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1929: die
Große Wende

Als die Bolschewiken zur Macht kamen,
waren sie sanft und umgänglich zu ihren Feinden ... 
Das war unser erster Fehler.
Nachsicht gegenüber einer solchen Kraft
war ein Verbrechen an der Arbeiterklasse.
Das wurde bald offenbar... 

JOSSIF
STALIN (1)

81-95

Am 20. Juni 1929 legte der Dampfer Gleb Boki in dem kleinen Hafen unterhalb des Solowezker Kremls an. Statt erschöpfter Gefangener, die dieses Schiff gewöhnlich brachte, schritt eine Gruppe gesunder, kräftiger Männer, unter ihnen eine Frau, in lebhafter Unterhaltung an Land. Auf den Fotos, die damals gemacht wurden, scheinen alle Uniform zu tragen. Es handelte sich um mehrere führende Tschekisten, darunter Gleb Boki persönlich. Einer mit einem dicken Schnurrbart ragte aus der Gruppe heraus. Er kam in einem leichten Sommermantel, auf dem Kopf eine flache Arbeitermütze. Es war kein Geringerer als der Schriftsteller Maxim Gorki.

Für die Bolschewiken galt er zu dieser Zeit als der viel gepriesene verlorene Sohn, der nach Hause zurückgefunden hatte. Gorki, ein überzeugter Sozialist, hatte Lenin sehr nahe gestanden. Trotzdem wandte er sich 1917 gegen den Aufstand der Bolschewiken. Auch danach verurteilte er in Reden und Artikeln dieses Ereignis und den darauffolgenden Terror ganz entschieden. Lenins Politik sei »Wahnsinn«, er habe aus Petrograd eine »Jauchegrube« gemacht, erklärte er. Schließlich zog sich er 1921 ins süditalienische Sorrent zurück, wo er zunächst weiterhin kritische Artikel verfasste und Freunden in Russland zornige Briefe schrieb.

Nach und nach mäßigte er jedoch seinen Ton, und 1928 entschloss er sich aus Gründen, die nicht ganz klar sind, zur Rückkehr. Solschenizyn behauptet ziemlich abfällig, er sei im Westen nicht so berühmt geworden, wie er gehofft hatte, und ihm sei einfach das Geld ausgegangen. Orlando Figes bemerkt, er habe sich im Exil todunglücklich gefühlt und die Gesellschaft anderer russischer Emigranten nicht ertragen können, die zum großen Teil viel schärfer antikommunistisch eingestellt waren als er.(2) 

Was immer sein Motiv gewesen sein mag — als er sich einmal zur Rückkehr entschlossen hatte, wollte er offenbar dem Sowjetregime so viel wie möglich helfen. Bald nach seiner Heimkehr unternahm er eine Reihe triumphaler Reisen durch das Land und fuhr bewusst auch zu den Solowezki-Inseln. Gefängnisse hatten ihn immer interessiert; schließlich hatte er bereits als Jugendlicher mit ihnen Bekanntschaft gemacht.

Gorkis Besuch auf den Solowezki-Inseln wird in zahlreichen Memoiren erwähnt. Alle stimmen darin überein, dass dieses Ereignis sorgfältig vorbereitet wurde. Einige erinnern sich, dass aus diesem Anlass die Vorschriften geändert wurden und Ehefrauen ihre Männer besuchen durften — wahrscheinlich, um die Stimmung der Gefangenen zu heben.3) Lichatschow schreibt, dass im Arbeitslager überall ausgewachsene Bäume gesetzt wurden, damit es weniger öde aussah. Häftlinge wurden verlegt, damit die Unterkünfte nicht so überfüllt wirkten. Lichatschow zufolge durchschaute Gorki alle diese Manöver. Als man ihm die Krankenstation zeigte, wo alle Mitarbeiter neu eingekleidet waren, soll er die Nase gerümpft und mit den Worten »Paraden mag ich nicht« sofort wieder gegangen sein. Lichatschow berichtet, im Arbeitslager habe Gorki sich nur ganze zehn Minuten aufgehalten und dann mit einem vierzehn Jahre alten Jungen zurückgezogen, um von ihm »die Wahrheit« zu erfahren. Nach vierzig Minuten sei er mit Tränen in den Augen wieder aufgetaucht.4) 

