9. Abwehr als Lebensstrategie
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Einleitend möchte ich an den Doppelcharakter der Verdrängung erinnern: ihren das Leben des Ungeborenen und des Säuglings und Kleinkindes schützenden, sein Überleben garantierenden Sinn auf der einen Seite, und den das Leben des Erwachsenen mehr und mehr einengenden, die Lebensqualität infrage stellenden Charakter auf der anderen Seite.
Um das Phänomen der Abwehr mit ihren vielfältigen und zum Teil lebensgefährdenden Formen begreifen zu können, müssen wir im Auge behalten, daß die Verdrängung im Verlauf des späteren Lebens immer brüchiger wird und zunehmend durch mehr oder weniger zufällige Auslöser zum Ausbruch eines neurotischen, psychotischen, psychosomatischen, chronischen oder gar malignen (bösartigen) Erkrankungsprozesses führen kann. Der mahnende Charakter dieser Erkrankungen, die ungelösten Probleme der Vergangenheit endlich einer Lösung zuzuführen, wird in unserer Gesellschaft und unter der Herrschaft der zu ihr passenden Medizin meist übersehen, der dafür günstigste Zeitpunkt versäumt.
Aber der Druck der ungelösten Probleme steigt weiter an, kommt dem Bewußtsein näher, ohne daß die betroffenen Menschen ahnen, woher der Druck und die damit verbundene Unruhe, woher ihr gestörtes Lebensgefühl eigentlich kommt. So verfallen sie vielerlei vergeblichen Versuchen, sich des Drucks zu erwehren und sich eine neue Lebenshoffnung zu erkämpfen.
Ihr Leben selbst wird zum Kampf um das Leben, um eine bessere Zukunft, die sie nie wirklich erreichen werden, weil ihnen die ungelöste Vergangenheit ständig im Wege steht. Die Abwehr des Drucks, die Abwehr der andringenden Erinnerung wird zur Lebensaufgabe, die dafür entwickelten Abwehr-Formen werden zur Lebensstrategie.
Es gibt eine unendliche Zahl von Abwehr-Formen, weil letzten Endes jeder Mensch sein eigenes Konzept entwickelt. Einige dieser Formen sind jedoch so charakteristisch und wiederholen sich in ähnlicher Weise bei so vielen Menschen, daß wir versuchen können, sie genauer zu beschreiben.
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10. Die wichtigsten Formen der Abwehr
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Die verschiedenen tiefenpsychologischen Schulen sprechen übereinstimmend von Abwehr-«Mechanismen». Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, daß die damit verbundenen Verhaltensweisen bei entsprechenden Auslösern unkontrolliert, für den Betroffenen oft sogar unkontrollierbar, einrasten und zu sich wiederholenden Handlungsabläufen führen.
Ausgangspunkt für alle Abwehrmechanismen ist zunächst eine normale geistige Leistung des Menschen, nämlich die Tätigkeit des Vergleichens von einander ähnlichen Dingen und Vorgängen. Das ist ein wesentlicher Teil von allen alltäglichen Erkennungs- und Lernprozessen. Der Abwehrcharakter bei den im folgenden beschriebenen Abwehrmechanismen liegt in der Zeitverschiebung, in der Verwechslung von Vergangenheit und Gegenwart.
Wir müssen die Abwehrmechanismen einerseits als Symptome eines Erkrankungsprozesses verstehen, andererseits aber auch als nicht geglückte Selbstheilungsversuche. Allen Abwehrmechanismen liegt zunächst einmal der erwähnte Zeitsprung zugrunde: der dem Patienten unbewußt bleibende vergebliche Versuch, ein ungelöstes Problem seiner Vergangenheit, ein «primäres Trauma», das ihn unter psycho-physisch-mentalen Druck setzt, in der Gegenwart im Umgang mit seinen gegenwärtigen Mitmenschen lösen zu wollen.
Igor Caruso, der verstorbene Gründer der Österreichischen Arbeitskreise für Psychoanalyse und langjährige Leiter des Salzburger Arbeitskreises, hat in seinen Vorträgen, Seminaren und Veröffentlichungen den Begriff «Austausch-Mechanismen» bevorzugt. So sehr ich Carusos Arbeiten schätze und ihm auch persönlich viel verdanke, folge ich ihm in diesem Fall nicht, weil ich befürchte, daß mit dieser Umbenennung das Abwehrgeschehen zu stark auf die Gegenwartsebene fixiert und das Fatale des Zeitsprungs zugedeckt wird.
1) Übertragung
Im Falle der Übertragung verwechselt der Patient zwei Objekte miteinander: das der Primärebene, also ein seiner Vergangenheit angehörendes Objekt (z.B. seine Mutter oder seinen Vater), mit einem gegenwärtigen Objekt (z.B. mit der Partnerin/dem Partner). Die dem Trauma zugehörigen negativen Gefühle werden so erlebt, als würden sie von der gegenwärtigen Person hervorgerufen. Der Sinn von Objekt-Verwechslung und Zeitsprung liegt darin, daß sich der Patient mit der gegenwärtigen Person «kämpferisch auseinandersetzen» und sich dadurch die Illusion machen kann, auf diese Weise seine unerträglichen, ihm nicht erklärlichen Spannungen zu lösen. Das Primärobjekt kann natürlich nicht mehr manipuliert werden, wohl aber das gegenwärtige. Das soll der Druckentlastung dienen.
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Wenn die Übertragung nicht erkannt und aufgelöst wird, kommt es meist zu zermürbenden Dauerkämpfen mit dem Übertragungsobjekt, z.B. dem Partner/der Partnerin, mit ggf. schlimmen Folgen. Dazu eine sehr häufige beispielhafte Situation, in der es um die Partnerwahl geht, in der die Übertragungen oft eine sehr große und ungute Rolle spielen:
Ein junger Mann hat vorgeburtlich, nachgeburtlich und/oder auch später unter mangelnder Zuwendung und Beachtung seiner Mutter gelitten. Dieser Leidenszustand ist ihm aber nur halb bewußt. Die ganze Intensität seines Betroffenseins und Verletztseins verbirgt er unter verschiedenen Abwehrmechanismen. Was ihm bewußt ist, veranlaßt ihn aber dazu sich vorzunehmen, sich einmal eine Frau zu suchen, die ganz anders ist als seine Mutter: viel zärtlicher, liebevoller und aufmerksamer.
Unter dem Druck des Abwehrmechanismus der Übertragung, mit dem er vor der Bewußtwerdung der erlebten Katastrophe seiner frühen Vergangenheit auszuweichen versucht, gibt es nun zwei Varianten für seine Partnerwahl. Variante 1: Er sucht sich - unbewußt - eine Partnerin, die in vielerlei Hinsicht der Mutter gleicht, besonders was ihre mangelnde Bereitschaft zu aufmerksamer Wahrnehmung des zukünftigen Partners angeht. An ihr kämpft er nun sein Bedürfnis nach liebevoller Beachtung so lange aus, bis die Partnerschaft daran möglicherweise zerbricht. Variante 2: Er trifft wirklich auf eine Frau, die hinsichtlich ihrer Fähigkeit zu liebevoller Zuwendung und Aufmerksamkeit ganz anders ist als seine Mutter. Aber er glaubt ihr nicht, er kann es ihr nicht glauben, daß diese Gefühle echt sind. Mit seinem ständigen Mißtrauen treibt er sie schließlich in eine Situation, in der sie sich aus Selbstschutz gezwungen sieht, mehr und mehr auf Distanz zu gehen. Und der Partner? Der sieht sich jetzt natürlich in seinem Verdacht bestätigt. Er «weiß nun aus Erfahrung», daß Frauen grundsätzlich zu zärtlicher Liebe und aufmerksamer Hingabe an «den» Mann unfähig sind.
Ich hätte dasselbe Beispiel natürlich ebenso von einer Frau und deren Suche nach dem richtigen männlichen Partner erzählen können. Dieser Abwehrmechanismus ist nämlich so weit verbreitet, so «ubiquitär», daß er in irgend einer Weise fast in jeder Partnerbeziehung eine mehr oder weniger deutliche Rolle spielt. Deshalb muß er nicht nur in jeder Therapie, sondern auch in jeder Familien- und Partnerberatung höchste Beachtung finden.
2) Projektion
Die Projektion unterscheidet sich von der Übertragung dadurch, daß in diesem Fall Subjekt und Objekt miteinander verwechselt werden: der Patient projiziert sich selbst, seine eigenen Spannungen, Aggressionen und Ängste, also subjektive Faktoren, in das Du, in sein Gegenüber, in das Objekt hinein und versucht sie dort zu bekämpfen.
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der betroffene Mensch seine ungelösten Spannungen nicht mehr aushalten kann und beim Betreten eines Raums, in dem sich andere Menschen aufhalten, fragt, was denn hier für eine «dicke Luft» sei. Auch in diesem Fall sind der Zeitsprung und der Versuch maßgebend, die Spannungen durch Kampf — mit den anderen anwesenden Personen — abzubauen.So kann es z.B. sein, daß
Eine Besonderheit dieses Abwehrmechanismus kommt besonders häufig vor bei Patienten, die unter paranoiden Ängsten leiden. In diesen Fällen geschieht der Zeitsprung gleich bis in die Zukunft hinein.
Paranoide Entwicklungen gehen grundsätzlich auf sehr frühe und schwere Verletzungen, auf pränatale und/oder perinatale Traumata zurück (es gibt gewichtige Ausnahmen aus späterer Zeit!), die einen sehr hohen Angstpegel hinterlassen haben. Wir werden uns unter der nächsten Ziffer damit noch ausführlich beschäftigen. An dieser Stelle sei nur angemerkt, daß die ungelösten Ängste so in die Zukunft projiziert werden, daß der Patient die in der Vergangenheit erlebte Katastrophe, die er verdrängt hat, als in der Zukunft auf sich zukommend fürchtet. Der nicht glückende Selbstheilungsversuch besteht darin, daß die betroffene Person auf dem Weg der Vermeidung, oft verbunden mit Zwangsmechanismen, der Katastrophe auszuweichen versucht, sie dadurch aber vielfach in einer Art von Wiederholungszwang geradezu heraufbeschwört.
Der umgekehrte Vorgang, nämlich die Übernahme von Impulsen des Du in das eigene Ich, die bei dem «Abwehrmechanismus der Identifikation» und dem «Abwehrmechanismus der Identifikation mit dem Aggressor» eine große Rolle spielt, wird uns später beschäftigen. Hintergrund ist in beiden Fällen der Mangel der betroffenen Personen an Abgrenzungsfähigkeit.
3) Ausagieren
Der Begriff «Ausagieren» kann in einem weiteren und in einem engeren Sinne gebraucht werden. Von Arthur Janov, der ihn sehr häufig benutzt, wird er im weiteren Verständnis angewandt. Er ersetzt bei ihm praktisch den Begriff «Abwehrmechanismus».
Natürlich führt jeder Abwehrmechanismus zum Agieren, zum Handeln, und zwar sowohl gegenüber dem falschen Objekt wie in der falschen Zeit. Das ist es auch, was Janov mit dem Begriff «Ausagieren» eigentlich charakterisieren will. Ich selbst mag stattdessen nicht gern auf den Begriff «Abwehrmechanismus» verzichten, weil er einerseits den psychodynamischen Vorgang der Gegenwehr gegen den Erinnerungsdruck und andererseits den zwanghaften Charakter des Handelns besser charakterisiert.
Ich verwende den Begriff «Ausagieren» deshalb ganz bewußt nur im engeren Sinne. Ich benutze ihn z.B dann, wenn der Patient mit seinem Körper Bewegungen ausführt, in denen er unbewußt primäre körperliche Vorgänge auf der falschen (der gegenwärtigen) Zeitebene wiederholt. Dazu ein charakteristisches Beispiel:
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Ein Patient sitzt mir beim Diagnose-Gespräch gegenüber. Mir fällt sofort auf, daß er ständig unruhig-schiebende Bewegungen mit seinen Beinen macht, die er offensichtlich überhaupt nicht ruhig halten kann. Im Gespräch gesteht er mir, daß er zeitlebens von diesem Bewegungsdrang beherrscht worden ist. (Es handelt sich um ein Symptom, das auf eine schwerwiegende Geburtsproblematik zurückgeht, was ich dem Patienten aber natürlich nicht sage). Schließlich teilt er mir mit, daß er inzwischen eine Methode gefunden habe, mit der er die Unruhe in den Beinen einigermaßen zu beherrschen gelernt habe: er fahre täglich angestrengt mit seinem Rennrad und mit seinem Mountain-Bike. Beide Räder wolle er auch mit zur Therapie hierher bringen. Ich mache ihn darauf aufmerksam, daß er damit einen wichtigen primären Vorgang ausagieren und eine Lösung seines Problems in der Therapie verhindern würde. Da er von seinem Vorhaben aber nicht lassen will, wird im gegenseitigen Einverständnis auf die Durchführung der Therapie verzichtet.
