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6 Der |
Dies war,
als
Und als, fast besinnungslos vor Qual, |
Über uns
die Sterne des Todes. Und schuldlos wand sich die Rus Unter Stiefeln, blutverschmiert, Unter den Schienen der schwarzen Marus'. Anna ACHMATOWA, Requiem (1) |
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Objektiv gesehen, waren die Jahre 1937 und 1938, die als die Jahre des Großen Terrors in Erinnerung geblieben sind, nicht die mörderischsten in der Geschichte der Lager. Auch die Ausdehnung des Gulags war hier nicht am größten. Die Zahl der Gefangenen stieg im folgenden Jahrzehnt weiter und erreichte den höchsten Stand viel später, als allgemein angenommen wird: im Jahr 1952. Obwohl die vorliegenden Statistiken unvollständig sind, lagen die Todesraten zur Zeit der Hungersnot von 1932/33 und in der schwersten Phase des Zweiten Weltkrieges, in den Jahren 1942/43, als in Zwangsarbeitslagern, Gefängnissen und Kriegsgefangenenlagern etwa vier Millionen Menschen einsaßen, wesentlich höher.2)
Immerhin gingen dem Großen Terror zwei Jahrzehnte der Unterdrückung voraus. Bereits seit 1918 hatte es regelmäßig Massenverhaftungen und Deportationen gegeben. Anfang der zwanziger Jahre betrafen sie Oppositionspolitiker, am Ende des Jahrzehnts »Saboteure« und Anfang der dreißiger Jahre Kulaken. Hinzu kamen regelmäßige Razzien gegen Menschen, die man für »Unruhe in der Gesellschaft« verantwortlich machte. Auch nach dem Großen Terror wurden missliebige Personen verhaftet und deportiert — Polen, Ukrainer und Balten aus den 1939 besetzten Gebieten, »Verräter« der Roten Armee, die der Gegner gefangen genommen hatte, einfache Menschen, die durch den Einmarsch der Deutschen 1941 auf die falsche Seite der Front gerieten. 1948 waren ehemalige Lagerhäftlinge erneut an der Reihe, und kurz vor Stalins Tod die Juden.
Die Opfer von 1937 und 1938 waren vielleicht bekannter, und die öffentlichen Schauprozesse jener Jahre mit Sicherheit die spektakulärsten in der ganzen sowjetischen Geschichte. Am ausführlichsten untersucht und beschrieben werden die Jahre des Großen Terrors jedoch weniger als Höhepunkt der Repressalien, sondern eher, weil es eine ungewöhnliche Welle der Unterdrückung war, die da unter Stalins Herrschaft über das Land rollte: Sie traf in breiterem Umfang als ihre Vorgängerinnen die Elite — alte Bolschewiken sowie führende Vertreter von Partei und Armee —, erfasste insgesamt ein breites gesellschaftliches Spektrum und endete mit einer ungewöhnlich hohen Zahl von Hinrichtungen. Und für den Gulag markiert das Jahr 1937 tatsächlich eine Wasserscheide. In diesem Jahr wurden aus nachlässig verwalteten Haftanstalten, wo Menschen eher per Zufall starben, vorübergehend wahre Todeslager, in denen man die Häftlinge bewusst durch Arbeit ums Leben brachte oder einfach ermordete, und das in wesentlich größerer Zahl als zuvor.
Wie im ganzen Land waren auch in den Lagern erste Signale des heraufziehenden Terrors zu erkennen. Nach dem bis heute ungeklärten Mord an dem beliebten Leningrader Parteisekretär Sergej Kirow im Dezember 1934 setzte Stalin eine Reihe von Dekreten durch, die dem NKWD wesentlich größere Vollmachten gaben, »Volksfeinde« verhaften, foltern und hinrichten zu dürfen. Die ersten Opfer waren zwei führende Bolschewiken, Sinowjew und Kamenew, beide ehemalige Gegner Stalins. Sie wurden nur Wochen später zusammen mit Tausenden wirklicher und vermeintlicher Anhänger, darunter viele aus Leningrad, verhaftet.
Das Ganze wuchs sich nach und nach zu einer blutigen Säuberungskampagne aus. Im Frühjahr und Sommer 1936 bearbeiteten Stalins Vernehmungsoffiziere Sinowjew und Kamenew sowie eine Gruppe ehemaliger Bewunderer Leo Trotzkis, um ihnen »Geständnisse« für einen großen öffentlichen Schauprozess abzuringen, der im August über die Bühne ging. Sie alle wurden später hingerichtet, mit ihnen zahlreiche Verwandte. Weitere Prozesse gegen führende Bolschewiken folgten, darunter gegen den charismatischen Nikolai Bucharin.
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Erst in der Parteihierarchie, dann in der ganzen Gesellschaft breitete sich eine regelrechte Verhaftungs- und Hinrichtungspsychose aus, kräftig angeheizt von Stalin, der auf diesem Weg seine Gegner beseitigen, eine neue Klasse ihm treu ergebener Führungskader schaffen, die Bevölkerung terrorisieren und seine Lager füllen wollte.
1937 begann er damit, den regionalen NKWD-Chefs Quoten für Verhaftungen (ohne konkreten Grund) vorzugeben. Ein Teil der Betroffenen war zur Strafe »ersten Grades« - zum Tode - und ein weiterer zu einer Strafe »zweiten Grades« - acht bis zehn Jahre Lagerhaft - zu verurteilen. Die Dokumente lesen sich wie Weisungen eines Bürokraten, der die neueste Version des Fünfjahresplans verschickt. Hier ist beispielsweise die Auflistung vom 30. Juli 1937:
Region
Strafe
1. Grades
2. Grades
Gesamt
Aserbaidschanische SSR
1500
3750
5250
Armenische SSR
500
1000
1500
Belorussische SSR
2000
10000
12000
Georgische SSR
2000
3000
5000
Kirgisische SSR
250
500
750
Tadschikische SSR
500
1300
1800
Turkmenische SSR
500
1500
2000
Usbekische SSR
750
4000
4750
Baschkirische ASSR
500
1500
2000
Burjat-Mongolische ASSR
350
1500
1850
Dagestanische ASSR
500
2500
3000
Karelische ASSR
300
700
1000
Kabardino-Balkarische ASSR
300
700
1000
ASSR der Krim
300
1200
1500
ASSR der Komi
100
300
400
Kalmykische ASSR
100
300
400
ASSR der Mari
300
1500
1800
Usw. 3)
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Diese Säuberungswelle war natürlich alles andere als spontan; man hatte sogar im Voraus neue Lager errichtet. Sie stieß auch kaum auf Widerstand. Das NKWD in Moskau erwartete von seinen Dienststellen in der Provinz den entsprechenden Eifer bei der Durchsetzung, und es wurde nicht enttäuscht. »Wir bitten um die Genehmigung, zusätzlich 700 Personen — Bandenmitglieder der Daschnaken und andere antisowjetische Elemente — erschießen zu dürfen«, wandte sich das armenische NKWD im September 1937 an Moskau.4)
Im Gulag machte sich die Säuberung zuerst bei den Lagerkommandanten bemerkbar: Viele von ihnen wurden liquidiert. Während das Jahr 1937 im ganzen Land vor allem als das Jahr in Erinnerung geblieben ist, da die Revolution ihre Kinder fraß, war es in den Lagern das Jahr, da der Gulag seine Gründer verschlang.
