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Abgesang:  Wir kreieren den Geist der Zeit   Heimrath-2012   1   2  

Drunten liegt noch Schnee;
Doch der Frühling ist schon da -
Und der Nachtigall
Träne, die gefroren war,
Wird nun bald geschmolzen sein!
Kaiserin Nijö, 18. Jahrhundert (350)

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lch komme zu einem Ende. Doch beim Nachsinnen über die vielen hier nicht besprochenen Aspekte des Wandels, in dem wir nach Orientierung suchen, macht sich noch eine Frage bemerkbar, deren Wehmut und zugleich keimhafte Verheißung ich mit Ihnen teilen und in die Schlusstakte mischen will wie ein bisher noch nicht gehörtes Saxofon in einem Popsong, das, nachdem die Strophen gesungen sind, arabeskenhaft das Vorangegangene paraphrasiert: Wie konnte es geschehen, dass alles so weit gekommen ist? - In dieser Frage scheint mir noch ein Hinweis auf etwas verborgen zu sein, das uns hilft, den alten Weg sicher zu vermeiden. Die Frage hat nochmals mit der Fähigkeit des Menschen zu tun, sich der Welt mit technischen Mitteln zu bemächtigen.

In normalen Zeiten dauert es Jahre, Jahrzehnte, um eine breite gesellschaftliche Veränderung in Gang zu setzen und abzuschließen, auf nationaler Ebene etwa durch eine Verfassungsänderung, in der Welt etwa durch mühsam errungene Verträge. Jeder weiß, wie viele Jahrzehnte die atomaren Abrüstungsverhandlungen gedauert haben. Das nunmehr bereits zwanzigjährige Debakel um ein weltweites Klimaschutzabkommen steht allen vor Augen. Ohne Not kommt kein Umsturz zustande, schon gar kein weltweiter. Und sanftere Formen des Wandels führen auch nicht von heute auf morgen zum Ziel. Nelson Mandela saß 25 Jahre in Haft, Aung San Suu Kyi stand 15 Jahre unter Hausarrest, und dass sie nun im burmesischen Parlament sitzt, markiert erst einen äußerst unsicheren, ersten Schritt der machthabenden Militärs, Teilen der Bevölkerung mehr Partizipation einzuräumen.

Doch auch die allerwegs erkennbare Not unserer Zeit scheint keine zuverlässige Garantin für einen umfassenden Aufbruch wenigstens derjenigen kritischen zehn Prozent unserer Gesellschaft zu sein, die anders denken und anders leben wollen, was die Voraussetzung zu sein scheint, dass der ganze Schwarm bereit wird, einem anderen Attraktor zu folgen und die Richtung zu wechseln. (351)

Die sogenannte Krise der Finanzsysteme dauert nun bereits fünf Jahre, und wir haben wahrlich schnellstes Regierungshandeln gesehen, seit jenen donnerstäglichen 500 Milliarden Euro, die Bund und Länder zur »Rettung« der Banken bereitstellten und sich nicht entblödeten, dies als Leistung der deutschen Demokratie zu verkaufen.352 Doch geschehen solche Schnellschüsse, häufig am Rand und sogar jenseits der parlamentarischen Legitimation, lediglich als fortdauernde Kette zwangsläufiger Nachbesserungen der Lawinenverbauungen, die vor dem Absturz bewahren sollen.353

Das hat nichts zu tun mit einer fundamentalen systemischen Änderung, einem die Not wendenden Paradigmenwechsel hinaus aus der tödlichen Logik einer wachstumsgetriebenen Weltauffassung, die Wohlstand allein quantitativ bemisst und um keinen Preis - außer der Preisgabe der Zukunft unserer Enkel - bereit ist, die zu nährenden Lebensquellen unserer Heimatplanetin als endlich anzunehmen, sich auf sie einzustimmen und zu einem harmonischen Verhältnis mit ihnen zu finden. Auf diese Weise bleiben wir Menschen die sprichwörtlichen Schädlinge der Erde, wo wir doch Nützlinge sein müssten - und sein könnten! Hier stimme ich dem Umweltchemiker Michael Braungart zu, der mit Leidenschaft für den Umbau der globalen Wirtschaft gemäß seinem Cradle-to-Cradle-Konzept wirbt und in meinen Augen richtig fragt: »Wie kann der Mensch sich in das Leben auf der Erde wirklich integrieren? Wie kann er nicht nur wenig Schaden anrichten, sondern wie kann er nützlich sein?«354