4) Symbolisierung
Es geht im folgenden nicht um willkürliche, durch Konvention oder durch kulturelle Entwicklung entstandene Symbole der Verständigung, z.B. um die menschlichen Sprachen und die Formen der Verständigung in Bildern und (Schrift-)Zeichen, sondern (fast) ausschließlich um Symbole unseres Unbewußten.
Man kann diese Symbole annäherungsweise bezeichnen als verschlüsselte Bilder einer tiefer liegenden Realität, die uns nur als übermächtige Angst-Faszination ins Bewußtsein kommt. Einerseits verdecken also die Symbole des Unbewußten etwas, indem sie sich sozusagen zwischen den Betrachter und die gefürchtete Realität schieben, als Bild weisen sie aber zugleich auf das Tieferliegende hin. Wir können sie deshalb auch als Wegweiser zur Realität verstehen.
Meine langjährige therapeutische Erfahrung hat mich nun zu der Überzeugung gebracht, daß wir dankbar sein müssen für jedes Stück unverstellte, klare Realität, die im therapeutischen Prozeß erfahrbar wird. In der Arbeit an mir selbst und mit meinen Patienten habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, daß das Entdecken der Realität, das Wiedererfahren und Wiedererleben, «wie es wirklich war», sehr starke Impulse zur Heilung früher Verletzungen auslöst — ungleich stärker als jede noch so intensive Beschäftigung mit dem Symbol, hinter dem sich die Realität verbirgt.
Die Welt bleibt voller Geheimnisse, auch wenn wir uns noch so sehr darum bemühen, immer genauer zu erkennen, wie sie wirklich ist, wie die Realität «hinter den Dingen» aussieht. Aber dieses Bemühen um einen klaren Blick auf die Realität scheint mir im therapeutischen Prozeß unbedingten Vorrang zu haben. Das Anschauen der Realität ist zwar meist härter und schmerzlicher als das Betrachten von Symbolen, aber es ist auch heilsamer.
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Ich meine also, daß wir dankbar sein dürfen für die Symbole als «Wegweiser». Aber sobald es in der therapeutischen Arbeit möglich ist, sollten wir nicht beim Wegweiser stehenbleiben, sondern uns von ihm vorwärts weisen lassen.
Indem die Symbole des Unbewußten nun zwar einerseits wegweisend sind, andererseits aber auch die tieferliegende Realität verbergen, haben sie Abwehrcharakter. Und der Abwehrmechanismus der Symbolisierung ist einer der raffiniertesten überhaupt: Die Symbolisierung gibt nämlich einerseits dem inneren Druck zur Aufdeckung der verborgenen Gefühle, dem «Offenbarungszwang» nach, fängt jedoch andererseits diesen Druck durch die bildliche, ästhetische und künstlerische Verschleierung wieder auf, um ihn zu neutralisieren. All unsere Künste leben davon, ganz besonders die Malerei.
Wie notwendig die Symbolisierung in der «unaufgeklärten» Vergangenheit unserer Gesellschaft zum Überleben war, können wir heutigen Menschen kaum noch nachempfinden. Es gab ja so unendlich viele Dinge, die die Menschen nicht verstehen konnten und die ihnen immer wieder angst machten: z.B. warum der Boden manchmal fruchtbar ist und manchmal dem Menschen die Nahrung verweigert; warum manchmal die Sonne zu viel, dann wieder viel zu wenig scheint; daß das Feuer, das vom Himmel zu kommen scheint, dem Menschen wie ein kostbares Geschenk gegeben ist, das bei einem Blitzschlag aber auch gefährlich, ja tödlich wirken kann; daß die eine oder andere Erkrankung wie ganz von selbst wieder verschwindet, eine weitere aber zum Tod führt — und das nicht einmal in gleicher Weise und bei jedem Menschen.
Die staunenden, zugleich aber auch verängstigten Menschen der Vorzeit, die sich einer für sie gänzlich unfaßbaren Realität auf Gedeih und Verderben ausgeliefert fühlten, drückten ihre zwiespältigen Erfahrungen, die hilfreichen und zugleich bedrohlichen Phänomene, in erklärenden Symbolen aus und versuchten, sie auf diese Weise, zur Entlastung von ihren Ängsten, zu bannen, zu manipulieren, zu «neutralisieren». In vielen alten Kulturen, die auch heute noch nicht den vollen Anschluß an die «aufgeklärte» westliche Kultur, ihre Wissenschaft und Technik gefunden haben, spielen derartige Vorgänge bis jetzt immer noch eine gewisse Rolle.
Wenn wir aber ganz ehrlich sind: auch bei uns «wissenschaftsgläubigen» Menschen um die zweite Jahrtausendwende spielen solche verborgenen Ängste und magischen Praktiken immer noch eine beträchtliche bzw. wieder eine zunehmend große Rolle, nachdem wir uns gerade durch Wissenschaft und Technik neue und schwerste Bedrohungen selbst geschaffen haben. Unsere «magischen Praktiken» beruhen heute allerdings mehr auf der «Magie der Technik» und auf wortreicher Argumentation — dem «Abwehrmechanismus der Rationalisierung». Allerdings sehe ich auch in der erschreckenden Zunahme esoterischer Erklärungen und Praktiken den Ausdruck von symbolträchtigen Abwehrversuchen, verbunden mit den entsprechenden magischen Praktiken, die oft genug alten, meist östlichen Kulturen entlehnt sind.
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Wir sehen: die Symbolisierung und die mit ihr verbundenen magischen Praktiken dienen der Bewältigung einer nicht verstandenen bzw. (noch) nicht verstehbaren Realität und dem Schutz vor deren schlimmen Auswirkungen. Das ist der anthropologische Hintergrund für den Abwehrmechanismus der Symbolisierung!
In einem alten Sprichwort heißt es: «Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.» Die Erfahrungen aller tiefenpsychologischen Schulen zeigen, daß das Gegenteil richtig ist. Es muß heißen: «Was ich nicht weiß, das macht mich heiß!» Es sind die großen Bedrängnisse und Katastrophen aus unserer unbewältigten Vergangenheit, die verdrängt, aber gerade deshalb unerkannt um so wirksamer sind, die in schwerwiegenden und nur schwer heilbaren Erkrankungsprozessen bis in unsere Gegenwart hineinreichen. Unter diesen nicht ohne weiteres für uns faßbaren Bedrängnissen kommt den schädigenden Vorgängen lange vor unserer Geburt, bei der Geburt und kurz danach eine ganz herausragende Bedeutung zu. Deshalb ist es kein Wunder, daß sich viele Künstler, besonders unter den Malern, mit Symbolen des Mutterleibs und der Geburt befaßt haben.
Mehrere Autoren unserer Zeit haben sich mit dem Phänomen der Symbolisierung von pränatalen und perinatalen Phänomenen befaßt, sie gesammelt und unter spezifischen Gesichtspunkten dargestellt. Den derzeit besten Überblick bietet m.E. Ludwig Janus in seinem Buch: «Wie die Seele entsteht». Dort finden sich auch zahlreiche Literaturangaben. (Der Titel dieses hervorragenden Buches bereitet mir allerdings Unbehagen, weil er so verstanden werden könnte, als würde die «Seele» unabhängig von Körper und Geist durch einen eigenen Entwicklungsprozeß entstehen. Das widerspricht meiner streng ganzheitlichen Sicht des Menschen). Erwähnen möchte ich außerdem das kleine aber sehr aufregende Buch von David Wasdell: «Die pränatalen und perinatalen Wurzeln von Religion und Krieg».
Ich selbst sehe meine Aufgabe nicht im Sammeln von Symbolen — sie begegnen mir täglich in den Therapien meiner Patienten —, auch nicht in deren Interpretion, womit meine Patienten ganz bestimmt nicht zufrieden wären. Das hilft ihnen nämlich nicht entscheidend weiter. Ich beschäftige mich in aller erster Linie mit dem Aufdeckungsprozeß, der den Realitätsgehalt, der das in einem Symbol sich verbergende Trauma freilegt und den Patienten zur Auseinandersetzung mit seiner lebensgeschichtlichen Wahrheit und Wirklichkeit führt.
Im übrigen gibt es so viele Symbolbilder und symbolische Handlungen, wie es Menschen und deren individuelle und zwischenmenschliche Situationen gibt.
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In den folgenden Darstellungen beschränken wir uns hier ganz bewußt auf besonders weit verbreitete Symbole pränataler, perinataler und postnataler Zustände und Vorgänge. Ihr Sinn besteht darin, die angstmachenden verdrängten Inhalte, die sich der Erinnerung nähern, unter Zuhilfenahme des Zeitsprungs zu einer gegenwärtigen Sache zu machen, um die Bedrohung durch mehr oder weniger magische Praktiken vermeiden zu können. Wegen der verdrängten Bedrohungen und Schädigungen aus der frühesten Lebenszeit handelt es sich meist um phobische (Angst-)Symbole.
Hier die wichtigsten:
a) Schlangenphobie. Sie kommt in zwei sehr unterschiedlichen Formen vor mit ihrerseits ganz verschiedenen lebensgeschichtlichen Hintergründen.
1. Wir beschäftigen uns zunächst kurz mit jener Form, die von Vertretern der klassischen Psychoanalyse nach Freud immer wieder beschrieben, in Analysestunden aber auch oft bis zum Exzeß ausgewalzt und ausgekostet worden ist. Natürlich ist sehr vielen Menschen immer wieder aufgefallen, daß mancher Schlangenkopf auffällige Ähnlichkeiten mit der Eichel des männlichen Penis hat. Wenn also in Träumen von Frauen eine bedrohliche Schlange auftaucht, so liegt es natürlich nahe, sie als Penis-Symbol anzusehen und den Traum dementsprechend als Ausdruck der Angst vor der männlichen Sexualität zu deuten. Und wenn genau dieses Symbol in Träumen von Männern auftaucht, liegt der (Kurz-) Schluß nahe, daß sich dahinter eine Angst vor männlicher Homosexualität verbirgt. Ich weiß, wovon ich rede! Sie werden später an meinem eigenen Beispiel sehen, daß ein sehr bekannter Psychoanalytiker nicht erkennen konnte, daß hinter diesem Symbol auch etwas ganz anderes verborgen sein kann.
Was die Vertreter der klassischen Psychoanalyse übersehen, ich meine die Vertreter jener Form, in der verdrängte pränatale und perinatale Schädigungen nicht in den Aufdeckungsprozeß einbezogen werden, ist die Tatsache, daß wir alle vor unserer Geburt den sexuellen Umgang unserer Eltern während der Schwangerschaft sehr genau mitbekommen haben. Dabei kann das Erleben mit dem Penis des Vaters (oder eines Liebhabers!) sehr unterschiedliche Erfahrungen prägender Art hinterlassen haben. Die Leser werden in späteren Teilen dieses Buches dazu noch passende Beispiele finden. An dieser Stelle deshalb nur ein sehr kurzer Hinweis auf meine Patientin Hannelore.
Sie ist fast 30 Jahre alt, leidet an einer sehr starken Akne vulgaris, verbunden mit einer relativ leichten Psoriasis (Schuppenflechte) und ganz massiven Sexualängsten. Sie hat noch nie eine Beziehung zu einem Mann gehabt. In der Therapie führt sie das auf die recht egoistische und brutale Art ihres Vaters im Umgang mit ihrer Mutter zurück. Zwischen den Eltern haben sich die Spannungen erheblich gesteigert, seit die Mutter ihrem Mann gestehen mußte, daß sie in einem Kur-Urlaub mit einem anderen Mann geschlafen hat.
