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2
Das erste |
Sie
sind Mönche und Priester,
Hier
sind Fürsten und Barone,
Auf
dieser Insel besitzen die Reichen kein Haus, |
Gedicht
eines anonymen Gefangenen, geschrieben 1926 auf den Solowezki-Inseln (1) |
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Wenn man vom Glockenturm am fernen Ende des alten Solowezker Klosters herabschaut, sind die Umrisse des Lagers auch heute noch deutlich zu erkennen. Eine dicke Steinmauer umgibt den Solowezker Kreml, die zentrale Anlage der Klostergebäude und Kirchen, die im fünfzehnten Jahrhundert erbaut wurden. Hier waren die Hauptverwaltung und die zentralen Einrichtungen des Lagers untergebracht. Westlich davon liegt die Anlegestelle, wo heute ein paar Fischerboote vertäut sind.
Einst wimmelte es hier von Häftlingen, die in der kurzen Schifffahrtsaison des Nordens wöchentlich, manchmal sogar täglich angelandet wurden. Dahinter sieht man die flachen Buchten des Weißen Meeres. Von hier nach Kem, dem wichtigsten Transitlager auf dem Festland, wo die Gefangenen an Bord gingen, brauchte das Schiff mehrere Stunden. Eine Fahrt nach Archangelsk, Hauptstadt der Region und größter Hafen am Weißen Meer, dauerte länger als 24 Stunden.
Im Norden sind die schwachen Umrisse der Sekirka, der Kirche auf der Anhöhe, zu erkennen, wo sich früher die Strafzellen des Lagers befanden. Im Osten ragt das Kraftwerk auf, das die Häftlinge bauten und das noch heute in Betrieb ist. Dahinter liegt der Streifen Land, wo sich der Botanische Garten befand. In den Anfangsjahren züchteten Gefangene hier verschiedene Pflanzen, um herauszufinden, welche im Hohen Norden nutzbringend zur Reife gebracht werden konnten.
Hinter dem Botanischen Garten kommen die anderen Inseln des Archipels in Sicht. Im Weißen Meer verstreut liegen Bolschaja Muksalma, wo die Häftlinge einst Silberfüchse wegen ihres Pelzes züchteten, Anser, wo Invaliden, Frauen mit Kleinkindern und ehemalige Mönche untergebracht waren, schließlich Sajazki, die Insel, die das Frauenlager beherbergte.(2)
Solschenizyn hat nicht zufällig das Bild vom Archipel gewählt, um das sowjetische Lagersystem zu beschreiben. Solowezki, das erste Lager, das als dauerhafte Einrichtung geplant und angelegt wurde, entwickelte sich in der Tat auf einem Archipel. Es wuchs von Insel zu Insel, wobei es Kirchen und Gebäude einer uralten Klostergemeinde in sich aufnahm. Das Kloster hatte übrigens auch früher schon als Gefängnis gedient. Die Solowezker Mönche, treue Diener des Zaren, waren ihm seit dem sechzehnten Jahrhundert dabei behilflich, politische Gegner, darunter aufsässige Priester und rebellische Adlige, wegzuschließen.(3)
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Offenbar konnte Dzierzynski persönlich die Sowjetregierung davon überzeugen, der Tscheka, die damals bereits OGPU (Vereinte Staatliche Politische Verwaltung) hieß, am 13. Oktober 1923 den beschlagnahmten Klosterbesitz zusammen mit den Klöstern Petrominsk und Cholmogory zu übergeben. Alle zusammen wurden »Lager zur besonderen Verwendung« getauft.(4) Später nannte man sie »nördliche Lager zur besonderen Verwendung«, russisch abgekürzt SLON für Sewernyje lagerja osobogo nasnatschenia. Slon bedeutet auf Russisch außerdem »Elefant«, eine Koinzidenz, die zu vielen Witzen Anlass gab, die Menschen aber auch erschaudern ließ.
Zwar haben Forscher in der letzten Zeit daraufhingewiesen, dass damals bereits weitere Lager und Gefängnisse existierten, aber Solowezki nahm zweifellos eine Sonderstellung ein. Und das nicht nur in den Erinnerungen der Überlebenden, sondern auch in der Geschichte der sowjetischen Geheimpolizei.5 Solowezki mag nicht das einzige Gefängnis in der Sowjetunion der zwanziger Jahre gewesen sein, aber es war das Gefängnis der OGPU und dasjenige, wo die Geheimpolizei lernte, Arbeitssklaven gewinnbringend einzusetzen.
Eine der beiden Häftlingskategorien auf den Inseln arbeitete zunächst allerdings nicht. Gemeint sind die etwa dreihundert politischen Gefangenen — Sozialisten —, die ab Juni 1923 vom Lager Petrominsk, aus der Butyrka sowie aus anderen Gefängnissen von Moskau und Petrograd dorthin verlegt wurden. Nach ihrer Ankunft wurden sie sofort in das kleine Kloster Sawwatjewo gebracht, einige Kilometer nördlich vom Hauptkomplex gelegen, damit sie nicht mit den anderen Häftlingen in Berührung kamen und diese nicht zu Hungerstreiks oder anderen Protesten verleiten konnten.