Das begann ganz oben: Genrich Jagoda, der Chef der Geheimpolizei, der für die Erweiterung des Lagersystems an höchster Stelle verantwortlich war, wurde 1938 zum Tode verurteilt und erschossen. Zuvor hatte er in einem Brief an den Obersten Sowjet um sein Leben gefleht: »Es ist schwer zu sterben«, schrieb der Mann, der so viele Menschen in den Tod geschickt hatte. »Ich falle vor Volk und Partei auf die Knie und bitte darum, mir zu vergeben, mein Leben zu schonen.«(5)
Viele der Lagerchefs und -verwalter, die Jagoda ausgewählt und gefördert hatte, teilten sein Schicksal. Zusammen mit Hunderttausenden Sowjetbürgern warf man ihnen die Beteiligung an riesigen Verschwörungen vor. Sie wurden festgenommen und für Großprozesse verhört, die zuweilen mehrere hundert Personen betrafen. Einer der bekanntesten Fälle wurde um Matwej Berman konstruiert, dem der Gulag von 1932 bis 1937 unterstand. Dass er bereits seit 1917 Parteimitglied war, half ihm nichts. Im Dezember 1938 klagte das NKWD Berman an, eine »rechtstrotzkistische Terroristen- und Sabotageorganisation« angeführt zu haben, die für die Häftlinge in den Lagern »Vorzugsbedingungen« geschaffen, die »militärische und politische Ausbildung« des Wachpersonals bewusst geschwächt (daher die große Zahl erfolgreicher Ausbruchsversuche) und die Bauprojekte des Gulags sabotiert habe (daher deren langsame Fortschritte).
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Berman stürzte nicht allein. Überall in der Sowjetunion wurden Lagerkommandanten und -verwalter derselben »rechtstrotzkistischen Organisation« für schuldig befunden und auf einen Schlag abgeurteilt. So lautete zum Beispiel die Begründung für das Urteil gegen Alexander Israiljew, den stellvertretenden Chef von Uchtpetschlag, er habe »die Steigerung des Kohleabbaus verhindert«. Alexander Polisonow, ein Oberst, der in der Abteilung Wachschutz des Gulags tätig war, wurde angeklagt, »unmögliche Bedingungen« für das Wachpersonal geschaffen zu haben. Michail Goskin, der die Abteilung Eisenbahnbau des Gulags leitete, hatte angeblich »unrealistische Pläne« für die Eisenbahnlinie Wolotschajewka-Komsomolsk aufgestellt.
Isaak Ginsburg, der der medizinischen Abteilung des Gulags vorstand, wurde für die hohen Todesraten unter den Häftlingen verantwortlich gemacht. Außerdem sollte er konterrevolutionären Gefangenen Sonderbedingungen gewährt und ihre vorzeitige Entlassung aus gesundheitlichen Gründen erwirkt haben. Die meisten Gulag-Chefs erhielten die Todesstrafe. In einigen Fällen wurde das Urteil später in Gefängnis- oder Lagerhaft umgewandelt. Nur eine Hand voll überlebte und wurde 1955 rehabilitiert.(6)
Erstaunlich viele Gründerväter des Gulags ereilte dasselbe Schicksal. Fjodor Eichmanns, zunächst Chef von SLON, später Leiter der Sonderabteilung der OGPU, wurde 1938 erschossen. Lasar Kogan, den zweiten Chef des Gulags, traf die Kugel 1939. Bermans Nachfolger an der Spitze des Gulags, Israil Pliner, hielt sich nur ein Jahr auf seinem Posten und fiel ebenfalls 1939 der Kugel zum Opfer.(7) Es war, als ob das System eine Erklärung dafür brauchte, weshalb es so schlecht funktionierte. Vielleicht führt der Begriff »System« aber auch in die Irre: Möglicherweise suchte Stalin selbst eine Begründung, weshalb seine so wunderbar erdachten Zwangsarbeiter-Projekte so langsam vorankamen und so widersprüchliche Ergebnisse brachten.
Die vielleicht dramatischste Geschichte, die einem Lagerchef im Jahr 1937 zustieß, spielte sich am Ende jenes Jahres in Magadan ab und begann mit der Verhaftung des Direktors von Daistroi, Eduard Bersin. Da dieser Jagoda direkt unterstand, musste er damit rechnen, dass seine Laufbahn früher oder später zu Ende ging. Er hätte auch Verdacht schöpfen müssen, als ihm das NKWD im Dezember eine ganze Gruppe neuer »Stellvertreter« schickte, darunter einen Major Pawlow, der im Rang höher stand als er selbst.
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Obwohl es Stalins Art war, einen zum Abschuss freigegebenen Funktionär auf diese Weise mit seinem Nachfolger bekannt zu machen, schöpfte Bersin offenbar keinen Verdacht. Als der Dampfer, der auch noch den ominösen Namen Nikolai Jeschow trug, mit dem neuen Team an Bord in die Nagajewo-Bucht einlief, begrüßte Bersin die Ankömmlinge mit Blasmusik. Dann führte er seine neuen »Mitarbeiter« mehrere Tage lang überall herum — wobei diese ihn deutlich ignorierten —, bevor er selbst die Nikolai Jeschow bestieg.
