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Andrzej Szczypiorski (1997)   wikipedia  Autor *1928 in Warschau   dnb  szczypiorski     dnb  Verfuehrungskraft Totalitaeren

 

Die kommunistische Versuchung  (in pdf)

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Ich wäre nicht imstande, das Problem der kommunistischen Versuchung in politischen oder soziologischen Kategorien zu analysieren, denn mir fehlt jede Kompetenz hierfür. Ich kann nur darüber sprechen, was mir meine schriftstellerische Intuition eingibt. Ich versuche also, die verführerische Kraft des Kommunismus im 20. Jahrhundert auf psychologischer und moralischer Ebene zu erfassen.

Am Ende des vorigen Jahrhunderts sagte Bernard Shaw den berühmten Satz, der - wenn ich mich nicht irre - so lautete: »Wer als junger Mensch kein Sozialist war, wird im Alter bestimmt ein Schwein ...« Dieser Satz bedeutete damals lediglich soviel, daß anständige Menschen Sensibilität und Mitleid angesichts des Bösen aufbringen sollten, dem man damals auf Schritt und Tritt begegnete.

Wie allgemein bekannt, hat Engels in seinem Werk »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« die schrecklichen Tatsachen nicht erfunden. Die Welt des Kapitalismus von damals war grausam. Beinahe Sklavenarbeit, Kinderbeschäftigung unter mörderischen Bedingungen, Mangel an irgendwelcher Form der Abwehr von seiten der Ausgebeuteten, Bereicherung einer kleinen besitzenden Schicht und immer tiefere Armut von breiten Menschenmassen, die ihre Arbeit für einen Teller Suppe verkaufen mußten - dies war das Bild Europas vor 150 Jahren, als Marx und Engels sich vornahmen, die kapitalistische Realität nach ihrer Überzeugung wissenschaftlich zu beschreiben und den Träumen, Illusionen und Sehnsüchten des utopischen Sozialismus einen rationalen Rahmen zu verleihen.

Und so entstand in der Geschichte Europas eine weitere Konzeption der Erlösung des Menschen. Freilich kann man behaupten, dies war noch kein Kommunismus.

Ich denke, daß auch viel später, aber doch noch vor 1917, als Lenin und die Bolschewiki mit anderen Sozialisten in Zürich oder auch in Krakau einen Streit führten, es noch keinen Kommunismus in diesem Sinne gab, wie wir heute über ihn denken und sprechen.

Vor 1917 waren es ja eher theoretische, obwohl oft sehr heftige, Auseinandersetzungen zwischen verschiedenartigen Denkansätzen, zwischen Aktivisten wie auch Sektierern und Sonderlingen, die von einer gemein­samen Überzeugung lebten, daß der Mensch dank wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen erlöst werden könne. Und dies sei möglich, indem man den Kapitalismus, der die Welt an den Abgrund führt, zügelt.

Der Kapitalismus war damals wirklich nicht auszuhalten. Es setzten sich mit ihm sehr verschiedene Menschen auseinander: Intellektuelle aus der Fabian Society mit Webb an der Spitze, dessen Kritik am Kapitalismus manchmal heftiger war als die von Marx; deutsche Sozialdemokraten wie Kautsky oder Bebel; polnische Revolutionäre wie Warynski und seine Partei »Proletariat«, die wohl die erste Kaderpartei der Welt war; mutige, zu Attentaten bereite Aktivisten aus der Bewegung Narodnaja Wolja mit Zelabow und Perowskaja an der Spitze; sowie Lenin und seine Bolschewikenpartei. All diese Menschen müßte, von ihren Charaktereigenschaften abgesehen, sicherlich eines verbinden: Sensibilität und Mitleid gegenüber dem Unrecht sowie die Sehnsucht nach einer gerechteren Welt.

Mag Lenin den Charakter eines Schurken gehabt haben, und der junge Dschugaschwili, der in dieser Zeit im Kaukasus einer terroristischen Gruppe angehörte, sich durch die Neigungen zum Banditen ausgezeichnet haben. Es ändert aber nichts an der Tatsache, daß vor 1917 edelmütige und empfindsame Persönlichkeiten in verschiedenartige revolutionäre Arbeiterparteien eintraten, und Kritik am damaligen Unrecht, Machtmißbrauch und Despotismus übten, wofür gierige Kapitalisten verantwortlich gemacht wurden. Und dies war unter denkenden und mitleidenden Menschen ein weit verbreitetes Phänomen.

Gerade hier sehe ich einen grundsätzlichen, fundamentalen Unterschied zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus schon in den Ansätzen ihrer gesellschaftlichen und politischen Praxis.

Der Kommunismus berief sich auf edle Züge der menschlichen Natur und fußte außerdem auf einer starken intellektuellen Grundlage, knüpfte beinahe unmittelbar an das Ideengut der europäischen Aufklärung an, lehnte alle rassistischen und nationalistischen Vorurteile ab und wies auf wahre Gefahren und reales Unrecht hin. Für breite Judenmassen im Osten Europas, insbesondere in Rußland wie auch im damals noch nicht souveränen Polen, war die kommunistische Bewegung eine Hoffnung und eine Chance auf Gleichberechtigung. Ihr Sieg sollte der Verfolgung ein Ende setzen und eine internationale Befreiung oder Völkerverbrüderung herbeiführen.

Und wenn der polnische Arbeiter von damals nicht besonders gern auf Kommunisten hörte, dann nur deswegen, weil sie aus Rußland kamen und über die russisch-polnische, supranationale Gemeinschaft sprachen, und er aber vor allem einen souveränen polnischen Staat herbeisehnte, und erst danach den Kampf gegen den Kapitalismus.

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Ich glaube, daß eben diese edlen, schönen und erhabenen Anfänge der kommunistischen Bewegung für das Schicksal der Welt ausschlaggebend waren. Der spätere Kommunismus, über den wir heute sprechen und denken, der Macht ausübte und über das Schicksal fast der ganzen Menschheit achtzig Jahre lang in unserem Jahrhundert entschied, also dieser sowjetische, leninistisch-stalinistische Kommunismus versuchte immer und ununterbrochen, mit einer meisterhaften Scheinheiligkeit, sich mit Hilfe dieses Erbes seiner schönen, idealistischen Anfänge zu legitimieren und berief sich immer auf das ganze europäische Gedankengut zurück, bis hin zur Aufklärung und zur Eroberung der Bastille.

