondere Grausamkeit. Im Gegenteil, angesichts der Masse von Häftlingen reduzierte das NKWD die Ermittlungen zuweilen auf ein Minimum. Der Angeklagte wurde kurz verhört und dann im Eilverfahren abgeurteilt. General Gorbatow erinnert sich, dass sein Prozess ganze »vier bis fünf Minuten« dauerte. Er bestand aus der Feststellung seiner Personalien und einer einzigen Frage: »Warum haben Sie in der Untersuchung Ihre Verbrechen nicht zugegeben?« Dann erhielt er fünfzehn Jahre Lagerhaft.34) 

Andere hatten überhaupt keinen Prozess. Sie wurden entweder von einer »Sonderkommission« oder von einer Troika aus drei Beamten anstelle eines Gerichts in Abwesenheit verurteilt. Wieder andere erlebten oberflächliche Ermittlungen, die so gut wie keine Beweise erbrachten. Da in Verdacht zu geraten bereits als Zeichen von Schuld galt, wurden Gefangene auch kaum entlassen, ohne zumindest einen Teil der Strafe abgesessen zu haben. So hatte Lew Finkelstein, ein russischer Jude, der Ende der vierziger Jahre verhaftet wurde, den Eindruck, dass er, obwohl niemand sich die Mühe machte, ihm eine einigermaßen plausible Schuld nachzuweisen, eine kurze Lagerhaft erhielt, um zu demonstrieren, dass die Organe, die die Verhaftungen vornahmen, sich niemals irrten.35

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Wenn allerdings das NKWD — meist offenbar Stalin persönlich — stärker interessiert war, konnte die Haltung der Vernehmungsoffiziere gegenüber Opfern von Massenverhaftungen rasch von Gleichgültigkeit in Feindseligkeit umschlagen. Unter gewissen Umständen forderte das NKWD sogar, dass die Untersuchungs­richter massenhaft Beweise fabrizierten, so zum Beispiel 1937 bei den Ermittlungen in einem Fall, den Jeschow als das »größte und vielleicht bedeutendste Diversions- und Spionagenetz des polnischen Geheimdienstes in der UdSSR« bezeichnete.36 Das Vorgehen gegen diesen angeblichen polnischen Spionage- und Sabotagering war eindeutig davon bestimmt, von den Opfern falsche Geständnisse zu erzwingen.

Die Aktion begann mit dem NKWD-Befehl Nr. 00485, ein Befehl, der späteren Massenverhaftungen als Muster diente. Der NKWD-Befehl listet genau auf, welche Personengruppen zu verhaften waren: alle verbliebenen polnischen Kriegsgefangenen aus dem Krieg gegen Polen 1920/21, alle polnischen Flüchtlinge und Emigranten in der Sowjetunion, jeder, der einmal einer polnischen politischen Partei angehört hatte, sowie jeder, der in den polnischsprachigen Regionen der Sowjetunion durch »antisowjetische Aktivitäten« aufgefallen war.37 In der Praxis bedeutete dies, dass jede Person mit einem polnischen Hintergrund, die in der Sowjetunion lebte, unter Verdacht stand — und davon gab es viele in den Grenzgebieten der Ukraine und Belorusslands.

Die Verhaftungen waren aber nur der Anfang. Da man nicht jedem, der einen polnischen Namen trug, etwas anhängen konnte, drängte Befehl 00485 die regionalen NKWD-Chefs, »die Verhöre gleichzeitig mit den Verhaftungen durchzuführen. Das Hauptziel der Ermittlungen ist die vollständige Entlarvung der Organisatoren und führenden Köpfe der Diversionsgruppe und danach die Aufdeckung des ganzen Netzes...«38) 

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Wie in vielen anderen Fällen hieß das auch hier, dass man die Beweise, aus denen man den Fall konstruieren wollte, den Verhafteten selbst abpressen musste. Das System war recht einfach: Zunächst fragte man die Polen nach der Mitgliedschaft in dem Spionagering. Wenn sie angaben, nichts davon zu wissen, wurden sie geschlagen oder auf andere Weise gefoltert, bis ihnen das Nötige »einfiel«. Hatten sie einmal gestanden, forderte man von ihnen, »Mitverschwörer« zu nennen. Dann begann das Ganze von vorn, wodurch das »Spionagenetz« sich immer weiter ausbreitete.

