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Erster Teil: Nimm keinem Menschen sein Lied (1972)
1. Pilger und Schüler
Die Anfangsschwierigkeit wirkt erhabenes Gelingen.
Fördernd durch Beharrlichkeit.
Man soll nichts unternehmen.
Fördernd ist es, Gehilfen einzusetzen. ( I Ging, 1)
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Schon immer haben sich Menschen zu Pilgerfahrten, geistigen Reisen und zur Suche nach sich selbst aufgemacht. Getrieben vom Schmerz, getragen von Sehnsucht und Hoffnung kommen sie einzeln und in Gruppen, um Trost, Erleuchtung, Frieden, Kraft, < Freude oder etwas noch Unbekanntes zu finden. Sie möchten etwas lernen, aber sie verwechseln Lernen mit Unterrichtetwerden und forschen deshalb nach Helfern, Heilkundigen, Führern und geistigen Lehrern, deren Schüler sie werden wollen.
Der seelisch geplagte Mensch unserer Zeit, der zeitgenössische Pilger, will Schüler eines Psychotherapeuten sein. Wenn er ernsthaft die Führung eines solchen neuzeitlichen Guru sucht, wird er sich bald auf einer geistigen Pilgerschaft wiederfinden. Das ist nicht weiter erstaunlich; Beklemmung, Zweifel und Hoffnungslosigkeit zeigen Krisen an, Perioden der Ratlosigkeit, die immer dann auftreten, wenn der Mensch unsicher genug ist, um innerlich wachsen zu können. Wir müssen unser Gefühl des Unbehagens immer als die Chance betrachten, »das Wachstum zu wählen und nicht die Angst«.2
Der tiefe Wunsch des Patienten nach Wachstum ist zugleich die wichtigste Antriebskraft seiner Pilgerschaft. Der Psychotherapeut muß
sich dieser Kraft in seinem Patientennur bewußt sein und sie im Auge behalten. Dann wird er Freude an seiner Arbeit haben und nicht in Langeweile versinken. Während die Person vor ihm mit beinahe lähmenden Konflikten kämpft, muß er nur beobachten, ob das, wovon er weiß, daß es da ist, auch auftaucht: die dem Menschen eigene Sehnsucht nach Beziehung und Sinn. Er ist nur Beobachter und Katalysator; es liegt nicht in seiner Macht, den Patienten zu >heilen<. Er kann dessen angeborener Fähigkeit, von sich aus gesund zu werden, nichts hinzufügen. Wenn er es versucht, stößt er auf hartnäckigen Widerstand, der die Behandlung nur verzögert. Der Patient hat bereits alles, was er braucht, um gesund zu werden ... Da er (der Therapeut) nicht für die Heilung >verantwortlich< ist, kann er sich in aller Ruhe an dem Schauspiel der fortschreitenden Gesundung erfreuen. 3Natürlich handelt der Patient wie jeder andere (einschließlich des Therapeuten) zu oft eher aus Furcht als aus Verlangen nach Wachstum. Sonst würde er ja seinen langen Weg in überströmender Freude antreten und nicht (wie es öfter der Fall ist) in Schmerz und innerem Aufruhr. Die Leute wollen von einem Psychotherapeuten geführt werden, wenn ihre gewohnte selbstbeschränkende, risikofeindliche Art zu handeln sie nicht weiterbringt, sondern Zerrissenheit und Erschöpfung in ihr Leben trägt. Ansonsten sind wir nur allzu bereit, mit dem Bekannten zu leben, solange es zu funktionieren scheint, wie dürftig die Ergebnisse, die wir damit erzielen, auch immer sein mögen.
Der Patient behauptet zu Beginn der Therapie meistens, daß er sich ändern möchte, aber in Wahrheit will er so bleiben, wie er ist, und der Therapeut soll nur etwas unternehmen, damit er sich besser fühlt. Er will einfach ein erfolgreicherer Neurotiker werden und bekommen, was er sich wünscht, ohne das Risiko des Neuen auf sich nehmen zu müssen. Die Sicherheit des bekannten Elends ist ihm lieber als die ungewohnte Blöße der Ungewißheit. Mit dieser nur allzu menschlichen Schwäche behaftet, nähert sich der Pilger-Patient seinem Therapeuten zu Anfang vielleicht wie ein kleines Kind, das sich an seine Eltern wendet und verlangt, daß sie sich um es kümmern. Es ist, als käme er in meine Praxis und sagte: »Meine Welt ist zerbrochen, Sie müssen sie mir wieder zusammenfügen.«
Deshalb beginne ich meine Arbeit immer mit zwei Vorsätzen: Ich will auf mich selbst achten, und es soll mir Vergnügen machen. Die treibende Kraft unserer Interaktion muß der Patient sein. Es ist, als stünde ich im Türrahmen meiner Praxis und wartete. Der Patient kommt herein, stürzt auf mich los und versucht verzweifelt, mich in sein Hirngespinst, daß ich mich um ihn kümmern muß, hineinzuziehen. Ich trete zur Seite. Der Patient fällt hin, enttäuscht und verwirrt. Jetzt hat er die Möglichkeit, aufzustehen und etwas Neues zu versuchen. Wenn ich bei diesem psychotherapeutischen Judo geschickt genug bin, und er mutig und ausdauernd genug ist, wird er vielleicht neugierig auf sich selbst, lernt, mich zu sehen wie ich bin und fängt an, seine Probleme selbst zu lösen. Möglich, daß sich seine Halsstarrigkeit in zielstrebige Entschlossenheit verwandelt, daß er seine Bemühung um Sicherheit aufgibt und statt dessen nach dem Abenteuer greift.
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Man wird fragen: »Wie kann denn die Anwesenheit eines Therapeuten einen solchen Menschen bei seiner Suche unterstützen?« Er kann auf viele Arten nützlich sein. Zunächst begegnet er dem bis dahin selbst-zentrierten Patienten, der nur seine eigenen Probleme sehen kann, als ein weiteres, sich mühsam durchkämpfendes menschliches Wesen. Er kann interpretieren und beraten, er gibt die für das innere Wachstum notwendige emotionale Bejahung und vor allem, er kann zuhören. Er nimmt nicht einfach nur auf, sondern hört aktiv und zielbewußt zu und reagiert mit dem Instrument seines Handwerks, mit der Verletzlichkeit seines eigenen zitternden Ichs.