Anfangs gewährte man den Sozialisten die Privilegien politischer Gefangener, die sie so lange gefordert hatten: Bücher, Zeitungen, Bewegungsfreiheit innerhalb des Stacheldrahtzauns und Freistellung von körperlicher Arbeit. Jede der bedeutenderen politischen Parteien — linke Sozialrevolutionäre, rechte Sozialrevolutionäre, Anarchisten, Sozialdemokraten und später die Sozialistischen Zionisten — wählte einen Anführer und belegte Räume in einem jeweils eigenen Flügel des alten Klosters.6)
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Elinor Olizkaja, eine junge linke Sozialrevolutionärin, die 1924 verhaftet wurde, empfand Sawwatjewo zuerst gar nicht als Gefängnis. Nach der düsteren Moskauer Lubjanka wirkte es auf sie wie ein Schock. Ihre Behausung, eine ehemalige Mönchszelle, die nun in der Frauenabteilung des »Sozialrevolutionären« Flügels lag, war
»hell, sauber, blank gescheuert und hatte zwei große offene Fenster: Licht und Luft im Überfluss. Die Fenster waren auch nicht vergittert. In der Mitte der Zelle stand ein kleiner Tisch mit weißem Tischtuch. An den Wänden vier sauber bezogene Betten, neben jedem ein Nachttisch. Darauflagen Bücher, Notizblöcke und Stifte.«7)
Olizkaja musste bald erfahren, dass es hier auch Tuberkulose und andere Krankheiten gab und dass man von dem Essen kaum satt wurde. Aber die Solowezker politischen Gefangenen waren bemerkenswert gut organisiert. Der oder die Zellenälteste jeder Partei war für die Lagerung, Zubereitung und Verteilung der Lebensmittel zuständig. Auf Grund ihres Sonderstatus durften die politischen Gefangenen Pakete von Verwandten und selbst vom Politischen Roten Kreuz empfangen. Zwar hatte auch diese Organisation mit Schwierigkeiten zu kämpfen — bereits 1922 waren ihre Büros durchsucht und ihr Vermögen beschlagnahmt worden —, aber die Leiterin Jekaterina Peschkowa, die über ausgezeichnete Verbindungen verfügte, durfte den politischen Gefangenen nach wie vor persönlich Hilfsgüter schicken. 1923 sandte sie einen ganzen Waggon mit Lebensmitteln nach Sawwatjewo. Im Oktober jenes Jahres folgte eine Wagenladung Kleidung.8)
So also versuchte man zunächst die negative PR zu entkräften: Man gab den Politischen mehr oder weniger, was sie verlangten, isolierte sie aber von allen anderen, soweit dies möglich war. Doch diese Lösung sollte nicht von Dauer sein. Das Sowjetsystem duldete keine Ausnahmen.
Weit weniger Umstände machte man mit Gefangenen, deren Status nicht so abgesichert war und die bald die Hauptgebäude des Solowezker Kremls füllten. Von einigen hundert im Jahr 1923 war ihre Zahl zwei Jahre später bereits auf sechstausend angeschwollen.9)
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Offiziere und Sympathisanten der Weißen Armee, so genannte Spekulanten, ehemalige Adlige, Matrosen, die an der Kronstädter Revolte teilgenommen hatten, mischten sich mit gewöhnlichen Kriminellen. Der ehemalige Häftling Boris Schirjajew erinnert sich, wie der erste Lagerkommandant der Solowezki-Inseln, A. P. Nogtew, sie am ersten Abend »ironisch« mit folgenden Worten begrüßte: »Ich heiße euch willkommen. Wie ihr wisst, gibt es hier keine sowjetische, sondern nur die Solowezker Obrigkeit. Alle Rechte, die ihr bisher hattet, könnt ihr vergessen. Wir haben hier unsere eigenen Gesetze.«10
In den folgenden Tagen und Wochen sollten die meisten Häftlinge erfahren, was das Regime der Solowezker Obrigkeit bedeutete: eine Kombination aus verbrecherischer Vernachlässigung und willkürlicher Brutalität. In den umfunktionierten Kirchen und Mönchszellen herrschten äußerst primitive Lebensbedingungen, gegen die kaum etwas unternommen wurde.
Die erste Nacht verbrachte der Schriftsteller Oleg Wolkow auf einer blanken Pritsche, einem Brettergestell (von dem noch die Rede sein wird), wo mehrere Männer nebeneinander aufgereiht schliefen. Kaum hatte er sich hingelegt, fielen Wanzen auf ihn herab, »in endloser Folge, als seien es Ameisen. An Schlaf war nicht zu denken.« Er trat vor die Tür, aber dort umschwärmte ihn augenblicklich eine Wolke Mücken. »Voller Neid blickte ich auf die, die fest schliefen, obwohl sie über und über von Parasiten bedeckt waren.«11)
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Außerhalb des Hauptlagers war es kaum besser. Offiziell unterhielt SLON neun Lager auf der Inselgruppe, die in Bataillone unterteilt waren. Manche Gefangene vegetierten unter noch primitiveren Umständen im Wald in der Nähe der Holzeinschläge.12) Auf den entfernteren Inseln wurde das Verhalten des Wachpersonals und der Lagerchefs von der zentralen Lagerleitung kaum noch kontrolliert. Die verheerenden hygienischen Bedingungen, die zermürbende körperliche Arbeit und die schlechte Ernährung führten natürlich zu Krankheiten, vor allem Typhus. Bei einer besonders schweren Epidemie im Winter 1925/26 starb etwa ein Viertel der circa sechstausend Häftlinge, die SLON damals in Verwahrung hatte.13)
Für einige Gefangene hielten die Solowezki-Inseln noch Schlimmeres bereit als Beschwerlichkeit und Krankheit. Sie waren dort einem Sadismus und sinnlosen Folterungen ausgesetzt, wie sie im Gulag später nur noch selten vorkamen, als nach Solschenizyn »die Antreiberei zum durchdachten System« geworden war.14) Zwar werden diese Quälereien und Schikanen in vielen Erinnerungen beschrieben, aber die umfassendste Aufstellung findet sich im Bericht einer Untersuchungskommission, die Moskau Ende der zwanziger Jahre auf die Insel sandte.