Dagegen behauptet Oleg Wolkow, der zu dieser Zeit ebenfalls in Solowezki einsaß, der Schriftsteller habe »nur das angeschaut, was er sollte«.5) Bei anderen heißt es, alle Häftlinge, die Gorki ansprechen wollten, seien abgedrängt worden.6) W. E. Kanen, ein in Ungnade gefallener Agent der OGPU und inzwischen Lagerhäftling, behauptet sogar, Gorki habe die Strafzellen in der Sekirka besichtigt und sich im Gästebuch des Lagers verewigt. Einer der OGPU-Verantwortlichen aus Moskau, der Gorki begleitete, trug dort ein: »Beim Besuch in der Sekirka fand ich alles in bester Ordnung.« Laut Kanen soll Gorki hinzugefügt haben: »Ich möchte sagen: Es ist ausgezeichnet.«7) 

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Wenn wir auch nicht wissen, was Gorki auf den Inseln wirklich gesehen oder getan hat, können wir seinen danach geschriebenen Essay lesen, den er in Form eines Reiseberichtes veröffentlichte. Darin rühmt Gorki die Naturschönheiten der Insel, beschreibt pittoreske Gebäude und eigenwillige Bewohner.8) 

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Voller Bewunderung schildert Gorki die Lebensbedingungen, womit er offenbar dem Leser sagen will, dass ein Arbeitslager in der Sowjetunion nicht das Gleiche sei wie im Kapitalismus (oder unter dem Zaren], sondern eine völlig neue Einrichtung. In einigen Räumen sah er »vier oder sechs Betten, mit <Eigenem> bezogen... auf den Fensterbrettern Blumen ... Nichts erinnert hier an ein Gefängnis. Aber es scheint, als wohnten in diesen Zimmern die Passagiere eines gesunkenen Schiffes.«

Draußen bei der Arbeit trifft er auf »gesunde Burschen« in Leinenhemden und festem Schuhwerk. Er begegnet nur wenigen politischen Gefangenen und wenn, dann tut er sie als »Konterrevolutionäre, Gefühlsmenschen und Monarchisten« ab. Als sie ihm sagen, sie seien zu Unrecht im Lager, unterstellt er ihnen Lügen.

Aber nicht nur die Lebensbedingungen machten Solowezki in Gorkis Augen zu einem Lager neuen Typs. Die Insassen, die »geretteten Passagiere«, waren nicht nur glücklich und gesund, sondern spielten auch eine wichtige Rolle in einem großartigen Experiment: der Umerziehung krimineller, asozialer Charaktere zu nützlichen Sowjetbürgern. Gorki kam auf Dzierzynskis Idee zurück, die Lager seien keine reinen Strafanstalten, sondern »Schulen der Arbeit«, in denen man jene Art von Werktätigen schmieden wollte, die das neue Sowjetsystem brauchte. In Gorkis Augen war das Endziel dieses Experiments die »Abschaffung der Gefängnisse«, und es schien Erfolg zu haben. »Wenn irgendein <europäischer Kulturstaat> einen Versuch, wie diese Kolonie ihn darstellt, wagen würde und die gleichen Ergebnisse wie bei uns erbringen könnte, er würde alle Trommeln rühren und alle Posaunen blasen, um seine Errungenschaften zu verkünden.« Nur die »Bescheidenheit« der sowjetischen Führer hindere diese daran, ebenso zu handeln.

Später soll Gorki behauptet haben: »Das einzige, was der Redakteur nicht mit seinem Rotstift berührte, war meine Unterschrift, alles andere hat er ins Gegenteil verkehrt.« In der Tat wissen wir nicht, ob er aus Naivität, vielleicht auch aus Berechnung so schrieb oder ob die Zensoren ihn dazu gezwungen haben.9 Auf jeden Fall wurde Gorkis Essay von 1929 zu einem wichtigen Instrument der Meinungsbildung in Öffentlichkeit und Behörden über das neue und viel weiter gehende Lagersystem, das in jenem Jahr Gestalt annahm.

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Später sollte man sich an das Jahr 1929 wegen ganz anderer Dinge als Gorkis Essay erinnern. Die Revolution hatte die Kinderkrankheiten hinter sich gelassen. Der Bürgerkrieg lag fast ein Jahrzehnt zurück. Lenin war lange tot. Man hatte wirtschaftliche Experimente verschiedener Art — die Neue Ökonomische Politik oder den Kriegskommunismus — erprobt und wieder verworfen. Die Revolution hatte 1929 auch einen ganz anderen Führer bekommen.