Und eben dies war für viele naive Menschen oft eine ausreichende Rechtfertigung für die schrecklichen Verbrechen des kommunistischen Systems.

Es gibt einige Faktoren, die selbst heute, im Lichte der fast vollen Kenntnis über die Praktiken des Kommunismus, es nicht erlauben, ihn mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen. Ich denke, der erste Faktor bildet die offensichtliche Tatsache, daß das verbrecherische Dritte Reich zwölf Jahre bestand und der Kommunismus 75 Jahre überdauerte, wobei er sich heute noch in China weiterentwickelt. In diesen 75 Jahren war das Sowjetsystem keineswegs gleichbedeutend mit ununterbrochenen Massen­morden. Außerdem sind 75 Jahre eine ganze historische Epoche mit Generationen von Opfern und Henkern. Deswegen ist jeder Vergleich mit der Praxis des Nationalsozialismus schwierig.

Die Tyrannei im nationalsozialistischen System war äußerst konzentriert, fast alles vollzog sich während des Krieges, auf einem verhältnismäßig geringen Gebiet des eroberten Europa, in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum, eigentlich innerhalb von einigen Jahren, und dadurch ließ sich alles irgendwie erfassen, errechnen, beschreiben, präzisieren, durchdenken, analysieren und im Gedächtnis behalten.

Der zweite Faktor, der für eine moralische und politische Einschätzung äußerst wichtig, wenn nicht sogar entscheidend ist, bildet die offensichtliche Tatsache, daß Hitler den Krieg verlor, das Dritte Reich eine totale Niederlage erlitt und erobert wurde, die Nazis, trotz unternommener Versuche, nicht alle Spuren verwischten, nicht alle Zeugen umbrachten und nicht alle Dokumente verbrannten. Was neben den Trümmern des Dritten Reiches übriggeblieben war, konnte die Welt sehen und war ausreichend, um allgemein Ekel und Verdammung hervorzurufen.

Weitere Elemente, die ich für die zeitgenössische Beurteilung des Nationalsozialismus und des Kommunismus ausschlaggebend finde, sind ihre Dauer und deren Implikationen, wie auch das intellektuelle Fundament ihrer Theorie. Und nun einiges zur Frage der Theorie.

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Der Hitlerfaschismus war intellektuell ausgehöhlt. Er verlockte oberflächliche, ungebildete, schwache, verlorene Menschen, die um ihren eigenen Wert beraubt waren. Wenige Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Der Kommunismus beflügelte die Phantasie der Unglücklichen, Erniedrigten und Gedemütigten und gab gleichzeitig den Klügsten und Ausgebildetsten eine philosophische Grundlage zur tiefen Reflexion. Den einfachen Menschen sprach er über Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, den Ausgebildeten über Entfremdungsprobleme, Dialektik der Geschichte, über Kant, Hegel und Marx an. Vielleicht existierte deshalb, viele Jahrhunderte lang, nicht nur ein strenger Glaube an den Kommunismus, sondern einfach eine intellektuell snobistische Beziehung zu ihm. Salonfähige Nazis konnte man an den Fingern abzählen. Salonfähige Kommunisten hingegen bildeten eine mächtige stalinistische Struktur, eine Art sowjetische fünfte Kolonne in Westeuropa und in den USA.

Der intellektuelle Wert einer Bewegung schöpft das Thema noch nicht aus. Ich will noch auf eine weitere Tatsache aufmerksam machen. Ich denke nämlich, daß Hitler eine gewisse, echt europäische Erfahrung nie überschritten hat und im Grunde ein Kind und Erbe der Denk- und Verhaltensweise des europäischen 19. Jahrhunderts war. In diesem Sinne ließ sich die Erfahrung des Nationalsozialismus in Europa viel leichter begreifen und analysieren, denn sie konnte in bekannten, obwohl freilich schrecklich verformten Kategorien erfaßt werden. Schließlich hat Hitler Massenverbrechen, Judenverfolgung, öffentliche Hinrichtungen oder Konzentrationslager nicht erfunden. Dies alles existierte vor ihm, obwohl in einem viel geringeren Maße. Der Nationalsozialismus berührte kaum bestehende Eigentumsverhältnisse, was ihn sowohl eines Schwungs als auch eines revolutionären Charakters beraubte.

Dagegen überstieg der Kommunismus in der sowjetischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Ausprägung durchaus die europäische Erfahrung. Im sowjetischen System herrschte eine in Europa unbekannte Allgegenwart und Allmacht des von byzantinischen und mongolischen Einflüssen geprägten Staates. Aus dieser byzantinischen und mongolischen Tradition entlehnte und entfaltete der Kommunismus ein System von Lüge, Heuchelei und höfischer Unterwürfigkeit, das dem ganzen sowjetischen Staat und Imperium zugrundelag und über die traditionelle Sphäre europäischer Begrifflichkeiten hinausging.

Es lag in ihm etwas Geheimnisvolles, Exotisches und zugleich - jedenfalls für sehr viele Menschen - Anziehendes ... Immer aufs neue entdeckte Europa die Sowjetunion als ein unbekanntes, rätselhaftes Land.

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Übrigens blieb dies bis heute im europäischen Denken erhalten, denn auch heute werden völlig idiotische Behauptungen wiederholt, nämlich daß unsere europäischen Standards, unsere Maßstäbe, unsere Wertsysteme, unsere Verhaltensweisen nicht auf Rußland zu übertragen sind und Rußland anders, nach besonderen Prinzipien und Regeln, behandelt werden sollte. Dies ist zweifelsohne ein Überbleibsel der Verzauberung durch den Kommunismus, die immer noch andauert und unserer modernen Moral wie auch unserer politischen Vernunft ein erstaunliches Zeugnis ausstellt.

Einerseits verfügt der Kommunismus also über ein theoretisches Fundament, wodurch er sich - als die Entfaltung oder geradezu die Krönung des ganzen Gedankenguts der europäischen Aufklärung - Anerkennung, Unterstützung, sowie eine aktive Teilnahme sicherte. Andererseits ist der Kommunismus durch einen exotischen und riesigen Aufschwung, seine Wucht und Macht, eine Entfremdung, eine andere Verhaltens- und Denkweise gekennzeichnet, was für viele einen echt revolutionären Durchbruch in der ganzen historischen Erfahrung der Menschheit bedeutete.