Bei dieser Inspektion stellten die Moskauer Beamten entsetzt fest, dass das Wachpersonal Gefangene regelmäßig im Winter unbekleidet in den ungeheizten Glockentürmen der Kathedrale stehen ließ, Hände und Füße auf dem Rücken mit einem einzigen Strick gefesselt. Oder sie zwangen Gefangene, bis zu achtzehn Stunden lang bewegungslos auf Pfählen zu sitzen, wobei ihnen manchmal sogar Gewichte an die Beine gebunden wurden, was ihnen zwangsläufig schwere Verletzungen zufügte. Häftlinge mussten bei Frost und Kälte bis zu zwei Kilometer nackt zum Badehaus marschieren. Oder man gab ihnen absichtlich verdorbenes Fleisch zu essen und verweigerte ihnen medizinische Behandlung. Auch völlig sinn- und nutzlose Arbeiten waren an der Tagesordnung. So mussten die Gefangenen große Mengen Schnee von einem Ort zum anderen bewegen oder von einer Brücke in den Fluss springen, wenn ein Wachmann »Delphin!« rief.15)
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Sowohl in Archivdokumenten als auch in Memoiren wird eine weitere Art der Folter erwähnt, die es nur auf den Inseln gab: Häftlinge wurden »den Mücken zum Fraß« vorgeworfen. Ein weißgardistischer Offizier namens Klinger, dem später als einem der wenigen die Flucht von den Solowezki-Inseln gelang, berichtet, wie ein Häftling diese Tortur erleiden musste, weil er sich darüber beschwerte, dass ein Paket von zu Hause eingezogen worden war. Die wütenden Aufseher befahlen dem Mann, sich nackt auszuziehen, und banden ihn dann an einen Pfahl im Wald, wo es im Polarsommer von Mückenschwärmen wimmelt. »Nach kaum einer halben Stunde war der Unglückliche von den Stichen am ganzen Körper rot angeschwollen«, schrieb Klinger. Schließlich habe er vor Schmerzen und Blutverlust das Bewusstsein verloren.16)
Auch Massenexekutionen scheint es immer wieder gegeben zu haben, denn viele Häftlinge erinnern sich, ständig im Schrecken vor einer willkürlichen Hinrichtung gelebt zu haben. Fast ebenso schlimm war es, in die Sekirka geschickt zu werden, die Kirche, in deren Kellern die Strafzellen lagen. Zwar kursieren viele Geschichten darüber, was dort vorging, aber so wenige Gefangene kehrten von dort lebend zurück, dass man über die realen Bedingungen kaum etwas Verlässliches weiß.
Eine Solowezker Legende besagt, dass die lange Treppe mit 365 hölzernen Stufen, die den steilen Abhang von der Kirche hinab führte, ebenfalls ein Ort massenhafter Tötungen gewesen sein soll. Als die Lagerleitung es den Wachen schließlich verbot, die in die Sekirka eingelieferten Häftlinge zu erschießen, organisierten diese »Zwischenfälle«, bei denen die Häftlinge die Stufen hinabstürzten.17 In den letzten Jahren haben Nachkommen von Häftlingen am unteren Ende der Treppe, an der Stelle, wo die Gefangenen vermutlich starben, ein Holzkreuz errichtet. Heute ist das ein friedlicher, fast heblicher Ort — so schön, dass das Museum für Solowezker Heimatgeschichte Ende der neunziger Jahre die Sekirka, die Treppe und das Kreuz als Motiv für eine Weihnachtskarte verwandte.
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Während die Anfang der zwanziger Jahre in den SLON-Lagern herrschende Irrationalität und Unberechenbarkeit für Tausende den Tod bedeutete, ermöglichten sie es anderen, nicht nur zu überleben, sondern buchstäblich zu singen und zu tanzen. 1923 gründete eine Hand voll Gefangener das erste Lagertheater. Anfangs hatten die Darsteller, von denen viele nach einem Zehnstundentag beim Holzfällen im Wald zur Probe kamen, keinen geschriebenen Text, so dass sie die Klassiker aus dem Gedächtnis rezitieren mussten. Einen großen Fortschritt machte das Theater, als 1924 eine ganze Gruppe von Berufsschauspielern eintraf, die man allesamt als Mitglieder einer »konterrevolutionären« Bewegung verurteilt hatte. In jenem Jahr gab man Tschechows Onkel Wanja und Gorkis Kinder der Sonne.18) Später kamen im Solowezker Theater auch Opern und Operetten zur Aufführung, traten Akrobaten auf, wurden Filme gezeigt.
Das Theater war nicht die einzige Form von Kultur im Lager. In Solowezki gab es eine Bibliothek, die am Ende 30.000 Bände umfasste, außerdem den Botanischen Garten, wo die Häftlinge mit arktischen Pflanzen experimentierten. Die Lagerinsassen, unter ihnen viele Wissenschaftler aus St. Petersburg, bauten ein Museum mit Sammlungen zur lokalen Flora, Fauna, Kunst und Geschichte auf.19) Einige privilegierte Gefangene hatten Zugang zu einem »Klub«, der — zumindest auf Fotos — recht bürgerlich wirkt. Man erkennt ein Klavier, Parkettfußboden und an den Wänden Bilder von Marx, Lenin und Lunatscharski, dem ersten Kulturminister der Sowjetunion. Das Ganze macht einen sehr gemütlichen Eindruck.20)
Mit alten lithografischen Geräten der Mönche stellten die Häftlinge Monatsschriften und Zeitungen her, in denen Karikaturen, Gedichte voller Heimweh und überraschend freimütige Erzählungen zu finden sind. So enthält die Dezemberausgabe der Zeitschrift »Solowezkie ostrowa« [Die Solowezki-Inseln] von 1925 eine Kurzgeschichte über eine ehemalige Schauspielerin, die im Lager als Wäscherin arbeiten musste und sich nicht an ihr neues Leben gewöhnen konnte. Sie endet mit dem Satz: »Auf Solowezki lastet ein Fluch.«
Die Publikationen enthielten auch anspruchsvollere Artikel, so Lichatschows Analyse der Spieler-Ehre von Kriminellen oder eine Beschreibung von Kunst und Architektur der verfallenden Kirchen auf den Inseln.