Jossif Stalin war es mit bemerkenswertem Geschick gelungen, seinen Hauptrivalen im Kampf um die Macht, Leo Trotzki, loszuwerden. Zuerst diskreditierte er ihn, dann ließ er ihn 1929 auf eine Insel vor der türkischen Küste deportieren, schließlich benutzte er ihn, um ein Exempel zu statuieren: Als Jakow Bljumkin, der für die OGPU arbeitete, zugleich aber ein glühender Anhänger Trotzkis war, seinen Helden im türkischen Exil besuchte und mit einer Botschaft für dessen Gefolgschaft zurückkehrte, ließ Stalin ihn vor Gericht stellen und hinrichten. Der Staat, so die Botschaft, war von nun an entschlossen, die ganze Macht seiner Unterdrückungsorgane nicht nur gegen Mitglieder anderer sozialistischer Parteien und Vertreter des alten Regimes einzusetzen, sondern auch gegen Abweichler in der bolschewistischen Partei selbst.10) 

1929 war Stalin allerdings noch nicht der Diktator, der er zehn Jahre später sein sollte. Exakter ist wohl die Feststellung, dass er in jenem Jahr die Politik auf den Weg brachte, die schließlich seine Macht begründete und zugleich die sowjetische Wirtschaft und Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit veränderte. Westliche Historiker haben diese Zeit die »Revolution von oben« oder die »stalinistische Revolution« genannt. Stalin selbst sprach von der »Großen Wende«.

Kernstück dieser Revolution war das neue Programm einer Industrialisierung in überstürztem, fast hysterischem Tempo. Zu dieser Zeit hatte sich die materielle Situation der meisten Menschen noch nicht spürbar verbessert. Im Gegenteil, die Jahre von Revolution, Bürgerkrieg und wirtschaftlichen Experimenten hatten die Armut noch verschärft. Stalin, der offenbar ein Gespür für die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Revolution hatte, machte sich daran, die Lebensbedingungen der einfachen Menschen zu verändern — und zwar radikal.

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1929 beschloss die Sowjetregierung den neuen Fünfjahresplan, ein Wirtschaftsprogramm, das eine jährliche Steigerung der Industrieproduktion um zwanzig Prozent vorsah. Die Lebensmittelrationierung wurde wieder eingeführt. Für eine bestimmte Zeit wurde die Sieben-Tage-Woche — fünf Tage Arbeit und zwei Tage Ruhe — abgeschafft. Stattdessen gab es den freien Tag jetzt umschichtig, damit die Fabriken ohne Pause produzieren konnten. Der Zeitgeist, der von oben vorgegeben und von unten begeistert aufgenommen wurde, war eine Art permanenter Wettbewerb, bei dem Fabrikbesitzer und Bürokraten, Arbeiter und Angestellte sich gegenseitig dabei auszustechen suchten, den Plan zu erfüllen und zu übererfüllen, zumindest aber neue und schnellere Wege für seine Übererfüllung vorzuschlagen. 

Dabei war es niemandem gestattet, die Richtigkeit des Planes in Frage zu stellen. Das galt selbst für die höchsten Ebenen. Parteiführer, die an diesem Tempo der Industrialisierung Zweifel äußerten, blieben nicht lange auf ihrem Posten. Vor allem aber galt es für die Niederungen der Gesellschaft. Ein Zeitgenosse erinnert sich, dass er als Knirps durch seinen Kindergarten marschierte, dabei ein Fähnchen schwenkte und sang:

»Fünf in Vier, 
Fünf in Vier, 
Fünf in Vier
Und nicht in Fünf!«

Die Bedeutung dieses Satzes, dass der Fünfjahresplan in vier Jahren erfüllt werden sollte, entging ihm damals völlig.11)

Wie alle wichtigen Initiativen in der Sowjetunion brachte auch die Massenindustrialisierung ganz neue Kategorien von Verbrechern hervor. Es war abzusehen, dass man das geplante Tempo der Veränderung nicht erreichen konnte. Primitive Technologie, die überstürzt angewandt wurde, führte zu Pannen. Schuldige mussten gefunden werden — daher die Verhaftung von »Schädlingen« und »Saboteuren«, die angeblich die böse Absicht hatten, die Sowjetwirtschaft an der Erfüllung der propagierten Aufgaben zu hindern. Die ersten Schauprozesse — der Schachty-Prozess von 1928 und das Verfahren gegen die Industriepartei von 1930 — richteten sich im Grunde gegen Ingenieure und andere Vertreter der technischen Intelligenz.