Nicht nur der unrealistische Optimismus steht einer enkeltauglichen Antwort im Weg, sondern auch ein geradezu unheimlich wirkendes Gesetz, dem die Technikentwicklung folgt: Kleine, meist mit Geld verknüpfte Fluktuationen zu einem frühen Zeitpunkt in der Evolution neuer Technologien drängen das komplexe System aus häufig mehreren ähnlichen Lösungen für ein Themenfeld des sogenannten Fortschritts zu einem Attraktor hin, der dann rasch äußerst selektiv wirkt und nur noch jene Teillösung begünstigt, die in diesem Augenblick den scheinbar größeren finanziellen Vorteil bietet.

Ob dies dann jeweils die langfristig beste technische - und in unserem Kontext: enkeltaugliche - Lösung ist, ist Teil der gestellten Frage. Gewiss war es so beim Übergang von der Trogmühle, in der das Korn mit einem Läuferstein zerrieben wurde, zur Drehmühle, die tatsächlich die Mühsal der Mehlbereitung verringerte. Ob aber beispielsweise die Bevorzugung des von Tesla und Wes-tinghouse präferierten Wechselstroms gegenüber dem von Edison höher geschätzten Gleichstrom für die Energieversorgung richtig war und ist, kann nicht entschieden werden, da wir nicht wissen, wo die Gleichstromtechnik heute stünde, wenn für sie dieselbe Forschungsleistung finanziert worden wäre wie für die Wechselstromtechnik.355 Und wir wissen nicht, ob jene uns näher an unsere Fähigkeit, das Leben als Gebende zu feiern, gebracht hätte als diese.

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Eines der für mich eindrucksvollsten Beispiele für den Irrweg einer technischen Entwicklung zuungunsten einer Alternativlösung ist der Antrieb unserer Automobile: Zu Anbeginn hatte der Elektromotor in den Augen der Ingenieure aufgrund seines höheren Wirkungsgrads gegenüber den Verbrennungsmotoren die Nase vorn. Erst als die Erfindung des elektrischen Anlassers das unbequeme Ankurbeln der Benzin- und Dieselmotoren unnötig machte und der petrochemische Treibstoff immer billiger wurde, fiel der Nachteil der schweren Batterien bei den Elektromobilen so ins Gewicht, dass sie erst heute wieder eine Chance bekommen. In der Zwischenzeit ist das ganze Ingenium unserer Forscher und Entwickler in die Verfeinerung der ganz und gar unsinnigen Methode, einen fossilen Brennstoff anzuzünden und damit Explosionen zu erzeugen, die Eisenklumpen in Eisenröhren auf und ab jagen, um eine Unzahl eiserner Achsen, Zahnräder und Kardangelenke in Drehung zu versetzen, damit die schicke eiserne Kutsche in Bewegung gerät.

Wie würde die Welt heute aussehen, wenn jene Großväter der Mobilität an unsere, ihrer Enkel (Über-)Lebensbedürfnisse gedacht hätten, so wie wir heute begreifen, dass wir es gegenüber unseren Enkeln zu tun haben? Hätten wir dann nicht eine gänzlich andere Form der Stromerzeugung und -speicherung? Hätten wir nicht völlig andere Werkstoffe aus nichtfossilen Ausgangsmaterialien? Würden wir das Prinzip kreisförmiger Bewegungs­erzeugung ohne die Notwendigkeit, explosionsgetriebene, lineare Kraftentfaltung umlenken zu müssen, vielleicht sogar zur Grundlage unserer technischen Metaphern gemacht haben? Würde sich womöglich ein sanftes, stufenloses Gleiten in allen Lebensbereichen durchgesetzt haben, wo heute das Gaspedal, die Beschleunigung, das Getriebe und der Gangwechsel zu Erzmetaphern geworden sind? Oder hätten sie den Maschinengeist vielleicht sogar vollständig aus der Welt verbannt? - Im Unterschied zu heute ließen dies das Wissen und das Denken der Zeit nicht zu, und die Demut, die ihren Segen aus dem Annehmen des Nicht-Wissens entfaltet, war noch kein zukunftserhaltender Wert geworden.