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In den Jahren 1926 bis 1929 brachte der Verlag SLON 29 Ausgaben der Schriftenreihe der Gesellschaft für Solowezker Heimatgeschichte heraus, einer Organisation, die Flora und Fauna der Inseln vor allem im Hinblick auf spezifische Arten — das Rentier und nur dort vorkommende Pflanzen — erforschte und Artikel über Ziegelherstellung, Windströmungen, nützliche Mineralien oder Pelztierhaltung veröffentlichte. Ihre Studie über die geologische Struktur der Inseln benutzt die Direktorin des Museums für Heimatgeschichte noch heute.21)
Häftlinge, die gewisse Privilegien genossen, durften sogar an den neuen sowjetischen Riten und Feiern wie dem 1. Mai teilnehmen. Spätere Gefangenengenerationen waren davon ausdrücklich ausgeschlossen. Noch erstaunlicher ist aus der Sicht der späteren Jahre, dass sich religiöse Feiern noch lange auf den Inseln hielten. Exhäftling W. A. Kasatschkow erinnert sich an den »grandiosen« Ostergottesdienst von 1926:
»Als das Fest näherrückte, forderte der neue Divisionschef, dass diejenigen sich melden sollten, die zur Kirche gehen wollten. Zunächst tat das fast niemand, weil man die Folgen fürchtete. Aber unmittelbar vor Ostern gab es dann eine große Zahl solcher Meldungen ... Eine gewaltige Prozession bewegte sich auf der Straße zur Onufrijewskaja-Kirche, der Friedhofskapelle. Die Menschen gingen in mehreren Reihen. Natürlich fanden wir nicht alle in der Kapelle Platz. Viele standen draußen, und wer zu spät kam, konnte gar nichts von dem Gottesdienst hören.«22)
Selbst die Ausgabe der offiziellen Zeitschrift »Solowezki Lager« vom Mai 1924 bezeichnete in einem Leitartikel Ostern vorsichtig, aber positiv als »ein uraltes Fest zur Begrüßung des Frühlings«, das »unter dem roten Banner durchaus begangen werden kann«.23)
Zur Verwunderung vieler Gefangener überlebte mit den religiösen Festen auch eine Hand voll Mönche bis in die zweite Hälfte der zwanziger Jahre. Sie waren als »Instrukteure« tätig, die den Häftlingen die nötigen Kenntnisse vermittelten, um den einstmals prosperierenden Ackerbau und das Fischereigewerbe weiter zu betreiben.
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Immerhin hatte Solowezker Hering einst selbst die Tafel des Zaren geziert. Außerdem weihten die Mönche die Gefangenen in die Geheimnisse des komplizierten Kanalsystems ein, das die Kirchen seit Jahrhunderten miteinander verband. Nach und nach kamen Dutzende sowjetischer Priester und Angehörige der Hierarchien sowohl der russisch-orthodoxen als auch der katholischen Kirche hinzu, die sich der Beschlagnahme von Kirchengütern widersetzt oder das »Dekret über die Trennung von Kirche und Staat« verletzt hatten. Wie die politischen Gefangenen durften auch die Geistlichen bis in die Jahre 15130/31 in einem besonderen Gebäude des Kremls getrennt für sich leben und in der ehemaligen Friedhofskapelle Gottesdienste abhalten.
Privilegien konnte man sich außerdem erkaufen. Wer Geld hatte, konnte sich von der Arbeit im Wald loskaufen, gegen Folter und Tod absichern. Im Lager gab es ein Restaurant, das auch Gefangene (illegal) bediente. Wer Bestechungsgelder zahlen konnte, durfte sich Lebensmittel von außerhalb beschaffen.24 Eine Zeit lang unterhielt die Lagerverwaltung auf den Inseln sogar »Läden«, wo Gefangene Kleidung zum doppelten Preis erwerben konnten.25)
Ein »Graf Violaro« soll sich angeblich sogar freigekauft haben — eine schillernde Figur, deren Name in unterschiedlicher Schreibweise in mehreren Memoiren auftaucht. Der Graf, der gewöhnlich als »Botschafter Mexikos in Ägypten« beschrieben wird, beging nach der Revolution den Fehler, zusammen mit seiner Frau deren Familie in Sowjet-Georgien zu besuchen. Beide wurden verhaftet und in den Hohen Norden gebracht. Obwohl sie zunächst ins Lager kamen, wo die Gräfin als Wäscherin arbeiten musste, ging die Legende um, der Graf habe für 5000 Rubel beiden das Recht erkauft, in einem separaten Haus mit Pferd und Diener leben zu dürfen.26
Beispiele wie diese, dass wohlhabende Häftlinge gut lebten und früher freikamen, fielen so ins Auge, dass eine Gruppe weniger privilegierter Gefangener 1926 einen Brief an das Präsidium des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei schrieb, um »das Chaos und die Gewalt [anzuprangern], die im Solowezker Konzentrationslager herrschen«.
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In einer Sprache, die auf die kommunistische Führung Eindruck machen sollte, beklagten sie, dass »diejenigen, die Geld haben, dieses zur Bestechung nutzen, wodurch alle Lasten auf die Schultern der Arbeiter und Bauern abgewälzt werden, die kein Geld haben«. Während die Reichen sich leichtere Arbeit erkauften, »müssen die Armen 14 bis 16 Stunden am Tag arbeiten«.(27) Wie sich herausstellte, waren sie nicht die Einzigen, denen die willkürlichen Praktiken der Lagerchefs auf den Solowezki-Inseln nicht passten.
Während sich die Gefangenen gegen Gewalt und unfaire Behandlung wandten, plagten die oberen Etagen der sowjetischen Hierarchie andere Sorgen. Mitte der zwanziger Jahre wurde klar, dass die Lager von SLON wie auch das System der »regulären« Gefängnisse ihr wichtigstes Ziel, sich finanziell selbst zu tragen, nicht erreichten.(28) Die sowjetischen Konzentrationslager, besondere und reguläre gleichermaßen, warfen keinen Gewinn ab. Im Gegenteil, die Kommandanten verlangten immer mehr Geld.