Nach zwei Jahren hatten die »polnischen Ermittlungen« zur Festnahme von über 140.000 Personen geführt, was nach bestimmten Berechnungen etwa zehn Prozent all derer entsprach, die dem Großen Terror zum Opfer fielen. Die polnische Operation war wegen der erzwungenen falschen Geständnisse so berüchtigt, dass das NKWD 1939, während des kurzen Gegenschlags gegen die Massenverhaftungen, eine Untersuchung der dort vorgekommenen »Fehler« durchführte.

Geständnisse waren für die Vernehmungsoffiziere immer wichtig. Sie halfen ihnen, das eigene Vorgehen zu rechtfertigen. Der Wahnsinn der willkürlichen Massenverhaftungen erschien so weniger inhuman, erhielt einen Hauch von Legalität. Da das politische und wirtschaftliche System der Sowjetunion insgesamt auf Ergebnisse ausgerichtet war — der Plan musste realisiert, die Norm erfüllt werden —, galten Geständnisse als konkreter »Beweis« für erfolgreiche Vernehmungstaktik. Wie Robert Conquest schreibt, hatte sich der »Grundsatz, ein Geständnis sei das beste aller erreichbaren Ergebnisse ... durchgesetzt. Diejenigen, die Geständnisse erzielen konnten, galten als tüchtige Mitarbeiter, und ein schlechter NKWD-Beamter hatte nur eine geringe Lebenserwartung.«39) 

Aus welchen Gründen das NKWD auch immer auf das Geständnis fixiert gewesen sein mag, in der Praxis teilten sich die Vernehmungsoffiziere nicht in verbissene und gleichgültige. Meist begegneten sie ihren Opfern mit einer Mischung aus beidem. Einerseits forderte das NKWD, dass die Verdächtigen gestanden, sich selbst und andere belasteten, andererseits schien es an dem konkreten Ergebnis nicht sonderlich interessiert zu sein.

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Dieses surrealistisch anmutende System herrschte bereits in den zwanziger Jahren, lange vor dem Großen Terror, und sollte diesen auch überdauern. So hatte der Offizier, der Wladimir Tschernjawin — einen im Jahr 1931 der »Schädlingstätigkeit« und Sabotage angeklagten Wissenschaftler — verhörte, diesem mit der Todesstrafe gedroht, wenn er nicht gestehe. Dann wieder versprach er ihm »leichtere« Lagerhaft, wenn er geständig sei. Schließlich flehte er Tschernjawin regelrecht an, ein falsches Geständnis abzulegen. »Auch wir Vernehmungsoffiziere müssen oft lügen; auch wir sagen Dinge, die wir nicht ins Protokoll aufnehmen und nie unterschreiben würden«, erklärte er ihm, um Verständnis bittend.40) 

Wenn das Ergebnis wichtiger war, wurde die Folter angewandt. Bis 1937 waren Schläge offenbar verboten. Ein ehemaliger Gulagmitarbeiter bestätigt, dass sie zumindest in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre einen Verstoß gegen die Vorschriften bedeuteten.41 Als der Druck jedoch wuchs, auch von führenden Persönlichkeiten der Partei Geständnisse zu erzwingen, kam die physische Folter in Gebrauch. Der Zeitraum ist offenbar zwischen 1937 und 1939 anzusetzen.

In dieser Zeit wurde sie so breit angewandt, aber auch so häufig in Frage gestellt, dass Stalin persönlich Anfang 1939 ein Schreiben an die NKWD-Chefs der Regionen sandte, in dem er bestätigte, dass »die Ausübung körperlichen Drucks [auf Gefangene] in der Praxis des NKWD durch das Zentralkomitee seit 1937 gestattet ist«. Das gelte

»... nur gegenüber solchen offenen Feinden des Volkes, die humane Verhörmethoden ausnutzen, um sich schamlos zu weigern, Verschwörer zu nennen, die monatelang die Aussage verweigern und damit die Entlarvung der Verschwörer zu behindern trachten, die noch in Freiheit sind«.