Hat sich einmal aus der Erfindung eines Einzelnen ein technisches Prinzip etabliert, dann sorgen rasch Industrien und Behörden dafür, dass es sich nicht mehr ändert. Zu viele Posten, Arbeitsplätze, Einnahmequellen sind entstanden, und jeder glaubt, die Technik sei gott- oder naturgegeben, weil die historischen Wurzeln nicht mehr im kollektiven Gedächtnis parat sind.

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Es entstehen Verbindlichkeiten und Haftungsfragen, die Menschen vertrauen darauf, dass die Technik, an die sie sich gewöhnt haben, ständig und überall zur Verfügung steht, und auch dass sich jemand für deren reibungs­loses Funktionieren verantwortlich fühlt, schafft Einnahmen, und die einzige Entschuldigung, die für einen Ausfall des gedankenlos Benutzten akzeptiert wird, ist »höhere Gewalt«.

So müssen wir mit den Folgen von Technikentscheidungen unserer Großväter fertigwerden, ob wir wollen oder nicht. Und wie wir das schaffen sollen, ist auch in einer commonisch gedachten Gesellschaft zum heutigen Tag ganz und gar unbeantwortbar. Wer soll nach dem Kollaps mit welchen Mitteln etwa die Atomkraftwerke abbauen und den strahlenden Müll entsorgen, wenn es die heutige Infrastruktur und die damit verbundene gesetzliche Verantwortlichkeit samt Lohnzahlung und Krankenkasse nicht mehr gibt? Wie bilden wir die erforderlichen Kompetenzen heran, wenn das heutige Hochschulwesen nicht mehr existiert? Was machen wir mit den Kohlekraftwerken in China, von denen derzeit jede Woche ein brandneues ans Netz geht?(356) Was mit den Versuchslabors in aller Welt, in denen hochtoxische Chemikalien oder tödliche Viren hergestellt werden? Was machen wir mit dem unendlichen Schrott an Hochhäusern in den zerfallenden Megastädten, die nur funktionieren, weil es genau die heutige Haustechnik, die heutige Energieversorgung, die heutige Arbeitswelt, die heutige Dienstleistungsgesellschaft gibt?

Wie konnte es zu all dem kommen? Es sieht so aus, als würden die evolutionären Rahmenbedingungen unseres sich kaum mehr nachvollziehbar tief in multiple gegenseitige Abhängigkeiten verzweigenden Weltsystems zumindest seit dem Beginn der Industrialisierung nur noch den ständigen inkremen-tellen Wandel dessen, was sich einmal durchgesetzt hat - und von dessen segensreicher Wirkung noch allzu viele träumen -, zulassen. Braucht doch jede »Lösung«, die auf bereits vorhandene Mittel zugreift, exakt das System, das diese hervorgebracht hat.

Nehmen wir nochmals das Beispiel der Stromversorgung, an deren Anfang zwei einsame Männer standen, die mit ihrer Idee den Geist der Zeit ungeahnt nachhaltig prägten:

Die bisherige Doktrin waren Großkraftwerke, die der Industrie, der Öffentlichkeit und den privaten Haushalten hundertprozentige Versorgungssicherheit garantierten: Tiefkühlketten, klinische Betriebe, Metallschmelzen,

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Trinkwasserpumpen, Gärprozesse, Telekommunikation und Informationstechnik, Bahn- und Flugbetrieb, Feuerwehrbereitschaft, die Sicherung von Atomanlagen und vieles mehr sind auf stabile Netze angewiesen. Diese aber sind parallel zur bisherigen Art der Stromerzeugung und -verteilung entwickelt worden und erweisen sich nun als ungeeignet für die dezentrale Versorgung aus den sogenannten erneuerbaren Energieträgern. Kürzlich hörte ich Christian Schneller, Leiter der Öffentlichkeitsabteilung des niederländischen Stromnetzbetreibers Tennet, in einer Rundfunkdiskussion klagen, im Jahr 2007 seien genau zwei sogenannte Netzeingriffe erforderlich gewesen, um bedrohliche Stromschwankungen durch unvorhergesehene Nachfrage bzw. ein nicht angemessenes Stromangebot auszugleichen. Im Jahr 2010 wurden bereits 300 Netzeingriffe gezählt, und 2011 waren schon über 1000 derartige Notoperationen erforderlich.357