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Außerdem beschleunigte das Sowjetregime 1929 die Zwangskollektivierung auf dem Lande. In gewisser Weise bedeutete dies eine noch größere Umwälzung als die russische Revolution selbst. In unglaublich kurzer Zeit zwangen Kommissare Millionen von Bauern, ihre kleinen Parzellen aufzugeben und den Kollektivwirtschaften beizutreten, ein Umwandlungsprozess, der die sowjetische Landwirtschaft dauerhaft schwächte und die schrecklichen Hungersnöte der Jahre 1932 bis 1934 in der Ukraine und Südrussland verursachte, die sechs bis sieben Millionen Menschen dahinrafften.12) Die Kollektivierung schnitt das russische Dorf für immer von seiner Vergangenheit ab.

Wer sich dieser Kampagne widersetzte, wurde als Kulak oder reicher Bauer abgestempelt. Die Definition war (ähnlich wie die des »Saboteurs«) so verschwommen, dass sie nahezu auf jeden passte. Der Besitz einer zusätzlichen Kuh oder eines zusätzlichen Schlafzimmers reichten aus, um eindeutig arme Bauern als Kulaken zu brandmarken. Ein neidischer Nachbar musste nur Anzeige erstatten. Um den Widerstand der Kulaken zu brechen, griff das Regime auf die zaristische Tradition der Deportation auf behördliche Anweisung zurück. Von einem Tag zum anderen wurden ganze Familien auf Lastwagen und Waggons verladen und abtransportiert. Von 1930 bis 1933 wurden über zwei Millionen Kulaken nach Sibirien, Kasachstan und in andere dünn besiedelte Gegenden der Sowjetunion verbannt, wo sie den Rest ihres Lebens als Zwangsumsiedler verbrachten, die ihren neuen Aufenthaltsort nicht verlassen durften. Weitere 100.000 wurden verhaftet und endeten im Gulag.13) 

Als die Hungersnot einsetzte, verschärft noch durch ausbleibenden Regen, folgten weitere Verhaftungen. Das in den Dörfern noch vorhandene Getreide wurde eingezogen und den Kulaken bewusst vorenthalten. Ein Gesetz vom 7. August 1932 forderte die Todesstrafe oder schwere Lagerhaft für »Vergehen gegen das Staatseigentum«. Zehn Jahre Freiheitsentzug konnte man schon bekommen, wenn man ein Pfund Kartoffeln oder eine Hand voll Äpfel entwendete.14) Diese Gesetze erklären, weshalb die ganzen dreißiger Jahre hindurch Bauern die große Mehrheit der Häftlinge in den sowjetischen Lagern stellten und noch bis Stalins Tod einen wesentlichen Teil der Lagerinsassen ausmachen sollten.

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Die Massenverhaftungen hatten enorme Auswirkungen auf die Lager. Als die neuen Gesetze in Kraft traten, forderten die Lagerführungen augenblicklich eine schnelle und gründliche Überprüfung des gesamten Systems. Der »reguläre« Strafvollzug, der noch dem Innenministerium unterstand (und viel größer war als das von der OGPU geführte Lager auf den Solowezki-Inseln) war bereits seit zehn Jahren überfüllt, unterfinanziert und desorganisiert. Landesweit war die Lage so desolat, dass das Innenministerium schon dazu übergegangen war, Menschen verstärkt zu »Zwangsarbeit ohne Freiheitsentzug« zu verurteilen. Man verpflichtete sie auf einen Arbeitsplatz, sperrte sie aber nicht ein, um die Lager zu entlasten.15) 

