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5  Die Lager
breiten sich aus

Wir schreiten vorwärts, und uns folgt 
Fröhlichen Schritts die ganze Brigade. 

Unsere Stachanow-Arbeiter gehen voran. 
Ihre Siege bahnen uns den Weg ...

Den alten Weg kennen wir nicht mehr. 
Aus unseren Kerkern sind wir dem Ruf gefolgt, 

Den Weg der Erfolge Stachanows zu gehen 
Im festen Glauben an ein Leben in Freiheit... 

Aus der Zeitung »Kusniza«,
gedruckt in Sazlag 1936 (1)

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Politisch gesehen, war der Ostsee-Weißmeer-Kanal das wichtigste Bauvorhaben des Gulags in jener Zeit. Allerdings konnte er nicht als typisch für die neuen Projekte des Lagersystems gelten, deren er weder das erste noch das größte war. Bevor die Bauarbeiten am Kanal begannen, hatte die OGPU bereits ohne viel Aufsehen und Propaganda überall im Lande Zwangsarbeiter eingesetzt. Mitte der dreißiger Jahre standen dem System 300.000 Häftlinge zur Verfügung, die sich auf etwa ein Dutzend große Komplexe und einige kleinere Lager verteilten.

Mit dem Charakter dieser Objekte veränderte sich auch die OGPU selbst. Wie bisher überwachte die Geheimpolizei weiterhin die Gegner des Regimes, verhörte Personen, die sie als Abweichler verdächtigte, deckte »Verschwörungen« und »Komplotte« auf. Ab 1929 musste sie aber auch einen Teil der Verantwortung für die wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion tragen. Im folgenden Jahrzehnt sollte sie sogar eine Art Pionierrolle übernehmen, weil sie die Erkundung und Ausbeutung der sowjetischen Naturschätze organisierte. Sie plante und entsandte geologische Expeditionen, die unter dem Permafrostboden der arktischen und subarktischen Tundra im Hohen Norden der Sowjetunion nach Kohle, Öl, Gold, Nickel und anderen Bodenschätzen suchten. Die OGPU entschied, welche der riesigen Holzbestände als nächste eingeschlagen und exportiert werden sollten. 

Um diese Ressourcen zu den Großstädten und Industriezentren der Sowjetunion zu bringen, legte sie ein riesiges Straßen- und Eisenbahnnetz an, wobei Tausende Kilometer unberührter und unbewohnter Wildnis überwunden werden mussten. Zuweilen nahmen Angehörige der OGPU selbst an solchen Unternehmungen teil, stapften in schweren Pelzen und Stiefeln durch die Tundra, funkten ihre Entdeckungen nach Moskau.

Dabei schlüpften Häftlinge in neue Rollen an der Seite ihrer Bewacher. Zwar schuftete ein Teil auch weiterhin hinter Stacheldraht, hob Gräben aus oder förderte Kohle. Aber in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre berühren Häftlinge auch die Flüsse nördlich des Polarkreises, transportierten Ausrüstungen der Geologen, erschlossen neue Kohlengruben und Ölquellen. Sie bauten Baracken, errichteten die Stacheldrahtzäune und die Wachtürme für neue Lager. Unter ihren Händen entstanden die Raffinerien, die die Bodenschätze verarbeiteten, sie legten Eisenbahnschwellen und betonierten Straßen. Am Ende ließen sie sich in den neu erschlossenen Gegenden nieder und bevölkerten die bislang unberührte Wildnis.

Sowjetische Historiker sollten diese Episode in der Geschichte des Landes später lyrisch die »Erschließung des Hohen Nordens« nennen. Daran ist richtig, dass dies ein wirklicher Bruch mit der Vergangenheit war. Selbst in den letzten Jahrzehnten der Zarenherrschaft, da die industrielle Revolution in Russland verspätet, dafür aber umso heftiger einsetzte, hatte niemand versucht, die entfernten Nordregionen des Landes mit solcher Konsequenz nutzbar zu machen und zu besiedeln.

Der Anbruch der neuen Ära war von vielen Tragödien begleitet. Erst kürzlich ist ein besonders schrecklicher Zwischenfall, der bisher nur in der Fantasie Überlebender zu existieren schien, durch ein Dokument bestätigt worden, das man in den Archiven von Nowosibirsk fand. Es handelt sich um den Bericht eines Instrukteurs des Parteikomitees von Narym in Westsibirien vom Mai 1933 an Stalin persönlich. Darin wird die Ankunft einer Gruppe deportierter Bauern, dort »deklassierte Elemente« genannt, auf der Insel Nasino im Fluss Ob exakt beschrieben. Es handelte sich um Verbannte, die offenbar auf der Insel angesiedelt werden sollten, um Landwirtschaft zu betreiben:

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»Mit dem ersten Zug kamen 5070 und mit dem zweiten 1044 Personen, insgesamt also 6114. Die Transportbedingungen waren grauenhaft: die Nahrung war schlecht und unzureichend, nicht genügend Luft und Platz (...) Folge: Eine Sterblichkeitsrate von 35 bis 40 Menschen pro Tag. Doch diese Lebensbedingungen waren noch der reinste Luxus, gemessen an dem, was die Deportierten auf der Insel Nasino erwartete (...). Auf der Insel Nasino gibt es keinerlei Zivilisation und nicht die geringste Wohnmöglichkeit. ... kein Werkzeug, kein Saatgut, keine Nahrung ... Das neue Leben begann. Am 19. Mai, einen Tag nach der Ankunft des ersten Zuges, fing es an zu schneien, und es kam Wind auf. Ausgehungert, abgemagert, ohne Dach und Werkzeug... befanden sich die Deportierten in einer ausweglosen Situation. Sie konnten [nicht einmal] Feuer anmachen, [um] sich vor der Kälte zu schützen. Die ersten Menschen starben. ... Am ersten Tag wurden 295 Leichen begraben. ... Erst am vierten oder fünften Tag nach der Ankunft der Deportierten auf der Insel schickten die Behörden per Schiff ein bißchen Mehl, ein paar hundert Gramm pro Person.«

Drei Monate später, heißt es in dem Bericht weiter, waren fast viertausend der ursprünglich 6114 »Siedler« tot. Die restlichen lebten nur deshalb noch, weil sie die Toten gegessen hatten. Einem Häftling aus dem Gefängnis Tomsk zufolge, der dort einigen der Überlebenden begegnete, sahen sie aus »wie wandelnde Leichen« und standen sämtlich unter Arrest — wegen Kannibalismus.2) 

Wenn die Todesrate auch nicht immer so schrecklich war, so konnten die Lebensbedingungen bei vielen der bekanntesten frühen Bauprojekte des Gulags ähnlich unerträglich sein. Bamlag, das Lager, das für den Bau einer Bahnlinie vom Baikal bis zum Amur im Fernen Osten Russlands als Teil der Transsibirischen Eisenbahn errichtet wurde, war ein eklatantes Beispiel dafür, wie sehr eine Sache misslingen kann, wenn es an der notwendigen Planung fehlt. Wie bereits der Weißmeer-Kanal wurde auch dieses Projekt übereilt und ohne vorbereitende Arbeiten in Angriff genommen. Die Erkundung des Geländes, die Projektierung der Strecke und die Bauarbeiten liefen im Grunde genommen parallel. Man begann mit dem Bau, bevor die Gegend vollständig erkundet war. 

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Das Kartenmaterial war schlecht, so dass kostspielige Fehler passierten. Ein Überlebender berichtete, dass »zwei Bautrupps, die an verschiedenen Streckenabschnitten arbeiteten, nicht zusammen kommen und ihre Abschnitte vereinen konnten, weil die beiden Flüsse, an deren Ufern sie die Strecke vorantrieben, nur auf der Karte zusammenflossen, während in der Wirklichkeit eine beträchtliche Entfernung zwischen ihnen lag«.3) 

Letztlich waren alle zu Beginn der dreißiger Jahre gegründeten Lagerkomplexe anfangs desorganisiert und schlecht vorbereitet. Vor allem erwiesen sie sich als ungeeignet, die ausgezehrten Häftlinge aufzunehmen, die aus den Hungergebieten eintrafen. Aber nicht überall hielt der Tod so reiche Ernte. Wenn die notwendigen Voraussetzungen gegeben waren — relativ günstige natürliche Bedingungen und starke Unterstützung aus Moskau —, konnten sich einige relativ rasch konsolidieren. In überraschendem Tempo entstanden dort stabilere Verwaltungsstrukturen, wurden dauerhafte Gebäude errichtet, entwickelte sich sogar eine lokale NKWD-Oberschicht. Manche Lager beherrschten bald riesige Territorien und verwandelten ganze Regionen in riesige Gefängnisse. Zwei aus jener Zeit — die Uchta-Expedition und der Dalstroi-»Konzern« — erlangten die Größe und den Status von Industrie-Imperien. 

Ihre Ursprünge sollen eingehender in Augenschein genommen werden.

 

Dem nichts ahnenden Reisenden bietet eine Autofahrt auf der zerfallenden Betonpiste von Syktywkar, dem Verwaltungszentrum der Republik der Komi, nach Uchta, einem der großen Industriezentren der Gegend, wenig Interessantes. Die 200 Kilometer lange Strecke führt durch endlose Kiefernwälder und sumpfige Felder. Zwar kreuzt die Straße einige Flüsse, aber im Grunde fährt man durch die Taiga, eine monotone subarktische Landschaft, die für das Komi-Gebiet und ganz Nordrussland so typisch ist.