Das gesamte System müsse umgebaut werden. Doch wie? Statt die Gelegenheit zu ergreifen, den gesamten Themenkomplex der Energienotwendigkeit, des ernsthaft wichtigen Bedarfs, der enkeltauglichen Energieerzeugung und -anwendung völlig neu, nämlich nicht auf dem Alten, das uns bis hierher geführt hat, zu gründen, nicht länger profitorientiert, sondern dem planetaren Ganzen dienlich zu denken und zu gestalten, wird möglichst viel vom Alten an einzelne neue Elemente angepasst, schlicht das getan, was man in der Softwarebranche »Workaround«358 nennt. Allein dieser Umbau zur Linderung der Weltbeschwerden verschärft die krisenhafte Entwicklung, da er Metall und Energie und Informationstechnik verbraucht und die Landschaft weiter belastet. Man beschwert sich, die Bürger wollten nicht auf die Rundumversorgung verzichten, aber niemand wolle die Leitungstrasse über den eigenen Garten verlaufen sehen. Dabei wäre dies ein guter Einstieg in die Degrowthw-Debatte, die mit der Frage beginnt: Wenn wir keine neuen Stromleitungen wollen, was wäre uns das wert? Was würden wir ab sofort anders organisieren, sodass wir zum ersten Mal eine überaus lukrative Investition, nach der die Wirtschaft europaweit giert, ausschlagen könnten? Es könnte ein erstes Übungsbeispiel für die Brückentechnologie »ökonomische Partizipation« sein und einem neuen Geist der Zeit Geburtshilfe leisten.

Je intensiver aber dieser die wahren Interessen verschleiernde »Innovations«prozess betrieben wird, umso länger wird der Sprung in ein neues Paradigma hinausgezögert.

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Im Fall der dezentralen Stromeinspeisung muss nun auf natürliche Gegebenheiten eingegangen werden, wo die Systemsteuerer bisher uneingeschränkte Kontrolle hatten, Über- und Unterkapazitäten müssen abgefangen werden - was bedeutet, dass nicht nur Teile der alten Technik erhalten bleiben müssen, sondern sogar neue - alte! - Kraftwerke zur Grundlastversorgung gebaut werden!

Wie müsste stattdessen ein commonisches Energiesystem aussehen? Würde das nicht zuallererst die Frage stellen, wozu Strom überhaupt gebraucht wird? Die einzelnen Commonien dürften dabei zu sehr unterschiedlichen Antworten und Wichtigkeiten kommen, die jeweils andere technische und soziale Lösungen nach sich ziehen. Kann man sich beispielsweise auf flexible Stromnutzungszeiten einigen, und hat man sich auf das absolute Minimum an mit Strom zu bedienenden Gerätschaften verständigt, so dürften die Lösungen anders ausfallen als die derzeitigen Solar- und Bioenergieanlagen, bei denen nur das Geld zählt. Der Wegfall der großen Industrien würde viele kleine, nichtsdestoweniger intelligente Installationen von noch unbekannter Art in Erscheinung treten lassen.

Das alte System hat in Jahrhunderten in ihrem eingeschränkten Rahmen immanent sinnvoll erscheinende, weil logisch auf den alten Bedürfnissen aufgebaute Strukturen und damit verbundene Erwartungen zementiert. Ohne die Frage, wie wir selbst als Großeltern vor unseren Enkelinnen und Enkeln bestehen wollen, werden wir diese aus kapitalistischer Sicht enorm erfolgreiche Welt nicht ändern. Wer aber seinen Enkeln eine commonische Welt übergeben will, muss sich an den Bedürfnissen orientieren, die die Enkelinnen und Enkel vermutlich haben werden. Dieses Argument ist nur scheinbar ein schwaches; es wird meist mit folgenden drei Gegenargumenten gekontert: a) man könne nicht in die Zukunft blicken, zumal in so unsicheren Zeiten wie heute, daher sei es ein dummes Argument, b) es sei hochmütig und arrogant, die Bedürfnisse eines anderen, gar eines noch ungeborenen Menschen festlegen zu wollen, daher sei es ein dreistes Argument, und c) im Übrigen wüssten wir doch heute nicht, welche bahnbrechenden Erfindungen morgen und übermorgen gemacht würden, daher sei es ein technik-, Wachstums- und wohlstandsfeindliches Argument. - Tatsächlich ist es aber die einzige Leitlinie, die uns davon abhält, dasselbe zu tun wie unsere Großeltern bei der Erfindung des Automobils und der Stromversorgung.