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In dieser Hinsicht glich das Lager Solowezki den anderen sowjetischen Haftanstalten jener Zeit. Zwar mag auf den Inseln der Kontrast zwischen Grausamkeit und Komfort wegen der besonderen Art von Gefangenen und Wachmannschaften größer gewesen sein als anderswo, aber die beschriebenen Unregelmäßigkeiten kamen in allen Lagern und Gefängnissen vor. Theoretisch bestand auch das reguläre Gefängnissystem aus »Arbeitskolonien«, die Landwirtschaftsbetrieben, Werkstätten und Fabriken angeschlossen waren, schlecht funktionierten und kaum Gewinne erzielten.29
Im Bericht eines Inspektors aus dem Jahr 1928 über ein solches Lager im ländlichen Kardien — 59 Gefangene, dazu sieben Pferde, zwei Schweine und 21 Rinder — wird beanstandet, dass nur die Hälfte der Gefangenen Decken hatte, die Pferde in schlechtem Zustand waren und eines gar ohne Genehmigung an einen Zigeuner verkauft wurde. Ein Häftling, der im Lager als Schmied gearbeitet hatte, ließ bei seiner Freilassung das gesamte Werkzeug mitgehen. Der Lagerchef verbrachte drei, vier Tage in der Woche außerhalb des Lagers und ließ häufig Gefangene ohne Genehmigung vorzeitig frei. Er »weigerte sich beharrlich«, den Gefangenen etwas über Landwirtschaft beizubringen, und erklärte unumwunden, es sei »sinnlos«, Häftlingen eine Ausbildung zu geben. Einige der Insassen lebten mit ihren Frauen zusammen. Unter den Wachen kam es immer wieder zu »Saufereien und Streit«.30 Es nimmt nicht wunder, dass die übergeordneten Behörden der karelischen Regierung 1929 vorwarfen, diese begreife offenbar »die Bedeutung der Zwangsarbeit als gesellschaftliche Schutzmaßnahme und ihre Vorteile für Staat und Gesellschaft« nicht.31)
Da die Lager so unprofitabel arbeiteten, wurden von Zeit zu Zeit Amnestien verkündet, um den Strafvollzug zu entlasten. Eine der umfangreichsten erfolgte im Herbst 1927 aus Anlass des zehnten Jahrestages der Oktoberrevolution. Über 50.000 Insassen des regulären Gefängnissystems kamen frei, weil man das Problem der Überfüllung lösen und Geld sparen wollte.32)
Am 10. November 1925 war die Notwendigkeit, »aus den Gefangenen mehr Nutzen zu ziehen«, auch auf höchster Ebene anerkannt worden. An jenem Tag schrieb Georgi Pjatakow, der später noch viele wichtige Funktionen in der Wirtschaftsführung bekleiden sollte, an Dzierzynski einen Brief.
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»Mein Studium geografischer Faktoren, die industrielle Probleme berühren, hat mich davon überzeugt«, heißt es darin, »dass, um elementare Bedingungen für eine Arbeitskultur zu schaffen, in einigen Regionen Zwangsarbeitssiedlungen eingerichtet werden müssen. Wahrscheinlich können solche Siedlungen die Überbelegung in Haftorte [sic!] entlasten. Die GPU sollte beauftragt werden, diese Probleme zu erforschen.«
Er nannte vier Regionen, die dringend der Erschließung harrten. An allen genannten Orten — auf der Insel Sachalin im Fernen Osten, an der Mündung des Jenissei im Hohen Norden, in der kasachischen Steppe und in der Gegend um die sibirische Stadt Nertschinsk — entstanden später Lager. Dzierzynski notierte seine Zustimmung und gab den Brief an zwei Kollegen zur Bearbeitung weiter.33)
Zunächst passierte nichts, was vielleicht daran lag, dass Dzierzynski bald darauf verstarb. Aber Pjatakows Brief war ein Vorbote wichtiger Veränderungen. Am Ende dieses Jahrzehnts sollte das Chaos in den postrevolutionären sowjetischen Gefängnissen beseitigt und einem neuen System gewichen sein. Solowezki wurde nicht nur zu einem durchorganisierten Wirtschaftsunternehmen, sondern zu einem regelrechten Musterlager, nach dessen Vorbild Tausende weitere in allen Gegenden der UdSSR geklont wurden.
Einige der Veränderungen gingen von der obersten Staatsrührung aus, wie der Brief an Dzierzynski zeigt. Die Strukturen des neuen Systems — die neuen Methoden, wie man die Lager leitete, die Häftlinge organisierte und zur Arbeit einsetzte — wurden jedoch auf den Inseln entwickelt. Mochte Mitte der zwanziger Jahre im Lager von Solowezki noch das Chaos geherrscht haben, so war es doch der Nährboden, aus dem das künftige Gulagsystem erwuchs.
Zumindest ein Teil der Erklärung, warum und wie SLON sich veränderte, rankt sich um die Person von Naftali Aronowitsch Frenkel, einen Gefangenen, der sich beharrlich nach oben arbeitete, bis er schließlich zu einem der einflussreichsten Lagerkommandanten auf den Solowezki-Inseln wurde.
Solschenizyn behauptet im Archipel Gulag, Frenkel persönlich habe die Methode entwickelt, den Haftungen die Verpflegung nach der Menge der geleisteten Arbeit zuzuteilen. Dieses menschenverachtende System, das schwächeren Gefangenen in wenigen Wochen den Tod brachte, sollte später zahllose Opfer fordern. Viele russische und westliche Historiker bestreiten hingegen Frenkels Rolle und tun die zahllosen Geschichten über dessen Allmacht als reine Legenden ab.34
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Dokumente aus kürzlich geöffneten Archiven, vor allem aus regionalen Sammlungen in Kardien, der Sowjetrepublik, zu der Solowezki damals gehörte, stellen seine Bedeutung nun eindeutig klar. Wenn Frenkel auch nicht alle Aspekte des Systems zugeschrieben werden können, so war er es doch, der das Lager zu einem offenbar Gewinn bringenden Wirtschaftsunternehmen umgestaltete. Er tat dies zu einer Zeit, an einem Ort und in einer Weise, dass er damit durchaus Stalins Aufmerksamkeit erregt haben kann.