In Wladiwostok nahm er wie üblich einen Zug der Transsibirischen Eisenbahn nach Moskau. Er verließ die Stadt als Passagier der ersten Klasse; als er in Moskau ankam, war er bereits Gefangener. Auf der Station Alexandrow, siebzig Kilometer vor der Hauptstadt, hatte der Zug plötzlich gehalten. Mitten in der Nacht des 19. Dezember 1937 war Bersin auf dem Bahnsteig festgenommen worden — man wollte in der Hauptstadt kein Aufsehen erregen. Man brachte ihn zum Verhör in die Lubjanka, das Moskauer Zentralgefängnis, und klagte ihn bald darauf »konterrevolutionärer Sabotage- und Schädlingstätigkeit« an. Das NKWD warf ihm vor, er habe »an der Kolyma eine trotzkistische Spionage- und Diversionsorganisation« aufgebaut, die Gold an die japanische Regierung verschoben und die Übernahme des russischen Fernen Ostens durch Japan vorbereitet habe. Außerdem sei er angeblich ein Spion Englands und Deutschlands gewesen. Der Chef von Daistroi muss ein viel beschäftigter Mann gewesen sein. Er wurde im August 1938 im Keller der Lubjanka erschossen.
Die Absurdität der Anschuldigungen änderte nichts daran, dass der Fall zügig abgeschlossen wurde. Bereits Ende Dezember hatte Pawlow die meisten Untergebenen Bersins festgenommen.
In größerem Zusammenhang gesehen, war die Elite an der Kolyma nicht das einzige mächtige Netzwerk, das 1937/38 ausgeschaltet wurde. Am Ende jenes Jahres trafen Stalins Säuberungen die Rote Armee. Ein ganzes Heer angesehener Militärs fiel den Liquidierungen zum Opfer, darunter der stellvertretende Volkskommissar für Verteidigung, Marschall Tuchatschewski. Ihre Frauen und Kinder wurden meist ebenfalls erschossen, einige endeten in den Lagern.(8)
Selbst die Partei entging den Säuberungen nicht, die sich von potenziellen Gegnern Stalins in der Parteiführung über die Führungen der Unionsrepubliken sowie die Vorsitzenden lokaler und regionaler Staatsorgane bis hinunter zu den Direktoren wichtiger Großunternehmen und Einrichtungen fraßen.
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An bestimmten Orten und in einer bestimmten sozialen Schicht war die Verhaftungswelle so umfassend, dass — wie Jelena Sidorkina, die selbst im November 1937 festgenommen wurde, schreibt — »niemand wusste, was der nächste Tag bringen mochte. Die Menschen hatten Angst, miteinander zu sprechen oder sich zu treffen. Das galt besonders für Familien, wo Vater oder Mutter bereits >isoliert< waren. Die wenigen Personen, die den Mut hatten, sich für die Verhafteten einzusetzen, gerieten selbst automatisch auf die Liste der zur >Isolation< Vorgesehenen.«(9)
Aber nicht alle starben, und nicht alle Lager wurden leer gefegt. Dabei kamen nachlässige Lagerchefs zuweilen besser davon als durchschnittliche NKWD-Offiziere, wie der Fall von W.A. Barabanow zeigt. Barabanow, damals einer von Jagodas Schützlingen, war 1935 als stellvertretender Chef von Dmitlag zusammen mit einem Kollegen verhaftet worden, weil er das Lager »in trunkenem Zustand« betreten hatte. Er verlor seinen Posten und erhielt eine milde Gefängnisstrafe. Als Jagodas Gefolgsleute 1938 massenweise festgenommen wurden, arbeitete er in einem abgelegenen Lager im Hohen Norden. In dem Durcheinander wurde er schlicht übersehen. 1954 war sein Hang zum Alkohol längst vergeben und er zum stellvertretenden Chef des ganzen Gulags aufgestiegen.10
Den Insassen der Lager ist 1937 nicht nur als das Jahr des Großen Terrors im Gedächtnis geblieben. Zu jener Zeit wurde auch der letzte Rest von Propaganda über die erfolgreiche Umerziehung der Häftlinge eingestellt. Nicht einmal Lippenbekenntnisse zu diesem Ideal waren mehr zu hören. Das kann daran liegen, dass die Leute, die diese Kampagne vor allem betrieben hatten, inzwischen sämtlich verhaftet oder tot waren. Maxim Gorki starb unerwartet im Juni 1936. Leopold Awerbach, der gemeinsam mit Gorki den Sammelband Belomor herausgegeben und selbst ein Buch über den Moskwa-Wolga-Kanal verfasst hatte (Vom Verbrechen zur Arbeit), wurde im April 1937 als Trotzkist festgenommen. Viele Autoren, die sich in Gorkis Sammelband verewigt hatten, ereilte das gleiche Schicksal.11)
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Es gab allerdings auch noch tiefere Ursachen. Da der Politjargon immer radikaler und die Jagd auf Politverbrecher immer aggressiver wurde, musste auch der Status der Lager, wo diese gefährlichen Elemente einsaßen, sich verändern. In einem Land, das von Verfolgungswahn und Spionomanie erfasst war, wurde allein schon die Existenz von Lagern für »Feinde« und »Saboteure« zu einem Tabu-Thema. Geheim halten konnte man sie zwar nicht, da Häftlinge, die Straßen und Wohnhäuser bauten, in den vierziger Jahren in vielen Großstädten nicht zu übersehen waren. Aber man sprach öffentlich nicht darüber. Aus Gründen, die nicht ganz klar sind, geriet Gorkis Belomor auf den Index. Vielleicht konnten die neuen Chefs des NKWD die schwülstige Lobpreisung Jagodas nicht ertragen. Oder die euphorische Schilderung, wie »Feinde« erfolgreich umerzogen wurden, war in einer Zeit sinnlos geworden, da ständig neue Feinde auftauchten, die man zu Hunderttausenden hinrichtete, statt neue Menschen aus ihnen zu machen.
