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5. August, Mitternacht
Wir haben spät abends noch ein Glas Wein getrunken. Zaghaftes Schellen an der Haustür. Zu unserer Verblüffung Besuch von Dr. Petzold. Sehr verlegen, Schweiß auf der Stirn, Taschentuch in der Hand. Viele Entschuldigungen. Wollte sich erst gar nicht setzen, hat ein Glas Wein aber sofort dankend angenommen.
Petzold ist Bundestagsabgeordneter, Hühnerfarmbesitzer, Sägewerkseigner, Vorsitzender der Kreistagsfraktion, im Landesvorstand, Kreisvorsitzender, Sportverein, Feuerwehr, Bauernverband, Handwerkskammer, Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Gemeindetag, Aufsichtsrat ... Vorstandsmitglied von 16 Vereinen, Verbänden, Organisationen, Institutionen. Oder sind es 18? Man nennt ihn den „König des Taunus". Petzold pflegte Hof zu halten. Seine Sprechstunden waren Audienzen. Ohne ihn lief nichts. Dankbares journalistisches Objekt, denn in einem der Vereine war immer etwas los. Mein bester Feind, ich seiner auch: Handlanger Moskaus, Vertreter sowjetischer Weltmachtinteressen etc pp.
80 Kleine, drahtige Figur, runde, stahlblaue Augen, Zähigkeit am starken Kinn ablesbar, Schuhe mit hohen Absätzen, nobles Rasierwasser, jeden Morgen Waldlauf, nebenbei Hometrainer und Swimmingpool. Immer fit, immer da. Phänomenal.
Jetzt machte er den Eindruck, als habe er die Orientierung verloren. Verstört, ständiges Wischen der Stirn mit dem Taschentuch. Keine Krawatte, das gab zu denken.
Seine beiden Söhne weigerten sich, dem Gestellungsbefehl nachzukommen. Sie seien von ihrer Mutter „aufgehetzt" worden. Eine Katastrophe. Die beiden seien abgehauen und hielten sich versteckt. Eine Katastrophe. Was werden die Bürger sagen, die Partei. Er habe seine Söhne immer zur Pflicht erzogen und zum Dienen. Privilegien verpflichteten. Man müsse sich am Gemeinwohl orientieren. Das sei stets sein Erziehungsgrundsatz gewesen. Jedes Gemeinwesen müsse erwarten dürfen, daß der einzelne seine Pflicht tue und seine Bringschuld einlöse. Sonst könne kein Staat existieren. Daß ausgerechnet seine Söhne sich dieser Verpflichtung entzögen, sei für ihn unfaßbar. Darüber werde er nie hinwegkommen. Er sei wie vor den Kopf gestoßen, denn das sei das Letzte gewesen, was er sich hätte vorstellen können.
Erste Reaktion bei mir: eine Frechheit. Aber dann tat uns der jammernde Mensch leid. Wir verstanden, weshalb er zu uns gekommen war: Er wollte, daß wir seine Söhne verteidigten. Wir sollten aber auch ihm sein Gesicht wahren helfen. Für den Mann war eine Welt zusammengestürzt, die Fassade der bürgerlichen Existenz. In diesem Sinne ließ sich das Verhalten der Söhne schon als Verrat empfinden. Wenn einem Blinden auf der Straße plötzlich Zweifel kommen, wird er hilflos. Petzold waren Zweifel fremd.