Die Konfusion um Frenkels Person ist nicht überraschend. Sein Name taucht in vielen Memoiren über die Frühzeit des Lagersystems auf, und schon damals, zu seinen Lebzeiten, war er offenbar eine fast mythische Figur. Offizielle Fotos zeigen einen düster und berechnend dreinblickenden Mann in Ledermütze mit sorgfältig getrimmtem Schnurbart. Ein Häftling behauptet, er habe sich »wie ein Dandy gekleidet«.35) Einer seiner OGPU-Kollegen, der ihn sehr bewunderte, schwärmte von Frenkels phänomenalem Gedächtnis, er habe alles im Kopf gerechnet.36) Die sowjetische Propaganda lobte später ebenfalls sein »unglaubliches Gedächtnis«, »seine exzellente Kenntnis der Holz- und Forstwirtschaft im Allgemeinen«, der Landwirtschaft und des Maschinenbaus im Besonderen sowie seine hervorragende Allgemeinbildung.37)
Bei anderen war er verhasst und gefürchtet. In mehreren Sondersitzungen der Parteizelle von Solowezki im Jahre 1928 warfen Frenkels Kollegen ihm vor, er habe ein eigenes Spitzelnetz aufgebaut, »so dass er alles über jeden als Erster erfährt«.38) 1927 war von ihm bereits in Paris die Rede. In einem seiner ersten Bücher über Solowezki schrieb ein französischer Antikommunist über Frenkel: »Dank seines schrecklich gefühllosen Vorgehens werden Millionen unglücklicher Mensehen entsetzliche Arbeiten und grausame Leiden auferlegt.«39)
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Frenkels Herkunft war auch für seine Zeitgenossen ein Rätsel. Solschenizyn hielt ihn für einen türkischen Juden, der »in Konstantinopel geboren« worden sei,40 ein anderer für einen »Fabrikanten aus Ungarn«.41 Schirjajew behauptete, Frenkel stamme aus Odessa, andere meinten, aus Österreich oder Palästina. Es hieß auch, er habe in einem amerikanischen Ford-Werk gearbeitet.42 Klarheit bringt seine Häftlingskarte, auf der eindeutig vermerkt ist, dass er 1883 in Haifa geboren wurde, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte. Von dort kam er (entweder über Odessa oder über Österreich-Ungarn) in die Sowjetunion, wo er sich selbst als »Kaufmann« bezeichnete.43 1923 wurde er wegen »illegalen Grenzübertritts« verhaftet. Das konnte bedeuten, dass er entweder mit Schmuggel zu tun hatte oder als Händler einfach zu erfolgreich für die Sowjetunion war. Man verurteilte ihn zu zehn Jahren Zwangsarbeit auf den Solowezki-Inseln.44
Die Legende behauptet nun, er sei bei seiner Ankunft im Lager über die schlechte Organisation, die Verschwendung von Geld und Arbeit so schockiert gewesen, dass er sich hingesetzt und einen langen Brief verfasst habe, der im Detail beschrieb, wo das Problem bei jedem einzelnen Gewerbe des Lagers lag — der Forstwirtschaft, der Landwirtschaft und der Ziegelbrennerei. Er warf ihn in den Beschwerdekasten für Häftlinge, wo er einem Beamten der Lagerverwaltung auffiel.
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Dieser wiederum sandte ihn als Kuriosität an Genrich Jagoda, der damals rasch Karriere machte und bald an der Spitze der Geheimpolizei stehen sollte. Angeblich verlangte Jagoda sofort den Verfasser des Briefes zu sprechen. Einem Zeitgenossen (und auch Solschenizyn, der allerdings keine Quelle nennt) zufolge behauptete Frenkel, er sei schließlich nach Moskau gerufen worden, wo er seine Vorstellungen mit Stalin und dessen Gefolgsmann Kaganowitsch erörtert habe.45
Für diese Geschichten sprechen einige indirekte Hinweise. So stieg Naftali Frenkel zum Beispiel selbst angesichts der chaotischen Verhältnisse in SLON in überraschend kurzer Zeit vom Häftling zum Wachmann auf. Wir wissen auch, dass er die Ekonomitscheski-kommertscheskaja Tschast, die Wirtschafts- und Handelsabteilung von SLON, aufbaute und später leitete. Dabei war er bestrebt, die Lager auf den Solowezki-Inseln nicht nur rentabel zu machen, wie es die Dekrete der Regierung forderten, sondern zu wirklich gewinnbringenden Unternehmen zu entwickeln, die sogar anderen Betrieben Aufträge wegschnappten. Zwar handelte es sich durchweg um staatliche und nicht um private Unternehmen, aber in den zwanziger Jahren gab es in der Sowjetwirtschaft noch Elemente von Konkurrenz, die Frenkel für sich nutzte. Im September 1925, als er bereits an der Spitze der Wirtschaftsabteilung stand, erhielt SLON den Auftrag, in Karelien 130.000 Kubikmeter Holz zu schlagen, womit eigentlich ein ziviler Forstbetrieb beauftragt werden sollte. Außerdem war SLON inzwischen Aktionär der karelischen Kommunalbank geworden und bemühte sich um die Genehmigung, eine Straße von Kern zur weit im Norden liegenden Stadt Uchta zu bauen.46
Den Behörden der Republik Karelien waren all diese Aktivitäten ein Dorn im Auge. Sie hatten sich der Einrichtung des Lagers von Anfang an widersetzt.47 Jetzt wurden die Klagen lauter. Auf einer Sitzung, bei der eine Erweiterung von SLON erörtert wurde, beschwerten sich die örtlichen Behörden, das Lager setze auf unfaire Weise billige Arbeitskräfte ein und raube damit den Forstarbeitern der Gegend die Arbeit.