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In der Therapie zeigt sich dann jedoch der eigentliche Hintergrund sowohl ihrer Ängste wie der Hautsymptomatik. Als die Mutter mit ihr schwanger ist, kümmert sie sich nicht im geringsten um das in ihr heranwachsende Kind. Sie lehnt es ab und unternimmt Abtreibungsversuche. Als die Versuche fehlschlagen, wendet sie sich wieder ihrem Liebhaber zu, mit dem sie vor Hannelores Zeugung sehr häufig geschlafen hat. Es kommt noch einmal zu einem intensiven Geschlechtsverkehr — in der Art und Weise ohne jegliche Rücksichtnahme auf das Kind, vielleicht sogar in der heimlichen Hoffnung, daß das Kind dadurch abgeht. Bei dem stellt sich nicht nur ein erheblicher Haß auf die Mutter und auf den Liebhaber ein, sondern auch ein nachhaltiger Ekel vor jeder Sexualität.
Es ist eine aufgrund unserer Erfahrungen nicht mehr zu leugnende Tatsache, daß es für manche Menschen mit der biologisch programmierten Unbefangenheit im Bereich der Sexualität bereits vorbei ist, bevor sie überhaupt geboren worden sind. Sehr viele spätere sexuelle Ängste oder auch Entgleisungen haben so frühe Wurzeln. Die erwähnten psychoanalytischen Symbol-Deutungen schießen jedenfalls ganz erheblich zu kurz. Nur eine Diagnose und die zugehörige Therapie, die diese Frühzeit unseres Lebens voll aufzudecken und bis in die Gegenwart hinein zu verfolgen in der Lage sind, können Licht in das Dunkel und wirkliche Heilung bringen.
2. Bei der zweiten Variante der Schlangenphobie handelt es sich nicht um ein sexuelles Symbol, sondern um eine verdeckte Geburtserinnerung solcher Menschen, die mit einer Nabelschnurumwicklung zur Welt gekommen und bei ihrer Geburt erheblich stranguliert worden sind. Hier ist es weniger der Kopf der Schlange, der Angst erzeugt und zur Vermeidung des Anblicks einer Schlange führt, sondern die Tatsache, daß sich bestimmte Typen von Schlangen zusammenringeln. Die tatsächliche Beobachtung dieses Vorgangs, in den meisten Fällen sogar die einfache Vorstellung davon genügt, um in den betroffenen Menschen ein Erstickungsgefühl zu erzeugen. Da ich zu dieser zweiten Variante in diesem Buch einige eindrucksvolle Beispiele bringe, verzichte ich an dieser Stelle auf weitergehende Ausführungen.
Die Schlangenphobie stellt in ihren beiden Formen einen Zeitsprung von einem sehr frühen Trauma in die Gegenwart hinein dar mit dem — unbewußt bleibenden — Ziel, mit Hilfe der an das Symbol geknüpften Angst (der Phobie) jeden Auslöser zu vermeiden, der den Prozeß einer realen Erinnerung an das tatsächliche primäre Geschehen in Bewegung setzen könnte.
b) Spinnenphobie. Viele Menschen empfinden Spinnen einfach als lästige Haustiere, die mit ihren Netzen sich gerade immer dort aufhalten, wo nicht alle Tage sauber gemacht wird. Anderen wieder ist die dunkle Farbe unangenehm, aber sie fürchten sich nicht vor Spinnen. Selbst wenn man bei diesen Menschen genauer nachzufragen versucht, erhält man keine klarere Auskunft als vielleicht den Hinweis, daß seitens der Eltern immer dafür gesorgt wurde,
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daß sich keine Spinnen im Hause aufhielten oder/und daß ein Elternteil Angst vor Spinnen hatte. Mit einer Spinnenphobie, in der es um (fast) panische Ängste geht, haben diese mehr oder weniger unangenehmen Gefühle jedoch nur wenig zu tun.
Für die echte Spinnenphobie, die von den betroffenen Menschen als sehr erschreckend und quälend empfunden wird, gibt es gleich drei verschiedene Ansätze, zwei vorgeburtliche und einen nachgeburtlichen. In den beiden vorgeburtlich bedingten Versionen versucht sich der Mensch durch Vermeidung, z.B. durch viel Putzen, oder gar durch die Flucht vor den Spinnen, vor der Erinnerung an schwerwiegende pränatale (vorgeburtliche) Schädigungen, in der postnatalen (nachgeburtlichen) Version vor der Erinnerung an sehr unangenehme Erfahrungen aus den ersten Lebenswochen zu schützen.
1. Manchmal erhält man von einem Spinnenphobiker bei der Befragung, was ihm die Spinnen denn eigentlich antun könnten, bereits einen ersten Hinweis auf die Ätiologie (den Ursprung) dieses Abwehrmechanismus. So berichten sie gelegentlich, daß sie die langen Beine der Spinne fürchten, von denen sie sich selbst wie umklammert fühlten. Manchmal ist auch von damit verbundenen Ekelgefühlen die Rede. Wenn sich diese Patienten in der Therapie auf ihre panischen Ängste wirklich einlassen, führt sie ihr Unbewußtes oft sehr rasch in einen Zustand kurz vor ihrer Geburt bzw. bei Geburtsbeginn zurück, in dem sie sich von der Mutter, bei noch geschlossenem Muttermund, viel zu eng umschlungen und viel zu lange festgehalten wahrnehmen. Das wird von den betroffenen Kindern sehr häufig als äußerst lebensbedrohlich erlebt, vor allem dann, wenn zugleich die Sauerstoffversorgung erheblich eingeschränkt ist. Die Kinder erleben die Blutgefäßzeichnung der Fruchtblase und der Gebärmutterwände wie Fangarme, die sie umklammert halten und ihr Leben bedrohen. Diese Art der Spinnenphobie, in der die Ekelgefühle nur wie eine Dreingabe erscheinen und möglicherweise der Leugnung der panischen Ängste dienen, stellt in gewisser Weise eine Parallele zur Klaustrophobie (Einschließungsangst) dar.
2. Ausgangspunkt für die zweite vorgeburtliche Version der Spinnenphobie ist die Plazenta, der Mutterkuchen, dessen Kerbungen und Blutgefäße, ähnlich wie die der Fruchtblase, wie Fangarme wirken können. Diese Art ist viel seltener als die unter Ziffer 1 beschriebene. In der Regressions-Therapie finden wir ihre Ätiologie in einer nicht gerade sehr angenehmen Lage des Kindes im Mutterleib, nämlich wenn es mit seinem Kopf, dabei vorübergehend auch mit seinem Gesicht, direkt auf der Plazenta liegt. Diese Lage kann zwar auch als angenehm empfunden werden, wenn die Plazenta als weiches «Kopfkissen» dient, sie wird aber bedrohlich, wenn dadurch die Sauerstoff- und die Nährstoff-Zufuhr vorübergehend unterbrochen oder gar auf längere Dauer eingeschränkt wird. Wenn obendrein über die Plazenta, durch falsche
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Ernährung der Mutter, belastende oder gar gefährliche Stoffe in den Blutkreislauf des Kindes geraten, z.B. weil die Mutter nicht auf Alkohol und Zigaretten verzichten zu können glaubt, wird die Plazenta auch dann als lebensgefährlich erlebt, wenn sie nicht in unmittelbarer Nähe des kindlichen Kopfes liegt. Bei dieser Art der Spinnenphobie steht der unüberwindliche Ekel ganz im Vordergrund.
3. Den beiden pränatalen bzw. perinatalen Versionen gegenüber nimmt sich die dritte, die postnatale Version, auf den ersten Blick als geradezu harmlos aus. Doch das kann täuschen. Es geht um Probleme bei der Hautberührung des Kindes durch die Mutter, manchmal auch, allerdings ganz selten und nur wenn die Kindern nach der Geburt länger im Krankenhaus bleiben mußten, durch das Pflegepersonal.
Wenn ich vor einer Regressions-Therapie Patienten mit Spinnen-Phobie befrage, was sie an Spinnen denn eigentlich so besonders fürchten, höre ich oft, sie müßten sich immer wieder zwanghaft vorstellen, eine Spinne würde über ihre Haut, über die Hände, über die Arme, über ihren ganzen Körper krabbeln. Das würde sich ganz erschreckend kitzelig und kühl anfühlen und eklig-unangenehme Gefühle hervorrufen. In der Regression kommt es dann gewöhnlich zu spontanen Erinnerungen mit genau denselben Gefühlen, nämlich bei Berührungen der Haut durch die kalten Finger der Mutter, gelegentlich auch des Pflegepersonals. Dabei wird mir oft beschrieben, daß die Mutter sehr dürre, knochige Finger habe und ihr Kind «nur mit spitzen Fingern» anfasse, also nicht mit vollen warmen Händen zugreifen könne. Bei diesen Neugeborenen setzt sich in der Art der Säuglingspflege gewöhnlich die vorgeburtlich erlebte distanzierte Haltung einer gefühlsarmen Mutter fort. Auffällig ist, daß diese Kinder in ihrer Säuglingszeit auch oft an Milchschorf und später an Neurodermitis oder Akne vulgaris leiden.
4. Seit ich mit der Psychotherapie beschäftigt bin, habe ich mich immer wieder darum bemüht, auch andere als tiefenpsychologische Methoden kennenzulernen und mich mit ihnen kritisch auseinanderzusetzen. Im Sommer 1971 nahm ich an einem Ausbildungskurs in der Verhaltenstherapie teil, der unter der Leitung des Londoner Psychiaters Dr. Victor Meyer im Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München durchgeführt wurde. Meine kritischen Rückfragen an Dr. Meyer führten seinerseits zu einer mir nicht zukommenden Anerkennung, weil er meinte, ich sei ein sehr erfahrener Psychiater, meinerseits jedoch zu einer herben Enttäuschung. Ich mußte nämlich feststellen, daß ihn die grundsätzlichen Fragen nach der Ätiologie, nach dem ersten Ursprung der jeweilig behandelten Erkrankungsprozesse überhaupt nicht interessierten und daß meine persönliche Frage, wie sich die verhaltenstherapeutische Behandlung denn eigentlich auf die anderen mit dem Erkrankungsprozeß verbundenen Symptome auswirke, ohne Antwort blieb. Das war, für Fachleute gesagt, meine Frage nach dem Generalisierungs-Effekt.
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Die ganze Ausbildungsveranstaltung wurde von Dr. Hermann Heyse, der damals Arzt am Max-Planck-Institut war, moderiert. Nach einer Sitzung nahm mich Dr. Heyse, der bereits ziemlich viel Erfahrung mit dieser noch recht neuen Methode gesammelt hatte, beiseite und berichtete mir von dem Ergebnis der Behandlung einer Spinnenphobie. Er hatte die Patientin mit der verhaltenstherapeutischen Methode der Desensibilisierung behandelt mit dem sehr faßbaren Ergebnis, daß die Frau sich zunehmend immer größere Spinnen über ihre Arme laufen lassen konnte, ohne Angstreaktionen zu zeigen. Verhältnismäßig kurze Zeit nach Abschluß der Therapie erhielt Dr. Heyse von dieser Frau einen sehr aufgeregten Anruf: «Eine Spinne! Eine Spinne! Ich halte das nicht aus!» Als der Arzt sie darauf aufmerksam machte, daß sie doch sogar recht große Spinnen habe anfassen und sich über ihre Arme habe laufen lassen können, antwortete sie erregt: «Aber diese Spinne sitzt an der Windschutzscheibe meines Autos — und ist tot!» Eine tote Spinne war in dem verhaltenstherapeutischen Trainings-Programm nicht vorgekommen. Der Generalisierungseffekt, nach dem ich immer wieder kritisch gefragt hatte, war also nicht eingetreten.
Ich rechne es Dr. Heyse noch heute sehr hoch an, daß er mir meine kritischen Rückfragen, auch nach der Bedeutung der Ätiologie einer Spinnenphobie, auf diese Weise als berechtigt bestätigte. Aber nicht nur das: So arbeitet unser Unbewußtes, um sich die Chance zur wirklichen Befreiung zu erhalten. Wenn die lebenden Spinnen «weggeübt» werden, bedient es sich halt der toten Spinnen, um auf ein unaufgelöstes Trauma aufmerksam zu machen!
c) Schmetterlingsphobie. Als ich zum erstenmal mit einer Schmetterlings-phobie konfrontiert wurde, hielt ich dieses Phänomen für einmalig, ja geradezu für «exotisch». Darin hatte ich mich allerdings getäuscht. Sie ist zwar außerordentlich selten und meist mit der dritten Form der Spinnenphobie vergeschwistert, aber für die davon betroffenen Menschen doch mehr als nur unangenehm. In einer viel leichteren, nicht ausgeprägt phobischen Form ist das unangenehme Gefühl, das bei der tatsächlichen oder auch nur befürchteten Berührung durch Schmetterlinge auftritt, vielen Menschen bekannt. Es ist gerade die sehr leichte, etwas kitzelige Art der Berührung, die das unangenehme Gefühl, bei der phobischen Form jedoch Panik auslöst.