Da das Politbüro der Kommunistischen Partei wusste, dass das System des Strafvollzugs dem ständigen Zustrom von Häftlingen nicht standhalten konnte, setzte es 1928 eine Kommission aus Vertretern der Volkskommissariate für Inneres und Justiz sowie der OGPU ein. An ihrer Spitze stand der Volkskommissar für Justiz, Genosse Janson. Die scheinbar unparteiische Kommission hatte den Auftrag, »ein System von Konzentrationslagern zu schaffen, das nach dem Vorbild der OGPU-Lager organisiert« war. Ihren Beratungen war jedoch ein klarer Rahmen gesetzt. Ungeachtet der lyrischen Ergüsse Maxim Gorkis über den Wert der Arbeit für die Besserung des Kriminellen dachten und sprachen alle Kommissionsmitglieder ausschließlich in ökonomischen Begriffen. Am unverhülltesten formulierte der OGPU-Vertreter in der Kommission, Genrich Jagoda, die wahren Interessen des Regimes:

»Es ist bereits möglich und absolut notwendig, zehntausend Gefangene aus Haftanstalten in der Russischen Republik zu verlegen, damit ihre Arbeitskraft besser organisiert und eingesetzt werden kann... Die sowjetische Politik läuft eindeutig nicht darauf hinaus, neue Gefängnisse zu bauen. Dafür wird niemand Mittel bereitstellen. Anders sieht es mit der Errichtung großer Lager aus, wo Arbeitskräfte rational eingesetzt werden können. Wir haben große Schwierigkeiten, Arbeiter für den Norden anzuwerben. Wenn wir Tausende Häftlinge dorthin schicken, können wir die Ressourcen des Nordens erschließen ... Die Erfahrungen von Solowezki zeigen, was in dieser Hinsicht möglich ist.«

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Jagoda erläuterte weiter, dass er an eine permanente Ansiedlung denke: »Wir können entlassene Gefangene mit den verschiedensten Maßnahmen administrativer und ökonomischer Art zwingen, im Norden zu bleiben und diese fernen Regionen zu besiedeln.«16) 

Die Idee, Gefangene nach Verbüßung der Haft als Kolonisten anzusiedeln, war dem Verfahren der Zarenzeit nachempfunden. Um Stalins Fünfjahresplan zu erfüllen, wurden riesige Mengen Kohle, Gas, Öl und Holz gebraucht, die vor allem in Sibirien, Kasachstan und im Hohen Norden vorhanden waren. Außerdem benötigte das Land Gold, um im Ausland moderne Maschinen kaufen zu können. Geologen hatten kurz zuvor Goldvorkommen an der Kolyma im fernen Nordosten Sibiriens entdeckt. Obwohl dort bittere Kälte herrschte, diese Gegenden kaum erschlossen und die Lebensbedingungen primitiv waren, mussten die Ressourcen in halsbrecherischem Tempo abgebaut werden.

Am 13. April 1929 schlug die Kommission den Aufbau eines neuen einheitlichen Lagersystems vor, in dem der Unterschied zwischen »regulären« Lagern und »Sonderlagern« aufgehoben sein sollte. Was aber noch wichtiger war: Die Kommission legte die gesamte Kontrolle über das neue einheitliche System in die Hände der OGPU.17) 

Diese übernahm mit bestürzender Geschwindigkeit die Kontrolle über alle Häftlinge der Sowjetunion. Im Dezember 1927 unterstanden 30.000 Gefangene der Sonderabteilung der OGPU. Das entsprach etwa zehn Prozent aller Häftlinge, die zumeist in den Lagern auf den Solowezki-Inseln untergebracht waren. Im außerordentlichen Strafvollzug waren etwa eintausend Personen beschäftigt, das Budget belief sich auf kaum mehr als 0,05 Prozent der Staatsausgaben. Dagegen saßen in dem vom Volkskommissariat für Inneres überwachten Strafvollzug etwa 150.000 Menschen ein, und das entsprechende Budget entsprach 0,25 Prozent der Staatsausgaben.

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Zwischen 1928 und 1930 kehrte sich das Verhältnis jedoch um. Während andere Regierungsstellen ihre Häftlinge, ihre Gefängnisse und Lager sowie die daran angeschlossenen Industriebetriebe nach und nach abgaben, schwoll die Zahl der Gefangenen unter Aufsicht der OGPU von 30.000 auf 300.000 an.18 1931 übernahm die Geheimpolizei auch die Kontrolle über die Millionen Zwangsumsiedler, zumeist deportierte Kulaken, die im Grunde Zwangsarbeiter waren, weil sie unter Androhung von Verhaftung und Tod die ihnen zugewiesenen Wohn- und Arbeitsorte nicht verlassen durften.19 Mitte der dreißiger Jahre hatte die OGPU das riesige Arbeitskräftereservoir aus den Haftanstalten der gesamten Sowjetunion unter ihrer Ägide.