Damit erleichtert er es dem Patienten, seine Geschichte zu erzählen und sich damit vielleicht zu befreien. Der Therapeut schafft eine »traumartige Atmosphäre ... und in ihr hat ... der Patient nichts, auf das er sich stützen kann, außer... seiner eigenen, so fehlbaren Urteilskraft«.4 Diese Beschreibung habe ich aus C. G. Jungs Einleitung zur englischen Fassung des /Gmgentwendet; dort ist sie Teil einer Beschreibung, mit der Jung die Nützlichkeit dieses dreitausend lahre alten Buches der Wandlungen darstellt, aus dem ich einige Zeilen als Einleitung dieses Kapitels benutzt habe. Zuerst versucht der Patient, den Therapeuten so zu benutzen, wie viele andere im Lauf der Jahrhunderte versucht haben, das / Ging, das älteste Buch der Weissagungen, zu benutzen. Das Buch der Wandlungen besteht aus Bildern der Mythologie und der sozialen und religiösen Institutionen seiner Entstehungszeit. Die Menschen des Ostens haben zu oft versucht, sich dieser Bilder als Orakel zu bedienen, genau so, wie manche Christen die Bibel öffneten und wahllos irgendeinen Vers herausgriffen, in der Hoffnung, gezielten Rat für ihre Probleme zu finden. Auch der Patient in der Psychotherapie mag zunächst versuchen, den Therapeuten dahin zu bringen, daß er ihm sagt, was er tun muß, um glücklich zu sein, und wie er leben kann, ohne für sein eigenes Leben voll verantwortlich sein zu müssen.
Aber das
I Ging, die Bibel, der heutige Psychotherapeut und andere Gurus sind recht armselige Orakel. Weit bedeutsamer sind sie als Quelle des Wissens über die Unklarheit, die Unlösbarkeit und die Unvermeidlichkeit der menschlichen Situation. Ihr Wert liegt darin, daß sie eine Bilderwelt anbieten, die zwar festgelegt ist, aber nicht stereotyp; Bilder, »über die man meditieren und in denen man seine Identität entdecken kann«.5 Zu diesen Quellen muß der Suchende gehen und dann dem Echo zuhören, das diese Bücher der Weisheit oder sein Guru zurückwerfen. Der Helfer gibt nur »eine einzige andauernde Ermahnung, den eigenen Charakter, Einstellungen und Motive genau zu prüfen«.6
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Der Sucher kommt in der Hoffnung, etwas Endgültiges, Dauerndes, keinem Wechsel Unterworfenes zu finden, auf das er sich verlassen kann. Statt dessen wird ihm der Gedanke angeboten, daß das Leben nichts weiter ist, als was es zu sein scheint, ein Sack voller Wechselhaftigkeit, Mehrdeutigkeit und Vergänglichkeit. Das mag oft entmutigend sein, lohnt aber letztlich doch die Mühe, denn es gibt sonst nichts. Der Pilger wünscht sich eine endgültige Lebensweise und erfährt statt dessen:
Der SINN, der sich aussprechen läßt, ist nicht der ewige SINN. Der Name, der sich nennen läßt, ist nicht der ewige Name.7
Er darf nur behalten, was er bereit ist loszulassen. Mit der offenen Hand kann man das kühle, strömende Wasser aus dem Fluß schöpfen; mit der geschlossenen Faust gelingt es nicht, wie groß der Durst auch sein mag, der dieses verzweifelte Zugreifen bewirkt. Am Anfang, unter dem großen Druck seiner Aufgabe, fällt es dem Pilger oft schwer, dieses geduldige Nachgeben zu lernen. Das zeigt sich deutlich in der alten Zen-Erzählung von den drei Schülern, deren Meister ihnen aufträgt, eine Zeitlang in absolutem Stillschweigen zu verbringen, wenn sie erleuchtet werden wollen. Der Erste sagt sofort: »Ich werde nicht sprechen«. »Wie dumm du bist«, sagte der Zweite, »warum hast du gesprochen?« Und schließlich der Dritte: »Ich habe als Einziger nicht gesprochen.«8
Der Pilger, ob nun der Psychotherapiepatient oder der Wanderer früherer Zeiten, liegt mit sich selbst im Streit, kämpft mit seiner eigenen Natur. Alle wirklich bedeutenden Schlachten trägt er in sich selbst aus. Wir scheinen uns alle als Reiter auf Pferden zu betrachten.9 Das Pferd verkörpert das kraftvolle, animalische Leben, das kein Verstand behindert und kein Zweck leitet; der Reiter ist das selbständige, unvoreingenommene Denken, eine Art reine, kühle Intelligenz. Zu oft lebt der Pilger wie ein Reiter, der den Willen seines Pferdes brechen will, um es ganz in seine Gewalt zu bekommen, so daß er sicher und bequem reiten kann, wohin er will. Mancher glaubt auch, daß er nur die Wahl hat zwischen dem ungezügelten Leben des reiterlosen Pferdes und dem eintönigen Weg des isolierten, pferdelosen Reiters und versucht gar nicht erst, sich Gehorsam zu erzwingen. Wer sich mit keinem von beiden abfinden mag, dem bleibt nichts anderes übrig, als ein Reiter zu sein,
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der um Gewalt über sein störrisches Pferd kämpft. Könnte er doch sehen, daß es keinen Kampf mehr gibt, sobald er begreift, daß er ein Zentaur ist! Wenn er jemals seine wahre Natur verwirklicht und den Kampf hinter sich läßt, wird er sich vielleicht fragen, warum der Therapeut ihm die einfachen Wahrheiten, die ihn befreit hätten, nicht gleich verraten hat. Als Therapeut weiß ich jedoch, daß der Patient zwar lernt, ich aber nicht lehre. Außerdem: was gelernt werden soll, ist so unbegreiflich einfach, daß man es nicht zu fassen bekommt, ohne es vorher durch Kampf, Aufgabe und Erfahrung kennengelernt zu haben. Wie ein Zen-Meister seinem Schüler sagte, als er erleuchtet war: Hätte ich dich nicht dazu gebracht, auf jede erdenkliche Art zu kämpfen, um den Sinn (des Zen) zu finden, hätte ich dich nicht endlich zum Nicht-Kämpfen und zum NichtStreben geführt, von wo aus du mit deinen eigenen Augen sehen kannst, du hättest jede Aussicht, dich selbst zu entdecken, verloren.10
War der Pfad der Erleuchtung in der Vergangenheit ein religiöser Weg, so folgt ihm der heutige Psychotherapiepatient in recht profaner Umgebung. Aber in welchen Metaphern der Pilger seine Suche auch erfährt, jede Reise, bei der es um die Frage nach einem letzten Sinn geht, ist eine allegorische Wanderung durchs Leben, die das übrige Alltagsleben des Pilgers erneuern und bereichern kann. »Gestärkt von Verlangen und Hoffnung, beladen mit Zweifel und Angst, bedrängt von Versuchungen und beschützt von geistigen Mächten verfolgt er den Weg des Lebens, immer auf der Suche nach einem >besseren Land<.«n
Die Frühzeit der Pilgerschaft ist eine farbige Geschichte von Reisen aus geistlichen und weltlichen Anlässen zu jenen heiligen Orten, wo ein Gott wohnte, ein Prophet erschienen oder ein Held den Märtyrertod gestorben war. Die heidnischen Griechen gingen auf die Pilgerschaft und auch die Bewohner der übrigen Kulturen des Mittelmeerraumes, Völker des Orients, Ägypter, Juden und Christen.