Um in ihrem Eifer, die Feinde des Regimes zu isolieren, nicht lax zu erscheinen, gaben die Gulag-Chefs in Moskau neue interne Geheimhaltungsvorschriften heraus, die hohe zusätzliche Kosten verursachten. Der gesamte Postverkehr musste nun über Sonderkurier abgewickelt werden. Allein im Jahr 1940 beförderten Kuriere des NKWD 25 Millionen geheime Postsendungen. Wer einen Brief in ein Lager schicken wollte, musste ein Postfach benutzen, denn die Standorte der Lager waren geheim. Sie verschwanden von sämtlichen Landkarten. Selbst in internen NKWD-Dokumenten hießen sie nur noch »Sonderobjekte« oder »Nebenstellen«.12)
Auch der Sprachgebrauch in den Lagern veränderte sich. Bis zum Herbst 1937 wurde ein Häftling in offiziellen Dokumenten und Briefen meist nach seiner Tätigkeit bezeichnet, zum Beispiel als »Holzfäller«. Von 1940 an war er kein Holzfäller mehr, sondern nur noch ein Gefangener, ein Sakljutschonny, abgekürzt S/K, ausgesprochen Sek.13 Eine Gruppe von Häftlingen war ein Kontingent, ein bürokratischer, völlig entpersonalisierter Begriff Gefangene, die besonders gut arbeiteten, waren als »wie Stoßarbeiter arbeitende Gefangene« oder »nach der Stachanow-Methode arbeitende Gefangene« zu bezeichnen, nicht mehr jedoch als »Stachanow-Arbeiter«, wie aus einer empörten Anweisung eines Lagerchefs hervorgeht.
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Der Begriff des »Politischen« wurde fast in sein Gegenteil verkehrt. Er galt jetzt für jeden, der nach dem berüchtigten Artikel 58 des Strafgesetzbuches verurteilt war: Der umfasste »konterrevolutionäre« Verbrechen aller Art, die natürlich durchgängig negativ besetzt waren. Auf die Politischen — die man manchmal »KR« (Konterrevolutionäre), Kontras oder Kontriks nannte — wurde jetzt immer häufiger als »Volksfeinde« Bezug genommen.14
Diesen Begriff aus der Sprache der Jakobiner benutzte Lenin erstmals im Jahr 1917. Stalin verwendete ihn 1927 für Trotzki und dessen Gefolgsleute. Seine Bedeutung wurde enorm erweitert, als das Zentralkomitee 1936 einen geheimen Brief — aus Stalins Feder, wie sein russischer Biograf Dmitri Wolkogonow meint — an die Parteiorganisationen der Gebiete und Unionsrepubliken sandte. Darin hieß es, obwohl ein Volksfeind »zahm und harmlos aussehe«, tue er doch alles, um sich »allmählich in den Sozialismus zu schleichen«, dabei »akzeptiere er den Sozialismus nicht«. Mit anderen Worten, Feinde konnten nicht mehr allein nach ihrer öffentlich geäußerten Meinung beurteilt werden. Lawrenti Beria, der später an der Spitze des NKWD stand, zitierte gern Stalin mit den Worten: »Ein Volksfeind ist nicht nur der, der sabotiert, sondern auch der, der an der Richtigkeit der Parteilinie zweifelt.«15
»Volksfeind« wurde nun zum gebräuchlichen Terminus in offiziellen Dokumenten. Frauen wurden als »Ehepartnerinnen von Volksfeinden« verhaftet, nachdem das NKWD dies per Dekret von 1937 möglich machte; dasselbe galt für Kinder. Wenn sie vom Gefängnispersonal nach ihrem Urteil gefragt wurden, dann mussten sie antworten: »TschSWR«, was bedeutete: »Familiemitglied eines Feindes der Revolution«.16
Die Propaganda stufte »Feinde« noch niedriger ein als Tiere. Ende der dreißiger Jahre bezeichnete Stalin »Volksfeinde« öffentlich als »Ungeziefer«, als »Verunreinigung« und »Schmutz«, manchmal auch einfach als »Unkraut«, das ausgerissen werden müsse.17
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Die Botschaft war klar: Die Seks galten nicht mehr als Bürger der Sowjetunion, wenn man sie überhaupt noch als Menschen betrachtete. Wie ein Häftling bemerkte, waren sie »gewissermaßen exkommuniziert, d.h. sie durften nicht mehr am politischen Leben mit all seinen feierlichen Riten und Liturgien teilnehmen«.18 Nach 1937 sprach kein Wachmann einen Häftling mehr als Towarischtsch — »Genosse« — an, was damals in der Sowjetunion allgemein üblich war. Wenn der Häftling es seinerseits wagte, seinen Aufseher so anzusprechen, musste er Prügel gewärtigen. Für ihn war dieser nur noch ein Graschdanin, ein »Bürger«. Fotos von Stalin oder anderen führenden Persönlichkeiten hatten in Lagern und Gefängnissen nichts mehr zu suchen. Ein Anblick, der Mitte der dreißiger Jahre noch durchaus üblich war — ein Zug mit Gefangenen, geschmückt mit Stalin-Bildern und Fahnen, weil dort Stachanow-Arbeiter fuhren —, war nach 1937 unvorstellbar.
Die Entmenschlichung der politischen Gefangenen zog eine deutliche, mancherorts drastische Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen nach sich. In den Lagern wurden sie aus Planungs- und Ingenieursstäben entfernt und wieder zu körperlicher Arbeit in die
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Minen oder in den Wald geschickt. »Feinde« durften nicht länger eine Position von Bedeutung einnehmen, denn dort konnten sie ja Sabotage betreiben. In einem Bericht vom Februar 1939 meldete der Kommandant von Belbaltlag, er habe »alle Mitarbeiter hinausgejagt, die kein politisches Vertrauen verdienen«, insbesondere alle ehemaligen Häftlinge, die wegen konterrevolutionärer Verbrechen einsaßen. Von nun an, so versicherte er, seien administrative und technische Funktionen nur noch »Mitgliedern von Partei und Kommunistischem Jugendverband sowie vertrauenswürdigen Fachleuten« vorbehalten.19 Wirtschaftliche Produktivität hatte für die Lager keinen Vorrang mehr.