Um die neuen Aufgaben zu bewältigen, organisierte die OGPU ihre Sonderabteilung Lager um und nannte sie Hauptverwaltung Besserungsarbeitslager und Arbeitskolonien. Aus diesem sperrigen Titel wurde schließlich die Hauptverwaltung Lager, russische Abkürzung GULAG, der Name, unter dem die Behörde und letztlich das gesamte System in der Welt bekannt geworden sind.20)

 

Seitdem die sowjetischen Lager zu einer landesweiten Einrichtung wurden, streiten ehemalige Insassen und Chronisten über die Motive, die deren Errichtung zugrunde lagen. Der Historiker James Harris meint, nicht die Bürokraten in Moskau, sondern örtliche Funktionäre hätten auf die Einrichtung neuer Lager im Uralgebiet gedrängt. Unter dem Druck, die unrealistischen Aufgaben des Fünfjahresplans erfüllen zu müssen, wofür ihnen die Arbeitskräfte fehlten, seien die Behörden im Ural auf den Gedanken verfallen, das Tempo der Kollektivierung mit aller Härte voranzutreiben, um so die Quadratur des Kreises zu lösen: Mit jedem Kulaken, den sie von seinem Land vertrieben, gewannen sie einen Zwangsarbeiter.21) 

Es wäre nicht überraschend, wenn der Gulag tatsächlich auf diese eher zufällige Weise entstanden wäre. In den frühen dreißiger Jahren wechselten die sowjetische Führung im Allgemeinen und Stalin im Besonderen ständig ihren Kurs, starteten Initiativen und steuerten bald wieder um, gaben öffentliche Erklärungen ab, um zu verschleiern, was wirklich geschah. Wenn man die Geschichte jener Zeit liest, ist es nicht einfach, einen teuflischen Gesamtplan herauszufiltern, dem Stalin oder andere folgten.22) 

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Stalin selbst setzte die Kollektivierung in Gang, schien es sich aber bereits im März 1930 wieder anders überlegt zu haben, als er übereifrige Funktionäre auf dem Lande beschuldigte, der Erfolg habe sie schwindelig gemacht. Was er damit auch immer bezweckt haben mag, es zeigte wenig Wirkung. Die Angriffe gegen die Kulaken wurden noch jahrelang fortgesetzt.

Auch die Bürokraten der OGPU, die den Ausbau des Gulags planten, waren sich anfangs über ihr Endziel offenbar nicht im Klaren. So wurden im Laufe der dreißiger Jahre immer wieder Amnestien verkündet, um der Überfüllung von Gefängnissen und Lagern Herr zu werden. Ihnen folgten regelmäßig neue Verhaftungswellen, worauf neue Lager gebaut werden mussten. Es war, als seien Stalin und seine Gefolgsleute sich nicht sicher, ob sie das System erweitern wollten oder nicht. Zuweilen hatte es den Anschein, als hätten verschiedene Leute zu verschiedenen Zeiten ganz unterschiedliche Richtlinien ausgegeben.

Heute stimmen die Fachleute gleichwohl zunehmend darin überein, dass Stalin persönlich vielleicht keinen detailliert ausgearbeiteten Plan hatte, aber doch fest an die enormen Vorteile von Zwangsarbeit glaubte und an dieser Überzeugung auch bis zu seinem Lebensende festhielt. Warum?

Einige wie Iwan Tschuchin, ein ehemaliger Angehöriger der Geheimpolizei, der die frühe Geschichte des Gulags aufgezeichnet hat, spekulieren, Stalin habe die ersten Großbauten des Gulags angeordnet, um sein eigenes Prestige zu stärken. Zu jener Zeit hatte er sich nach langem, erbittertem Machtkampf gerade erst als der Führer des Landes durchgesetzt. Er mag geglaubt haben, neue industrielle Großprojekte, die er von Zwangsarbeitern errichten lassen wollte, könnten seine Machtstellung festigen.23

Vielleicht ließ sich Stalin aber auch von einem historischen Vorbild inspirieren. So hat unter anderen Robert Tucker Stalins geradezu obsessives Interesse an Peter dem Großen ausführlich beschrieben, einem Herrscher Russlands, der ebenfalls die Arbeit von Leibeigenen und Gefangenen einsetzte, um grandiose Bauvorhaben zu bewältigen. 