Obwohl die Gegend dem Auge nichts Spektakuläres bietet, ist bei genauerem Hinsehen dennoch einiges Ungewöhnliches zu entdecken. Wenn man weiß, wonach man sucht, erkennt man an bestimmten Stellen am Straßenrand merkwürdige Vertiefungen. Mehr ist von dem Lager, das sich einst längs der ganzen Straße hinzog, und den Häftlingskolonnen, die sie gebaut haben, nicht übrig geblieben. Da die Baustellen wanderten, brachte man die Gefangenen häufig nicht in Baracken, sondern in Erdhütten unter. Daher die Spuren im Boden.

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An einem Straßenabschnitt stößt man auf die Überreste eines größeren Lagers, das zu einem kleinen Erdölfeld gehörte. Heute ist alles von Gras und Buschwerk überwuchert, aber darunter findet man Stücke von Stacheldraht und verrottete Holzplanken, die vielleicht das Öl, das direkt aus dem Boden quillt, vor dem endgültigen Zerfall bewahrt hat. Kein Gedenkstein erinnert an diesen Ort. Allerdings findet man einen in Bograsdino, einem Transitlager an der Straße, wo einst 25.000 Menschen hausten. Von dem Lager selbst keine Spur. An einer anderen Stelle kann man hinter einer modernen Tankstelle von Lukoil, einer der heutigen russischen Ölgesellschaften, einen alten hölzernen Wachturm sehen, umgeben von verrosteten Eisenteilen und etwas Stacheldraht.

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Wenn auch nicht leicht zu entdecken, so finden sich überall im Komi-Gebiet, der endlosen Taiga und Tundra, die sich nordöstlich von St. Petersburg bis zum Nordural erstreckt, Spuren des Gulags. Alle wichtigen Städte der Gegend wurden von Häftlingen geplant und aus dem Boden gestampft — nicht nur Uchta, sondern auch Syktywkar, Petschora, Workuta und Inta. Gefangene bauten Eisenbahnen, Straßen und auch die ersten Industriebetriebe der Gegend. Die Einheimischen bezeichnen viele Dörfer noch immer mit den Namen aus der Stalinzeit: »Chinatown« etwa, wo eine Gruppe chinesischer Gefangener untergebracht war, oder »Berlin«, wo einst deutsche Kriegsgefangene einsaßen.

Ursprung dieses riesigen Lagersystems war eines der ersten Großunternehmen der OGPU, die Uchta-Expedition, die 1929 in Marsch gesetzt wurde, um einen damals völlig unbewohnten Landstrich zu erkunden. Für sowjetische Verhältnisse war dieses Unternehmen relativ gut vorbereitet. Fachleute gab es im Überfluss. Zum großen Teil saßen sie bereits auf den Solowezki-Inseln fest, denn allein im Jahre 1928 hatte man in der Kampagne gegen »Schädlinge« und »Saboteure«, die angeblich die Industrialisierung der Sowjetunion aufzuhalten suchten, 68 Bergbauingenieure dorthin verbannt.4) 

Im November 1928 — genau zur rechten Zeit — verhaftete die OGPU außerdem den bekannten Geologen N. Tichonowitsch. Im Moskauer Butyrka-Gefängnis, wohin man ihn zunächst brachte, fand aber nicht das übliche Verhör statt. Stattdessen brachte man ihn zu einer vorbereiteten Zusammenkunft. Ohne jede Vorrede, so erinnerte sich Tichonowitsch später, stellten ihm acht Personen, die er nicht kannte, die Frage, wie eine Expedition ins Komi-Gebiet vorzubereiten sei. Welche Kleidung würde er auswählen, wenn er sie unternehmen müsste? Wie viel Lebensmittelvorräte? Welches Werkzeug? Welche Transportmittel würde er benutzen? Tichonowitsch, der im Jahr 1900 erstmals in der Gegend gewesen war, empfahl eine Route und riet, die Wasserwege zu benutzen, weil Boote Ausrüstung von größerem Gewicht transportieren konnten. Auf seine Empfehlung hin startete die Expedition von See aus. Tichonowitsch, nun Häftling, wurde ihr Chefgeologe.

Man verschwendete weder Zeit, noch sparte man Mittel, denn für die sowjetische Führung hatte dieses Unternehmen hohe Priorität. Gleichwohl hatte die schwimmende Expedition viele Hindernisse zu bewältigen. Unterwegs gelang immer wieder kleinen Gruppen von Häftlingen die Flucht.

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Als man schließlich die Mündung des Flusses Petschora erreicht hatte, waren keine ortskundigen Führer zu finden. Auch für gutes Geld wollten die hier lebenden Komi nichts mit der Geheimpolizei oder mit Häftlingen zu tun haben und weigerten sich, das Schiff stromaufwärts zu lotsen. Nach sieben Wochen hatte die Expedition ihr Ziel dennoch erreicht. Am 21. August wurde mit dem Bau des Basislagers im Dorf Tschibju begonnen, woraus später die Stadt Uchta entstand.