Das Lagerregime wurde für alle härter, auch für die Kriminellen. Anfang der dreißiger Jahre betrug die Brotration für »gewöhnliche Arbeit« in der Regel ein Kilogramm pro Tag. Das erhielten sogar diejenigen, die die Norm nicht zu hundert Prozent erfüllten. Stachanow-Arbeiter bekamen zwei Kilogramm.20 Zum Ende des Jahrzehnts hatte sich die Zuteilung halbiert. Es gab nur noch 400-450 Gramm. Wer die Norm voll erfüllte, konnte mit 200 Gramm Brot mehr rechnen. Die Strafration sank auf 300 Gramm.21)
Die Bedingungen verschlechterten sich auch deswegen, weil die Zahl der Gefangenen mancherorts in atemberaubendem Tempo stieg. Das Politbüro hatte zur Vorbereitung auf die Verhaftungswelle den Gulag bereits 1937 angewiesen, mit dem Bau von fünf neuen Holzfällerlagern im Komi-Gebiet und von weiteren Objekten »in abgelegenen Gegenden von Kasachstan« zu beginnen. Um den Gang der Dinge zu beschleunigen, hatte der Gulag dafür sogar einen Vorschuss von zehn Millionen Rubel erhalten. Zugleich war an die Volkskommissariate für Verteidigung, Gesundheitswesen und Forstwirtschaft Order ergangen, 240 Kommandanten und Politoffiziere, *5o Ärzte, 400 Krankenpfleger, 10 hervorragende Forstwirtschaftler und »50 Absolventen der Leningrader Akademie für Forsttechnologie« unverzüglich für die Arbeit im Gulag bereitzustellen.22)
Trotz alledem waren die bestehenden Lager bald wieder hoffnungslos überfüllt. Die Zustände von Anfang der dreißiger Jahre wiederholten sich. In einer Außenstelle von Siblag — einem Netz von Holzfällerlagern, das Sibirien überzog —, angelegt für 250 bis
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300 Menschen, waren 1937 nach Schätzung eines Augenzeugen mehr als 17.000 Häftlinge zusammengepfercht. Selbst wenn es in Wirklichkeit nur ein Viertel dessen waren, zeigt allein die Überschätzung, wie eng es dort zugegangen sein muss. Da es an Baracken fehlte, gruben die Gefangenen Erdhütten. Aber auch dort drängten sich so viele Menschen, dass es »unmöglich war, sich zu bewegen, ohne jemandem auf die Hand zu treten«. Häftlinge weigerten sich, die Hütten zu verlassen, weil sie befürchteten, nicht wieder hineinzukommen. Es fehlte an Schüsseln und Löffeln. Bei der Essenausgabe bildeten sich endlose Schlangen. Bald brach eine Ruhrepidemie aus, die die Gefangenen rasch dahinraffte.
Auf einer späteren Beratung der Partei erinnerten die Verantwortlichen von Siblag mit finsterer Miene an die »schrecklichen Lehren von 1938«, an die »vielen Arbeitstage«, die in dieser Krise verloren gingen.23) Im ganzen Lagersystem verdoppelte sich von 1937 bis 1938 die Zahl der Todesfälle. Nicht aus allen Lagern gibt es Statistiken, aber die Sterberaten scheinen in den Lagern im Norden — an der Kolyma, in Workuta und Norilsk — am höchsten gewesen zu sein. Dorthin wurden vor allem politische Gefangene in großer Zahl geschickt.24)
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Aber die Häftlinge starben nicht nur an Hunger und schwerer Arbeit. In dem neuen Klima schien es bald nicht mehr auszureichen, Volksfeinden nur die Freiheit zu rauben. Am besten hörten sie gleich auf zu existieren. Am 25. August 1937 unterzeichnete Jeschow den Befehl, die Insassen in den Hochsicherheitsgefängnissen für Politische zu exekutieren. Das NKWD, so hieß es dort, müsse »die Operation zur Unterdrückung aktiver konterrevolutionärer Elemente ..., die wegen Spionage, Diversion, Terrorismus, konterrevolutionärer Tätigkeit und Banditentum sowie als Mitglieder antisowjetischer Parteien verurteilt sind, binnen zwei Monaten beenden«.25)
Zu den Politischen fügte Jeschow die »Banditen und kriminellen Elemente« im Solowezker Kreml gleich noch hinzu, der inzwischen ebenfalls in ein Hochsicherheitsgefängnis für Politische umgewandelt worden war. Die Quote für Solowezki wurde vorgegeben: 1200 Häftlinge waren zu erschießen. Ein Zeuge erinnert sich an den Tag, als eine große Gruppe abgeholt wurde:
»Unerwartet rief man alle, die in den offenen Zellen des Kremls lagen, zum Zählappell. Dort verlas man eine endlos lange Liste von Namen — mehrere hundert —, die auf Transport zu gehen hatten. Sie bekamen zwei Stunden, um sich fertig zu machen, und sollten sich dann wieder auf dem zentralen Platz einfinden. Eine furchtbare Verwirrung hob an. Einige rannten los, um ihre Sachen zu packen, andere, um sich von Freunden zu verabschieden. Nach zwei Stunden standen die meisten der Aufgerufenen an ihrem Platz... Kolonnen von Häftlingen mit Koffern und Rucksäcken marschierten aus dem Lager.. .«zs
Einige hatten offenbar Messer bei sich, die sie später benutzten, um diejenigen anzugreifen und schwer zu verletzen, die sie beim Dorf Sandormoch in Nordkarelien zu erschießen versuchten. Nach diesem Zwischenfall zwang das NKWD die Gefangenen, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, bevor sie exekutiert wurden. Der NKWD-Mann, der die Operation befehligte, wurde laut Archivdokumenten mit einem »Wertgegenstand« für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Einige Monate später erschoss man auch ihn.27)
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In Solowezki scheint man die Häftlinge für die Erschießungen willkürlich ausgewählt zu haben. Einige Lagerleitungen nutzten jedoch die Gelegenheit, besonders schwierige Gefangene loszuwerden. Das war mit Sicherheit in Workuta der Fall, wo ein großer Teil der Todgeweihten ehemalige Trotzkisten waren, die im Lager Streiks und Revolten organisiert hatten. Ein Augenzeuge berichtet, dass die Lagerleitung von Workuta zu Beginn des Winters 1937/38 etwa 1200 Gefangene, zumeist die Trotzkisten und andere Politische sowie einige wenige Kriminelle, in einer verlassenen Ziegelei und einer Reihe völlig überfüllter Zelte zusammenpferchte. Die Häftlinge erhielten kein warmes Essen: »Als Tagesration gab es ganze 400 Gramm halb vertrocknetes Brot.«28 Hier blieben sie, bis Ende März eine Gruppe NKWD-Offiziere aus Moskau eintraf Diese bildeten eine »Sonderkommission« und riefen die Gefangenen in Gruppen zu je vierzig auf Man erklärte ihnen, sie gingen auf Transport. Jeder erhielt einen Kanten Brot. Die Häftlinge in den Zelten hörten, wie sie abmarschierten »und dann Schüsse ertönten«.