Ich sagte daher, daß das gewiß für ihn sehr betrüblich sei, da ich mir die Reaktion der Bürger gut vorstellen könne. Aber ich sei nicht in der Lage, ihm zu helfen. Da er die bisherige Politik ohne Wenn und Aber mitgetragen habe, und selbst jetzt noch die Möglichkeit der militärischen Verteidigung bejahe, dafür auch die Kosten und Opfer hinzunehmen bereit sei, müsse ihm natürlich das Verhalten seiner Söhne als Pflichtverletzung, wenn nicht als Fahnenflucht vorkommen. 81
Petzold nickte gequält bei jedem Satz. Ob er denn bei seinen Söhnen jemals eine kritische Einstellung zur Sicherheitspolitik bemerkt habe, zumindest in letzter Zeit, oder gar Anzeichen von Pazifismus? Es komme ja oft vor, daß selbst erwachsene Söhne einen überraschenden Gesinnungswandel dem starken Vater gegenüber verheimlichten. Petzold verneinte entschieden: „Das ist es ja gerade! Das trifft mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel! Auch die Frau! Die Frau!"
Dann war es eben doch Angst. Die Jungs, selber schon stramme Jungpolitiker, hatten die Hosen voll und waren getürmt. Verständlich, aber eben feige.
Tina dagegen sagte entschieden, es sei keine Schande, Angst zu haben, so starke Angst, daß man bürgerlichen Verhaltensnormen plötzlich nicht mehr gerecht werden könne. Es sei doch unser Unglück, daß den meisten Menschen erst jetzt die Augen aufgingen. Die Flüchtlinge aus Osthessen oder aus der Umgebung von Biblis hätten doch auch erst jetzt kapiert, was los sei, obwohl sie sich lange vorher ihre Situation in allen Einzelheiten hätten ausmalen können, wenn es einmal zur bewaffneten Konfrontation kommen sollte. Solange Wissen um eine Bedrohung nicht bewußt erlebt werde, bleibe sie folgenlos und werde verdrängt. Auch im Dritten Reich seien viele erst zum Widerstand gestoßen, als die Niederlage unabwendbar war. Vielleicht sei Marc und Lukas diese Erkenntnis auch gekommen. Vielleicht hätten sie jetzt ein Zeichen des Widerstands gegeben, das sie sich bisher nicht hätten leisten dürfen. Dabei schaute Tina Petzold ganz fest an. Stummes Nicken, ob aus Zustimmung oder Ratlosigkeit, blieb offen.
Mich überzeugte Tina nicht, aber Petzold schien etwas erleichtert.
Tina sagte weiter, daß man den Mut haben müsse, sich zu seiner Angst zu bekennen. Angst sei oft ein guter Ratgeber, reale Angst sei vernünftig. Helden seien meistens große Feiglinge. An Helden habe es uns Deutschen nie gemangelt, wohl aber an Leuten mit Zivilcourage. Am feigsten seien die Helden, die jetzt im Regierungsbunker in der Eifel säßen. 82
Petzold verabschiedete sich und ging, wie er gekommen war, sehr niedergeschlagen.
Tina und ich sprechen jetzt sehr oft über unsere Angst. Wo liegt die Grenze, ab der jeder allein bleibt? Tina sagt, eine Grenze gebe es nicht. Liebe sei stärker als Angst und Tod. Ich weiß es nicht. Aber auch diese Erfahrung steht unmittelbar bevor. Ich bewundere Tinas Kraft, über den Tod ganz ruhig zu sprechen, obwohl — oder gerade weil? — dieses Problem jetzt ganz aktuell und konkret geworden ist. Wir sind übereingekommen, uns die Freiheit des Sterbens zu bewahren. Aber noch habe ich das Gefühl eines unschuldig zum Tode Verurteilten, der in der Zelle wartet. Ich bezweifle, ob wir eine Vorstellung von dem haben, was uns bevorsteht. Gerade das aber macht die Angst noch unerträglicher.