Er halte das, führte er aus, für eine »absolut korrekte und humane Methode«, räumte allerdings ein, sie könnte gelegentlich auch gegenüber »zufällig verhafteten ehrlichen Menschen« angewandt worden sein. Dieses berüchtigte Schreiben zeigt, dass Stalin wusste, welche Methoden bei den Verhören angewandt wurden, und diese persönlich billigte.42

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Zahllose Gefangene berichten aus dieser Zeit, dass sie geschlagen und getreten, ihre Gesichter verunstaltet und ihnen die Gliedmaßen gebrochen wurden. Jewgeni Gnedin berichtet, dass ihn zwei Männer von links und rechts abwechselnd auf den Kopf schlugen. Danach wurde er mit dem Gummiknüppel bearbeitet. Als Sohn von Revolutionären »behandelte« man ihn in Berias Büro im Suchanowka-Gefangnis in Anwesenheit des NKWD-Chefs.43

Einer der schlimmsten Berichte über körperliche Folter stammt aus der Feder des Theaterregisseurs Wsewolod Meyerhold, dessen offizieller Beschwerde­brief in seiner Akte gefunden wurde:

»Die Ermittlungsbeamten setzten mir mit physischen Mitteln zu. Ich, ein kranker fünfundsechzigjähriger Mann, wurde geschlagen. Man legte mich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden und hieb mir mit einem Gummiknüppel auf die Fersen und auf den Rücken. Dann setzte man mich auf einen Stuhl und schlug mir mit demselben Instrument sehr kräftig auf die Beine. In den folgenden Tagen, als diese Stellen durch umfangreiche innere Blutergüsse angeschwollen waren, schlug man mir von neuem mit dem Gummiknüppel auf diese roten, blauen und gelben Flecken. Der Schmerz war so stark, als hätte man kochendes Wasser über die empfindlichsten Stellen meiner Beine gegossen. Ich schrie und weinte in meiner Qual. Man prügelte weiterhin mit dem Knüppel auf meinen Rücken ein und schlug mir mit voller Wucht ins Gesicht... Ich wurde so sehr von nervösen Zuckungen geschüttelt, daß mich ein Wärter, der mich nach einem solchen Verhör in meine Zelle brachte, einmal fragte: <Hast Du Malaria?> Als ich mich auf die Pritsche gelegt hatte und eingeschlafen war — nach einem achtzehnstündigen Verhör, das eine Stunde später fortgesetzt werden sollte —, wurde ich von meinem eigenen Stöhnen geweckt: Ich warf mich so heftig auf der Pritsche hin und her wie ein Kranker im Fieberdelirium.«44

Zwar wurde diese Art Folter 1939 verboten, aber das bedeutete nicht notwendigerweise, dass die Verhöre davon humaner wurden. In den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren wurden Hunderttausende Häftlinge zwar nicht geschlagen, aber psychisch gequält. 

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Wer fest blieb und kein Geständnis ablegte, konnte zum Beispiel nach und nach auch die letzten Annehmlichkeiten verlieren — zuerst die Spaziergänge im Freien, dann Päckchen oder Bücher, schließlich auch das Essen. Aber man steckte sie in Strafzellen, die entweder sehr heiß oder sehr kalt waren.

Anderen wurden »Zeugen« gegenübergestellt. Jewgenia Ginsburg etwa musste sich anhören, wie ihre Kindheitsfreundin Nalja »fließend vorträgt], als habe sie es auswendig gelernt«, dass sie, Jewgenia Ginsburg, Beziehungen zur trotzkistischen Untergrundorganisation gehabt habe.45 Anderen drohte man mit Vergeltung an Familienmitgliedern. Nach langer Isolationshaft verlegte man sie in eine Zelle mit einem Informanten, dem sie nur zu gern ihr Herz ausschütteten. Frauen wurden vergewaltigt, oder man drohte ihnen damit. Eine polnische Gefangene berichtet:

»Plötzlich fing mein Vernehmungsoffizier ohne jeden Grund an, mit mir zu flirten. Er stand von seinem Tisch auf und setze sich neben mich auf das Sofa. Ich erhob mich, um etwas Wasser zu trinken. Er folgte mir und stellte sich hinter mich. Ich wich ihm aus und kehrte auf das Sofa zurück. Wieder war er an meiner Seite. Ich stand noch einmal auf und nahm mir ein Glas Wasser. Dieses Hin und Her dauerte einige Stunden. Ich fühlte mich erniedrigt und hilflos...«46