Sofort nach der Ankunft begannen die Gefangenen in Zwölf-Stunden-Schichten zu arbeiten, um Wohn- und Arbeitsstätten zu errichten. Die Geologen zogen aus, um die günstigsten Plätze für Ölbohrungen ausfindig zu machen. Im Herbst stießen weitere Fachleute hinzu. Auch neue Häftlingstrupps rückten während der ganzen »Sommersaison« des Jahres 1930 an — zunächst monatlich, später wöchentlich. Am Ende des ersten Jahres der Expedition war die Zahl der Häftlinge von ursprünglich 139 auf fast 1000 gewachsen.

Obwohl es in diesem Falle eine gute Vorarbeit gab, waren die Bedingungen anfangs für Häftlinge und Verbannte auch hier so erbärmlich wie überall. Die meisten mussten in Zelten schlafen, denn Baracken gab es noch nicht. Es fehlte an Winterkleidung, Schuhwerk und Lebensmitteln. Mehl und Fleisch kamen nicht in der bestellten Menge an, dasselbe galt für Medikamente. Die Zahl der kranken und schwachen Gefangenen wuchs, wie die Leitung der Expedition in einem Bericht schrieb. Ebenso schwer war die Abgeschiedenheit zu ertragen. Die neuen Lager waren so unvorstellbar weit von jeder Zivilisation, von Straßen oder gar Eisenbahnen entfernt, dass bis 1937 in dieser Gegend nicht einmal Stacheldrahtzäune gebraucht wurden. Flucht wäre absolut sinnlos gewesen.

Aber Häftlinge trafen auch weiterhin ein, und bald zogen vom Basislager Uchta neue Expeditionen aus. Waren sie erfolgreich, gründeten sie ein weiteres Basislager, einen Lagpunkt. Zum Teil lagen diese in absoluter Einöde, mehrere Tages- oder Wochenmärsche von Uchta entfernt. Und auch dort entstanden Nebenlager, wurden Straßen gebaut und Kolchosen gegründet, um die Grundbedürfnisse der Häftlinge zu befriedigen. So breiteten sich die Lager wie wucherndes Unkraut in den menschenleeren Wäldern der Komi-Region aus.

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Im Jahr 1931 machte sich ein Team aus 23 Personen mit Booten von Uchta auf dem Wasserweg nach Norden auf, um die Ausbeutung einer enormen Kohlelagerstätte, des Kohlebeckens von Workuta, in Angriff zu nehmen, das man ein Jahr zuvor in der arktischen Tundra im nördlichen Teil des Komi-Gebietes entdeckt hatte. Wie bei all diesen Expeditionen wiesen Geologen den Weg, waren die Boote mit Gefangenen bemannt, kommandierte eine geringe Zahl von OGPU-Offizieren die kleine Gemeinschaft, die sich per Boot und zu Fuß durch die Insektenschwärme kämpfte, die die Tundra in den Sommermonaten bevölkern. 

Zuerst mussten sie unter freiem Himmel nächtigen, dann bauten sie unter großer Mühe ein Lager, überstanden den Winter und errichteten im darauffolgenden Frühjahr den ersten primitiven Schacht: Rudnik [Bergwerk] Nr. 1. Mit Spitzhacken, Schaufeln und Holzwagen, ohne jegliche Maschinen, begannen die Gefangenen Kohle zu fördern. In nur sechs Jahren wurde aus Rudnik Nr. 1 die Stadt Workuta und das Zentrum von Workutlag, einem der größten und härtesten Lager im ganzen Gulag. 1938 lebten in Workutlag bereits 15.000 Häftlinge, die inzwischen 188.206 Tonnen Kohle gefördert hatten.5) 

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Formal gesehen, waren nicht alle Einwohner der Komi-Region Gefangene. Bereits seit 1929 schickten die Behörden auch Sonderumsiedler in diese Gegend. Zunächst handelte es sich fast ausschließlich um Kulaken, die mit Frauen und Kindern ankamen, um sich hier anzusiedeln und den Boden zu bearbeiten. Jagoda persönlich hatte erklärt, man werde diesen Umgesiedelten »freie Zeit« zugestehen, in der sie Gärten anlegen, Schweine züchten, fischen und sich Häuser bauen konnten. »Zunächst sollen sie Lagerrationen erhalten, bis sie sich selbst versorgen können.«6) Das klingt ganz annehmbar, in Wirklichkeit aber trafen im Laufe des Jahres 1930 fast fünftausend solcher Familien, insgesamt 16.000 Menschen, ein und wurden wie üblich auf dem nackten Boden ausgesetzt. Im November jenes Jahres standen 268 Baracken, obwohl etwa 700 gebraucht wurden. Man pferchte drei, vier Familien in einem Raum zusammen. Es fehlte an Kleidung, festen Schuhen und Lebensmitteln. Die Dörfer der Verbannten hatten weder Badehäuser noch Straßen, Post- oder Telefonverbindung.7)

Zwar starben einige der Sonderumsiedler und viele versuchten zu fliehen — bis Ende Juli 344 Personen —, aber nach und nach wurden sie zu einem permanenten Anhängsel des Lagersystems in der Komi-Region. Sie lebten nicht hinter Stacheldraht, verrichteten aber die gleichen Arbeiten wie die Gefangenen, zuweilen sogar am selben Ort. Viele von ihnen erhielten schließlich Arbeit als Wachpersonal oder in der Lagerverwaltung.8) 