Ein weiterer Faktor, der die menschlichen Gemüter stark beeinflußte, ist die Tatsache, daß die kommunistische Tyrannei auf weiten Gebieten des Erdballs für eine lange Zeit waltete. Ich meine, daß das sehr lange Überdauern des Kommunismus nicht aus seiner ihm immanenten Kraft resultierte, sondern daraus, daß sein Fortbestehen von der Welt unterstützt wurde, die sich von Engherzigkeit, Dummheit, Feigheit und Bequemlichkeit leiten ließ.

Lenin hatte sehr Recht, als er mit Hohn behauptete, daß die Kapitalisten so auf Gewinn erpicht sind, daß sie den Kommunisten sogar den Strick verkaufen, an dem sie später von ihnen aufgehängt werden. In diesem Sinne läßt sich die verführerische Kraft des Kommunismus nicht ohne den ausdrücklichen Hinweis darauf erklären, daß die demokratische Welt einfach verführt werden wollte, daß sie sich nach Gewalt und Mißhandlung sehnte.

Bis heute spukt immer noch die Überzeugung, daß einzig und allein der Nationalsozialismus verbrecherisch war. Der Kommunismus dagegen hätte trotz all der Verbrechen doch viel zum Fortschritt und zur Entwicklung der Welt beigetragen. Das ist meiner Meinung nach eine totale Täuschung. Genauso kann man behaupten, daß Hitler Autobahnen baute, die Produktion eines billigen PKWs in Gang setzte, die Arbeitslosigkeit für einige Jahre beseitigte, Familienfürsorge einführte, eine neue Form von kollektiver Freizeitbeschäftigung für Werktätige entwickelte, das Nationalbewußtsein der Deutschen stärkte und sie von einer geistigen Trägheit der Weimarer Republik befreite etc. etc.

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Das kann man reden, bis man blöd wird, denn wir wissen doch, daß all dies elend, banal, nicht mal erwähnenswert ist - im Vergleich zu der Hekatombe des Krieges, der Judenvernichtung, der Versklavung des halben Europas wie auch der Zerstörung des deutschen Staates, der Schande und Scham, die dem deutschen Volk für lange Jahrzehnte anhaftete.

Genau dies läßt sich über die sowjetische Wirtschaft, Bildung und Kultur sagen. In der Begegnung mit dem, was Solschenizyn im Archipel Gulag beschreibt und Sinowjew als Entstehung einer neuen Menschengattung »homo sovieticus« bezeichnete, sind all die Errungenschaften keinen Pfifferling wert.

Die Sowjetunion existierte über siebzig Jahre. Es mußten also, selbst in diesem größten Gefängnis in der Weltgeschichte, Fabriken, Krankenhäuser, Theater, Schulen, Wege und Wohnhäuser gebaut werden ... Und wenn in der Sowjetunion mal ein Haus errichtet wurde, sprach die ganze Welt darüber mit solch einer Begeisterung, als wären woanders überhaupt keine Häuser gebaut worden.

Nicht nur ein Haus, sondern eine einfachste Pfeife wurde ein Grund zur Begeisterung, Verzauberung, Verwunderung und Freude. Emil Ludwig, H.G. Wells, Andre Gide, Jean-Paul Sartre und noch viele andere, sie alle ließen sich über die Pfeife Stalins bis ins Detail aus. Jedoch bemerkte keiner von ihnen, daß Stalin in dieser Pfeife keinen Tabak, sondern Tausende der zu Tode gequälten Opfer rauchte. Die Menschen aus dem Westen besuchten große Bauplätze des Kommunismus und hielten Lobeshymnen darüber in der Weltpresse, ganz abgesehen davon, daß der Mensch in der Sowjetunion nur ein Düngemittel der Geschichte war.

Der Kommunismus beschäftigte sich programmatisch nicht mit dem Menschen, sondern immer mit der Menschheit - was einerseits sehr verführerisch klang, doch andererseits zu grausamen Verbrechen führte. Das dauerte Jahrzehnte lang. Einige Generationen auf der ganzen Welt verstrickten sich im Kommunismus. Und vielleicht muß man den Punkt auf das i setzen, vielleicht muß man endlich sagen, daß die einen weniger, die anderen mehr, und doch alle im 20. Jahrhundert ihren Anteil am Kommunismus haben.

Und vielleicht dauerte der Nationalsozialismus deshalb nur einige Jahre und endete mit einer unglaublichen Niederlage, weil er, abgesehen von geringen Gruppen in Europa und in den USA, wenige Komplizen hatte. Der Kommunismus hatte dagegen Millionen Komplizen auf allen Kontinenten, und diese Komplizenschaft bewahrte sich für ganze Generationen und dauert immer noch an.

Niemand, der gestern noch mit dem Kommunismus zusammenarbeitete, darf ihn heute restlos verdammen, weil er sich damit selbst ein schlechtes Zeugnis ausstellt.

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Deswegen ist weltweit die Überzeugung verbreitet, daß der Kommunismus zwar schlecht sei, aber doch nicht durch und durch. Es seien zwar Verbrechen verübt worden, aber der Kommunismus habe sich auch verdient gemacht. Und wenn jemand mit dem Kommunismus zusammenarbeitete, ihn akzeptierte oder sogar - wenn auch vorläufig, von Zeit zu Zeit - sein Komplize wurde, habe er damit doch nicht die Ideale der Freiheit und Demokratie verraten. Denn der Kommunismus enthalte auch Elemente der Freiheit und Demokratie, zwar unterschiedliche, aber immerhin ... Und wenn jemand den Kommunismus unterstützte und mit ihm zusammenarbeitete, dann nicht deswegen, weil er dumm, gemein, feige oder ohne moralische Prinzipien war, sondern aus dem edlen Beweggrund, das Schicksal der Mitmenschen zu erleichtern.

So argumentieren noch heute diejenigen in Polen, die der kommunistischen Partei bis zum Ende treu geblieben sind. So wird auch in Deutschland über diejenigen gesprochen, die mit dem Regime Honek-kers zusammenarbeiteten und dieses Regime bis zum Ende unterstützten. Das betrifft sowohl die DDR, was ich wegen der schwierigen Situation für eine geringere Sünde halte, als auch die Bundesrepublik, wo es sich um die schwere Sünde des Opportunismus, der Unterlassung, der Bequemlichkeit und Trägheit handelt. Solche Rechtfertigungen hört man in der ganzen Welt. Und als die Pfeife Stalins erlosch, begann man beinahe schon am nächsten Tag Chruschtschow zu bewundern, obwohl doch alle wußten, daß er neben Berija der engste Mitarbeiter des Tyrannen war. Und später klatschte man Breschnew Beifall und tat so, als ob niemand gewußt hätte, wer er war. Und dies wiederholte sich nach jedem Machtwechsel im Kreml.