Sogar die primitiven Ureinwohner Australiens kannten rituelle Wanderungen zu heiligen Orten, deren Ursprung in ihren Mythen beschrieben ist:
Die beiden Djanggau Schwestern kamen über das Wasser... Von einer Insel aus folgten sie dem Licht der aufgehenden Sonne nach Nordosten. Sie schufen die ersten Menschen, die Wasserlöcher und die heiligen Orte des Rituals.
Zuerst besaßen nur die Schwestern all die heiligen Objekte und Riten. Der Mensch hatte nichts. Deshalb stahl er sie. Aber die
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Schwestern sagten: »Ach, sollen sie die Sachen nur behalten. Jetzt kann der Mensch diese Arbeit machen und sich selbst um alles kümmern.«12
Auch heute noch pilgern solche Völker zu den heiligen Orten ihres Rituals, um nach dem Rechten zu sehen. Im Osten sind Pilgerreisen schon seit langem und bis heute der übliche Weg, religiöse Gelöbnisse zu erfüllen. Buddha selbst ist »der große Pilger«13 genannt worden. Im Islam verbreitete Mohammed, Allahs Prophet, daß es die Pflicht eines jeden Mohammedaners sei, wenigstens einmal im Leben Mekka zu besuchen. Dadurch ist die Geburtsstadt Mohammeds zum Zentrum des religiösen Lebens der mohammedanischen Welt geworden.Auch Christen glauben seit langem, daß sich die Mühe der Pilgerschaft lohnt. Vom Ende des 11. Jahrhunderts an unternahmen sie mehrere große Kreuzzüge. Tausende nahmen das Kreuz auf sich, gaben ihre Häuser auf und wagten den Schritt ins Ungewisse, um die Liebe Gottes oder ihren eigenen materiellen Vorteil zu suchen. Was ihre Beweggründe auch waren, sie gingen in der Begleitung anderer Suchender, fanden die Gemeinschaft mit anderen, indem sie ihre Geschichten austauschten, sich einander bekannt machten und den Sinn ihres Lebens zu ergründen versuchten. Auch vor den Kreuzzügen (und danach) war es ein verbreiteter Brauch, zu den Totenschreinen örtlicher Heiliger zu pilgern. Manche waren krank und suchten Heilung; Geheilte kamen, um ein Dankbarkeitsgelöbnis zu erfüllen. Viele gingen, um ihre Sünden zu sühnen, als sichtbarer Ausdruck ihrer Bußfertigkeit. Einige machten sogar eine Form des sozialen Protests daraus, indem sie einen andersdenkenden Helden ehrten. »Aus einem Rebellen einen Heiligen zu machen, war der wirksamste Protest gegen den König. «14
Was auch der Anstoß zu solchen Reisen war, sie erlaubten den Pilgern neue Einsichten in den Sinn ihres Lebens, »bekehrte sie zu einem besseren Leben, zumindest für eine Weile.«15 Die Metapher dieser Reise ist eine Brücke, und wenn der Pilger sie überquert, »greift von hinten ein Teufel nach ihm, und drüben erwartet ihn der Tod.«16 Aber es gibt auch Gefährten und Helfer unterwegs. Ein Pilger hilft dem anderen, so wie der Blinde den Lahmen trägt; zusammen können sie die weite Reise machen, die keiner von ihnen allein bewältigen würde. In Aufopferung und Hingabe kann man diese Brücke überschreiten, aber der Aufruf zum mühsamen Pilgerdasein wird vielleicht auch überhört oder abgelehnt. Christus mahnt:
ist weit, und der Weg ist breit, derzur Verdammnis abführt; undihrersindviele, die darauf wandeln.Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte
Und die Pforte ist eng und ierWegist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die ihn finden}7
Eine Reise kann auch eher eine Flucht als eine Suche sein. James Joyce, der heimatlose Ire, ging nach Paris, um dort seinen Platz zu finden, verbrachte den Rest seines Lebens im Exil und schrieb über Dublin, die Heimat, aus der er geflohen war. Irgendwer hat einmal gesagt, sein Gottesbegriff müsse eher eine Pier gewesen sein als die Brücke der Pilgerschaft; denn eine Pier ist eine Brücke, die nirgend-wohin führt.