In den Zelten brach die Hölle los. Ein Bauer, der wegen »Spekulation« einsaß — er hatte ein Ferkel, das ihm gehörte, auf dem Markt verkauft —, lag mit aufgerissenen Augen wie gelähmt auf seiner Pritsche. »Was habe ich mit euch Politischen zu tun?«, stöhnte er immer wieder. »Ihr habt um Stellung und Macht gekämpft, aber ich wollte doch nur leben.« Einer beging Selbstmord, berichtet der Augenzeuge. Zwei verloren den Verstand. Als schließlich nur noch hundert Häftlinge übrig waren, wurde das Schießen so plötzlich und ohne jede Erklärung beendet, wie es angefangen hatte. Die NKWD-Bosse kehrten nach Moskau zurück. Die Überlebenden wurden zurück zum Bergwerk gebracht. Im ganzen Lager hatte man etwa zweitausend Gefangene getötet.
Nicht immer schickten Stalin und Jeschow für derartige Aufträge Leute aus Moskau. Um das Verfahren landesweit zu beschleunigen, organisierte das NKWD »Troikas« — Dreiergruppen —, die inner- und außerhalb der Lager operierten. Die Troikas bestanden in der Regel aus dem regionalen NKWD-Chef, dem Parteisekretär des Gebiets und einem Vertreter der örtlichen Staatsanwaltschaft. Gemeinsam hatten sie das Recht, einen Häftling auch in Abwesenheit zu verurteilen — ganz ohne Richter, Geschworene, Anwälte und Prozess.(29)
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»Vernichtet die Spione und
Diversanten, |
Die Hysterie war nicht von Dauer. Im November 1938 wurden die Massenerschießungen in den Lagern und im ganzen Land abrupt eingestellt. Vielleicht war die Säuberung selbst für Stalins Geschmack zu weit gegangen. Vielleicht hatte er einfach erreicht, was er wollte. Möglicherweise war aber auch der Schaden für die nach wie vor schwache Wirtschaft zu groß. Was auch immer der Grund gewesen sein mag: Stalin erklärte jedenfalls auf dem 18. Parteitag der KPdSU im März 1939, die Säuberungen seien mit »mehr Fehlern, als man erwarten konnte«, verbunden worden.30)
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Niemand entschuldigte sich oder bereute, und fast niemand wurde je bestraft. Nur Monate zuvor hatte Stalin in einem Rundschreiben alle NKWD-Chefs dafür gelobt, dass sie einen »vernichtenden Schlag gegen die subversiven Agenten ausländischer Geheimdienste geführt« und »das Land von subversiven, aufrührerischen Elementen und Spionen gereinigt« hätten. Erst danach hatte er auf einige »Mängel« bei der Ausführung der Operation hingewiesen, zum Beispiel »vereinfachte Ermittlungsverfahren« oder das Fehlen von Zeugen und Beweisen.31)
Tatsächlich waren die Säuberungen des NKWD noch nicht ganz vorüber. In Nikolai Jeschow fand Stalin den angeblich Schuldigen für all die genannten »Fehler«, löste ihn im November 1938 ab und ließ ihn zum Tode verurteilen. Jeschows Hinrichtung fand 1940 statt, nachdem auch er wie schon Jagoda vor ihm um sein Leben gefleht hatte: »Sagt Stalin, dass ich mit seinem Namen auf den Lippen sterben werde.«(32)
Die Produktivität des Lagersystems ging immer weiter zurück. In Uchtpetschlag führten die Massenerschießungen, die große Zahl schwacher und kranker Häftlinge und der Verlust an Fachpersonal dazu, dass die Produktion 1937 gegenüber dem Vorjahr jäh abstürzte. Im Juli 1938 wurde eine Sonderkommission eingesetzt, um das massive Defizit von Uchtpetschlag zu erörtern.33 Auch die Ausbeute der Goldminen an der Kolyma nahm ab. Obwohl die Lager dort durch eine große Zahl neuer Häftlinge »aufgefrischt« wurden, stieg der Ertrag der Schächte nicht mehr auf das Niveau, das man schon einmal erreicht hatte.34
Inzwischen betonte selbst der Kommandeur von Belbaltlag, der sich seiner erfolgreichen Säuberung der Lagerverwaltungen von Politischen gerühmt hatte, den »dringenden Bedarf an Verwaltungskräften und Technikern«. Die Kampagne habe sicher das technische Personal politisch »gesünder« gemacht, schrieb er vorsichtig, aber zugleich hätten die »Mängel zugenommen«.
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Im Lager Nr. 14 saßen zum Beispiel 12 500 Häftlinge, von denen nur 657 nicht aus politischen Gründen verurteilt waren. Diese aber hatten zumeist schwere Straftaten begangen, was sie als Fachleute und Verwaltungsangestellte ebenfalls untauglich machte. 184 von ihnen waren Analphabeten, so dass ganze siebzig übrig blieben, die man als Schreiber oder Ingenieure einsetzen konnte.35
Der Umsatz aller Einrichtungen des NKWD fiel im Jahr 1937 nach offiziellen Angaben von 3,5 Milliarden Rubeln im Jahr 1936 auf 2 Milliarden. Der Wert der industriellen Bruttoproduktion sank von 1,1 Milliarden auf 945 Millionen Rubel.36
Die niedrige Rentabilität und verbreitete Desorganisation in den meisten Lagern, die wachsende Zahl kranker und sterbender Häftlinge konnten in Moskau nicht unbemerkt bleiben. Die Parteiorganisation der Gulag-Zentrale erörterte diese Fragen wiederholt mit erstaunlicher Offenheit. Ein Bürokrat prangerte beispielsweise im April 1938 »Chaos und Unordnung« in den Lagern des Komi-Gebiets an. Den Kommandanten der Lager um Norilsk warf er vor, eine »fürchterlich desorganisierte]« Nickelhütte gebaut und dabei viel Geld verschwendet zu haben.
Bis April 1939 wurden die Klagen immer gravierender. Aus den Lagern im Norden wurde eine »äußerst kritisch[e]« Verpflegungssituation gemeldet. Dadurch sei »die Arbeitskraft ernsthaft gefährdet und eine weit verbreitete Arbeitsunfähigkeit, hohe Sterblichkeit, Krankheit und so weiter verursacht« worden.37 In jenem Jahr gestand der Rat der Volkskommissare, die sowjetische Regierung, ein, dass bis zu sechzig Prozent der Lagerhäftlinge an Pellagra oder anderen Mangelkrankheiten litten.38
Natürlich konnte für all diese Probleme nicht allein der Große Terror verantwortlich gemacht werden. Wie bereits erwähnt, waren selbst Frenkels Holzfällerlager, die Stalin so bewunderte, niemals wirklich rentabel.39 Häftlinge arbeiten unter allen Umständen unproduktiver als freie Menschen. Von dieser Erkenntnis war man damals jedoch weit entfernt. Nach Jeschows Absetzung im November 1938 ging Lawrenti Beria, sein Nachfolger als Chef des NKWD, sofort daran, das Lagerregime zu verändern, neue Bestimmungen zu erlassen und die Verfahren zu straffen. All das diente nur einem einzigen Zweck: die Lager wieder dorthin zu führen, wo Stalin sie haben wollte — ins Zentrum der sowjetischen Wirtschaft.