Und ist es heute anders? Nach den Erfahrungen mit dem Kommunismus, nach dem Fall der Berliner Mauer, nach der Niederlage des Sowjetsystems verrät die moderne Welt wieder - wie früher - Freiheit und Demokratie. Hongkong wird in die Hände der chinesischen Kommunisten übergeben, obwohl doch bekannt ist, daß sie Verbrecher sind. Es sind doch lediglich einige Jahre nach dem Massaker am Platz Tien An Men vergangen. Fast jede Woche werden in der Öffentlichkeit vor den Augen der versammelten Menschenmengen Hunderte von Verurteilten erschossen. In China existieren doch mörderische Konzentrations­lager. Es werden dort viele Völker und Nationalitäten: Tibeter, Mongolen, Uiguren versklavt und unterdrückt. Und bald wird Peking - das ist sicher wie das Amen in der Kirche - jede Erscheinung der Freiheit in Hongkong ersticken.

Die verführerische Kraft des Kommunismus wirkt aber immer noch. Ich lese in der Weltpresse, daß in China Reformen eingeführt würden, daß den Menschen in Hongkong keine Gefahr drohe, denn niemand mit gesundem Menschenverstand würde doch die Henne schlachten, die viele Eier legt. Und das wird nach der jahrzehntelangen Erfahrung mit der Sowjetunion behauptet und geschrieben, die doch beweist, daß man nicht nur die Henne schlachten, sondern sogar Millionen von Menschen umbringen kann, nur um irgendwelche Illusionen der kommunistischen Tyrannei durchzusetzen. Die deutschen Unternehmer, mit denen ich mich über dieses Thema unterhalte, machen den Eindruck, als ob sie nicht verstünden, was man ihnen sagt. Denn ihrer Meinung nach gibt es schon ab morgen hervorragende Aussichten auf riesige Gewinne im kommunistischen Hongkong. Ich bin ein engherziger Mensch und habe einen schlechten Charakter. Und deswegen will ich nur eines, daß diese Herren in Peking schon im nächsten Jahr Bankrott machen.

Aber so wird es leider nicht geschehen. Sie werden eine Zeit lang Gewinne machen. Und sie werden so tun, als ob sie nicht sähen, wie Freiheit und Demokratie vernichtet wird. Und wieder wird es Journalisten, Schriftsteller und Intellektuelle geben, die den wunderbaren Wandel Hongkongs unter der Herrschaft des reformierten chinesischen Kommunismus beschreiben werden. Und eben deswegen habe ich starke Befürchtungen, daß Demokratie und Marktwirtschaft von Natur aus gegenüber den totalitären Herausforderungen wehrlos sind.

Demokratie und Marktwirtschaft haben ihre Schattenseiten, Schwächen, ihr Unrecht oder sogar ihre Verbrechen. Sie bieten nicht das Paradies und lösen keinesfalls alle dramatischen Dilemmata des Menschen. Eben aus diesem Grunde sucht der Mensch seit fast zweihundert Jahren nach einer alternativen Formel des kollektiven Lebens.

Der Nationalsozialismus war nie eine Alternative. Der Kommunismus war es über einige Jahrzehnte hinweg. Er erwies sich nicht nur als Illusion, sondern auch als ein schreckliches Verbrechen. Mit dem Begraben des Kommunismus wurde auch die Alternative begraben. Wohl deswegen hat er immer noch seine Verteidiger und wird sie auch weiterhin haben. Und er weckt die Sehnsucht nach etwas, was sich so schön angekündigt hatte und doch nicht vollbracht wurde ...

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Jens Reich

Der langsame Abschied von den Ideologien

Das 20. Jahrhundert war unter anderem das Zeitalter der Großideologien, die mehr oder weniger Besitz ergriffen von der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Menschen und von ihrer Seele. Das Jahr 1989 markiert das Ende dieses Jahrhunderts. Es markiert auch die Implosion der letzten dieser Großideologien, die als Wissenschaft unter dem Namen des Marxismus-Leninismus firmierte und zeitweilig mehr als die Hälfte der Welt beherrschte (Sowjetunion, China, sozialistisches Lager, Teile der dritten Welt). Die politischen Strukturen sind verschwunden. Heftige Konflikte begleiten die Neuformierung. Der Ausgang des Prozesses ist so lange unentschieden, als die Formierung der nachsozialistischen Gesellschaftsformation in China noch in Entwicklung ist. Eingestürzt sind auch die geistigen Denkmäler. Aber sie sind nicht verschwunden, nicht abgeräumt. Sie stehen noch als Torso, als Reste, als leere Sockel, als geköpfte Statuen, die auf einen neuen Kopf warten ... Und noch ist ungewiß, ob nicht neue Großideologien an die Stelle der geborstenen treten werden.

Aus der Jugendzeit einer Ideologie

Zum Anfang zeige ich ein Bild (siehe nächste Seite) aus der naiven Jugendzeit einer Großideologie, unter deren Alterskrankheiten mein Leben verlaufen ist. Zur Einstimmung sozusagen. Es stammt aus den frühen zwanziger Jahren, denn es ist ein Plakat zum 1. Mai, schon nach der Schriftreform, jedoch vor der Bildung der Sowjetunion.

Der Text ist ein Zitat aus dem »Kommunistischen Manifest«: »Die Arbeiter haben nichts zu verlieren als ihre Ketten, aber eine ganze Welt zu gewinnen.« Was auf diesem Plakat wie eine Art Kralle über Australien aussieht, ist nicht etwa der Klassenfeind, sondern der Zipfel der roten Fahne, die nach damaliger Vorstellung die ganze Welt umspannen sollte.

Rot ist die Russische Föderative Sowjetrepublik, rot gestrichelt sind alle Länder, in denen nach damaliger Vorstellung die sozialistische Revolution unmittelbar bevorstand. Es ist etwas anders gekommen als erwartet...

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Zum Begriff Ideologie

Wer in der DDR geistig sozialisiert wurde (auch dann, wenn wie bei mir, in innerer Opposition - aber auch der Widerstand prägt entlang der Fluchtlinien dessen, wogegen man ist), greift zum Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie, wenn die Rede auf gesellschaftspolitische Begriffe kommt. Alte Gewohnheit. Eingefahrene Bahnen. Und außerdem: So völlig nutzlos sind die alten Begriffe gar nicht. Man kann sie zum Nachdenken verwenden, wie man die Ziegel eines eingefallenen Daches zu seiner Neueindeckung nutzt.