Die geografische Ausdehnung des Lagers schlug sich bald auch im Namen nieder. 1931 wurde die Uchta-Expedition in Besserungsarbeitslager Uchta-Petschora, kurz Uchtpetschlag umbenannt. In den folgenden zwanzig Jahren sollte sein Name noch mehrfach wechseln, denn es wurde wieder und wieder umorganisiert und weiter aufgeteilt. Die unterschiedlichen Bezeichnungen spiegeln die wechselnde Geografie, die Ausdehnung des Systems und seiner Bürokratie wider. Am Ende des Jahrzehnts war Uchtpetschlag bereits kein einzelnes Lager mehr. Es war zu einem ganzen Netzwerk gewuchert, dem zwölf Einzellager angehörten, darunter Uchtpetschlag und Uchtischemlag (Öl und Kohle), Ustwymlag (Holz), Workuta und Inta (Kohle) sowie Sewscheldorlag (Eisenbahnbau).9) 

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In den folgenden Jahren wurden Uchtpetschlag und seine Ableger immer weiter ausgebaut. Die neuen Institutionen für die ständig wachsenden Aufgaben erforderten auch neue Gebäude. Lagerverwaltungen errichteten eigene Krankenhäuser, organisierten die Ausbildung von Häftlingen zu Apothekern und Pflegepersonal. Um sich zu versorgen, gründeten sie eigene Kolchose, eigene Geschäfte und Vertriebssysteme. Um Strom zu haben, bauten sie eigene Kraftwerke. Auch das Baumaterial — vorwiegend Ziegel — stellten sie selbst her.

Um das Fachpersonal mussten sie sich ebenfalls selber kümmern. Viele der ehemaligen Kulaken waren Analphabeten oder konnten nur wenig lesen und schreiben. Das bereitete enorme Probleme, wenn es um Projekte mit bestimmten technischen Anforderungen ging. Die Lagerverwaltungen richteten daher technische Ausbildungsstätten ein, die wiederum neue Gebäude und weiteres

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Personal erforderten — Lehrer für Mathematik und Physik, aber auch Politinstrukteure, um diese zu überwachen.10 In den vierziger Jahren besaß Workuta, eine Stadt im Permafrost, wo die Straßen jedes Jahr neu asphaltiert und die Rohrleitungen jährlich repariert werden müssen, bereits ein geologisches Institut, eine Universität, Theater, ein Puppentheater, Hallenbäder und Kindergärten.

Zwar wurde um die räumliche Expansion von Uchtpetschlag öffentlich nicht viel Aufhebens gemacht, dennoch vollzog sie sich durchaus nicht aufs Geratewohl. Das Schicksal des Lagers war Gesprächsthema in den höchsten Gremien. So widmete das Politbüro im November 1932 in Anwesenheit Stalins fast eine ganze Sitzung der Debatte über Zustand und zukünftige Aussichten von Uchtpetschlag, wobei dessen Entwicklungsperspektiven und die dafür notwendigen Leistungen erstaunlich detailliert erörtert wurden. Nach dem Protokoll zu urteilen, scheint das Politbüro alle Entscheidungen getroffen oder zumindest alles, was auch nur entfernt von Bedeutung war, genehmigt zu haben: welche Bergwerke angelegt und welche Eisenbahnstrecken gebaut werden sollten, wie viele Traktoren, LKWs und Boote erforderlich waren, wie viele Familien von Verbannten es aufnehmen konnte. Das Politbüro bewilligte auch die Mittel für den Bau des Lagers — über 26 Millionen Rubel.11) 

Es ist kein Zufall, dass sich die Zahl der Häftlinge in den drei Jahren nach diesem Beschluss fast vervierfachte. Waren es Mitte 1932 noch 4797, so saßen dort Mitte 1935 bereits 17852 ein.12 Irgendwer ganz oben in der sowjetischen Hierarchie wollte, dass Uchtpetschlag rasch wuchs. In Anbetracht der dafür nötigen Befugnisse konnte das nur Stalin sein.

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»Die Kolyma«, schreibt der Historiker John Stephan, »ist ein Fluss, eine Bergkette, eine Region und eine Metapher.«13) Obwohl reich an Erzen, vor allem an Gold, ist die riesige Region an der Kolyma in der entferntesten Ecke Nordostsibiriens am Pazifik die wohl unwirtlichste Region ganz Russlands. Dort wird es noch kälter als im Komi-Gebiet. Im Winter sinkt die Temperatur in der Regel bis auf minus 45 Grad Celsius und manchmal noch darunter.14) 

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Um die Lager der Kolyma zu erreichen, wurden die Häftlinge zunächst mit der Eisenbahn durch die ganze UdSSR bis nach Wladiwostok transportiert. Das konnte drei Monate dauern. Der Rest der Strecke wurde per Schiff zurückgelegt, nach Norden an Japan vorbei durch das Ochotskische Meer bis zum Hafen von Magadan, dem Tor zum Einzugsgebiet der Kolyma.

