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aus der Verlagsleseprobe pdf

Inhalt
Einleitung: Vorhang auf für das Mindset  9
1. Die Isolationsgleichung: Die Bunkerstrategien der Milliardäre  25
2. Fusionen und Übernahmen: Hab immer eine ExitStrategie  39
3. Mutterleib mit Aussicht: Geborgen in der technologischen Blase  57
4. Der Speiseaufzug: Aus den Augen, aus dem Sinn  70
5. Selbstsüchtige Gene: Der Wissenschaftsglaube kommt vor der Moral  79
6. Mit Vollgas voraus: Entmenschlichen, beherrschen, ausbeuten  93
7. Exponentiell: Wenn du nicht weiterkommst, gehe Meta  117
8. Technologie mit Überzeugungskraft: Wenn man nur einfach einen Knopf drücken könnte  135
9. Visionen aus dem Burning Man: We Are As Gods 155
10. The Great Reset: Den Kapitalismus retten, um die Welt zu retten  180
11. Mindset in the Mirror: Widerstand ist zwecklos  198
12. Kybernetisches Karma: Mit dem eigenen Pulver hochgejagt  214
13. Mustererkennung: Alles kommt zurück   238
Anmerkungen  259
Dank   281

 

Einleitung

Vorhang auf für das Mindset

Eines Tages erhielt ich eine Einladung in ein Superluxusresort, um dort eine Rede zu halten. Ich nahm an, ich würde vor etwa hundert Investmentbankern sprechen. Nie zuvor war mir ein derart hohes Honorar für einen Vortrag angeboten worden – es entsprach etwa einem Drittel meines Jahresgehalts als Professor an einer staatlichen Hochschule. Und das für ein paar Überlegungen zur »Zukunft der Technologie«.

Als Humanist, der sich mit den Auswirkungen der digitalen Technologie auf unser Leben beschäftigt, werde ich oft fälschlicherweise für einen Futuristen gehalten. Aber ich spreche nicht gerne über die Zukunft, vor allem nicht vor reichen Leuten, denn die Frage-und-Antwort-Runde endet immer mit einer Art Gesellschaftsspiel, in dem meine Meinung zu den neuestenT ech-Modeworten abgefragt wird, so als handelte es sich um Tickersymbole an der Börse: KI, VR, CRISPR. Die Zuhörer interessieren sich selten für die Funktionsweise dieser Technologien oder für ihre gesellschaftlichen Auswirkungen jenseits der binären Entscheidung, ob man in sie investieren sollte oder nicht. Aber das Geld hat das Sagen, und also sprach ich auch und nahm die Einladung an.