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Die Schlote der frühen Industrialisierung sind zwar verschwunden, dafür wird uns die Gier der Konsumgesellschaft augenfälliger denn je mit dem rapide fortschreitenden Verlust landschaftlicher Schönheit aufgedrängt. Man fahre nur mit offenen Augen durch Norddeutschland: Aufdringliche Windmaschinen allerorten und Freiflächen-Solaranlagen alle paar Kilometer machen unmissver-ständlich klar, wie sehr unsere Wirtschaft mit ihrer Interpretation des »Brauchens« das Sein dominiert.

Machen wir uns nichts vor: All das hat keinerlei Relevanz für die staatskapitalistischen Machthaber Chinas, den ägyptischen Militärrat, die Vorstände von BASF und Syngenta, den Inhaber eines deutschen mittel­ständ­ischen Maschinenbauunternehmens oder einen Kultusminister, der für ein Heer von verbeamteten Lehrkräften und Tausende von zu unterhaltenden Schulgebäuden verantwortlich ist.

Eine derart fundamental neue Ordnung, wie es das enkeltaugliche Commonie-Modell darstellt, wird niemand wollen, der dem bisherigen System die Treue geschworen hat, von ihm wenigstens zufriedenstellend profitiert oder der schlicht und einfach lieber am Bekannten festhält, auch wenn es ins Verderben führt, als sich der Mühe zu unterziehen, sich und alles, was ihn umgibt, neu zu erfinden. Und zwar vollkommen neu. Es ist schon schwer genug, mit dem Rauchen oder Trinken aufzuhören, seine Ernährung umzustellen oder sich mit einer neuen Arbeitssituation abzufinden.

Und nun noch die Idee einer ganz anderen, liebevollen, weniger komfortablen, allzeit das Beste herausfordernden Lebensweise? Das scheint so weit von allem Vorstellbaren entfernt, und die paar Verrückten, die so etwas trotzdem versuchen, die kann das große Ganze verkraften ...

Und doch liegt die keimhafte Verheißung, die in der anfangs gestellten, wehmütigen Frage verborgen ist, in der Antwort: Radikale Abkehr von all diesem!

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Während Sie dieses Buch zu Ende lesen und darüber nachdenken, wie eine neue, nachhaltig enkeltaugliche Welt des guten Lebens geboren werden könnte, findet an einem anderen Ort eine Konferenz von Konzernführern statt, die sich Gedanken darüber machen, wie sie das, was ihnen heute Profit bringt, in ein mindestens ebenso profitables Morgen hinüberretten.

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An einem weiteren Ort tagen Ökoingenieure und tauschen sich über Verfahren aus, wie man die heutige Kunststoffwelt vom Erdöl unabhängig machen kann. Bei McKinsey wird die Zukunft der Elektromobilität schön­gerechnet.360 In einem Labor arbeitet ein Team von Genforschern daran, die wasserunabhängige Supereiweißpflanze zu züchten, die die Gefahr von Hungerkriegen bannen soll, damit die Welt, in der ihr Labor einen Platz hat, weiterhin existieren könne. Irgendwo sitzt ein Autor über seinem Manuskript und schreibt ein Buch über den Unsinn einer Strategie des Schrumpfens. Ein anderer sitzt gerade in einer Talkshow und verteidigt seine Theorie über die »Klimaverschwörung«. Derweil sitzen Familienministerinnen über Streichungsplänen ihres Budgets, damit Finanzminister systemrelevanten Banken Milliardengarantien geben können, um das Geldsystem zu erhalten - falls nicht zwischen Drucklegung des Buchs und dem Zeitpunkt Ihrer Lektüre der Euro explodiert ist. Denn hinter anderen Glasfassaden tagen permanent hochbezahlte »Chefökonomen« und suchen fieberhaft nach einem Weg, die Zeitbombe namens »Target-2«(361) zu entschärfen.