Gerlinde leidet an einer Schmetterlings-Phobie, die mit einer Spinnenphobie vergeschwistert und mit einer Pityriasis rosea, einer Hauterkrankung, verbunden ist. Obwohl die Pityriasis nur relativ kleine Hautbezirke befallen hat, ist die Patientin davon überzeugt, daß ihre Haut «total kaputt geht». Das ist, objektiv gesehen, natürlich eine beträchtliche Übertreibung, in der sich aber, subjektiv gesehen, ihre Phobie widerspiegelt.
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Schmetterlinge jeder Art machen ihr angst. Wenn sie, wie das bei Bergwanderungen vorkommen kann, einem ganzen Schwärm von besonders dunkel gefärbten Exemplaren begegnet, wird ihre Panik so groß, daß sie wegzulaufen beginnt und sich dadurch in reale Gefahren begibt. In der Therapie stellt sich heraus, daß der vorgeburtliche und der nachgeburtliche Kontakt zwischen Mutter und Kind sehr dünn, sehr unbefriedigend, ja problematisch war. Vor allem die Stillsituation war für das Kind äußerst bedrängend. Die Patientin erkennt in den dunklen Schmetterlingen die Brustwarzen ihrer Mutter wieder, von denen sie sich angeekelt und äußerst bedrängt fühlt, vor allem im Bereich ihres Gesichts. Sie verweigert die Nahrung so intensiv, daß die Eltern länger als ein halbes Jahr lang zu verschiedenen Ärzten laufen müssen, weil das Kind nicht genügend an Gewicht zunimmt, ohne daß dadurch der Hintergrund für die Verweigerung aufgedeckt werden kann. Das blieb der Regressions-Therapie vorbehalten.
d) Die Angst um das Sterben des Hamsters. Der Tod von Tieren, der reale wie der befürchtete Tod, kann in solchen Menschen, die mit ihren Haustieren sehr stark identifiziert sind, erhebliche Todesängste phobischer Art hervorrufen. Sehr viele Menschen sind mit ihren Haustieren nicht nur stark identifiziert, sondern von ihnen sogar abhängig. Letzteres betrifft vor allem Menschen mit stark depressiven Anteilen, die sich einsam fühlen und nie gelernt haben, für sich selbst zu sein und unabhängig auf eigenen Füßen zu stehen. Mehr schizoid geprägte Menschen, die, vor allem vorgeburtlich, mit dem Menschen äußerst große Probleme hatten, der ihnen eigentlich hätte vermitteln müssen, was Menschsein bedeutet, nämlich die Mütter, distanzieren sich später mehr und mehr von ihren Mitmenschen und flüchten sich oft in die Natur, besonders zu den Tieren. Arthur Schopenhauer hat von sich selbst gesagt: «Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.»
In der Angst vor dem Sterben eines geliebten Haustiers können sich ganz verschiedene schmerzhafte Früherfahrungen verbergen: einmal die durch das eigene Geburtsgeschehen bewirkte Trennung von der Mutter, zum andern eine nachgeburtliche Trennung, z.B. durch einen verlängerten Krankenhausaufenthalt des Kindes. Auf das Haustier werden dann massive Verlustängste übertragen, die mit Abhängigkeitsgefühlen verbunden sind, die ihrem Ursprung nach auf der nicht ausreichenden Verfügbarkeit der Mutter beruhen. Bei der Übertragung der frühen Verlustängste auf das Haustier findet hinsichtlich der damit verbundenen Abhängigkeit sehr oft eine Projektion statt in der Weise, daß die eigene Abhängigkeit geleugnet und dem Tier allein zugeschrieben wird: «Es braucht mich doch!» Nicht selten verbirgt sich dahinter eine noch viel tiefer sitzende Angst, in der sich die Erinnerung an vorgeburtliche Lebens-Bedrohungen widerspiegelt. Das war bei Bettina der Fall.
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Die Angst, daß ihr Hamster sterben könnte, überfiel Bettina immer wieder panikartig. In der Therapie merkte sie sehr bald, daß sich dahinter eine mit Todesangst verbundene Trennungs- und Verlustangst versteckte, die sich auf ihre Mutter bezog. Sie deckte einen zweifachen ätiologischen Hintergrund auf: 1. Während der Schwangerschaft kam zwischen Mutter und Kind kein gegenseitiger Kontakt zustande. Bettina erlebte die Mutter als kalt und beziehungslos. Die Versuche des Fötus, sich durch Strampeln und Boxen bemerkbar zu machen, wurden seitens der Mutter mit Erschrecken und deutlich ablehnenden Gefühlen beantwortet. 2. Die ganze Schwangerschaft war von Anfang an, mit ihrem Voranschreiten stark zunehmend, von einer lähmenden Todesangst der Mutter beherrscht, die sich auf die bevorstehende Geburt bezog, wovon sich der Fötus nicht abtrennen konnte. Die Ich-Entwicklung des Kindes blieb so schwach, daß es sich in seinen eigenen Gefühlen nicht von denen der Mutter unterscheiden konnte, sondern von deren Gefühlen total überschwemmt wurde. Das wurde später auf alle möglichen Situationen übertragen, besonders auf ihren geliebten Hamster.
Aufregend wurde die therapeutische Situation für die Patientin, als sie plötzlich entdeckte, daß sich der Hamster in ihrer Hand ähnlich anfühlte wie das Skrotum, der Hodensack eines Mannes. Dadurch kam der Vater mit ins Spiel, dessen sexuelle Beziehung zur Mutter während der Schwangerschaft sie immer als sehr positiv, ja belebend empfunden hatte. Im Gegensatz zur Mutter war der Vater ein sehr warmer, liebevoller Mensch, was sie bei seinen relativ seltenen «Besuchen» während der Schwangerschaft als Zuwendung für sich empfand. Wenn sich der Geschlechtsverkehr dem Ende näherte, was sie im «Absterben» der väterlichen Genitalien wahrnahm, überfiel sie nicht nur tiefe Traurigkeit, sondern sogar eine Trennungs-Angst, die sie wie ein «Mit-dem-Vater-Sterben» empfand. Erst jetzt konnte sie auch verstehen und bearbeiten, warum sie bei ihrem eigenen Geschlechtsverkehr immer in Panik geriet, wenn sie gegen Schluß des Zusammenseins bei ihrem Partner dieselbe Beobachtung machte, wie sie sie vorgeburtlich bei ihrem Vater gemacht hatte.
e) Klaustrophobie (Einschließungsangst) und Agoraphobie (Platzangst). Die Klaustrophobie ist ein besonders häufiger mit Symbolen arbeitender Abwehrmechanismus, der perinatal (währenddes Geburtsgeschehens) entsteht. Laien bezeichnen die Klaustrophobie oft irrtümlich als «Platzangst». Die wirkliche «Platzangst», die «Agoraphobie», die nachgeburtlich entsteht und sehr viel seltener vorkommt, müssen wir jedoch von der «Einschließungsangst», der «Klaustrophobie», streng unterscheiden.
Wenn man von unserem Therapiezentrum in das Dorf hineingeht, kommt man linkerhand an einer großen Wiese vorbei. Hubert berichtet mir, daß er an dieser Stelle seinen Blick angestrengt nach rechts wenden muß, der Häuserreihe zu, weil ihn sonst panische Angst vor der «gähnenden Leere» überfällt, verbunden mit der Vorstellung, schwindelig zu werden und ohnmächtig zu Boden zu stürzen. In der Therapie erlebt er sich unmittelbar nach seiner Geburt durch Schnittentbindung (Kaiserschnitt). Die Mutter muß ärztlich versorgt werden. Es geht ihr sehr schlecht, sie braucht eine Bluttransfusion. Das Kind ist in einem weiß gekachelten Nebenraum auf einem weißen Bett abgelegt worden. Es ist allein. Der für die Augen des Kindes riesige helle Kaum, den sein Blick noch nicht ganz erfassen kann, ist erschreckend öde und leer. Die Mutter ist unendlich weit weg, vielleicht sogar tot.
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Ohne die Nähe der Mutter kann das Kind, auf sich selbst gestellt, aber nicht leben. Es ist von der unnatürlichen Geburt noch so mitgenommen, daß es sich nicht bemerkbar machen kann. Todesangst überfällt den kleinen Buben. Und sie überfällt ihn immer wieder, wenn er an «leeren Flächen» vorbeigehen muß. Am liebsten wäre es ihm, wenn immer alles recht dicht um ihn herum wäre: die Menschen und die Dinge.
Das ist es, was wir «Agoraphobie», «Platzangst» nennen. Ganz anders die «Klaustrophobie», die «Einschließungsangst». Sie entsteht perinatal, im Zusammenhang mit dem Geburtsgeschehen durch ein zu langes Steckenbleiben des Kindes im Geburtskanal. Sie entwickelt sich dann zu einer besonders heftigen Form, wenn das Steckenbleiben mit einer vorübergehenden Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr verbunden war. Die davon betroffenen Menschen haben sehr große Probleme in engen Räumen, vor allem in Aufzügen, in denen sie die peinigende Vorstellung entwickeln, er könne auf der Fahrt nach oben oder unten steckenbleiben und sie würden dann elendig umkommen.
Bis vor etwa zwanzig Jahren hatte ich meine Praxis in München im obersten—sechsten — Stock eines neuen Schwabinger Wohnhauses. Einer meiner Patienten ging wochenlang die lange Treppe zu Fuß nach oben und unten, um nicht mit dem Aufzug fahren zu müssen. Eines Tages lieferte er mir den «Beweis» dafür, daß er mit seiner Angst, im Aufzug stecken bleiben zu können, recht habe. Der Aufzug stand nämlich im dritten Stockwerk, mit halb offener Tür, still. Für den Patienten war es eine Selbstverständlichkeit, daß hier eine Katastrophe passiert war, die er sich und mir lebhaft ausmalte. Die Realität war jedoch ganz anders; ein Schild wies daraufhin: «Revision». Sie war drei Tage vorher angekündigt worden. Seine panischen Ängste lösten sich erst langsam auf, als er sie nicht mehr mit rationalen Argumenten zu verteidigen versuchte, sondern sich in der Therapie darauf einließ und die eigentliche Katastrophe, seine erheblich verzögerte Nabelschnur-Geburt, lösend durchlebte.
Viele Menschen, die von einer Klaustrophobie betroffen sind, können im Kino, Theater oder Konzert nur am äußersten Rand sitzen, weil sie die Angst befällt, wenn sie mitten zwischen den anderen Leuten säßen, bekämen sie keine Luft mehr oder sie würden zu Tode getrampelt, wenn plötzlich ein Brand ausbräche. Die fadenscheinigen rationalen Begründungen, die sie sich zur Erklärung ihrer Ängste ausdenken, sind sehr zahlreich — aber stets unzutreffend. Sie wehren mit der Phobie lediglich die aufkeimende Erinnerung an das katastrophale Geburtsgeschehen ab. Sie versuchen das zumindest. Die Angst wird dadurch aber nicht geringer. Meinem Freund Gregor Fischer verdanke ich den Hinweis, daß einer seiner Freunde, der kein Flugzeug benutzen mag, wörtlich formulierte: «In so einer Röhre drin halte ich's nicht aus\» Diese Äußerung deckt wunderbar auf, worum es bei der Klaustrophobie wirklich geht!
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f) Das Auto als symbolischer Uterus. Wenn ungelöste Traumata aus dem Unbewußten, aus der lebensgeschichtlichen Vergangenheit her andrängen, suchen sie sich einen Ort, an dem sie sich vergegenwärtigen, an dem sie sich im Alltag festmachen können. Dazu dienen keineswegs nur die uralten Symbole, wie sie inzwischen sehr zahlreich von mehreren Autoren gesammelt und beschrieben worden sind. Im Gegenteil: Unser Geist sucht immer wieder neue Wege, sich gegenwartsnahe auszudrücken. Dazu müssen wir uns daran erinnern, daß gerade im Wechsel der Zeitebenen, in der Zeitverschiebung von der unbewältigten primären Vergangenheit zur manipulierbaren Gegenwart, ein Entlastungsmoment für die ungelösten primären Traumata gesucht wird. Diesem Phänomen begegnen wir insbesondere in der Symbolisierung des Uterus bei den zahlreichen Auffahrunfällen.