Ich flog Business Class. Ich bekam Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung, und während ich auf dem MacBook meinen Vortrag entwarf, wurde mir eine erwärmte Nussmischung serviert (ja,sie erwärmen die Nüsse tatsächlich).Ich
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wollte darüber sprechen, dass digitale Unternehmen die
Kreislaufwirtschaft fördern könnten, anstatt alles auf den
extraktiven wachstumsgestützten Kapitalismus zu setzen –
dabei war mirschmerzhaft bewusst, dass weder der ethische
Wert meiner Worte noch die Emissionszertifikate, die ich
zusammen mit meinem Flugticket gekauft hatte, den von
mir verursachten Umweltschaden auch nur annähernd wettmachen konnten. Ich finanzierte meine Hypothek und den
Sparplan für das Studium meiner Tochter auf Kosten der
Menschen und Orte dort unten.
Am Flughafen wartete eine Limousine, die mich geradewegs in die Hochwüste brachte. Ich begann ein Gespräch
mit dem Fahrer über den UFO-Kult in dieser Region und
über den Kontrast zwischen der einsamen Schönheit dieser
Landschaft und dem hektischen Treiben in New York.Vermutlich wollte ich ihm zeigen, dass ich nicht zu jener Art
von Leuten zählte, die es sich normalerweise in Limousinen bequem machten. Als wollte er klarstellen, dass es sich
bei ihm genau umgekehrt verhielt, eröffnete er mir, dass dies
nicht sein Hauptberuf war: Er sei eigentlich ein Daytrader,
der jedoch nach ein paar »schlecht getimten Optionsgeschäften« eine Durststrecke überstehen müsse.
Als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, wurde mir bewusst, dass ich nun bereits seit drei Stunden in
diesem Wagen saß.Was waren das für Hedgefonds-Millionäre, die für eine Konferenz einen Ort aufsuchten, der
sich derart weit entfernt vom nächsten Flughafen befand?
Dann sah ich es: Neben der Straße setzte ein kleines Flugzeug auf einem privaten Flughafen zur Landung an, ganz
so, als würde es sich ein Wettrennen mit uns liefern. Natürlich.
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Einen Hügel weiter befand sich der abgelegenste und zugleich luxuriöseste Ort, den ich je gesehen hatte, ein Resort
samt Spa mitten im, tja, Nirgendwo. Eingebettet in eine
große Felsformation erstreckten sich über das Areal verstreut moderne Gebäude aus Stein und Glas, von denen
aus man die schier unendliche Wüste überblickte. Bei der
Anmeldung kam mir außer dem Hotelpersonal niemand zu
Gesicht, und ich musste einen Lageplan benutzen, um meinen privaten »Pavillon« zu finden. Zur Unterkunft zählte
ein eigener Whirlpool auf der Terrasse.
Am folgenden Morgen wurde ich von zwei Männern in
identischen Patagonia-Jacken abgeholt.Wirfuhren in einem
Golfcart zwischen Felsen und Strauchwerk hindurch zu
einem Konferenzzentrum. Sie führten mich in einen Backstage-Raum, wo ich Kaffee trinken und mich auf meinen
Vortrag vorbereiten konnte. Zumindest dachte ich das. Denn
anstatt mir ein Mikrofon anzustecken oder mich auf eine
Bühne zu führen, brachten sie mein Publikum hierher zu
mir. Die Teilnehmer nahmen an einem Tisch Platz und stellten sich vor: Es waren fünf superreiche Männer aus der
Welt der Tech-Firmen und Hedgefonds. Mindestens zwei
von ihnen waren Milliardäre. Nach ein wenig Smalltalk wurde mir klar, dass sie nicht an meinem Vortrag über die Zukunft der Technologie interessiert waren. Diese Leute waren gekommen, um Fragen zu stellen.
Es ging ganz harmlos und erwartbar los. Bitcoin oder
Ethereum? Virtual oder Augmented Reality? Wer wird als
Erster einen einsatzfähigen Quantencomputer haben: China oder Google? Aber meine Antworten schienen bei meinen Gesprächspartnern wenig zu verfangen. Kaum hatte ich
begonnen, die Vorzüge von Proof-of-Stake und Proof-of