Sie und ich, die wir gerade über dieses Buch miteinander verbunden sind, sind nicht die Einzigen, die nach einer Zukunft streben, die den jeweils unterschiedlichen Vorstellungen von einem guten Leben entspricht. Das übersehen wir nur allzu leicht. Die Phalanx derer, deren Vorstellung so aussieht, dass alles so bleiben möge, wie es ist, nur eben auf neuen Biowerkstoffen und »erneuerbaren« Energien aufgebaut und ohne übermäßige CO2-Emission, ist riesig. Jeder Mensch in der Konsumgüterindustrie, im Energiemaschinenbau, im Ökoforschungslabor und selbstverständlich auch in der Schwundstoffindustrie, in der IT- und Kommunikationsbranche etc. braucht seinen Arbeitsplatz. Keiner will sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass womöglich bald ein Spaten Blasen in der von der Computertastatur verzärtelten Hand scheuern könnte.

Bedenken Sie: Die meisten Menschen in Ihrem Umfeld, die ahnen, dass uns allen ein tiefer Wandel bevorsteht, glauben daran, dass der bittere Kelch eines Zusammenbruchs des Bekannten an ihnen vorübergehen wird, wenn sie nur ganz fest die Augen zukneifen.

Hans-Peter Keitel, der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), sprach kürzlich einen interessanten Satz: »Wir müssen eine bewegende Story und eine glaubwürdige Strategie haben, wie wir die Energiewende zum Erfolg machen.«361

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Er war dazu befragt worden, wie er zur Umsetzung der Energiewende stehe. Die »bewegende Story«, an der die Industrie derzeit dichtet, klingt freilich ganz anders als unsere neue große Erzählung. Da geht es nicht um das Fortschreiten zum vernünftigen Weniger, zur Lebensförderung und zum Wachstum der menschlichen Qualitäten, sondern da geht es um die Akzeptanz all der nötigen Umbaumaßnahmen technischer Art, um dem System weiterhin das quantitative Wachstum zu sichern, das der megatechnische Pharao als permanenten Tribut einfordert. Keitels Story ist die alte Fortschrittsgeschichte, die immer noch auf Hochglanz setzt und strahlende Menschen mit gut sanierten Gebissen vorführt, die in begeisterten Teams gepflegter Besserverdiener in stylischem, lichtdurchflutetem Ambiente interessante Jobs schweißlos und mit brillanter Kompetenz erfüllen, um sich in der Freizeit ein ebenso interessantes, bügelfreies Wohlstandsleben, grün natürlich, leisten zu können, und zwar ganz individuell, ein Leben, das nicht alle haben, mit einem der 120000 Porsches, die im »Rekordjahr« zon verkauft wurden,363 oder als einer der 881915 Gäste, die im selben Jahr, über Keflavik jetsettend, die Einsamkeit Islands ausbeuteten.364

Keitels Ruf nach einer »bewegenden Story« erscheint ihm subjektiv genauso sinnvoll wie uns unsere Bemühung um eine enkeltaugliche Post-Kollaps-Geschichte. Dabei ist all dies auch noch eurozentristisch gedacht. Aus somalischer, tamilischer, feuerlän-discher, sibirischer oder madegassischer Perspektive sehen unser Thema und die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten ganz anders aus. Das muss uns immer bewusst sein, wenn wir, wie auch ich es in diesem Buch tue, naturgemäß den Zustand der Welt aus unserer Heimatperspektive betrachten. Ich staune manchmal über die Naivität mancher Kulturkreativen, die offenbar noch nie daran gedacht haben, dass andere Menschen mit anderen Interessen womöglich dasselbe tun könnten wie sie: dass auch sie Konferenzen zur Zukunftsfähigkeit abhalten, dass die Manager der Oligopole Persönlichkeitsbildung betreiben, um für die Herausforderungen der Krise gewappnet zu sein, dass auch sie Überlebensstrategien entwickeln - und ihre Instrumente sind zehnmal effektiver als alle »Dragon Dreamings«365 und »World Cafes«366 der amerikanisierten alternativen Welt. Wir müssen wissen, dass es die anderen genauso tun: Während wir einen neuen Zeitgeist kreieren und an der neuen großen Geschichte der Menschheit schreiben, die es geschafft