Der erste Kommandant war Eduard Bersin, eine der schillerndsten Figuren in der Geschichte des Gulags. Bereits 1926 erteilte Stalin ihm den Auftrag, Wischlag, eines der ersten großen Lager in der Region, zu organisieren. Die OGPU baute Wischlag zeitgleich mit dem Weißmeer-Kanal. Bersin scheint Gorkis Vorstellungen über die Umerziehung der Gefangenen sehr begrüßt (oder zumindest begeisterte Lippenbekenntnisse dafür abgelegt) zu haben. Von paternalistischem gutem Willen erfüllt, ließ Bersin für seine Häftlinge Kinos und Diskussionsklubs, Bibliotheken und Speiseräume einrichten, die »Restaurants« nahe kamen. Er ließ Gärten mit Springbrunnen und einen kleinen Tierpark anlegen. Er zahlte den Gefangenen sogar regelmäßig Lohn und führte nach dem Beispiel der Lager am Weißmeer-Kanal das Prinzip »Haftverkürzung für gute Arbeit« ein. Diese Annehmlichkeiten kamen allerdings nicht allen zugute. Häftlinge, die als schlechte Arbeiter galten oder einfach Pech hatten, konnten in eines der vielen Nebenlager in der Taiga geraten, wo die Bedingungen schlecht und die Sterberaten höher waren, wo Häftlinge insgeheim gequält und sogar ermordet wurden.15

Bersin hatte zumindest die Absicht, sein Lager als respektable Einrichtung erscheinen zu lassen. Daher war er auf den ersten Blick ein merkwürdiger Kandidat für den ersten Chef der Bauverwaltung Fernost — Dalstroi —, jenes Pseudo-Unternehmens, das zur Erschließung des Kolyma-Gebietes gegründet wurde. Denn an dieser Gründung war nichts romantisch oder idealistisch. Stalin interessierte sich bereits seit 1926 für die Region. Damals hatte er einen Ingenieur zum Studium der dortigen Bergbau-Methoden in die USA geschickt.16 Zwischen dem 20. August 1931 und dem 16. März 1932 beriet das Politbüro nicht weniger als elf Mal über Geologie und Geografie des Kolyma-Gebiets, wobei Stalin häufig selbst das Wort ergriff Wie bereits im Falle der Janson-Kommission über den Aufbau des Gulags

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wurden auch diese Debatten nach Einschätzung des Historikers David Nordlander »nicht im Propagandaton des sozialistischen Aufbaus geführt, sondern in der praxisorientierten Sprache von Investition und Gewinn«. In Stalins späterem Briefwechsel mit Bersin war von Umerziehung nicht die Rede, dafür umso mehr von der Leistung der Häftlinge, von Produktionszielen und -ergebnissen.17) 

Bersins Begabung, nach außen einen angenehmen Eindruck zu erwecken, mag jedoch genau das gewesen sein, was die sowjetische Führung zu jener Zeit brauchte. Zwar wurde der von Bersin geleitete »Konzern« Dalstroi später direkt der Verwaltung des Gulags unterstellt, anfangs behandelte man ihn in der Öffentlichkeit jedoch so, als sei er eine Art Firmenkonglomerat, das mit dem Gulag nichts zu tun hatte. In aller Stille wurde daneben Sewwostlag gegründet, das von Anfang an dem Gulag angehörte und Dalstroi Häftlinge als Arbeitskräfte zur Verfügung stellte. In der Praxis waren beide Einrichtungen nie Konkurrenten füreinander. Dem Chef von Dalstroi unterstand auch Sewwostlag, und niemand hatte daran je einen Zweifel. Auf dem Papier waren es jedoch getrennte Unternehmen, und dieses Bild wurde auch für die Öffentlichkeit aufrechterhalten.18) 

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Dieses Arrangement hatte durchaus seine Logik. Zum einen brauchte Dalstroi dringend Freiwillige, vor allem Ingenieure und heiratsfähige Frauen. Beide Kategorien waren an der Kolyma stets dünn gesät. Bersin tat viel dafür, um freie Arbeitskräfte zur Umsiedlung in die Region zu bewegen. 

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Zu diesem Zweck eröffnete er sogar Büros in Moskau, Leningrad, Odessa, Rostow und Nowosibirsk.19 Schon deshalb wollten Stalin und Bersin offenbar die Kolyma nicht zu eng mit dem Gulag verbinden: Potenzielle Interessenten sollten nicht abgeschreckt werden. Außerdem war das Manöver — obwohl es keinen direkten Nachweis dafür gibt — wahrscheinlich auch für das Ausland gedacht. Wie sowjetisches Holz sollte auch das Gold von der Kolyma direkt in den Westen verkauft werden, damit dort wiederum dringend benötigte Technik und Maschinen erworben werden konnten. Die sowjetische Führung musste die Goldminen an der Kolyma unbedingt als ganz normale wirtschaftliche Unternehmen erscheinen lassen. Ein Boykott gegen sowjetisches Gold hätte die Sowjetunion viel härter getroffen als ein Holzboykott.  