Um diesen Vorgang besser verstehen zu können, beginnen wir mit dem Auto-Traum des Patienten Paul-Erich und dessen Bearbeitung in der nachfolgenden Therapiesitzung.
Paul-Erich ist 46 Jahre alt, als er seine Therapie beginnt. Er kommt nur sehr schwer mit seinen Mitmenschen zurecht, ebenso mit seinen Mitpatienten. Außerdem leidet er an Konzentrationsstörungen, schwerwiegenden generalisierten Muskelverspannungen mit Krampfneigung und an Schmerzen in beiden Knien. Er hat eine Skoliose (seitliche, S-förmige Verbiegung der gesamten Wirbelsäule, die ihrer Ätiologie nach meist vorgeburtlich entsteht) und ein Schulter-Arm-Syndrom. Außerdem leidet er an Innenohr-Schwerhörigkeit. Nachts und am Morgen beim Aufwachen überfallen ihn regelmäßig kaum erträgliche Bauchschmerzen.
In der Nacht vor der entscheidenden Therapiesitzung hat er einen Alptraum: Er fährt in einem kleinen Auto mit rasender Geschwindigkeit auf der Autobahn. Die Windschutzscheibe ist verdeckt, so daß er nicht sehen kann, wohin er steuert. Er versucht, sich nach hinten herumzudrehen, wo ein kleines Heckfenster einen minimalen hellen Ausblick gestattet. Aber das nützt nichts. Vergeblich versucht er zu bremsen, er hat nämlich einen sehr schmerzhaften Krampf im rechten Bein. Neben ihm sitzt seine Schwiegermutter. Er denkt, die soll doch bremsen! Doch dann fällt ihm ein, daß sie auch nicht bremsen kann: sie hat keine Pedale. In panischer Angst wacht er schweißnaß auf.
In der folgenden Sitzung erzählt er diesen Traum. Er wird in unserer Therapie nicht interpretiert, sondern der Patient wird aufgefordert, sich in die Bilder und Gefühle des Traums hineinfallen zu lassen und dabei auf alle spontanen Körperbewegungen zu achten.
Nach wenigen Minuten bekommt Paul-Erich zunächst erneut jenen schmerzhaften Krampf im rechten Bein, der ihm im vorausgegangenen Traum das Bremsen unmöglich gemacht hatte. In der weiteren Regression kommt es bald zu wiederholten, äußerst anstrengenden und schmerzhaften Versuchen, sich in die richtige Geburtslage zu drehen. Der Patient sieht eine kleine Öffnung, zu der er sich mit seinem Kopf unbedingt hinbewegen muß. Sie liegt aber am anderen Ende, bzw. er selbst liegt falsch herum. Die Wehen bewegen ihn immer weiter. Er merkt, daß er sich unbedingt drehen müßte, um das Licht, das er am falschen, in der Nähe seines unteren Körperendes wahrnimmt, zu erreichen.
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Mit einer gewaltigen Anstrengung, die auch den Krampf verursacht, versucht er durch extreme Beugung, dann durch Überstreckung der Wirbelsäule, durch seitliche Biegung rechts herum und links herum, die notwendige Drehung zu erzwingen. Als all diese Versuche nicht gelingen, möchte er schließlich zwischen seinen eigenen Beinen hindurchkommen und so den Ausgang erreichen. Vergeblich!
Paul-Erichs Symptomatik ging im wesentlichen auf ein pränatales und perinatales Problem, ein vorgeburtliches Trauma und auf ein traumatisches Geburtsgeschehen zurück. Er konnte sich im letzten Schwangerschaftsmonat nicht in die biologisch programmierte Geburtslage drehen, was auch die Anlage zu seiner Skoliose verursacht hatte. So kam er schließlich als Beckenendlage («Steißlage») zur Welt.
Bemerkenswert an dem der Therapiesitzung vorausgehenden Traum ist der Abwehrcharakter des Traums, der sich in den symbolischen Bildern und der Abweichung von der Realitätsebene zeigt. Autos symbolisieren in Träumen mit pränatalen und perinatalen Inhalten sehr oft den Uterus. Daß der Patient dabei die Mutter, die die Steißgeburt natürlich auch nicht mehr «bremsen» konnte, durch die Schwiegermutter ersetzte, war der vergebliche Versuch, sich das Wiedererleben des traumatischen Geburtsgeschehens noch ein wenig vom Leib zu halten. Erst die Regressions-Therapie brachte die Ätiologie seines Erkrankungsprozesses an den Tag und eröffnete damit eine reale Heilungschance.
Die zahlreichen Auffahrunfälle, besonders bei Staus, enthüllen sich bei genauerem Hinsehen in vielen Fällen (keineswegs bei allen!) als perinatale Probleme. Wie stellt sich denn die Dynamik eines solchen «Staus» für den perinatal vorgeschädigten Autofahrer dar? Er möchte weiter, sein Ziel erreichen, gerät durch den sich «langsam schubweise» vorwärtsschleichenden Verkehr mehr und mehr unter «Zeitdruck». «Unruhe und Wut» steigern sich allmählich. Die entstehende «Verzögerung» wird oft so empfunden, als sei sie geradezu «lebensbedrohlich». Von hinten schiebt die Kolonne drängend nach.
Hier ein Zitat aus einer Therapie: «Der Fahrer direkt hinter mir fährt besonders dicht auf, als wolle er mich schieben. Und plötzlich geht vorne gar nichts mehr, die Straße ist «zu»: «Stillstand». In dem Augenblick setzt in mir etwas aus. Es gibt einen ganz kurzen «Blackout», und schon bin ich dem Vordermann drauf gefahren!»
Die Parallele zu einem Geburtsgeschehen, in dem es bei schubweise tätigen Wehen bei noch ganz oder teilweise geschlossenem Muttermund, eventuell noch verstärkt durch festhaltende Krämpfe der Mutter, für das Kind zu einem «Stau» kommt, ist anhand der gleichen Begriffe deutlich abzulesen: Die «langsame, schubweise» Vorwärtsbewegung; das «Feststecken» (der «Stau»); der Ausgang ist «zu», «Stillstand» ist eingetreten, was als «lebensbedrohlich» empfunden wird; der zunehmende «Zeitdruck», die dadurch entstehende «Unruhe und Wut», die sich wegen der Lebensbedrohtheit zur «blinden Wut» aufschaukeln kann.
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Ja und dann der kurze aber entscheidende «Blackout» im Straßenverkehr, hinter dem sich mehr verbirgt als nur eine kurzdauernde Unaufmerksamkeit, nämlich eine unter der symbolischen Wiederholung des Geburtsgeschehens ablaufende Körper-Erinnerung an die totale Sauerstoff-Unterversorgung des kindlichen Gehirns in dieser traumatischen Geburtsphase. So kommt es im Auto, im «symbolischen Uterus», auf der verstopften Straße zu einer unbewußten Entladung der unverarbeiteten Geburtsproblematik, die sich leider jederzeit wiederholen kann, weil sie keine endgültige Lösung bringt.
In diesem Zusammenhang ist auch die Körpererinnerung an solche Medikamente zu beachten, die manchen Müttern bei den Geburten verabreicht werden, die aber plazentagängig sind, also die Kinder selbst mit beeinflussen. Alle Medikamente, die das Bewußtsein des Kindes unter der Geburt trüben, werden — im bewußten Wiedererleben der Geburt in der Therapie, aber auch im unfreiwilligen und unbewußt bleibenden Wiedererleben in der Verkehrssituation — als kurzzeitige Bewußtseinstrübung, als «Blackout» wiedererlebt. Mit dieser unserer Erfahrung ist die hohe Verantwortung der Geburtshelfer herausgefordert!
Als ich gerade mit meiner Frau, die den ersten Computer-Ausdruck des Manuskripts zu diesem Buch auf Tippfehler untersucht, über diese Zusammenhänge spreche, sagt sie spontan: «Das müßte doch eigentlich unsere Unfall-Verhinderer interessieren». Sie meint mit dieser scherzhaften Äußerung unsere Verkehrspsychologen. Mit diesem Hinweis hat sie eine wichtige Konsequenz dieser Erkenntnisse angesprochen.
Es wäre in der Tat äußerst wünschenswert, wenn sich Pränatal-, Perinatal- und Verkehrs-Psychologen zu einer gemeinsamen Studie zusammenfinden könnten, in der die Auswirkungen früher Traumata auf das Verkehrsverhalten untersucht und dokumentiert würden. In diese Studie müßte auch die Wirkung der Verkehrsdurchsagen und die der zwischen den Durchsagen gespielten Musik mit einbezogen werden. Unsere Erfahrungen mit der Tiefenpsychologischen Basis-Therapie, besonders mit der Technik der Psychoanalytischen Regressions-Therapie, haben nämlich gezeigt, daß die Art verbaler Mitteilungen, besonders aber bestimmte Arten von Musik, die unbewußt ablaufende regressive Erinnerung an pränatale und perinatale Traumata fördern, andere Arten dies eher verhindern können. Möglicherweise könnte eine solche Studie, falls sich die Zusammenhänge als zahlenmäßig signifikant erweisen, sogar erhebliche Folgen für die Gesetzgebung und für die Modellplanung der Autoindustrie haben.
Zum Abschluß möchte ich Ihnen eine Mitteilung meines Patienten Wolfgang weitergeben, die er mir nach sechswöchiger Intensivtherapie anvertraute:
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Er fährt jetzt besser Auto, hat dabei viel weniger Angst, muß keine großen Bogen mehr um LKWs herum machen. Seine in der Therapie bewußt erlebte Erinnerung an den Motorrad-Unfall seiner Eltern während der Schwangerschaft, die wiedererlebte Quetschung seines Kopfes, die ihn immer einen ungewöhnlich großen Abstand zu vorbeifahrenden Fahrzeugen bzw. zu LKWs, an denen er vorbeifahren wollte, einhalten ließ, und die Verarbeitung der aus dem Unfall resultierenden Schräglage mit ihren Folgen für seine Geburt haben ihn zu einem «neutralen», einem unneurotischen, einem sicheren Verkehrsteilnehmer gemacht.
5) Rationalisierung
Der «Abwehrmechanismus der Rationalisierung» beruht nicht auf realer gegenwärtiger Wahrnehmung. Im Gegenteil: er blendet wesentliche Teile der Realität aus. Bei der Rationalisierung handelt es sich um eine Abwehrstrategie, die auf dem Nicht-Zulassen von unangenehmen, peinlichen, schmerzenden, katastrophalen Erinnerungen der eigenen Lebensgeschichte beruht, also von erfahrener und gelebter Realität. Sie dient vor allem dem Zudecken von Gefühlen, deren Inhalt bzw. Gewicht zu leugnen und mit Argumenten wegzu-diskutieren versucht wird. Im Zusammenhang mit den rationalen Erklärungen bei dem symbolischen Abwehrmechanismus der Klaustrophobie sind wir dieser Abwehrstrategie bereits begegnet.
Der Abwehrmechanismus der Rationalisierung ist in unserer wissenschafts-(aber)-gläubigen westlichen Kultur ebenso weit verbreitet, ebenso «ubiquitär», wie der Abwehrmechanismus der Übertragung. Er rastet bei den meisten Menschen sofort wie automatisch ein, wenn ihnen etwas begegnet, das sie beunruhigen könnte. Er wird in der Kindererziehung meist schon in ganz früher Lebenszeit an die nächste Generation weitergegeben, und zwar auf dem Weg rationaler Erklärungen, wo eigentlich das Hinhören, die Wahrnehmung von Realität gefordert wäre. Dazu zwei Beispiele, ein scheinbar «harmloses» und ein gravierendes:
1. Die Mutter von drei Kindern, ihr jüngstes Kind ist ein vierjähriges Mädchen, gehört nicht zu denjenigen Frauen, die ihre Kinder mehr oder weniger unfreiwillig bekommen haben. Sie ist auch fest davon überzeugt, daß sie ihre Kinder wirklich liebt. Nur eines hat sie nicht richtig erfaßt, weil sie es in ihrem eigenen Leben nie erfahren hat, daß man als Eltern seine Kinder sehr ernst nehmen sollte, schon lange bevor sie geboren sind. Für sie waren ihre noch ungeborenen Kinder ein nicht ganz angenehmer «anderer Umstand», ein vorübergehender Zustand ihres Ehelebens.