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hat, aus dem »Vernichtungs«wahn auszusteigen und zu einem völlig neuen Lebens- und Liebesverhältnis zu ihrer Heimatplanetin zu finden, das die Grundlage für ein gutes Leben für viele kommende Generationen ist, schreiben auch die anderen emsig an der Fortsetzung ihrer bisherigen Geschichte, ihrer vermeintlichen Erfolgsstory, deren Plot zwar nicht aufgegangen ist, die aber in Fortsetzung Nr. XYZ am Nimmerleinstag endlich die große Erlösung bringen wird. Sie machen das geschickter als wir, und sie tun sich leichter, denn sie bauen auf etwas auf, das schon existiert, und sie nutzen eine - dem unrealistischen Optimismus durchaus verwandte - Eigenschaft des menschlichen Gehirns, die der Nobelpreisträger Daniel Kahneman erst jüngst wieder in einem eindrucksvollen Buch beschrieben hat:367 Demnach sind wir bereit, auch noch das schlechteste Erlebnis in der Erinnerung abzumildern, wenn die unangenehme Episode ein etwas angenehmeres Ende findet. Das jedenfalls ist die plausibelste Erklärung dafür, dass selbst Krisen, wie der jüngste Bankencrash oder die Euro-Krise, die den Verlautbarungen unserer Bundeskanzlerin nach schon mehrmals gelöst wurde, oder die ultraheißen Sommer der letzten Jahre keinerlei breite Bewegung zum entschiedenen Gegensteuern auslösen: Denn das Ende der Episode zeigte ja eine Erleichterung, der totale Absturz konnte vermieden werden, es kam ja immer wieder Regen und ein eiskalter Winter. Und obwohl der Gesamtzustand nach scheinbarer Beendigung der Krise deutlich schlechter ist als zuvor, meint selbst der aufgeklärte Mensch, alles sei wieder wie vorher, und in der Erinnerung bleibt nur das Gefühl, die Rettung geschafft zu haben. Die bange Erfahrung des Scheiterns geht beinahe ohne Emotion ins Vergessen über.

Das Dumme ist, wie gesagt, dass bisher nur wenige Menschen über ausreichend lange Erfahrung mit den wesentlichen Parametern der Commonie verfügen. Einige leben bereits längere biografische Strecken in Gemeinschaften, die proto-commonisch verfasst sind oder mit commonischen Prinzipien experimentieren. Obwohl es weltweit viele Hunderttausende sind, die sich intentional in solche Lebensumstände begeben haben, sind es noch viel zu wenige, um ein Gedanken- und Gefühlsfeld des positiven Erlebens zu erzeugen, das ausreichend ansteckend wirkt. Um lediglich mit dem Mittel der Überzeugungskraft einen Systemwechsel herbeizuführen, müssen zehn Prozent einer sozialen Gruppe vorangehen368, in diesem Fall eben zehn Prozent der ganzen Menschheit.

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Es gibt tatsächlich unrealistische Optimisten, die entwaffnend fragen können, warum es unmöglich sein sollte, 700 Millionen Menschen davon zu überzeugen, dass sie die Welt neu organisieren müssen. Und dabei strahlen ihre blauen Augen: Wenn 900 Millionen Menschen Facebook nutzen können, dann können sie doch auch für eine neue Kultur gewonnen werden. Wir müssten nur ... und dann kommt ein Schwall von Ideen, wie man beispielsweise Facebook dazu benutzen könnte, all die Hunderte von Millionen zu erreichen, zehnmal so viele Leute, wie allein in Deutschland leben ...

Bleiben wir realistisch. Unsere gute Geschichte ist für die weitaus meisten nicht einmal Utopie, sondern schlicht Spinnerei, freundlicher gesagt, Illusion. Die Sache ist umso schlimmer, als wir einen guten Ausgang aus der Krise ja keinesfalls in Aussicht stellen dürfen. Zu gering sind die Chancen, dass unsere Modelle des guten Lebens sich flächendeckend, gar weltweit ausbreiten, und man würde uns zu Recht Euphemisten, Schönredner, schelten, wenn wir so täten, als sei die neue große Geschichte eine, die schon kurz vor dem Horizont heraufdämmerte. - Man bleibt lieber bei dem, was man kennt, auch wenn es schmerzt. Und haben wir nicht tolle Analgetika, die chronischen Schmerz betäuben? Die Erfahrung eines andauernden Leidens ist ja nur jenen gegeben, die an der Zerstörung der Welt zwangsweise mitwirken, weil sie die Ketten der modernen Sklaverei nicht abschütteln können. Deshalb gelingt uns der Brückenschlag zwischen dem andauernden Leiden der Erde und unserer Unfähigkeit, dieses empathisch mitzufühlen, nicht.