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Um eines klarzustellen: Beria ließ weder damals noch später ungerecht verurteilte Gefangene in großer Zahl frei (allerdings entließ das NKWD einige wenige aus Gefängnissen). Die Lager hatten auch unter seiner Ägide kein humaneres Gesicht. »Feinden« alles Menschliche zu nehmen, blieb ein Grundsatz des Wachpersonals und der Lagerführungen bis zu Stalins Tod. Beria veränderte lediglich einen Aspekt: Er befahl den Kommandanten, mehr Häftlinge am Leben zu erhalten und sie besser auszubeuten.
Zwar wurde das nie offiziell ausgesprochen, aber in der Praxis wurde das Verbot wieder aufgehoben, politische Gefangene mit wissenschaftlichen oder technischen Kenntnissen ihrer Qualifikation entsprechend einzusetzen. Beria konnte damit das Dilemma nicht lösen, aber da er das NKWD um jeden Preis wieder zu einem produktiven Teil der sowjetischen Wirtschaft machen wollte, konnte er nicht zulassen, dass die besten Wissenschaftler und Ingenieure des Gulags sich allesamt im Hohen Norden die Gliedmaßen abfroren. Im September 1938 begann er besondere Werkstätten und Laboratorien für gefangene Wissenschaftler einzurichten, die die Häftlinge Scharaschki nannten [Rotwelsch für einen Ort, wo Pfuscharbeit geleistet wird]. Solschenizyn, der selbst in einer Scharaschka eingesetzt war, beschreibt ein solches »geheimes Forschungsinstitut..., das aus Sicherheitsgründen mit einer Nummer versehen war«, in seinem Roman Im ersten Kreis:
»Aus Lagern hatte man fünfzehn Gefangene in das alte, bei Moskau gelegene, herrschaftliche Gutsgebäude gebracht, das dafür extra mit Stacheldraht umzäunt worden war ... Damals wußte die Scharaschka noch nicht, was sie wissenschaftlich erforschen sollte. Man war mit dem Auspacken vieler Kisten beschäftigt, die von zwei Güterzügen gebracht worden waren. Sie versorgte sich mit bequemen Stühlen und Tischen; sie sortierte veraltete und als Bruch angekommene Apparaturen für Telefone, Ultrakurzwellen und Akustik aus.«40)
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Anfangs hießen die Scharaschki »Sonderkonstruktionsbüros«. Später wurden sie als »Vierte Sonderabteilung« des NKWD zusammengefasst. Zeitweilig waren bis zu tausend Wissenschaftler dort tätig. In manchen Fällen machte Beria persönlich begabte Forscher ausfindig und ließ sie nach Moskau bringen. Beim NKWD wurden sie gebadet, erhielten einen Haarschnitt, wurden rasiert, durften sich längere Zeit erholen und wurden dann in einem geschlossenen Laboratorium eingesetzt. Unter Berias bedeutendsten »Funden« war der Flugzeugbauer Tupolew, der mit einem Kanten Brot und einigen Stückchen Zucker in seinem Beutel in der Scharaschka eintraf. Er wollte sie nicht hergeben, auch als man ihm erklärte, hier werde er wesentlich besser verpflegt.
Tupolew forderte über Beria eine ganze Reihe weiterer Spezialisten an, darunter Valentin Gluschko, den führenden sowjetischen Entwickler von Raketenantrieben, und Sergej Koroljow, der später zum Vater des Sputnik, des ersten Erdsatelliten, und schließlich des ganzen sowjetischen Weltraumprogramms werden sollte. Nach siebzehn Monaten in Kolyma kehrte Koroljow in die Lubjanka zurück — nach Aussage eines Mitgefangenen »verhungert und erschöpft«. Außerdem hatte er viele Zähne durch Skorbut verloren.41 Nichtsdestoweniger listete Beria in einem Bericht vom August 1944 zwanzig wichtige Erfindungen der Militärtechnologie auf, die in seinen Scharaschki entstanden waren. Er beschrieb ausführlich die Rolle, die sie in der Verteidigungsindustrie des Zweiten Weltkrieges spielten.42)
In gewisser Hinsicht sollte Berias Regime sich auch auf die Lage der gewöhnlichen Seks positiv auswirken. Zumindest verbesserte sich das Essen ein wenig. Beria forderte, die Verpflegungsrationen wieder zu erhöhen, damit die »körperlichen Möglichkeiten der Arbeitskräfte in allen industriellen Bereichen maximal genutzt werden können«.43 Gleichwohl ging der Abstieg der Häftlinge von menschlichen Wesen zu reinen Arbeitskräften weiter. Nach wie vor konnten sie zum Tod im Lager verurteilt werden, wenn auch nicht mehr allein wegen »konterrevolutionärer« Einstellung. Wer die Arbeit verweigerte oder absichtlich durcheinanderbrachte, wurde einem strengeren Regime unterworfen, mit »Strafzelle, schlechterer Verpflegung und anderen Disziplinarmaßnahmen« bestraft.
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»Drückeberger« konnten zum zweiten Mal verurteilt werden, und das bis zur Todesstrafe.44 Im Oktober 1939 wurden beispielsweise drei weibliche Häftlinge, offenbar orthodoxe Nonnen, angeklagt, die Arbeit verweigert und im Lager konterrevolutionäre Hymnen gesungen zu haben. Zwei wurden erschossen, die dritte erhielt eine Verlängerung ihrer Freiheitsstrafe.45)
Die Jahre des Großen Terrors hinterließen auch in anderer Beziehung Spuren: Nie wieder würde der Gulag Häftlinge so behandeln, als könnten sie ihre Strafe tatsächlich abbüßen. Das System vorzeitiger Entlassung bei guter Führung wurde abgeschafft. Stalin setzte selbst dem in seiner einzigen öffentlichen Äußerung zum Lagerregime mit der Begründung ein Ende, dass andernfalls die wirtschaftliche Tätigkeit der Lager beeinträchtigt werde.