Nach der Geburt konnte sie ihre Kinder erst langsam in dem Maße ernstnehmen, wie sie lernten, sich frei zu bewegen und sich sprachlich «vernünftig» zu äußern. Das Gehen und das Sprechen und alles, was die Kinder wußten, hatte sie ihnen, wie sie meinte, «mühsam beigebracht». Wenn im Leben der Kinder irgend welche Probleme auftraten, bemühte sie sich selbstverständlich darum, sofort eine Lösung zu finden.
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Dazu setzte sie ihren an gängigen Erziehungsbüchern theoretisch geschulten und «in der täglichen Praxis bewährten Verstand» ein.
Eines Tages klagt ihre vierjährige Tochter über heftige Bauchschmerzen. Sofort «weiß» die Mutter, aus ihren Büchern wie aus praktischer Erfahrung, was da los ist: «Du hast heute beim Frühstück mal wieder Deine kalte Milch viel zu schnell getrunken. Habe ich Dir nicht immer wieder gesagt, daß Du entweder nur warme Milch oder die kalte Milch nur sehr langsam trinken sollst, weil Du sonst Bauchschmerzen bekommst?!»
Hinter dieser rationalen Erklärung, die sich die Mutter angelesen und sich selbst inzwischen bei drei Kindern immer wieder selber bestätigt hat, hinter diesem «Abwehrmechanismus der Rationalisierung» verbirgt sich ihre sehr große Unsicherheit im Umgang mit den Kindern, die sie sich selbst nicht eingestehen kann, mit der sie sich seitens ihrer Kinder auch nicht konfrontieren lassen will. Sie weiß eigentlich gar nicht, was in ihren Kindern, was in ihrer Vierjährigen vorgeht. Und sie gibt der kleinen Tochter auch nicht die Gelegenheit, sich zu den wirklichen Hintergründen der Bauchschmerzen zu äußern. Mit ihren rationalen Argumenten deckt sie das genauere Wissen, deckt sie die gefühlsmäßige Betroffenheit des Kindes systematisch zu. Und was war wirklich los?
Die kleine Tochter hat aufgrund von Unsicherheiten im Umgang mit anderen Kindern, denen sie sich nicht ganz gewachsen fühlt, immer wieder Probleme damit, sich im Kindergarten gegenüber älteren und stärkeren Kindern zur Wehr zu setzen. Weil das zu einer guten, rational begründeten, «anständigen» Erziehung gehört, darf sie das zu Hause ihren älteren und ihr überlegenen Geschwistern gegenüber natürlich auch nicht, zumindest nicht mit lautstarkem Geschrei. «Das gehört sich nicht!»
Hätte die Mutter den Gefühlen ihrer kleinen Tochter so viel Vertrauen geschenkt, daß es das Kind wohl doch selber am besten wissen muß, was mit ihm los ist, so hätte sie in ihrer Besorgnis um das Wohl ihres Kindes nach kurzer Zeit, oder am nächsten Tag, ganz von selbst erfahren, daß ihrer Tochter im Kindergarten die fast zwei Jahre ältere Sabrina wieder einmal das Lieblingsspielzeug, die Puppe mit den schönen langen Haaren, weggenommen und den ganzen Vormittag lang nicht wiedergeben hatte. Daß das Bauchweh macht, ein Ausdruckssymptom, in dem sich der wiederholte Konflikt mit Sabrina äußert, ist doch wohl klar!?
An diesem Beispiel können wir deutlich sehen, wie eine nicht von der Wahrnehmung und von dem sie begleitenden Gefühl getragene, stattdessen vom Abwehrmechanismus der Rationalisierung beherrschte Erziehung bereits die nächste Generation in ihren Bann schlägt. Glauben Sie, verehrte Leserinnen und Leser, jetzt immer noch, daß dieses der Realität entnommene Beispiel «harmlos» ist?
Der Dichter Peter Kosegger hat einmal sehr scharfsichtig formuliert: «Unser Fühlen artet in Denken aus, und das ist unser Ende.» In einem seiner Lieder beschreibt der Wiener Liedermacher Arik Brauer in holzschnittartigen Zügen die neurotische Entwicklung eines Buben. Den einzelnen Szenen läßt er jeweils den Refrain folgen: «Darum ist er so dumm, der arme Bua.» Brauer meint dabei jene Form von Dummheit, in der sich die Abschottung gegen die Realität in mangelnder Intelligenz widerspiegelt.
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Ich spreche gelegentlich aber auch von der «Dummheit der Intellektuellen», in der sich dasselbe neurotische Phänomen nur in anderer Weise, nämlich im «Abwehrmechanismus der Rationalisierung», widerspiegelt. Nur, das ist in unserer vom rationalen Denken geprägten Welt für die meisten Menschen sehr viel schwerer zu durchschauen.
2. Jede von wissenschaftlichem Denken geprägte Sprache bemüht sich um ein objektiv klingendes Vokabular. Subjektive Vorgänge, sehr persönliche Wahrnehmungen also, gelten nach den Regeln wissenschaftlicher Arbeit als so gut wie nie exakt faßbar und «objektivierbar». Das grundsätzliche Bemühen um Objektivität bedeutet natürlich noch keine «Rationalisierung» im Sinne eines Abwehrmechanismus. Häufig wird jedoch in der krampfhaft auf Objektivität ausgerichteten Sprache erkennbar, daß subjektive Faktoren, die «leider» auch eine Rolle spielen, hinter dem objektiven Vokabular versteckt werden sollen.
Unsere medizinische Wissenschaft und Praxis, die mit Menschen und sehr persönlichen menschlichen Schicksalen zu tun hat, kennt letztlich nur zwei Wege, ihre Wissenschaftlichkeit zu retten: entweder muß sie alle subjektiven Momente ausklammern, was im gar nicht so seltenen Extremfall bis zur Leugnung der Bedeutung subjektiver Faktoren führt, oder sie versucht, die subjektiven Faktoren über eindrückliches Zahlenmaterial, über die Menge bestimmter Vorgänge, also auf dem Umweg über die Statistik zu «verwissenschaftlichen». Das ist im Bereich der sogenannten wissenschaftlichen Psychologie nicht viel anders, besonders wenn es um die Einschätzung psychosomatischer Erkrankungen geht. Und der einzelne betroffene Mensch? Er verschwindet in der Statistik so lange, bis er als «signifikantes Phänomen» anonym wieder auftauchen darf.
Dieses Versteckspiel ist ein Grundproblem unserer medizinischen und psychologischen Wissenschaften. Es ist eine ganz besondere Art des Abwehrmechanismus der Rationalisierung, die der mehr persönlichen Form, der wir uns jetzt zuwenden wollen, überhaupt erst den Boden bereitet.
Rationalisierungen im Sinne eines persönlichen Abwehrmechanismus sind sehr oft an der Sprache der betroffenen Patienten zu erkennen. So werden etwa subjektive Vorgänge, die zur ganz persönlichen gefühlsmäßigen Wahrnehmung eines Patienten gehören, hinter einem objektiv klingenden Vokabular versteckt. Therapeuten müssen da sehr hellhörig sein, denn diese Verschiebung von der subjektiven zur objektiven Seite in der Sprache signalisiert, daß der Patient seine persönliche Betroffenheit nicht fühlen, sie sich und dem Therapeuten nicht eingestehen will. Wie oft reden die Menschen im Alltag, nicht nur die Patienten in der ersten Zeit ihrer Therapie, von dem, was «man» tut oder läßt, und verstecken dahinter ihre eigene Betroffenheit!
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Dazu ein Beispiel, in dem sich gleich drei Abwehrmechanismen miteinander verbündet haben: die Symbolisierung, die Rationalisierung und die Spaltung.
Britta ist als Ärztin und Psychoanalytikerin in beiden Sprachen geübt, in der um Objektivität bemühten medizinisch- und psychologisch-wissenschaftlichen Sprache wie in der symbolisierenden der Psychoanalyse. In einer ganz konkreten therapeutischen Situation wird ihr genau diese Kombination zum Fallstrick.
Britta ist ein ungewolltes Kind. Die von der Mutter ausgehende Ablehnung bezieht sich nicht nur auf die Schwangerschaft, sondern auch auf die Sexualität selbst. Das noch unbefruchtete Ei, aus dem Britta nach der Zeugung und Befruchtung entsteht, ist sehr vital, voller Energie und lebensbejahend. Aber es empfindet das mütterliche Milieu in Eierstock und Eileiter als kalt und abweisend. Diese zwei sehr gegensätzlichen Wahrnehmungen, die ihre Existenz von der "Wurzel her prägen, die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung der Mutter, kann Britta weder vor noch nach ihrer Zeugung, weder vor noch nach ihrer Geburt, auch in ihrem späteren Leben nicht, in sich zu einer Einheit verknüpfen.
Die negativ empfundenen Momente, die ja Teil ihrer Ursprungs-Geschichte und damit ihres ganzen Lebens geworden sind, spaltet sie in sich ab als etwas «Böses», das sie wie eine objektive, von ihrer Person abgetrennte, von außen in sie eindringende und sie bedrohende Macht empfindet, verbunden mit dem Gefühl totaler Vernichtung. In der Therapie versucht sie, diese Macht des Bösen als objektive Tatsache zu erkennen und zu bewältigen. Das ist natürlich auf diese Weise nicht möglich, da es sich ja um ein wesentliches Moment ihrer frühesten Lebensgeschichte, ihrer Persönlichkeitsentwicklung handelt, das sie als solches erkennen und in ihre bewußt erlebte und gelebte Lebensgeschichte integrieren muß.
Bei der Zeugung und der anschließenden Befruchtung erlebt sie die von ihrem Vater herkommende Atmosphäre als sehr viel positiver. Gleichzeitig aber nimmt sie die zwischen den Eltern bestehende große Diskrepanz wahr, die sich in den starken Schwankungen im Verhältnis der Eltern zueinander widerspiegelt. Auch diesen Zwiespalt kann sie in sich selbst nicht überwinden. Als Britta in der Therapie den Augenblick ihrer Zeugung, in dem es um die grundlegende Bedeutung ihres Vaters geht, wiedererlebt, reagiert sie diesmal nicht mit dem Abwehrmechanismus der Spaltung, sondern, um den Druck der Erinnerung aus der Situation ihrer Entstehung nicht in voller Wucht erleben zu müssen, mit einer Kombination aus Symbolisierung und Rationalisierung, indem sie die Befruchtung als ihre «Beseelung» bezeichnet.
Wenn Britta in der Gegenwart eine der christlichen Religion verpflichtete Person wäre, würde ich diese Ausdrucksweise als Reminiszenz an ihren Glauben verstehen. Aber das ist absolut nicht der Fall. Schon der Gebrauch des Begriffes «das Böse» hatte allerdings gezeigt, daß sie gelegentlich Vokabeln aus dem Bereich ihrer religiösen Erziehung benutzt. Aber wozu das, mit welchem Ziel?
Der Begriff «Beseelung» beinhaltet sowohl den Abwehrmechanismus der Rationalisierung, denn er vermittelt den Eindruck, daß es sich weniger um eine subjektive Wahrnehmung und Wertung, sondern um die objektive Beschreibung eines äußeren Vorgangs handelt; und er beinhaltet den Abwehrmechanismus der Symbolisierung mit Hilfe eines christlichen Glaubenssymbols, das Britta weder von ihrer naturwissenschaftlichen noch von ihrer psychologischen Einstellung her bejahen kann.
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Mit dieser symbolischen Ausdrucksweise hat sie sich ungewollt in ein ideologisches Gefängnis begeben, genauer gesagt: in die Gefangenschaft der Zeugungs-Ideologie der katholischen Kirche. Als ich sie in der Therapie auf diesen Zwiespalt aufmerksam mache und nach dessen Bedeutung frage, verstärkt sie ihre rationale Abwehr, indem sie über die Bedeutung von Begriffen zu streiten beginnt.
Um diese Abwehrmomente geht es letztlich. Hinter dem Begriff «Beseelung» versteckt Britta nämlich die äußerst schmerzliche subjektive Erfahrung, daß sich im Augenblick der Befruchtung für sie der ganze gefühlsmäßige Abgrund zwischen den Eltern auftut, sie mit in den Strudel reißt und ihre Existenz an der Wurzel infrage stellt und bedroht. Damit aber ist sie vor der Lösung ihres grundlegenden Problems ausgewichen.