Jedenfalls nahm Stalin von Anfang an großen persönlichen Anteil an der Entwicklung der Kolyma-Region. 1932 forderte er täglich Berichte über den Fortgang des Goldbergbaus an. Er interessierte sich bis in die Einzelheiten für die Erkundungsprojekte von Dalstroi und den Stand der Planerfüllung. Er schickte Inspektoren in die Lager und zitierte die führenden Männer von Dalstroi häufig nach Moskau. Wenn das Politbüro dem Unternehmen Mittel bewilligte, dann nie ohne exakte Weisungen, wie diese zu verwenden seien. So praktizierte man es bereits bei Uchtpetschlag.20) 

Allerdings war die »Selbstständigkeit« von Dalstroi nicht nur Fiktion. Zwar ging Bersin auf Stalins Forderungen ein, es gelang ihm aber, sein Unternehmen auf eigene Weise zu prägen, so dass die »Ära Bersin« später gewisse nostalgische Gefühle auslöste. Er scheint seine Aufgabe sehr direkt verstanden zu haben: Er hatte seine Gefangenen dazu zu bringen, so viel Gold wie möglich zu fördern. Sie zu bestrafen, hungern zu lassen oder gar zu töten lag nicht in seinem Interesse. Für ihn zählten allein die Produktionsergebnisse. Daher waren die Bedingungen unter dem ersten Chef von Dalstroi bei weitem nicht so hart, wie sie es später wurden, und die Häftlinge bei weitem nicht so hungrig. Dies trug sicher dazu bei, dass die Goldausbeute an der Kolyma in den ersten zwei Jahren der Existenz von Dalstroi auf das Achtfache stieg.21)

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Gleichwohl gab es in den ersten Jahren auch hier dasselbe Chaos und dieselbe Desorganisation wie in den anderen Lagern. Schließlich wurde an der Kolyma ein noch schärferes Tempo angeschlagen als in Uchtpetschlag. 1932 waren in der Region fast zehntausend Häftlinge im Einsatz, darunter die Gruppe von Ingenieuren und Technikern, deren Kenntnisse so nahtlos zu der gestellten Aufgabe passten. Dazu kamen über dreitausend »freie Arbeiter« außerhalb der Lager.22 Diesen hohen Zahlen entsprachen hohe Todesraten. Von den sechzehntausend Gefangenen, die in Bersins erstem Jahr zur Kolyma transportiert wurden, erreichten nur 9928 Magadan lebend.23 Sie wurden, schlecht gekleidet und kaum vor der Kälte geschützt, in die Schneestürme gejagt. Überlebende des ersten Jahres berichteten später, dass von den Angekommenen nur die Hälfte den ersten Winter überstand.24

Als das anfängliche Chaos überwunden war, normalisierte sich die Lage allmählich. Bersin gab sich große Mühe, die Lebensbedingungen zu verbessern, denn er glaubte nicht zu Unrecht, dass die Gefangenen warm wohnen und gut essen mussten, wenn sie viel Gold fördern sollten. Warlam Schalamow, ein Überlebender der Kolyma, dessen Erzählungen unter dem Titel Kolyma Tales [Geschichten aus Kolyma] zu den erschütterndsten der ganzen Lagerliteratur gehören, beschrieb die Ära Bersin als eine Zeit,

»da es ausgezeichnete Verpflegung gab, im Winter vier bis sechs Stunden und im Sommer zehn Stunden täglich gearbeitet wurde, die Gefangenen kolossale Löhne erhielten, was es ihnen ermöglichte, als wohlhabende Leute ins Leben zurückzukehren, wenn ihre Strafe abgelaufen war... Aus jener Zeit gibt es so wenige Friedhöfe, dass die frühen Bewohner der Kolyma denen, die später kamen, als unsterblich gegolten haben müssen.«25

Die Lebensbedingungen waren besser, und die Lagerleitungen behandelten die Gefangenen humaner als später. Zu jener Zeit verwischten sich die Grenzen zwischen Freien und Häftlingen. Die zwei Gruppen pflegten normalen Umgang miteinander. Manchen Häftlingen wurde es gestattet, in die Dörfer der freien Arbeitskräfte umzusiedeln; einige stiegen sogar zu Aufsehern, Geologen und Ingenieuren auf.26)