Wir müssen suchen. Jeder muß ausziehen, seine Brücke zu überqueren. Das Wichtigste ist, überhaupt anzufangen. »Eine tausend Meilen weite Reise beginnt vor deinen Füßen. «18 Aber vergiß nicht, der Aufbruch verbürgt nicht den Erfolg. Es gibt den Anfang, aber es gibt auch die Ausdauer und das ist: wieder und wieder und wieder anfangen. Du solltest am Anfang einen professionellen Pilger als Führer haben. Diese Menschen mit ihrer lebenslangen Berufung (oder Buße) sind leicht zu erkennen: »er trägt viele Zeichen, ist Zeuge vieler Wunder und Held vieler Abenteuer.«19
Und denk daran, daß du auch zu Hause bleiben kannst, sicher in der vertrauten Illusion der Gewißheit. Mach dich nicht auf, ohne dir über folgendes klar geworden zu sein: »Der Weg ist nicht ohne Gefahr. Alles Gute ist kostbar, und die Entwicklung der Persönlichkeit gehört zu den kostspieligsten Dingen.«20 Der Weg wird dich deine Unschuld, deine Wunschbilder und deine Gewißheit kosten.
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2. Die heilenden Metaphern des Guru
Er findet einen Genossen,
bald trommelt er, bald hört er auf.
Bald schluchzt er, bald singt er.
I Ging1
Mancher geht allein auf Pilgerschaft, mancher in Begleitung anderer Suchender. Auch wer allein loszieht, findet oft hilfreiche Gefährten auf seinem langen Weg. In der unruhigen Zeit, wo wir uns aufmachen, um nach dem Sinn unseres Lebens zu fragen, scheint es für die meisten von uns ratsam zu sein, uns an einen Helfer, einen Heilkundigen oder Führer zu wenden, der uns den Weg zeigen kann (oder uns wenigstens vor den Sackgassen bewahrt, in die wir so gerne hineinlaufen). »Man bemüht Priester und Magier in großer Zahl.«2
Solch ein geistiger Führer wird manchmal Guru genannt. Lehrer dieser besonderen Art helfen anderen durch Übergangs- und Einführungsriten, wobei sie ihre Schüler scheinbar in eine höhere Ebene geistigen Verstehens einführen; tatsächlich aber leiten sie ihn lediglich dazu an, seine unvollkommene und endliche Existenz in einer letztlich nicht zu bewältigenden Welt zu akzeptieren. Gurus erscheinen auf den ersten Blick oft »als die idealen Träger endgültiger Wahrheiten, aber [in Wirklichkeit sind sie] einfach nur ... besonders menschliche Mitmenschen.«3 Selbst der heutige Psychotherapeut kann nur so weit helfen, wie er selbst mitpilgert. Der Guru hat viele Gestalten; er erscheint im Gewand des einfachen Lehrers oder als wandernder Heilkundiger. Je nachdem, wann und wo er auftaucht, betritt er die Szene mit der dramatischen Überzeugungskraft des Propheten, des Weisen oder auch des Magiers. Man begegnet ihm meistens ebensosehr mit Mißtrauen und Angst wie gläubig und respektvoll; und doch erfüllt er die geheimen Wünsche und Erwartungen einer Zeit und eines Volkes. Er gebietet Ehrfurcht und erregt Beklemmung, weil er sich in seiner Sendung so radikal von allen Regeln und Traditionen entfernt hat. Sein Erscheinen ist von der Aura des Revolutionären umgeben, er rüttelt an der traditionellen Autorität patriarchalischer Herrschaft und widersetzt sich der starren, bürokratischen Fixierung der Machtverhältnisse.
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Unbeeindruckt von gesellschaftlichen Konventionen, als sein eigener Herr und Meister, durchdringt er die überkommene Lebensweisheit einer Gruppe und stößt ihre Ansichten über den Sinn des Lebens um. Ein Teil seiner Durchschlagskraft rührt daher, daß er die vergessene Sprache der Weissagung spricht, die poetische Sprache der Mythen und Träume. »Sind die Mythen äußerer Ausdruck der entscheidenden Kämpfe und Freuden und der Vieldeutigkeit des menschlichen Lebens, so ist der Traum seine innere Stimme.«4 Der Guru lehrt indirekt, nicht dogmatisch oder durch trockene Vorträge, sondern mit Hilfe von Parabeln und Metaphern. Dabei wendet er sich nicht vorwiegend an das logisch-rationale Denken oder an die Fähigkeit, Wahrnehmung empirisch-objektiv zu überprüfen; die Metaphern zu erkennen heißt, eine Situation in ihrem vielschichtigen Zusammenspiel konkreterundsymbolischer Bedeutungen intuitiv zu erfassen. Diese innere Dimension der Parabel, mit wachsender Verständnisbereitschaft des Schülers immer weitere Sinnebenen zu entfalten, zeigen die Lehr- Erzählungen der Sufis, zum Beispiel die Geschichte vom Wassermelonenjäger:
Es war einmal ein Mann, der sich verirrte und in das Land der Narren kam. Auf seinem Weg sah er die Leute, die voller Schrecken von einem Feld flohen, wo sie Weizen ernten wollten. »Im Feldist ein Ungeheuer«, erzählten sie ihm. Erblickte hinüber undsah, daß es eine Wassermelone war.
Er erbot sich, das >Ungeheuer< zu töten, schnitt die Frucht von ihrem Stiel und machte sich sogleich daran, sie zu verspeisen. Jetzt bekamen die Leute vor ihm noch größere Angst, als sie vor der Melone gehabt hatten. Sie schrien: »Als Nächstes wird er uns töten, wenn wir ihn nicht schnellstens loswerden«, und jagten ihn mit ihren Heugabeln davon.