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Die Sache spitzte sich zu, und bald wurden noch schwerer wiegende Einwände vorgebracht. So beschuldigten örtliche Funktionäre SLON auf einer Sitzung des karelischen Rates der Volkskommissare — der Regierung der Karelischen Republik — im Februar 1926, es fordere zu hohe Preise für den Bau der Straße von Kern nach Uchta. »Es ist deutlich geworden«, fasste Genosse Juschnew ärgerlich zusammen, dass »SLON ein Unternehmer mit großen, raffgierigen Händen ist, der nur nach Profit strebt.«48)
Der Streit darum, ob es rentabel, effizient und fair sei, Gefangene zur Arbeit einzusetzen, sollte ein Vierteljahrhundert lang andauern (und wird in diesem Buch noch eingehender behandelt werden). Mitte der zwanziger Jahre konnten die karelischen Behörden ihn nicht gewinnen. In seinen Berichten über den wirtschaftlichen Zustand des Solowezker Lagers aus dem Jahr 1925 rühmte Genosse Fjodor Eichmann, damals Stellvertreter von Lagerchef Nogtew und später selbst Kommandant des Lagers, die wirtschaftlichen Leistungen von SLON. Er behauptete, die Ziegelei, die zuvor in einem »traurigen Zustand« war, sei nun eine florierende Fabrik, die Holzfällerkolonnen übererfüllten den Jahresplan, man habe den Bau des Kraftwerkes abgeschlossen und die Fischproduktion verdoppelt.49)
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Diese Erfolge wurden bald zum Hauptargument für den Umbau des gesamten Strafvollzugs der Sowjetunion. Wenn sie nur durch schlechtere Verpflegung und noch bescheidenere Lebensbedingungen für die Gefangenen zu erreichen waren, dann störte das kaum jemanden.50 Wenn darunter das Verhältnis zu den Behörden vor Ort litt, interessierte das noch weniger.
Im Lager selbst gab es kaum Zweifel, wer für diesen angeblichen Erfolg verantwortlich war. Für die Kommerzialisierung des Lagers stand eindeutig Frenkel, und viele hassten ihn dafür. Auf einer Versammlung der Solowezker Parteiorganisation 1928 — wo es in heftigen Debatten so hoch herging, dass ein Teil des Protokolls als zu geheim galt, um ihn im Archiv zu belassen, weshalb er gänzlich verschwunden ist — führte ein Lagerkommandant, Genosse Jaschenko, Klage darüber, dass die Wirtschafts- und Handelsabteilung von SLON viel zu großen Einfluss erlangt habe: »Sie ist für alles zuständig.« Frenkel sei zu wichtig geworden, erklärte Jaschenko (dessen Wortwahl im Übrigen deutlich antisemitisch gefärbt war): »Als das Gerücht aufkam, er könnte uns verlassen, hieß es überall: >Ohne ihn geht es doch nichts«
Andere stellten die Frage, wieso Frenkel, ein früherer Häftling, in den SLON-Läden billiger einkaufen könne und bevorzugt bedient werde, als ob er der Besitzer wäre. Wieder andere kritisierten, SLON sei so kommerzialisiert, dass alle anderen Aufgaben in Vergessenheit gerieten: Die Erziehungsarbeit im Lager sei völlig eingeschlafen, und den Häftlingen würden unfaire Arbeitsbedingungen aufgezwungen.51
Aber so wie SLON den Streit gegen die karelischen Behörden gewann, so gewann auch Frenkel — vielleicht dank seiner guten Kontakte nach Moskau — die SLON-interne Auseinandersetzung darüber, in welche Richtung sich das Lager auf den Solowezki-Inseln entwickeln sollte, wie die Häftlinge arbeiten und wie sie behandelt werden sollten.
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Zwar hat Frenkel wie erwähnt das berüchtigte System wahrscheinlich nicht erfunden, das die Essensrationen der Häftlinge nach ihrer Arbeitsleistung bestimmte. Aber er trug zu einer Zeit Verantwortung, als sich aus einer chaotischen Situation, da die Arbeit nur gelegentlich mit einer Zusatzration »belohnt« wurde, eine exakte, regulär angewandte Methode der Essenzuteilung und Arbeitsorganisation der Häftlinge entwickelte.
Frenkels System hatte durchaus seine Logik. Er teilte die Häftlinge nach ihrem körperlichen Zustand in drei Gruppen ein: für Schwerarbeit, für leichte Arbeit und Invaliden. Jede Gruppe erhielt eigene Aufgaben und Arbeitsnormen. Danach wurde die Verpflegung eingeteilt, wobei die Unterschiede recht drastisch waren. Die niedrigste Kategorie bekam nur halb so viel zu essen wie die höchste.52
In der Praxis lief das darauf hinaus, dass nur zwei Häftlingskategorien übrig blieben: die mit und die ohne Überlebenschance. Die körperlich kräftigen Gefangenen, die relativ gut versorgt wurden, gewannen noch an Kraft. Die schwachen dagegen wurden bei der schlechten Ernährung immer schwächer, erkrankten und starben bald. Der ganze Vorgang beschleunigte sich dadurch, dass die Arbeitsnormen sehr hoch waren — zu hoch für viele Häftlinge, insbesondere für Stadtbewohner, die noch nie im Leben Torf gestochen oder Bäume gefällt hatten.
Unter Frenkels Leitung veränderte sich außerdem der Charakter der Arbeit. An exotischen Spielereien wie Pelztierzucht oder Experimenten mit arktischen Pflanzen war er nicht interessiert. Stattdessen schickte er die Häftlinge zum Straßenbau und zum Holzfällen.33 Frenkel kümmerte es auch nicht, ob die Häftlinge in Gefängnissen oder hinter Stacheldraht gehalten wurden. Er sandte seine Zwangsarbeiter-Trupps dorthin, wo sie gebraucht wurden, an jeden Ort der Karelischen Republik und des Gebietes Archangelsk auf dem russischen Festland, Tausende Kilometer von den Inseln entfernt.54
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Wie ein Unternehmensberater, der einen bankrotten Betrieb übernimmt, »rationalisierte« Frenkel die verschiedensten Aspekte des Lagerlebens und merzte nach und nach alles aus, was nicht zur ökonomischen Produktivität beitrug. Unter seiner Führung wurde die Kategorie des »politischen Gefangenen« endgültig abgeschafft. Als im Herbst 1925 Kriminelle und wegen konterrevolutionärer Vergehen Verurteilte gemeinsam in die großen Holzeinschläge und Sägewerke auf dem karelischen Festland geschickt wurden, war es mit den künstlichen Unterschieden zwischen beiden Kategorien von Häftlingen vorbei. SLON erkannte privilegierte Gefangene nicht mehr an, sondern betrachtete alle Lagerinsassen in erster Linie als potenzielle Arbeitskräfte.(55)
Die Sozialisten in der Kaserne von Sawwatjewo stellten ein größeres Problem dar. Sozialistische Politiker passten in keine Vorstellung von wirtschaftlicher Effizienz, denn sie weigerten sich grundsätzlich, irgendeine Form von Zwangsarbeit zu leisten. Sie schlugen nicht einmal ihr eigenes Feuerholz. »Wir sind auf behördliche Anweisung in der Verbannung«, erklärte einer, »daher müssen uns die Behörden mit allem Notwendigen versorgen.«56 Diese Haltung löste bei der Lagerleitung natürlich bald Unmut aus.