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Wie in Uchtpetschlag wurde auch die Infrastruktur der Kolyma bald komplizierter. In den dreißiger Jahren bauten Gefangene nicht nur Bergwerke, sondern auch die Docks und Wellenbrecher für den Hafen von Magadan sowie die Kolyma-Straße, den einzigen bedeutenden Verkehrsweg zu Lande, der von Magadan nach Norden fuhrt. Auch die Stadt selbst wurde von Häftlingen errichtet. 1936 zählte sie fünfzehntausend Einwohner und sollte ständig weiter wachsen. Als Jewgenia Ginsburg 1947 nach sieben Jahren in abgelegenen Lagern nach Magadan zurückkam, meinte sie »vor Staunen und Begeisterung [zu vergehen]... Erst nach einigen Wochen merke ich, daß diese Häuser an den Fingern abzuzählen waren. Doch im Moment ist dies für mich eine richtige Hauptstadt.«27

Ginsburg war eine der wenigen Gefangenen, der ein merkwürdiges Paradox auffiel: Der Gulag brachte Schritt für Schritt »Zivilisation« — wenn man das überhaupt so nennen kann — in die abgelegene Wildnis der Kolyma wie des Komi-Gebiets. Straßen wurden gebaut, wo vorher nur Wälder standen. Auf Marschland wuchsen Siedlungen empor. Die Ureinwohner mussten Städten, Fabriken und Eisenbahnen Platz machen:

»Wie rätselvoll ist doch das menschliche Herz! Aus tiefster Seele verfluche ich den, der auf den Gedanken kam, hier eine Stadt errichten zu lassen, auf diesem ewig gefrorenen Boden, den erst das Blut und später die Tränen völlig schuldloser Menschen ein wenig tauen ließen. Und gleichzeitig fühle ich einen völlig blödsinnigen Stolz... Wie ist unser Magadan, seit ich es vor sieben Jahren zuletzt sah, doch gewachsen und schöner geworden! Kaum wiederzuerkennen. Ich bewundere jede Laterne, jedes Fleckchen Asphalt und sogar das Plakat, das eine Aufführung der Operette <Die Dollarprinzessin> im Haus der Kultur ankündigt. Wahrscheinlich deshalb, weil uns jedes Stück unseres Lebens kostbar ist, selbst das bitterste.«28)

Bis 1934 breitete sich der Gulag nach dem Vorbild der Solowezki-Inseln an der Kolyma, im Komi-Gebiet, in Sibirien, in Kasachstan und in anderen Regionen der UdSSR aus. Überall forderten anfangs Schlampigkeit, Chaos und Unordnung viele unnötige Opfer. Und wenn es nicht bewusster Sadismus war, dann brachte die gedankenlose Brutalität der Aufseher, die die Gefangenen wie Arbeitstiere behandelten, viel Leid über die Menschen.

Mit der Zeit zog jedoch eine gewisse Ordnung ein. Die Todesraten, die im Hungerjahr 1933 ihren Höhepunkt erreichten, gingen in dem Maße zurück, wie die Organisation sich verbesserte. Nach der offiziellen Statistik lag die Sterberate 1934 im Durchschnitt bei 4 Prozent.29 In Uchtpetschlag wurde Öl gefördert, an der Kolyma nach Gold geschürft und in den Lagern des Archangelsker Gebiets Holz gefällt. Neue Straßen durchzogen Sibirien. Überall kam es zu Pannen und Havarien, aber das galt für die ganze UdSSR. Das Tempo der Industrialisierung, fehlende Planung und der Mangel an gut ausgebildeten Fachleuten mussten zu Unfällen und unnötigen Kosten führen, was den Chefs der Großprojekte durchaus bekannt war.

Trotz aller dieser Rückschläge wurde die OGPU bald zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor des Landes. 1934 setzte Dmitlag, das Lager, das den Moskwa-Wolga-Kanal errichtete, fast 200.000 Gefangene ein, eine noch größere Zahl, als am Weißmeer-Kanal gearbeitet hatten.30 Auch Siblag in Sibirien war weiter gewachsen und konnte 1934 stolz auf 63.000 Häftlinge verweisen. Dallag im Fernen Osten hatte sich in den vier Jahren seit seiner Gründung mehr als verdreifacht und setzte 1934 fünfzigtausend Häftlinge ein. Überall in der Sowjetunion waren neue Lager entstanden: Sazlag in Usbekistan, wo die Gefangenen in Kolchosen arbeiteten, Swirlag bei Leningrad, wo sie Bäume fällten und das Holz für die Stadt verarbeiteten, Karlag in Kasachstan, das Häftlinge zur Arbeit in die Landwirtschaft, in Fabriken und Fischereibetriebe schickte.31)

1934 wurde die OGPU ein weiteres Mal reorganisiert und umbenannt, um ihren neuen Status und ihre gewachsene Verantwortung zu betonen. Aus der Geheimpolizei wurde offiziell das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten, das bald unter der Abkürzung NKWD weltbekannt werden sollte. Diese Einrichtung kontrollierte nun das Schicksal von über einer Million Häftlingen.32) Die relative Ruhe sollte jedoch nicht von langer Dauer sein. Unvermittelt wurde das System von einer neuen Revolution in seinen Grundfesten erschüttert, die Herren und Sklaven gleichermaßen traf.

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