Wieder verirrte sich eines Tages ein Mann ins LandderNarren, und auch er begegnete Leuten, die sich vor einem vermeintlichen Ungeheuer fürchteten. Aber statt ihnen seine Hilfe anzubieten, stimmte er ihnen zu, daß es wohl sehr gefährlich sei, stahl sich vorsichtig mit ihnen von dannen und gewann so ihr Vertrauen. Er lebte lange Zeit bei ihnen, bis er sie schließlich Schritt für Schritt jene einfachen Tatsachen lehren konnte, die sie befähigten, nicht nur ihre Angst vor Wassermelonen zu verlieren, sondern sie sogar selbst anzubauen.5
Die Wahrheit befreit niemanden; Einstellungen werden nicht durch Tatsachen verändert. Ein dogmatischer Guru bringt seinen Pilger-Schüler allenfalls dazu, sich verbissen an seine unseligen
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Überzeugungen zu klammern, die ihm zumindest die Sicherheit des vertrauten Elends geben; offen für das Risiko des Unbekannten und nie Versuchten wird er dadurch nicht. Deshalb warnt der Renaissance-Magier Paracelsus den Guru davor, einfach »die nackte Wahrheit« zu enthüllen. »Er soll Bilder, Allegorien, Gleichnisse, wu ndersame Rede oder andere verborgene Umwege benutzen. «6 Die früheste Form des Guru ist der Schaman, der zuerst in den Sammler- und Jägersippen der Altsteinzeit auftrat (und heute bei ihren Nachkommen, den Eskimos und Indianern). Bevor Gott und seine Priester in den stabileren Gesellschaften der Jungsteinzeit erschienen, war der Schaman der geistige Führer der nomadisierenden Jagdhorden.
Solch ein Guru beginnt seine qualvolle Pilgerschaft in seiner Jugend als tief beunruhigter Einzelgänger. Während er sein eigenes Leid bewältigt, entwickelt er allmählich die Fähigkeit, anderen auf ihrer geistigen Reise zu helfen. Anders als die Priester späterer Zeiten, die nach festgelegtem Zeremoniell ihre Rituale und Beschwörungsformeln erlernten, wurde der Schaman durch Visionen inspiriert, die er während seiner Pilgerschaft hatte. Die Kraft seiner wachsenden Selbstbewußtheit und die Spontaneität seiner Improvisationen übertrugen sich auf die Jäger der Sippe und gaben ihnen, was sie am meisten brauchten: Mut und Phantasie (ebenso entsprach später der Priester mit seinen rituellen Beschwörungsformeln und seinen festgelegten sozialen Geboten dem Bedürfnis des Bauern nach einer Sicherheit, die man erhielt, indem man seine persönliche Freiheit dem Gemeinwohl opferte).
Eine Reise in die Tiefe seines Selbst verleiht der inneren Schau des Schamanen die Kraft, auch andere Menschen zu bewegen. Gewöhnlich in einem tranceartigen Zustand, erlebt er den Kampf in seiner Seele als eine Auseinandersetzung mit der Geisterwelt. In der Literatur, der Religion und in den Mythen aller Kulturen sind die Motive und Konflikte, die der Mensch nicht als sein eigen anerkennen mag, als Götter, Dämonen, Geister und Visionen dargestellt worden. Ein junger Eskimo, der gerade erst Schaman geworden ist, berichtet sein Umwandlungserlebnis, das er während einer Nachtwache in der Wildnis hatte:
Ich wurde schwermütig. Manchmal mußte ich weinen und fühlte mich unglücklich, ohne zu wissen warum. Aber dann, urplötzlich, änderte sich alles. Ich fühlte große, unerklärliche Freude, Freude, die so stark war, daß ich nicht anders konnte, als zu singen. Ich sang ein mächtiges Lied, in dem nur Raum für ein Wort war: Freude, Freude! Ich mußte die ganze Kraft meiner Stimme aufbieten.
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Mitten in diesem wunderbaren und überwältigenden Taumel wurde ich ein Schaman und wußte selbst nicht, wie es geschah. Aber ich war ein Schaman. Ich sah undhörte auf vollkommen neue Art und Weise. Ich hatte die Erleuchtung erlangt, das Licht des Geistes und des Körpers. Jetzt konnte nicht nur ich durch das Dunkel des Lebens blicken, sondern dieses helle Licht strahlte auch von mir selbst aus, nicht wahrnehmbar für Menschen, aber sichtbar für die Geister der Erde, des Himmels und des Meeres, die jetzt herbei kamen, um meine verbündeten Mächte zu werden.7 >Wiedergeboren< im Prozeß der Selbstheilung kehrt der Schaman nach seiner Pilgerschaft in die Gemeinschaft seines Stammes zurück. Jetzt ist er gerüstet, die gewöhnlichen Jäger zu befreien, indem er jedem von ihnen die innere Schau seiner eigenen Erleuchtung offenbart.
Auch wenn Unheil den Stamm heimsucht, kann er den Menschen helfen, ihr selbstverschuldetes Unglück zu überwinden, und Vertrauen und inneren Frieden wiederherzustellen. Dabei versetzt er sich gewöhnlich in Trance und läßt seine verbündeten Geister in ihrer poetischen und abgründigen Sprache (die auch die Sprache der Gurus ist) aus seinem Mund sprechen. Er fragt den Träger des Unheils, was das Unglück herbeigeführt hat, und die Macht seiner bloßen Anwesenheit läßt den Geplagten bekennen, daß er Schlechtes gedacht und Böses getan hat. Jetzt machen die verbündeten Geister des Schamanen verschleierte Anspielungen und fördern so endlich die ganze Geschichte zutage.
Zu einer Frau etwa, die unter den Männern böses Blut verursacht, weil sie anscheinend untreu ist, könnten die Geister sagen: »Ich sehe ein leuchtendes Ding, das in deinem Unterleib gebrochen ist.« Die Arme glaubt sich durchschaut und reinigt sich in einem Schwall von Geständnissen, wobei sie durch die Gruppe ermuntert wird. Danach spricht sie sich mit den anderen Mitgliedern des Stammes aus und bereinigt den Hader. Solch eine Läuterung sichert den inneren Frieden des Stammes durch die von metaphorischen Anstößen hervorgelockte Geschichte des gequälten Suchers und durch konstruktive menschliche Interaktion, vermittelt durch die inspirierende Kraft des Schamanen, die ihm das Vertrauen auf seine visionäre Kraft gibt.
