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Wikipedia verliert seit 2022 massiv an Traffic – über 1,1 Milliarden monatliche Besuche sind weg.
Gleichzeitig überholt ChatGPT die Enzyklopädie, obwohl die KI mit Wikipedia-Daten trainiert wurde.
Hat Wikipedia noch eine Zukunft?

Von Gregor Schmalzried   und   Christian Schiffer  

  bedroht-ki-die-wikipedia,UyV5M5m   10/25  mit Audio BR

Es hat eine gewisse tragische Ironie: Zwischen März 2022 und März 2025 verlor die Wikipedia über 1,1 Milliarden monatliche Besuche. Im gleichen Zeitraum explodierte die KI-App ChatGPT von null auf 5,72 Milliarden monatliche Besuche im Juli 2025 – und ist damit mittlerweile die sechstmeistbesuchte Website weltweit. ChatGPT empfängt heute mehr monatliche Besuche als Wikipedia.

Zum Artikel: Wie Musk und Rechtsradikale Wikipedia attackieren
Warum das so ironisch ist: Wikipedia ist eine der wichtigsten Quellen beim Training von Large Language Models wie denen hinter ChatGPT. Beim Training werden Wikipedia-Inhalte sogar oft systematisch "übergewichtet". KI-Systeme werden also mit Wikipedia-Inhalten trainiert – und überholen nun ihre eigene Datenquelle.

Doch die Beziehung zwischen Wikipedia und künstlicher Intelligenz ist komplexer als eine simple Konkurrenzgeschichte. Die freie Enzyklopädie kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig: gegen sinkende Besucherzahlen, gegen eine Flut von KI-generierten Artikeln minderer Qualität – und um die Kontrolle über freies Wissen im digitalen Zeitalter.


Falsche Texte auf Wikipedia

Tatsächlich landen auch immer mehr KI-generierte Inhalte in der Wikipedia – und diese stecken möglicherweise voller Fehler. Der spektakulärste Fall war die "Amberlihisar-Festung". Fast ein volles Jahr lang, von Januar bis Dezember 2023, existierte ein Wikipedia-Artikel über eine angebliche osmanische Festung. Der KI-generierte Text war so überzeugend formuliert, dass selbst Experten den Schwindel nicht sofort erkannten.

Andere Fälle sind offensichtlicher. Manche Artikel enthalten Phrasen wie "Stand meines letzten Wissensupdates im Januar 2022" – ein klarer Chatbot-Fingerabdruck, der direkt aus ChatGPT kopiert wurde. Oder sie beginnen mit "Hier ist dein Wikipedia-Artikel über …" – als hätte der Autor vergessen, die Anrede des Chatbots zu löschen.

Nina Leseberg arbeitet bei Wikimedia Deutschland im Bereich Communitys und Engagement. Sie beobachtet das Problem täglich: "Im Moment macht KI eher mehr Arbeit, weil viele Menschen sich ganz unbedarft denken: Da kann ich doch leicht mal einen Artikel mit einer der bekannten Chat-Anwendungen schreiben. Das führt aber dazu, dass diese Artikel oft fehlerbehaftet sind. Häufig passiert es, dass Large Language Models Quellen halluzinieren – sie erfinden also einfach eine Quelle, die es de facto gar nicht gibt."

Eine Studie der Princeton University vom Oktober 2024 zeigt das Ausmaß des Problems: Etwa 4,36 bis 5 Prozent der neu erstellten englischsprachigen Wikipedia-Artikel im August 2024 enthielten signifikanten KI-generierten Inhalt. Diese Artikel zeichneten sich typischerweise durch niedrigere Qualität, weniger Quellenangaben oder werblichen Charakter aus.

Projekt "saubere Wikipedia"
Die Wikipedia-Community hat deshalb zurückgeschlagen. Im Dezember 2023 gründeten Freiwillige das WikiProject "AI Cleanup" – eine Initiative, die sich dem Problem unsachgemäß eingesetzter KI-generierter Inhalte widmet. Über 500 Artikel wurden bereits als potenziell KI-generiert markiert und überprüft.

Die Erkennungsmethoden basieren dabei primär auf menschlichem Urteilsvermögen, nicht auf automatischen Detektoren. Wikipedia betont ausdrücklich, dass automatische KI-Detektoren unzuverlässig seien. Stattdessen verlässt sich die Community auf ihr kollektives Expertenwissen.

KI-Teufelskreis?
Nina Leseberg von Wikimedia Deutschland sieht in der KI langfristigen Risiken: "Im Moment lernen Large Language Models von der Wikipedia und nicht umgekehrt, und wir gehen auch nicht davon aus, dass sich das ändert. Wenn man sich das technisch genau anschaut, dann durchsucht die KI das Internet nach Informationen und schaut nach Wahrscheinlichkeiten, was das Ergebnis ist. Es ist also nicht dasselbe, wie wenn ein Mensch Literatur liest, um anschließend einen Artikel zu schreiben. Und das bedeutet auch: Wenn die Quelle der KI später nur noch aus KI-generierten Inhalten besteht, dann gibt es nichts mehr, wovon wirklich gelernt werden kann."