Nach wie vor empfinde ich es für mich als wichtig, die Frage nach der „Notwendigkeit" bzw. „Zwangsläufigkeit" des Krieges zu durchdenken. Kant hatte gesagt, über Krieg und Frieden werde nach den Interessen — oder Launen — der Herrschenden entschieden. Er lebte im Zeitalter des Absolutismus, das „Staatsinteresse" war weitgehend das Interesse des regierenden Fürsten. Würde sich die republikanische Staatsform durchsetzen, würde der Krieg eliminiert und allensfalls als Verteidigungskrieg möglich. Die Völker wollten keinen Krieg, da die Opfer für sie meist größer seien als der mögliche Gewinn. Völker seien friedlich und wollten Frieden, ihr „Meisterstück". Krieg sei ein Akt wider die Vernunft. Praktische Vernunft und Ethik seien identisch.
Anders Freud. Krieg sei notwendig, weil der gesellschaftlich geforderte Triebverzicht bei jedem einzelnen zu Frustrationen und Aggressionsstau führe, die nach Entladung drängten. Krieg sei eine Folge der kulturellen Anstrengung und des Sozialisationsprozesses, dem der einzelne unterworfen sei. Die geforderte Disziplin, die moralischen Normen, das Ordnungssystem, Gesetze, Sanktionsdrohungen und Gratifikationen, hierarchische Gliederung, Unterordnung, Gehorsam usw. gingen zu Lasten der natürlichen Triebwünsche und Bedürfnisse des einzelnen, erzeugten zwar ein starkes Über-Ich, schwächten aber die autonomen Ich-Kräfte. 83
Ein „Unbehagen an der Kultur" sei die Folge, wobei dem einzelnen als Möglichkeit des Protests wenig mehr übrig bleibe, als die in der öffentlichen Sphäre erlittenen Verletzungen und Demütigungen „privat" zu bewältigen. So sind psychische Krankheiten, obwohl gesellschaftlich vermittelt, Privatsache. Äußern sie sich als kriminelle Handlungen, d.h. als unerlaubte Aggressionen, werden sie bestraft. Das Opfer wird noch einmal Opfer.
Freud sieht es daher als unvermeidlich an, daß dieser sich aufstauenden Aggressivität periodisch ein Ventil geöffnet wird, ehe sie gesellschaftlich gefährliche Formen annimmt, — und das wirkungsvollste Ventil ist der Krieg.
Krieg hätte demnach innergesellschaftliche Ursachen im Rahmen einer repressiven paternalistischen Kultur.
Marx steht zwischen Kant und Freud. Krieg sei einerseits eine Determinante der repressiven, ausbeuterischen Gesellschaftsstruktur des Kapitalismus, die zwar objektiv den Interessen der ausgebeuteten, unterprivilegierten Massen widerspreche, aber von den Massen gleichsam als Schicksal aktiv und passiv hingenommen werde, solange ihnen das gesellschaftliche Bewußtsein für die Zusammenhänge fehle. Andererseits sei Krieg aber ein bewußt gehandhabtes Instrument der kleinen kapitalistischen Klasse, die sich den Staat unterworfen hat, zur Sicherung ihrer Profitinteressen. Wenn das Proletariat durch einen revolutionären Akt die gesellschaftliche Macht übernommen haben werde, was ein unvermeidlicher Prozeß sei, werde der Krieg als geschichtliches Faktum verschwinden.
Mit Freud und Marx ließe sich das Phänomen erklären, weshalb 1914 die Massen mit taumelnder Begeisterung in den Krieg gezogen sind, Engländer und Franzosen ebenso wie Deutsche. Die Frustrationen, die Not, die Entbehrungen, die Unterdrückung, der vielfältige, unnachsichtig erzwungene Triebverzicht hatten das „Unbehagen an der Kultur" zu einem gefährlichen Aggressionsstau anwachsen lassen, der leicht zu gesellschaftlichen Umwälzungen und Revolutionen hätte führen können. 84
Die Manipulation erscheint einfach, weil Aggressionsbereitschaft die Ich-Kräfte — Kant: die Vernunft — schon soweit geschwächt hat, daß eine verzerrte Realitätswahrnehmung möglich wird. Das rückentwik-kelte, depravierte Ich geht im kollektiven Wahn auf. Was von der Moral, den Gesetzen, was innergesellschaftlich strengstens verboten war, das Töten, wird nicht nur erlaubt, sondern von den höchsten Autoritäten des Staates und der Gesellschaft buchstäblich abgesegnet und gefordert — als moralische, sittlich gerechtfertigte Handlung. Schuldgefühle werden zurückgedrängt durch die Überzeugung, für eine gute und gerechte Sache zu kämpfen: das Vaterland, die Religion, die Freiheit, den Schutz der Heimat. Und dementsprechend ist der Feind „böse" und „entmenscht".