Ein weiteres Beispiel für Gurus, die durch Metaphern lehren, ist der Zaddik, der geistige Führer der Chassidim. Der Chassidismus »war eine mystische Bewegung im Judentum des 18. und 19. Jahrhunderts, eine Bewegung voller Charme, Vitalität und echtem Bezug zu den Menschen, die das Leben eines verzweifelten Volkes berührte und erneuerte.«8
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Zermürbt durch die Gewaltherrschaft der Kosaken, hatten sich die Juden in ihrer verzweifelten Sehnsucht nach einem Hoffnungsschimmer falschen Erlösern und den Meistern der kultischen Esoterik der kabbalistischen Geheimlehre zugewandt. Sie kämpften um ihr Vertrauen in das Bündnis mit Gott, um den Glauben, daß ihr Leiden einen Sinn hatte. Sie fanden sich betrogen und verraten, allein gelassen in einer geistigen Wüste, unfähig, die rätselhaften Prophezeihungen der Kabbalisten zu verstehen, an die sie so gern geglaubt hätten.
Eine Reaktion auf diesen verzweifelten Wunsch nach Führung war das Auftreten des Baal Sehern, des erstenZaddik. Jetzt brauchten die Menschen nicht mehr von der magischen Autorität der priesterlichen Hüter unverständlicher Geheimwahrheiten abhängig zu sein. Dieser neue Guru verkündete, daß die Wahrheit allen Menschen offenbar sein werde und jedermann seinen Glauben erneuern könnte, wenn er dem Zaddik auf die Pilgerschaft folgte. Er gestand seine menschliche Unzulänglichkeit freimütig ein, aber er vertraute seinem Gefühl und erwartete das gleiche von denen, die seine Führung suchten. Nicht länger sollten sie verwirrte Pilger sein, die wie Kinder vor den Toren des Tempels stehen; der Sinn, den sie suchten, würde jedem zugänglich sein, und es sollte keine Unterscheidung von Heiligem und Weltlichem mehr geben. Fortan sollte das tägliche Leben geheiligt sein, und jeder sollte für das Stück Existenz, das Gott ihm anvertraut hat, selbst verantwortlich sein. Der chassidische Guru schloß sich den anderen Pilgern auf ihrer Suche an, statt ihnen die autoritären Lehren der Hohepriester und Zauberer feilzubieten. Einer dieser Zaddiks beschreibt seine Führerschaft, indem er seine chassidischen Pilger mit einer Schar von Wanderern vergleicht, die sich im tiefen, dunklen Wald verlaufen hat. Sie stoßen auf ihren Guru, der schon länger als sie im Wald umherirrt. Ohne seine eigene Hilflosigkeit zu sehen, bitten sie ihn, daß er sie aus dem Wald herausführt. Er kann nur antworten: »Das kann ich nicht. Aber ich kann euch die Wege zeigen, die noch tiefer ins Dickicht führen. Danach laßt uns dann gemeinsam den Ausweg suchen.«9
Wie der Schaman lehrte der Zaddik durch Metaphern, auf Umwegen. Er verlangte von den Schülern nicht, daß sie ihm ähnlich würden, sondern sich selbst. Er bot ihnen keine unumstößlichen Wahrheiten an, sondern sich selbst. Er hatte keine Lehre, er war die Lehre. Seine Gottesfurcht erneuerte das Vertrauen der Chassidim; sie sahen seinen Mut, auch einmal als Tölpel dazustehen, und
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wagten es deshalb, sie selbst zu sein. Die Geschichten, mit denen er sie lehrte, legten keine Lebensregeln fest; sie geben j edem Suchenden nur das, was er mitbrachte.
Wenn sie zum Beispiel untereinander wetteiferten, wer von ihnen am meisten vom Leid geplagt war und daher das größte Anrecht hatte, sich zu beklagen, dann erzählte der Zaddik ihnen die Geschichte vom Sorgenbaum. Am Tag des j üngsten Gerichts darf jeder all seinen Kummer an einen Ast des großen Sorgenbaumes hängen. Wenn jeder einen Zweig gefunden hat, an dem sein ganzer Jammer baumeln kann, beginnen sie, langsam um den Baum herumzugehen. Jeder darf sich das Bündel Sorgen aussuchen, das er seinem eigenen vorziehen würde. Am Ende nimmt sich jeder lieber wieder das eigene Bündel vom Baum, als das eines anderen zu tragen, und jeder geht weiser als er kam.
Weil der chassidische Guru keine Lehre mitteilte, sondern selbst die Lehre war, wurde die bloße Beziehung zwischen ihm und dem Schüler zum Medium der Heilung. Was immer der Zaddik in einem bestimmten Augenblick tat, war das Einzige, was ihn gerade interessierte, und er legte sein ganzes Wesen hinein. Daher kamen seine Anhänger nicht zu ihm, um großartige Wahrheiten zu hören, »sondern um zu sehen, wie er seine Schuhriemen schnürte.«10 Als ein letztes Beispiel für den Guru, der durch Metaphern lehrt, so daß seine Schüler nur erfahren, was sie ohnehin schon wissen, will ich den Zen-Meister erwähnen. Die ursprüngliche buddhistische Lehre entstand in Südindien, wo sie dazu beitrug, die Menschen von der Fessel des hinduistischen Kastensystems und von der im Yoga geforderten Beherrschung von Geist und Körper zu befreien. Als die Lehre sich nordwärts nach China ausbreitete, erlaubte sie den Menschen, die traditionellen sozialen Konventionen, in denen sie gefangen waren, zu durchschauen. In Japan schließlich entlarvte der Geist des Zen die Absurdität des Hanges zu zeremonieller Vornehmheit und hob deren Beschränkung auf. Eine bevorzugte Methode der Unterweisung im Zen ist das Koan. Der Schüler bekommt ein Problem gestellt, über das er meditieren soll, ein Problem, das mit hergebrachten Methoden oder mit dem Intellekt nicht zu lösen ist. Damit muß der Zen-Pilger kämpfen, bis er entweder verzweifelt aufgibt oder sich ergibt und erleuchtet ist. In einem klassischen Beispiel fragt der Meister den Schüler, was »der Ton des Klatschens einer Hand« sei. Solche Scheinprobleme werden häufig als Antwort auf die Forderung des jungen Mönchs nach Erklärungen gestellt. Ironischerweise verwirrt er sich selbst gerade mit diesem Verlangen nach Klarheit. Wenn er zum Beispiel