Von einer Präsidiumssitzung des Obersten Sowjets im Jahr 1938 ist eine Frage überliefert: »Kann man sie nicht in anderer Form für ihre Arbeit auszeichnen — vielleicht mit Medaillen? Wir handeln falsch, wir behindern die Arbeit der Lager.«46 Ein entsprechendes Dekret wurde im Juni 1939 erlassen. Wenige Monate später erklärte ein weiteres Dekret auch die »bedingte vorzeitige Entlassung« bei Invalidität für verboten. Prompt stieg der Krankenstand.47)
Einige dieser Initiativen widersprachen dem geltenden Recht und stießen auf Widerstand. Sowohl der Generalstaatsanwalt der UdSSR, Wyschinski, als auch der Volkskommissar für Justiz, Rytschkow, wandten sich gegen die Abschaffung der Haftverkürzung und auch gegen die Todesstrafe für »Desorganisation des Lagerlebens«. Aber Beria wurde — wie bereits Jagoda vor ihm — von Stalin unterstützt und setzte sich daher durch. Am 1. Januar 1940 erhielt das NKWD sogar die Erlaubnis, 130.000 Gefangene rechtmäßig zurückzunehmen, die es an andere Ministerien »ausgeliehen« hatte. Beria war entschlossen, den Gulag wieder rentabel zu machen.48)
Berias Neuerungen zeigten überraschend schnell Wirkung. In den letzten Monaten vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machte das NKWD wirtschaftlich wieder Fortschritte. 1939 verzeichneten seine Wirtschaftsunternehmen 4,2 Milliarden Rubel Umsatz, 1940 waren es 4,5 Milliarden.
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In den Kriegsjahren, als sich die Lager mit neuen Gefangenen füllten, sollten diese Kennziffern noch rascher anwachsen.49 Laut offizieller Statistik halbierte sich gleichzeitig die Todesrate in den Lagern von fünf Prozent 1938 auf drei Prozent 1939, obwohl die Zahl der Gefangenen rapide zunahm.50
Inzwischen gab es außerdem wesentlich mehr Lager, und sie waren weitaus größer als am Anfang des Jahrzehnts. Die Zahl der Häftlinge hatte sich vom 1.1.1935 bis zum 1.1.1938 von 950.000 auf 1,8 Millionen verdoppelt. Eine weitere Million Menschen wurde in dieser Zeit in die Verbannung geschickt.51 Lager, die einst nur aus einigen Hütten und etwas Stacheldraht bestanden hatten, waren inzwischen zu wahrhaften Industriegiganten angewachsen. In Sewwostlag, dem Hauptlager von Daistroi, hielten sich 1940 fast 200.000 Gefangene auf.52) Workutlag, der Lagerkomplex, der sich aus dem Bergwerk Nr. 1 von Uchtpetschlag entwickelt hatte, zählte 1938 rund 15.000 Häftlinge. 1951 sollten es über 70.000 sein.
Neue Standorte wurden erschlossen. Das schlimmste Lager der neuen Generation war sicher Norillag, meist Norilsk genannt. Wie Workuta und die Kolyma nördlich des Polarkreises gelegen, saß Norilsk auf einem riesigen Nickelvorkommen, vielleicht dem größten der Welt. Die Gefangenen förderten hier nicht nur das Nickelerz, sondern bauten neben den Gruben auch eine Nickelhütte und die nötigen Kraftwerke. Dann errichteten sie die Stadt Norilsk, wo die NKWD-Angehörigen wohnten, die die Bergwerke und Fabriken leiteten. Wie seine Vorgänger wuchs auch Norilsk sehr schnell. 1935 schufteten dort 1200 Gefangene. 1940 waren es schon 19.500. Seine größte Ausdehnung erreichte es im Jahr 1952 mit 68.849 Häftlingen.53)
Lager wurden so häufig eröffnet, geschlossen und mit anderen zusammengelegt, dass es schwer fällt, für bestimmte Jahre exakte Zahlen anzugeben. Einige waren klein und bedienten einen einzelnen Industriebetrieb oder ein Bauvorhaben. Andere bestanden nur zeitweilig, etwa für den Bau einer Eisenbahnlinie, und wurden nach der Fertigstellung des Objekts wieder aufgelöst. Um mit den riesigen Zahlen und den komplizierten Problemen fertig zu werden, schuf die Gulagleitung Unterabteilungen: eine Hauptverwaltung Industrielager, eine Hauptverwaltung Straßenbau, eine Hauptverwaltung Forstwirtschaft et cetera.
Man kann durchaus sagen, dass die sowjetischen Lager am Ende des Jahrzehnts ihre dauerhafte Form gefunden hatten. Es gab sie inzwischen in fast allen Regionen des Landes, in allen zwölf Zeitzonen und in den meisten Unionsrepubliken. Vor allem aber hatten sie eine bedeutende Entwicklung genommen. Aus einem Sammelsurium ganz unterschiedlicher Produktionsstätten war ein voll ausgebildeter »Lager-Industrie-Komplex« mit eigenen Regeln und Verfahren, eigenem Vertriebssystem und eigener Hierarchie geworden.54)
Eine riesige Bürokratie, die ebenfalls Eigenheiten ausgeprägt hatte, leitete das gewaltige Imperium von Moskau aus. Ununterbrochen gingen Weisungen an die Lager im ganzen Land hinaus, die alles — von der großen Politik bis zum kleinsten Detail — regelten. Zwar hielt man sich vor Ort nicht immer an den Buchstaben des Gesetzes (oder konnte es nicht tun), aber die Zeit der spontanen Entschlüsse, die die Frühzeit des Gulags gekennzeichnet hatten, kam niemals wieder.
Das Schicksal der Häftlinge folgte in seinem Auf und Ab der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Sowjetunion, vor allem aber dem Verlauf des Zweiten Weltkrieges. Die Zeit der Prozesse und Experimente war allerdings vorbei. Das System hatte sich etabliert.
Das Verfahren, das die Häftlinge den »Fleischwolf« nannten — Verhaftung, Verhör, Transport, Verpflegung und Arbeit —, stand Anfang der vierziger Jahre wie in Stein gemeißelt. Bis zu Stalins Tod sollte sich daran nur wenig ändern.
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