Ich fange also an mit dem Ideologie-Begriff des Marxismus-Leninismus, wie wir ihn in der Schule gelernt und auf der Universität gähnend und zähneknirschend repetiert haben. Ideologie: System der gesellschaftlichen (politischen, ökonomischen, rechtlichen, pädagogischen, künstlerischen, moralischen, philosophischen) Anschauungen, die bestimmte Klasseninteressen zum Ausdruck bringen und entsprechende Verhaltensnormen, Einstellungen und Wertungen einschließen. Bezug auf Destutt de Tracy (1754-1836): Durch Analyse der Physiologie und Psychologie des Menschen praktische Regeln für Moral, Recht und Politik gewinnen (im Anschluß an Condillac). An eine soziale Gruppe, Kultur o. a. gebundenes System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen, Wertungen ...

Marx und Engels entwickelten den Begriff als Analyse des gesellschaftlichen Bewußtseins als Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins. In einer Klassengesellschaft bringt die Ideologie die historisch-gesellschaftliche Lage und Interessen einer Klasse zum Ausdruck. In der »Deutschen Ideologie« wird bürgerliche Ideologie als verkehrtes, verzerrtes, falsches, illusionäres, verselbständigtes Bewußtsein entwickelt. Die Klasse, welche die herrschende Macht ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.

In dem Maße, wie die zur Herrschaft gelangte Ausbeuterklasse zum Hemmnis der weiteren Entwicklung der Gesellschaft wird, diente ihre Ideologie der Verteidigung der überlebten Herrschaft. Sie propagiert die Naturgegebenheit und Ewigkeit der gegebenen Verhältnisse. Alle zur Herrschaft gelangten Ausbeuterklassen setzen ein partikuläres Interesse gegen die Interessen der übrigen Gesellschaft durch.

Bürgerliche Philosophie unterscheidet zwischen Ideologie und Wissenschaft. Für den Marxismus-Leninismus ist die Ideologie eine Wissenschaft, weil sie kein partikuläres Bewußtsein mehr schafft und das genannte System eine der gesamten Gesellschaft dienende Interessenlage widerspiegeln kann. Die sozialistische Ideologie ist Ideologie der Arbeiterklasse.

Dazu ein Kommentar von außerhalb nach Hannah Arendt: »Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft«: Die totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts gehen mit entsprechenden Ideologien einher. Ihr Erfolg legte zwei Illusionen offen. Erstens, daß alle Einwohner auch Bürger sind, die ein aktives Interesse an öffentlichen Angelegenheiten nehmen und bereit sind, wo nicht selbst politisch aktiv zu werden, so doch bewußt einer politischen Richtung zu folgen oder einer Partei bewußt die Stimme zu geben. Zweitens, daß die Massen politisch indifferent seien und den duldenden Hintergrund des politischen Lebens einer Nation bilden. Tatsächlich sind sie bereit, einer Ideologie aktiv zu folgen.

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Und aus der Spätzeit (M. Lewin nach Basile Kerblay: »Modern Soviet Society« von 1983): Man kann nicht mehr behaupten, daß ein einziges offizielles Credo noch als einziger Handlungsleitfaden dienen würde. Es koexistieren mehrere Ideologien, eine Mischung aus unterschiedlichen Denkweisen und Bezugssystemen, und zwar sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb von Partei und Führung ... Ein rigider, kodifizierter »Marxismus-Leninismus« konnte, es sei denn als offizielle Rhetorik, keine Antwort auf die wirklichen Bedürfnisse des Regimes geben.

Leben in der Ideologie

Geboren unter Hitler, aufgewachsen unter Stalin und Chrustschow, gehöre ich zu einer Generation, die sich stets einer Ideologie unterworfen hat, zu Teilen begeistert, zu Teilen zynisch, zu Teilen mürrisch ablehnend. Ich habe von Anfang an zum mürrisch ablehnenden Teil der Intelli-gentsia gehört. Zu keiner Zeit war ich ein Anhänger der marxistischleninistischen Ideologie, habe ihre Zumutungen (z.B. in der Schule und auf der Universität) schlechtgelaunt erfüllt und gehörte privat stets zu Kreisen, die kein Wort von dem ganzen Galimathias glaubten und sich in endlosen Klageliedern und satirischen Kommentaren ihrer inneren Überlegenheit verständigten, ohne diese nach außen darstellen zu können. Wir lebten in einer Nische inneren Protestes und zeigten nach außen die Fahne der notgedrungenen Loyalität. Wir waren die gelangweilte und mürrische Funktionselite eines Systems, das auch durch uns funktionierte, aber auch entsprechend schlecht. Wir waren die späten Ausläufer eines Abenteuers praktischer, vorgeblich rational steuernder Gesellschaftstheorie.

Von der marxistisch-leninistischen Ideologie, die mit ihren drei Bestandteilen (dialektischer und historischer Materialismus, politische Ökonomie des Kapitalismus, wissenschaftlicher Kommunismus) den Anspruch universeller Gültigkeit erhob, waren wir (ich und meine Umgebung) zu keinem Zeitpunkt fasziniert, weil wir sie in der lugend als aggressiv-gewalttätige und im Erwachsenenalter als bürokratisch erstarrte Realität erlebt hatten. So wie uns die Faszination der Generation unserer Eltern für Hitler unverständlich blieb (das Regime zu ertragen, allenfalls als Angstreaktion vor dem Partei- und SS-Terror erklärlich), so waren wir immun gegen die Begeisterung für Stalin und die sozialistische Oktoberrevolution. Trotzdem kann ich nicht behaupten, wir seien nicht durch die herrschende Ideologie geprägt. Das wird zu untersuchen sein.