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In der russischen Geschichtsschreibung gilt Peter als großer und grausamer Führer zugleich, was nicht als Widerspruch aufgefasst wird. Schließlich denkt heute niemand mehr daran, wie viele Leibeigene beim Bau von St. Petersburg ihr Leben lassen mussten, sondern jeder bewundert die Schönheit der Stadt. Diesem Beispiel kann Stalin durchaus nachgeeifert haben.

Sein Interesse an den Lagern muss auch nicht unbedingt rational begründet sein. Man kann seine Besessenheit von gewaltigen Bauprojekten und ganzen Armeen von Zwangsarbeitern auch als eine besondere Form seines Größenwahns betrachten.

Doch ganz gleich, ob Stalin sich von politischen, historischen oder psychologischen Motiven leiten ließ, unbestritten ist, dass er seit den ersten Tagen des Gulags großes persönliches Interesse daran zeigte und enormen Einfluss auf dessen Entwicklung nahm. Der entscheidende Beschluss, alle Lager und Gefängnisse der Sowjetunion aus dem Justizsystem auszugliedern und der OGPU zu überstellen, geht, das ist fast sicher, auf Stalin zurück. Damit legte er den zukünftigen Charakter des Systems fest. Es wurde der regulären Aufsicht der Justiz entzogen und geriet in die Hände einer Polizeibürokratie, deren Ursprünge in der mysteriösen, gesetzlosen Welt der Tscheka lagen.

Wenn es auch nicht klar nachgewiesen werden kann, so ist es doch möglich, dass das ständige Drängen, »Lager vom Solowezki-Typ« zu bauen, ebenfalls von Stalin ausging. Wir haben bereits erwähnt, dass Solowezki weder 1929 noch später eine gewinnbringende Einrichtung war. Im Arbeitsjahr Juni 1928 bis Juni 1929 erhielt SLON 1,6 Millionen Rubel Subventionen aus dem Staatshaushalt.25 Zwar kann SLON einen erfolgreicheren Eindruck als andere lokale Betriebe gemacht haben, aber wer etwas von Wirtschaft verstand, wusste, dass zwischen den Unternehmen kein fairer Wettbewerb herrschte. Holzfällerlager, die Gefangene einsetzten, konnten immer produktiver wirken als normale Forstwirtschaftsbetriebe. Das lag einfach daran, dass Letztere im Wesentlichen Bauern beschäftigten, die nur im Winter arbeiten konnten, wenn es auf den Feldern nichts zu tun gab.26) 

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Die Lager auf den Solowezki-Inseln wurden jedoch als rentabel wahrgenommen, zumindest wollte Stalin sie so sehen. Sie mussten einfach rentabel sein, weil Frenkel so »rationale« Methoden wie die Verpflegung nach der Arbeitsleistung eingeführt und überflüssige »Extras« abgeschafft hatte. Dass Frenkels System ganz oben tatsächlich überzeugte, bestätigen die Tatsachen: Es wurde sehr rasch im ganzen Land eingeführt und Frenkel selbst zum Chef der Bauarbeiten am Ostsee-Weißmeer-Kanal ernannt, dem ersten Großprojekt des Gulags in der Stalin-Ära. Das war für einen ehemaligen Gefangenen ein unerhörter Aufstieg.27) 

In welchem Maße Stalin Zwangsarbeit gegenüber normaler Arbeit den Vorzug gab, ist auch daran zu erkennen, dass er stets großes Interesse für die Verwaltung der Lager bis in die kleinsten Einzelheiten zeigte. Sein Leben lang forderte er regelmäßig Berichte über die »Produktivität der Insassen« in den Lagern an. Die verlangten Statistiken mussten detailliert ausweisen, wie viel Kohle und Erdöl sie produziert hatten, wie viele Häftlinge bei einem bestimmten Projekt beschäftigt und mit wie viel Medaillen ihre Chefs ausgezeichnet worden waren.28 Um sicherzustellen, dass seine Weisungen noch in den entferntesten Lagern befolgt wurden, schickte Stalin Inspektoren­gruppen herum und zitierte einzelne Lagerkommandanten auch häufig nach Moskau.29) 