Das ist der Teufelskreis: KI wird mit Wikipedia-Inhalten trainiert, zieht Nutzer von Wikipedia weg, was zu weniger Beiträgen führt, die Wikipedia-Qualität erodieren lässt, wodurch künftige KI-Trainingsdaten schlechter werden. Ein Kreislauf, der das Wissen selbst bedroht.


 

1/25  BR   wikipedia-wie-elon-musk-und-rechtsradikale-die-wissensplattform-attackiert-haben  

Wie Musk und Rechtsradikale Wikipedia attackieren - US-Milliardär Elon Musk hat dazu aufgerufen, Wikipedia nicht mehr finanziell zu unterstützen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Plattform Attacken stellen muss. Rechtsextreme haben schon einmal versucht, die Wissens-Seite zu unterwandern.

16.01.2025, 11:13 Uhr  Von Mareike Gries  und Christian Sachsinger

Ganze Regalmeter haben früher die verschiedensten Lexika gefüllt. Mittlerweile stellt sich kaum noch jemand den Brockhaus oder das Meyers-Lexikon in die Bücherwand. Alle Informationen sind frei zugänglich im Internet, bei Wikipedia. Die Webseite will das Wissen der Welt allen Usern zugänglich machen. Alle können ihr Wissen selbst über Wikipedia teilen.

Dem US-Milliardär und Tech-Unternehmer Elon Musk ist das ein Dorn im Auge. Er findet die Einträge zu weltoffen, beziehungsweise zu "woke", wie er das nennt. Musk forderte deshalb jüngst, die User sollten nicht mehr für "Wokepedia" spenden. Sein Aufruf hat allerdings nichts gebracht, Wikipedia hat sein Spendenziel trotzdem problemlos erreicht.

Deutsche Geschichte sollte umgeschrieben werden

Musks Attacke ist nicht die erste, der sich Wikipedia gegenübersieht. Rechtsextreme haben ungefähr ab 2005 versucht, mit Fake Accounts die Online-Enzyklopädie zu unterwandern. Konkret ging es darum, Artikel zur deutschen Geschichte umschreiben. Dabei wurden Fakten erfunden und verdreht und so zum Beispiel der Holocaust relativiert.

Los gingen die Angriffe auf Wikipedia mit einem Aufruf: "Hier spricht der Rosa Liebknecht Sockenpuppenzoo. Nach wie vor brüten wir vor dem Problem, wie es möglich ist, ohne allzu großen Zeitaufwand das Projekt nachhaltig zu schädigen."

Hinter dem Namen "Rosa Liebknecht Sockenpuppenzoo" verbargen sich mehrere User, die mithilfe von hunderten Fake-Accounts die Informationen der Online-Enzyklopädie manipulierten. Sockenpuppen, weil die vermeintlichen Autoren genauso unecht waren, wie die aus Socken gebastelten Handpuppen von Bauchrednern.

Aus einem Nazi-Opfer einen Täter machen

Wie die Einflussnahme genau funktioniert hat, zeigt das Beispiel des Wikipedia-Eintrags zum Widerstandskämpfer Georg Elser. Elser wurde in Wahrheit heimlich und ohne Gerichtsurteil von der SS hingerichtet. Damit ist Georg Elser ein SS-Opfer. Aber der "Rosa Liebknecht Sockenpuppenzoo" hat das Wort "NS-Opfer" geändert, in "Mörder". Und so wird aus dem Opfer, ein Täter.

Wer genau hinter dem "Sockenpuppenzoo" steckte, ist schwer nachvollziehbar. Einige Spuren, denen die Podcast-Autoren nachgehen, führen in die Marburger Studentenszene. Klar ist dagegen: Die Rechtsradikalen versuchten jahrelang, die Realität umzuschreiben. Die Checks und Kontrollmechanismen waren bei Wikipedia anfangs noch kaum ausgebildet. Allerdings stellte sich den Attacken eine Handvoll Wikipedianer entgegen. Einträge wurden wieder zurück korrigiert.

Nach 2016 ist Schluss – irgendwie

Die Welle ebbt irgendwann nach ungefähr fünf Jahren ab. Eines der letzten Lebenszeichen des "Sockenpuppenzoos" kommt 2016 von einem Account, der den Artikel zu den Übergriffen in der Silvesternacht 2015 in Köln anlegt. Die meisten der manipulierten Einträge sind inzwischen verschwunden. Alle wahrscheinlich nicht.

Könnte neuer Angriff heute noch abgewehrt werden?

Inzwischen sollen neue Kontroll-Mechanismen verhindern, dass sich Fake-Accounts unter die Autoren mischen und damit Unwahrheiten verbreiten. Aber auch die Gegenseite schläft nicht und sie hat mit Elon Musk inzwischen womöglich sogar einen mächtigen Unterstützer bekommen.

Bedenklich auch: Als der Sockenpuppenzoo bekämpft wurde, gab es eine starke Wikipedia-Community mit 10.000 aktiven Autoren und Autorinnen. Heute sind es nur noch knapp 6.000 Mitstreiter. Insofern fragen sich die Podcast-Autoren, ob ein Angriff, wie der des "Sockenpuppenzoos", heute noch erfolgreich abgewehrt werden könnte.

 

 

 

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