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Ebensowenig kann ich behaupten, wir seien in der Ablehnung der Ideologie die Mehrheit gewesen. Wir waren eher Relikte einer älteren Zeit. Unsere Eltern hatten den Nationalsozialismus und den Weltkrieg überstanden und keine andere Zielvorstellung, als in Ruhe und frei von Hunger und Not zu arbeiten und zu leben. Sie verteidigten die Reste bürgerlicher Kultur und Lebensweise, die zu ihrer Verfügung standen und erzogen die Kinder im Geiste einer untergegangenen Kultur und Weltanschauung, verbanden das mit dem ständigen Bewußtsein, daß nur durch stilles Tolerieren ein Überleben in diesem Geiste möglich wäre. Sie programmierten uns auf Funktionieren in der Schule, möglichst unpolitische Berufe und auf das Leben in einer kleinbürgerlich reduzierten Kernfamilie, in deren Wohnung die alten Möbel standen, ein Bechstein-Flügel, einige alte Familienbilder hingen, eine Restauswahl von bürgerlicher und älterer Literatur und Kunstgegenständen. Redet nichts Politisches, Kinder! Laßt euch nicht auf die hohlen Phrasen ein, aber verbrennt euch nicht den Mund! Denkt immer daran, daß das Regime auch Menschen braucht, die mit Sachverstand ihre Arbeit verrichten! Lernt Sprachen, wo immer es sich bietet - das kann immer von Nutzen sein und weitet den Blick. Die Alpen sind herrlich, aber man muß auch die Schönheit der Hohen Tatra erkennen. Ich kenne London, Florenz, Paris und Venedig, sagte meine Mutter, ich habe alles gesehen, bevor ich in dieses furchtbare Reichsdeutschland mit seinem Hitler kam (sie war ursprünglich Österreich-ungarische Untertanin und dann CSR-Bürgerin) - ihr werdet es auch sehen, bis dahin kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, daß auch Prag eine herrliche, goldene Stadt ist. Prag konnte sie uns auch erst seit 1965 empfehlen, als es Reisemöglichkeiten dorthin gab.

So war ich zu jeder Zeit ablehnend gegen die herrschende Ideologie und immun gegen das ideologische Idiom. Sogar meine Hinwendung zur Biologie, die ins Medizinstudium mündete, hatte Abwehrgründe: Ich wollte sachkundig werden, um den Übergriff in Natur und Wissenschaft, den der dialektische Materialismus beanspruchte, innerlich abwehren zu können. Als Jugendliche nahmen wir teil an den heftigen Diskussionen, die die Kirchen gegen den atheistischen Materialismus führten (unterstützt von Gegenideologien aus dem Westen, die die klassische Genetik gegen den Lyssenkoismus, die Relatitvitätstheorie gegen den Engels-schen Dogmatismus, die Kybernetik gegen die starre Regeltheorie ins Feld führten). Die Streitschriften der ideologischen Dogmatiker gegen

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den Jesuitenpater Wetter in Rom, der seinerseits eine dogmatisch-thomi-stische Weltanschauung verfocht, waren die Themen dieser akademischen Trockenübungen gegen den Allmachtsanspruch der Ideologie. Die Bindung an die Kirchen war wesentlich motiviert durch die Abwehrhaltung gegen die aufgestülpte Ideologie. Aber aller Protest war innerlich -bestand im stillschweigenden Besserwissen.

So war der Abschied von der Ideologie ein Dauerzustand. Wir sagten »Adieu« zu ihr, aber sie ging nicht. Im Gegenteil: Sie fuhr fort, unsere Denk-Kategorien zu beeinflussen. Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen, lehrt der historische Materialismus. Wir hatten das oft genug in Aufsätzen reproduziert und mit Beispielen versehen und niemals Gelegenheit gehabt, Geschichte irgendwie anders zu beschreiben -es sei denn im Rückgriff auf die älteren Muster in den Bücherschränken der Eltern, die Geschichte als Geschichte von heldisch handelnden Personen und dem ihnen aus Überzeugung folgenden Volk, das von Ideen wie Nation, Christentum, Freiheit und Fortschritt durchdrungen war. Die Kritik an dieser Art Geschichtsschreibung hatten wir ebenso verinner-licht wie das nostalgische Vergnügen etwa an Mommsens Römischer Geschichte: Wunderschön geschrieben, ganz anders als dieses lederne Zeug in den Geschichtsbüchern - aber letzten Endes war die römische Gesellschaft eben doch geprägt durch die Produktionsverhältnisse einer Sklavenhaltergesellschaft, von der Mommsens Texte nur gelegentlich handelten und auf die dann republikanische Tugend und Tapferkeit und all die heroischen Intrigen und Schlachten nur ideologisch aufgeprägt waren. Wir durchschauten alle älteren Ideologien, deren Kritik der Marxismus lieferte, und durchschauten gleichzeitig den Marxismus als partikuläre Ideologie. So konnte man zum Beispiel leise fragen, mit mathematischer Bildung im Hintergrund, wieso nicht auf n die Zahl n+1 folgt und folglich der Marxismus genau wieder nur eine verblühende Ideologie sein muß. Die Marxsche Behauptung, daß die Revolution des Proletariats die letzte sein wird, ist ja als klarer Bruch in seinem sonst linearkontinuierlichen Geschichtsverständnis erkennbar. Und wir erlebten ja die Herstellung und Machtfestigung einer neuen Klasse, ganz analog zum Aufstieg der feudalen Gesellschaftsverhältnisse am Ende der Antike ebenso wie des Bürgertums nach der Englischen, Amerikanischen und Französischen Revolution. Unsere Ideologiekritik bestand darin, daß wir feststellten, daß auch diese Ideologie nur log, partikuläre Interessen verbrämte, die »Machtfrage« betonhart löste. Wir übernahmen die Denkregeln, aber nicht die Schlußfolgerungen. Unsere Kritik war immanent, daher letzten Endes sprengend, aber sie blieb der Ideologie negativ, als Ablehnung, verhaftet.

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So gab es eine Generation, die unter der Ideologie aufgewachsen war und ihre Lehren aufgenommen und sie dabei neutralisiert, entschärft hatte, zu einer leeren Konvention reduziert hatte. Wir hatten uns in dem Kategoriengebäude mehr oder weniger bequem eingerichtet wie in einem Gebäude, in das man verschlagen worden ist und in dem man lebt, ohne es doch schön zu finden und sein Herz daran zu hängen, ohne es andererseits aber auch einreißen zu wollen. Der typische DDR-Bürger dieser Generation ertrug die spätsozialistische Bürokratie. Er hatte gelernt und verinnerlicht, daß Aufstand dagegen nur zwecklose Blutopfer fordern würde. Bei allen politischen Unternehmungen hatte er stets die frühere stalinistische Terrorepoche im Gedächtnis, den 17. Juni 1953 in der DDR, den ungarischen Oktober von 1956, den gescheiterten Prager Frühling von 1968, den blutigen Danziger Dezember von 1970 und auch den offenbar gescheiterten Aufstand der Solidarnosc von 1980. Die Anpassungsstrategie bestand darin, den Stier nicht direkt anzugreifen, sondern ihn ins Leere rennen zu lassen. Es war kein Abschied von der Ideologie, schon gar keine Tötung, sondern eine eingeübte Indifferenz. Das Leben jenseits der Ideologie sollte sozusagen nach dem 65. Lebensjahr beginnen, wenn der zum Rentner gewordene Durchschnittsbürger der DDR seinen ersten Reisepaß nach dem Westen bekäme und mit ein paar Hundert irgendwie zusammengesparten Westmark und einem Rucksack und Zelt nach Italien und Frankreich aufbrechen wollte.