Es gab andere Formen der körperlichen Folter, die nicht so grob waren wie brutale Schläge, aber seit den zwanziger Jahren ebenfalls regelmäßig angewandt wurden. Am häufigsten raubte man den Opfern den Schlaf. Dieses trügerisch einfache Verfahren, das keiner besonderen Genehmigung und keinem Verbot unterlag, hieß bei den Gefangenen das »Fließband«. Es konnte Tage oder Wochen dauern. Die Methode war simpel: Häftlinge wurden die ganze Nacht verhört und bei Tage am Schlafen gehindert. Die Wärter weckten sie immer wieder auf und drohten ihnen mit dem Karzer oder Schlimmerem, wenn sie nicht wach blieben. 

Einer der eindrucksvollsten Berichte über das »Fließband« und seine Wirkung stammt von dem amerikanischen Gulag-Häftling Alexander Dolgun. Im ersten Monat, den er im Lefortowo-Gefängnis verbrachte, raubte man ihm den Schlaf fast völlig, pro Tag blieb dafür vielleicht eine Stunde. »Wenn ich zurückdenke, scheint eine Stunde noch zu viel zu sein, in manchen Nächten kam ich nur auf wenige Minuten.« Die Folge war, dass sein Gehirn ihm Streiche zu spielen begann:

»Es gab Zeiten, da wurde mir plötzlich bewusst, dass ich vergessen hatte, was vor wenigen Minuten geschehen war. Ein absoluter Blackout. Völliger Gedächtnisverlust...
Später versuchte ich im Sitzen zu schlafen. Ich wollte sehen, ob ich meinen Körper dazu bringen konnte, sich aufrecht zu halten. Ich dachte, wenn das funktionierte, könnte ich der Entdeckung für einige Minuten entgehen. Der Wärter am Guckloch würde glauben, ich sei wach, wenn ich gerade dasaß.
So stahl ich ein paar Minuten hier, eine halbe Stunde dort, manchmal auch etwas länger, wenn Sidorow vor sechs Uhr morgens Schluss machte und die Wärter mich bis zum Wecksignal in Ruhe ließen. Aber es war immer zu wenig. Ich spürte, wie meine Selbstdisziplin jeden Tag schwächer wurde. Ich begann zu fürchten, ich könnte den Verstand verlieren, was fast schlimmer - nein, bestimmt schlimmer - war als sterben...«

Dolgun legte monatelang kein Geständnis ab. Dieser Stolz hielt ihn im Gefängnis aufrecht. Als er aber später aus seinem Lager in Dscheskasgan wieder nach Moskau geholt und erneut geschlagen wurde, unterschrieb er ein Geständnis und dachte dabei: »Was soll's. Sie haben mich doch sowieso. Ich hätte es längst tun sollen. Vielleicht wären mir dann all die Qualen erspart geblieben.«47

Warum auch nicht? Diese Frage stellten sich viele. Die Antworten waren allerdings sehr verschieden. Manche hielten durch — entweder aus Prinzip oder weil sie irrtümlich annahmen, sie würden dann nicht verurteilt. Davon zeugen viele Memoiren. »Ich würde lieber sterben, als mich selbst bezichtigen«, erklärte General Gorbatow seinem Vernehmungsoffizier, obwohl er gefoltert wurde. (Was er erdulden musste, schreibt er nicht.)

Am Ende war die Hauptwirkung der Verhöre, dass die Häftlinge sie psychisch gezeichnet verließen. Noch bevor sie auf Transport gingen und schließlich im ersten Lager ankamen, waren sie auf das neue Leben als Arbeits­sklaven »vorbereitete. Sie wussten nun, dass normale Menschenrechte für sie nicht galten, dass sie kein Recht auf einen fairen Prozess oder auch nur eine faire Anhörung hatten. 

Sie hatten erkannt, dass das NKWD allmächtig war und mit ihnen umspringen konnte, wie es wollte. Wenn sie ein fiktives Verbrechen zugegeben hatten, dann dachten sie noch schlechter von sich selbst. Aber auch wenn nicht, hatte man ihnen jede Hoffnung genommen, jeden Glauben daran, dass ihre Verhaftung ein Irrtum sei, der bald korrigiert werden könnte. 

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