Daher konnten junge Engländer ohne Skrupel Napalmbomben auf die argentinischen Altersgenossen werfen, während es den britischen Konservativen um die Verbesserung ihrer Wahlchancen ging und den argentinischen Militärs darum, von ihrem sozialen Versagen abzulenken; konnten junge Amerikaner vietnamesische Frauen und Kinder massakrieren, während es dem Imperialismus Washingtons um seinen globalen Führungsanspruch ging; konnten junge Deutsche „Bolschewiken" niedermetzeln, während es den Nazis um den Lebensraum im Osten ging; konnten 1914 - 1918 Bauernsöhne Arbeiterkindern zu Hunderttausenden das Bajonett in den Leib rammen, während es den Kohlebaronen und der Hochfinanz um Kohle- und Erzgruben in Frankreich und Belgien ging.
Hätten sich die jungen Leute in Friedenszeiten in einer Kneipe getroffen, hätten sie fröhlich miteinander gezecht und gegenseitig auf ihr Wohl getrunken.
Einem Clausewitz graute vor den durch Emotionalisierbarkeit leicht zu mißbrauchenden nationalen Massenarmeen. Die Möglichkeit des Mißbrauchs gefährdet die Funktion des Krieges als rationale Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Schon Moltke dagegen hielt den Krieg für einen Teil in Gottes Weltordnung und den Frieden für einen nicht einmal schönen Traum. Geschichtlich ist Kants Hoffnung widerlegt worden. 85 Sind die Vereinigten Staaten von Amerika nicht eine Demokratie? Und dennoch haben sie in diesem Jahrhundert mehr Kriege geführt, führen lassen, waren an mehr Kriegen beteiligt oder untenehmen mehr militärische Interventionen als alle anderen Industriestaaten zusammen.
Auch Freuds Hoffnung auf die „leise, aber auf die Dauer unabwendbare Stimme der Vernunft" wurde nicht eingelöst. Die fatalen politischen, wirtschaftlichen, ökologischen, technischen, militärischen, gesellschaftlichen, sozialen, psychischen Folgen, die die modernen Industriegesellschaften erzeugten, waren nicht zu meistern. Nie war das Unbehagen an der Kultur größer als in den vergangenen drei Jahrzehnten, nie die psychische Verarmung deutlicher, nie die Per-spektivlosigkeit signifikanter, nie die Zukunft schwärzer und bedrohlicher, trotz materiellen Wohlstands.
Und auch Marx erwies sich in der Realität letztlich als falsch. Der real existierende Sozialismus baute die repressiven paternalistischen Strukturen nicht ab, es blieb das „Unbehagen an der (nun eben kommunistischen) Kultur". Nie war die Aggressionsbereitschaft stärker.
Drei Uhr morgens, kann nicht schlafen, obwohl ich totmüde bin. Die Sinne sind hellwach, aufgeputscht durch die Gefahr. Sinnloses Klagen. Aber diesen Zustand teile ich mit anderen, mit Millionen. Nicht einmal die Individualität im Leiden ist einem vergönnt. Kollektivleiden, Massenangst. Massentod, industriell hergestellt oder bewirkt. Konfektion.