Dieser Waffenstillstand zwischen Ideologie und Untertanen, in dem die erstere auf den Einsatz ihrer Zähne und die letzteren auf den Einsatz von Gehirn und Mundwerk verzichteten, geriet allmählich in eine instabile Lage. Sie war dadurch bedingt, daß eine neue Generation unserer Kinder heranwuchs, deren Schul- und Jugendzeit unter dem milden Diktat der Anpassung verlief, die aber mit dem Erwachsenwerden die kritisch-schweigende Daseinsweise des angepaßten DDR-Bürgers nicht mehr ertragen wollte. Sie wollte sich nicht auflehnen, sie wollte sich aber auch nicht ducken - sie wollte ausweichen, ausreisen. Die Kohorten von Jahrgängen wurden zahlreicher, die sich durch Auswandern in den Westen und in die weite Welt noch eine Chance versprechen konnten, ein ganz anderes Leben zu führen - jenseits des verhangenen Himmels der Ideologie, an der auch ihre Eltern nur mit Lippenbekenntnissen hingen. »Wir wollen raus!« - das war das Losungswort der kräftigsten politischen Protestbewegung, die die DDR-Spätzeit sah. Der ständige Ausreisedruck nahm der einstmals die Gehirne besetzenden Ideologie die

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letzte Rechtfertigung aus ihrer bloßen Existenz. »Wir bleiben hier!« war der Antwort der anderen, der Mehrheit, die sich damit endlich aufraffte und mit dem Ruf nach Reformen das ganze Gebäude zum Einsturz bringen sollte. Damit begann der Ausbruch aus der stillschweigend akzeptierten Selbstverständlichkeit der Kategorien. Das Gebäude fiel zusammen. Wir kennen den Ablauf des Einsturzes.

Leben nach der Ideologie

Nach dem Einsturz des Gebäudes sollte die Entrümpelung der Trümmer beginnen. Es war die vermeintliche Freiheit eines totalen Neuanfangs. Ihr Sinnbild waren 1990 die mit unzähligen Druckwerken der DDR-Zeit angefüllten Papierabfall-Container. Honeckers Konterfei vom glanzfarbe-nen Einband seiner Autobiographie (»Aus meinem Leben« - wie bei Goethe) sah mich aus der Tiefe der Tonne an, neben ihm die Bände der Marx-Engels-Ausgabe und des Lehrbuchs der politischen Ökonomie des Kapitalismus an den Hochschulen der Deutschen Demokratischen Republik. Die Menschen versuchten, sich der geistigen Kulissen zu entledigen, in denen sie sich bislang bewegt hatten, ohne anzustoßen.

Da geschah etwas Merkwürdiges. Es war, wie wenn man sich beim Auspacken der Umzugskiste an alten Briefen und Notizen festliest und die Aufräumarbeit vergißt. Wir konnten uns nicht entschließen, die Versatzstücke einfach fortzuwerfen. Wir entdeckten, daß sie an uns festgewachsen waren. Sie auszureißen war schmerzhaft, und man sah danach gerupft aus. Die Ausreißarbeit stagnierte. Man begann, die Kulissen wieder hinzustellen, umzustellen, anders zu färben. Nicht mehr abzureißen.

Man kann diesen unterbrochenen Abschied an den Begriffen, an den Axiomen und an den moralischen Kategorien der verblichenen Ideologie feststellen. Das auffälligste Merkmal ist die in den neuen Bundesländern weitverbreitete Erkenntnis: Aber der Kapitalismus ist ja genau so, wie uns die Politinstrukteure jahrzehntelang weiszumachen suchten, und wir haben ihnen nicht geglaubt! Die Reaktion des DDR-Bürgers auf die Beschreibung des biographischen Elends der Arbeitslosigkeit in den unzähligen Schulen der sozialistischen Arbeit war doch Ungläubigkeit gewesen. So schlimm wird es schon nicht sein! Mir könnte das nicht passieren - dazu bin ich zu geschickt! Jetzt ist die Reaktion auf die Wiederentdeckung des gewöhnlichen Kapitalismus genau umgekehrt: Man beschreibt ihn als Fratze sogar dann, wenn es persönlich tatsächlich gar nicht so schlimm gekommen ist. Mit Witzen über den gewöhnlichen Kapitalismus und seine marktwirtschaftliche liberale Ideologie ernten die wiedererwachten politischen Kabaretts stürmischen Beifall, während die rote Satire an gleichem Ort vor zehn Jahren nur Gähnen und vorzeitigen Abgang ausgelöst hatte.

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Ein Relikt aus der Zeit der staatssozialistischen Ideologie ist der massenhaft verbreitete Glaube an die Macht des Staates, genauer gesagt an seine Möglichkeiten, die er jedoch bösartig verweigert. Renten, Arbeitsplätze, Ausbildungsförderung, Gesundheit und Rehabilitation, Mietpreise, Kindergartenplätze, Kunstprojekte, Straßen- und Parkreinigung, Sicherheit im öffentlichen Raum, ökologische Erneuerung - für alles wird der Staat für zuständig gehalten. Das nach-sozialistische Bewußtsein neigt dazu, den Vormund zurückzurufen, dem es 1989 die Legitimation abgesprochen hatte. Helmut Kohl soll es richten, und wenn er es nicht schafft, dann drohen wir, ihm die Stimme zu entziehen, wozu wir dann aber im Ernstfall auch wieder nicht den Mut aufbringen.

Der schwere Abschied von der Ideologie zeigt sich am auffälligsten im zähen Festhalten an einigen politischen Grundkategorien: an der illusionären Vorstellung, daß schrankenlose Freiheit und völlige Gleichheit Ideale sind, die in der gleichen Himmelsrichtung zu suchen sind, gleichzeitig anzustreben wären. Die Konvergenz von Gleichheit und Freiheit läuft auf kleine Münze hinaus: Abbau von Einkommensvorteilen der anderen und Freizügigkeit für uns selbst. Illusionäre Restbestände zeigen sich am Verhältnis zur Grundkategorie Privateigentum: Jeder möchte es für sich selbst realisieren, aber als gesellschaftliche Kategorie abschaffen. Im Sozialismus hatten wir uns überzeugt, daß Produktionsmittel und Grund und Boden verwahrlosen, wenn niemand persönlich daran gebunden ist - heute würden wir am liebsten alle Privatisierungen der Treuhand wieder rückgängig machen.