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fragt: »Wie kann ich jemals frei werden?«, antwortet der Zen-Meister vielleicht nur: »Wer hat denn jemals einen Sklaven aus dir gemacht?«11 Oder wie in dem folgenden Gespräch: Ein Mönch fragte: Was bedeutet das Kommen des ersten Patriarchen aus dem Westen? Meister: Frag den Pfahl dort drüben. Mönch: Ich verstehe nicht. Meister: Ich auch nicht; nicht mehr als du.12 Nur über solche Umwege kann der Meister den Pilger zum Hier und Jetzt seines täglichen Lebens zurückführen, damit er erkennt, daß es keine Wahrheit gibt, die nicht schon für jedermann sichtbar ist. Diese Art von Unmittelbarkeit ohne Kampf treffen wir in der traurig-schönen Parabel von dem Zen-Meister, der eines Tages auf seinem Weg einem wilden, menschenfressenden Tiger begegnet. Er versucht zu fliehen, findet sich jedoch nach ein paar Schritten am Rand eines hohen und steilen Felsens. Der Tiger ist ihm auf den Fersen, und so bleibt dem Meister nichts anderes übrig, als sich an einer schwachen Winde, die dort am Rand wächst, über den Abgrund zu hängen. Oben der Tiger, der ihn fressen will, unten der sichere Tod eines tiefen Sturzes auf kantige Felsbrocken. Die dünne Winde beginnt nachzugeben, der Tod steht unmittelbar bevor. Da sieht der Meister, dessen Leben nur noch an einem Faden hängt, eine wunderschöne, reife Wilderdbeere. Schnell pflückt er die saftige Frucht, nimmt sie in den Mund, und dann hört man ihn sagen: »Köstlich, diese Erdbeere, und so süß.« Der Guru spricht in Metaphern zu seinem Schüler, um ihn auf sich selbst zurückzulenken. Er gibt dem Suchenden nur, was er bereits besitzt, und nimmt ihm dafür, was er nie hatte. Was der Guru dem Suchenden an Wissen voraus hat ist, daß wir alle Pilger sind. Es gibt keine Lehrer und keine Schüler. Im schlimmsten Fall kann sich die fundamentale Menschlichkeit des Guru in seiner unvermeidlichen Fehlbarkeit zeigen. Die Würde des Guru und die der Schüler, die einmal seinen Platz einnehmen werden, sind von dem gleichen Verfall bedroht, der die Kehrseite alles menschlichen Wachstums ist. Wenn das Charisma des Guru in dem Versuch, seine Kraft zu erhalten, in Routine erstarrt, kann es genauso selbstgefällig werden, wie das Establishment, gegen das es sich ursprünglich wandte. Überheblichkeit mag den Guru dazu verleiten, sich selbst zu erhöhen; vielleicht wird er auch von seinen Jüngern umgebracht, die einen Gott aus ihm machen wollen, um selbst mehr zu sein. Leere rituelle Parodien können schließlich alles sein, was von einer einst spontanen und lebendigen Lehre übrig bleibt. Die Verdinglichung seiner Metaphern durch seine Nachfolger mag den fadenscheinigen Eindruck der Kontinuität erwecken, obwohl die ursprüngliche, Leben schenkende Substanz einer inspirierten Lehre längst verschwunden ist.
Der Guru muß seine Nachfolger dazu bringen, sich von ihm zu befreien; das ist seine Mission. Seine Metaphern und Parabeln zwingen den Pilger, der Schüler sein möchte, seine eigene Intuition zu gebrauchen, um den Sinn in seinem Leben zu finden. Der Guru steht in einer Tradition, die lehrt, daß man Traditionen brechen muß, daß man sich verlieren muß, um sich zu finden.
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3. Das Ich enthüllen
Betrachtung meines Lebens
entscheidet über Fortschritt oder Rückzug.1
Verdeckter Drache. Handle nicht. (2, I Ging)
Der Guru lehrt durch Metaphern und Parabeln, aber der Pilger lernt, indem er seine Geschichte erzählt. Die Identität jedes Menschen erwächst aus den Mythen, Ritualen und Legenden seines Kulturkreises, vermischt mit dem Epos seiner persönlichen Geschichte. In beiden Fällen ist es die unwiderstehliche Kraft des Geschichtenerzählens, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Die paradoxe Kluft zwischen Kraft und Verletzbarkeit, das, was den Menschen zum Menschen macht, beruht darauf, daß er weiß, wer er jetzt gerade ist, weil er weiß, wer er gewesen ist und wer er werden möchte. All das entspringt aus dem Wunder seiner Fähigkeit, seine Geschichte zu erzählen.
Wenn Rabbi Israel ben Elieser, derBaal-schem-tow,sein Volkvom Unglück bedroht sah, pflegte er einen bestimmten Teil des Waldes aufzusuchen und dort zu meditieren. Er entfachte ein Teuer, sagte ein bestimmtes Gebet, und das Wunder geschah, das Unglück wurde abgewendet.
Später, als sein Schüler, der berühmte Maggidvon Mesritsch, aus den selben Gründen Gelegenheit hatte, beim Himmel Türsprache für sein Volk einzulegen, ging er an dieselbe Stelle im Wald und sagte: »Herr des Weltalls, höre! Ich weiß nicht, wie man ein Teuer anfacht, aber ich weiß das Gebet noch zu sagen.« Und wieder geschah das Wunder.