Zur Wahrnehmung der eigenen Zeugung in der Therapie eine kurze Nachbemerkung: Ich habe vom Beginn dieses Buches an bis jetzt immer wieder betont, daß der Mensch seine Lebensgeschichte, einschließlich der äußeren Umstände, von der Zeugung an wahrnimmt und speichert. Sehr viele konkrete Erinnerungen an früheste Ereignisse unseres Lebens sind nur auf diese Weise erklärbar. Wie sie durch die therapeutischen Techniken der Psychoanalytischen Regressions-Therapie (PRT) und der Kognitiv-Energetischen Diagnose und Therapie (KED/KET) ans Licht geholt werden können, wird Teil IV dieses Buches zeigen.
6) Identifikation
Dieser Abwehrmechanismus entsteht pränatal (vorgeburtlich) als Folge einer erheblichen Beziehungslosigkeit der schwangeren Mutter zu ihrem ungeboren Kind. Die Versuche des Fötus, Kontakt zu seiner Mutter herzustellen, bleiben unbeantwortet. Im Kind bleiben Leere und eine große Sehnsucht nach Kontakt zurück. Um diese Sehnsucht zu erfüllen und die unerträgliche Leere auszufüllen, verfällt der Fötus in die Identität mit seiner Mutter. Eine für jeden aufmerksamen Beobachter feststellbare Ich-Schwäche, ein deutlicher Mangel an Persönlichkeitsentwicklung und Abgrenzungsfähigkeit zum Du hin, sind die lebenslangen Folgen.
Im Zusammenwirken mit dem Vorgang der «Prägung» kann dieser Abwehrmechanismus zur Homosexualität führen. Doch darüber will ich anhand eines konkreten Beispiels erst später ausführlich berichten.
Im Alltag des späteren Erwachsenen fallen außer den genannten Schwächen besonders der Drang auf, mit hilflosen Personen mitzuleiden, und die damit verbundene Bereitschaft, sich von anderen ausnutzen zu lassen und sich dagegen nicht wehren zu können. Für mich persönlich ist es immer wieder erschreckend zu sehen, in welch hohem Maße die Kirchen und die verschiedenen Hilfsorganisationen von diesem Abwehrmechanismus leben.
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Das an den Tag gelegte «Mitleid» dieser geschädigten Menschen ist keine echte Anteilnahme am andern, die nämlich eine gefestigte Persönlichkeit, ein Gegenüberstehenkönnen voraussetzen würde, sondern ein «Hineinfallen» in das Leid des anderen, um das eigene Leid projektiv auszuleben und damit die eigene Leere zu verdecken.
Auch in diesem Abwehrmechanismus ist der Zeitsprung von der eigenen frühen Vergangenheit zur Gegenwart deutlich. Gleichzeitig wird das Du des anderen in das eigene mangelhafte Ich hinein verschlungen — der umgekehrte Vorgang, wie wir ihn bei der Projektion gefunden haben.
Jens, ca. 30 Jahre alt, wurde völlig verwahrlost, halb verhungert und noch mehr verdurstet in einer norddeutschen Großstadt aufgefunden und mit der Diagnose «Mutismus» hintereinander in einige Kliniken zur Beobachtung und Behandlung eingeliefert. Kurz nach seinen Klinik-Aufenthalten wurde von meiner damaligen Mitarbeiterin und mir eine ausführliche biographische Anamnese und Diagnose erhoben. Dabei stellten sich folgende Hauptsymptome heraus:
Massive Angst, die mit sehr starken Einsamkeitsgefühlen verbunden ist, den ganzen Körper erfaßte und zu Zittern, Übelkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Mißtrauen gegen jedermann und erheblichen Wahrnehmungseinschränkungen führte. Der «selektive Mutismus», der in einer Klinik als schizophrenes Symptom konstatiert worden war, trat uns gegenüber nicht auf, wir beobachteten jedoch eine massive Kommunikationsverweigerung, die sich in erster Linie auf seine Eltern und auf die mit ihnen zusammenhängenden Personen richtete.
Jede Erwähnung seiner Mutter von unserer Seite führte zu massivem Angstzittern, wobei das Bedrohtheitsgefühl besonders im Rücken saß. Weder die vorhandene Skoliose, noch die ausgeprägte Adoleszenten-Kyphose («Morbus Scheuermann») konnten dafür verantwortlich gemacht werden. Die Bedrohung wurde von Abtreibungsversuchen verursacht, die in dem Patienten so gespeichert waren, als wären sie von seiner Mutter durchgeführt worden und hätten sein vorgeburtliches Leben bedroht.
Hinzu kamen starke Bedrohtheitsgefühle, die von der vor- und nachgeburtlichen familiären Situation ausgingen: Die Mutter verstand sich nämlich absolut nicht mit den sehr herrischen Schwiegereltern, in deren Haus sie gezogen war. Die Auseinandersetzungen, besonders mit der Schwiegermutter, waren so gravierend, daß die Mutter wiederholt an Trennung von ihrem Mann, der sie nicht genügend unterstützen konnte, dachte und bei schwerwiegenden Bedrohungen ihr noch ungeborenes Kind mit ihren Händen zu schützen versuchte. Vor- wie nachgeburtlich kam es zwischen Mutter und Sohn zu einer ausgeprägten gegenseitigen Abhängigkeit, die bei dem Kind zu einer mangelhaften Ich-Entwicklung führten. Die Abgrenzungsfähigkeit des Patienten Jens, zunächst gegenüber der Mutter, später auch gegenüber anderen für ihn wichtigen Personen, war so gering, daß er in diese quasi «hineinfiel» und deren Probleme für die seinigen hielt.
In der in unserem Therapiezentrum durchgeführten Tiefenpsychologischen Basis-Therapie kam es mit Hilfe der therapeutischen Regression sehr bald zu deutlichen vorgeburtlichen Erinnerungen.
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Sie betrafen zunächst sein Verhältnis zur Mutter, die von dem Kampf mit den Schwiegereltern so sehr in Anspruch genommen war, daß sie weder Zeit noch Kraft hatte, sich ihrem Ungeborenen in Liebe zuzuwenden. Das Kind war ihr eher lästig, da seine Existenz die Trennung von ihrem Mann in ihren Augen unmöglich machte.
Vor allem aber beschäftigte sich die therapeutische Regression mit dem Komplex «Abtreibungsversuche». 'Wir haben in unserem Therapiezentrum schon sehr viele Abtreibungsversuche aufdecken müssen, wobei in mehreren Fällen, wo die Eltern noch lebten, eine Bestätigung durch die Mutter erreicht werden konnte. Was mir bei Jens jedoch auffiel, war die unterschiedliche Schilderung der jeweiligen äußeren Umstände, die nicht zueinander paßten, und ein Bild, in dem es sogar um eine vollendete Abtreibung ging. Hinweise der Mutter, mit der ich ein langes Gespräch hatte, und der Vergleich mit den Ergebnissen der Therapie deckten auf, daß es sich um drei ganz verschiedene Ereignisse gehandelt hatte, die in der näheren Verwandtschaft der Mutter eine Rolle gespielt hatten und von der Mutter selbst emotional nicht verarbeitet worden waren. Die oben erwähnte mangelnde gegenseitige Abgrenzung hatte dazu geführt, daß das noch ungeborene Kind bzw. das Kleinkind seiner Mutter die Informationen «abgezapft» und sich als sein eigenes persönliches Schicksal zugerechnet hatte. Das betraf besonders den Abtreibungsversuch seiner mütterlichen Großmutter an ihrem jüngsten Sohn, den er in allen Einzelheiten gespeichert hatte.
Besonders tragisch an dieser Geschichte war, daß eben dieser Onkel am Tage der Geburt von Jens einen schweren Moped-Unfall hatte, an dessen Folgen er 9 Wochen später starb. Die mütterliche Großmutter rechnete sich selbst den Tod ihres Sohnes als Strafe Gottes für ihren Abtreibungsversuch zu. Jens, der seine Großmutter auf ihrem Krankenlager als kleines Kind öfter besuchte, geriet durch seine mangelnde Abgrenzungsfähigkeit immer tiefer in die Identifikation mit seinem verstorbenen Onkel, ohne je verbal von dem Abtreibungsversuch unterrichtet worden zu sein. Er konnte sich so wenig von dem Onkel abtrennen, daß er sogar dessen Moped-Unfall zwanghaft «wiederholte». Daraus hat sich allmählich eine Unfall-Neurose entwickelt, die erst jetzt in der Therapie aufgedeckt und verarbeitet werden konnte.
Die ausgeprägte Ich-Schwäche, die sich in dem «Abwehrmechanismus der Identifikation» widerspiegelt, läßt sich natürlich nicht allein durch dramatisches Wiedererleben traumatischer Frühereignisse korrigieren. Die Heilung setzt eine stetige Auseinandersetzung mit der Ichschwäche und ihren Ursachen voraus, ist also ein (gesteuerter) Wachstumsprozeß.
7) Schuldgefühle
Es gehört ein starkes Ich dazu, sich und andern eine wirkliche Schuld eingestehen zu können. Die Wahrnehmung von realer Schuld ist mit Erschrecken, ist mit dem Gefühl von Betroffenheit und dem Bedürfnis nach Klärung und Wiedergutmachung verbunden.
Schuldgefühle hingegen sind und bleiben ihrem Wesen nach unklar und quälend. Sie haben nichts mit realer eigener Schuld zu tun und können deshalb auch nicht mit selbstquälerischer Beichte und Buße «ins reine gebracht» werden. Sie sind ein Abwehrmechanismus, hinter dem sich schlimme Vorgänge aus der frühesten Lebenszeit verbergen, die verdrängt worden sind und deshalb nie gelöst werden konnten. Schuldgefühle gedeihen grundsätzlich auf dem Boden eines sehr schwachen Ichs.
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Das Kind kann vor seiner Geburt, während des Geburtsgeschehens und noch längere Zeit danach zwischen objektiven, die Mutter betreffenden Faktoren, und seinen eigenen subjektiv-wertenden Antworten nicht sicher unterscheiden. Wenn es z.B. bei der Geburt zu einem traumatischen Verlauf kommt, so hat die Wahrnehmung des Feststeckens (zunächst) Haß und Wut auf Seiten des Kindes zur Folge, die gegen die Mutter gerichtet werden, «weil sie mich nicht rauslassen will» (was objektiv richtig sein kann — aber auch falsch, dann nämlich, wenn es der Körperbau der Mutter ist, der die Geburt behindert). Das traumatische Ereignis selbst und seine psycho-physischen Folgen, aber auch die das Geschehen begleitenden zerstörerischen Gefühle werden im Gehirn des Kindes gespeichert und oft erst in späteren Schwellensituationen, wie z.B. im Zusammenhang mit der Pubertät, ausgelöst.
Solche Entwicklungen und inneren Entscheidungen gehen natürlich nicht rational vor sich. Sie vollziehen sich auf der psychischen Ebene, der Ebene der Gefühle, und zwar sehr lange, bevor der Verstand in der Lage ist, die Szenerie zu überschauen und real zu bewerten.
Zurück bleiben lebenslange Schuldgefühle, die ihrem Wesen nach irreal sind und sich deshalb durch «Beichte, Buße und Wiedergutmachung» niemals lösen lassen. Je tiefer die betroffenen Menschen in ihre Schuldvorstellungen und -Phantasien verstrickt sind, desto intensiver und zugleich hoffnungsloser versuchen sie, Strategien zu entwickeln, mit denen sie ihre quälenden Gefühle loswerden wollen. Besonders Zwangsneurosen können so entstehen, in denen es entweder um Vermeidungsverhalten geht, um keine (angebliche) gegenwärtige Schuld auf sich zu laden, oder um magische bis skurrile Riten, mit denen die angebliche Schuld «getilgt» werden soll. Doch das ganze Bemühen ist aussichtslos, denn der lebensgeschichtliche Hintergrund ist verdrängt. Erst eine aufdeckende Therapie kann ihn erhellen, und die Verarbeitung des erlittenen Traumas kann die Befreiung aus diesem Abwehrmechanismus bringen.
8) Identifikation mit dem Aggressor
Dieser Abwehrmechanismus stellt eine konsequente Verstärkung der soeben besprochenen Schuldgefühle dar. Massive Lebensbedrohungen führen bei Erwachsenen oft zu sehr auffälligen Reaktionen: sie halten und erklären sich für schuldig, obwohl sie es gar nicht sind. Ich meine jetzt nicht jenen Trick, mit dem sich betroffene Menschen einen mehr oder weniger kurzfristigen Vorteil erhoffen, sondern jene «tragische» Form von Schuldbekenntnissen, die Folge der als Psycho-Terror eingesetzten Todesdrohung ist.