Wenn ihn ein Projekt besonders interessierte, befasste Stalin sich noch eingehender damit. Kanäle beispielsweise faszinierten ihn; am liebsten hätte er sie wohl überall bauen lassen. Jagoda musste einmal schriftlich Stalins unrealistischem Wunsch vorsichtig widersprechen, mitten in Moskau von Zwangsarbeitern einen Kanal graben zu lassen.(30) 

Stalins Interesse war nicht nur theoretischer Natur. Er erkundigte sich eingehend nach den Menschen, die in den Lagern schufteten: wer dort einsaß, wo er oder sie verurteilt worden war und wie sich ihr weiteres Schicksal gestaltete. Er las persönlich und kommentierte zuweilen auch die Entlassungsgesuche, die ihm von Häftlingen oder deren Frauen gesandt wurden. Häufig schrieb er ein, zwei Worte darauf (»soll weiterarbeiten« oder »freilassen«).(31) Später forderte er regelmäßig Berichte über einzelne Gefangene oder ganze Gruppen an, zum Beispiel über die Nationalisten aus der Westukraine.32) 

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Dabei war sein Interesse an einzelnen Gefangenen nicht nur rein politisch oder durch persönliche Feindschaft begründet. Noch bevor er seine Macht konsolidiert hatte, hatte er 1931 im Politbüro eine Resolution durchgesetzt, die ihm enormen Einfluss auf die Festnahme bestimmter technischer Fachleute eröffnete.33 Nicht zufällig lassen die Verhaftungen von Ingenieuren und Technikern in dieser frühen Phase eine gewisse Steuerung von höherer Stelle erkennen: In der allerersten Gruppe von Häftlingen, die man in die Lager bei den Goldminen an der Kolyma schickte, befanden sich sieben bekannte Bergbaufachleute, zwei Experten für Arbeitsorganisation und ein erfahrener Hydraulikingenieur.34

Und schließlich gibt es in den Archiven ein paar verstreute, aber trotz allem interessante Hinweise darauf, dass die Massenverhaftungen Ende der dreißiger und Ende der vierziger Jahre in gewissem Maße auch das Ziel gehabt haben können, Stalins Forderung nach Zwangsarbeitern zu befriedigen und nicht, wie dies bisher allgemein gesehen wird, angenommene oder wirkliche Gegner zu bestrafen. So schrieb etwa Jagoda 1934 einen Brief an seine Untergebenen in der Ukraine, in dem er 15.000 bis 20.000 Häftlinge anforderte, die alle »arbeitstauglich« sein sollten. Er brauche sie dringend, um den Moskwa-Wolga-Kanal fertig zu stellen. Mit Datum vom 17. März forderte Jagoda hier von den GPU-Chefs in den Provinzen, »Sonder­maßnahmen zu ergreifen«, um sicherzustellen, dass die Gefangenen bis zum 1. April eintrafen. Wo diese 15.000 bis 20.000 Personen herkommen sollten, wurde nicht gesagt.35

Wenn die Verhaftungen tatsächlich dafür gedacht waren, die Lager zu füllen, dann geschah das auf nahezu lächerlich ineffiziente Weise. Der Historiker Terry Martin und andere haben daraufhingewiesen, dass jede neue Massenverhaftungswelle die Lagerkommandanten völlig überrascht zu haben scheint. Immer wieder hatten sie Schwierigkeiten, auch nur den Anschein eines ökonomisch wirksamen Einsatzes der Häftlinge zu erwecken.

Zudem scheint die Auswahl der Gefangenen absolut willkürlich gewesen zu sein: Statt sich auf gesunde junge Männer zu beschränken, die im Hohen Norden am besten arbeiten konnten, wurden auch Frauen, Kinder und Greise in großer Zahl festgenommen.36 Diese ins Auge springende Unlogik der Massenverhaftungen scheint gegen die Vorstellung zu sprechen, dass die Zwangsarbeiterbataillone planmäßig zusammengestellt wurden. Viele sind heute der Meinung, dass man vor allem Verhaftungen vornahm, um Stalins vermeintliche Gegner kaltzustellen, und erst in zweiter Linie, um die Lager zu füllen.

Am Ende schließen die verschiedenen Erklärungen einander nicht aus. Stalin kann durchaus die Absicht gehabt haben, Gegner aus dem Weg zu räumen und zugleich Zwangsarbeiter zu gewinnen, angetrieben sowohl durch seine Paranoia als auch durch den dringenden Bedarf an Arbeitskräften vor Ort. 

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