Ein anderes Phänomen, das besonders uns Protagonisten des Bürgeraufstandes von 1989 eint, ist das von der vergangenen Ideologie übernommene (vom Kopf auf die Füße gestellte, könnte man sagen), geradezu manichäische politische Weltbild. Wir neigen dazu, uns im Besitz der Wahrheit zu wähnen, so wie Vaclav Havel einfach und geradezu: »In der Wahrheit leben!« forderte. Allerdings Anfang der achtziger Jahre. Wir wissen, wo die Guten und wo die Bösen sind und unterstellen den anderen Irrtum, Lüge und Heuchelei, wo es lediglich um Interessenkonflikte und Auffassungsunterschiede gehen mag. Kompromisse zwischen divergierenden Interessen oder Ansichten gelten von vornherein als faul und verlogen. Hier lebt eine Haltung fort, die von der Heilsideologie geprägt ist, natürlich umgewendet, und die in der Opposition gegen sie die einzig richtige Strategie war. Jetzt hingegen führt sie nur zu moralisie-

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rendem Leerlauf. Ich darf als Beispiel den aktuellen Tatbestand anführen, daß ein DDR-Bürgerrechtler und jetziger CDU-Minister seine Teilnahme am Kirchentag absagt, weil ein Theologe zur Predigt aufgefordert wurde, der bei anderer Gelegenheit ein Papier zum Regierungswechsel mitverfaßt hat. Nie hätte ein gestandener »Wessi« so reagiert: Er wäre vielmehr gerade deshalb hingefahren, um dem anderen das Feld nicht kampflos zu überlassen! Sektenverhalten als negativer Restbestand der verblichenen Ideologie. Damals nannte man eine solche Absage: Dem Klassenfeind prinzipienfest eine grade, proletarische Rechte aufs Maul hauen. Ihm die Maske vom Gesicht reißen. (Ich muß nicht betonen, daß ähnlicher Manichäismus auch von der anderen Seite zu beobachten ist).

Ist das Zeitalter der Ideologien zu Ende?

Schön wäre es. Aber leider lautet meine Antwort: nein! Zwar haben die totalitären Ideologien im gegenwärtigen Europa für einige Zeit ausgedient, und auch die nicht-totalitären haben es im Zeitalter des hedonistischen Narzismus schwer. Schon außerhalb der nördlichen Industrie-Zivilisation gilt das nicht mehr, und auch bei uns glaube ich nicht an die Dauer eines aufgeklärten Zustandes. Das Auf und Ab zwischen Vergottung von Ideen und ihrer Steinigung ist geradezu eine anthropologische Konstante.

Eine feste Ideologie gibt Sicherheit, sagt, wo es lang gehen soll, wer gut und wer böse ist, schafft Gruppenidentität und identifiziert den Gegner mit eindeutigen Etiketten. Im freien Wolkenspiel entsteht Unsicherheit, letzten Endes durch die Endlichkeit unserer Existenz. So wird immer wieder die Selbstorganisation von Ideologien einsetzen - das Leben ist so beruhigend eindeutig unter ihnen. Sobald sie allerdings zementiert sind, entsteht das dringende Verlangen, auszubrechen, sich zu verweigern, so zu tun als ob, nach der inneren Freiheit zu suchen.

Ein voll etabliertes Ideologiegebäude hat kein langes Leben mehr; wir warten auf seinen Zusammenbruch. Wir wollen Sicherheit und doch Veränderung, wir wollen die Koexistenz des Unmöglichen. Ich glaube nicht, daß das 21. Jahrhundert ein ideologiefreies Jahrhundert werden wird. Wie stets bisher wird auch in Zukunft das partikuläre, interessegeleitete Bewußtsein sich seine Ideologeme schaffen und daran glauben. Abschied gibt es allenfalls von bestimmten Ideologien - und der Abschied von den totalitären dieses unglücklichen 20. Jahrhunderts ist allerdings eine Erlösung.

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Bisher erschienene Hefte dieser Reihe:

Nr. 1 Gerhard Barkleit, Heinz Hartlepp:  Zur Geschichte der Luftfahrtindustrie in der DDR 1952 - 1961 ISBN 3-931648-00-1

Nr. 2 Michael Richter:  Die Revolution in Deutschland 1989/90. Anmerkungen zum Charakter der »Wende« ISBN3-931648-01-X

Nr. 3 Jörg Osterloh:  Sowjetische Kriegsgefangene 1941 - 1945 im Spiegel nationaler und internationaler Untersuchungen. Forschungsüberblick und Bibliographie  ISBN 3-931648-02-8

Nr. 4 Klaus-Dieter Müller, Jörg Osterloh:  Die Andere DDR. Eine studentische Widerstandsgruppe und ihr Schicksal im Spiegel persönlicher Erinnerungen und sowjetischer NKWD-Dokumente ISBN 3-931648-03-6

Nr. 5 Gerhard Barkleit:  Die Rolle des MfS beim Aufbau der Luftfahrtindustrie der DDR ISBN 3-931648-04-4

Nr. 6 Christoph Boyer:  »Die Kader entscheiden alles... « Kaderpolitik und Kaderentwicklung in der zentralen Staatsverwaltung der SBZ und der frühen DDR (1945 - 1952) ISBN 3-931648-05-2

Nr. 7 Horst Haun:  Der Geschichtsbeschluß der SED 1955. Programmdokument für die »volle Durchsetzung des Marxismus-Leninismus« in der DDR-Geschichtswissenschaft ISBN 3-931648-06-0

Nr. 8 Erich Sobeslavsky, Nikolaus Joachim Lehmann:  Zur Geschichte von Rechentechnik und Datenverarbeitung in der DDR 1946- 1968 ISBN 3-931648-07-9

Nr. 9 Manfred Zeidler: Stalinjustiz kontra NS-Verbrechen. Die Kriegsverbrecherprozesse gegen deutsche Kriegsgefangene in der UdSSR in den Jahren 1943-1952. Kenntnisstand und Forschungsprobleme ISBN 3-931648-08-7

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