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Je länger die Bedrohung des Lebens andauert, desto wahrscheinlicher ist es, daß das Ich des betroffenen Menschen unter dem Druck destabilisiert wird, zwischen Ich und Du, zwischen Wahrheit und Lüge nicht mehr unterscheiden kann und in den «Abwehrmechanismus der Identifikation mit dem Aggressor, dem Angreifer» flieht. Solche Vorgänge wurden in den Konzentrationslagern des Nazi-Regimes oft beobachtet.
Auf Embryos, Föten, Säuglinge und Kleinkinder wirkt die Bedrohung ihres Lebens umso massiver ein, je schwächer das Ich erst entwickelt ist. Das noch ungeborene Kind kann es nicht ertragen, daß es von seinen Eltern, besonders von seiner Mutter, abgelehnt wird. Unterschwellige, ganz besonders natürlich offene lebensbedrohliche Angriffe der Mutter auf die freie Entwicklung ihres ungeborenen Kindes, z.B. im Zusammenhang mit einem Abtreibungsversuch, rechnet sich das Kind selbst als Schuld zu, weil es die seine Entwicklung einschränkende oder gar vernichtende Aggression weder begreifen noch ertragen kann. Weil es aber seine Mutter zum Überleben dringend braucht, hält es sich für den Angriff auf sein Leben lieber selbst für schuldig. Auf diese Weise kann es sich einbilden, zwar selbst nicht liebenswert zu sein, aber doch eine «liebe und fürsorgliche Mutter» zu haben, die sein Überleben garantiert.
Bezüglich der bedrohten Erwachsenen hatte ich darauf aufmerksam gemacht, daß die Dauer der Bedrohung den Druck so weit verstärkt, daß es zum Zusammenbruch des Ichs kommt. Auch bei Ungeborenen spielt der Zeitfaktor eine große Rolle. Dabei kommt es weniger darauf an, ob die mütterliche oder väterliche Ablehnung anhält. Nach einem Abtreibungsversuch liegt das ungeborene Kind wie «auf der Lauer» in dauernder Erwartung des nächsten Angriffs. Selbst wenn noch während der Schwangerschaft eine vorübergehende oder vollständige Verdrängung gelingt, was erfahrungsgemäß äußerst selten der Fall ist, so bricht spätestens bei der Geburt die alte Angst vor dem Getötetwerden wieder auf: «Jetzt holen sie mich endgültig raus und bringen mich um.» In der Therapie beginnt deshalb die Erinnerung an Abtreibungsversuche sehr oft mit dem Wiedererleben der Geburt, die nicht als hoffnungsvoller Schritt ins Leben, sondern als tödliche Bedrohung erfahren wird, auch dann, wenn sie, äußerlich gesehen, komplikationslos verläuft.
Unter jeder Art von massiver Lebensbedrohung, auch dann, wenn sie, z.B. beim Geburtsgeschehen, nur subjektiv so empfunden wird, flieht das Kind in den Abwehrmechanismus der «Identifikation mit dem Aggressor». Es richtet seine Wut und seinen Haß nicht etwa gegen die Mutter, sondern gegen sich selbst. In seinem späteren Leben setzt es gegebenenfalls die zerstörerischen Impulse, die einmal von der Mutter ausgegangen sind, als seine eigenen selbstzerstörerischen Aktivitäten fort. Das kann von Selbstbehinderungen in Beruf und Partnerschaft, von mehr oder weniger auffälligen psycho-physischen Selbstschädigungen aller Grade bis hin zu grausamen Selbstverstümmelungen und zum Selbstmord führen.
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Die Abwehrmechanismen der «Schuldgefühle» und der «Identifikation mit dem Aggressor» werden, wie wir gesehen haben, normalerweise pränatal oder perinatal, ganz selten postnatal aufgebaut. Sie sind jeweils von traumatischen Situationen abhängig, die das Kind in einen Gefühlsgegensatz zu seiner Mutter, sehr viel seltener zu seinem Vater bringen würden. Letztere Möglichkeit schließt allerdings ein, daß die ursprünglich auf die Mutter bezogenen Gefühle zunächst auf den Vater, später aber auch auf andere Menschen übertragen werden können. Ich will im folgenden versuchen, das an einem persönlich erlebten Ablauf zu verdeutlichen und zu erläutern.
Mein Vater ist unheilbar krank (Schrumpfniere). Ich habe immer wieder das bedrohliche Gefühl, an seiner Erkrankung schuld zu sein, obwohl ich weiß, wann und wodurch sie entstanden ist. Wenn ich meinen Eltern gegenüber aufsässig war, wurde ich mit Hinweis auf die Erkrankung meines Vaters immer wieder 'zur Ordnung gerufen': «Du bringst mich — Du bringst ihn — noch ins Grab!»
Erst sehr viel später erkannte ich, daß ich mich auf dem Hintergrund unerkannter Schuldgefühle auch für die Probleme anderer Menschen verantwortlich fühlte, ohne zu wissen warum. Ich hielt das zunächst für durchaus 'normal'.
Als ich anfange, mich eingehender mit mir selbst und mit meinen Gefühlen zu befassen - das war, als ich fünfzehn jähre alt war -, merke ich zunächst, daß meine Probleme sehr viel mehr mit meiner Mutter als mit meinem Vater zusammenhängen, vor allem mit ihrer ständig gezeigten Angst (darüber berichte ich Genaueres in Teil V, Kapitel 21).
Erst sehr viel später, im Zusammenhang mit meiner Selbsterfahrung in der Janovschen Primärtherapie, erkenne ich den ätiologischen Hintergrund dieser latenten Schuldgefühle. Ich stecke im Geburtskanal fest und habe fürchterliche Schmerzen am ganzen Körper. Ich habe Wut auf meine Mutter, weil sie mich so stark festhält, mich nicht zum Leben kommen läßt. Ich möchte mich ihr mitteilen, ihr meine Wut und meine Enttäuschung, aber auch meine Sehnsucht zu ihr zeigen, aber sie ist in dem Augenblick ganz und gar mit sich selbst, mit ihren eigenen Schmerzen und Ängsten beschäftigt. Sie schreit laut. Als ich das wahrnehme, kann ich meine anklagenden Gefühle nicht mehr aufrecht erhalten. Ich spüre eine ganz massive Angst davor, sie durch meine Aggression zu verlieren. Und dann stehe ich ohne Mutter da: einsam und hilflos!
Plötzlich spüre ich, daß es einen Ausweg gibt, den ich aber nicht als solchen erkenne, sondern in dem Augenblick für die Wahrheit halte: Nicht sie ist schuld, sondern ich selbst. Sie hat Angst und schreit, weil ich ihr weh tue, und ich tue ihr weh, weil ich etwas falsch gemacht habe. Ich empfinde Mitleid mit ihr und ganz starke Schuldgefühle. Mit diesem Trick, mit meinen Falschheitsgefühlen, mit den Abwehrmechanismen der «Identifikation mit dem Aggressor» und dem der «Schuldgefühle», habe ich die Realität von Ursache und Wirkung auf den Kopf gestellt. Dadurch habe ich jedoch die Gewißheit gewonnen, eine gute Mutter zu haben, auf die ich mich in meinem weiteren Leben verlassen kann.
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9) «Ungeschehen-Machen»
Dieser Abwehrmechanismus ist ganz besonders häufig bei Menschen anzutreffen, die zwanghaft sind und, um im seelischen Gleichgewicht bleiben zu können, unbedingt alles «richtig machen» müssen, was ihnen jedoch absolut nicht gelingt. Es kann dabei um unbedeutende alltägliche Kleinigkeiten gehen, aber auch um schwere Schuld. Entscheidend ist, daß einerseits die Kleinigkeiten von den Betroffenen in ihrem Gewicht bei weitem überschätzt werden, andererseits aber eine schwerwiegende Schuld ganz und gar unterschätzt wird. Es besteht in keinem Fall ein wirkliches, ein realitätsbezogenes Gefühl für das Geschehene, sondern nur die Vorstellung, etwas «falsch» gemacht zu haben. Darauf antwortet das «Ungeschehen-Machen» als Abwehrmechanismus, um die zurückbleibende Unruhe zu beseitigen und das seelische Gleichgewicht wiederherzustellen.
Der Vorgang des «Ungeschehen-Machens» hat nichts gemein mit dem selbstquälerischen Abwehrmechanismus der Schuldgefühle und schon gar nichts mit tiefer Einsicht und echter Betroffenheit angesichts einer erkannten Schuld. «Was falsch ist, ist falsch», hat einmal ein Patient zu mir gesagt, «und das muß dann ausgelöscht werden».
Die Mechanismen, mit denen die «Begradigung» zu erreichen versucht wird, können sehr vielfältig sein, haben jedoch meist magischen Charakter.
Im Vordergrund stehen irgend welche Riten, traditionelle und/oder von den betroffenen Menschen selbst ausgedachte. Der eine legt sich als «Sühne» oder «Strafe» auf, zehn Kniebeugen zu machen, der zweite betet zehn Vaterunser, der dritte besprengt sich mit Weihwasser, ein anderer geht zur Beichte. In allen Fällen jedoch haben die Riten den Sinn, das Falsche «wegzuwischen», so als sei es nie geschehen. Die Riten haben nicht den Sinn, irgend etwas wirklich in Ordnung zu bringen, etwas gutzumachen. Sie dienen ausschließlich der Entlastung von unangenehmen Gefühlen.
Ich erinnere mich an eine kleine Episode aus der Zeit, als ich hauptberuflich noch als Pfarrer tätig war. In einem kleinen Kreis zusammen mit anderen jungen Pfarrern feierten wir zum Gedenken an unsere verstorbenen Kollegen ein Requiem. Der zelebrierende Mitbruder beging einen winzigen <Fehler> im Zeremoniell: er machte ein Kreuzzeichen, wo es eigentlich nicht hingehörte. Sofort wedelte er mit der Hand über der Stelle, wo er irrtümlich das Kreuzzeichen gemacht hatte, um es «wegzuwischen». Er wollte seinen <Fehler>, der ohne jede Bedeutung war, <ungeschehen machen>.
Sehr viel schwerwiegender wirkt dieser Abwehrmechanismus, der zwischen wichtig und unwichtig, zwischen lächerlich und kriminell nicht unterscheidet, bei Menschen, die tatsächlich eine schwere Schuld auf sich geladen haben. Schuld wird von diesen Menschen als solche gar nicht wirklich erkannt. Sie ist ein «Fehler», wie jeder andere auch. Der einzige Unterschied besteht darin, daß ein gewichtigeres Zeremoniell zur «Sühne» herhalten muß. Auch da hat jeder sein eigenes Rezept.
Für Katholiken ist klar, was das nur sein kann: die Beichte. Das Schlimme ist, daß, meiner Erfahrung nach, dieser Abwehrmechanismus von den in Anspruch genommenen Beichtvätern nur selten erkannt wird. Ein Beichtender, der in seiner Beichte das «Ungeschehen-Machen» sucht, kann klar und deutlich sagen, was er «angestellt» hat. Er kann bekunden, daß er «Reue empfindet» (sein Tun hat in ihm ja ein «unangenehmes Gefühl» hinterlassen, das er nicht mehr haben möchte!); er ist bereit, die «Auflagen» der «Buße» zu erfüllen, die zum «entsühnenden» Zeremoniell gehören, und kann auch versprechen, seine Scheußlichkeiten, die «Fehler», nicht zu wiederholen.
Nur: halten kann er dieses Versprechen nicht, weil er das Gewicht seines Tun nicht einsehen kann!
Ich habe in meiner Praxis viele solcher «Beichten» verfolgen können und habe daraus die Erkenntnis gewonnen, daß es notwendig ist, die Beichtpraxis der römisch-katholischen Kirche ernsthaft zu hinterfragen.
In Kapitel 61, in dem es um «Perspektiven für die Kirchen» geht, werde ich ein Beispiel erzählen, wie ein Mann, der seine Frau zu Tode gequält und seine Kinder regelmäßig mißbraucht hat, sich über diesen Abwehrmechanismus immer wieder entlastet hat, ohne daß dieses kriminelle Spiel durchschaut und beendet wurde.
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