In dem uns völlig unbekannten Land, das vor uns liegt, existiert noch kein Pfad, kein Weg ist vorgebahnt, kein Hinweisschild warnt vor einer Gefahr. Der erste Mensch, der seinen Fuß in das unbekannte Territorium setzt, wählt aus den unbegrenzt vielen Möglichkeiten, von hier zum Horizont zu gelangen, eine aus, und wenn ihm andere auf demselben Pfad folgen, entsteht ein Weg. Meist stellt es sich erst spät heraus, ob er ans Ziel oder in die Irre führt. Mit diesem Risiko leben wir in jeder Sekunde - und machen uns das selten klar. Eine derart große Aufgabe wie die Entfaltung einer neuen Kultur ohne Vorbild macht uns die Unbekanntheit der nächsten Lebenssekunde wie in einem gigantischen Vergrößerungsglas plötzlich bewusst.

Was also können wir tun? Zum einen müssen wir trotz alledem an unserer großen Geschichte vom guten Leben weiterschreiben - könnten wir denn anders? Und wir müssen die Kräuselungen auf der Oberfläche des gesellschaftlichen Hauptstroms gut beobachten, denn es könnte ein kleiner Wirbel darunter sein, der die Kraft hat, sich auszubreiten und die Gestalt des Stroms für eine ganze Epoche zu verändern. Solche Fluktuationen kommen immer wieder vor, wie sich jeder überzeugen kann, der die Muße findet, einmal eine längere Zeit ruhig auf einen vorbeiströmenden Fluss zu schauen. Unter den vielen kleinen Wellen und Strömungen sind immer wieder vereinzelt größere Wirbelstrukturen zu entdecken, die sogar einen Trichter nach unten bilden, die erstaunlich stabil über lange Strecken dahintreiben, bevor sie sich wieder in andere Strukturen auflösen.

Dieses Bild scheint mir für das Nachdenken über die Post-Kollaps-Gesellschaft tragfähig: Es ist nicht überheblich, denn es zeigt, dass es ein Teilbild der ganzen Menschengesellschaft ist, in der sich neue Strukturen entwickeln. Es zeigt, dass solche Strukturen nicht nur lokal, sondern gelegentlich raumgreifend »Erfolg« haben. Es zeigt, dass solche Strukturen eine ganze Epoche überdauern können, und es zeigt, dass niemand vorhersagen kann, wann und warum welcher Wirbel diese sich selbst stabilisierende Kraft entfaltet.

Der Wind weht, wo er will. Wir hören ihn zwar, aber wir können nicht sagen, woher er kommt und wohin er geht.'69 Der Wind ist der Geist der Zeit. Wir kreieren ihn alle gemeinsam, gemeinsam als Menschen und gemeinsam mit der mehr-als-menschlichen Welt. Es ist der Wind des Wandels, und er riecht nach Sturm. Und keiner kann voraussagen, was wann wie geschehen wird. Nur dass er kommen wird, scheint gewiss. Richten wir uns also darauf ein, dass wir eine Zeit lang nicht wissen, was richtig ist, zu tun. Und richten wir uns darauf ein, dass unser Weltdorf danach mit Sicherheit ganz anders aussehen wird, als wir es jetzt kennen. Es wird gut sein, dass wir uns in all dem geübt haben, was dann nötig sein wird. Es ist gut, zu wissen, dass zumindest eine Chance besteht - und mag sie noch so klein sein -, auch dann (oder eben vielleicht erst dann?) ein gutes Leben leben zu können, wir und unsere Enkelinnen und Enkel, mit dem Wenigen, das wir dazu brauchen, mit dem Großen und Vielen, das uns heute geschenkt ist wie vor Tausenden von Jahren und für die uns als Spezies gegebene Zeit, wenn wir es bedingungslos achten und lieben: das pralle, uns ganz und gar einhüllende, erfüllende Leben.

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Ende

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