Sein Nachfolger, der Mosche Lob von Sasow, sagte, als er in den Wald ging, um sein Volk zu retten: »Ich weiß nicht, wie man ein Teuer entfacht, auch kenne ich das Gebet nicht, aber ich weiß den rechten Ort noch, und das muß genügen.«
Schließlich fiel die Aufgabe, das Unglück abzuwenden, dem Rabbi Israelvon Rizin zu, der zu Hause im Lehnstuhl sitzend, den Kopf in die Hand gestützt zu Gott sprach: »Ich kann kein Teuer entfachen und ich weiß das Gebet nicht; nicht einmal die Stelle im Waldkann ich mehr finden. Ichkann gerade noch die Geschichte erzählen, das
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ist alles, es muß genügen.« Und es genügte. Gott erschuf den Menschen, weil er Geschichten liebt.3
Der heutige Pilger ist von den lebeneinhauchenden Mythen abgeschnitten, die dem früheren, in Stämmen lebenden Menschen halfen. Er ist ein ganz diesseitiger Einzelner, der die Erweckung eines toten Gottes feiert. Als Gott noch lebte und Verbindung zu den Menschen hatte, war die Psychologie nicht mehr, als eine »mindere Abart des Geschichtenerzählens und Mythenbildens.«4 Heute muß jeder sich bemühen, seine Geschichte zu erzählen, wenn es ihm darum geht, seine Identität zurückzugewinnen. Sollte er sich auf die psychotherapeutische Pilgerschaft machen, so läßt er sich auf ein Abenteuer im Erzählen ein. Alles hängt davon ab. Das »Prinzip des Erklärens ist, daß die Geschichte irgendwie - wie auch immer - erzählt wird, damit man ihren Anfang finden kann. «5 Die Grundannahme ist, daß das Erzählen allein schon Rat schafft. Die zweite Begegnung mit seiner Lebensgeschichte kann den Menschen von einer Kreatur, die in ihrer Vergangenheit gefangen ist, in eine solche verwandeln, die von ihr befreit wird. Aber das Erzählen ist noch nicht alles. Jeder muß unterwegs auf seiner Pilgerschaft einmal Gelegenheit haben, seine Geschichte zu erzählen. Jeder, der eine Geschichte erzählt, braucht einen anderen, der zuhört. Dieser andere braucht kein Guru zu sein, er muß nur dem Bedürfnis des Augenblicks genügen können. Ein altes Sprichwort sagt, daß immer, wenn sich zwei Juden treffen, von denen einer ein Problem hat, der andere automatisch zum Rabbi wird. Manchmal genügt es aber nicht, wenn einfach nur jemand da ist, der zuhört. Ein Mensch braucht nicht nur jemanden, der seine Geschichte hört, sondern jemanden, der mitfühlt. Dieses Bedürfnis aller Menschen hat ergreifend Gestalt angenommen in der Legende von den sechsunddreißig Gerechten.6
Nach der antiken jüdischen Tradition gibt es zu jeder Zeit sechsunddreißig verborgene Gerechte, geheime Heilige, von denen der Fortbestand der Welt abhängt. Stirbt einer von ihnen, so nimmt ein neuer seinen Platz ein. Die Gerechten unterscheiden sich nur durch das herzzerreißende Ausmaß ihres Mitleids von anderen Menschen. Und nur solange sie existieren, solange ihr Mitleid anhält, wird Gott die Welt der gewöhnlichen Menschen bestehen lasseh. So untröstlich sind die Gerechten in ihrem Schmerz über das Leiden der Menschen, daß nicht einmal Gott sie erleichtern kann. Doch als ein Akt der Gnade »stellt der Schöpfer, gepriesen sei sein Name, von Zeit zu Zeit die Uhr des jüngstens Gerichts um eine Minute vor.«7
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Man erzählt von einem Jungen, dessen greiser Großvater ihm berichtet, daß der letzte Gerechte gestorben ist und keinen Nachfolger hat. Der Junge soll diesen Platz einnehmen. Bald, so sagt der Großvater, wird ein Leuchten von ihm ausgehen, die Aura seiner zukünftigen Bedeutung. Der Junge ist voller Ehrfurcht, aber er fragt sich bestürzt, was er als Gerechter wohl tun muß. Der alte Mann versichert ihm, er brauche nur er selbst zu sein, er brauche überhaupt nichts zu tun, um seine Bestimmung zu erfüllen. Vorderhand genüge es, weiterhin einfach ein braver kleiner Junge zu sein.
Aber das Kind macht sich Sorgen über seine Rolle und entwickelt die fixe Idee, daß Gott seinem Großvater den Tod ersparen wird, wenn er nur lernt, ein Gerechter zu sein. Er stellt sich großartige Selbstfolterungen und Opfer vor, die vielleicht von ihm verlangt werden könnten. Muß er sich von einem Mongolenpony, an dessen Schwanz er sich klammert, über den harten Erdboden schleifen lassen, oder wäre es vielleicht noch verdienstvoller, auf dem Scheiterhaufen von läuternden Flammen verzehrt zu werden?
Er ist entsetzt, aber bereit, alles zu tun, was von ihm verlangt wird. Er beschließt, klein anzufangen, den Atem anzuhalten, solange er kann. Weil das aber anscheinend nicht genügt, fügt er seiner Hand eine schmerzhafte befriedigende, stigmatisierende Brandwunde zu. Der Großvater ist tief beunruhigt, wenn auch gerührt, als er hört, daß der Junge sich darin übt, an seiner Stelle zu sterben.
Um ihn über seinen ungeheuren Irrtum aufzuklären, erzählt er ihm, daß selbst ein Gerechter nichts in der Welt ändern kann. Er kann niemanden retten. Ein Gerechter braucht das Leid nicht zu suchen; es ist in der Welt, für ihn wie jeden anderen. Er muß nur offen sein für das Leid der anderen und wissen, daß er nichts ändern kann.
Ohne seine Brüder retten zu können, muß er bereit sein, ihren Schmerz mitzufühlen, damit sie nicht allein leiden müssen. Das macht zwar für die Menschen keinen Unterschied, aber für Gott. Der Junge geht und versucht zu verstehen, begreift aber nicht den Sinn und Wert des Ganzen. Doch später an diesem Tag hat er seine Gottesbegegnung. Er fängt eine Fliege und hält ihr Leben in der Höhlung seiner Hand. Plötzlich empfindet er selbst den Schrecken und das Zittern dieser Fliege, ihre Angst ist seine eigene. Als er sie aus seiner zitternden Hand freiläßt, fühlt er plötzlich ein Glühen und weiß, daß er jetzt ein Gerechter ist.
Liebe ist mehr, als nur offen zu sein für die Qual der anderen; sie ist die Bereitschaft, mit dem Wissen zu leben, daß wir nichts tun können, um den anderen von seinem Schmerz zu befreien.
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