Zwar hatte Nogtew im Frühjahr 1923 persönlich mit den politischen Gefangenen in Petrominsk verhandelt und ihnen auf den Solowezki-Inseln ein freizügigeres Regime versprochen, wenn sie freiwillig dorthin umzogen, aber auch ihm gingen ihre endlosen Forderungen schließlich auf die Nerven. Er stritt mit den Politischen über ihre Bewegungsfreiheit, den Zugang zu Ärzten und das Recht auf brieflichen Kontakt mit der Außenwelt. Bei einem besonders heftigen Streit über den Zeitpunkt der Nachtruhe am 19. Dezember 1923 eröffneten die Wachen der Kaserne von Sawwatjewo schließlich das Feuer auf eine Gruppe politischer Häftlinge und töteten sechs von ihnen.
Der Zwischenfall löste im Ausland einen Sturm der Empörung aus. Das Politische Rote Kreuz ließ Berichte über die Schießerei durchsickern. Sie erschienen in der Westpresse, noch bevor sie in Russland bekannt wurden. Zwischen den Inseln und der Führung der Kommunistischen Partei in Moskau glühten die Drähte. Zunächst verteidigte die Lagerleitung ihr Vorgehen mit der Behauptung, die Häftlinge hätten die Sperrstunde verletzt und die Soldaten zunächst drei Warnschüsse abgegeben.
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Im April 1924 legte die Lagerleitung eine genauere Untersuchung des Vorfalls vor, gestand aber nicht ausdrücklich ein, dass keinerlei Warnschüsse gefallen waren, wie die Gefangenen behaupteten. Die politischen Häftlinge, so hieß es dort, seien von einer »anderen Klasse« als die Soldaten, die sie bewachten. Die Gefangenen läsen den ganzen Tag Bücher und Zeitungen, die Soldaten hätten keinerlei Bücher und Zeitungen. Die Gefangenen erhielten Weißbrot, Butter und Milch, die Soldaten nichts von alledem. Das sei eine »anomale Situation«. Ganz natürlich hätten sich zwischen Arbeitern und Nichtarbeitern Spannungen aufgebaut, und als die Gefangenen die Sperrstunde missachteten, musste es zum Blutvergießen kommen.57
Empört trat das Zentralkomitee in Aktion. Eine Kommission unter Leitung des Verantwortlichen der OGPU für die Lager, Gleb Boki, besuchte die Solowezki-Inseln und das Transitgefängnis in Kern. Im Oktober 1924 folgten mehrere Artikel in der Zeitung »Iswestija«. Darin pries N. Krassikow zunächst die Erfolge von Industrie und Landwirtschaft im Lager Solowezki und beschrieb dann, wie es bei den Sozialisten in der Sawwatjewo-Kaserne zuging:
»Das Leben dort kann als anarcho-intellektuell mit allen negativen Aspekten dieser Existenzform beschrieben werden. Ständiger Müßiggang führt zu politischem Streit, Familiengezänk und Zwistigkeiten zwischen einzelnen Gruppen, vor allem aber zu einer aggressiven und feindlichen Haltung gegenüber der Regierung im Allgemeinen sowie der Lagerführung und den Wachen von der Roten Armee im Besonderen...«58)
In einer anderen Zeitschrift behaupteten die sowjetischen Behörden, die Sozialisten unter den Gefangenen seien besser verpflegt als die Soldaten der Roten Armee. Sie erhielten Besuch von ihren Verwandten — wie sonst könnten sie Informationen aus dem Lager schmuggeln? — und verfügten über mehr Ärzte als eine durchschnittliche Arbeitersiedlung.59)
Das war der Anfang vom Ende. Nach mehreren Beratungen, bei denen das Zentralkomitee unter anderem den Gedanken erwog, die Politischen ins Ausland abziehen zu lassen, und schließlich verwarf (man fürchtete ihren Einfluss auf die Sozialisten im Westen, aus bestimmten Gründen besonders auf die britische Labour Party), kam man zu einem Entschluss.60) Am 17. Juni 1925 umstellten Soldaten im Morgengrauen das Kloster Sawwatjewo. Die Häftlinge erhielten zwei Stunden Zeit zum Packen. Dann marschierten sie zum Hafen, wo man sie auf Schiffe verlud und in geschlossene Gefängnisse nach Tobolsk in Westsibirien und nach Werchneuralsk im Ural verlegte, wo es ihnen wesentlich schlechter ergehen sollte.61)
Zwar kämpften sie weiter für ihre Rechte, schickten Briefe ins Ausland, verständigten sich durch Klopfzeichen und traten auch weiter in den Hungerstreik, aber die bolschewistische Propaganda übertönte ihre Proteste. Den Hilfsorganisationen in Berlin, Paris und New York fiel es immer schwerer, Geld aufzubringen.62)
Ende der zwanziger Jahre war der Sonderstatus für die Sozialisten unter den politischen Gefangenen aufgehoben. Sie teilten ihre Zellen nun mit Bolschewiken, Trotzkisten und gewöhnlichen Kriminellen. Mit der Zeit sank der Status dieser »Konterrevolutionäre« immer mehr ab, bis sie schließlich in der Lagerhierarchie noch nach den Kriminellen rangierten. Sie waren nur noch als Arbeitskräfte interessant. Und nur wenn sie körperliche Arbeit leisten konnten, erhielten sie genug zu essen, um am Leben zu bleiben.
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Applebaum-2003