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Work bei der Blockchain gegeneinander abzuwägen, gingen sie schon zur nächsten Frage über. Ich hatte den Eindruck, dasssie weniger meine Kenntnisse als meine Skrupel
zu testen versuchten.
Endlich brachten sie das Gespräch auf das Thema, das
sie wirklich interessierte: Neuseeland oder Alaska? Welche
Region würde am wenigsten unter der kommenden Klimakrise leiden? Von da an wurde es immer schlimmer. Welches war die größere Bedrohung: Klimawandel oder biologische Kriegführung? Auf welchen Zeitraum, in dem man
auf sich gestellt sein würde und ohne jede Hilfe von außen
zu überleben hätte, müsste man sich einstellen? Sollte ein
Zufluchtsort ein eigenes System zur Versorgung mit Atemluft haben? Wie wahrscheinlich wäre eine Kontaminierung
des Grundwassers? Schließlich erklärte der Geschäftsführer einer Brokerfirma, er sei fast fertig mit dem Bau seines
eigenen unterirdischen Bunkersystems. »Wie kann ich nach
dem Ereignis die Befehlsgewalt über meine Sicherheitskräfte bewahren?«, fragte er. Nach dem Ereignis. Mit diesem
Euphemismus umschrieben sie Umweltkollaps, gesellschaftliche Unruhen, Atomexplosionen, Sonnenstürme, unaufhaltbare Virusepidemien oder bösartige Hackerangriffe, die
ganze Volkswirtschaften lahmlegen konnten.
Dies war die Frage, die die restliche Stunde beschäftigte.
Diese Männer wussten, dass sie bewaffnetes Wachpersonal
brauchen würden, um ihre Anlagen gegen Plünderer und
wütende Mobs zu verteidigen. Einer hatte bereits ein Dutzend Navy SEALs angeworben, die ihm auf ein Signal hin
in seiner Anlage zu Hilfe eilen würden. Aber wie sollte er
seine Bodyguards bezahlen, wenn auch seine Kryptowährungen wertlos würden? Wie konnte er die Wachen daran
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hindern, sich schließlich von ihm loszusagen und sich einen anderen Dienstherrn zu suchen?
Die Milliardäre spielten mit dem Gedanken, die Lebensmittelvorräte mit speziellen Schlössern zu schützen, deren
Kombinationen nur sie kennen würden. Oder sie wollten
ihren Leibwächtern als Gegenleistung für deren Überleben
an ihrer Seite eine Art von Disziplinarhalsbändern anlegen.
Vielleicht konnte man auch Roboter bauen, die sich als
Leibwächter und Arbeitskräfte einsetzen ließen – sofern
es möglich war, die benötigte Technologie »rechtzeitig« zu
entwickeln.
Ich versuchte,sie zur Räson zu bringen.Ich argumentierte sozial und erklärte ihnen, unsere gemeinsamen langfristigen Herausforderungen könnten wir am besten durch partnerschaftliches und solidarisches Vorgehen bewältigen. Die
Leibwächter würden in Zukunft am ehesten loyal sein,
wenn man sie in der Gegenwart wie Freunde behandle.
Man könne nicht nur Munition und elektrische Zäune kaufen, sondern müsse auch in Menschen und Beziehungen
investieren. Sie rollten mit den Augen, so sehr musste sich
dasfürsie nach Hippiephilosophie angehört haben. Also eröffnete ich ihnen freimütig, man verhindere am ehesten,
dass einem der Sicherheitschef morgen die Kehle aufschlitzt,
wenn man heute die Bat Mizwa seiner Tochter sponsort.
Sie lachten. Wenigstens bekamen sie ein wenig Unterhaltung für ihr Geld.
Abersie wirkten auch ein wenig verärgert, denn ich nahm
sie nicht ernst genug. Aber wie konnte ich sie ernst nehmen?
Dies war wahrscheinlich die reichste, mächtigste Gruppe
Menschen, der ich je begegnet war. Und jetzt baten diese
Männer einen marxistischen Medientheoretiker um Rat, wo
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und wie sie ihre Bunker für den Weltuntergang anlegen
sollten. Dann begriff ich: Zumindest für diese Herrschaften war dies tatsächlich ein Gespräch über die Zukunft
der Technologie.
Inspiriert wurden ihre Vorhaben von den Ideen des Tesla-Gründers Elon Musk, der den Mars besiedeln will,1 von
Palantirs Peter Thiel, der den Alterungsprozess aufzuhalten
versucht,2 und von den KI-Entwicklern Sam Altman und
Ray Kurzweil, die beabsichtigen, ihre Gehirne auf Supercomputer hochzuladen.3 Nun wollten sie sich auf eine digitale Zukunft vorbereiten, in der es weniger darum gehen
würde, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, sondern eher darum, das menschliche Dasein überhaupt hinter
sich zu lassen.Ihr extremer Reichtum und ihre privilegierte
Position bestärkten sie lediglich in dem Wunsch, sich angesichts der sehr realen und allgegenwärtigen Bedrohung
durch Klimawandel, Meeresspiegelanstieg, Massenmigration, globale Pandemien, einwanderungsfeindliche Panik
und Ressourcenerschöpfung noch mehr von der übrigen Gesellschaft abzuschotten. In ihren Augen erfüllte die Technologie der Zukunft nur einen Zweck: Sie sollte ihnen helfen, vor dem Rest von uns zu fliehen.
Früher überhäuften diese Leute die Welt mit abstrus
optimistischen Business-Plänen, die der menschlichen Gesellschaft großartigen technologischen Nutzen versprachen.
Mittlerweile haben sie den technologischen Fortschritt auf
ein Videospiel reduziert, bei dem einer von ihnen gewinnt,
weil er den Notausstieg findet.Wer wird gewinnen? Bezos,
der ins All umzieht? Thiel, der sich in seine Anlage in Neuseeland verkriecht? Zuckerberg, der im virtuellen Metaverse Zuflucht findet? Und diese Milliardäre mit ihrer Ka

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tastrophenvision sind die vermeintlichen Gewinner der digitalen Ökonomie, die Triumphatoren in einer Unternehmenswelt, in der das Gesetz der natürlichen Auslese gilt
und die diese Überlegungen überhaupt erst angestoßen hat.
Natürlich war es nicht immer so. Anfang der 1990er Jahre
schien die digitale Zukunft unbegrenzte Möglichkeiten zu
eröffnen. Obwohl ihr Ursprung in der militärischen Kryptografie und Vernetzung lag, hatte sich die digitale Technologie zu einer Spielwiese für die Gegenkultur entwickelt,
die in ihr eine Chance auf eine Zukunft mit mehr Teilhabe,
besserer Verteilung und Partizipation erblickte.Tatsächlich
ging es in dieser neuen, »digitalen Renaissance«, wie ich sie
im Jahr 1991 zu nennen begann, um die Entfesselung der
kollektiven menschlichen Imagination. Sie umfasste alles
von der Chaostheorie über die Quantenphysik bis zu Fantasy-Rollenspielen.
In der frühen Cyberpunk-Ära glaubten viele von uns,
dass die enger als je zuvor miteinander verbundenen und
koordinierten Menschen jede nur irgendwie vorstellbare
Zukunft errichten könnten.Wir lasen Zeitschriften wie Reality Hackers, FringeWare und Mondo2000, in denen der
virtuelle Raum mit psychedelischen Welten, das Computer-Hacking mit einer bewussten Evolution und die Online-Vernetzung mit riesigen elektronischen Tanzpartys
– Raves – gleichgesetzt wurden. Die künstlichen Grenzen
linearer Kausalbeziehungen und hierarchischer Klassifikationen würden durch ein Fraktal sich entfaltender Interdependenzen ersetzt. Das Chaos war nicht beliebig, sondern
rhythmisch. Wir würden aufhören, die Weltmeere durch
das kartografische Netz von Längen- und Breitengraden
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zu betrachten, sondern sie anhand der zugrundeliegenden
Muster der Wellen wahrnehmen. »Gute Surfbedingungen«,
verkündete ich in meinem ersten Buch über die digitale
Kultur.
Niemand nahm uns wirklich ernst.Jenes Buch wurde im
Jahr 1992 vom ursprünglichen Verlag wieder aus dem Programm genommen, weil die Verlagsleitung der Meinung
war, die Mode der Computervernetzung werde am geplanten Erscheinungstermin Ende 1993 schon wieder vorbei
sein. Erst als später in jenem Jahr das Magazin Wired auf
den Markt kam und das entstehende Internet zur Geschäftschance erklärte, nahmen Personen mit Macht und Geld Notiz von der Entwicklung. In der ersten Nummer des Hochglanz-Magazins wurde ein »Tsunami« angekündigt. Aus
den Artikeln ging hervor, dass nur jene Investoren, die sich
über die von den Futuristen in der Zeitschrift entworfenen
Szenarien auf dem Laufenden hielten, die Flutwelle überleben würden.
Es ging nicht länger um die psychedelische Gegenkultur,
um Hypertext-Abenteuer oder um das kollektive Bewusstsein. Nein, die digitale Revolution war überhaupt keine Revolution,sondern eine Geschäftschance – eine Gelegenheit,
die bereits dahinsiechende Technologiebörse mit Steroiden
aufzupäppeln und nach Möglichkeit noch ein paar Jahrzehnte Wachstum aus einer Wirtschaft herauszupressen,
die seit dem Absturz der Biotechnologiebranche im Jahr
1987 als totgeweiht galt.
Also strömten die Investoren in den Tech-Sektor zurück,
um beim Dotcom-Boom mitzumischen. Die Berichterstattung über das Internet verschwand von den Kultur- und
Medienseiten der Zeitungen und wanderte in den Wirt16
schaftsteil. Etablierte Unternehmen erkannten im Internet
neues Potenzial, aber sie interessierten sich nur für die gute
alte Extraktion, die sie seit je betrieben hatten. Währenddessen wurden vielversprechende junge Entwickler mit Einhorn-Börsengängen und Millionenangeboten verführt. Die
digitale Zukunft bekam Ähnlichkeit mit Aktien- und Rohstoff-Futures: Sie wurden etwas, über dessen Zukunft man
spekuliert und worauf man Wetten platziert. Und genauso
behandelte man die Benutzer der Technologie weniger wie
kreative Mitwirkende, die es zu befähigen galt, sondern sie
verwandelten sich in Konsumenten, die man manipulieren
konnte. Je besser man das Verhalten der Benutzer vorhersagen konnte, desto sicherer war die Wette.
Es dauerte nicht lange, da fand man in fast allen Reden,
Artikeln, Studien, Dokumentationen oder Weißbüchern
über die entstehende digitale Gesellschaft Verweise auf
irgendein Tickersymbol eines Börsenwerts. Die Zukunft
war nicht länger etwas, das wir durch unsere gegenwärtigen
Entscheidungen oder Hoffnungen für die Menschheit erschufen,sondern sie verwandelte sich in ein vorherbestimmtes Szenario, auf das wir unser Risikokapital verwetten, um
von da an passiv auf seine Verwirklichung zu warten.
So blieb allen Beteiligten eine Auseinandersetzung mit
den moralischen Implikationen ihrer Handlungen erspart.
Die technologische Entwicklung diente weniger dem kollektiven Wohlergehen als dem persönlichen Überleben
durch die Akkumulation des Reichtums. Mehr noch, wenn
man dies ansprach, entlarvte man sich unabsichtlich als
Feind des Marktes oder als technologiefeindlicher Mäkler,
wie ich beim Schreiben von Büchern und Artikeln über
diese Entwicklung erfahren musste. Die Entwicklung der

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Technologie und das Wachstum des Marktes wurden
gleichgesetzt und als unvermeidlich und sogar moralisch
wünschenswert betrachtet.
Die Rücksicht auf die Erfordernisse des Marktes beherrschte den medialen und intellektuellen Raum, in dem
normalerweise eine Auseinandersetzung mit der Frage stattgefunden hätte, welche praktischen ethischen Implikationen die Verarmung der Vielen zum Wohl der Wenigen
hatte. Die Mainstream-Debatte kreiste stattdessen um abstrakte Mutmaßungen über unsere vorherbestimmte Hightech-Zukunft:Ist esfair, dass einAktienhändler Smart Drugs
verwendet? Sollte man Kindern Fremdsprachenimplantate
einsetzen? Sollten autonome Fahrzeuge eher das Leben von
Fußgängern oder das ihrer Insassen schützen? Sollten die
ersten Kolonien auf dem Mars demokratisch regiert werden? Untergräbt eine Veränderung meiner DNA meine Identität? Sollten Roboter Rechte haben?
Die Beschäftigung mit derartigen Fragen, die immer noch
anhält, mag philosophischen Unterhaltungswert besitzen.
Aber sie ist kaum ein Ersatz für die Auseinandersetzung
mit den wirklichen moralischen Dilemmata, die mit der
ungehinderten technologischen Entwicklung im Namen
des Unternehmenskapitalismus verbunden sind. Digitale
Plattformen haben einen bereits ausbeuterischen und extraktiven Markt (man denke an Walmart) in ein System verwandelt, das die Entmenschlichung noch weitertreibt (man
denke an Amazon). Den meisten von uns wurden die Schattenseiten dieser Entwicklung bewusst, als wir mit der Automatisierung von Arbeitsplätzen, der Gig-Ökonomie und
dem Untergang deslokalen Einzelhandelssowie des Lokaljournalismus konfrontiert wurden.
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Aber besonders verheerend wirkt sich der digitale Vollgaskapitalismus auf die Umwelt, die Armen der Welt und
die Zukunft der Zivilisation aus, die ihre Unterdrückung
ankündigt. Die Herstellung unserer Computer und Smartphones hängt weiterhin von einem Netzwerk der Sklavenarbeit ab. Diese Praktiken sind tief verwurzelt. Das Unternehmen Fairphone, das mit dem Ziel gegründet wurde,
ethisch unbedenkliche Mobiltelefone herzustellen und zu
vermarkten, musste feststellen, dass dies unmöglich war.
(Mittlerweile hat der Gründer der Firma seinen Produkten
die traurige Beschreibung »fairere Handys« verpasst.)4 Die
Gewinnung von Metallen Seltener Erden und die Entsorgung unserer hochgradig digitalen Technologien zerstören
menschlicheLebensräume, die sich in Giftmülldeponien verwandeln, auf denen verarmte indigene Kinder und ihre Familiennach verwertbaremMaterialsuchen, daswieder an die
Hersteller verkauft wird – die dieses »Recycling« zynisch
als Teil ihrer Bemühungen um Umweltschutz und Gemeinwohl bezeichnen.
Die externalisierte Armut und Umweltzerstörung nach
dem Motto »Aus den Augen, aus dem Sinn« verschwindet
nicht einfach, nur weil wir die Welt durch VR-Brillen betrachten und in eine alternative Realität abtauchen. Je länger wir die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen ignorieren, desto größer werden die Probleme.
Das wiederum verstärkt die Neigung zu Rückzug, Isolationismus und apokalyptischen Fantasien – und zu aus der
Verzweiflung geborenen Technologien und Business-Plänen: ein Teufelskreis.
Je mehr wir dieses Weltbild verinnerlichen, desto eher
betrachten wir andere Menschen als das Problem und die

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