Hiroshima. Vor noch nicht einmal 50 Jahren detonierte die erste Atombombe. Der Feuer- und Rauchpilz, der hunderttausend Menschen unter sich begrub, zeichnete die Vision der Menschheitsvernichtung an den Himmel. Die Vernunft erkannte die stärkste Zäsur in der Geschichte der Menschheit. Aber nur wenige waren zu der Einsicht fähig und sofort bereit, die Konsequenzen zu ziehen: Einstein, Oppenheimer, Born. Zu wenige. Die Atomwaffe wurde als Instrument für die Politik verfügbar gemacht, damit sie verhindere, was sie bewirken könnte: den Untergang der Menschheit. 86
Hiroshima und Nagasaki wurden wieder aufgebaut — ein fatales Symbol. Heute sind viele Militärs und Politiker überzeugt, daß ein weltweiter Atomkrieg zu überleben und zu gewinnen sei. Zu tragbaren Opfern und Kosten. Die Opfer von Hiroshima und Nagasaki waren letztlich auch „tragbar". Menschen sind beliebig reproduzierbar. Daß es der einzelne nicht ist, zeigt erst die Erfahrung des eigenen Todes.
Abschreckung. Nach Hiroshima wurde Abschreckung vor Atomwaffen gefordert. Die Politik machte daraus eine Abschreckung mit Atomwaffen.
Verhängnisvoller Trugschluß, daß Instrumente für sich allein etwas bewirken oder etwas verhindern könnten. Alle Waffen entwickelten bisher Sachzwän-ge, die ihrerseits die militärische Strategie veränderten, die Sicherheitspolitik bestimmten und ein neues Kalkül in die Politik einbrachten. Die politisch und militärisch Verantwortlichen können sich diesen Sach-zwängen nur fügen, halten aber an der Selbsttäuschung fest, sie beherrschten die Instrumente. Die Instrumente beherrschen sie und die Politik.
Schon der Steinzeitmensch mußte sich den Erfordernissen und „Sachzwängen" des Faustkeils oder des Bogens und des Wurfspeers anpassen, nachdem er sie einmal erfunden hatte, um einen bestimmten Zweck zu erreichen.
Niemand wird bestreiten, daß der wissenschaftlichtechnische Fortschritt ein determinierter Prozeß ist, der sich aus der physiologischen Struktur des Großhirns ergibt. Alle 20000 Jahre vergrößert sich das Großhirnvolumen um einen Kubikzentimeter, seine Lern- und Speicherkapazitäten wachsen, die kombinatorischen Fähigkeiten nehmen zu. Entwicklungsgeschichtlich eine Explosion. Wissenschaftlich-technische Wunderleistungen sind die Folge. Die modernen Waffensysteme sind Wunderleistungen des Großhirns.
Aber das emotionale Vermögen des Menschen, das vermutlich in den älteren, konstant bleibenden Hirnpartien angesiedelt ist, stagniert. Angst, Haß, Mißtrauen, Neid, Besitzgier, Tötungswillen, Fanatismus haben sich durch die Jahrtausende hinweg nicht verändert. Sie brechen sich unmittelbar Bahn, kaum gesteuert oder kontrolliert von Intelligenz, Erkenntnis, Bewußtsein, Verstand oder Vernunft. 87
Angst kann sich Intelligenzleistungen, etwa Waffen, verfügbar machen und für destruktive Zwecke verwenden, der Verstand kann barbarische Tötungsorgien rechtfertigen und rationalisieren. Dieselben Emotionen, die den Faustkeil des Steinzeitmenschen führten, lösen heute Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen aus. Kein Unterschied. Ein fataler bio-psychischer Widerspruch des Menschen. An ihm droht er zugrunde zu gehen.
Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ihr höchstentwickeltes Problem. Der Verstand und seine Leistungen haben die Psyche des Menschen überfordert. Eine Fehlmutation? Und wir, die wir noch atmen, fühlen, lebendig sind, werden gegenwärtig Zeugen, daß die Natur dabei ist, diese Fehlmuta-tion durch Auslöschung der Art zu korrigieren. Unglücklicherweise erleben wir diese „Korrektur" am eigenen Leibe. Das Menetekel Hiroshima wurde nicht begriffen. Es hat alles verändert, außer das menschliche Denken. Aber gerade jetzt wollen die Völker keinen Krieg. Die Angst ist doch größer als das „Unbehagen an der Kultur". Warum vollzieht sich die Katastrophe dennoch mit dieser Unerbittlichkeit? Es ist ein Krieg gegen die Völker, gegen die Menschheit, gegen die gesamte Art.
6. August, mittags
Beim Versuch, in die Redaktion zu gelangen, nur bis zum Wiesbadener Hauptbahnhof gekommen. Dort Ende, keine Züge. Es hieß, die Eisenbahner seien nicht zum Dienst erschienen.
In den Straßen standen die Menschen. Sie standen einfach da, keine Aktionen, keine Bewegung, keine Plakate, keine Anzeichen eines Protestes. Die letzte Form, um das Leben zu betteln. Stumm, demütig, ergeben.
Mit dem Wagen nach Frankfurt. Sondererlaubnis. Auf der Autobahn viel Militär, endlose Kolonnen, vorwiegend amerikanische Fahrzeuge. Unter den Stahlhelmen verängstigte Gesichter. Festklammern an das automatische Gewehr. 88
Einige der Buben bereits mit geschwärzten Gesichtern. Keine Tarnung, sondern eher der Wunsch, sich unsichtbar zu machen. Magische Funktion der Maske. Unverwundbarkeit. Auch an der Hauptwache, auf dem Goetheplatz und auf der Zeil: Schweigende, wartende Massen. Fast wie in einer Kirche. Stummes Gebet. Kyrie eleison, Herr erbarme dich. Als triebe das Schicksal seine sadistische Lust mit uns: Warum wird die atomare Bedrohung erst jetzt begriffen, da sie unabwendbar erscheint? Warum nicht schon vor vier oder fünf Tagen? Warum nicht vor ein paar Monaten, Jahren? Die beiden entsetzlichsten Wörter, die es gibt: zu spät.
Die atomare Realität hat das menschliche Denken überfordert. Unmöglich, im Hyperlativ zu denken — und zu fühlen. Maschinengewehre, Panzer, Artillerie, Flugzeuge, Flächenbombardements wie Dresden oder Hamburg, Schlachten wie Stalingrad oder Monte Cas-sino, Massenschlächtereien: noch begreifbar, noch von der Erfahrung zu bewältigen, ohne verrückt zu werden.
Was aber ist eine 10-Megatonnen-Bombe? Ein Abstraktum! Furchtbar zwar, vielleicht ein doppeltes Hiroshima, ein vierfaches Dresden. Aber man kann mit ihm leben ... Dieses Abstraktum sind zehn Millionen Tonnen Sprengstoff. Abgepackt in Kubikmeterwürfeln die Strecke von 10.000 Kilometern, Frankfurt — San Francisco. Die dreifache Vernichtungswirkung aller im Zweiten Weltkrieg zur Explosion gebrachten Bomben und Granaten. Nutzloser Beschreibungsversuch. Eine 10-MT-Bombe bleibt ein Abstraktum, weil von kosmischer Dimension. Die Hölle ist nicht vorstellbar.
Das Versagen der Phantasie und des Vorstellungsvermögens kam den Militärs und Politikern, die auch keines von beidem haben, zugute. Aber sie boten Begriffe an, die begreifbar waren: Abschreckung, Kriegsverhütung, Verteidigung, Verteidigungsfähigkeit, Freiheit, Gleichgewicht. Verteidigungsminister Wörner, 1983: „Wer von einem Krieg abschrecken will, muß ihn kämpfen können." Das verstand jeder.
Letztlich ist die Friedensbewegung gescheitert, weil ….
Anton-Andreas Guha (1983) Ende - Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg